Ohne irgendein Zeichen der Vorwarnung ruckte Dracos Kopf nach vorn und schlug hart mit der Stirn gegen Kevins. Dessen Schädel war um einiges weicher als Dracos, denn er jaulte auf und stürzte mit einer dicken Platzwunde nach hinten.
Nur eine Millisekunde später holte Draco mit dem rechten Fuß aus und trat David mit der Hacke kraftvoll gegen das Schienbein. Dieser ließ den wütenden Slytherin in einem Aufschrei los und bekam im Folgenden noch den Ellenbogen des Blonden in die Nieren gerammt. Daraufhin taumelte er nach hinten und brach schließlich wimmernd zusammen.
Draco verschwendete allerdings keine weitere Sekunde mit dem heulenden Bündel Mensch. Stattdessen holte er mit der nun freien Rechten aus und schlug Jacob die Faust ins Gesicht, bevor er Adrian und Justin, die vollkommen überfordert mit der Situation waren, ebenfalls mit schmerzhaften, präzisen Schlägen bedachte, die sie zu Boden streckten.
Kevin war dann noch dumm genug, seinen Zauberstab gegen Draco zu richten und bekam zur Belohnung nun seinerseits einen Tritt gegen die Hand, die dadurch brach. Als er aufjaulte und noch kurz zu dem Blonden aufblickte, sah er lediglich dessen Faust, die ihn mitten ins Gesicht traf und ins Traumland schickte.
Alles in allem hatte Dracos Angriff keine Minute gedauert, der dann auch keinen Blick mehr auf den kleinen Kreis verschwendete, der aus jammernden Körpern bestand und um ihn lag. Dämlich. Es war einfach nur dämlich, einen Death Eater zu ärgern und zu provozieren. Ob nun freiwillig zu einem geworden oder nicht, seine Ausbildung hatte letztlich nicht nur aus dem Erlernen gefährlicher, dunkler Zauber bestanden. Körperlich hatte er genauso fit sein müssen und darüber hinaus auch die eine oder andere Technik in Sachen Nahkampf gelernt. Zwar hatte er sich jetzt hier in der Schule mit allem zurückhalten wollen, aber was zu viel war, war zu viel.
Schließlich stürzte er zu der Hexe, wobei sich sein Brustkorb schmerzhaft zu Wort meldete und ihn kurz keuchen ließ. Scheinbar hatten die Idioten ihm eine Rippe gebrochen. Um die würde er sich allerdings später kümmern. Zuerst kam Hermione, die noch immer bewusstlos war. Unter ihrem Kopf hatte sich inzwischen bereits eine Blutlache gebildet, die viel zu schnell größer wurde.
„Scheiße“, fluchte er und beugte sich über die Löwin. „Hermione? Hörst du mich? Komm, mach die Augen auf“, rief er, doch es tat sich nichts, womit sich seine Gedanken regelrecht überschlugen. Krankenflügel. Sie musste in den Krankenflügel.
Sein Blick flog kurz durch den Gang, wo er schließlich, knapp einen Meter neben sich, den Zauberstab der Hexe sah. Diesen griff er sich rasch und versuchte die Platzwunde zu schließen oder zumindest die Blutung etwas zu stillen, worauf Hermione brüchig stöhnte und schwach blinzelte. Ihr Blick war jedoch unfokussiert.
„Es ist alles gut. Hörst du? Versuch wach zu bleiben. Ich bring dich zu Pomfrey. Wach bleiben, okay?“, redete er hektisch auf sie ein und ließ nochmal den Episkey seine Wirkung tun. Hermiones Blick verlor sich aber immer wieder im Nichts.
„Scheiße, scheiße, scheiße. Verdammt, warum musst du Dickkopf dich auch immer in alles einmischen?!“, schimpfte er mit ihr und riss sich letztlich den Ärmel seines weißen Hemdes ab. Mit diesem versuchte er die Wunde ein wenig abzudrücken und die Blutung zu stillen, ehe er ihr mit Hilfe seiner Krawatte einen provisorischen Druckverband anlegte, damit sie nicht noch mehr Blut verlor. Sie stöhnte bei seiner kleinen Notbehandlung schmerzlich und verdrehte aufs Neue die Augen.
