Als die neun Personen am Zimmer angelangt waren, wurde es dort recht voll. Andromeda deutete der Meute allerdings still zu sein, denn nebst Teddy schlief auch Draco, um den sich Daniel erstmal kümmerte, während Tonks sich ihr Baby behutsam nahm. Andromeda trat dann zu ihrer kleinen Schwester, die sich ihrerseits nach ihrem Sohn erkundigte.
„Er ist vor zwei Stunden eingeschlafen. Er hat ziemlich . . . erschöpft auf mich gewirkt“, versuchte die Brünette zu erklären, wo Charlie „Kein Wunder bei dem ganzen Stress“ murmelte. Es war vollkommen normal, dass die Geschichte noch zusätzlich an seinen Nerven zehrte, obwohl er hier im Mungos soweit seine Ruhe hatte. Damit war Daniel wieder bei den Freunden.
„Ist irgendetwas?“, sah Charlie zu seinem Vater, der mit dem Kopf schüttelte. „Alles soweit in Ordnung, nur. . . Lasst ihn schlafen. Ihr könnt ihm morgen in Ruhe alles erzählen. Er hat noch immer Fieber und ist nach wie vor ziemlich ausgelaugt. Er braucht auch weiter Ruhe. Keinen Stress. Verstanden?“, maß er die beiden Jungs eindringlich, die knapp nickten.
Damit löste sich die Gruppe vorzeitig doch recht schnell auf. Tonks verschwand mit Remus und Andromeda. Genauso Ginny und Harry, sowie Daniel. Am Ende lieben nur Blaise, Charlie, Hermione und Narcissa übrig, die sich rings um das Bett platzierten und eine Zeit lang schwiegen. Irgendwann durchbrach Narcissa jedoch die Stille und richtete sich leise an Hermione.
„Ich möchte mich noch einmal bei Ihnen bedanken. Dafür, dass Sie so viel für Draco getan haben.“ Während Narcissa sprach, schielte die Löwin nur kurz zu der blonden Hexe, bevor ihr Blick zurück auf Draco fiel. Es war eine Reaktion, die Narcissa verunsicherte. Allgemein.
Sie wusste einfach nicht, wie sie Hermione nun anfassen sollte? Wie sie der jungen Hexe am besten begegnen sollte? Zu Beginn der Verhandlung hatte sie eine resolute, selbstbewusste, starke junge Frau vor sich gehabt. Jetzt wirkte sie teils wie eine alte, erschöpfte Frau, zeitgleich aber auch wie ein völlig unscheinbares, kleines, zerbrechliches Mädchen.
„Wenn es irgendetwas gibt, was ich für Sie tun kann, bitte lassen Sie es mich wissen. Ich. . . Wir stehen zutiefst in Ihrer Schuld. Ich will mir nicht vorstellen, was mit Draco werden würde, wenn Sie ihn nicht so gut verteidigt hätten und. . .“ „Das Gremium hat sein Urteil noch nicht gesprochen“, unterbrach Hermione erschöpft, wie auch gedrückt den Redefluss Narcissas, die auf diesen einen Satz kurz schluckte. Blaise klinkte sich allerdings gleich aufmunternd dazwischen.
„Das wird schon. Du hast doch soweit alles erklären und rechtfertigen können. Sie können ihn nicht wegen Nichts verurteilen.“ Daraufhin lachte Hermione etwas düster, bevor sie ihre Hand an Dracos Kopf legte und ihm geistesabwesend durch die Haare strich.
„Es wäre nicht das erste Mal, dass ein willkürliches Urteil gefällt wird. Ihr werdet nichts davon wissen, aber Sirius Black wurde damals auch zu Unrecht zu lebenslanger Haft in Azkaban verurteilt. Und warum? Wegen der haltlosen Aussage eines Verräters, der Tatsache, dass er zur falschen Zeit am falschen Ort war, und zu allem Überfluss ein Sohn der Familie Black. Sie haben ihn ohne Verhandlung direkt nach Azkaban gebracht, nur um der Öffentlichkeit einen Schuldigen zu präsentieren. Sie haben versucht, die Gesellschaft damit zu beruhigen, dass das Böse weggesperrt ist. Das jetzt ist das Gleiche. Oder fast. Draco hat nun mal nachweislich Death Eater in die Schule geschleust. Warum auch immer interessiert die Allgemeinheit nicht. Genauso wenig, was er im Nachhinein getan hat. Das Negative bleibt bedeutend stärker im Bewusstsein der Menschen hängen. Und dann hat er ja auch das Mal, was Sirius wiederum nicht hatte. Im Gegensatz zu der Sache damals mit Sirius, sind das noch realistische und vor allem greifbare Hintergründe, um ihn als schuldig zu verurteilen. Zumal. . . Ich hab vorhin mit Harry noch mit zwei der Ratsmitglieder sprechen können. Die Beiden sahen es nach allem zwar auch so wie wir, nur meinten sie, dass es einige Mitglieder im Gremium gibt, die für härtere Strafen sind. Genauso, dass Draco trotz allem nicht ohne eine Strafe davonkommen wird.“ Auf ihre düstere Erklärung trat unter den Vieren betretenes Schweigen ein, da keiner von ihnen im Grunde näher darüber nachdenken wollte, was da noch kommen könnte, sollte man Draco doch verurteilen.
„Haben . . . haben sie Ihnen gesagt was . . . also. . . Wie ein Urteil aussehen könnte?“, richtete sich Narcissa leicht verängstigt an Hermione, die jedoch mit dem Kopf schüttelte.
„Nein. Die Beiden meinten nur, dass sie kein leichtfertiges Urteil hinnehmen würden. Also wenn jetzt jemand stur daran festhält, dass er voll schuldfähig ist und für mehrere Jahre nach Azkaban soll. Sie hatten uns versprochen, alles sehr genau zu prüfen und die neuen Fakten entsprechend zu berücksichtigen. Mehr konnten sie nicht versprechen.“ Daraufhin kehrte erneut Schweigen ein.
