Was im Verborgenen liegt - Ruhe? Von wegen ...
von Alex2303
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„Sch-Schulsprecher?“, stammelte Hermione und machte große Augen, in denen es vor Überraschung, Begeisterung und allen voran Freude, zu strahlen begann. Draco sah die Direktorin hingegen völlig entsetzt an. Schulsprecher? Er??? Das war alles, aber garantiert keine gute Idee, womit er sich an Minerva wandt.
„Professor, ich. . . Ich glaube nicht, dass es eine gute Idee ist, ausgerechnet mich zum Schulsprecher zu machen. Das. . . Da taugen andere mehr dafür. Potter, oder so und da. . . Das kann ich nicht machen. Das gibt doch nur Ärger.“ „Wieso?“, richtete sich Hermione verwundert an ihn, die noch immer vor Begeisterung sprühte. Dass sie diese Chance bekam, man ihr dieses Amt anvertraute, diese Ehre. . . Damit hatte sie überhaupt nicht mehr gerechnet.
„Wieso? Das ist jetzt nicht dein Ernst?“, sah er die Gryffindor ein wenig fassungslos, aber auch zweifelnd an, die nicht verstand, was sein Problem war? Da meldete sich allerdings noch eine vierte Stimme zu Wort, die Draco ebenfalls widersprach.
„Ich denke schon, dass es eine sehr gute Idee ist, mein lieber Draco.“ Als die Beiden die bekannte jedoch verloren geglaubte Stimme hörten, schauten sie zu dieser, wo ihnen Albus Dumbledore, aus einem der Porträts, warm zulächelte.
„Professor!“, entwich es Hermione überrascht, die kurz darauf merkte, wie es ihr ein wenig in den Augen zu jucken begann, da sich die Tränen drohten in diese zu schleichen.
„Es ist schön, zwei meiner Schüler gesund und wohlauf wiederzusehen“, lächelte er milde, während Draco ihn vermehrt mit kalten Augen taxierte.
Er hatte sich die ganze Zeit für den Tod des alten Schulleiters verantwortlich gefühlt. Er hatte sich mit den Dingen gequält, die er durch sein Handeln heraufbeschworen hatte, bis Hermione ihm im Mungos von dem Plan, den Snape und Dumbledore verfolgt hatten, erzählt hatte. Dass alles irgendwo abgesprochen und genauestens kalkuliert war. Es war ein abgekartetes Spiel, in dem er nicht mehr war, als ein weiteres Bauernopfer. Und das diesmal auf der scheinbar guten Seite.
Diese hatte seine Sorgen und Ängste, um seine Mutter und Freunde, schamlos ausgenutzt und hätte es auch noch zugelassen, dass er wegen allem zum Mörder wurde. Snape hatte schließlich ganz genau gewusst, was passieren würde, wenn er bei der Sache nicht mitspielte. Immerhin gab es bei den Death Eatern keine Aussteiger. Genauso wenig eine Chance, sich dem zu verweigern. Draco kannte niemanden, der eine derartige Entscheidung überlebt hätte. Snape hatte nur zu gut gewusst, was man mit seinem Patensohn machen würde, wenn er es nicht schaffte, Voldemorts Auftrag zu erfüllen.
Merlin, dass Bell und Weasley bei seinen verkappten versuchen, Dumbledore umzubringen, nicht draufgegangen waren, war pures Glück! Er hätte in seiner Verzweiflung um ein Haar zwei unschuldige Menschen getötet! Trotzdem war denen nichts anderes eingefallen, als ihre Pläne weiter zu verfolgen und mit dem Leben von Menschen zu spielen!
Dumbledore konnte wirklich von Glück reden, dass er nur noch ein Abbild war, andernfalls hätte sich Draco mit Sicherheit bereits auf dieses scheinheilig lächelnde Gesicht gestürzt und ihm gezeigt, was er von alldem hielt! Alternativ hätte er jetzt auch nur zu gern das Porträt abgefackelt. Und das von Snape als Nächstes. Und sowas schimpfte sich Patenonkel. Pah!
„Was ist?“, richtete sich Hermione schließlich verwirrt an ihn, als sie das unheilvolle Lodern in seinen Augen registrierte. Etwas, was inzwischen auch Minerva aufgefallen war.
„Stimmt etwas nicht?“, erkundigte sich die Professorin, der er mit einer eisigen Kälte in der Stimme, wie auch gefährlich beherrschten Ruhe entgegnete: „Nein. Es ist alles in Ordnung, Professor. Ich lass mich doch gerne von Anderen für ihre kranken Pläne benutzen und zum Mörder machen“, schnarrte er sarkastisch.
