Er konnte nicht mehr sagen ob es Tag oder Nacht war. Welcher Tag überhaupt war. Wie viel Zeit vergangen war, seit sich seine Hoffnungen immer mehr begonnen hatten im Nichts zu verlieren. Seit Hermione und die Anderen nicht mehr kamen und sie ihn wieder in eines dieser tiefschwarzen Löcher gesteckt hatten, indem er schon während seines ersten Aufenthaltes eingesperrt war. In dem es noch kälter war, die Luft modrig und abgestanden roch. Blutig. Ein Loch, aus dem sie ihn hin und wieder holten, um sich ihrem kranken Spieltrieb zu widmen. Stunden über Stunden, so schien es ihm, wenn er sich in den Untiefen seines eigenen Geistes verlor, um der Realität zu entfliehen. Und als ob das nicht schon genug wäre, ließen sie es sich nicht nehmen es ihm immer wieder aufs Neue unter die Nase zu reiben, dass er hier verrotten würde. Dass er nicht mehr hier raus kam. Dass das Gamot keinen einzigen Todesser je wieder auf freien Fuß ließ. Dass sie es durchschaut und sich nicht von falschen Aussagen hätten verblenden lassen. Dass seine Freunde, allen voran Hermione, wohl nun doch die ganze Wahrheit um ihn erkannt hätten. Welchem impertinenten Lügenspiel sie erlegen waren. Welchen Intrigen. Dass sie sich nichts mehr wünschten, als das er krepierte. Ein Gefallen, den man ihm aber nicht so schnell tun würde.
Das alles. . . Es quälte ihn von Tag zu Tag mehr. Zwar glaubte er den Typen die Dinge über seine Freunde nicht, alles andere aber. . . Das Gamot hatte offensichtlich sein Urteil gesprochen. Ein Urteil, was ihn in dieses Loch verbannte. Ohne Licht, ohne Zuspruch, ohne Freunde und ohne Hoffnung. Es musste so sein. Anders konnte er es sich nicht erklären. Sie hätten ihn sicher nie alle auf einmal, von heute auf morgen alleine zurückgelassen. Blaise, Charlie allen voran seine Mutter. . . Sie hätte sicherlich auch weiter versucht nach ihm zu sehen, wenngleich er es auch keinem wirklich übel nehmen konnte, wenn sie sich diese Last nicht weiter zumuten wollten. Immerhin war es alles andere als gemütlich in Askaban.
Dennoch. . . Irgendeiner hätte sich in den letzten Tagen, Wochen, Monaten. . . Er hatte wirklich keinerlei Zeitgefühl mehr, noch einmal bei ihm blicken lassen. Und sei es nur, um ihm die grausige Nachricht zu überbringen, die ihm die Wärter ständig um die Ohren warfen. Das hatte Hermione ihm ja noch versprochen. Dass sie es ihm sagen würde, egal ob es eine gute oder schlechte Nachricht war.
Vermutlich hatte man es seinen Freunden nun verboten, nach ihm zu sehen. Jetzt, wo er als skrupelloser Schwerverbrecher verurteilt worden war. So konnten diese ganzen Psychos nämlich ungehindert weiter ihre Spielchen mit ihm spielen.
Inzwischen traktierten sie ihn auch nicht mehr nur mit irgendwelchen Flüchen, sondern fügten seinem Körper wieder teils tiefe, blutige Wunden zu. Es würde nun ja niemand mehr kommen, der es sehen und etwas dagegen tun könnte. Er konnte es ja selbst nicht einmal mehr.
So hatten sie ihn, an dem Mittwoch, an dem er vergeblich auf Hermione gewartet hatte, in der Nacht, nach der kleinen Folterstunde, oder mehr den Stunden, nicht zurück in seine eigentliche Zelle gebracht, sondern in dieses dunkle Loch geworfen. Damit waren schlagartig auch Hermiones Mitbringsel unerreichbar gewesen. Allein diese Tatsache hatte sich innerhalb kürzester Zeit gefährlich bemerkbar gemacht, denn sie hatten ihm auch weiter nichts zu Essen und vor allem zu Trinken zukommen lassen.
