Was im Verborgenen liegt - Kriegsopfer
von Alex2303
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Mit einem richtig dicken Schädel, der schon etwas von einem Kater hatte, sowie einem unangenehmen Ziehen und Spannen im gesamten Körper, kam Hermione allmählich wieder zu Bewusstsein. Wo bin ich?, fragte sie sich, als sie furchtbar erschöpft die weiße Decke über sich betrachtete. Was war passiert?
Nur äußerst zäh kamen ihre Erinnerungen bruchstückhaft zurück. Die Schlacht um Hogwarts. Die Horcruxe. ER! Verdammt, was war passiert? Hatten sie gewonnen?
Es schien so, denn wenn nicht, würde sie nicht mehr Leben und wäre jetzt auch nicht nachhaltig versorgt. Sie registrierte jetzt erst nach und nach, dass sie in einem warmen Bett, in einem sauberen Zimmer lag. Vermutlich im St. Mungos, wo sie ihren Blick noch kurz schweifen ließ und sich letztlich versuchte aufzurappeln. Beinahe im gleichen Moment ging ihr jedoch ein unwahrscheinlicher Schwindel durch den Kopf, an den sie sich schließlich stöhnend fasste. Sie bemerkte da erst den dicken Druckverband, genauso wie sie die übrigen Verbände an ihren Armen und dem restlichen Körper entdeckte.
Wenig später fiel ihr auch wieder ein, wo und wie sie sich die ganzen Blessuren geholt hatte. Wer ihr diese unter anderem zugefügt hatte, sodass sie sich nun auch an den Rest erinnerte. An die Jungs, die ihr und Ginny am Ende zu Hilfe gekommen waren. Aber da war noch mehr, denn sie entsann sich nun wieder an jedes noch so kleine Detail.
Sie erinnerte sich an Malfoy. Daran, wie er sie angesehen und versucht hatte, sie zu beruhigen. Letztendlich hatte er sie einfach nur sicher in den Armen gehalten und ihr damit eine tiefe Ruhe verschafft. Sie hatte dieses Lächeln damit erneut vor Augen, genauso seine Augen. Sie sah einmal mehr diese tiefe Erleichterung, die sich den Platz mit einem sonderbaren Gefühl von Glück geteilt hatte. Verrückt.
Schließlich versuchte sie sich stärker auf sich und ihre eigentliche Umgebung zu konzentrieren. Dabei startete sie einen zweiten Anlauf, sich aufzusetzen, mit dem gleichen miserablen Ergebnis wie zuvor. Sie hatte kaum Kraft und begnügte sich vorerst damit, sich weiter umzusehen.
Eines der Fenster stand offen und ließ ein frisches Lüftchen herein, welches mit den cremefarbenen Vorhängen spielte. Auch war sie allein in ihrem Zimmer. Richtig allein. Es stand kein weiteres Bett in diesem, sondern nur zwei Stühle, direkt an ihrem Bett. Neben denen entdeckte sie noch einen kleinen Zweisitzer, mit einem Kaffeetischchen und zwei bequemen Ledersesseln, die an der Wandseite zum Fenster standen. Auf dem Tisch selbst stand ein dicker, bunter Blumenstrauß, aus dem eine Karte hervorragte.
Vermutlich von den Jungs, dachte sie und setzte ihre Erkundungstour mit den Augen fort. Nur gab es kaum mehr etwas zu sehen. An der einen Seite befand sich noch ein voluminöser Kleiderschrank, ebenso wie zwei Türen abgingen. Eine gehörte wahrscheinlich zum Bad, während die andere nach draußen führte. Das Einzige, was ihre gesteigerte Aufmerksamkeit erweckte, war der Zauberstab, der neben dem Bett auf einem der kleinen Tischchen lag. Sie brauchte etwas, bis sie ihn erkannte, aber es war ihr eigener. Den hatten ihr damals doch die Greifer abgenommen?