Dumbledore seufzte auf die Anmerkung, die ihm bewusst machte, dass der Blonde mittlerweile über alles verstärkt im Bilde war. Minerva schwieg, während Hermione ihren Freund gequält musterte, in dessen Augen es noch immer bedrohlich funkelte.
„Es tut mir leid Draco, aber es war nötig“, begann Albus bedauernd und fing sich dafür den nächsten tödlichen Blick ein, ehe Draco zischte: „Nötig, ja?“ Dumbledore nickte, was den Slytherin nur noch wütender stimmte.
„Was genau war denn nötig? Dass dieses Monster mich und meine Mutter terrorisiert? Dass er mir gedroht hat, meine Mutter, meine Freunde, überhaupt jeden, der mir wichtig ist, zu Tode zu foltern, wenn ich seinen Forderungen nicht nachkomme? Dass ich Bell und Weasley versehentlich fast umgebracht hätte? Dass ich diese Psychos wirklich ins Schloss schleusen musste? Dass ich tatsächlich jemanden ermorden sollte, damit mein persönlicher Albtraum nicht wahr wird? Was von alldem war bitteschön nötig!?“, brauste er mit jedem Satz mehr auf, womit sich auch sein Herzschlag gefährlich beschleunigte.
„Es tut mir wirklich aufrichtig leid, Draco. Ich kann verstehen, dass es für dich nicht leicht. . .“ „Ihr scheinheiliges Getue können Sie sich sonst wo hinstecken! Das kaufen Ihnen vielleicht Ihre Gryffindors ab, aber ich nicht!“ „Draco. . .“, mahnte plötzlich noch ein anderes Porträt. Dieses gehörte Snape, zu dem Draco gleichermaßen wütend sah. Wenn der Tränkemeister nicht schon tot gewesen wäre, hätte dieser Blick sein Schicksal nun besiegelt.
„Komm du mir jetzt ja nicht mit irgendeiner deiner beschissenen Predigten! Du bist doch keine Scheißdreck besser! Du hast mich genauso benutzt und belogen! Du hast ganz genau gewusst, was alles im Manor abging und hast nichts getan! NICHTS!“ „Ich konnte nicht. Ich hätte mich sonst verraten.“ „Schönen Dank auch! Wer hat dich eigentlich zu meinem Patenonkel gemacht? Voldemort?“ „Deine Mutter. Und wenn du dich einmal richtig erinnerst, habe ich dir mehrfach meine Hilfe angeboten.“ „Hilfe?!“, schnappte Draco aufgebracht.
„Ja, klar. Hilfe, um einen Mord zu begehen!“, schnarrte er wieder sarkastisch, ehe die Wut in seine Stimme zurückkehrte.
„Bist du eigentlich überhaupt mal entfernt auf die Idee gekommen, dass ich das NICHT WILL!?“, brüllte er Snape den Rest entgegen, worauf der Schwarzhaarige tief Luft holte und sich kurz sammelte, bevor er versuchte, seine Handlungen zu rechtfertigen.
„Merlin, Draco. Woher hätte ich irgendetwas wissen sollen? Woher hätte ich ahnen sollen, was du wirklich vorhast oder willst? Du hast deinen Geist doch die ganze Zeit verschlossen gehalten.“ „Warum wohl!?“, schrie er Snape wütend an und stand mittlerweile. Die Getränke, die Minerva zuvor heraufbeschworen hatte, waren durch den Schwung, mit dem er sich gegen ihren Schreibtisch gestützt hatte, umgefallen. Auch wurden die Direktorin und Hermione während des Streitgespräches immer kleiner.
Dass sich bei Draco einiges angestaut hatte, war nur zu verständlich. Zwar kannte Minerva nicht alle Einzelheiten, dass was ihr allerdings bekannt war, dafür hatte sie in der Tat nur allzu großes Verständnis.
Im Grunde hatte sie den Beiden jetzt auch nur noch ein paar Dinge erklären wollen, aber nein. . . Albus hatte sich unbedingt an dem Gespräch beteiligen müssen. Nur hätte Minerva nie erwartet, dass es sich so entwickeln könnte.
„Ich dachte, du steckst genauso mit diesem Psychopathenverein unter einer Decke! Du denkst doch nicht ernsthaft, dass ich es da zulasse, dass du in meinem Kopf rum schnüffelst, damit du mich ans Messer liefern kannst!?“ „So etwas hätte ich nie getan. Ich. . .“ „Nein. Stattdessen hast du weiter dieses kranke Spiel mitgespielt. Du. . .“ „Du hättest mir nur ein wenig Vertrauen entgegenbringen müssen, dann. . .“ „Vertrauen? Dir? Ich hab dir seit dem Fünften nicht mehr vertraut!“ Daraufhin horchte Hermione auf und sah verwirrt auf den Slytherin, der sich immer stärker in Rage redete und bereits ordentlich keuchte.