Die leise Euphorie, die nach der scheinbar so gut gelaufenen Verhandlung in ihnen geherrscht hatte, hatte durch Hermiones Worte einen gewaltigen Dämpfer bekommen. Auch wenn sie sich alle nichts mehr wünschten, als ihren Freund mit nach Hause zu nehmen, mussten sie sich dennoch wieder bewusst machen, dass noch nichts entschieden war.
„Argh! Das ist doch zum kotzen!“, kuffte Blaise etwas lauter und handelte sich dafür zur Strafe einen ordentlichen Tritt von Charlie, wie auch einen bösen Blick von Hermione ein, der noch schlimmer wurde, da er Draco mit seinem Gemecker geweckt hatte.
„Glückwunsch!“, moserte Charlie, worauf sich Blaise auf die Zunge biss, als Draco ziemlich müde mit kleinen Augen um sich blickte und die Vier langsam erkannte. Damit wurde er recht schnell munterer, denn da sie hier waren, hieß das, dass die Verhandlung zu Ende war.
„Ah, sorry. Ich wollte dich nicht wecken“, entschuldigte sich Blaise reumütig. Draco versuchte sich in der Zwischenzeit aufzurappeln, wurde aber von allen Vier zur Ruhe gemahnt.
„Bleib liegen“, begann Hermione. „Paps hat gesagt, du brauchst noch Ruhe“, machte Charlie weiter, sodass Draco wieder mehr in sein Kissen sank. Sein Blick wanderte jedoch unsicher zwischen den Anwesenden hin und her.
„Was . . . was haben sie gesagt?“ Daraufhin schauten sich die Freunde kurz etwas hilflos an, bevor Hermione das Wort ergriff und meinte: „Sie haben die Urteilsverkündung vertagt.“ „Vertagt? Wie-Wieso?“, wurde er nervös, was sich deutlich in seinen Augen widerspiegelte. Unruhe. Ungewissheit. Angst. Es war ein Ausdruck, der Hermione dazu veranlasste, seine Hand zu nehmen und sie beruhigend, wie auch warm zu umschließen. Draco drückte dann auch schon recht fest zu.
„Zu viele Informationen. Offensichtlich haben sie nicht damit gerechnet, dass die Verhandlung zum einen so lange dauert und sich zum anderen so viele Zeugen gefunden haben, die dich entlasten.“ „Entlasten?“, stutzte er und sah ehrlich verwirrt zu Hermione, die schließlich nickte und lächelte.
„Ja. Im Übrigen soll ich dir von Luna, Katie, Ginny und Sally gute Besserung ausrichten. Von McGonagall und Slughorn auch.“ „Was?“ Damit war er sichtbar gänzlich überfordert, was Hermione noch mehr zum Schmunzeln brachte.
„Überrascht?“ „Ja!“ „War ich auch. Auch so, wie sich die Dinge teils entwickelt haben“, schmunzelte sie noch immer und hatte nun wieder eine Hand beruhigend an seinem Kopf, in den verstrubbelten Haaren liegen.
„Das Gremium hat sich zu einer Beratung zurückgezogen, um alle Details genau zu beleuchten. Sie wollen die einzelnen Fakten nochmal prüfen.“ „Und. . . Haben . . . haben sie irgendwas angedeutet?“ „Nichts. Ich konnte zwar noch mit zwei von ihnen reden, nur konnten sie mir auch nichts versprechen. Tut mir leid. Ich würde dir auch lieber etwas anderes sagen“, entschuldigte sie sich, worauf sich Blaise dazwischen schaltete, da sie erneut so ein bedrücktes Gesicht machte.
„Du hast das großartig gemacht, Süße!“ Damit sah er zu Draco und grinste seinen Freund breit an. „Das hättest du echt sehen müssen. Sie hat Umbridge nach Strich und Faden auseinandergenommen. Die Alte war zum Schluss ein Hochdruckkessel, kurz vorm explodieren. Die fette Kröte ist nicht wirklich auf einen grünen Zweig gekommen. Sie konnte dir eigentlich nichts nachweisen. Hermione hat alle Anschuldigungen irgendwie entkräften können, oder so drehen, dass man deine Beweggründe versteht, wenn man ein bisschen Grips zwischen den Ohren hat und den für fünf Minuten auch benutzt. Als die Verhandlung vorbei war, haben die Leute richtig angeregt über alles diskutiert. Am allergeilsten fand ich ja den Auftritt von Katie.“ „Bell?“, stutzte Draco erneut, worauf Blaise breit grinsend nickte. Draco sah jedoch verwirrt zu Hermione, die zustimmend nickte. Und das mit einem Schmunzeln.
„Ich glaube, Blaise hat eine neue Freundin gefunden.“ „Du weißt, dass ich Löwinnen mag, die Feuer im Arsch haben und zudem auch noch ihr hübsches Köpfchen benutzen können“, grinste er und klärte Draco schließlich über Katies Auftritt auf. Als er fertig war, guckte Draco noch überforderter als zuvor.
„Ernsthaft?“ „Ja“, bestätigte ihm die Gryffindor dies, bevor sie nochmal meinte: „Wie gesagt, ich sollte dir von ihr ja noch gute Besserung ausrichten. Sie ist dir wegen der Geschichte mit der Halskette nicht mehr böse. Wie ich dir gesagt habe“, erinnerte sie ihn an eines ihrer Gespräche, vor ein paar Tagen. Draco hatte allerdings auch weiter seine liebe Mühe, alles irgendwie zu verarbeiten.
„Das ist. . .“, wusste er nicht, was er sagen sollte. Im Grunde gab es auch nur eine Sache zu sagen, womit er wieder zu Hermione blickte, die ihm ein warmes, aufmunterndes Lächeln schenkte.