Letzteres hatten sie nach zwei, drei, vier Tagen, er konnte wirklich nicht sagen wie viele, dann aber wieder eingestellt, als sie kapiert hatten, dass sie ihn dadurch schneller ins Nirwana schicken würden, als sie selbst das offensichtlich wollten. Sie hatten ihn wieder etwas aufgepäppelt. Das aber nicht genug, als das er bei Kräften blieb, sondern nur soweit, damit er durchhielt und sie ihr krankes Spiel fortsetzen konnten.
Offensichtlich versuchten sie ihn zu brechen und bis zum äußersten auszuhungern. Zwar war er noch nicht wirklich knochig, von einer gesunden Körpermasse und dem entsprechenden Gewicht war er aber auch weit entfernt. Ungefähr 40 Pfund oder so. Zumindest fühlte er sich so.
Matt, ausgelaugt, schwach. Sein schmaler Körper glich einer einzigen Schmerzzelle, mit mehreren blutenden, entzündeten Wunden. Aber auch in seinem Innern schien einiges im Argen zu sein. Sein Atem ging schwer und rasselnd, was alles Mögliche sein konnte. Angefangen bei einer plumpen Erkältung, bis hin zu einer schweren Lungenentzündung. Er hatte die letzten . . . Tage? . . . ohnehin kaum noch etwas von allem mitbekommen. Vermutlich gönnten sie ihm deshalb nun wieder etwas eine kleine Pause, damit er sich halbwegs fing und sie ihr Spielzeug auch noch länger hatten.
Manchmal fragte er sich, ob sie sich speziell auf ihn eingeschossen hatten, oder ob sie mit den Anderen auf die gleiche, kranke Art und Weise ihre Spielchen trieben? Im Endeffekt konnte es ihm egal sein. Er war inzwischen ohnehin wieder mehr an einem Punkt angekommen, an dem er es begrüßen würde, einfach nicht mehr in dieser Dunkelheit aufzuwachen, nur um den Schmerz zu spüren. Den Körperlichen, vielmehr aber den tief in seinem Innern. Die Bitterkeit über die Tatsache, dass ihm das Schicksal die Tür vor der Nase zugeschlagen hatte. Man hatte ihn von der Süße des Lebens kosten lassen, um ihn letztlich wieder aus diesem kleinen Paradies zu verbannen, in welches er gedanklich immer wieder glitt.
Er versuchte aus diesen Dingen etwas Kraft und Wärme zu schöpfen, nur. . . Wofür? „Sie haben es dir versprochen. Sie werden dich nicht hängen lassen“, flüsterte ihm immer wieder das leise Kinderstimmchen im Kopf zu. Eine kleine Hoffnung, an die er sich tief im Unterbewusstsein trotz allem auch weiter klammerte. Das Warum konnte er sich nicht wirklich erklären, dennoch war es so. Er hatte noch immer Hoffnung. Eine kindlich naive sicherlich, aber dennoch ein schwacher Funken. Einer, der drohte noch etwas schwächer zu werden, als die Tür geöffnet wurde und ein schmaler Streifen Licht zu ihm herein fiel, der ihn nach der langen Dunkelheit unangenehm blendete, obwohl es nicht wirklich hell war.
In der Tür stand Gibson, der wie immer angewidert und zudem schlecht gelaunt auf ihn blickte. Draco zuckte sich allerdings nicht weiter, sondern blieb regungslos auf dem Boden liegen. Er schielte lediglich kurz mit kleinen Augen auf, in der schwachen Hoffnung, dass der Typ nur die heutige Ration Wasser brachte und ihn damit alleine, allen voran aber in Ruhe ließ. Es war eine Hoffnung die zerbrach, als er sah, dass der Kerl eintrat und den Zauberstab auf ihn richtete.
„Aufstehen!“, raunzte der Wärter grantig. Draco sah aber nur müde auf die Gestalt, bevor er die Augen schloss und ein Stoßgebet losschickte, dass diese Geste genügte, um den Typen doch noch zu vertreiben. Immerhin hatten sie Auswahl genug für ihr sadistisches Treiben. Sein Gebet wurde nicht erhört, denn sein Gegenüber trat ganz ein, direkt zu ihm, wo er mit dem Fuß nach ihm trat.