„Seit seiner verfluchten Auferstehung! Ich hab dich in dem Sommer oft genug mit Lucius und diesem Monster über die ganze Scheiße reden hören. Eure kranken Pläne. Du denkst doch nicht ernsthaft, dass ich dir dann noch in irgendeiner Art und Weise vertraue, wenn ich weiß, dass du Schoßhund für diesen Psychopathen spielst!?!“, schrie er. In der nächsten Sekunde blieb ihm die Luft weg und er begann gequält zu husten.
„Scheiße“, keuchte er schwer und krallte die Hand in sein T-Shirt, während Hermione ihn rasch zurück auf den Stuhl zog, da er drohte zusammenzusacken. Minerva machte ihm indes ein Glas Wasser voll, welches sie der Löwin reichte, die den Blonden halb in den Armen liegen hatte, in denen er weiter beunruhigend krampfte, hustete und nach Atem rang. Es war ein Bild, was sich gerade die in den Porträts festgehaltenen Männer verwirrt besahen, während die beiden Frauen noch versuchten, sich um den Slytherin zu kümmern.
„Komm, ganz ruhig“, hauchte Hermione und rieb ihm beruhigend über den Rücken. „Trink mal was“, hielt sie ihn an und reichte ihm das Glas, was sie selbst auch noch festhielt, da seine Hand gefährlich zitterte.
„Minerva, was. . .“, setzte Dumbledore behutsam an, wofür er sich von der alten Hexe einen warnenden Blick einfing. Diese konzentrierte sich dann auch erstmal wieder auf Hermione.
„Gehen Sie mit ihm in den Krankenflügel und sehen Sie zu, dass er sich hinlegt. Ihre Unterlagen“, meinte sie und reichte ihr ein braunes Kuvert.
„Darin finden Sie auch das Passwort. Ich nehme an, Sie wissen, wo sich der Schulsprecherturm befindet?“ „Ja.“ „Gut. Gehen Sie erst einmal. Ruhen Sie sich noch etwas aus. Wenn möglich, würde ich es begrüßen, wenn sie gegen 18:45 Uhr in der Halle zum Abendessen erscheinen. Den hier. . .“, gab sie ihr Dracos Zauberstab. „. . . nehmen Sie fürs Erste lieber. Sollte etwas Ernsteres sein, lassen Sie mir eine kurze Nachricht zukommen.“ „Okay.“ „Gehen Sie“, hielt Minerva sie auch weiter ruhig an, worauf Hermione Draco mit sich hoch zog, der noch immer mit dem heißen Stechen in seiner Brust kämpfte, sodass sie sich seinen Arm um Schulter und Nacken schlang, um ihn zu stützen.
„Na komm“, hauchte sie, wo er sich benommen halb von ihr ziehen ließ. Kaum dass die Beiden aus dem Büro der Direktorin verschwunden waren, drehte sich Minerva aufgebracht zu ihren zwar toten aber doch irgendwie recht lebendigen Kollegen.
„Was hat er?“, begann Snape verwirrt, dem Minerva noch immer recht erbost Antwort gab. „Was er hat? Nun, so wie es mir immer mehr scheint, vollkommen grundlos drei, vier Monate in Azkaban verbringen müssen. Und das mit einer beständigen Folter, die ihn fast das Leben gekostet hätte! Mit den Dementoren, denen er ursprünglich sogar vorgeführt werden sollte!“ Daraufhin schluckte Snape hart, was sich Minerva kurz argwöhnisch besah, bevor sie weiter sprach.
„Es ist allein Hermiones Engagement geschuldet, dass man ihn gestern endlich hat gehen lassen. Dass der arme Junge nach einer derartigen Tortur noch recht angeschlagen ist, denke ich, muss ich euch nicht noch zusätzlich sagen?!“, empörte sie sich und sah schließlich zu Albus.
„Du weißt, dass ich deinen Einsatz und die Bemühungen immer geschätzt und unterstützt habe, allen voran was den Widerstand und Kampf gegen Voldemort anging. Aber mit dem Leben und Schicksal unserer Schüler zu spielen, als wären sie nichts weiter wie Werkzeuge, widerstrebt mir gänzlich!“ „Gewisse Opfer waren leider nötig“, entgegnete er ihr in bedauerndem Tonfall. Die alte Hexe rümpfte auf diese Aussage nur die Nase.