„Danke. Ich . . . ich weiß echt nicht, was ich sagen soll. Ich. . .“, brach er ab und schluckte ordentlich, da es ihm die Kehle leicht zuschnürte. Hermione lächelte auch weiter und hielt seine Hand beruhigend umschlossen.
„Ich hab dir gesagt, dass ich dir helfe. Ich hab dir versprochen, dass wir dieses bescheuerte Urteil aufheben werden. Und nach allem, da. . . Es war ja nicht nur Katie, die plötzlich für dich gesprochen hat. Ernie hat sich, zwar etwas spät, am Ende aber auch noch dazu durchgerungen, dem Gremium zu erzählen, was du während des Kampfes geleistet hast. Nach ihm haben sich auch noch Alicia, Parvati, Anthony, Angelina, Oliver und Sally zu Wort gemeldet. Dass du ihnen, durch deine Unterstützung, das Leben gerettet hast. Harry und Ginny haben sich dann ebenfalls positiv zu allem geäußert.“ „Potter?“, stutzte er nun wieder mehr, worauf sie nickte.
„Er hat gleich zu Anfang klargestellt, dass eurer Reibereien persönliche Sachen sind und die nicht zur Verhandlung gehören. Er hat seine Eindrücke sachlich geschildert und daran war absolut nichts Schlechtes, glaub mir“, lächelte sie noch mehr. Draco war es jedoch zu viel.
Er bekam das alles nicht mehr klar geordnet. Die Tatsache, dass sich außer Hermione noch jemand für ihn ausgesprochen hatte. Menschen, mit denen er nie etwas zu tun hatte, außer Potter und das Miniwiesel. Und jetzt hatte Weltenretter Potter wirklich noch für ihn ausgesagt? Er hätte es doch begrüßen müssen, wenn seine Leiche in Azkaban verrottete. Merlin, er hätte es sogar verstanden, wenn Potter die Hände in den Schoß gelegt oder ihn dann vielleicht doch irgendwie schlecht geredet hätte. Er hatte ihm ja nie Anlass dazu gegeben, etwas anderes in ihm zu sehen, als das, was ohnehin jeder von ihm gesehen hatte. Und trotzdem. . .
Als alles in seinem Kopf vermehrt zusammen lief, rutschte er kraftlos in dem Kissen in sich zusammen. Die freie Hand legte er auf die Augen und bedeckte so die obere Hälfte seines Gesichtes, in der schwachen Hoffnung, dem Gefühls- und Gedankenchaos in seinem Innern wieder Herr zu werden. Er kämpfte darum, nichts davon nach außen zu lassen, was ihm kaum gelang.
Zwar konnte er ein Schluchzen noch irgendwie unterdrücken, nicht so aber das Zittern, was ihm aufgrund dessen durch den Körper ging. Und dieses machte keine Anstalten aufzuhören. Es schien im Gegenteil sogar noch schlimmer zu werden, was die Vier aufscheuchte.
„Was ist? Hast du Schmerzen?“, überschlug sich Blaise halb und warf seinen Stuhl um, als er von diesem aufsprang. Charlie neben ihm stand ebenfalls und wollte bereits näher nach seinem Freund sehen, als er mit dem Kopf schüttelte. Hermiones Hand hielt er dabei auch weiter, auf schon fast schmerzlicher Basis, fest. Diese musterte ihn kurz mit Sorge, bevor sie glaubte zu wissen, was ihm gerade so sehr zu schaffen machte.
Noch als sie diese Erkenntnis ereilte, erhob sie sich von ihrem Stuhl, nur um auf dem Rand des Bettes Platz zu nehmen. Sie beugte sich zu ihm und schloss ihn in die Arme, wo sie beruhigend „Ist doch alles gut. Es wird alles gut. Das hab ich dir versprochen“ zuflüsterte, worauf sich seine Arme um ihre zierliche Gestalt schlangen und er das Gesicht schmerzverzerrt in ihrer Schulter vergrub.
„Sch“, hauchte Hermione und hatte die Hand an seinem Hinterkopf liegen, wo sich ihre Finger in die weichen Haare gruben, durch die sie aufmunternd strich.
„Es wird alles gut“, wiederholte sie warm und senkte den Kopf schließlich halb auf seinen. Sie rieb ihm sanft über den Rücken, sodass sein Zittern mit der Zeit abebbte. Doch auch dann ließ sie ihn nicht wieder los, da er sich selbst noch so akribisch an ihr festklammerte und Halt suchte. Sie wollte ihm diesen jetzt nicht nehmen, da es nur zu deutlich war, wie sehr er ihn gerade brauchte. Etwas, was auch Blaise und Charlie allmählich erkannten.
Blaise räusperte sich umständlich und nuschelte irgendetwas von wegen „Tee holen“, bevor er Charlie und Narcissa mit sich aus dem Zimmer zog, um Draco und Hermione ein wenig Ruhe zu lassen.
Die Drei waren dann bereits eine ganze Weile fort, als sich Dracos Griff langsam lockerte, sodass Hermione ihn wieder ansehen konnte. Seinen Blick vermochte sie jedoch nicht zu deuten. Er wirkte auf der einen Seite völlig abwesend, so als ob er durch sie hindurch sah. Auf der anderen meinte sie nur zu deutlich zu erkennen, wie sich die Gedanken hinter seinen Augen gegenseitig jagten.
„Draco?“, sprach sie ihn behutsam an und nahm schließlich sein Gesicht in die Hände, sodass sie seinen Blick auf sich fokussieren konnte. Nebenher strich sie ihm mit den Daumen über die blassen Wangen, um ihn zu beruhigen, wie auch seine Aufmerksamkeit stärker zu wecken. Nach einer Weile fand sich seine Konzentration wieder richtig auf ihrer Erscheinung ein und er wachte aus seinen Überlegungen auf.