„Wird’s bald, du Ratte?“, schnauzte er wütend und irgendwie. . . Draco wusste nicht warum, aber irgendwie war die Tonlage anders als sonst. Sonst hatte er immer noch so etwas wie Schadenfreude, Hohn, Spott oder dergleichen herausgehört. Diesmal war es die blanke Wut. Vielmehr Hass. Es war eine Stimmlage, die ihm noch weniger behagte als sonst, womit er sich dem hoffentlich kleineren Übel fügte.
Er rappelte sich schwerfällig auf und versuchte schließlich sich hochzustemmen. Etwas, was dem Kerl zu lange dauerte, denn er zerrte ihn grob richtig auf die Beine, bevor er ihm die Arme auf den Rücken verdrehte und seine Gelenke in raue Fesseln legte. Er schnaubte wütend und schlug Draco mit der flachen Hand ins Kreuz, sodass er nach vorn stolperte und schmerzhaft gegen eine der Wände schlug, was den Kerl gehässig grinsen ließ, bevor der Ausdruck tiefer Abscheu zurückkehrte.
„Beweg dich!“, schnauzte er ihn an und dirigierte ihn letztlich ruppig durch die Gänge, durch welche Gewimmer, und qualvolle Schreie hallten. So viel dazu, dass sie sich auf ihn eingeschossen hatten.
Er versuchte all das wie immer auszublenden und seinen Geist vor den Dingen die waren, und in wenigen Minuten wieder auf ihn zukommen würden, abzuschotten. Dabei fragte er sich einmal mehr, ob der Orden ihm mit allem wirklich einen Gefallen getan hatte? Sicher, sie hatten ihm überraschenderweise helfen wollen, was er nie für möglich gehalten hätte. Allen voran die Dinge, die dann noch gekommen waren. Nur was hatte es am Ende gebracht? Er entging so dem Kuss der Dementoren, hatte im Gegenzug aber ein Leben in der Hölle vor sich. Wie lange hing von seiner körperlichen Konstitution ab, die ohnehin so ziemlich im Arsch war. Der süße, stille Tod hatte im Vergleich zu einer derartigen Existenz durchaus seinen Reiz. Ein Reiz, der sich bereits hätte erfüllen können, hätte Hermione dem Todesengel nicht immer wieder dazwischen gepfuscht. „Bin ich niemand?“, echote ihm ihre aufgebrachte Stimme in den Ohren nach, als er in seiner Verzweiflung und dem Schmerz im Mungos vor sich hin gemurmelt hatte, dass es doch ohnehin keinen interessierte was mit ihm passierte. Ob er lebte oder nicht. Dieser kleine Wutausbruch hatte ihm wieder etwas mehr Halt und Hoffnung gegeben. Am Ende änderte es dennoch nichts. Er würde nicht mehr lebendig hier rauskommen. Und falls doch. . . Es würde in dieser Welt dann doch ohnehin nichts auf ihn warten. Er wäre genauso einsam wie jetzt. Vermutlich sogar noch mehr.
25 Jahre. Das war es, was sie ihm zu Anfang aufgebürdet hatten. Ein Urteil, was Hermione versucht hatte anzufechten oder zumindest zu mildern, woran sie letztlich dennoch gescheitert war. Sollte er nach dieser Zeit wirklich noch leben und frei kommen. . . Merlin, er wäre Anfang 40. Er wäre ein Wrack. Körperlich und seelisch. Er hätte nichts in den Händen. Weder eine Ausbildung, noch einen Schulabschluss, noch sonst irgendetwas. Auch fragte er sich, ob seine Mutter dann noch leben würde? Sie wäre Anfang 70. Ob ihr Herz, nach den Strapazen der letzten Jahre, so lange durchhalten würde bezweifelte er stark. Und Blaise und die Anderen? Sie hatten ihr eigenes Leben. Vermutlich hätten sie dann Familie. Kinder. Da konnten sie einen Ex-Häftling nicht gebrauchen. Er würde ihnen nur zur Last fallen und das wollte er auch nicht. Sie hatten schon mehr als genug für ihn getan. Mehr konnte er nicht verlangen.
