
von Hoppenstedt
Gelähmt vor Schreck saßen beide für Sekunden auf dem Tisch wie Steinsäulen. Die Schritte kamen immer näher. Die Maus erwachte zuerst aus ihrer Schockstarre. Geschwind flitzte sie einmal mehr auf den Rücken ihres Katers und versuchte sich dort in Okklumentik. Für ihren ersten Versuch in dieser Disziplin hatte sie sich einen denkbar schlechten Zeitpunkt ausgesucht.
Das einzige, was sie ihrem Tränkemeister mitzuteilen imstande war, war ein Wort, das leicht hysterisch in den Kopf der nachtschwarzen Katze gelangte: "Fenster!"
Wie aus einer Trance erwacht, sprang der Kater augenblicklich vom Tisch und rannte zu dem einzigen Fenster des vollgestopften Zimmers. Zum Glück war auch das, wie alles in der Burg, kaputt. Mit schnellem Sprung erklomm er den Fenstersims, stockte für einen Moment, sprang dann aber trotzdem. Und das gerade noch rechtzeitig. Nur einen Augenblick später betrat Voldemort den Raum, eine dicke Schlange zu seinen Füßen.
Amber hätte am liebsten laut aufgeschrien, als sie einen kurzen ersten Blick aus dem Fenster werfen konnte: Der steinerne Burghof lag mehr als zehn Meter in der Tiefe. Aber es war definitiv zu spät, sich darüber Gedanken zu machen. Die Hexe klammerte sich einfach an den Spruch, dass Katzen immer auf ihren vier Beinen landen würden.
Doch so richtig gelang dies dem Kater nicht. Er setzte zwar auf allen vier Pfoten auf, taumelte dann aber und blieb an der Wand liegen. Panisch flitzte Amber von seinem Rücken herunter und sah ihn fragend aus braunen Knopfaugen an.
"Ich habe mich verletzt, glaub ich. Nichts Schlimmes." hörte sie Severus´ gepresste Stimme in ihrem Kopf. Er musste große Schmerzen haben.
Was sollte Amber in diesem Augenblick tun? Sie als Maus hatte keine Chance dem Tränkemeister zu helfen. Es gab nur eine Möglichkeit. Sich gegen die Wand drückend und prüfende Blicke nach oben zum Fenster werfend verwandelte sie sich zurück in ihre ursprüngliche Gestalt. Schnell nahm sie den bewegungsunfähigen Kater auf die Arme und schlich dicht an der Wand der Burg entlang. Sehr deutlich wurde ihr dabei noch einmal bewusst, was Dumbledore sie damals auf dem Turm gefragt hatte... ob sie bereit wären, füreinander zu sterben. Ja, sie war es.
Nichts regte sich in dem alten Gemäuer. Von weitem hörte sie noch das Zischen der Schlange und Voldemorts. Doch schon in der nächsten Sekunde war sie durch das Burgtor gerannt, nicht ohne noch einen ängstlichen Blick auf das dunkle Fenster zu werfen. Aber niemand war zu sehen.
Wieder auf freiem Gelände angekommen, apparierte die Hexe augenblicklich mit der verletzten Katze. Doch dieses Mal landeten die beiden Zauberer nicht in Hogwarts, sondern in einer dunklen Straße. Zur Abwechslung war es Amber sogar gelungen, stehend und nicht im Dreck liegend den Grimmauldplatz Nummer 12 zu erreichen.
Sie wusste, dass Albus hier sein würde. Er hatte ihnen vor der Abreise noch schriftlich mitgeteilt, dass sie unbedingt zu dem nächsten Treffen des Ordens, welches am nächsten Tag stattfinden würde, kommen sollten. Vorausgesetzt, sie hatten etwas Neues in Erfahrung gebracht.
Schnell warf Amber einen Blick in alle Richtungen, aber die Straße lag völlig verlassen und still da. Zügig ging sie deshalb auf das Haus zu. Der Kater kauerte immer noch in ihren Armen und gab ein paar Mal ein klägliches Maunzen von sich. Die Hexe machte sie ernsthafte Sorgen. Offensichtlich hatte sich der Tränkemeister bei seinem tollkühnen Sprung aus dem hohen Fenster ernsthaft verletzt.