„Warum?“ „Was?“, verstand sie jedoch nicht und setzte sich bequemer auf die Bettkante. „Warum haben sie das getan?“ „Was getan?“ „Potter und die Anderen. Ich mein. . . Sie müssten doch froh sein, wenn meine Leiche in Azkaban verrottet. Es wäre . . . normal“, brachte er bitter hervor. Hermione sah ihn auf seine Worte allerdings recht schwermütig an und nahm schließlich erneut seine Hand.
„Du hast echt ein ziemlich mieses Bild von deinen Mitmenschen.“ „Haben sie von mir doch auch. Ich hab nie jemandem einen Grund gegeben, etwas anderes über mich zu denken.“ „Und während der Schlacht? Warum glaubst du, dich selbst so sehr bestrafen zu müssen? Du hast mir gesagt, dass du das alles nie wolltest. Dass es so ist, hast du während des Kampfes bewiesen. In meinem Fall ja schon davor. Und genau diese Dinge habe ich versucht dem Gremium, und allen die im Saal waren, klarzumachen. Dass du nicht das bist, was sie sehen, sondern ein Opfer der Gesellschaft, der Traditionen, der Klassenschichten, deines Namens und vor allem deiner Familie. Du hattest doch gar keine Chance, dich frei von diesen ganzen Zwängen und Ansichten entfalten zu können. Um es mal mit Blaise’ Worten auszudrücken: Du bist in diese Rolle hineingeboren worden.“ Daraufhin schwieg er, was sich Hermione kurz besah, bevor sie weiter sprach.
„Die Anderen haben zu deinen Gunsten ausgesagt, weil sie diese Dinge angefangen haben zu verstehen. Weil sie erkannt haben, dass du eben nicht dieses gefühllose, kalte, bösartige Arschloch bist, was sie sonst Jahr für Jahr gesehen haben. Und das halt auch in einer Situation, wo es wirklich darauf ankam. Bei den Mugglen gibt es diesbezüglich ein Sprichwort, was besagt: Der wahre Charakter eines Menschen zeigt sich immer dann, wenn er Schwierigkeiten im Leben zu überwinden hat. Du hast während des Kampfes mehr als genug Charakterstärke gezeigt. Sehr viel mehr als andere. Genauso, als du dich gegen Voldemort gestellt hast. Mit den Hinweisen, die du Harry gegeben hast, hast du noch zusätzlich bewiesen, dass du gegen diese Dinge bist, die man dir angelastet hat. Dass du nicht zu den Death Eatern gehörst, auch wenn da das Dunkle Mal ist“, lächelte sie aufmunternd und hielt seine linke Hand weiter in ihrer verborgen. Ihre andere Hand legte sie dann noch über die verbundene Stelle.
„Das hier, hat nichts mit dir zu tun. Das hat nichts zu bedeuten. Es definiert nicht wer oder was du bist. Und ich denke, dass haben sehr viele Leute heute auch verinnerlicht“, lächelte sie noch mehr. Zuversichtlich. Hoffnungsvoll.
Durfte er tatsächlich hoffen? Hoffen auf eine Zukunft? Eine Lebenswerte, ohne dieses Dunkel? In Freiheit? Vielleicht sogar noch etwas mehr?
„Denkst du wirklich, dass ich. . . Dass das Gamot das auch so sieht?“ Daraufhin zuckte ihr rechter Mundwinkel kurz schwermütig nach oben, bevor sie ihm mit Bedacht antwortete.
„Ich hoffe es. Zwei der Ratsmitglieder sehen es auf alle Fälle so, nur scheinen noch andere Leute im Gremium zu sitzen, die wohl für konsequente Strafen sind. Aber das muss nichts heißen!“, setzte sie schnell nach, als sich der winzige Hoffnungsschimmer in seinem Blick drohte im Nichts zu verlieren.
„Die beiden Mitglieder, mit denen ich nach der Verhandlung gesprochen habe, haben mir versichert, dass sie kein leichtfertiges Urteil dulden werden. Und mit allem was ich ihnen sagen und zeigen konnte, da. . . Es wäre pure Schikane, wenn sie dich mit all diesen Fakten verurteilen würden.“ „Wir reden hier vom Ministerium. So etwas kümmert die nicht. Die machen sich ihre eigenen Regeln und Gesetze“, murmelte er nun wieder bedrückt, worauf Hermione mit dem Kopf schüttelte.
„Das war mit Fudge als Minister vielleicht so. Kingsley wird den Sauhaufen aber ordentlich aufräumen. Es ist alles im Moment nur gerade ziemlich chaotisch und im Umbruch. Aber mit solchen Machenschaften, da. . . Das wird er nicht zulassen. Kingsley steht hinter dem Widerstand und damit auch hinter dir. Er hat dem Gamot ja auch noch seine Meinung über dich mitgeteilt und. . . Als wir in Arizona waren, da. . . Er hat dich, Charlie und Blaise bei einem eurer Gespräche belauscht. Dass du genau die Situation, die wir jetzt haben, hast kommen sehen. Dass dir keiner glauben würde, dass du das mit den Death Eatern nicht wolltest und trotzdem bist du zurückgekommen, um uns zu helfen. Kingsley meinte, das zeugt von wahrer Größe. Er kann dir aus seiner Position heraus im Moment zwar auch keinen Freibrief geben, da die Öffentlichkeit noch immer verunsichert und misstrauisch ist. Ich denke aber, seine Meinung wird nicht weniger hoch angesehen sein, wie die von Harry und mir. Wir kriegen dich aus dieser Scheiße schon irgendwie raus und dann. . .“, schmunzelte sie nun, als sie an Blaise’ Worte dachte. Draco zog die Augenbrauen auf ihr Schmunzeln jedoch kraus.