„Rein da!“, schnauzte Gibson ihn wieder wütend an, sodass Draco aus seinen dunklen Gedanken gerissen wurde und jetzt erst bemerkte, dass man ihn nicht, wie erwartet, in die tieferen Katakomben geführt hatte. Nein, er war im Büro dieses fettleibigen Direktors Forge, der ungehalten schnaubte und Draco mit zu schlitzen verengte, tückischen, kleinen, schwarzen Augen ansah. Mit bei ihm war eine betagtere, ältere Frau, in einem mausgrauen Kostüm. Sie hatte schwarze Haare die sie, wie McGonagall, zu einem Dutt zusammengedreht hatte. Ihre graublauen Augen verbargen sich hinter einer Brille, über die sie kühl auf ihn blickte.
„Mr. Malfoy“, meinte sie einfach nur. Es war weniger eine Frage, als mehr eine Feststellung. Als er erschöpft zu ihr schaute, meinte er ein kurzes unterschwelliges Zucken in ihren strengen Augen lesen zu können, als ihr Blick seine Erscheinung abtastete. Dieses Zucken war aber viel zu schnell wieder weg, als das er es richtig deuten konnte. Stattdessen hatte es einer kühlen, emotionslosen Mimik den Platz überlassen. Es war eine starre Maske, mit der sie auf ein paar Unterlagen blickte, die sie auf dem Arm liegen hatte. Sie blätterte diese kurz durch, bevor sie die Papiere ganz hervor holte und umschlug, sodass die letzte Seite oben auf war. Diese war im Grunde vollkommen leer bis auf vier Unterschriften, die in einem satten Royal blau neben- und untereinander angeordnet waren. Darunter mittig fand sich noch eine Zeile, samt kleinem Kreuz wieder. Offensichtlich der Hinweis für eine fünfte Unterschrift. So versuchte er auch kurz eine der anderen Vier zu entziffern, die jedoch derartig verschnörkelt waren, dass er seinen Versuch bereits im Ansatz abbrach.
„Mr. Gibson“, meinte die Dame schließlich kühl und schielte über ihre Brille hinweg recht ungehalten zu dem Gorilla hinter Draco, der stinkig schnaubte. Kurz darauf löste er Dracos Fesseln, was ihn mehr als irritiert nach hinten sehen ließ. Nebenher massierte er sich kurz die wundgescheuerten Handgelenke.
„Mr. Malfoy?“, richtete sich die Dame nun an ihn, sodass er zurück zu ihr blickte. Verwirrt, wie auch zunehmend unsicherer. Was sollte das? Was wollten sie von ihm? Er bekam seine stille Frage in der nächsten Sekunde beantwortet, als die Frau eine Feder neben die Unterlagen legte und auf die noch freie Stelle deutete.
„Unterschreiben Sie hier“, wies sie ihn ohne weitere Erklärung an, was ihn noch misstrauischer stimmte. „Was ist das?“, fragte er verunsichert, mit kratziger, leicht heiserer Stimme. Antwort bekam er keine.
„Ich bin nicht befugt Ihnen das mitzuteilen. Unterzeichnen Sie“, forderte sie ihn erneut kühl auf, worauf er schluckte und zurück auf das Pergament sah. Er versuchte ein zweites Mal die anderen vier Namen zu entziffern, oder zumindest zu deuten. Zwecklos. Er konnte nicht einmal entfernt einen Namen in den Buchstabenverlauf hineininterpretieren. Merlin allein wusste, was sie ihm gerade versuchten unterzuschieben, weshalb er zurück zu der Frau sah und schließlich mit dem Kopf schüttelte.
„Nein.“ „Mr. Malfoy. . .“, begann sie scharf, doch er unterbrach sie gleich wieder. „Ich will wissen was das ist, vorher unterschreib ich hier gar nichts“, hielt er ihr keuchend entgegen, worauf es in den graublauen Augen seines Gegenübers gefährlich zu funkeln begann. Warnend.
