
von Nashira1
15. Kapitel: Das Medaillon
Mira starrte das Stück Pergament an als wäre es von einem anderen Stern.
„Was steht da, Liebes?“, fragte Amber und wollte gerade nach der Nachricht greifen, als Mira plötzlich aufsprang und mit dem kleinen Päckchen hoch in ihr Zimmer stürmte. Hektisch schloss sie hinter sich die Türe ab und fiel grinsend auf ihr weiches Bett, den Fetzen Pergament fest in der Hand haltend.
„Oh Sev“, seufzte sie leise und schloss träumerisch ihre Augen. Dann fiel ihr wieder die kleine Dose ein, die sie neben sich abgelegt hatte. Vor Aufregung zitternd und mit Bauchschmerzen öffnete sie die kleine Schatulle. Als sie ungläubig den Inhalt betrachtete wurden ihre Augen immer größer. Mira entnahm ihr eine silberne Halskette, an dessen Schwingen ein glänzendes Medaillon hing. Sie versuchte es mit aller Kraft und viel Geschick zu öffnen, doch so sehr sie sich auch bemühte, es gelang ihr nicht. Trotzig lehnte sie sich zurück gegen die Wand und schluchzte tief. Es war bestimmt irgendein Zauberspruch nötig um es zu öffnen, dachte sie stutzig. Aber welcher? Außerdem durfte sie außerhalb von Hogwarts noch nicht einmal zaubern, was Snape durchaus wissen müsste. Mira wurde aus ihren Gedanken gerissen, als es zaghaft an ihrer Zimmertür klopfte.
„Mira? Ist das alles okay?“, fragte ihre Mutter sorgend.
„Ja, alles okay, Mum!“, rief sie und verstaute die Dose und das Schmuckstück in ihrer Nachtkommode, „Ich komme sofort wieder zu euch nach unten.“
„Beeil dich, wir wollen essen.“ Mira hörte tippelnde Schritte die Treppe wieder hinunter gehen. Plötzlich füllten sich ihre Augen mit Tränen. Zwar war sie glücklich ihre Familie wieder zu sehen, doch sie wollte nicht länger hier bleiben. Nein. Sie wollte zu ihm. Wie sollte es bloß mit ihr weiter gehen, wenn sie schon nach solch geringer Zeit eine so intensive Sehnsucht verspürte? Je öfter sich Mira seine kleine Nachricht durchlas, desto stärker wurde ihre Trauer.
„Mira!“, brüllte eine Stimme aus dem Untergeschoss.
„Ich komme ja schon!“ Sie eilte wütend zum Spiegel um sich mit einem Taschentuch die Tränen und die verlaufene Wimperntusche fortzuwischen. Zuletzt schniefte sie kurz ihre Nase und begab sich darauf hinunter in das große Wohnzimmer.
„Da bist du ja endlich.“ David sah sie sorgend an, als er ihre roten Augen bemerkte. „Was ist los?“
Mit gespielter Freude nahm sie neben ihrem Bruder am gedeckten Esstisch Platz.
„Was war in dem Päckchen?“, fragte Amber neugierig während sie Mira eine große Kelle Kartoffelpüree und zwei Stücke Fleisch auf den Teller schöpfte.
„Ach, das war nur ein kleines Geschenk von Harry, Ron und Hermine“, log Mira, den Blick auf den überfüllten Teller gerichtet.
„Und was war es? Aber du hast ihnen doch jetzt gar nichts geschickt.“ Amber hatte, nachdem sie das Festmahl an die übrigen Familienmitglieder verteilt hatte, wieder auf ihrem Stuhl Platz genommen.
„Und warum hast du geweint?“, warf David mit prüfendem Blick ein, bevor sie auf die Frage ihrer Mutter antworten konnte.
„Ihr müsst doch wohl nicht alles wissen!“ Wütend ließ Mira ihre Gabel auf den Teller fallen. „Ich vermisse eben Hogwarts und meine neuen Freunde und so...“
„Aber Elly kommt doch übermorgen. Freust du dich nicht auf sie?“ Ihr Vater sah sie mit großen, ungläubigen Augen an.
„Doch klar, aber ich habe eben nun mal ein neues Leben begonnen“, erklärte sie. Wie gern sie doch ihren Eltern von Severus erzählen würde. Doch das konnte sie niemals tun. Ihr Vater würde wohl nichts unversucht lassen, um ihrer heimlichen Liebe den Garaus zu machen. Obwohl er als Muggel wohl kaum eine Chance gegen den mächtigen Zauberer Severus Snape hätte.
