Am Montagnachmittag, nach dem Unterricht, verschwand Hermione gleich in die Eulerei, um ihren Brief abzuschicken. Sie freute sich bereits jetzt auf eine Antwort von ihm. Sie wusste nicht warum, aber als sie gestern Abend mit Ginny alle Möglichkeiten durchgegangen war, hatte sie gemerkt, dass sie dieser Typ immer mehr in seinen Bann zog. Ihr kamen stets neue Fragen in den Sinn, die sie ihm stellen wollte, um so ein Puzzleteil mehr zu bekommen, was ihr helfen könnte, seine Identität zu enthüllen.
Auf der einen Seite interessierte es sie von Tag zu Tag mehr, wer er war. Sie wollte es wissen, dann aber wiederum nicht, weil damit das Geheimnis und das leicht Mysteriöse um ihn herum verschwinden würde. Ein vielleicht dunkles Geheimnis, was ihr in der Tat sehr reizvoll erschien. Das hatte durchaus etwas, das konnte sie nicht leugnen.
Harry fand zwar nach wie vor, dass mit dem Typen irgendwas faul sein musste, wenn er so ein Geheimnis um sich machte. Allerdings rügte Ginny ihn stets aufs Neue, dass er zu schwarz sah und der Typ vermutlich nur extrem schüchtern war.
Harry hatte es vorerst so hingenommen, sie, Hermione, aber dennoch ein wenig zur Vorsicht gemahnt. Man konnte ja nie wissen. Sie hatte genickt und versprochen aufzupassen, kam sich dabei aber ein bisschen wie ein kleines, dummes Kind vor, wenn ausgerechnet Harry ihr mit sowas kam. Schließlich war er sonst immer derjenige, der sich kopflos in Probleme stürzte. Dass er sich bloß Gedanken um sie machte, wusste sie, nur fand sie das jetzt, hier vollkommen übertrieben.
So ging der Briefwechsel in der kommenden Woche auch weiter hin und her und beschränkte sich plötzlich nicht mehr nur auf einen am Tag. Der arme Hyperion war fast ununterbrochen unterwegs, nur entdeckte Hermione die Eule wirklich nie im Schloss, außer sie brachte ihr einen neuen Brief von ihm. Dieser Typ musste aber irgendwo in Hogwarts sein, anders ging es gar nicht! Doch sie fand ihn nie.
Anfang der nächsten Woche dann, Hermione wartete am Frühstückstisch bereits aufgeregt auf die Post, kam der kleine Waldkauz, wie schon die letzten Tage, mit als Erstes angeschwebt. Er ließ sich ganz galant bei ihr nieder, wo er ihr heute besonders stolz sein Bein mit der Nachricht entgegenstreckte.
Der Kleine schien es zu riechen oder sonst was, denn Hermione hatte ihm nochmal ein paar spezielle Leckereien bei Hagrid geholt. Ein paar Wühlmäuse, die sie ihm etwas unterhalb des Tisches gab, sodass niemand es bemerkte, bevor sie sich dem Brief widmete.
Meine liebe Hermione,
mir liegt, seit ich angefangen habe dir zu schreiben, eine sehr große Bitte auf dem Herzen, die ich nicht mehr länger aufschieben kann, aber auch nicht aufschieben will.
Du hast mich immer wieder gefragt, wer ich bin, was ich dir leider auch weiterhin nicht verraten kann. Es ist nicht so, dass ich es nicht möchte. Im Gegenteil. Ich würde dir gerne alles erklären. Wirklich alles, doch ist der Zeitpunkt dafür gerade mehr als schlecht. Ich hoffe, du kannst mir dies verzeihen, aber im Augenblick ist es besser, es bleibt so wie es ist.
Du sollst wissen, dass du mir sehr wichtig bist und ich versucht bin alles richtig zu machen, weswegen ich mich seit diesen zwei Wochen mit meiner Bitte, mehr noch meinem Wunsch, dir gegenüber so schwer tue. Deswegen bitte ich dich jetzt schon um Verzeihung, da mein Egoismus in dieser Sache dennoch größer ist als die Vernunft.