Ohne zu zögern klopfte sie an die Tür des Hauptquartiers, das ebenso wie die Burg Voldemorts wie aus dem Nichts aufgetaucht war. Es dauerte auch nur wenige Minuten, - Mrs. Black keifte währenddessen die schrecklichsten Dinge - bis die Tür geöffnet wurde. Vor der Hexe stand ein reichlich überraschter Sirius Black.
"Mit dir hatte ich gar nicht gerechnet." begrüßte der Zauberer sie lächelnd und bat sie mit einer einladenen Handbewegung in das Innere des schäbigen Hauses. Nachdem er die Tür geschlossen hatte, rief er auch schon nach Dumbledore. Die schwarze Katze auf dem Arm der dunkel gekleideten Frau schien er gar nicht wahrgenommen zu haben.
Ganz im Gegenteil zum Schulleiter. Dieser kam sofort aus der Küche, aus der lautes und fröhliches Stimmengewirr zu hören war, und schien die Situation augenblicklich zu begreifen.
"Wir gehen in die erste Etage. Du kannst in dem ehemaligen Zimmer von Severus übernachten." sagte er knapp und stieg bereits die Treppe empor.
"Sollte sie nicht erst einmal etwas essen und alle begrüßen?" rief ihm Sirius skeptisch hinterher.
"Das kann warten. Zuerst stehen wichtige Gespräche an. Ich werde mich nachher persönlich um ein anständiges Abendbrot für Amber kümmern." erklärte der Schulleiter ohne Widerspruch zu dulden.
Amber folgte ihm schnellen Fußes. Kaum in dem einstigen Krankenzimmer von Severus angekommen, setzte sie denselben auf das Bett. Der Kater sah reichlich mitgenommen aus und zitterte. Eines seiner Vorderbeine stand in einem eigentümlichen Winkel von seinem Körper ab.
"Severus, verwandle dich bitte zurück, damit wir dir helfen können." wandte sich Dumbledore streng an den Animagus, der einmal mehr sichtlich von Schmerzen gepeinigt war.
Der Tränkemeister befolgte den Befehl und saß schon im nächsten Moment in seiner ursprünglichen Gestalt auf dem Bett. Amber musste ihn festhalten, damit er nicht augenblicklich nach vorne kippte. Bestimmt drückte die Hexe den Slytherin in eine liegende Position und untersuchte ihn kurz. Er war aschfahl im Gesicht und unterdrückte nur mit Mühe einen Schmerzensschrei.
"Das linke Bein ist angebrochen..." stellte Amber fest, indem sie ihre Hand langsam über seinen gekrümmten Körper wandern ließ. "... das rechte Handgelenk ist auch gebrochen... und die Schulter ist ausgekugelt. Das beheben wir zuerst!"
Mit diesen Worten legte sie ihre Finger auf die betroffene Körperpartie. Wärme breitete sich in Severus´ Schulter aus. In der nächsten Sekunde gab es ein hässliches Geräusch, der Tränkemeister keuchte schmerzerfüllt auf, das Gelenk war wieder eingerenkt. Die gebrochenen Gliedmaßen waren ein Leichtes für eine erfahrene Heilerin wie Amber.
Kaum wieder hergestellt, versuchte sich Severus aufzusetzen, aber Albus Dumbledore ließ das nicht zu: "Bleib liegen, mein Junge. Die Schulter wird noch eine Weile schmerzen. Für heute bleibt ihr hier. Ich bringe euch gleich noch etwas zu essen. Vorher erzählt ihr mir aber noch, was ihr herausgefunden habt."
Amber setzte sich zu ihrem Freund aufs Bett und begann zu erzählen, da dieser offensichtlich noch einen Moment durchatmen und sich erholen musste.