„Wir freuen uns sehr, dass es dir hier doch gefällt, nachdem du dich zunächst so vor dem Umzug gesträubt hast und so traurig warst deine alte Schule und deine Freunde zu verlassen.“
„Können wir jetzt endlich essen?“, warf Benjamin quengelnd ein.
Stille kam auf.
Während ihre Familie freudig aß, stocherte Mira nur Gedanken versunken in ihrem Brei herum. Sie war nicht hungrig. Keineswegs.
„Der Flug mit der Nummer 364 aus Yuma erreicht Terminal 1 in Kürze.“ Eine monotone, roboterartige Stimme hallte durch die Hallen des Rochester Flughafens in Kent. Aufgeregt verlagerte Mira immer wieder ihr Gewicht von dem einen auf das andere Bein. Ihre Trauer über den Verlust ihrer besten Freundin, wegen des Umzuges, hatte sich über die Monate in Hogwarts gelegt. Zwar war sie froh Elly wieder zusehen, jedoch würde sie ihr den Aufenthalt in Hogwarts mit Severus vorziehen.
„Mira!“, rief eine Stimme und riss sie erneut aus ihren Gedanken. Eine kleine, kurzhaarige Person im selben Alter stürmte energisch auf Mira zu und fiel ihr euphorisch in die Arme.
„Schön, dass du da bist. Wie war der Flug?“ Sie erwiderte die Umarmung kurz und blickte ihr darauf in die großen braunen Augen.
„Lang. Definitiv zu lang. Wie geht’s dir?“ Die Familie begleitete die aufgeweckte Elly zu dem Kofferband mit der Nummer 7.
„Gut und dir?“, antworte Mira, ihr hinterher eilend.
„Ich bin dank des Fluges etwas erschöpft. Du glaubst gar nicht wie froh ich bin endlich hier zu sein.“ Sie griff nach einem silbernen Koffer mit zahlreichen Aufklebern, der auf dem Kofferband langsam an ihnen vorbei fuhr.
„Oh man, ist das kalt hier“, bemerkte Elly, als sie den Flughafen verließen, „Bei uns in Yuma hat’s das letzte mal, laut meiner Eltern, 1990 geschneit und das noch nicht einmal viel.“ Sie starrte fasziniert die Massen von Schnee an, die am Rand der Straßen gen Himmel ragten.
„Und, wie gefällt’s dir hier?“ Sie saßen gemeinsam im Auto. Zwischen den beiden Freundinnen machte sich Benjamin mit seinem Kindersitz gehörig breit.
„Also an Gillingham konnte ich mich noch nicht so sehr gewöhnen, da ich bis jetzt wesentlich mehr Zeit in Hogwarts verbracht habe als dort, aber die Schule ist echt toll.“
„Wo wir gerade beim Thema Schule sind: Wie ist es denn da so? Aber die ist doch bestimmt nicht so toll wie unsere, oder?“, platzte es aus Elly heraus.
„Naja, es ist halt anders. Das Gelände ist viel größer und schöner. Es ist alles so schön grün und das Schloss ist einfach total schön. Außerdem ist direkt neben dem Schulgebäude ein verbotener Wald, bewohnt von magischen Kreaturen, der von den Schülern alleine nicht betreten werden darf.“ Bei diesen Worten musste Mira wieder automatisch an Snape und daran, wie sie sich zum ersten mal küssten, denken.
„Hört sich ja ganz gut an. Hast du dich denn schon gut eingelebt?“ Elly drehte sich auf ihrem Sitz so herum, dass sie Mira neugierig anstarrte.
„Ja, die Schüler sind im Ganzen eigentlich ganz nett, bis auf ein paar vereinzelte. Auch die Lehrer sind ganz okay“, erklärte sie mit Snape im Hinterkopf.
Während der Fahrt zurück nach Gillingham schwärmte sie weiterhin von ihrer neuen Schule und allem was dazu gehörte, wie die wöchentlichen Besuche nach Hogsmeade und die Quidditchspiele.
„Du hast dich irgendwie“, Elly hielt kurz inne, „verändert.“
„Wie meinst du das?“ Mira starrte zu ihr hinüber auf die andere Seite des Bettes.
„Naja, du bist reifer geworden und bist nicht mehr so verrückt wie ich. Überleg mal was wir immer für einen Mist gemacht haben und jetzt habe ich aus irgendeinem Grund das Gefühl, als könne man das mit dir nicht mehr“, erläuterte sie ehrlich, „Ich mache mir Sorgen.“
„Es ist alles okay.“ Mira nahm einen tiefen Atemzug. Vielleicht hatte Elly Recht. Vielleicht hatte sie sich verändert. Wie gerne sie ihr doch von Severus berichten wollte, doch immer wenn sie zu diesem Thema ansetzte, überlegte sie es sich anders.