Irritiert angelte sie schwerfällig danach, bekam ihn schließlich aber zu fassen und strich kurz über das feine Blattmuster. Es war tatsächlich ihrer, was sie angenehm überraschte. Letztlich deutete sie mit ihm auf die Blumen, vornehmlich die Karte. Vielleicht erklärte die ihr die ganze Sache ja besser, obwohl es im Grunde nichts zu erklären gab. Sie lag verarztet im St. Mungos, was nur heißen konnte, dass sie die Schlacht um Hogwarts gewonnen hatten. Hatte Malfoy das nicht auch noch gesagt? Dass es vorbei war? Alles gut war? ER weg war?
„Accio Karte“, murmelte sie schließlich, womit das Kärtchen zu ihr ans Bett flog, sodass sie die Genesungsnotiz lesen konnte. Diese war, anders als anfangs gedacht, aber nicht von Harry und Ron, sondern von Blaise und Charlie.
Hallo Prinzessin,
ich hoffe, es geht dir wieder besser.
Du sahst ganz schön ramponiert aus.
Daniel meinte aber, das wird alles wieder,
also mach dir keinen Kopf.
Charlie und ich versuchen in nächster Zeit vorbeizukommen,
allerdings gibt es noch ein paar Sachen richtigzustellen.
Insofern, kurier dich schön aus.
Wir sehen uns.
Liebe Grüße und gute Besserung,
Blaise und Charlie
Kaum dass sie die Notiz gelesen hatte, begann es ihr auch schon leicht in den Augen zu jucken, aus denen sich zwei drei kleinen Tränchen ihren Weg ins Freie suchten.
Die Beiden waren wirklich lieb. Sie hätte echt nicht gedacht, dass sie in zwei Slytherins jemals so gute Freunde finden würde. Wobei. . . Eigentlich waren es inzwischen nicht mehr nur diese Beiden, auch wenn es verrückt war. So wie sich Malfoy seit ihrer Flucht aus dem Manor ihr gegenüber allerdings verhalten hatte, vor allen voran, als es richtig darauf ankam, das kam der Fürsorge von Blaise und Charlie unheimlich nahe. Erst recht, wenn sie an das zurückdachte, was sicher kaum 24 Stunden hinter ihr lag. Er hatte sie während der Schlacht mehr als einmal gerettet und sich im Nachhinein deutlich um sie bemüht. Eben wie ein . . . Freund.
Sie hatte diesen Gedanken in den letzten Wochen bereits öfters gehabt. Die leicht aberwitzige Vorstellung, dass er ihr ebenfalls so ein Freund sein könnte, wie Blaise und Charlie. Damit ging die Tür leise auf, in der vorsichtig ein roter Schopf auftauchte. Dieser begann unweigerlich zu lächeln, als sie sah, dass ihre Freundin endlich wach war.
„Mione, hey“, trat Ginny sofort zu ihr. Hinter ihr Harry und Ron, auf deren Züge sich ebenso etwas Erleichtertes stahl, wie in Ginnys, wenngleich tief in den Augen der Geschwister noch deutlich die Trauer um den Verlust ihres Bruders lag. Inzwischen war Ginny ganz bei Hermione und schloss sie in die Arme, was ihr Ron und Harry gleichtaten, wo sie von den Beiden dann auch noch ein Küsschen auf die Wange bekam.
„Wie geht’s dir?“, erkundigte sich Ginny und nahm ihre Hand. Hermione konnte in der ersten Sekunde aber nicht anders, als ihre Freunde glücklich anzusehen. Es ging ihnen gut. Sie waren unverletzt.
„Gut, eigentlich. Was ist mit dir?“ „Mir?“ „Dein Kopf“, erinnerte Hermione sie, worauf Ginny abwinkte. „War gar nichts weiter. Bloß eine dicke Platzwunde. Haben Madam Pomfrey und Charlie gleich wieder hinbekommen“, grinste sie kurz schwach, bevor sie sich auf den Rand des Bettes setzte, während die beiden Jungs auf den Stühlen Platz nahmen.