Je mehr sie las, desto mehr Herzklopfen bekam sie. Verdammt, was hatte er denn auf einmal? Wollte er die Briefe etwa einstellen? Das wollte sie nicht. Ganz und gar nicht.
Seit er ihr schrieb, ging es ihr nach und nach wieder besser. Sie freute sich jedes Mal ungemein, wenn sie Hyperion sah, der ihr einen neuen Brief brachte. Kleine Kurznachrichten über den Tag, aber auch die längeren Briefe am Morgen und Abend. Der kleine Waldkauz pickte nämlich seit drei Tagen sogar abends nochmal ans Fenster ihres Schlafsaals, wo ihn meistens Parvati rein ließ. Diese war selbst recht fasziniert von dem Fremden, der ihrer Mitschülerin all diese Briefe schrieb. Ebenso, dass er ihr die putzige, kleine Eule anvertraut hatte. Die Einzige in ihrem Schlafsaal, die davon genervt war, war, wie sollte es anders sein, natürlich Lavender.
Die verschmuste Eule hatte sich, von Lavender einmal abgesehen, aber nach und nach ganz frech in die Herzen fast aller Gryffindors geschlichen und wurde spaßeshalber bereits als zweites Maskottchen gehandelt. Dennoch bevorzugte der Kauz Hermiones Streicheleinheiten, wenngleich die von Ginny ebenfalls hoch im Kurs standen. Immerhin bekam er von ihnen immer mal eine besondere Leckerei und war dadurch schon ein wenig verwöhnt.
Die Vorstellung aber, dass sie den Kleinen bald vielleicht nicht mehr zu Gesicht bekam, mehr noch, denn mit ihm würden auch die Briefe verschwinden und damit der Mensch, der sich dahinter verbarg, schmerzte sie ungemein.
Sie wollte ihn gerne kennenlernen. Richtig. Sie wollte wissen, wer sich hinter all den so liebevoll geschriebenen Briefen versteckte. Selbst wenn es am Ende ein Bergtroll war, wollte sie dennoch erfahren, wer es geschafft hatte, sich so leise in ihr Herz zu schleichen. Sie wollte herausfinden, wer es war, dem es gelungen war, sie von ihrem Kummer um Ron abzulenken und aufzuheitern. Wer ihr wieder ein Lächeln ins Gesicht und Innerstes gezaubert hatte. So las sie ein wenig unsicher weiter.
Wie du weißt, findet am Samstag der Halloweenball für die Viert- bis Siebtklässler statt. Und obwohl ich mir nicht vorstellen kann, dass du noch keine Einladung zu diesem bekommen hast, möchte ich dich gerne einladen, mit mir dort hinzugehen.
Daraufhin verschlug es ihr kurz den Atem und sie fing an zu zittern, bevor sie sich den Absatz wieder und wieder durchlas. Doch er blieb was er war, sodass sie blindlings nach rechts in Ginnys Richtung griff und ihre Freundin ein wenig nervös am Pullover zog. Die war bis eben noch mit essen beschäftigt, genauso wie sie sich mit Harry wegen des Quidditchtrainings unterhielt. Aufgrund von Hermiones kleiner Ziehaktion, sah sie zu der Brünetten, die auf einmal Weiß im Gesicht war.
„Himmel, Hermione. Was ist denn?“ Doch anstatt ihr eine Antwort zu geben, deutete sie ihr auf den Absatz, den Ginny selbst zweimal lesen musste, bevor sie ihre Freundin breit angrinste.
„Das ist doch toll!“, strahlte sie. Hermione blieb jedoch blass, was den Rotschopf maßlos irritierte. „Oder nicht?“, fragte sie stattdessen, sodass Hermione sie verunsichert ansah. „Doch. Ich. . . Ich will ihn ja gerne treffen. Ich will wissen, wer er ist.“ „Na da ist die Feier doch perfekt!“ „Das wäre dann aber ein . . . ein. . .“ „Ein Date, meine Liebe“, schmunzelte Ginny verschwörerisch.