„Wach bleiben!“, herrschte Draco sie abermals an, bevor er sie äußerst behutsam aufrichtete, um sie im Kommenden fest zu fassen und hochzuheben. Kurz darauf lag sie schlaff, wie auch leicht keuchend in seinen Armen. Ihr Kopf ruhte schwer an seiner Brust, wo sich sein Hemd nur wenig später rot färbte.
Draco achtete allerdings nicht weiter darauf, sondern stürzte mit ihr davon, wo ihm vier der fünf Idioten, noch immer ziemlich mitgenommen, mit Blicken folgten. Diese fanden sich letztlich auf der Blutlache, nur ein paar Meter von ihnen entfernt, wieder ein.
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„Madam Pomfrey!? Ich brauche Hilfe! HALLO?“, schrie Draco gehetzt, kaum dass er durch das hohe Portal des Krankenflügels getreten war. Die Medihexe kam dann auch gleich aus ihrem Büro gestürzt.
„Was ist denn los? Was. . . Du liebe Güte!“, entwich es ihr keuchend, als sie die verletzte Hexe sah, die auf dem Weg die Treppen runter erneut das Bewusstsein verloren hatte und zudem kalkweiß geworden war.
„Hinlegen!“, wies die Schwester ihn an und deutete auf eines der Betten. Kaum das Hermione lag, beugte sich Madam Pomfrey auch schon über sie und belegte sie mit ein paar provisorischen Zaubern. Nebenher fragte sie: „Was ist passiert?“ „Sie . . . sie hat einen Schleuderfluch abbekommen und ist gegen eine der Rüstungen geknallt. Ihr Kopf. . . Es hört nicht auf zu bluten“, stammelte Draco hilflos, wie auch überfordert, den sich Madam Pomfrey gleich ran zog.
„Drücken Sie die Kompresse fest auf die Wunde“, wies sie ihn an und eilte davon. Draco sah ihr so nur kurz nach, bevor sich sein Blick wieder bei seiner kleinen Hexe einfand, deren Augen fest verschlossen waren.
„Mach keinen Blödsinn, hörst du? Du hast doch schon ganz andere Sachen durchgestanden, da wird dich so eine blöde, kleine Platzwunde nicht in die Knie zwingen. Verstanden? Hermione!“, redete er auf sie ein und begann letztlich zu zittern, als sich der dicke Mull verstärkt mit Blut vollsaugte, welches er im Kommenden an den Fingern hatte.
„Scheiße, scheiße, scheiße“, fluchte er, als Madam Pomfrey zurückkam, die er beinahe panisch anschrie: „Verdammt, tun Sie was! Sie verblutet!“ Die Medihexe ließ sich von ihm aber nicht aus der Fassung bringen, sondern schob seine Hand weg und legte die Wunde gänzlich frei, die sie mit einer Tinktur beträufelte. Kurz darauf schloss sich die Wunde, über die die Medihexe noch ein paar Zauber sprach und Hermione zwei Tränke einflößte, dem Draco ratlos, mehr noch völlig fertig, mit Blicken folgte.
„Was . . . was ist mit ihr? Wird sie wieder gesund? Was. . .“ „Eine der Hauptvenen ist verletzt worden und so wie es aussieht, auch der Schädelknochen“, erklärte Madam Pomfrey sachlich.
„Was?“, keuchte Draco und wurde noch bleicher. Er begann zu taumeln, was Madam Pomfrey aus den Augenwinkeln sah und ihn rasch auf einen Stuhl zog.
„Setzen Sie sich!“, wies sie ihn an, dem er ausnahmsweise mal artig gehorchte, da sich eine gefährliche Taubheit über seinen Körper legte.
Die Schwester murmelte unterdessen noch einige Zauber, bevor sie die Gryffindor vom Blut befreite und warm zudeckte. Im Anschluss sah sie zu Draco, der so weiß wie die Wand war.
„Himmel, legen Sie sich hin!“, wies sie ihn aufs Neue an und verfrachtete ihn ebenfalls auf eines der Betten. Dass der Slytherin selbst verletzt war, sah sie jetzt erst.
