„Draco? Hey“, rüttelte Blaise seinen Freund immer stärker, nur schien der inzwischen ins Koma gefallen. Er reagierte kaum und schlief einfach weiter, was Blaise und Charlie überdeutlich zeigte, dass er mit den Kräften vollkommen am Ende war. Sie hätten ihn im Grunde auch gerne etwas länger schlafen lassen, nur wollten sie nicht noch mehr Zeit verlieren. Die ganze Situation würde dadurch nur noch komplizierter werden, als sie es ohnehin schon war.
„Lass mich mal“, schob Charlie Blaise weg und deutete mit seinem Zauberstab auf Draco, bevor er leise den Aufwachzauber murmelte. Doch selbst der tat seine Wirkung mehr schlecht als recht. Der Blonde blinzelte zwar kurz, machte aber gleich wieder die Augen zu, sodass Blaise nochmal zu ihm trat und letztlich richtig ins Ohr brüllte. „MALFOY!“ Daraufhin zuckte er zusammen und sah mit kleinen, dafür umso roteren Augen zu Blaise.
„Spinnst du?“, zischte er völlig verpennt, als sich Charlie einklinkte. „Der Trank ist fertig.“ „Trank?“, verstand Draco jedoch nicht gleich und gähnte erstmal herzhaft. Er hatte zudem das Gefühl, als würde sein Hirn zerfließen, mit dem er gerade versuchte sich an irgendetwas zu erinnern, als Blaise meinte: „Der für den Mindeater. Für Hermione.“ Damit war Draco schlagartig wach, saß allerdings viel zu schnell aufrecht, denn er begann Sterne zu sehen, genauso wie sich der Raum um ihn scheinbar drehte.
„Oh, scheiße“, murmelte er und presste die Hand fest an den Kopf, um dem plötzlichen Schwindel Einhalt zu gebieten. Charlie und Blaise beobachteten es unsicher. Am Ende sprach Charlie seine Befürchtungen aus, die ihm in den vergangenen beiden Stunden vermehrt gekommen waren.
„Willst du das wirklich machen?“ Auf die Frage schielte sein Freund ihn tödlich an, was Charlie konsequent ignorierte und stattdessen gleich nachsetzte. Und das unwahrscheinlich besorgt.
„Hör mal, ich versteh dich ja und alles aber. . . Man Draco, das ist nicht ungefährlich, sich in dem Geist eines anderen aufzuhalten und zu bewegen. Erst Recht, wenn dann noch zusätzlich so dunkle Magie im Spiel ist. Du hast keine Ahnung, was dich dort erwartet. Du weißt nicht, wie seine Magie wirkt, geschweige denn wie du diese Magie aus ihrem Geist lösen sollst. Und selbst wenn, du bist doch überhaupt nicht mehr in der Verfassung halbwegs klar zu denken. Blaise und ich, wir haben dich kaum wach gekriegt. Du . . . du könntest dabei drauf gehen!“, brauste Charlie ungewollt auf.
Sein Freund schwieg daraufhin auch kurz und ließ alles sacken, aber auch den Schwindel abklingen, bevor er recht leise „Ist mir egal“ murmelte. „Draco. . .“ „Nein. Es ist meine Schuld, dass es überhaupt erst so weit gekommen ist. Ich hätte viel früher etwas dagegen machen sollen. Ich hätte gar nicht erst zulassen dürfen, dass die sie so schwer verletzen.“ „Du hattest, was weiß ich wie viele gegen dich. Es grenzt doch schon an ein Wunder, dass ihr heil aus dem Manor herausgekommen seid“, meinte Blaise, während Draco ihn auf die Bezeichnung heil recht düster ansah.
„Hör zu, Hermione ist unsere Freundin und wir wollen ja auch, dass es ihr wieder gut geht. Aber nicht um jeden Preis! Wenn du deswegen drauf gehst, dass . . . dass. . .“, wusste Blaise nicht, was er sagen sollte, während Draco kurz ein kleines Lächeln über die Lippen huschte, bevor sich erneut dieser schwermütige Ausdruck auf seinen Zügen breit machte.
„Danke, aber. . . Mir ist das wirklich egal, wenn ich. . . Ich kann das einfach nicht mehr“, murmelte er geschlagen. „Was?“ „Alles! Die ganzen letzten Jahre und vor allem Monate und. . .“ Er seufzte und versank zunehmend in seinen Gedanken, als er seinen Freunden tonlos erzählte.
„Es macht für mich keinen Unterschied mehr, ob ich jetzt lebe oder . . . oder eben nicht. Ich. . . Ihr macht euch keine Vorstellung von dem, was ich in den letzten Monaten erlebt habe und mit ansehen musste. Hören musste.“ Vor allem in dieser einen Woche, ging es ihm gequält durch den Kopf, bevor er weiter meinte: „Ich krieg das nicht mehr raus.“ „Das hört irgendwann auf“, versuchte Charlie ihm ruhig klarzumachen, worauf er mit dem Kopf schüttelte.