„. . . Ich werde Ihnen das nicht noch einmal sagen. In Ihrem eigenen Interesse, unterschreiben Sie endlich das Papier!“ „Ich. . .“, versuchte er etwas zu sagen, als Gibson ihn bereits ruppig am Kragen packte und zu sich zerrte. Als Draco in das Gesicht des Wärters blickte, erkannte er nun wieder dieses diabolische Funkeln in den Augen des Mannes. Dieses diebische Grinsen, was er vorhin vermisst hatte, womit er zurück zu der Frau sah, die noch immer etwas Warnendes in ihrem Blick hatte. Nur lag ihre Konzentration kurzzeitig mehr auf Gibson, bevor sich ihr Blick mit seinem überschnitt. In diesem funkelte in exakt dem Moment etwas Drängendes auf, was den leisen Gedanken in ihm weckte, dass eine Unterschrift vielleicht doch nicht so falsch war, weshalb er sich aus dem Griff des Wärters wand, um die geforderte Unterschrift zu tätigen.
Noch als er die Feder zittrig über das Pergament führte, konnte er Gibson hinter sich giftig knurren hören. Offensichtlich war der Typ alles andere als glücklich darüber. Warum das so war, . . . Zeit um darüber nachzudenken bekam Draco nicht, denn kaum dass er die Feder hinter dem y hob, leuchtete seine Unterschrift auch schon kurz in einem blutigen Rot auf, was ihn entsetzt zu der Frau sehen ließ. Diese würdigte ihn nun keines Blickes mehr, sondern griff sich stattdessen zufrieden die Unterlagen.
„Was . . . was war das?“, krächzte Draco. Und das inzwischen noch bleicher im Gesicht, als er es ohnehin schon die ganze Zeit war. Irgendwie machte sich schlagartig das beklemmende Gefühl in ihm breit, die Erlaubnis zu seiner Hinrichtung oder ähnliches Unterschrieben zu haben.
„Wie ich schon sagte, ich bin nicht befugt Ihnen eine Auskunft zu geben“, erklärte sie ihm ruhig, wie auch kühl, was Draco noch mehr Panik schieben ließ. Diese wuchs noch weiter an, als Gibson ihm erneut brachial die Hände hinter dem Rücken zusammen band. Und das nun so ruppig und fest, dass er ihm das Blut abschnürte.
„Verdammt, WAS WAR DAS?!“, schrie Draco die Frau allmählich hysterisch an, die sich nicht weiter rührte. Sie sah ihn nicht einmal mehr an, sondern taxierte stattdessen Gibson mit einem furchtbar missbilligenden Blick, bevor sie sich zu Forge drehte, der die ganze Zeit in sich hinein geschwiegen hatte, und ihm kalt zu verstehen gab: „Ich glaube wir haben noch etwas zu klären“, sodass sein Gesicht noch roter anlief. Er war nur zu offensichtlich kurz vorm explodieren und starrte mit seinen dunklen Augen verhasst auf Draco, der überhaupt nichts mehr verstand. Was bei Merlins letztem Willen hatte er hier unterschrieben? Hunderttausende Gedanken und Vorstellungen schossen ihm durch den Kopf, die nur noch mehr Nahrung bekamen, als Gibson ihn ruppig aus dem Büro zerrte, weiter einen dunklen Gang entlang.
„Was . . . was soll das? Was war das?“, krächzte er den Kerl an, der nur giftig schnaubte und unverständliches Zeug vor sich hin murmelte, bevor er plötzlich doch noch stehen blieb, sich zu Draco drehte und ihm ohne Vorwarnung die Faust in die Nieren schlug. Noch in der gleichen Sekunde wich dem Blonden sämtliche Luft aus den Lungen und er sackte zusammen.
„Das war eine ziemlich dumme Entscheidung“, raunte Gibson dunkel und sah abfällig auf ihn herab, bevor er etwas aus seinem Umhang holte und sich schließlich neben Draco kniete, der noch immer nach Atem rang. Noch bevor er sich versah, hatte der Wärter ihm die Augen verbunden und zerrte ihn wieder auf die Füße.
„Das war’s. Die Kinderspielchen sind vorbei!“, zischte Gibson bösartig und dirigierte Draco nun blind vor sich her, dessen Herz immer schneller, immer getriebener schlug und so unaufhörlich das Adrenalin durch seine Venen pumpte.
Was hatten sie jetzt wieder mit ihm vor? Verdammt, was sollte das? Was sollte das heißen: die Kinderspielchen waren vorbei? Wollten sie ihn etwa. . . Merlin, hatte er tatsächlich seine Hinrichtung unterschrieben? Irgendein Schuldbekenntnis? Ein Mordbekenntnis?
