„Malfoy?“, keuchte sie leise, verwirrt und zunehmend ängstlich, als sie sich zu 100% sicher war, dass ihre Augen nicht doch völlig im Eimer waren. Doch er war es. Kein Zweifel. Dieses Gesicht hätte sie überall wiedererkannt, auch wenn er alles andere als gut aussah. Im Gegenteil. Er sah um ein Vielfaches schlechter aus, als sie ihn zuletzt gesehen hatte. Es war der Abend, an dem er die Death Eater in die Schule geschleust hatte.
Er war inzwischen noch blasser, schon irgendwie grau. Seine Züge wirkten noch schmaler, was auch auf seine Statur zutraf, die ihr extrem ausgemergelt und abgemagert erschien. Die früher stets vor Verachtung und Schadenfreude funkelnden kalten Augen, schimmerten matt und unendlich müde. Was das Ganze noch zusätzlich unterstrich, waren die dunklen Schatten und Ringe, die sich unter seinen Augen angesiedelt hatten, während diese ein wenig in die Höhlen gekrochen schienen. Um den Unterkiefer hatte er nicht bloß etwas Flaum, sondern einen deutlichen Drei-Tage-Bart. Die sonst so akkurat kurz geschnittenen und streng frisierten Haare waren länger, aber auch irgendwie ein bisschen dunkler geworden. Sie leuchteten nicht mehr wirklich so extrem weißblond und standen ihm zudem in einem völligen Chaos vom Kopf ab. Wenn sie es nicht besser wüsste, würde sie sagen er wäre auf der Flucht. Nur vor was?
Damit fing sie sich. In den nun halbwegs geklärten, braunen Augen machte sich schlagartig Angst und Panik breit, mit der sie ihn noch kurz ansah, bevor sie sich aufrappelte, um zu verschwinden.
Sie kam nicht dazu, da sich ihr Körper sofort unter merklichem Protest meldete. Ohne Vorwarnung schoss ihr höllisches Stechen, Brennen und Reißen durch die Venen, was binnen eines Herzschlags derartig anschwoll, dass ihr die Sinne halb schwanden. Sie spürte noch, wie die Kraft aus ihren Gliedern wich und ihr rasend schnell der Holzboden entgegen kam, als sie zur Seite kippte.
„Hey!“, japste Malfoy verschreckt, setzte vor und bekam sie noch rechtzeitig an den Oberarmen zu fassen, an denen er sie rasch zurück aufs Bett zog. Und damit, auf ihr beinahe unerträgliche Art und Weise, nahe zu ihm.
„Bleib liegen“, gab er ihr ruhig zu verstehen und klang dabei seltsam besorgt, was sie jedoch nur noch mehr verstörte, als ohnehin seine Gegenwart. Sorge von Malfoy? Sie war eindeutig in einer falschen Realität aufgewacht. Das war noch immer ein Traum. Stellte sich nur die Frage, was für eine Art von Traum? Was für ein Albtraum das noch werden würde?
„Hinlegen“, meinte er fürs Erste aber nur und bettete sie wieder auf ihr Kissen. Was genau er tat, konnte sie allerdings nicht sehen, da sie die Augen nicht gleich auf bekam, denn dahinter pochte und dröhnte es wahnsinnig. Sie hatte bereits jetzt dieses penetrante, stark dumpfe Pfeifen in den Ohren, dem sie sich auf gar keinem Fall ergeben durfte. Merlin allein wusste, was Malfoy dann tun würde.
Für den Anfang machte er jedoch nichts weiter, als sie warm zuzudecken und ein kaltes Tuch auf ihrer Stirn zu drapieren. Das Dröhnen und Pochen beruhigte sich dadurch ein wenig und verbannte für einen kurzen Moment das Pfeifen aus ihren Ohren, sodass sie es wagte, die Augen zu öffnen. Ihr Herz raste aber noch immer wie wild und ließ sie hektisch atmen.
„Es ist alles okay. Ruh dich aus. Ich werd dir nicht wehtun. Ich will . . . ich will dir bloß helfen“, erklärte er ihr ruhig, da sie jetzt, wo sie ihn endlich als den erkannt hatte, der er war, wieder richtig Angst vor ihm bekam. Sie hatte ihn im Kerker also auch nicht als Draco wahrgenommen, was ihn nicht wundern sollte, so dunkel, wie es gewesen war. Zudem war sie total ausgelaugt und erschöpft, wie auch jetzt noch.
