In den kommenden Tagen ging Hermione allem und jedem so gut sie konnte aus dem Weg. Allen voran den blöden Slytherins um Malfoy, der sie gerade jetzt scheinbar zu verfolgen schien. Aber auch Ron mied sie, so gut sie konnte. Nur klappte das leider mehr schlecht als recht, da sie so oft zusammen Unterricht hatten und sich zudem einen Gemeinschaftsraum teilten. Auch beim Frühstück und Mittag traf sie immer wieder auf irgendjemanden, den sie nicht sehen oder hören wollte. So auch an diesem Morgen.
Lavender hatte gerade nichts Besseres zu tun, als sich bei Ron auf dem Schoß zu platzieren, um ihn gründlich abzuschlabbern, als die Eulen kamen. Hermione achtete allerdings nicht weiter darauf, da sie nur ihren Daily Prophet erwartete. Umso überraschter war sie, als sich zusätzlich zu der großen Eule, ein hübscher, kleiner Waldkauz, mit goldbraunem Gefieder, vor ihr niederließ und ihr das Bein entgegenstreckte.
Verdutzt sah sie auf den Vogel, der neben einem Brief auch noch ein Päckchen dabei hatte. Beides nahm sie dem Tier ab und gab ihm zur Belohnung einen Eulenkeks, mit dem er sich verabschiedete. Außer Ginny hatte es niemand bemerkt, womit sich der Rotfuchs leise an ihre Freundin richtete.
„Von wem ist das?“ „Ich. . . Keine Ahnung. Ich hab nichts bestellt“, murmelte Hermione und besah sich das kleine Kästchen genauer, was sie schließlich zaghaft öffnete, mit allem rechnend, nur nicht mit dem, was sich darin befand. Nämlich eine schöne, silberne Halskette, mit einem Engelsflügel als Anhänger.
„Die ist ja schön“, entwich es Ginny begeistert, während Hermione das scheinbare Geschenk genauer studierte. Unter dem Anhänger entdeckte sie dann auch ein Kärtchen, wo in feiner, sauberer Handschrift stand: „Für den schönsten Engel Hogwarts’“, was Hermione unweigerlich rot werden ließ. Ginny sah es und griente breit.
„Da steht offensichtlich einer auf dich“, rieb sie ihrer Freundin keck unter die Nase, die dadurch seit langem Mal wieder ein bisschen Farbe im Gesicht bekam, weswegen Ginny sie noch mehr anstachelte.
„Von wem ist die?“ „Was?“ „Der Brief! Da war doch noch ein Brief dabei.“ „Ähm. . . Ja“, murmelte Hermione, nahm sich diesen und öffnete ihn zögerlich. Ginny spähte unterdessen durch die Halle, um zu sehen, ob nicht vielleicht irgendein Junge gerade jetzt zu ihnen schaute und ihr Handeln verfolgte. Nur schenkte ihnen niemand Beachtung, weshalb sie sich wieder mehr auf Hermione konzentrierte, die vorsichtig den Brief entfaltete. In diesem stand allerdings nicht sehr viel. Was dort aber stand, ließ Hermiones Augen größer werden.
Liebe Hermione,
lange habe ich mit mir gerungen, am Ende aber dennoch die Kraft dazu gefunden, dir einen Brief zu schreiben. In diesem möchte ich dir sagen, dass du das wundervollste Mädchen bist, was mir je begegnet ist. Umso mehr macht es mich traurig zu sehen, dass du seit einigen Tagen immer mit Tränen in den Augen durch die Gänge eilst. Mehr noch, denn es macht mich wütend, da ich den Grund für deinen Kummer kenne.
Bitte lass dir von mir gesagt sein, er ist es nicht Wert, dass du ihm auch nur eine Träne nachweinst. Ein Mann, der nicht zu schätzen weiß, was er an dir hat, verdient dich nicht. Jemand, nicht sieht, was für ein besonderer Mensch du bist. Ich sehe es und wünsche mir schon seit langem, gerade jetzt, wenn ich dich so traurig sehen muss, nichts mehr, als dich einfach in die Arme zu nehmen und zu halten. Einfach für dich da zu sein.
Leider lässt mir das Schicksal diese Möglichkeit nicht, vielleicht vermag dich mein kleines Geschenk aber ein wenig aufzumuntern. Es ist zwar kein Ersatz für einen liebenden Menschen, der dich in den Armen hält, soll dir aber zeigen, dass es ihn gibt und er sich wünscht, dass du wieder lächeln kannst.