„Das vergisst du nicht mehr. Davon abgesehen, . . . Wenn ich das mit Hermione hinbekomme und Potter dieses Monster vielleicht sogar noch erledigt, was denkt ihr, was danach passieren wird?“, sah er die Beiden bitter an.
„Na was soll dann schon sein? Frieden.“ „Ja. Wenn wir das alles überleben, was denkt ihr, werden sie mit mir machen? Einem Death Eater?“, wurde sein Blick noch verbitterter. Und das immer mehr, als seine Freunde ihm darauf nicht gleich eine Antwort gaben.
„Mini Weasley hat es gesagt. Sie werden mir nicht glauben, dass ich nichts damit zu tun haben wollte. Sie werden mit jedem kurzen Prozess machen“, brach seine Stimme ein wenig in sich zusammen, was Blaise mit dem Kopf schütteln ließ, bevor er ihm endlich energisch widersprach.
„Blödsinn! Sie können nicht alle über einen Kamm scheren. Man, du hast doch niemanden getötet oder gequält, oder?“ „Nein.“ „Also hör auf über so einen Schwachsinn nachzudenken. Du bist kein Death Eater, auch wenn du das Dunkle Mal hast. Und wenn die das nicht raffen, . . . Bevor es so weit kommt, da entführen Charlie und ich dich vorher nach Timbuktu oder sonst wohin. Klar?“, sah Blaise ihn eindringlich an, sodass sein rechter Mundwinkel kurz schwach nach oben zuckte. „Mach dich deswegen nicht alle“, meinte auch Charlie, zu dem er sah und ziemlich unkonventionell das Thema wechselte.
„Du hast den Trank fertig?“ „Was? Ich. . . Ja, aber. . .“ „Nix aber. Gib das Zeug her.“ „Draco. . .“ „Nein. Ich zieh das jetzt durch. Wenn ich dabei drauf geh, hab ich eben Pech gehabt. Ich werde aber bestimmt nicht tatenlos zusehen, wie sie stirbt, jetzt, wo wir eine Chance haben etwas dagegen zu machen“, funkelte er die Beiden wütend an, sodass sie ihre Versuche, ihn zur Vernunft zu bringen, endgültig einstellten.
„Da kann man nur hoffen, dass Hermione das zu schätzen und zu danken weiß“, murmelte Blaise müde, worauf Draco ihn bedrückt ansah. „Bevor sie mir irgendetwas dankt, muss ich erstmal die ganze Scheiße wieder geradebiegen, die ich in den letzten Jahren verzapft hab.“ „Na dann solltest du auch am Leben bleiben, damit du das geradebiegen kannst“, rieb ihm Charlie unter die Nase, bevor Blaise noch nachsetzte: „Oder willst du dich vor der Verantwortung drücken? Du wolltest ihr schließlich auch noch was erklären.“ „Ja.“ „Dann pass gefälligst auf, was du dann machst“, mahnte Charlie, womit die Drei ins Nebenzimmer schlichen. Nichts ahnend, dass man ihr Gespräch recht interessiert belauscht hatte.
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„Seid ihr soweit?“, richtete sich Tonks an die Jungs, kaum dass sie da waren. „Und . . . wie läuft das jetzt?“, sah Ginny unschlüssig zu Charlie, aber auch Draco maß sie verunsichert, der einen der Sessel richtig ans Bett schob und sich in diesen fallen ließ.
„Weiß ich auch nicht so genau. Wenn die Beiden den Trank intus haben, dann fallen sie in eine Art Koma.“ „Koma?“, stutzte Tonks und sah den Brünetten leicht entsetzt an. Charlie nickte.
„Ja. So entsteht die nötige Tiefe. Da Hermione, oder besser gesagt dieses Ding, auf das Dunkle Mal reagiert, sollten sie irgendwie direkt in Verbindung stehen. Am besten du hältst ihre Hand fest“, erklärte er Draco, der sich sofort das kalte Etwas nahm. Als er es tat, zuckten Hermiones Finger schwach. Sie begann ihn bereits jetzt zu spüren.
„Und dann?“ „Dann liegt es bei Draco“, murmelte Charlie und sah zu seinem Freund, zu dem Ginny ebenfalls blickte und letztlich trat. Unschlüssig.
„Was?“, murrte er leicht. Ginny suchte dann auch schon nach Worten, bevor sie einfach nur meinte: „Bring sie uns zurück und. . .“, brach sie jedoch ab und kaute ein wenig nervös auf ihrer Unterlippe herum, bevor sie den Rest doch wieder runter schluckte, was ihn fragend die Stirn runzeln ließ. Am Ende drehte er sich zu Charlie.