„Wir haben uns da mehr Sorgen um dich gemacht. Du hast eine schwere Gehirnerschütterung, Süße.“ „Meinem Kopf geht’s gut. Bloß ein bisschen schwindlig.“ „Deswegen schonst du dich jetzt auch noch. Daniel meinte, du sollst noch eine Weile Bettruhe halten.“ „Hab ich schon gelesen“, hielt sie Ginny schmunzelnd die Karte von Blaise und Charlie hin, worauf Ron angefressen das Gesicht verzog. Harry versank wiederum etwas in seinen Gedanken und auch Ginnys Lächeln nahm kurzzeitig eine bedrückte Nuance an. Hermione war klar, dass das an den Verlusten liegen musste, die sie alle hatten hinnehmen müssen. Besonders die Weasleys.
„Wie geht’s George?“, fragte sie vorsichtig, worauf sich Ginny und Ron gedrückt ansahen, bevor Ginny meinte: „Nicht gut. Er hat sich weggeschlossen. Wir kommen überhaupt nicht an ihn ran. Und Mom, . . . Sie versucht es zu verstecken und stark zu sein, aber. . .“, brach Ginny ab, in deren Augen es feucht zu glitzern begann.
„Es tut mir so leid“, entschuldigte sich Hermione, auch wenn niemand etwas für das konnte, was passiert war. Dennoch tat es ihr furchtbar weh, ihre Freundin so zu sehen, genauso Ron. Ginny schüttelte allerdings mit dem Kopf und zwang sie wieder zu einem kleinen Lächeln.
„Das ist doch nicht deine Schuld, Süße. Wir haben alle gewusst, dass es für jeden von uns lebensgefährlich werden kann, wenn wir kämpfen. Dass es Opfer geben wird, und. . .“, wieder brach sie ab, holte tief Luft und setzte neu an.
„Ich denke nicht, dass Fred wollte, dass wir uns jetzt so sehr der Trauer hingeben, sondern uns lieber freuen, dass es vorbei ist“, lächelte Ginny matt. „Sicher. Nur. . . Es ist völlig in Ordnung zu trauern. Ihr solltet das nicht in euch hineinfressen.“ „Glaub mir, die Heulphase hatte ich bereits in den letzten Tagen“, lächelte Ginny ein weiteres Mal matt. Hermione kam jedoch nicht umhin, sie verwirrt anzusehen.
„Wie, Tage? Was meinst du? Wir haben gestern doch erst. . .“ „Nein“, unterbrach Ginny sie kopfschüttelnd und sah nun wieder mit größerer Sorge zu ihrer Freundin, deren Hand sie behutsam drückte.
„Der Kampf ist schon ein paar Tage her.“ „Tage?“, sah Hermione die Drei leicht geschockt an. Harry nickte, während Ginny fortfuhr. „Du warst die letzten fünf Tage bewusstlos und da. . .“ „WIE BITTE?“, entwich es Hermione entsetzt, die ihre Freunde abwechselnd ansah. In den Gesichtern der Drei lag nun auch wieder verstärkt die Sorge, wo schließlich Harry das Wort ergriff.
„Wir hatten bereits Angst, dass sie dich mit irgendwelchen speziellen Flüchen belegt haben. Dieser Harper. . .“ „Daniel“, verbesserte Ginny ihren Freund, der allerdings nicht näher darauf einging. „. . . meinte, es wäre wohl nichts dergleichen, sondern nur die Gehirnerschütterung und die Folgen des Cruciatus. Die Tränke, die sie dir verabreicht haben, scheinen noch ihr übriges getan zu haben, dass du so lange weg warst.“ „Es war auch nichts. Also. . . Keine unbekannten Flüche.“ „Fluch ist Fluch!“, brauste Ron dann mal auf, den Harry mit einem schnellen Griff am Arm jedoch zur Ruhe zwang. Hermione sah zu Ginny.
„Und sonst? Wie geht’s jetzt überhaupt weiter? Wie geht es den Anderen?“ Daraufhin trat erneut ein etwas angespanntes Schweigen ein, was Hermione wieder leicht verunsicherte und das Schlimmste ahnen ließ.