„Was dann?“ „Blaise meinte, du könntest mich dann auch einmal zu Tee und Kuchen einladen.“ Auf den Hinweis schoss ihm völlig unkontrolliert das Blut in den Kopf und ließ ihn seit einer Ewigkeit mal nicht weiß aussehen.
Es war ein Anblick, der Hermione noch breiter grinsen ließ, bevor sie spitz fragte: „Sofern dir das Recht ist?“ Auf den Kommentar fing er sich und zog sie ohne Vorwarnung zu sich, sodass sie etwas unelegant auf seine Brust plumpste. Keine Sekunde später hatte er ihr die Arme um den zierlichen Körper geschlungen.
„Wenn diese ganze Scheiße wirklich vorbei ist, lad ich dich nicht bloß zu einem Tee ein. Dann bekommst du von mir ein 5-Sterne Gala Dinner und alles, was du sonst noch willst.“ „Huh, Vorsicht Draco. Ich habe ein sehr gutes Gedächtnis“, mahnte sie ihn verspielt, worauf sich seine Züge kurz zu einem schelmischen Lachen verzogen, bevor er das Gesicht in ihren Schopf kuschelte.
„Ich weiß. Merlin, und wie ich das weiß“, murmelte er und hielt sie noch etwas fester, was das plötzlich neu aufkommende Zittern seines Körpers dennoch nicht zu lindern vermochte.
„Scheiße“, fluchte er leise, als ihn seine sonst immer so tief weggeschlossenen Emotionen erneut drohten zu überrennen und ans Licht zu kommen. Sie schrien nach Aufmerksamkeit und der Chance zu Leben. Es war ein hoffnungsloser Kampf den seine, in den letzten Wochen so arg gebeutelte, Willenskraft verlor und er Hermione letztlich verzweifelt in den Nacken schluchzte.
„Draco?“, hauchte sie verunsichert, aufgrund seiner Tränen, was zur Folge hatte, dass sich seine Arme noch fester um ihre Gestalt legten, über die er sie noch stärker an sich zog. Er baute so eine Nähe zu ihr auf, die schon irgendwo verboten war und dafür sorgte, dass der Löwin das Herz in einem seltsamen Takt zu schlagen begann.
„Draco?“, versuchte sie nochmal, ihn anzusprechen, und neigte den Kopf so, dass sie ihn ansehen konnte. Was sie dann auf seinen Wangen sah, waren unzählige Tränen, die ihn furchtbar verletzlich und zerbrechlich wirken ließen. Verzweifelt.
Ihr war es in dem Moment eine ziemlich bittere Ironie des Schicksals, dass die Tatsache, dass er nicht dieses gefühllose, kalte Monster war, als das ihn jeder sah, ihn erst in diese gottverdammte Situation gebracht hatte. Er hatte seine Mutter und Freunde nur schützen wollen. Die Menschen, die ihm wichtig waren und die er liebte, wofür man ihn nun bestrafte. Das war einfach nicht gerecht!
Er hatte genauso Gefühle wie jeder andere Mensch auch. Er war nicht dieses Monster, was sie vor dem Gamot ja auch versucht hatte, allen klarzumachen. Diese Tatsache jetzt aber nochmal so deutlich zu sehen, schürte ein fürchterliches Feuer in ihr.
Es tat ihr weh, ihn so verletzt zu sehen. Ja, dass sie ihn überhaupt so sah, machte ihr zeitgleich erneut verstärkt klar, dass er nicht mehr konnte. Dass das Fass irgendwo voll war. Übervoll, denn er hatte sich sonst immer unter Kontrolle gehabt. Da war nur das eine Mal im Sechsten diese Lücke gewesen, als Harry ihn in den Waschräumen erwischt hatte. Sonst hatte er sich nicht einmal ansatzweise so etwas wie Blöße gegeben. Das jetzt aber. . . Sie hatte das schier übermächtige Bedürfnis ihn zu trösten, zu beruhigen, Mut zu machen und aufzumuntern.
So suchte sich ihre rechte Hand schließlich von selbst ihren Weg auf seine Wange. Sie legte sich sanft, wie auch ermutigend auf diese, wo sie ihm mit dem Daumen die Tränen behutsam beiseite strich.
„Das wird schon irgendwie alles. In ein paar Wochen werden wir an diesen ganzen Stress keinen Gedanken mehr verschwenden.“ „Das wär zu schön“, brachte er noch immer leicht bitter, wie auch etwas hoffnungslos hervor. Hermione konnte aber Lächeln. Und zwar für sie beide.
„Du wirst sehen, dass ich Recht habe. Ich hab immer Recht“, meinte sie mit einem breiten Grinsen, was seinen Effekt nicht verfehlte, denn er lachte kurz und schluckte damit seine Tränen, wie auch den leisen Schmerz und die Verzweiflung, wieder runter.
„Ich kann mir eine Welt ohne eine besserwisserische Hermione Granger gar nicht vorstellen.“ Für den Spruch zwickte sie ihn kurz in die Seite. In der nächsten Sekunde wunderte sie sich über sich selbst. Darüber, dass sie bei ihm plötzlich in die gleichen Gewohnheiten verfiel, wie bei Blaise, wenn er auf eine liebevolle Art und Weise mit ihr stänkerte. In eine derartige Unbefangenheit und Leichtigkeit.
Es war ihr, als würde sie mit Blaise herumalbern. Mit einem Freund. Eine Tatsache, die sie noch immer nicht so richtig für sich geklärt wusste. Wo und wie sie denn nun zu Draco stand? Was das war, was sich seit der Flucht irgendwie angefangen hatte, zwischen ihnen aufzubauen? „Ich hatte im Grunde nie was gegen dich persönlich“, echoten ihr seine Worte von vor ein paar Tagen plötzlich wieder glasklar durch die Ohren. Ebenso die Tatsache, dass er über die Aktivitäten von Blaise und Charlie mit ihnen Bescheid gewusst und diese stillschweigend geduldet hatte. Überhaupt sein ganzer Einsatz, den er gezeigt hatte. Sie wollte dieses seltsame Verhältnis endlich geklärt wissen.