„Opfer, ja?“, wiederholte sie leicht angesäuert, bevor sie aufgebracht meinte: „Es ist eine Sache, wenn man dazu bereit ist, sich aus freien Stücken für eine Sache zu opfern, so wie ihr beide es getan habt. Es ist jedoch etwas völlig anderes, wenn man nichts ahnend für die Zwecke Anderer benutzt und missbraucht wird. Gegen den eigenen Willen. Unter Zwang. Das schien mir ausschließlich das Metier der Death Eater zu sein, aber gewiss nicht unseres! Zumindest dachte ich das immer. Offensichtlich habe ich mich da ganz gewaltig geirrt. Ebenso, wie ich mich in einigen unserer Schüler getäuscht habe. Wenn ihr mich nun entschuldigt? Ich habe noch einiges vorzubereiten.“ Damit drehte sich Minerva um und verschwand mit wehendem Umhang aus dem Schulleiterbüro.
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Mittlerweile hatte Hermione mit ihrem benommenen Slytherin den Südturm erreicht. Dort nannte sie der jungen Dame auf dem Porträt rasch das Passwort, ehe sie mit Draco im Innern verschwand. Der hatte sich vehement geweigert, in den Krankenflügel zu gehen.
Im Wohnzimmer angelangt, nahm sie sich keine Zeit weiter, den gemütlich, wie auch stilvoll und großzügig geschnittenen Gemeinschaftsraum, mit dem Kamin, einem Dreisitzer und den zwei weißen Ledersesseln zu mustern. Sie sah lediglich aus den Augenwinkeln das überdimensionierte Bücherregal, das die komplette linke Wandseite einnahm. An der Wand daneben prangte ein großes Doppelfenster, durch welches jede Menge Licht in den Raum fiel und diesen angenehm ausleuchtete. Auf der rechten Seite ging eine kleine Nische ab, die sich als Kitchenette entpuppte. Ebenso fand sich ein Arbeitsbereich mit zwei Schreibtischen zu ihrer Rechten wieder. Hermiones eigentlicher Blickfang war aber die Treppe, die in der Mitte des Raumes lag und vermutlich zu den Schlafräumen führte. So war es dann auch.
Zu ihrer Linken entdeckte sie eine Tür, mit dem Gryffindor Wappen. Auf der Rechten zeichnete sich das der Slytherins ab, was dann wohl sein Zimmer war. In dieses stolperte sie etwas umständlich mit ihm.
Sie bugsierte ihn direkt zu dem großen Himmelbett in der Mitte, das auf einem kleinen Podest stand, und ließ ihn behutsam darauf sinken. Er atmete auf diesem allerdings auch weiter schwer und ein wenig rasselnd, wie sie fand. Seine rechte Hand hatte er nach wie vor auf dem schmerzenden Brustkorb liegen. Die Augen hielt er wiederum geschlossen, während sich auf seinen blassen Zügen der Schweiß abzeichnete.
„Draco?“, rief sie unsicher, worauf er nur ein paar undefinierbare Laute von sich gab, weshalb sie hinter eine der beiden Türen in seinem Zimmer blickte, um festzustellen, dass es ein begehbarer Kleiderschrank war. Die andere Tür zur Fensterseite entpuppte sich als ein geräumiges Bad mit Dusche, WC und Waschbecken. Genau das, was sie gesucht hatte.
Sie schnappte sich eins der kleinen Handtücher und tränkte es in dem kalten Wasser, bevor sie damit zu Draco zurück schlich und ihm den kühlen Umschlag auf die Stirn legte. Sie ließ ihre Hand darauf ruhen und musterte ihn nachdenklich.
Mittlerweile konnte sie sich auch wieder gut daran erinnern, wie er im Mungos reagiert hatte, als sie ihm von den eigentlichen Plänen und Vorhaben Dumbledores und Snapes erzählt hatte. Dass alles unter den Beiden abgesprochen war. Allen voran, dass Snape Dumbledore töten würde. Er hatte sich da schon unwahrscheinlich aufgeregt. Im Nachhinein mehr als nachvollziehbar, nahm sie sich die Vorfälle im Ganzen.
Draco hatte sich im Sechsten einer katastrophalen Situation gegenüber gesehen. Und das zudem völlig allein. Er hatte niemanden gehabt, dem er sich hätte anvertrauen können. Da war keiner, dem er überhaupt hätte vertrauen können, von Blaise und Charlie einmal abgesehen. Es hatte niemanden gegeben, der ihm hätte aus der Sache heraushelfen können.
Dann noch das Wissen im Hinterkopf, was passieren würde, wenn er nicht tat, was man von ihm verlangte. Dinge, die er nicht tun wollte. Und dann bekam er von der anderen Seite so nebenbei gesagt, dass das alles geplant war. Dass es so sein musste. Dass er seinen Zweck in diesem Plan erfüllt hatte und damit ungesehen irgendwo in der Versenkung verschwinden konnte. Vorzugsweise in Azkaban.
Als all diese Gedanken verstärkt in ihrem Kopf zusammenliefen, konnte sie nicht verhindern, dass sich ein Wutgefühl in ihrem Innern breitmachte.