„Haben sie . . . haben sie noch mehr getötet?“ „Einige, ja“, murmelte Harry gedrückt, was Hermione erstmal sacken ließ, bevor sie vorsichtig fragte: „Wen?“ „Unter anderem Colin Creevey. Er hat sich nicht evakuieren lassen.“ „Und von unseren Freunden? Geht’s Luna und Neville gut?“ „Neville war ganz schön ramponiert. Er hat starke Verbrennungen, aber die heilen. Er ist zu Hause. Unseren Freunden geht es soweit eigentlich gut. Es sind viele verletzt worden, aber sie leben“, lächelte Ginny nun wieder mehr, worauf Hermione nickte und sich in ihr Kissen sinken ließ, wo sie gedankenverloren mit dem Kärtchen spielte. Auf diesem standen allerdings nur die Namen von Blaise und Charlie, wie sie ein wenig enttäuscht feststellte. Kurz darauf fiel ihr Blick auf ihren Zauberstab, bevor er zurück zu Ginny glitt.
„Habt ihr mir den zurückgeholt?“, deutete sie darauf, worauf Ron missbilligend das Gesicht verzog, was Hermione aufs Neue verwunderte, als Ginny ihr antwortete. Und das ein leicht unsicher.
„Nein, das. . . Blaise hat ihn gestern vorbeigebracht. Malfoys Mutter hat ihm den Zauberstab gegeben“, erklärte Ginny knapp, worauf Hermione nickte, damit aber erneut an den Blonden dachte, der sie während der Kämpfe mehrmals gerettet hatte. So auch zum Schluss. Sie war in seinen Armen weggenickt.
„Und . . . was . . . was ist mit . . . mit Malfoy?“, fragte sie behutsam, ihre Freunde schwiegen jedoch. Ginny fing allerdings an, nervös auf ihrer Unterlippe herumzukauen, was Hermione nicht gerade beruhigte. Zwar wusste sie, dass das Thema Malfoy ein Reizthema war, vor allem jetzt. Dennoch wollte sie, aufgrund der Dinge die waren, wissen, wie es ihm ging. Er war schließlich auch stärker verletzt.
„Was ist mit ihm?“, fragte sie nochmal und richtete sich etwas in ihrem Kissen auf. Eine Antwort bekam sie aber noch immer nicht. So wie es aussah, schien Ginny jedoch um die richtigen Worte bemüht, was sie das Schlimmste fürchten ließ.
„Was. . . Lebt er?“, wurde sie leicht aufgekratzt, worauf Ginny knapp nickte, was Hermione für einen kurzen Moment beruhigte. Ron derweil nuschelte unverständlich, dafür umso wütender, was für Hermione wie ein „Leider“ klang.
Dass Ron ihm scheinbar den Tod wünschte, war ihr klar. Wahrscheinlich hing es auch teils mit dem Verlust um Fred zusammen. Einer seiner Brüder war tot, während Malfoy, den er abgrundtief hasste, lebte. Er sah es vermutlich als ungerecht an, was sie einfach so hinnahm. Was ihr die Ruhe jedoch wieder nahm, war Ginnys Mimik, in der etwas seltsam Gequältes lag. Da war noch mehr, was sie ihr anscheinend nicht gewillt war zu sagen. Etwas, was offensichtlich mit dem Blonden zu tun hatte.
„Aber?“ „Nichts“, gab Ginny ihr rasch zurück. Für Hermiones Geschmack zu schnell und auch zu hektisch. Sie verheimlichten ihr etwas.
„Ich bin nicht blöd, Ginny. Hier stimmt doch was nicht.“ „Es ist nichts“, wollte die Rothaarige sie beruhigen, doch dafür schimmerte in ihrer Mimik zu stark eine leise Nervosität, die Hermione aufscheuchte.
„Blödsinn. Was ist passiert? War noch etwas, nachdem es mich weggeleiert hat?“ „Nein“, gab Ginny ihr auch weiter knapp zurück. In ihrer Stimme schwang jedoch deutlich eine leichte Unruhe mit, die Hermione nun wirklich aufregte. Sie wollte wissen, was hier los war!
„Was ist noch passiert? Ihr verschweigt mir doch etwas. Was ist mit ihm? Wo ist er?“, brauste Hermione ein wenig auf, was alles andere als gut für ihren Kopf war. Allerdings versuchte sie den Schwindel niederzuringen. Sie musste wissen, was los war. Was mit ihm war. Sie würde sonst keine Ruhe finden.