Hermione glaubte wiederum gewaltig was an den Ohren zu haben. Oder ihr Kopf hatte doch noch einen dicken Schaden genommen, der dafür sorgte, dass sie meinte Dinge zu hören, die jedem noch so krassen Traum gespottet hätten!
„Helfen?!“, spie sie ihn auf seine Worte so kraftvoll, wie sie konnte, an, was aber nur ein klägliches, zittriges Japsen wurde. Draco nickte stumm. Dass sie absolut kein Vertrauen zu ihm hatte, war ihm klar. Das bittere Warum. Er musste sich ihr Vertrauen erstmal verdienen. Mehr noch erkämpfen und ihr beweisen, dass es ihm ernst mit dem war, was er ihr gerade gesagt hatte.
„Du glaubst mir nicht. Versteh ich. Meinetwegen verfluch mich, wenn du das willst. Du solltest um deinetwillen aber liegen bleiben und nicht wieder solchen Blödsinn machen, bis meine Mutter zurück ist“, erklärte er ruhig, womit sie jedoch überhaupt nichts anfangen konnte. Stattdessen starrte sie ihn auch weiter getrieben, verängstigt aber allen voran völlig verwirrt an.
„Was. . . Wie. . .“, keuchte sie noch immer furchtbar kratzig und versuchte aufs Neue, vor ihm wegzukriechen, was ihn innerlich seufzen ließ. Kurz darauf neigte er sich zur Seite, und machte ein Glas mittels Aguamenti voll, was sie argwöhnisch verfolgte. Ihre Verunsicherung wuchs sogar noch weiter, als er es ihr reichte.
Sie würde den Teufel tun und daraus trinken. Am Ende hatte er das Glas mit irgendeiner Giftmischung präpariert. Und genauso sah sie ihn auch an. Stur, verbissen, aufs höchste misstrauisch aber auch furchtbar verängstigt, sodass er mit den Augen rollte.
„Bei Merlin, Granger! Wenn ich dich hätte vergiften wollen, hätte ich die letzten Tage mehr als genug Gelegenheiten gehabt, als du bewusstlos warst“, stöhnte er entnervt auf, worauf sie leicht zusammenzuckte und das tat ihm leid. Allerdings hatte er sie jetzt bewusst wieder mit dem Nachnamen angesprochen, da er sich, aufgrund ihrer Reaktion, leider ziemlich sicher war, dass sie sich über eine plötzlich zu große Hilfsbereitschaft von ihm nur noch mehr wundern und ihm misstrauen würde, als wenn er sich halbwegs so gab, wie er sonst immer gewesen war. Nämlich kalt, arrogant, überheblich und distanziert.
Er sollte mit seiner Ahnung Recht behalten, denn nach einem kurzen Moment des Zögerns, ging ihre Hand zittrig in Richtung des Glases. Er reichte es ihr, setzte sich dann aber auch wieder auf die Kante des Bettes, um notfalls das Glas zu halten, denn ihre Hand zitterte gefährlich. Schließlich griff sie auch mit der Zweiten danach, um das Glas nicht fallen zu lassen.
Sie nahm erst nur einen kleinen Schluck, falls doch irgendwas faul schmeckte. Aber es war wirklich nichts weiter, als kühles, frisches Wasser, was sie am Ende recht gierig trank. Draco beobachtete es spitz und füllte das Glas unauffällig immer wieder auf, da er sich sicher war, dass sie ihn nicht einmal dann um mehr bitten würde, wenn sie völlig am Austrocknen war. Hermione merkte auch nicht, dass das Glas schon dreimal hätte leer sein müssen. Stattdessen stillte sie zur Gänze ihren Durst und verscheuchte damit etwas das Kratzen in ihrem Hals.
Schließlich nahm sie das erneut halb volle Glas runter und sank erschöpft in ihr Kissen. Dabei schloss sie für einen Moment die Augen, was Draco nutzte und ihr behutsam das Glas abnahm, bevor sie den Rest auf der Decke verschüttete, denn es hing bereits gefährlich in Schräglage.
Als er es ihr wegzog, blinzelte sie fertig in seine Richtung und musterte ihn nochmal kurz unauffällig. Am Ende kam sie zu dem gleichen Schluss, wie schon die Minuten zuvor. Er sah weder gesund noch erholt aus. Irgendwie ein bisschen wie sie sich fühlte. Nur warum? Was lief hier gerade falsch?
„Leg dich wieder hin“, mahnte er sie erneut zur Ruhe, was ihr absolut nicht in den Schädel ging. Er hatte gesagt, er wollte ihr helfen. Nur wieso? Warum auf einmal?