„Was bei Merlin ist passiert?!“, verlangte sie zu wissen. Draco reagierte aber nicht darauf. „Was ist mit Hermione?“ „Sie hat Glück gehabt, dass der Schädelknochen und das Venennetz nicht noch schlimmer verletzt worden sind. Genauso, dass Sie so schnell hier waren.“ „Glück“, murmelte Draco fertig und legte die zittrig, bleiche Hand ein wenig über die Augen, hinter denen noch immer der Schwindel tobte.
„Ja. Sie wird jetzt etwas schlafen und sollte sich dann auch noch schonen. Sie hat eine mittelschwere Gehirnerschütterung davongetragen, aber Sie wird wieder gesund, keine Sorge“, beruhigte sie ihn und strich ihm kurz durch die Haare, bevor sich ihr Blick mehr auf seinen Verletzungen einfand.
„Verraten Sie mir nun, was genau passiert ist? Genauso mit Ihnen?“ „Nichts. Ich . . . ich hatte Ärger mit so ein paar Idioten.“ „Ärger? So wie Sie aussehen, tippe ich eher auf eine wüste Prügelei“, schlussfolgerte die Schwester und tastete ihn vorsichtig ab. Als sie nach den Rippen sah, zischte er dementsprechend, sodass Poppy eine Augenbraue hob.
„Verraten Sie mir diesmal freiwillig, wie und wo Sie Schmerzen haben oder muss ich mich vortasten? Letzteres dauert länger und wird ziemlich schmerzhaft“, rieb sie ihm unter die Nase, worauf er matt brummte. Am Ende deutete er ihr auf die entsprechenden Stellen.
„Ziehen Sie den Umhang und das Hemd bitte aus“, wies sie ihn an und half ihm beim Aufsetzen, als er erneut die Augen schmerzlich zusammenkniff. Madam Pomfrey erkannte dann auch schon warum und drückte ihn zurück in die Kissen. Sie tastete die verletzten Stellen im Kommenden behutsam ab, den Blick zunehmend ungläubig auf ihren Patienten gerichtet.
„Sie haben drei gebrochene Rippen! Wie, bei Merlin konnten Sie Miss Granger damit bis zu mir tragen?“ „Weiß nicht. Hab nich nachgedacht“, murmelte er matt. Irgendwie war ihm noch immer schwindlig. „Mir is schlecht“, nuschelte er und atmete immer tiefer durch.
„Ruhig. Nicht verkrampfen. Das wird jetzt gleich etwas weh tun“, warnte sie ihn und begann murmelnd mit ihrem Zauberstab über seine Erscheinung zu gleiten. Draco folgte ihr träge mit den Augen, als ohne Vorwarnung ein höllisches Reißen durch seine Brust ging, was ihn aufschreien ließ.
„Schon vorbei“, beruhigte Madam Pomfrey ihn, als er gefährlich nach Luft japste. „Scheiße, was. . .“ „Es ist alles gut. Sie bleiben jetzt erstmal liegen. Ich hole Ihnen noch einen Trank“, meinte sie und huschte erneut davon. Als sie zurückkam, ging die Tür zum Krankenflügel auf. In dieser stand eine aufgebrachte, seeehr wütende Tonks, samt Ginny, die sich verschreckt im Raum umsah und schließlich ihre Freundin, wie auch Draco, in den Betten entdeckte, zu denen sie stürzte.
Hinter Tonks erschien dann noch ein jammernder Haufen von fünf Schülern, wo Justin Kevin etwas stützte, der noch immer Sterne sah. Als letzter trat Professor Dippet in den hohen Raum. Und das mit ähnlich dunkler Miene wie Tonks. Diese folgte Ginny zu Draco, der sich ein wenig aufrappelte, was ihm sein Körper gleich wieder mit Schmerzen dankte. Madam Pomfrey gab ihm dann nur noch den Trank, bevor sie sich mit den Fünfen beschäftigte.
„Keine Ausreden, Freundchen! Ich will bis ins kleinste Detail wissen WAS passiert ist! Und zwar ALLES!“, forderte Tonks mit feuerrotem Haarschopf. Dass sie entsprechend geladen war, war nicht zu übersehen. Draco sah allerdings dunkel auf die Fünf, die Dippet in eine andere Ecke des Krankenflügel scheuchte. Als Kevin ihn sah, motzte er auch schon.