„Jetzt sagt schon!“, schrie sie die Drei an, worauf Ginny wie geschlagen zusammenzuckte. Harry verzog nur verbissen das Gesicht, während Ron ihr den Gefallen tat und mit den nackten Tatsachen herausplatzte, die ihm so voller Genugtuung über die Lippen kamen, dass Hermione schauderte.
„Wo soll er schon sein? Da wo er hingehört. In Azkaban!“ „WAS?“, schrie Hermione völlig entsetzt und wurde schlagartig bleich. Ihr Herz begann verstört zu rasen, als diese Information gänzlich in ihrem Geist ankam. Alles, was damit verbunden war.
„RON!“, fuhr Ginny ihren Bruder kurz darauf wütend an, da sie es auch nicht als gerecht ansah, dass man ihn mit den ganzen Death Eatern mitgenommen und weggesperrt hatte. Sie hatte in Arizona schließlich überdeutlich gesehen, dass er völlig anders konnte, wenn er wollte. Er war da nicht dieses arrogante und fiese Arschloch gewesen, was sie kannten. Eher das Gegenteil, auch wenn er sich die Zeit, als es Hermione wieder besser ging, aufs Neue mit ihr gezofft hatte und ihnen allen am Ende konsequent aus dem Weg gegangen war. Als es aber darauf angekommen war, war er plötzlich zur Stelle. Er hatte ihrer Freundin das Leben gerettet, wie auch ihr selbst. Und das mehr als einmal.
Er hatte mit ihnen gekämpft, was auch Harry zugeben musste. Er hatte so vielen geholfen. Er hatte niemanden auf ihrer Seite getötet oder verletzt, sondern ihre Feinde. Ihrer aller Feinde, die nach SEINEM Fall nun in Azkaban saßen und auf ihre Urteilsvollstreckung warteten.
Nur hatten die zuständigen Auroren ihn zusammen mit den anderen gekennzeichneten Death Eatern, wie auch sonstigen Anhängern Voldemorts, mitgenommen, obwohl sie noch versucht hatten dagegen zu reden. Sie, Tonks, Remus, Minerva und selbst Harry hatte den Mund aufgemacht. Nur hatte niemand an diesem Morgen Gehör gefunden.
„Das ist nicht wahr“, stammelte Hermione noch immer bleich vor Entsetzen und sah schließlich zu Ginny. „Das haben sie nicht. Sie haben ihn nicht wirklich dort hin. . .“ „Doch“, gab die Rothaarige ihrer Freundin leise, wie auch bedauernd zurück, die verzweifelt mit dem Kopf schüttelte.
„Wieso?“, konnte sie es einfach nicht verstehen, sodass es erneut aus Ron herausplatzte. „Wieso? Das ist jetzt nicht dein Ernst?!“ „Ron“, mahnte Harry leise, doch der Rotschopf schimpfte weiter.
„Er ist ein Death Eater! Er gehört zu denen!“ „Ron!“, fuhr Harry ihm nochmal über die Zunge und auch Ginny spießte ihn mit Blicken auf, was er gänzlich auszublenden wusste. Stattdessen verkündete er, was seiner Meinung nach Richtig war.
„Die Auroren haben alle nach der Schlacht einkassiert, damit diesen Bastarden endlich der Prozess gemacht wird und sie das bekommen, was sie verdienen!“ „Verdammt, RON!“, schrie Harry ihn nun wirklich an, da Hermione, mit jedem Wort, was er sprach, noch immer bleicher wurde. Sie fing an zu zittern, während sich in ihre Augen ein schmerzliches Entsetzen stahl, was ihn daran zweifeln ließ, dass sie mit ihrem Geist überhaupt noch hier war.
„Das ist nicht wahr“, flüsterte sie erneut kaum hörbar und sah verstört zwischen Ginny und Harry hin und her. „Das . . . das können sie nicht machen. Auch wenn er das Mal hat, er hat doch nichts getan.“ „Nichts getan?!“, brauste Ron aufs Neue auf und fing an Hermione zusammenzuschreien.
„Dieses Arschloch hat uns alle die ganzen Jahre schikaniert, gedemütigt und uns Steine in den Weg gelegt. Er hat jeden wie den letzten Dreck behandelt, vor allem dich, falls du das vergessen hast!?“, fauchte er sie an, worauf sie ein wenig zusammenzuckte. Als sie ihm etwas entgegensetzen wollte, polterte er bereits weiter.