„Was hast du vor?“ Ihre Frage kam schneller, als ihr lieb war. Ja sie hatte ihn nicht einmal fragen wollen, zumindest nicht so direkt! Merlin nochmal. Hermione, dein Hirn besteht wirklich nur noch aus Mus.
„Hab ich dir doch gesagt“, gab er ihr ruhig zurück. Hermione schüttelte jedoch schwach mit dem Kopf, da es einfach nur absurd war. Kurz darauf sank sie leise stöhnend etwas weiter in ihrem Kissen zusammen, da es ihr erneut mehr im Kopf drehte. Draco sah es.
Er seufzte kaum hörbar und überlegte, wie er ihr die Sache halbwegs erklären konnte? Nebenher nahm er die Kompresse und legte sie ihr wieder auf die Stirn. Zuvor strich er ihr die verschwitzten Haare ein wenig beiseite und berührte dabei, wie zufällig, bewusst ihre Stirn mit den Fingerspitzen, was sie zucken ließ. Da nur einen Augenblick später das Tuch aber seinen Platz auf ihrer Stirn fand, und die scheinbar so bedrohlichen Hände von ihr wichen, beruhigte sie sich ein wenig.
„Hör zu“, begann er ruhig. „Ich weiß, du wirst mir nicht glauben, aber ich habe das alles nie gewollt.“ Da hatte er Recht. Sie glaubte ihm nicht, was er überdeutlich in ihrem Blick las und stattdessen anders ansetzte.
„Ich hab wirklich nichts Böses mit dir im Sinn. Wenn doch, hätte ich dir nie geholfen. Ich hätte dich nicht mit meiner Mutter aus dem Manor geschafft“, erklärte er, was sie nach wie vor nicht verarbeiten konnte. Was er ihr gerade gestand, war eindeutig zu viel für sie, dennoch sprach er weiter.
„Sie ist im Anschluss gleich wieder verschwunden, um mit dem Orden des Phönix Kontakt aufzunehmen, damit sie uns helfen. Dir“, fügte er zusätzlich an, da ihre Augen zunehmend größer wurden. Er hatte scheinbar einen kleinen Faden erhaschen können, über den er versuchte, sich mehr zu ihr vorzuarbeiten.
„Eigentlich müsstest du ins Mungos, nur würden sie uns dort sofort finden, weswegen meine Mutter zu jemandem wollte, der den Orden kontaktieren kann, damit du stattdessen zu ihnen kommst und sie dir helfen“, erklärte er ihr nochmal ruhig, sodass es hinter ihrer Stirn zu arbeiten begann, wie er freudig feststellte. Sie begann zu verstehen, weshalb er noch einen Schritt weiter ging und sich zu ihr beugte, bevor er ernster weitersprach.
„Das ist jetzt aber schon vier Tage her.“ „Was?“ „Wir sind vor knapp vier Tagen aus dem Manor verschwunden. Du warst seitdem die meiste Zeit bewusstlos. Wenn du doch kurz wach gewesen bist, warst du überhaupt nicht ansprechbar. Ich hab’s mehrmals versucht, du hast aber nie reagiert. Dir geht’s noch immer scheiße wegen den ganzen Flüchen. Das hab ich gestern erst wieder überdeutlich gesehen“, wurde er noch ernster, Hermione wiederum blasser, als sie zwangsläufig an all die Folter zurückdachte. Sie begann zu zittern, was Draco zum weiterreden animierte. Wenn sie sich dem Ernst der Lage bewusst war, würde sie ihm sagen, was er wissen musste, um ihr helfen zu können.
„Ich weiß nicht, was da noch gewesen ist. Fakt ist, dass du richtige Hilfe brauchst und nicht mein rumgedokter. Ich hab von sowas keine Ahnung weiter, andere aber. Die können dir besser helfen und ich. . . Wenn du mir sagst, wo ich hin muss, dann bring ich dich zu deinen Freunden. Ich bring dich zum Orden. Einverstanden?“, schlug er ihr vor und wartete auf ein Nicken. Doch es kam nichts.
Stattdessen rieselte seine Erklärung und der Vorschlag eigenwillig durch ihren Kopf, bevor sie etwas gänzlich anderes in seine Worte hineininterpretierte, denn ihr fiel siedend heiß wieder ein, dass Snape irgendwas von einem Plan erzählt hatte. Einer Falle für Harry und damit sicherlich auch den Orden. Sie war der Köder. Snape und Malfoy hatten sich das alles doch genau so zurechtgebastelt. Ein teuflischer Plan, womit sein plötzlich so ruhiges und scheinbar nettes Getue Sinn machte. Genauso die Tatsache, dass er sie angeblich aus dem Manor gerettet hatte. Pah!