"Wir haben das Versteck gefunden und konnten auch hineingelangen. Mit Hilfe des dunklen Mals. Bei dem Quartier handelt es sich um eine uralte, verfallene Burg. Die Mauern sind völlig morbide und die einzelnen Räume modrig und unbewohnbar. Mit Ausnahme eines Zimmers im Keller. Es war groß, geräumig, an den Wänden brannten dutzende Fackeln und alles machte einen recht feierlichen Eindruck. Wozu der Raum dient, wissen wir nicht. Dafür haben wir eine Art Bibliothek gefunden und dort auch einige gewichtige Informationen?" fragend blickte die Hexe auf Severus, der jetzt seine Augen öffnete.
"In dem Raum lag ein aufgeschlagenes Buch. Es handelte von seltenen schwarzmagischen Flüchen, Zaubern und Gegenständen. Die Seite, die zuoberst war, habe ich mir genau angesehen..." die letzten Worte brachte der Meister der Zaubertränke gepresst hervor.
Seine beiden Zuhörer warfen sich beunruhigte Blicke zu.
"Es war eine Art Bauanleitung. Bisher hatte ich nur etwas von einem Torbogen des Todes gelesen. Angeblich soll sich ein solcher im Ministerium befinden. Allerdings wusste ich nicht, dass auch das Gegenteil existieren könnte..."
"Ein Torbogen, der Tote wieder zum Leben erweckt?" fragte Albus scharf.
"So stand es im Buch." antwortete der Slytherin schlicht.
"Aber wie kann so etwas in einem Buch über schwarze Magie stehen? Toten das Leben zu schenken, ist grundsätzlich nichts Schlechtes, oder?" warf Amber mit gerunzelter Stirn ein.
"Doch. Wenn die, die man zurückholt, Anhänger des dunklen Lords sind oder Schwarzmagier, die schon seit Jahrhunderten nicht mehr unter uns weilen. Soweit ich den Text überfliegen konnte, kommt hinzu, dass diese wiederbelebten Gestalten seelenlos sein werden. Gewissenlos. Nur ihr Körper und ihr Können kommen zurück. Dementsprechend dürften sie perfekte Diener sein. Willenlos. Skrupellos. Und immer wieder neu rekrutierbar." beendete Severus mit bitterem Unterton in seiner Stimme seine Ausführungen.
Alle schwiegen einen Augenblick betroffen.
Dann brach Dumbledore die Stille: "Wir werden morgen darüber beraten, was zu tun ist, sollte Voldemort wirklich vorhaben dieses Tor zu erschaffen. Für heute ruht ihr euch erst einmal aus. Ich bin in fünf Minuten wieder da."
Und tatsächlich: Der Schulleiter brachte nach der vereinbarten Zeit ein umfangreiches Abendbrot, wünschte noch eine gute Nacht und verschwand dann grüßend.
Amber sah ihren Freund prüfend an. "Hast du noch Schmerzen?"
Eine Bestätigung hätte sie eigentlich nicht gebraucht, da Severus sich freiwillig von ihr Essen geben ließ. Dennoch nickte er leicht. Nach der Raubtierfütterung deckte sie ihn zärtlich zu und kuschelte sich ebenfalls unter die Decke. Noch lange unterhielten sie sich über mögliche Pläne und Ziele des dunklen Lords, bevor Severus vor Müdigkeit die Augen zufielen. Amber sah beruhigt zu, wie er in das Reich der Träume schwebte, sein Gesicht und seine Körperhaltung sich entspannten.
Immerhin stand ihm noch einiges Anstrengendes bevor. Für die Mitglieder des Ordens würde morgen ein Totgeglaubter auferstehen. Ganz ohne schwarzmagisches Tor. Die Hexe wusste, dass sich ihr Freund vor den möglicherweise abwertenden Reaktionen der Ordensmitglieder fürchtete. Eigentlich fürchtete er alle Reaktionen. Er wollte einfach nur sein Ruhe. Von ihm aus hätte er bis zum Ende seines Lebens für tot gelten können...
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