Damit endete der Brief, den sich Hermione wieder und wieder durchlas und letztlich auf die Kette sah. Ginny griente.
„Da steht wirklich einer auf dich. Und dieser Typ hat Augen im Kopf und so scheinbar auch was im Kopf“, schmunzelte sie und nahm sich schließlich vorsichtig die filigran gearbeitete Kette, die sie ihrer Freundin hinhielt.
„Na, was sagst du dazu?“ „Ich. . .“, mehr kam nicht. Stattdessen begann sich Hermione suchend in der Halle umzuschauen, ob da nicht doch einer war, der sie beobachtete. Fehlanzeige. Entweder, er war nicht hier oder er wusste sich sehr gut zu beherrschen. Doch wer um alles in der Welt sollte das sein? Wer würde ihr so einen Brief schreiben? Wer würde ihr so ein nettes Geschenk machen? Wer könnte ihren Kummer verstehen außer Harry und Ginny?
„Mione?“ „Was?“, schrak sie zusammen und sah zu der Rothaarigen. „Und? Irgendeine Idee, wer dein heimlicher Verehrer sein könnte?“ „Heimlicher. . .“, kam Hermione ins Stocken. Ginny nickte. „Ja. Das geht doch aus dem Brief hervor“, deutete sie darauf. „Dass da einer ist, der dich mag, sich aber scheinbar nicht richtig an dich ran traut. Wahrscheinlich ist der Typ extrem schüchtern“, griente sie wieder. Hermione war allerdings noch immer versucht, das alles zu verarbeiten. Allen voran wer um alles in der Welt das war? Wer das sein konnte? Mit wem verstand sie sich gut genug?
Als sie darüber nachdachte, kam ihr niemand in den Sinn. Harry war ihr bester Freund, der es aber sicherlich nie hinkriegen würde, solche Worte zu finden. Davon abgesehen, würde er ihr keinen Brief schreiben. Und Ron?
Mit einem müden Blick schielte sie zu den frisch Verliebten, die absolut nicht ihre Pfoten voneinander lassen konnten. Ron kam für so etwas erst recht nicht in Frage. Nur wer dann? Wer?
„Oder denkst du nicht?“, bohrte Ginny in die andere Richtung, da Hermione ein sehr nachdenkliches Gesicht machte. „Ich. . . Ich weiß es nicht. Ich kann mir nur nicht vorstellen, dass mich . . . dass da wirklich jemand ist der . . . der mich interessant findet. Besonders“, sprach sie es leise, beinahe ehrfürchtig aus und überflog nochmal kurz die Stelle, wo ihr der Fremde dies zuschrieb.
„Natürlich bist du was Besonderes, Süße. Du bist hübsch, intelligent, liebenswürdig. . .“ „Ich glaube nicht, dass sich ein Junge daraus etwas macht“, murmelte sie bekümmert und sah zurück auf den Brief. Auf die geschriebenen Worte, die wie ein Fließen wirkten. Er hatte eine schöne Handschrift.
„Was meinst du?“, fragte Ginny verwirrt, womit Hermione zu Ron schielte. Ob ein Mädchen intelligent, nett oder sonst etwas war, kümmerte ihn jetzt genauso wenig, wie damals im Vierten. Es schien allgemeinen keinen Typen in ihrem Alter zu interessieren, was in einem Mädchen steckte. Was die wollten und brauchten, war irgendein hübsches Dummchen mit großen Hupen, mit der sie fröhlich spielen und ihren Spaß haben konnten.
„Vergiss Ron!“, schimpfte Ginny, als sie ihren Blick bemerkte, und tippte stattdessen energisch auf den Brief. „Dem hier, scheint es sehr wichtig zu sein, wie du bist. Er hat sicher lange über allem gebrütet, um die richtigen Worte zu finden. Und dann noch sein Geschenk. Ich find das wirklich süß!“, quietschte Ginny begeistert. Hermione sah aber nach wie vor unschlüssig auf die Kette.
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Im weiteren Tagesverlauf war Hermione nur bedingt ansprechbar. Zu sehr geisterten ihr noch immer die Dinge vom Morgen im Kopf herum. Ein heimlicher Verehrer hatte Ginny gemeint. Klang ja erstmal ganz interessant, nur war sie in den kommenden Stunden wirklich jeden Jungen aus der Schule durchgegangen, der auch nur entfernt in Frage kommen könnte.