„Du, Draco. . .“ „Hm?“ „Was ist das hier eigentlich?“ „Was meinst du?“ „Zwischen uns?“, brachte sie zögerlich an, worauf sie etwas in seinen Augen aufblitzen sah, weswegen sie lieber schnell weitersprach und damit ihre Frage anbrachte.
„Kann es sein, dass wir in dem Chaos irgendwie . . . Freunde geworden sind?“ „Freunde?“, stutzte er. Zeitgleich wurde sein Blick unergründlich. Sie konnte plötzlich nicht mehr darin lesen, genauso wie sonst die Jahre zuvor. Seine ganzen Emotionen waren von der einen Sekunde auf die andere weg, was sie maßlos verunsicherte. Hatte sie etwas Falsches gesagt?
„Willst du das?“, fragte er sie nach einer Weile ruhig, worauf sie leicht zusammenzuckte. Sie hatte im ersten Moment Mühe, seiner Frage einen Sinn abzugewinnen.
„Was?“ „Noch eine Schlange in deinem Freundeskreis, die dir vermutlich jede Menge Ärger bescheren wird?“ „Was hast du denn vor, was mir Ärger machen könnte?“, stellte sie versucht gewitzt eine Gegenfrage, um die plötzlich entstandene Anspannung zwischen ihnen zu lösen. Dracos ernster Blick blieb jedoch. Genauso wie er nochmal deutlich wurde.
„Ich persönlich nichts. Meine Person an sich dürfte dich aber in Schwierigkeiten bringen. Das hab ich dir schon mal gesagt“, erinnerte er sie, was sie schlucken ließ, als ihr klar wurde, auf was er anspielte. Die Schmierereien bei ihr zu Hause, die verachtenden Blicke, weil sie ihm half und sich mit ihm abgab. Nicht zuletzt auch Megans Attacke auf sie. Es waren alles Dinge, von denen er im Grunde nichts wusste, diese wohl aber nur zu sicher erahnte. Dass es ihrem Ruf erheblich Schaden könnte und auch würde, wenn sie sich auf den Bad-Boy schlechthin einließ. Auch wenn er das nicht war, war es dennoch das, was fast alle sahen.
Schließlich fing sie wieder an zu lächeln, als ihr zeitgleich bewusst wurde, wie egal ihr ihr Image war. So etwas hatte sie noch nie interessiert, wie andere über sie dachten. Zumindest nicht in einem derartigen Maß. Die Tatsache, dass er sich im Gegenzug nun aber Sorgen um ihr Ansehen machte, fand sie irgendwie süß. Es machte ihr ihre Entscheidung mehr als leicht. Die Wahl, die er ihr mit seiner Frage ließ.
„Um meinen Ruf mach dir mal keine Gedanken. Was mich mehr interessieren würde, ist die Frage, ob dein Stolz es verträgt, sich mit einer Gryffindor einzulassen?“ „Du machst dir keine Vorstellung von meinem Stolz“, raunte er tief, was sie etwas verwundert eine Augenbraue hochziehen ließ.
„Heißt das jetzt Ja?“ „Das frag ich dich“, entgegnete er ihr und musterte sie aufmerksam. „Ich hab kein Problem mit noch einer Schlange. Auch nicht, wenn sie Malfoy heißt. Solange sie ehrlich zu mir ist und keine Spielchen spielt. . .“, brach sie ab und studierte ihn eingehend, konnte aber keine Regung in seinen Zügen ausmachen, weswegen sie weiter meinte: „Das Slytherins auch treue Freunde sein können, weiß ich. Das haben mir Blaise und Charlie zur Genüge bewiesen. Warum dann nicht auch die Oberschlange?“, grinste sie etwas, als er sie argwöhnisch ansah.
„Wo hast du denn die Bezeichnung her?“ „Tu nicht so überrascht. Neben Frettchen hat dich die halbe Schülerschaft immer so bezeichnet. Weil du bei den Schlangen das Sagen hattest.“ „Aha“, kam es ihm nur trocken über die Lippen, während er sie mit einem nüchternen Blick bedachte, der sie unruhig stimmte.
„Was ist jetzt?“ „Was ist was?“ „Ich hab dir gesagt, dass ich kein Problem damit hätte wenn du . . . wenn wir . . . also . . . ähm. . .“ „Miss Granger und sprachlos. Dass ich das noch erleben darf?“, philosophierte er nun wieder leicht grinsend, wofür sie ihn erneut in die Seite zwickte.
„Werd ja nicht frech, Malfoy.“ „Ich nehm mir so viele Frechheiten heraus, wie ich will!“, grinste er noch kurz diebisch und machte mit der nächsten weiter, indem er sie stärker zu sich zog und etwas in ihren Schopf kuschelte.
„Angefangen damit, mich als dein Freund bezeichnen zu dürfen“, hauchte er in ihre Locken, was ihr den ersten kleinen Schauer durch den Körper schickte. Diesem folgten noch mehr, je länger er sprach.
„Über die Tatsache, dass du mir noch eine Chance geben willst. Das bedeutet mir unwahrscheinlich viel. Mehr als du auch nur ahnst. Die Möglichkeit, dass ich . . . dass ich mich den Dingen hingeben kann, die ich eigentlich will.“ „Ein normales Leben?“ „Zum Beispiel. Ein Leben so wie ich es will. Ohne dieses Dunkel. Wie ich es mir wünsche. Die Chance darauf, die ich von dir bekomme.“ „Es wird sich mit der Zeit bestimmt alles finden“, sah sie ihn mit einem Lächeln an, was er ein wenig erschöpft erwiderte.