So gesehen war ja nicht nur Draco ein Opfer in dieser Geschichte. Bei Harry war es im Grunde genauso. An seinen kleinen Wutausbruch, kurz nach Dracos Verhandlung, konnte sie sich inzwischen auch wieder erinnern.
Die Wut über das, was er in Snapes Erinnerungen erfahren hatte. Die Tatsache, dass er sterben musste, damit Voldemort überhaupt besiegt werden konnte. Die Gewissheit vor Augen, dass all die Mühen und Hoffnungen für ihn am Ende umsonst blieben. Dass er nur so lange gelebt hatte, damit sich der Plan erfüllte, um dann doch noch den Tod zu finden. Er war in dem Moment auch nichts mehr, als eine Schachfigur, die geopfert werden musste, um den schwarzen König schachmatt zu setzen.
Ein Schachspiel, ja. Eines, zwischen weißen und schwarzen Figuren. Eines, was sie bereits im ersten Jahr gespielt hatten, um an den Stein der Weisen zu gelangen. Damals hatte sich Ron geopfert, damit sie dieses Spiel gewinnen konnten. Merlin sei Dank hatte er sich dabei nichts weiter getan.
Es war zu der Zeit in der Tat nur ein kleines Spiel. Eines, das sechs Jahre später tödlicher ernst geworden war. Ein Spiel, in dem man strategisch seine Schlüsselfiguren in Position brachte, um sie im richtigen Moment zu opfern oder die des Gegners für sich zu nutzen.
Hermione schauderte aufgrund dieser nüchternen Gedanken und sah zurück auf eine dieser geschlagenen Figuren. Eine, die scheinbar Schwarz gewesen war, sich für beide Parteien am Ende überraschenderweise dann aber doch mehr als Weiße entpuppt hatte. Wie ein Joker. Einer, der nicht einzuschätzen war. Für niemanden.
„Geht’s wieder etwas?“, fragte sie ruhig und strich ihm durch die verstrubbelten Haare, worauf er nach einem Moment erschöpft in ihre Richtung blinzelte und schließlich knapp nickte. Hermione nahm es mit einem matten Lächeln zur Kenntnis.
„Du hättest dich trotzdem von Madam Pomfrey durchchecken lassen sollen.“ „Die hätt mich doch auch nur in ein Bett gesteckt“, murmelte er dünn, wie auch leicht kratzig.
„Kann sein. Daniel hat aber gesagt, dass du dich ausruhen sollst“, mahnte sie ihn, worauf er seufzte. „Ich weiß. Aber das eben. . .“, brach er ab und schloss kurz die Lider. Als er sie wieder öffnete, meinte sie, eine seltsame Trübung zu erkennen.
„Weißt du, was das für ein Gefühl ist, von jemandem für seine Zwecke benutzt zu werden? Nicht zu wissen, was du tun sollst, weil du diese Dinge nicht tun willst, aber tun musst, weil man dir sonst alles auf brutalste Art und Weise nimmt, was dir etwas bedeutet? Die ganze Zeit mit dieser Angst zu leben? Immer die Konsequenzen vor Augen, die kommen werden? Es nachts zu sehen? Immer und immer wieder zu erleben, wie er die Menschen, die dir wichtig sind, qualvoll zugrunde richtet?“ Daraufhin schwieg sie, musterte ihn jedoch weiter. Allen voran seine Augen, die sich verstärkt in einer dumpfen Leere zu verlieren drohten. Darunter konnte sie ein gefährliches Flackern erkennen, als er recht leise weitersprach.
„Voldemort mag ein Monster gewesen sein, allerdings wusste man bei ihm, woran man war. Ich wusste ganz genau, dass ich für ihn nur ein wertloses Bauernopfer war. Ein Zeitvertreib. Ein Spiel. Diese Sache diente für die Anderen lediglich als eine Art Exempel, um ihnen deutlich zu machen, wie er Versagen bestrafte. Meine Mutter und ich hatten die ganze Scheiße auszubaden, in die uns Lucius geritten hatte. Der Alte hatte sich einen Dreck darum geschert, was mit uns war. In der Hinsicht war Dumbledore doch auch so. Vielleicht sogar noch Schlimmer. Er hat die Leute für seine Zwecke doch genauso ausgenutzt und manipuliert. Er hat sich selbst zwar ständig als Wohltäter und scheinbar gutmütiger Großvater hingestellt, war aber ein ebenso eiskalter und berechnender Taktiker wie Voldemort. Ein Strippenzieher. Nur wusste er das immer hinter einer netten Fassade zu verstecken. Dass er nach allem jetzt aber wirklich noch die Dreistigkeit hatte, sich so scheinheilig zu geben, war mir echt zu viel. Von Voldemort für seine kranken Spielchen benutzt zu werden war eine Sache. Von der anderen Seite aber genauso kaltschnäuzig für ihre Zwecke missbraucht zu werden, dass. . .“, brach er ab und schloss gequält die Augen.