„Er ist keinen Scheißdreck besser als diese Bastarde, die er am Ende ja auch noch in die Schule gelassen hat! Und dafür kriegt er jetzt endlich die gerechte Strafe! Er verdient nichts anderes, als das sie ihn dort verrotten lassen!“ „Ron verdammt, es reicht!“, versuchte Harry ihn nun lauter zur Räson zu ziehen, da er sich zunehmend in Rage redete, denn sein Gesicht war mittlerweile Purpurrot.
„Was? Nur weil ich die verfluchte Wahrheit sage? Ich versteh echt nicht, warum ausgerechnet du dieses schmierige Frettchen jetzt tatsächlich noch in Schutz nimmst?“, richtete er sich mit dem letzten Satz wieder an Hermione, die Ginny tröstend in den Armen hielt. Aus ihren Augen kamen bereits dicke Tränen, als sie Ron ansah und ihn nun ihrerseits völlig fertig anschrie.
„Weil ich ohne ihn nicht mehr leben würde!“ Daraufhin wollte Ron etwas erwidern, doch ging ihm der Mund nur kurz auf und wieder zu. Stattdessen trat ein wildes Flackern in seinen Blick, während es auch weiter schmerzlich aus Hermione herausbrach.
„Er hat mich mit seiner Mutter aus diesem Horror Haus geholt. Du hast doch keine Ahnung, wie schrecklich das war! Was sie mit mir gemacht haben! Ich wollte nur noch sterben, damit es endlich aufhört. Verdammt, ich hab gehofft, dass du und Harry einen Weg findet, um mir zu helfen. Aber ihr seid nicht gekommen!“, warf sie ihm ungewollt vor, worauf Harry bitter schluckte. Ron funkelte sie nur wütend an, als sie weiter sprach.
„Stattdessen hat er mir geholfen. Er hat versucht, sich dort irgendwie um mich zu kümmern, ohne, dass es einer merkt. Er hat mir ein paar Heiltränke gebracht und mir versprochen, mich aus dieser Hölle rauszuholen, was er dann ja auch gemacht hat. Er war für mich da. Er, von dem ich sonst immer gedacht habe, er würde nochmal mit Freuden nachtreten, wenn ich am Boden liege. Er war da. Er hat mich gerettet. Er hat sich um mich gekümmert und damit riskiert, von den Death Eatern, von seinem eigenen Vater und seiner schrulligen Tante, getötet zu werden. Er hat dafür gesorgt, dass ich Hilfe von Charlie bekomme. Er hat den Fluch gefunden, der mich fast umgebracht hätte. Er hat den Fluch von mir genommen und wäre dabei selbst fast draufgegangen.“ Damit fiel ihr Blick wütend auf Harry.
„Er hat dir gesagt, wo ihr die letzten beiden Horcruxe finden könnt. Ist doch so?“ Daraufhin zuckte Harry ertappt zusammen und sah Hermione etwas verwundert an, während Ron entgeistert zwischen Hermione und Harry hin und her schaute.
„Blödsinn!“, fiel Ron Hermione letztlich ins Wort, die ihn zornig ansah. „Das ist kein Blödsinn, Ronald! Deine Mutter hat mir gesagt, dass er kurz vor unserer Abreise noch mit Harry über irgendetwas geredet hat und das ihr. . .“, sah sie zurück zu Harry. „. . . nur einen Tag später wieder verschwunden seid, weil du neue Hinweise hättest. Wenn Malfoy es dir nicht gesagt hat, woher wusstest du es dann?“, fauchte sie, sodass er es wehleidig zugab.
„Du hast ja Recht.“ „WAS?“, schrie Ron Harry halb ins Ohr, worauf er den Rothaarigen genervt ansah, bevor er zurück zu Hermione blickte, der noch immer die Tränen über die Wangen kullerten.