„Dafür zahlst du noch, Frettchen!“ Auf die Drohung wollte Draco ihm gleich nochmal ans Leder, Tonks drückte ihn jedoch ins Kissen.
„ICH kümmer mich um die. Von dir will ich jetzt wissen, was passiert ist und vor allem, wie lange das jetzt schon so geht!“ „Was ist mit Hermione?“, klinkte sich Ginny verunsichert dazwischen und sah erneut zu ihrer Freundin, die noch immer recht blass, wie auch bewusstlos im Bett lag.
„Gehirnerschütterung. Sie hatte sich bei dem Sturz den Kopf schwer angeschlagen.“ „Wohl eher aufgeschlagen, bei der Blutmenge“, meinte Tonks und holte Dracos Zauberstab aus ihrem Umhang. „Verloren?“, zischte sie sarkastisch. „Hm“, brummte Draco und steckte sein Eigentum in die Hosentasche.
„Also? Ich höre. Und wage dir ja nicht, irgendetwas zu vergessen“, drohte sie ihm, worauf er seufzte und ihr von dem etwas fragwürdigen Hobby der Fünf berichtete, was er nur grob anriss. Schließlich gab er die Geschehnisse von heute haarklein wieder. Ginny konnte daraufhin nur mit dem Kopf schütteln.
„Warum hast du nichts gesagt? Vorher? Letzte Woche?“, bohrte sie. Draco knurrte aber nur. Von Tonks bekam er für diese Dummheit dann auch noch einen deftigen Klaps auf den Hinterkopf.
„Warum machst du es dir selber immer so schwer? Hättest du was gesagt, hätten wir das schon früher klären können. Dann wäre jetzt keiner von euch hier!“, meckerte sie. „Ich hab halt auch noch etwas meinen Stolz!“, schoss er zurück, was sich Tonks süffisant besah.
„Stolz? Jaah, es zeugt in der Tat von großem Stolz, sich verprügeln zu lassen.“ „War ja nie weiter was“, knurrte er kleinlaut, was noch mehr wurde, als Tonks zynisch meinte: „Natürlich nicht. Deswegen bist du neulich auch wegen nichts auf dem Gang zusammengeklappt!“, schimpfte sie und verpasste ihm einen zweiten Klaps.
„Würdest du bitte aufhören mich ständig zu schlagen?!“, fauchte er. „Nein. Dummheit muss bestraft werden. Merlin nochmal, ist dir eigentlich klar, dass das wieder eine Anhörung nach sich ziehen könnte?!“ „Anhörung?“, stutzte Ginny, während sich Draco das andere Kissen aufs Gesicht drückte und in dieses hinein schrie. Das war doch alles ein einziger Albtraum! Tonks besah es sich seufzend, Ginny noch immer verwundert, die fragend zu Tonks blickte.
„Er hat Auflagen, an die er sich halten muss. Keine Flüche anwenden, keinen Ärger machen und noch diverse andere Sachen. Er musste letzte Woche erst im Ministerium erscheinen weil es . . . Probleme gab.“ „Heißt das, du hast dich deshalb verprügeln lassen? Damit du keinen Ärger kriegst?“, hakte Ginny nach, bekam aber keine Antwort.
„Nur weil du keinen Ärger machen sollst, heißt das noch lange nicht, dass du dir alles gefallen lassen musst. Und von diesen Idioten gleich gar nicht! Du siehst doch, wohin so etwas führt!“, schimpfte Tonks weiter. Ginny grinste leicht.
„Na die dürften es sich jetzt dreimal überlegen, ob sie sich mit dir anlegen. Dass du so schlagfertig bist, hätte ich dir gar nicht zugetraut. Respekt.“ „Jetzt lob ihn nicht auch noch!“, meckerte Tonks, hatte dabei aber allmählich wieder ein kleines Schmunzeln auf den Lippen. Letztlich beschwor sie eine Phiole herauf und entkorkte diese.