In diesem Dunkel wartete er darauf, dass Hermione ihn zur Sau machte, da er es gewagt hatte, ihren großen Wohltäter schlecht zu reden. Irgendwie hatte das alles gerade aber raus gemusst. Zu sehr hatten sich diese Dinge in ihm angestaut, als das er es erneut hätte runter schlucken können. Und dann noch dieses scheiß Lächeln. Als wäre alles in bester Ordnung. Dieses Heuchlerische. Er hätte auf den Anblick kotzen können. Das und im Anschluss Dumbledores Porträt abfackeln.
Schließlich hob er die Lider wieder und schielte vorsichtig zu Hermione, die noch immer recht still, wie auch etwas in sich gekehrt neben ihm auf der Bettkante saß. Strafte sie ihn jetzt mit Schweigen?
„Du sagst nichts?“, fragte er behutsam, worauf sie den Blick hob und ihm in die müden Augen sah. „Was soll ich dazu denn sagen?“, erkundigte sie sich ruhig.
Mich anschreien und verfluchen?, dachte er sich, als sie ihn mit ihrer Antwort überraschte. „Auf einer gewissen Ebene hast du ja Recht.“ Daraufhin guckte er blöd. Er hatte mit seiner Meinung über den Alten Recht? Halluzinierte er schon wieder? Hermione lächelte wiederum etwas bitter.
„Er hat mehr nur das große Ganze im Blick gehabt. Voldemort zu vernichten. Rücksicht auf das Leben einzelner hatte dabei kaum Platz. Und. . . Weißt du, mit Harry war es in dieser Hinsicht irgendwie genauso. Dumbledore hat ihn nie weiter als nötig in irgendetwas eingeweiht. Wenn doch wären manche Dinge sicherlich anders gekommen. Sirius würde dann vielleicht noch leben. Nicht zuletzt hätte er Harry auch . . . geopfert.“ „Was meinst du?“, stutzte Draco.
„Während der Schlacht. Harry hatte bis zum Schluss keine Ahnung, dass es nicht nur sechs Horcruxe waren, sondern, dass es noch einen Siebten gab.“ „Wie jetzt?“ „Soweit ich das verstanden habe, hat Voldemort Harry unbewusst, als er seinen Fluch überlebt hat, ebenfalls zu einem Horcrux gemacht.“ Daraufhin schüttelte es Draco.
„Nochmal. Was?“ „Harry war ungewollt auch zu einem Horcrux geworden, den Voldemort selbst vernichten musste. Er musste Harry töten“, wurde sie immer leiser. Draco kam inzwischen allerdings nicht mehr mit.
„Aber Potter lebt doch!“ „Merlin sei Dank. So richtig schlau bin ich auch noch nicht aus allem geworden, aber es hatte wohl etwas mit den Heiligtümern des Todes zu tun. Auf alle Fälle hat Snape Harry, kurz bevor er gestorben ist, seine Erinnerungen gegeben, in denen er erst alles erfahren hat. Dass wir nicht gewinnen können, wenn er sich nicht von Voldemort umbringen lässt, und. . . Was ich damit eigentlich nur sagen will, ist, dass Dumbledore ihn genauso für das große Ganze geopfert hätte. Ein Leben für viele. Einzelschicksale spielten da keine Rolle. Er hat uns in dem Sinne auch manipuliert und für seine Vorhaben benutzt. Bauernopfer, wie du gesagt hast. Es ist ein blödes Beispiel, aber das alles. . . Es hat für mich jetzt im Nachhinein viel von einem Schachspiel. Man bringt seine Figuren in Positionen, opfert einen Bauern oder andere Figuren, um voranzukommen und den König schachmatt zu setzen. Strategische Kriegsführung. Es ist immer dasselbe. Ob nun in unserer Welt oder der Welt der Muggle.“ Daraufhin schwieg er und starrte gedankenverloren vor sich hin.
Hermione stand in der Zwischenzeit auf und verschwand kurz an der Truhe am Bettende. Sie wühlte in dieser und kramte schließlich eine der warmen Wolldecken für die kalten Wintertage hervor. Mit der trat sie zurück ans Bett und legte sie Draco etwas über die Füße und Taille, bevor sie sich wieder auf die Bettkante setzte.