„Das wäre zu schön.“ „Es wird so werden. Ich weiß es“, sah sie ihn mit einer festen Überzeugung an, die ihm wieder mehr ein kleines Lächeln auf die Züge zauberte.
„Danke. Für alles.“ „Dafür hat man schließlich Freunde“, erklärte sie ihm auch weiter sanft, mit einem liebevollen Lächeln, was er kurz sacken ließ. Diese Bezeichnung.
„Freunde“, wiederholte er, worauf sie zustimmend nickte. „Ja.“ „Hm. Dann. . . Darf ich meiner neuen Freundin sagen, dass sie ein ganz besonderer Mensch ist?“ Auf die Aussage sah sie ihn verwundert an und legte die Hand auf seine Wange und Stirn, bevor sie ihn erneut direkt ansah.
„Ich glaube, es ist besser, du ruhst dich noch ein bisschen aus. Du fängst an zu phantasieren“, neckte sie ihn. Das aber mit leichter Sorge, denn Fieber hatte er nach wie vor. Und das seit sie ihn aus Azkaban raus hatten. Wie lange er es bereits davor hatte, vermochte sie nicht zu sagen. Vermutlich hatte es, ein paar Tage, nachdem sie ihn eingesperrt hatten, seinen Anfang genommen. Was sie dann wieder aus diesen düsteren Gedanken holte, war Draco, der sich ihre Hand nahm, die noch immer sanft auf seiner Stirn ruhte.
„Mir fehlt nichts weiter und ich war auch noch nie so klar im Kopf wie jetzt. Das eben war mein ernst. Weißt du, Blaise hatte damals ziemlich triftige Gründe den Kontakt zu dir zu suchen. Er hat eine sehr gute Menschenkenntnis und mit der schon lange vor mir erkannt, dass du anders bist. Dass in dir so viel mehr steckt, als das, was alle sehen. Dass du etwas Besonderes bist“, wiederholte er, doch sah sie ihn auf seine Worte unschlüssig, wie auch verwirrt an. Derartiges aus seinem Mund zu hören war sie nicht gewohnt. Es war seltsam und zudem ein bisschen verrückt, wie auch sonst alles, was passiert war.
Es war verrückt, dass sie plötzlich ganz normal mit ihm reden konnte. Es war verrückt, dass sie ihn vor dem Gamot wie eine Löwin verteidigt hatte. Es war verrückt, dass sie sich vor gut 10 Minuten eine Freundschaft zugestanden hatten. Und es war verrückt, dass sie noch immer halb auf seinem Bett, an seine Brust gekuschelt da lag, was, verrückterweise, einen äußerst angenehmen und beruhigenden Effekt auf sie hatte. Sie fühlte sich, auf verbotene Art und Weise, wohl bei ihm. Sie fühlte sich sicher, genauso wie damals im Cottage.
„Was . . . was soll ich denn dazu jetzt sagen?“, stammelte sie schließlich unsicher, worauf er sie wieder erschöpft anlächelte.
„Gar nichts. Es ist eine Tatsache. Und die wollte ich nach allem endlich einmal gesagt haben“, meinte er, nur sah sie ihn auch weiter unschlüssig an. Erst viel zu spät, nämlich als ihr die Tränen bereits auf den Wangen glänzten, realisierte sie diese. Als sie die Augen schloss, kullerten die nächsten beiden hinterher, zu ihrem Kinn und tropften schließlich auf seine Brust, wo sie von dem weißen Krankenhemd aufgesaugt wurden.
„Hermione?“, hauchte er, worauf sie nichts erwiderte. Stattdessen ließ sie sich richtig bei ihm nieder und vergrub das Gesicht halb an seiner Schulter. Kurz darauf spürte sie seine Arme wieder mehr, die sich beruhigend um ihre Gestalt legten. Genauso eine seiner Hände, die sich in ihrem Schopf einfand, durch den er strich und sie sanft kraulte. Was ist das?, fragte sie sich. Was passiert hier? Wie konnte es sein, dass sie so extrem auf seine Worte reagierte? Wie kam er überhaupt dazu, ihr so etwas zu sagen? Nicht einmal Harry oder Ron hatten sie in den ganzen Jahren auch nur entfernt so bezeichnet. Warum dann er? „Er hat dich sonst immer nur das Gegenteil spüren lassen“, flüsterte eine Stimme. „Ja. Inzwischen weißt du aber, dass er das Arschloch bloß gespielt hat. Genauso wie Blaise und Charlie“, meinte ein anderes Stimmchen, dem sie nicht weniger Recht gab. Er hatte ja auch gesagt, dass Blaise es irgendwie genauso sah, weswegen er sie damals mit seinem Gefrage, nach einem Treffen, fast in den Wahnsinn getrieben hätte. Offensichtlich hatte sich sein Verhalten irgendwann angefangen, positiv auf Draco auszuwirken.
Am Ende beschloss sie, nicht weiter darüber nachzudenken. Das machte sie ohnehin viel zu viel. Alles zu zerdenken. Stattdessen nahm sie seine Worte einfach so hin. Sie vertraute darauf, dass die Dinge, wie sie jetzt waren, so waren, wie sie sein sollten. Dass er ihr auch so ein Freund sein konnte, wie Blaise und Charlie.
Als sie an diesen Punkt gelangte, musste sie zwangsläufig lächeln, denn irgendwie war er das ja schon, wenn sie an das zurückdachte, was er getan hatte. Er war genauso fürsorglich wie Blaise und Charlie. Eine ungeahnt sanfte Seele, an die sie sich verstärkt kuschelte, denn mit der Ruhe, die plötzlich zwischen ihnen eingekehrt war, kam die Erschöpfung der letzten Tage, wie auch die Folgen von Megans Angriff, schlagartig zurück.