„Deine Erinnerungen bezüglich des Vorfalls heute hätte ich noch gern. Zur Sicherheit“, forderte sie, dem Draco stöhnend nachkam. Kurz darauf war der silberne Faden gesichert.
„Ich rede dann noch mit Minerva und seh zu, dass wir das irgendwie intern geregelt bekommen, damit es nicht wieder so weit nach oben eskaliert. Und in Zukunft sagst du mir, wenn was ist. Egal was. Hast du mich verstanden?“, maß sie ihn streng. „Ja doch!“, stöhnte Draco ergeben, brummte aber noch ein wenig vor sich hin. Tonks nickte nur.
„Ruh dich aus“, legte sie ihm nahe und trat zu Dippet, dem die Fünf die Ohren volljammerten und immer wieder unheilvolle Blicke in Dracos Richtung warfen. Ginny quittierte diese mit ebenfalls funkelnden Augen, bevor sie sich ganz auf den Blonden konzentrierte. Schmunzelnd.
„Was?“ „Nichts. Ich bin nur noch immer überrascht.“ „Was? Dass ich mich auch prügeln kann?“ „Du bist echt gemeingefährlich, weißt du das? Fünf auf einmal so zuzurichten, ohne Magie, will was heißen“, grinste Ginny weiter. Draco schnaubte.
„Die Idioten sind Schwächlinge. Große Klappe nichts dahinter. So gesehen hat es auch seine Vorteile, in gewissen Bereichen unterschätzt zu werden.“ „Offensichtlich“, monierte Ginny, die es doch recht faszinierend fand. Auch so. Wenn sie das vorhin richtig verstanden hatte, dann hatte Draco erst angefangen auszuteilen, als Hermione verletzt zu Boden gegangen war.
Ihr lag es vermehrt auf der Zunge, ihn wegen des Kusses zu fragen. Genauso, was er dachte und vor allem wollte? Nicht zuletzt auch, da sie sich in ihrer Ansicht, über das Interesse des Blonden an ihrer Freundin, durch diese Aktion noch mehr bestätigt sah. Sein Verhalten damals in Arizona, was sie zu dem Zeitpunkt noch als Lüge betrachtet hatte, erschien ihr nun in einem gänzlich anderen Licht. Nämlich dem der Wahrheit.
Der Blonde schien irgendwie tatsächlich Gefühle für Hermione entwickelt zu haben. Wie tief diese reichten, stand auf einem anderen Blatt. Einzig und allein oberflächlich, so wie ihre Freundin annahm, schienen sie keinesfalls zu sein.
Damit kam ihr auch wieder Blaise in den Sinn, der, während den Vorbereitungen für Hermiones Party, mehr als eine Andeutung in der Richtung hatte fallen lassen. Auch so, wenn sie an die Geburtstagsparty dachte, wie auch die im Kerker, schien Blaise recht erpicht darauf, seinen blonden Freund mit Hermione zu verkuppeln.
Zwar würde sie ihm bei der Sache gerne helfen, nur hieß das, Hermiones Vorstellungen und Wünsche zu übergehen und das kam definitiv nicht in Frage. Sie würde ihre Freundin unterstützen, auch wenn ihr deren persönliche Frist, bis zum Ende des Schuljahres zu warten, nicht passte. Ginny fand das zu lang, zumal sie da einen Typen direkt vor der Nase hatte, dem sie, nach eigener Aussage, unter normalen Umständen nicht abgeneigt gegenüber wäre. So aber. . .
Ginny seufzte und sah kurz zu ihrer Freundin, die noch immer recht blass um die Nase war und von dem ganzen Chaos jetzt hier, rein gar nichts mitbekam. Auch nicht, dass sich Dracos Blick schuldig auf ihrer Erscheinung verlor, dem die Gryffindor ein aufmunterndes Lächeln zukommen ließ.
„Das war nicht deine Schuld, falls du das denken solltest“, beruhigte sie ihn. Dabei streifte ihr Blick unweigerlich seine Schulter, die noch ein wenig lädiert aussah.