Das war ein Trick! Er wollte sie mit ihrer Angst und den Schmerzen, die sie nach wie vor quälten, dazu bringen den Orden zu verraten. Bei Merlin, sie wäre wirklich fast darauf hereingefallen. Zum Glück hatte sie das Gespräch mit Snape und IHM noch so deutlich mitbekommen.
„Wo finde ich sie?“, bohrte Draco vorsichtig, da sie noch immer nicht geantwortet hatte. Doch sie sagte auch weiter nichts. Stattdessen wandelte sich ihr nachdenklicher Blick. Die nach wie vor müden und erschöpften Augen blickten ihn mit einem Mal eiskalt an, was ihn maßlos irritierte. Kurz darauf verdunkelte sich ihr Blick gefährlich, als sie ihm mit ruhiger aber dennoch eisiger Stimme zu verstehen gab: „Nur über meine Leiche.“ „Was?“, stutzte Draco und sah sie entsetzt, aufgrund ihrer Worte, an. Auch schüttelte er sich kurz, bevor er nochmal auf sie einredete.
„Was . . . was redest du denn da? Man, du brauchst Hilfe. Das sollte dir selbst am meisten klar sein! Du. . .“ „Spar dir das!“, zischte sie. „Lieber sterb ich, als das ich den Orden oder Harry an EUCH verrate!“ „WAS?“, schrie er nun wirklich entsetzt. Wie zum Teufel kam sie jetzt darauf?
„Ich hab dich durchschaut, Malfoy. Du und Snape, ihr wolltet mich als Köder für Harry benutzen! Snape hatte schon irgendwas gefaselt, von wegen mich irgendwo hinbringen, was nicht so eine Festung ist wie euer verfluchtes Manor! Irgendwo, wo Harry leichter an mich rankommt, was ja wohl das hier ist!“, deutete sie auf den Raum. Draco konnte sie aber noch immer nur entsetzt ansehen und schüttelte heftig mit dem Kopf.
Sicher, er hatte diese Idee gleich zu Anfang geäußert, aber doch nur, um Zeit zu schinden! Er hatte damit verhindern wollen, dass Bellatrix sie in ihrem kranken Wahn umbrachte. Er hatte sich so ein Zeitfenster erkauft, um sich einen Ausweg zu überlegen, oder bis Potter halt kam, um ihr zu helfen. Verdammt, woher wusste sie das überhaupt?
„Ich werd den Teufel tun und da ausgerechnet dir sagen wo der Orden ist!“, zischte sie weiter und sah ihn furchtbar verhasst an, was ihn fast durchdrehen ließ.
Verflucht nochmal, warum musste sie immer über fünf Ecken denken?! Konnte sie nicht einmal einfach gutgläubig sein und irgendetwas als Wahrheit hinnehmen, erst recht, wenn es tatsächlich auch die Wahrheit war? Merlin, diese sture Gryffindor machte ihn wahnsinnig! Am liebsten wär er jetzt mit dem Kopf gegen die Wand gerannt und hätte laut geschrien. Stattdessen drehte er sich zu ihr und versuchte ihr ihre Gedanken auszureden.
„Das ist absoluter Blödsinn! Du . . . du verstehst das völlig falsch!“, lehnte er sich noch weiter vor und damit ungewollt gefährlich zu ihr, worauf sie sich teils verängstigt, aber dennoch stur, mehr in ihr Kissen drückte und ihn auch weiter mit den dunklen Augen anfunkelte.
„Ich versteh das vollkommen richtig, Malfoy. Ich spiel euer Spiel aber nicht mit! Snape hat mir schon versucht einzusuggerieren, ich solle reden. Vorher beiß ich mir aber die Zunge ab, als das ich alle verrate, die mir wichtig sind! Das kannst du IHM auch noch sagen. Es ist mir egal, ob es dumm und einfältig ist, seine Freunde zu schützen. Dann bin ich eben dumm und einfältig. Das ist mir noch immer 1’000-mal lieber, als alles andere. Also hol endlich deine gestörte Tante, damit sie es zu Ende bringt. Oder noch besser, mach du es doch gleich!“, keifte sie ihn an, womit es unheilvoll in seinen Augen blitzte. Tödlich, sodass sie schluckte und die Augen zusammen kniff, um ihr Ende nicht auch noch sehen zu müssen. Nur einen Augenblick später hallte ein schier wahnsinniger Schrei durch das kleine Haus.
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