Zwar der Gedanke vorhin noch recht reizvoll gewesen, lieber schnell zu sterben als über zwei Jahrzehnte in diesem Loch gefangen zu sein, wo er Tag ein Tag aus Folter zu ertragen hatte, während er bei lebendigem Leib verrottete. Die plötzlich so nah herangerückte Vorstellung, auf einmal doch das Leben zu verlieren, ließ ihm das Herz bis sonst wo hin schlagen. Ein Herz, welches nicht bereit war, seinen Dienst mit Anfang 18 schon aufgeben zu müssen.
Seine Gedanken jagten sich gegenseitig und schürten damit die schrecklichsten Vorstellungen von dem was kommen könnte. Würden sie ihn jetzt zu Tode foltern, um ihn dann unauffällig irgendwo verschwinden zu lassen? Vielleicht lebendig vergraben, verbrennen oder dergleichen?
Er schauderte. Er schauderte fürchterlich bei jedem dieser Gedanken. Gedanken und Vorstellungen die sein Herz dermaßen verstört und panisch hämmern ließen, dass es allein deswegen schon drohte tödlich zu verkrampfen, was noch schlimmer wurde, als Gibson in seine Gedanken einstimmte.
„. . . Eigentlich hättest du es verdient, noch lange bei uns zu bleiben, um dir jeden Tag, Stück für Stück von deiner Strafe abzuholen, aber du hast dir jetzt ja selbst ein schnelles Ende geschaffen“, knurrte Gibson sauer und stieß ihn erneut brutal ins Kreuz, sodass er um ein Haar gestürzt wäre.
„Wirklich zu Schade, aber es gibt ja recht interessante Methoden dir die Lichter auszupusten. Wir könnten dich ertränken oder verbrennen. Sowas haben die Muggel früher ja gerne mit dunklen Hexen und Zauberern gemacht. Ich hab da auch mal ein Buch gelesen. Nannte sich Malleus Maleficarum. Der Hexenhammer. Da standen recht interessante Foltermethoden drin. Ideenreich waren die damals wirklich. Von der Schmerzintensität war das alles sicherlich genauso ein Gefühl wie der Cruciatus. Gestreckt und gevierteilt haben sie ihre Opfer. Sie vergiftet oder mit Steinen zerquetscht. Oder ihnen Insektenlarven eingesetzt, die ihre Eingeweide zerfressen haben. Sollen wohl auch welche bei lebendigem Leib gehäutet haben. Würde ich alles gerne mal an dir ausprobieren. Dummerweise geht nur eins“, schnaubte er angefressen und verpasste Draco einen weiteren groben Stoß, der ihn diesmal zu Fall brachte. Er knallte schmerzhaft auf den Steinboden und begann sich zu verkrampfen, als ihm entsprechende Bilder durch den Kopf schossen. Sein Peiniger gönnte ihm jedoch keine Sekunde Ruhe, sondern zog ihn sofort wieder ruppig auf die Füße.
„Nein. . .“, keuchte Draco schwer, als der Kerl ihn grob am Oberarm packte und mit sich zerrte. „Was meinst du? Was wäre die interessanteste Methode? Verbrennen, ertränken, häuten, ausweiden, zerstückeln oder vielleicht lebendig begraben? Was ziehst du vor? Manche Sachen lassen sich ja auch schön miteinander kombinieren“, sülzte Gibson gedankenverloren, während sich Draco die Nackenhaare aufstellten und er immer mehr in kalten Schweiß ausbrach.
Sein Herz schlug wie wahnsinnig, aus Protest gegen diese Mordandrohungen und ließ sein Blut auf ungeahnte Weise durch seinen Körper donnern. Er konnte regelrecht spüren, wie es zirkulierte, ihm durch die Ohren rauschte und damit gefährlich zu Kopf stieg. Ihm wurde schwindlig und sein Körper taub, der sich gegen jeden weiteren Schritt sträubte, sodass ihn sein Möchtegern Henker fast schon zog. Hätte er ihn losgelassen, Draco wäre haltlos zusammengebrochen.