„Geht’s mit deiner Schulter wieder etwas?“ „Sicher“, brummte er und sah zurück zu Ginny. „Du weißt nicht zufällig, woher dein hohler Bruder diesen Fluch kannte?“ „Nein. Warum?“ „Nur so“, murmelte Draco, dem diese Tatsache noch etwas Kopfschmerzen bereitete.
Dass das Wiesel diesen Zauber aus Snapes altem Buch hatte, glaubte er nicht, denn so weit er wusste, handelte es sich bei diesem Zauber um einen SEINER Zauber. Richtig angewandt und platziert, konnte der tödlich sein. Merlin sei Dank war Weasley ein Stümper in Sachen Zauberkunst und Flüche. Andernfalls wäre er nicht mit einem blauen Auge davongekommen.
„Es tut mir leid, was da passiert ist“, entschuldigte sich Ginny aus heiterem Himmel und riss ihn so aus seinen Gedanken.
„Was?“ „Das mit dem Fluch. Ich weiß wirklich nicht, was in Ron gefahren ist. Er dreht zurzeit echt frei. Ich hab keine Ahnung, ob das mit dem Krieg und alles, was sonst noch war, einfach zu viel für ihn war. Einmal Freds Tod und dann noch die Trennung von Mione. Meiner Meinung nach zwar überfällig, aber das scheint er nicht richtig begreifen und verarbeiten zu können. Noch weniger, dass ihr beide euch nun so gut versteht. Das steigt ihm gehörig in die Nase. Apropos Nase“, grinste Ginny nun wieder.
„Es interessiert dich vielleicht, dass Harry ihm, nachdem ihr weg wart, die Nase in einem schönen Schlag gebrochen hat.“ „Echt?“, stutzte Draco. Ginny nickte grinsend, worin Draco recht dreckig einstimmte.
„Potty wird mir gerade sehr sympathisch.“ Daraufhin lachte Ginny. „Das freut mich zu hören. Ich weiß nicht, aber vielleicht nehmt ihr zwei euch mal Zeit für ein ruhiges Gespräch? Harry hängen diese ganzen alten Streitigkeiten auch immer mehr zum Hals raus. Es würde euch sicher gut tun“, lächelte Ginny freundlich, was er kurz sacken ließ. Die Vorstellung, Potter irgendwie die Hand zu reichen.
„Hermione und ich wollten am Samstag den neuen Gemeinschaftsraum freigeben“, meinte er etwas zusammenhanglos, worauf Ginny nickte. Wenn sich die Beiden da ein wenig Zeit füreinander nahmen und das möglichst viele ihrer Mitschüler in sich aufnahmen, würde vielleicht langsam eine gewisse Akzeptanz und vor allem Ruhe einkehren.
„Ich sorg dafür, dass Harry da ist“, versprach sie, ehe sie grinsend, wie auch zwinkernd anfügte: „Hermione würde sich bestimmt auch seeehr darüber freuen, wenn du und Harry das Kriegsbeil begrabt.“ Auf den kleinen Seitenhieb horchte er auf und musterte die Rothaarige im Kommenden sehr aufmerksam, bevor ihm der eigentliche Sinn ihrer Worte recht deutlich ins Gesicht sprang.
Hermione hatte es ihr gesagt! Natürlich hatte sie es ihr gesagt. Der Rotfuchs hatte die Brünette doch garantiert so lange belegt, was los war, wie Blaise ihn. Sie wusste von dem Kuss. Und sie wusste vermutlich auch, was Hermione im Kopf umherging. Warum sie so heftig reagiert hatte. Ob er sie deswegen fragen sollte? Würde sie ihm eine Antwort geben? Hatte sie das gerade nicht eigentlich schon? Ein Wink mit dem Zaunspfahl, wie er Hermione mehr von sich überzeugen und für sich gewinnen konnte?
„Ich sehe, wir verstehen uns“, neckte Ginny ihn noch ein wenig, da ihm anzusehen war, wie es hinter seiner Stirn akribisch ratterte. Zwar hatte sie sich vorgenommen, ihrer Freundin bei der Suche nach ihrem Prinzen zu helfen, was aber nicht zwangsläufig ausschloss, dass sie ihr die Augen für andere Dinge nicht auch etwas mehr öffnete.