„Ich habe jemanden kennengelernt“, gestand sie schließlich zögernd, den Blick zur Decke gerichtet. Plötzlich war Elly wieder hellwach und setzte sich in Windeseile auf.
„Was? Wen?“ Sie blickte Mira mit großen Augen an. „Ist es was Festes?“
„Ja, ich denke schon. Ich habe sehr starke Gefühle für ihn“, seufzte sie verträumt.
„Und er geht auch auf die Schule?“ Elly konnte es kaum erwarten mehr zu erfahren.
„Du musst mir versprechen es niemandem zu erzählen.“ Mira hatte sich nun ebenfalls aufgesetzt. Ihre beste Freundin nickte lediglich und lauschte darauf gespannt dem, was sie ihr erzählte.
„Er ist...“ Mira füllte ihre Lungen mit Luft. „Er ist mein Zaubertranklehrer.“
Obwohl Elly immer etwas zu sagen hatte und man sie niemals Mundtod bekam, war sie in diesem Moment sprachlos.
„Bitte was?“, platzte es schließlich laut aus ihr heraus.
„Ssscht! Nicht so laut. Ja, ich weiß, dass es sich ziemlich seltsam anhört.“ Mira schaute sich verstohlen um und wartete schon darauf, dass ihre Eltern aufwachten und sie ermahnten.
„Seltsam? Du und dein Lehrer? Hattet ihr denn schon...?“ Sie konnte ihren letzten Satz nicht vollenden, da ihr allein bei dem Gedanken daran schlecht wurde.
„Ja, und das mehr als einmal.“ Mira wurde an die wunderschönen Stunden erinnert, die sie mit Snape verbracht hatte.
„Naja, und jetzt führt ihr so ne Art Sexbeziehung, oder was? Sieht der denn wenigstens gut aus?“
„Also ich finde ihn sehr attraktiv. Er hat wunderschöne Augen. Es ist wesentlich mehr als eine Sexbeziehung. Ich glaube ich liebe ihn.“ Bei diesen Worten starrte sie verlegen an Elly vorbei, denn sie kam sich überaus naiv vor sich in einen älteren Mann zu verlieben. Mira wollte ihre Gefühle zu ihm nicht wahr haben, doch mittlerweile blieb ihr nichts anderes übrig. Die Sehnsucht, die sie verspürte, zeigte ihr, dass es Liebe sein musste.
„Hast du denn keine Angst, dass er dich nur ausnutzt? Er will sicher nur das eine.“ Eine tiefe Sorgenfalte hatte sich auf ihrer Stirn gebildet.
„Nein, das glaube ich nicht. Du weißt doch, dass ich ein sehr realistischer und kein naiver Mensch bin und bei ihm habe ich wirklich das Gefühl, dass er auch sehr viel für mich empfindet“, erklärte Mira und ließ sich schwer atmend auf ihr Kopfkissen fallen.
„Ich hoffe du hast Recht.“ Elly legte sich wieder neben sie. Beide starrten schweigend zur Decke hinauf.
„Ich vermisse ihn so“, schluchzte Mira nach einer Weile wischte sich ein paar Tränen aus den Augen. Ihre beste Freundin drehte sich zu ihr und sah sie mitleidig an.
„Du scheinst ja echt ziemlich vernarrt in ihn zu sein.“ Elly schloss sie einfühlsam in ihre Arme.
„Ich bin so froh, dass ich endlich mit jemandem darüber reden kann. Das habe ich echt gebraucht. Ich kann das nicht länger verheimlichen“, seufzte sie still.
„Ich habe eine Idee. Wie wär’s wenn wir morgen Abend mal in die Stadt fahren und was unternehmen? Dann kommst du vielleicht auf andere Gedanken?“ Sich erneut ein paar Tränen von den Wangen wischend, willigte Mira schwer atmend ein.
Elly und Mira saßen äußerst dick bekleidet in der Bahn nach Gillingham. Es grenzte an ein Wunder, dass die öffentlichen Verkehrmittel, trotz der gewaltigen Schneemassen, überhaupt fuhren. Imposante Schneeflocken bahnten sich ihren Weg zum Grund und verliehen der schwarzen Nacht einen weihnachtlichen Glanz.
„Weißt du schon wo wir hingehen?“, fragte Elly, den Blick fasziniert hinaus auf den Schnee gerichtet.
„Naja, da ich mich hier ja auch noch nicht so auskenne, habe ich mich im Internet mal schlau gemacht. In der Innenstadt gibt es eine schöne Bar, die wäre glaub ich nicht schlecht“, antwortete Mira und ließ das silbernen Medaillon, das um ihren Hals hing, durch ihre Finger gleiten.