„Einige von uns waren stärker in diese Pläne verstrickt als andere. Als Ron und ich uns damals im Ersten mit Harry angefreundet haben, sind wir unbewusst vermehrt Teil dieses Konstrukts geworden. Neville, Luna und Ginny irgendwann auch. Jeder von uns hat mit der Zeit verstärkt eine bestimmte Rolle in diesem Plan eingenommen. In deinem Fall eine unglückliche Doppelrolle, genauso wie Snape. Nur das du am letztlich mehr nach deinen eigenen Regeln gespielt hast, die keiner kannte. Weder Dumbledore noch Voldemort. Hab ich Recht?“, lächelte sie ein wenig, worauf er allerdings nichts zu sagen wusste. Stattdessen verfiel er stärker in seine Gedanken, sodass Hermione nochmal das Wort ergriff.
„Ich denke schon, dass es ihm leid tut. Nach allem, was am Ende war sicher noch mehr. Dass er dich falsch eingeschätzt hat. Und wo ich gerade dabei bin, mir tut es auch leid, dass ich nie mehr in dir habe sehen wollen, als. . .“ „Ein arrogantes Arschloch?“, nahm er ihr die Worte aus dem Mund, was sie kurz schmunzeln ließ, bevor sie nickte.
„Ja.“ „Ich hab dir nie einen Grund gegeben, etwas anderes in mir zu sehen.“ „Du nicht. Blaise und Charlie haben mir aber oft genug ein Ohr abgekaut, dass du nicht so bist, wie ich dich sehe. Nur hab ich das den Beiden nie abgenommen, obwohl ich es gerade durch die Zwei hätte besser wissen müssen. Dass manche Dinge mehr Schein als Sein sind.“ „Und. . . Was siehst du jetzt?“, fragte er vorsichtig, was sie aufs Neue warm lächeln ließ. Kurz darauf legte sie den Kopf schief und machte ein gespielt grüblerisches Gesicht.
„Ah. . . Lass mich mal überlegen“, sinnierte sie und tippte sich mit dem Zeigefinger ans Kinn, worauf er skeptisch eine Augenbraue hochzog. Musste sie jetzt wirklich darüber nachdenken?
„Ich sehe jetzt ein durchaus sehr charmantes, intelligentes, kulturell versiertes, doch recht witziges, wie auch ungeahnt fürsorgliches, manchmal noch immer etwas freches, leicht überhebliches, aber irgendwie liebevolles, süßes, weißes, springendes Frettchen.“ „Das Letzte hab ich überhört!“, schnaubte er pikiert. Hermione lachte jedoch herzhaft.
„Was denn? Ach komm, es war schon ein bisschen lustig“, grinste sie. Draco knurrte nur. „Lustig? Das war demütigend! Und obendrein verdammt schmerzhaft. Der Spinner hat mich mehr als einmal auf den Steinboden geworfen!“ „Eine kleine Strafe hattest du aber verdient. Davon abgesehen hat McGonagall dich ja dann gerettet.“ Daraufhin schnaubte er erneut.
„Was? Ich mein, . . . Du warst ja ein recht niedliches Frettchen“, gab sie ihm auch weiter ein wenig neckisch zu verstehen. Auf den Kommentar lief es ihm allerdings kalt den Rücken runter, was sie noch mehr zum Grinsen brachte.
„Hör auf. Okay? Du kannst mich alles nennen, aber nicht DAS! Da reagier ich empfindlich drauf.“ „Gut zu wissen“, grinste sie, was ihn innerlich schreien ließ.
Warum konnte er nicht einfach seine scheiß Klappe halten? Schließlich drehte er sich angefressen auf die andere Seite, was Hermione ein amüsiertes Kichern entlockte, ehe sie sich zu ihm beugte, sodass ihr warmer Atem über sein Ohr strich.
„Mein süßes, kleines Frettchen.“ ARGH! Auf diese, in seinen Ohren, wüsteste Beschimpfung überhaupt, drehte er sich wieder zu ihr und bekam sie an der Taille zu fassen.
Sie quiekte verschreckt auf, bevor daraus ein herzhaftes Lachen wurde. Kurz darauf verlor sie das Gleichgewicht und landete alles andere als elegant auf seiner Brust. Auf die plötzliche Belastung verzog er allerdings leicht schmerzlich das Gesicht. Hermione sah es.
„Oh Gott, tut mir leid“, entschuldigte sie sich prompt und rappelte sich auf, worauf er sich über den Brustkorb rieb. „Geht’s?“, fragte sie nun wieder ruhig, in einem Anflug von Sorge.
„Hm.“ „Ruh dich aus. Daniel hat nicht umsonst gesagt, du sollst es langsam angehen lassen. Versuch zu schlafen. Ich weck dich zum Abendessen.“ „Keinen Hunger“, murmelte er leicht wirsch. „Du isst was!“, meckerte sie sofort, worauf er angefressen zu ihr aufblickte. Ihre Augen funkelten warnend.