„Huh. Angst, Malfoy? Willst du da nicht vielleicht doch lieber bei uns bleiben? Unsere Gesellschaft ist doch vieeel angenehmer. Wir könnten. . .“, labberte er weiter, allerdings kam nur noch die Hälfte in Dracos Kopf an. Dieser begann sich zunehmend in Watte einzupacken, um all dem zu entfliehen. Er wollte nichts mehr hören und nichts mehr spüren. Weder Angst, noch Kälte, noch Schmerz und ganz besonders nicht die damit verbundene Einsamkeit.
Er wollte hier weg. Dieser abscheulichen Realität entfliehen, die ihn beinahe erfrieren ließ. Und sei es nur in seinen Gedanken. Wenn sie ihn hinrichteten, wollte er diese ganzen Bastarde weder hören noch sehen, die sich während des Prozesses wahrscheinlich noch grölend einen runterholen würden.
Ja, er hatte Angst. Er wollte nicht allein sein. Er wollte diese scheiß Welt, die ihn nicht haben wollte, nicht unter solchen Bedingungen verlassen müssen. Hatten Todeskandidaten nicht eigentlich noch einen letzten Wunsch? Merlin, er wusste nur zu bitter was er wollte. Was es ihm erträglich machen würde. Irgendwie.
Er wollte sie noch einmal sehen. Sie um Verzeihung bitten, für alles was war. Er wollte sie bitten bei ihm zu bleiben, für diesen letzten Moment. Er wollte ihre Nähe spüren. Ihre Hand halten dürfen, die ihm Ruhe versprach und die Möglichkeit ließ, trotz allem vielleicht auf irgendeine Art und Weise ruhig einschlafen zu können. Sich in einen unendlichen Traum zu verlieren, in dem sie bei ihm war. In dem ihn etwas Wärme umgab.
„. . . sollten wir dich im Anschluss am besten verbrennen. So sparen wir uns das lästige aufräumen und entsorgen deiner scheiß Leiche“, hatte er dumpf die nervtötende Stimme des Wärters plötzlich direkt am Ohr. Auch bemerkte er jetzt erst, dass sie gestoppt hatten, was nur bedeuten konnte, dass sie ihr Ziel erreicht hatten.
„Fertig für deinen letzten Gang, Malfoy? Danach wartet die Hölle auf dich dreckigen Todesser. Dann bist du da wo du hingehörst. Bei Voldemort und den anderen Bastarden“, raunte der Kerl ihm düster ins Ohr, was ihm erneut einen kalten Schauer durch den Körper jagte und ihm zeitgleich noch mehr seiner ohnehin kaum noch vorhandenen Kraft nahm.
In der nächsten Sekunde versetzte Gibson ihm einen derart deftigen Schlag ins Kreuz, dass er unkontrolliert nach vorn stolperte und schließlich ein weiteres Mal stürzte. Hinter sich hörte er den Wärter dreckig und recht schadenfroh lachen, was mehr und mehr drohte in dem dumpfen Pfeifen seiner Ohren unterzugehen. Genauso die anderen Geräusche. Stimmen. Rufe. Schnelle Schritte. Hände, die nach ihm griffen. Ihn packten und seinen zitternden Oberkörper etwas aufrichteten, bevor sie ihn in einer halb knienden Position hielten. Hermione, schoss es ihm verzweifelt durch den Kopf. Ihre Erscheinung. Ihre warmen Augen, die ihn zuletzt immer aufmunternd, warm und hoffnungsvoll angesehen hatten. Die rosigen Lippen, mit denen sie ihm wieder und wieder ein zuversichtliches Lächeln hatte zukommen lassen. Lippen, mit denen sie ihn geküsst hatte. Lippen, die er selbst heimlich geküsst hatte. Die ihm Hoffnung gegeben hatten. Hoffnung auf das Leben. Freiheit. Freundschaft. Wärme. Auf eine Chance. Nichts davon würde ihn mehr erreichen, denn die Welt, sein Leben, würde sich im Nichts auflösen. Eines, das in einem grellen, weißen Licht kam. . .
۩ ۞ ۩
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Wenn man wie ich über Böses schreibt und wenn einer der beschriebenen Figuren im Grunde ein Psychopath ist, hat man die Pflicht, das wirklich Böse zu zeigen, nämlich, dass Menschen getötet werden.