„Ich wusste erst nicht, was ich davon halten soll. Ob es ein Trick ist. Es schien mir am Ende aber irgendwo ein bisschen logisch. Mir ist in der Nacht dann auch noch etwas eingefallen. Ich hatte das Diadem im Sechsten im Raum der Wünsche ja schon einmal in der Hand gehabt.“ Daraufhin sahen die Freunde ihn verwirrt an.
„Was . . . wie. . .“, stammelte Ron, als Harry seufzte und ihm erklärte. „Nachdem ich Malfoy mit dem Sectumsempra verletzt habe, hab ich den Halbblutprinzen im Raum der Wünsche versteckt, damit Snape das Buch nicht findet. Ich wollte es später allerdings wieder holen und hab eine hässliche Büste drauf gestellt, der ich das Diadem aufgesetzt hab, um sie von den anderen wiederzuerkennen. Malfoy konnte davon unmöglich etwas wissen, weswegen ich es für wahrscheinlich hielt, dass er bei dem Kelch auch nicht gelogen hat. Und ihn bei Gringotts in einem Verlies zu sichern war naheliegend. Dort konnte eigentlich niemand reinkommen.“ „Ihr seid aber reingekommen“, erinnerte Hermione ihn, worauf Harry nur tief durchatmete.
„Ja. Frag aber nicht wie. Wir haben die Wochen zuvor alles ausgekundschaftet. Es war am Ende Glück, dass Lestrange aufgetaucht ist. Wir konnten uns mit dem Tarnumhang an sie dranhängen. Dass wir den Trinkpokal in dem Chaos danach aus dem Verlies bekommen haben, war der pure Wahnsinn“, schauderte er noch immer leicht, womit Hermione wieder auf den eigentlichen Punkt zu sprechen kam.
„Malfoy hat uns geholfen. Mir, Ginny und euch, indem er dir die Hinweise gegeben hat. Er hat Crabbe und Goyle im Raum der Wünsche von uns abgelenkt. Er hat mit uns gekämpft. Er hat Ginny und mich vor seiner gestörten Tante und Greyback gerettet, ansonsten wären wir tot“, sah sie nochmal wütend zu Ron, der kleinlaut vor sich hin blubberte.
„Er hat versucht uns aus der Schusszone rauszuhalten und sich am Ende auch noch gegen seinen Vater gestellt. Welche dieser Dinge rechtfertigen es, ihn in Azkaban wegzusperren?“, kamen ihr wieder mehr die Tränen, womit Ron auf sein ausschlaggebendes Argument zurückkam.
„Er ist ein Death Eater. Er hat das MAL!“ „NA UND?!“, schrie Hermione ihn erneut an. „Er hat das scheiß Mal. Ja! Habt ihr euch aber mal eine gottverdammte Sekunde lang ernsthaft gefragt, ob er selbst das wirklich wollte?“ „Oh, bitte“, stöhnte Ron genervt, was Hermione zur Weißglut trieb. Harry und Ginny hingen wiederum etwas ihren Gedanken nach, während Hermione auch weiter mit Ron stritt.
„Du willst es echt nicht verstehen!?“ „Was verstehen? Was für ein Arschloch er ist?“ „Das ist eine Sache! Es ist eine Sache, wie er uns in der Schule behandelt hat. Das war aber nicht nur er, sondern auch andere! Die Sache mit den Death Eatern ist etwas völlig anderes. Auch wenn du das nicht hören oder verstehen willst, ich glaube ihm, dass er das gar nicht wollte. Blaise hat mir vor ein paar Wochen noch gesteckt, dass sein Vater ihn dazu gezwungen hat. Und so wie ich ihn erlebt habe, dann kann ich mir das lebhaft vorstellen. Der alte Malfoy ist ein Tyrann. Ein Monster, das wirklich über Leichen geht und dabei noch nicht einmal vor dem eigenen Sohn zurückschreckt, weil er versucht hat, sich gegen diese Dinge aufzulehnen! Du wirfst ihm vor, dass er die Death Eater in die Schule gelassen hat? Das werfe ich ihm genauso vor, nur hab ich mich mit der Zeit angefangen zu fragen Warum? Ich hab ihn gefragt, warum. Er meinte, er hätte keine Wahl gehabt. Vermutlich hätten sie ihn umgebracht, wenn er nicht mitgespielt hätte. Ich will dich mal in so einer Situation sehen, wenn man dir das Messer auf die Brust setzt und sagt, töte oder du wirst getötet. Es ist immer einfach, über Dinge zu urteilen, ohne hinter den dunklen Vorhang zu sehen. Ohne verstehen zu wollen, was sich hinter allem verbirgt. Aus welchen Gründen ein Mensch handelt. Ob nun aus freien Stücken oder weil er mit aller Gewalt dazu gezwungen wird!“ Damit drehte sie sich von Ron weg und sah verweint zu Harry.