Sie fühlte sich urplötzlich wahnsinnig schlapp und ausgelaugt. Kraftlos und so müde, dass sie es für unmöglich hielt, sich nochmal aufzurappeln. Im Grunde wollte sie jetzt auch gar nicht aufstehen und nach Hause gehen. Sie war dort doch ohnehin allein. Allein in einem leeren Haus, in dem dunkle Schatten lauerten und darauf warteten, dass sie endlich einschlief.
Auf diese fürchterlichen Albträume konnte sie echt verzichten. Die kurzen Schläfchen, die sie zwischen der Verhandlung gehabt hatte, hatten ihr gereicht. Sie wollte diese Bilder nicht schon wieder sehen. Sie wollte nicht noch einmal sehen, wie man Draco verletzte und folterte. Allein auf die Erinnerung krallten sich ihre Finger bereits vermehrt in sein Hemd.
„Draco?“ „Hm?“ „Uhm. . . Stört es dich, wenn ich . . . ich hier bleib?“, fragte sie leise, das Gesicht gänzlich an seine Brust gekuschelt, da sie dennoch ein bisschen Angst vor seiner Reaktion hatte. Was er dann aber tat, ließ sie innerlich frei aufatmen, denn er verstärkte seinen Griff und kuschelte sich seinerseits in ihren Schopf.
„Nein. Im Gegenteil“, flüsterte er sanft und strich mit der Hand über ihren Rücken. „Hast du’s bequem?“ Ein schläfriges „Hm“ war das letzte, was er von ihr hörte. Der Stress der vergangenen Tage, wie auch der des Heutigen, forderte letztlich seinen Tribut und schickte sie binnen weniger Minuten in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Ein Zustand, in den sich Draco auch immer mehr verlor, allerdings nochmal kurz auf die kleine Gryffindor Hexe sah, die friedlich in seinen Armen schlief.
Es war ein furchtbar angenehmes Gefühl, was ihre Nähe in ihm zurückließ. Die Tatsache, dass sie ihm vertraute. Die plötzlich vorherrschende Gewissheit, dass sie ihn mochte. Dass sie ihn als Freund ansah. Für den Anfang zwar nur platonisch, aber das war ausbaufähig, sofern man ihn soweit von seiner Schuld freisprach, dass er wirklich nicht in dieses Höllenloch zurück musste. Allein auf die Vorstellung bekam er Gänsehaut, genauso wie sich auch sonst alles in ihm verkrampfte. Denk nicht dran, schallt er sich und vergrub die Nase wieder stärker in ihrem Schopf, um ihren lieblichen Duft intensiver aufzunehmen, der ihn tief beruhigte. Am Ende so sehr, dass er ebenfalls in einen ruhigen Schlaf über glitt, sodass er Blaise’ Gequatsche nicht mehr zur Kenntnis nahm. Dafür hätte er seinem Freund nämlich erstmal in den Hintern getreten.
Dieser kam reichlich spät mit Narcissa und Charlie zurück, in der Hoffnung, dass das Richtige gesagt worden war und sich die Zwei in den Armen lagen. Letzteres ließ Blaise breit grinsen, wie auch freudig glucksen.
„Nein, wie süß“, flötete er leise, da keiner der Drei die beiden Schlafenden wecken wollte. Charlie begnügte sich, aufgrund des Kommentars lediglich damit, mit den Augen zu rollen, bevor er dennoch schmunzelnd an einem Schrank verschwand. Dort suchte er kurz nach einer Decke, während Blaise seine Freunde mit einer kindlichen Begeisterung betrachtete.
„Oh wie gern hätt ich jetzt ‘ne Kamera“, flüsterte er weiter, als Charlie mit einer flauschigen Wolldecke zurück kam und ihn etwas rügte.
„Quatsch nicht so viel. Zieh Hermione lieber die Schuhe und den Blazer aus und leg sie richtig hin, sonst tut ihr morgen jeder einzelne Knochen weh“, zischte Charlie leise. „Ja, ja“, gluckste Blaise noch immer freudig, bevor er der Aufforderung nachkam.
Mit einem Schlenker seines Zauberstabes war die Hexe besagte Kleidungsstücke los. Kurz darauf legte er sie behutsam aufs Bett, dicht an die Seite seines Freundes. Im Anschluss legte Charlie ihr die Decke über und nahm sich nun doch noch etwas die Zeit, die Beiden genauer zu betrachten.
„Denkst du, er hat es ihr gesagt?“, richtete er sich schließlich an Blaise, der nur mit den Schultern zuckte. „Keine Ahnung. Irgendwas auf alle Fälle, oder wie erklärst du dir das?“, deutete er grinsend auf die Schlafenden. Charlie hatte allerdings eine recht nüchterne Antwort für ihn parat, die nicht wirklich etwas Romantisches an sich hatte.
„Als simple Erschöpfungserscheinung. Hermione hat die letzten Tage schon ziemlich fertig ausgesehen und die Verhandlung war auch alles andere als ein Erholungsurlaub. Von Draco fang ich gar nicht erst an.“ Daraufhin brummelte Blaise.
„Musst du immer alles so nüchtern und sachlich sehen?“ „Du hast mich nach meiner Meinung gefragt“, gab ihm Charlie auch weiter ruhig zurück, was Blaise mit einem mauligen „Ja, ja“ quittierte.
Charlie sah im Anschluss nur nochmal kurz nach den Beiden, bevor er zu Blaise und Narcissa sah, die das Bild mit einem kleinen, glücklichen Lächeln aufnahm.
۩ ۞ ۩
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Emma ist eine natürliche Schönheit – wenn sie also die ,normale‘ Hermine in ihrer Schuluniform spielt, müssen wir ihr Aussehen unter dem Make-up eher herunterspielen. Aber der Weihnachtsball erfordert natürlich das genaue Gegenteil – da konnten wir uns mit dem Make-up richtig austoben.