„Jetzt gib endlich das Zeug her“, forderte er. Kurz darauf flößte Blaise Hermione den Trank ein, während sich Draco die kleine Phiole zu Gemüte führte. Kaum dass der Inhalt weg war, da wurde es ihm auch schon unerträglich schwer im Kopf. Er blinzelte nur noch kurz, doch die Gesichter seiner Freunde begannen bereits zu verschwimmen, ebenso wie ihre Stimmen verhallten. Nur wenig später sank er halb auf dem Bett zusammen.
„Und jetzt?“, sah Ginny unsicher zu Charlie, der sich einen Stuhl ran zog und neben Draco Platz nahm. „Warten. Warten und darauf hoffen, dass er herausfindet, was er zu tun hat.“
Es war wie ein freier Fall. Zumindest fühlte es sich kurz so an, bis er sich irgendwo in einer scheinbaren Unendlichkeit wiederfand. Alles war dunkel, dann aber doch nicht. Er sah, wie irgendetwas um ihn herum aufblitzte.
Als er sich stärker darauf konzentrierte, wurden aus den Licht- und Farbschleiern Bilder, Geräusche sowie Gerüche. Szenen aus dem Leben. Ihrem Leben. Es waren ihre Gedanken, mehr noch ihre Erinnerungen. Angefangen mit ihrer Kindheit vor Hogwarts. Er sah, wie sie den Brief erhielt, mit dem sie anfangs völlig überfordert war, wo dann auch noch jemand aus dem Ministerium vorbeikam und ihr und ihrer Familie alles in Ruhe erklärte.
Er konnte das Leuchten in ihren Augen sehen, genauso die Begeisterung über diese Tatsache, die mehr und mehr wuchs. Diese Faszination, was ihn schwach schmunzeln ließ, bevor er sich wieder mehr auf das konzentrierte, weswegen er hier war.
Er musste dieses Ding finden und von ihrem Geist fernhalten, womit er durch die Bilder glitt, so aber nicht umhinkam, diese vielfältigen Eindrücke und Erinnerungen selbst etwas auf sich wirken zu lassen. Die ganzen einzelnen Schuljahre. Dass, was sie mit Potter und Weasley verband. Genauso, was sie mit den Beiden erlebt hatte. Was sie von ihm hielt, was kein Geheimnis war.
Eine spezielle Erinnerung erlebte er allerdings recht intensiv. Nämlich, als sie ihm im Dritten vor Wut die Faust ins Gesicht geschlagen hatte. Offensichtlich dachte sie oft daran, denn hier war es ihm wirklich so, als könnte er jeden noch so kleinen Aspekt selbst überdeutlich spüren. Vielleicht lag es aber auch nur daran, dass es eine seiner eigenen Erinnerungen war.
Am Ende ließ er auch diese hinter sich und suchte weiter, womit die Jahre, und alles, was in diesen vorgefallen war, immer stärker und schneller in einem wilden Farbspektakel an ihm vorüberzogen. Das vierte, fünfte sowie sechste Jahr und zum Schluss das, was nach dem Sechsten gekommen war und im Manor geendet hatte. Diesem ganzen Wahnsinn.
Als er selbst es erneut so deutlich vor sich hatte, ging ihm ein eisiger Schauer durch den Körper. Er fing an zu frösteln und bekam zunehmend Gänsehaut, während sein Atem Kondenswölkchen heraufbeschwor. Es umgab ihn ein Gefühl drückender Kälte und Verzweiflung. Hoffnungslosigkeit. Ein Gefühl, wie das der Dementoren.
So hatte sie es ihm beschrieben. Er musste diesem Ding bereits recht nahe sein, womit er weiter schlich und schließlich an einen Schleier trat, der mehr etwas von einer massiven Tür hatte. Eine, die ihm nur allzu bekannt war, denn es war die Tür, die in den Salon führte, worauf er schluckte.
Angst machte sich in ihm breit. Angst, vor dem was sich dahinter verbarg und damit den Dingen, die bereits passiert waren. Er fürchtete eine Wiederholung, was ihn zu lähmen begann, sodass er anfangs nicht bemerkte, wie sich nebelartige, schwarze Schatten durch die Türritzen zwängten und ihn langsam aber sicher einhüllten. Dabei begannen sie auch bei ihm etwas zu suchen. Erinnerungen an Dinge, die er mit aller Gewalt versucht hatte in Schubladen zu stecken, um sie zu verschließen und zu vergessen.
Diese alten Siegel brachen ohne Vorwarnung auf, sodass er sein knapp 12-jähriges Ich wie wahnsinnig schreien hörte.
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Selbst Muggel wie wir sollten diesen freudigen, freudigen Tag feiern! Jenen nämlich, da sich der Londoner Verlag Bloomsbury entschloss, die Manuskripte der britischen Autorin Joanne K. Rowling zum Druck anzunehmen und sie der breiten, nichtmagischen Öffentlichkeit zugänglich zu machen.