Es war am Ende aber stets daran gescheitert, dass sie keinem dieser Kerle zutraute, solche Worte zu finden. Auch schätzte sie niemanden als so schüchtern ein, dass er seinem überschüssigen Hormonhaushalt nicht einfach freien Lauf ließ und auf sie zutrat, wie zum Beispiel McLaggen. Seit Ron so überdeutlich mit Brown das Schloss mit diesem bescheuerten Won-Won & Lav-Lav terrorisierte, wurde Cormac nicht müde, ihr ein Ohr abzukauen und ihr ein Date anzubieten.
So machte sich mit der Zeit stattdessen immer stärker ein leises Misstrauen in ihr breit, dass es sich hierbei vielleicht gar nicht um ein lieb gemeintes Geschenk handelte, sondern eher um etwas, was ihr schaden sollte. Von wem das dann kommen würde, war ihr sofort klar. Malfoy! Dem traute sie so etwas Mieses zu. Ihren Kummer auszunutzen, indem er sie mit ein paar netten Worten einlullte, um ihr dann mit einem scheinbaren Geschenk einen hässlichen Fluch anzuhexen, damit er sie im Nachhinein wieder verspotten konnte, ob sie wirklich so dumm war zu glauben, jemand würde sich für ein Schlammblut wie sie interessieren?
Oh ja, das traute sie dieser verlogen, hinterhältigen Schlange zu. Sich über fünf Ecken ihr Vertrauen zu erschleichen, um ihr noch mehr wehzutun. Allein auf den Gedanken kochte eine unbändige Wut in ihr hoch, obwohl es nur eine Möglichkeit war. Diese hielt sie allerdings für immer wahrscheinlicher.
„Aber nicht mit mir, Malfoy“, knurrte sie bedrohlich und verschwand nach Zaubertränke zu Professor Slughorn, als der Rest ihrer Klassenkameraden bereits raus, und auf dem Weg zur nächsten Stunde war.
„Professor?“, meldete sie sich zaghaft zu Wort, da er noch ein paar Proben ihrer Mitschüler genauer betrachtete. Als er aufsah und Hermione erblickte, die nur zu offensichtlich etwas auf dem Herzen hatte, lächelte er freundlich.
„Miss Granger. Was kann ich für Sie tun?“ „Ähm. . . Ich hätte da eine Bitte.“ „Oh nur zu, nicht so schüchtern“, schmunzelte Horace und deutete ihr einladend ihre Bitte zu äußern. Daraufhin kramte sie die Kette hervor, die sie ihm auf den Tisch legte und hin schob. Der alte Mann besah sich das gute Stück dann auch schon interessiert, während Hermione ihr Anliegen schilderte.
„Ich habe heute Morgen eine Eule mit einem Brief und dieser Kette bekommen. Allerdings weiß ich nicht, von wem sie ist. Meine Freundin meinte ein . . . ein heimlicher Verehrer oder so. Mir ist das aber nicht ganz geheuer und da. . . Ich wollte Sie fragen, ob Sie die Kette vielleicht auf irgendwelche Flüche und dergleichen untersuchen könnten?“ „Flüche?“, stutzte Horace, worauf sie nickte. „Meine Liebe, wer um alles in der Welt sollte Ihnen Böses wollen?“ „Da fallen mir spontan gleich mehrere Leute ein“, murmelte sie verbissen, was Horace die Augenbrauen krausziehen ließ, bevor er zurück auf das Schmuckstück sah.
„Es scheint mir sehr edel verarbeitet zu sein, meine Liebe. Sicherlich nichts aus einem Ramschladen. Aber wenn es Sie beruhigt, dann prüfe ich die Kette gerne auf Flüche und andere Zauber. Ich denke, morgen nach dem Unterricht können Sie sich das Schmuckstück wieder abholen“, lächelte er. „Danke, Professor.“ „Oh nichts zu danken. Für Sie mache ich das gerne“, gab er ihr auch weiterhin lächelnd zu verstehen und zwinkerte letztlich verschmitzt. Hermione konnte so nicht anders und tat es ihm etwas verlegen gleich, bevor sie aus dem Kerker huschte und zu ihrer nächsten Stunde eilte.
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Als ich das erste Harry-Potter-Buch las, habe ich mir meinen Bademantel angezogen und so getan, als ob ich Harry wäre. Ich rannte im ganzen Haus herum uuund... kann nicht fassen, dass ich das gerade erzählt habe.