„Und deine Eltern? Was sagen die dazu?“
„Ich habe ihnen erzählt wir würden nur ins Kino gehen. Ich glaube nicht, dass sie so begeistert wären, wenn sie von unseren eigentlichen Plänen wüssten.“
Als sie mit geringer Verspätung die Innenstadt erreichten, waren die Straßen bereits überfüllt mit Feierwütigen. Mira führte Elly so gut sie konnte durch die Gassen Gillinghams zu dem Pub mit dem Namen „Riley’s“.
„Ist ja ganz nett hier“, bemerkte Elly, als sie die Bar betraten und setzte sich an einen runden Tisch in der Ecke des großen Raumes. „Was ist das eigentlich für ein Medaillon an dem du die ganze Zeit rumspielst?“ Sie deutete auf den Silberschmuck, der sich Miras Hals rekelte.
„Das hat er mir zu Weihnachten geschenkt“, antwortete sie traurig, da sie erneut an ihren Liebten erinnert wurde.
„Und was ist drin?“ Elly legte ihrer Freundin sanft eine Hand auf die Schulter.
„Ich weiß es nicht. Es lässt sich partout nicht öffnen.“ Mira ließ das Schmuckstück wieder automatisch durch ihre Hände gleiten.
„Na ihr Süßen, alles klar?“ Drei bullige Männer nahmen neben ihnen auf der runden Bank Platz. Zwei schoben sich neben Mira, einer neben Elly, sodass sie keine Chance hatten einfach zu gehen. „Was führt euch hierher?“, fragte der blonde, schlanke Mann, der direkt neben der Hogwartsschülerin saß.
Ehe Mira antworten konnte, ergriff Elly vorlaut das Wort. „Ach, wir wollten nur ein wenig Spaß haben.“ Sie lächelte die drei nacheinander verführerisch an. Mira war fassungslos und warf ihr einen verwarnenden Blick zu.
„Das trifft sich gut.“ Die drei Kräftigen rückten immer näher an die beiden Schülerinnen heran und der Blonde legte betörend seinen Arm um Mira.
„Ich glaube wir gehen jetzt besser.“ Sie befreite sich aus der Umklammerung des Fremden und machte eine unmissverständliche Handbewegung, die ihn zum Abstand auffordern sollte.
„Komm jetzt“, flüsterte Mira wütend ihrer Freundin zu und zog aufgeregt an ihrem Ärmel.
„Sorry Jungs.“ Elly schob den Schwarzhaarigen neben sich fort, der sich aus Überraschtheit nicht dagegen werte, und zog Mira hinter sich her hinaus aus dem Pub.
„Was sollte das denn bitte?“
„Ach, das mit dem ‚Spaß haben’ meinte ich doch nicht ernst“, antwortete Elly gelassen.
„Aber das wissen die doch nicht. Wer weiß was die mit uns angestellt hätten.“ Mira schien sichtlich empört über das Geschehene. Die beiden schlenderten durch die verlassenen Gassen Gillinghams, zurück zur Bahn. Wütend stapfte Mira voran. Es war eine äußerst schlechte Idee abends in die Stadt zu fahren, dachte sie. Viel zu gefährlich.
„Warum haut ihr denn so einfach ab?“ Vor den beiden Schülerinnen bauten sich drei große Gestalten auf und kamen gemächlich auf sie zu.
„Oh nein“, flüsterte Elly vor sich hin und wich verängstigt zurück.
„Was wollt ihr?“ Mira war nicht in der Lage das Zittern in ihrer Stimme voll und ganz zu unterdrücken, trotz dessen stellte sie sich mutig vor die Kerle. Der Blonde, der vorhin neben ihr gesessen hatte, stolzierte gefährlich auf sie zu und blieb kurz vor stehen. Mira rührte sich nicht.
„Dich, Schätzchen.“ Er strich ihr zart über die Wange, doch sie ließ dies nicht weiter zu und schlug seine Hand fort. In diesem Moment ergriff er Mira und zog sie zu seinen Kumpanen.
„Nein! Mira!“ Elly hastete hinterher und warf sich auf einen der bulligen Gestalten, wurde aber augenblicklich zu Boden geworfen. Mira strampelte wild mit ihren Beinen und werte sich so gut sie konnte, doch nichts nützte.
„Hilfe!“
Plötzlich erschien ein heller Lichtstrahl. Der Blonde ließ Mira vor Schreck fallen. Schmerz breitete sich in ihrer linken Seite aus. Eine leuchtende Hirschkuh glitt durch die dunkle Gasse und stürmte wiederholt auf die drei Muggel zu, die mit großen Augen verängstigt davoneilten. Darauf verschwand der Patronus wieder in dem silbernen Medaillon.
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