Wie und bei wem Hermione ihr Glück fand, war Ginny im Grunde egal. Für sie zählte einfach nur, dass ihre Freundin, nach all den schlimmen Dingen, die sie hatte durchmachen müssen, überhaupt Glück fand. Und sollte Ben tatsächlich verschollen bleiben, was sie sich für Hermione nicht wünschte, gäbe es noch einen Plan B. Dann wäre da noch ein Mensch, der Hermione sehr nahe stand und den ihre Freundin eben doch mehr mochte, als sie im Moment zugeben wollte.
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„. . . Komm schon, Harry!“, belegte Ron seinen alten Freund auch weiter, der konsequent auf Durchzug schaltete und sich auch auf den Weg runter in die Große Halle zum Abendessen machte.
„Er hat etwas vor. Ich weiß es! Er. . .“ „HÖR ENDLICH AUF! Verdammt, ich kann’s nicht mehr hören!“, fuhr Harry herum und funkelte den Rotschopf wütend an.
„Warum geht das nicht in deinen Dickschädel? Da ist nichts! Das bildest du dir nur ein!“ „Das tu ich nicht!“, widersprach Ron aufgebracht und hielt Harry letztlich am Oberarm fest.
„Man, lass mich los!“, murrte Harry und wand sich aus Rons Griff. In den sonst so sanften, grünen Augen flammte dabei ein warnendes Funkeln auf.
„Du musst das doch sehen! Verdammt, er war am Sonntag erst in der Diagon Alley und Merlin weiß wo noch. Keine zwei Tage später brechen die aus Azkaban aus. Findest du das nicht einen komischen Zufall?“, versuchte Ron zu argumentieren. Harry schnaubte.
„Nein. Zumal er mit Tonks unterwegs war und da vermutlich ein Geschenk für Hermione gekauft hat!“ „Als Vorwand! Tonks kann er doch kurzzeitig außer Gefecht gesetzt haben. Immerhin hat er jede Menge mentale Zauber drauf. Dieses Okklu- und Legilimentik Zeug. Bestimmt beherrscht er noch mehr. Und heute Morgen hat er ein verdächtiges Paket bekommen!“ „Merlin nochmal. Bist du schon mal auf die Idee gekommen, dass ihm seine Mutter einfach nur etwas geschickt hat?“ „Er hat das Paket von Harper bekommen!“ „Und?“ „Wahrscheinlich hat er sich was über den schicken lassen, weil man seine Post garantiert kontrolliert. Die Beiden haben sich dann auch noch richtig verschwörerische Blicke zugeworfen.“ „Du spinnst einfach nur!“, motzte Harry und wollte weiter gehen. Ron schloss aber rasch zu ihm auf.
„Tu ich nicht! Das Verrückteste kommt ja noch! Ich hab gesehen, wie er das Paket dann Dobby gegeben hat. Und der hat sich vor Malfoy verbeugt!“, platzte Ron heraus, worauf Harry ihn restlos zweifelnd ansah.
„Ehrlich, Ron. Lass deinen Kopf mal von Madam Pomfrey durchchecken. Als ob sich Dobby vor Malfoy verbeugen oder überhaupt auf ihn hören würde. Er ist frei, schon vergessen?“ „Vielleicht ist er doch nicht so frei, wie wir immer dachten? Er hat sich vor der Kakerlake verbeugt. Zweimal! Ich hab’s genau gesehen.“ „Jaah. Genauso wie du als Einziger gesehen haben willst, dass Malfoy Hermione verfluchen wollte!“ „Wollte er doch auch! Er hatte die Hand schon am Zauberstab!“ „Du tickst echt nicht mehr richtig“, zeigte Harry ihm den Vogel und wollte die letzten Stufen in Angriff nehmen, als Ron ihn aufs Neue festhielt.
„Dann frag Dobby! Ruf ihn!“ „Merlin, gibst du dann endlich Ruhe?“ „Ruf ihn. Los ruf ihn!“, drängte Ron, dem Harry stöhnend nachgab.
„Dobby? Wärst du so freundlich, kurz zu mir zu kommen?“, rief Harry in den Raum. Wenig später ploppte es neben ihm, wo sich der Elf tief verbeugte, sodass seine Ohren fast den Boden berührten.