„Ich hab dir heute schon mal gesagt, dass du die Tränke nicht auf nüchternen Magen nehmen sollst.“ „Deine Kekse gehen doch auch“, argumentierte er. Hermione grinste daraufhin nur heimtückisch.
„Die liegen zu Hause. Folglich kommst du dann mit zum Essen“, drohte sie ihm erneut, worauf er murrte. Am Ende seufzte sie und versuchte ruhig mit ihm zu reden.
„Jetzt hab dich nicht so. Blaise und Charlie werden beim Essen auch auf dich warten. Danach legst du dich wieder hin, damit das. . .“, deutete sie ihm auf seine Brust. „. . . komplett verheilt.“ Damit war das Thema für Hermione erledigt.
Sie stand auf und verschwand an den Vorhängen des Fensters, um die ein bisschen zuzuziehen, damit er Ruhe hatte. Ihr Blick fiel dabei kurz nach draußen und glitt im Kommenden über den Verbotenen Wald, wie auch einen Teil des Großen Sees. Ein schöner Ausblick. Am Ende trat sie nochmal zu Draco. Der hatte mittlerweile resigniert und sich ergeben in seine Decke gekuschelt.
„Schlaf dich aus. Ich seh mir inzwischen McGonagalls Unterlagen an.“ „Hm“, murrte er und machte schließlich die Augen zu.
Er fühlte sich trotz allem noch immer wie Matsch, da war noch ein kleines Nickerchen sicher nicht die schlechteste Idee. Eines, in das er mit der Stille recht schnell abdriftete.
Hermione verschwand kurz darauf in ihrem Zimmer, welches genauso aussah, wie das von Draco. Nur spiegelverkehrt und in den Gryffindor Farben.
Gegenüber der Tür unter dem Fenster, von wo aus man Hogsmeade und den anderen Teil des Großen Sees sehen konnte, stand ein edler, dunkler Schreibtisch. An der linken Wandseite prangte, wie im Wohnzimmer, ein riesiges Bücherregal. Direkt links neben der Eingangstür befand sich noch eine Sitzecke, mit einem gemütlichen roten Sofa und Sessel samt Tischchen. In der Mitte thronte auch hier, auf dem kleinen Podest, ein übergroßes Himmelbett.
Rechts von diesem verbarg sich hinter der Tür, der begehbare Kleiderschrank, während hinter der zweiten Tür ein ebenso geräumiges Bad lag. Leider auch hier ohne Wanne, wie sie ein wenig enttäuscht feststellte. Dann fiel ihr aber die dritte Tür hier auf dem Flur wieder ein. Die, die zwischen ihrem und Dracos Zimmer lag. Als sie hinter diese spähte, musste sie grinsen, denn hier versteckte sich noch ein Bad.
Dieses war in Weiß und Gold gehalten und mit buntem Fensterglas ausgekleidet, ähnlich dem Bad der Vertrauensschüler. In der Mitte befand sich, auch auf einem kleinen Podest, ein weißes Marmorbecken. Hermione schätzte 3x3 Meter. Eher noch mehr. Über die linke Wandseite zog sich ein breites Marmorwaschbecken mit entsprechenden Ablageflächen. Darüber war ein recht großer Spiegel mit Goldrahmen angebracht. Auf der rechten Seite standen zwei Relaxliegen, wie auch ein Schrank mit flauschigen Handtüchern und Bademänteln. Alles in allem war das hier eine Miniaturausgabe des Vertrauensschülerbades. Und das musste sie nur mit Draco teilen.
Schulsprecherin zu sein, gefiel ihr wahrhaftig von Sekunde zu Sekunde mehr. Ein eigenes Zimmer, ein eigenes Bad, wie auch eines, das dem der Vertrauensschüler glich. Sie hatte in ihrem Turm Ruhe und, anders als sonst, die nötige Rückzugsmöglichkeit, sodass sie sich wirklich optimal auf alles vorbereiten konnte. Ja das war wahrlich ein Privileg.
Schließlich begab sie sich ins Wohnzimmer und sah alles durch, was sie zu planen und organisieren hatten. Dabei stach ihr, neben der Planung der Hogsmeade Wochenenden, und den Besprechungen mit den Vertrauensschülern, ein bestimmtes Anliegen vermehrt ins Auge, die sich dann auch schon vergrößerten. Nur einen Moment später, machte sich auf ihren Zügen ein Grinsen breit.
Das waren doch mal angenehme Aussichten, nach dem ganzen Horror. Da würde sich die Schülerschar auf alle Fälle freuen. Zumindest alle, ab dem Vierten. Dieses Jahr versprach in der Tat interessant zu werden.
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Samstag, 01.07.
Freitag, 02.06.
Mittwoch, 24.05.
Ich bin Potterianer der ersten Stunde.
Rufus Beck