„Ehrlich gesagt finde ich es sehr geschickt, sich die Feier für euer erstes persönliches Treffen zu wählen. Noch dazu, da es ein Maskenball ist“, zwinkerte Ginny ihrer Freundin zu. Hermione sah allerdings unschlüssig auf den Brief und las den Rest.
Ich weiß, dass es das Egoistischstes und wohl auch Dümmste ist, was ich tue, aber ich würde diesen Abend sehr gerne mit dir zusammen verbringen. Ich möchte mit dir reden und dir dabei in deine Rehaugen sehen können. Ich möchte mit dir tanzen und richtig deine Nähe spüren können. Deshalb frage ich dich noch einmal, bitte dich darum, mich auf die Feier zu begleiten. Du würdest mir damit ein unvergessliches Geschenk machen. Und bis dahin,
ich hoffe, bei dir ist alles in Ordnung. Du sahst heute Morgen ziemlich schlecht aus, als ich dich entdeckt habe. Auch schien mir dein letzter Brief ein wenig unsicher geschrieben zu sein.
Ich wollte dich mit meiner Einladung nicht unter Druck setzen oder dergleichen. Wenn du das nicht möchtest, dich aber irgendwie dazu verpflichtet fühlst, lass dir von mir gesagt sein, du musst nicht mit mir auf die Feier gehen, wenn du nicht willst, auch wenn ich mich wahnsinnig über deine Zusage gefreut habe.
Wenn es dir aus anderen Gründen nicht gut geht, dann lass es mich bitte wissen, vielleicht kann ich dir helfen. Wenn nicht, dann geh zu Madam Pomfrey und rede mit ihr. Sie hat ja immer ein passendes Mittel parat.
Vielleicht hast du aber auch nur schlecht geschlafen. Wenn ja, dann ruh dich noch etwas aus und lass dich für heute einfach krankschreiben.
Schimpf nicht mit mir, ich mein es nur gut. Du wirst den einen Tag sicher nicht so viel verpassen, immerhin kennst du den Lehrplan für das ganze Schuljahr doch sicher schon auswendig, so wie ich dich kenne. Also gönn dir ein wenig Ruhe.
Ich freu mich auf Samstag.
Pass auf dich auf
Als sie fertig war, kam sie nicht umhin ein wenig zu lächeln. Er kannte sie wirklich gut. Erschreckend gut. Wenn es ihr nicht so verquer wäre, würde sie sogar darauf schwören, dass er sie bald besser kannte, als Harry, Ron oder Ginny.
So hatte sie ja kurz die Backen aufgeblasen, als er ihr mit dem Schwänzen kam. In dem kommenden Satz hatte sich dann allerdings gezeigt, dass er wohl genau dieses Bild vor sich gehabt hatte, als er seine nächsten Worte geschrieben hatte.
Sie blieb dann noch etwas in der Bibliothek, kam letztlich seinem Rat aber nach und ließ sich kurzerhand von Madam Pomfrey krankschreiben. Konzentrieren konnte sie sich ohnehin nicht und so musste sie für den Rest des Tages weder Ron, noch Brown und auch Malfoy nicht sehen.
Sie zog sich in ihren Gemeinschaftsraum zurück und machte es sich am Kamin mit einer Decke gemütlich, bevor sie ihrem Fremden nochmal schrieb. Sie würde Ginny bitten den Brief abzuschicken, da es sicher fragwürdig aussah, wenn sie, als krankgeschrieben, trotzdem weiter durchs Schloss spazierte.
Es dauerte dann auch nicht sehr lange, nachdem sie den Brief versiegelt hatte, dass sie in ihrem Sessel, in die Decke gemummelt, einschlief. Dieses Mal allerdings ohne die Bilder.
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Weil ich ein riesiger Fan von Gary Oldman bin, war ich bei unserem ersten Treffen völlig eingeschüchtert. Dabei ist er echt ein cooler Typ und ich habe mich in seiner Gegenwart sofort sehr wohl gefühlt.