„Ich weiß, du hasst ihn. Aber kannst du nicht irgendwie mit dem Ministerium reden? Er hat doch keine Unschuldigen getötet und gefoltert. Nur weil er das Mal hat und . . . und wegen der Sache mit den Death Eatern in der Schule da. . . Sie können ihn doch nicht nur deswegen mit all diesen Monstern in einen Topf stecken“, kamen ihr wieder mehr die Tränen. Harry verzog auf ihre Worte allerdings verbissen das Gesicht.
„Harry, bitte. Das hat er nicht verdient.“ „Der kommt sowieso schon zu milde weg!“, zischte Ron erneut, womit sie noch immer verheult zu dem Rotschopf blickte, der verächtlich schnaubte.
„Ihn dort einzusperren hältst du für milde?“, entwich es Hermione gequält, die sich keine Vorstellung davon machen wollte, wie grausam es auf der Gefängnisinsel mit den Dementoren zuging. Das würde er nicht lange durchhalten. Er würde daran zerbrechen und elendiglich zugrunde gehen.
„Er hat aber Recht“, mischte sich dann ausgerechnet Ginny leise dazwischen, sodass Hermione nicht umhinkam, ihre Freundin entsetzt anzusehen.
„Du denkst auch, dass das Richtig ist? Ihm das anzutun?“ „Ja. Nein. Hör zu, sie. . . Nach allem was war, da . . . da will das Ministerium wohl ein Exempel statuieren, damit es nie wieder zu so etwas kommt. Und da. . .“, brach Ginny jedoch ab, da sie allein auf die bloße Vorstellung dessen schauderte, was Hermione noch mehr verstörte.
„Was?“, fragte sie zittrig, wo nun Harry ruhig weiter sprach. „Die führende Leitung des Gamots hat gleich nach dem Kampf ein Schnellurteil über alle gefällt, die Voldemort zugehörig waren und das Mal tragen. Sie werden alle mit der Zeit den Kuss der Dementoren erhalten.“ Daraufhin wurden Hermiones Augen vor Entsetzen groß, genauso wie sie beängstigend zu zittern begann. Ja es schmiss sie förmlich, während sich ihre Gedanken immer stärker jagten.
Das konnten sie nicht machen. Das konnten sie ihm nicht antun. Sie konnten ihm nicht seine Seele nehmen. Das war mehr als grausam. Es war falsch. So falsch wie nur irgendetwas sein konnte.
„. . . Hermione!“, hörte sie Ginnys Stimme plötzlich weit weg, wie durch Wasser, panisch in ihren Ohren nachhallen. Sie bemerkte es jetzt erst, aber sie kriegte schlagartig keine Luft mehr. Ihr stach es unerträglich in den Lungen, aber auch im Herzen. Es waren hundert heiße Messerstiche, die sie auf einmal in diesem spürte. Sie hatte das beklemmende Gefühl, jemand würde ihr in die Brust fassen und ihr das Herz zerquetschen, was es nur noch gequälter hämmern ließ.
„ . . .mione! . . .icht . . . Jah. . . auf. . .“, echoten ihr nur noch Bruchstücke von Ginnys panischer Stimme in den Ohren nach, als sich ihr Kopf von selbst in Watte einpackte. Nur einen Augenblick später verschlang sie eine alles verzehrende Dunkelheit und Kälte.
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Samstag, 01.07.
Freitag, 02.06.
Mittwoch, 24.05.
Der Unterschied zwischen Evanna und den übrigen Kandidatinnen ist der: Die anderen können Luna spielen; Evanna Lynch ist Luna.
David Heyman über Evanna Lynch