„Mr. Harry Potter Sir haben gerufen?“ „Ja. Tut mir leid, wenn ich dich von deiner Arbeit abhalte. Ich wollte dich auch nur kurz etwas fragen.“ „Oh, was möchte Mr. Harry Potter Sir wissen?“, erkundigte sich Dobby. Harry kam sich bereits jetzt ziemlich dämlich vor, den Elf nach Malfoy auszufragen.
„Stimmt es, dass dir Malfoy heute ein Paket gegeben hat?“ „Das ist richtig“, bestätigte Dobby, worauf Ron ein zufriedenes „Hah!“ entwich, während Harry blöd guckte.
„Ernsthaft?“ „Ja. Dobby wurde gebeten, es in die Schulsprecherräume zu bringen.“ „Was war da drin?“, bohrte Ron sofort nach, zu dem Dobby nichts ahnend blickte.
„Dobby weiß nicht. Dobby glaubt, Tränke von Mr. Harper“, piepste der Elf. „Siehst du? Siehst du?“, richtete sich Ron an Harry.
„Bestimmt irgendwas Giftiges! Garantiert will er wieder jemanden vergiften! Oh Merlin, ich wusste es. Dieser dreckige Bastard. Wir müssen ihn aufhalten, bevor er dazu kommt irgendwem was anzutun!“, brauste Ron auf.
„So etwas würde der junge Herr nie tun“, verteidigte Dobby den Blonden, was Ron schnauben ließ „Er wollte MICH vergiften!“, während Harry stutzte „Junger Herr?“, worauf Dobby leicht zusammenzuckte.
„Warum nennst du ihn so? Du stehst doch seit Jahren nicht mehr im Dienste der Malfoys“, wunderte sich Harry, worauf Dobby hastig nickte.
„Ist richtig. Ist richtig.“ „Oder etwa doch?“, bohrte Ron lauernd, wie auch schlagartig misstrauisch. Dobby schüttelte daraufhin heftig mit dem Kopf, dass seine Ohren nur so schlackerten.
„Nein, nein. Dobby ist dank Mr. Harry Potter Sir frei.“ „Warum nennst du ihn dann so? Arbeitest du für Malfoy? Dienst du ihm?!“, drängte Ron, zu dem der Elf ein wenig verängstigt sah.
„Nein. Dobby. . . Dobby wurde nur um einen Gefallen gebeten.“ „Gefallen? Warum tust du dem Frettchen einen Gefallen? Wieso verbeugst du dich vor dem?“, verlangte Ron immer herrischer zu wissen und schüchterte den Elf damit zunehmend ein.
„Dobby. . . Dobby darf nicht darüber sprechen. Dobby hat es versprochen. Es tut Dobby leid“, meinte der Elf nur noch und verschwand verschüchtert in einem Plopp.
„DOBBY!“, brüllte Ron sauer, aber auch Harry rief nach dem Elf. „Dobby? Komm wieder her. Bitte. DOBBY!“ Doch der Elf blieb den zwei Zauberern fern und schürte dadurch die Phantasie der Beiden. Allen voran Rons.
„Hab ich’s dir nicht gesagt? Er plant etwas. Garantiert manipuliert oder bedroht er Dobby irgendwie. Hast du gesehen, wie verängstigt er war?“, beharrte Ron. Letzteres schob Harry zwar mehr auf Rons Gebaren, allerdings war es in der Tat seltsam, dass der Elf ihm, seinem Befreier für den er sonst alles tat, das Wort und damit auch die Antwort verweigerte. Das war seltsam. Mehr als seltsam.
Und von was für einem Versprechen hatte Dobby gesprochen? Etwa eines gegenüber Malfoy? Warum?
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„Ich habe gesagt, Sie sollen liegen bleiben!“, schimpfte Madam Pomfrey leise mit Draco, der eben nicht mehr lag, sondern sich an Hermiones Bett gesetzt hatte, kaum dass Ginny zum Abendessen verschwunden war.
„Es geht mir gut. Wirklich“, beruhigte er die Schwester, die ihn dennoch ein wenig ungehalten musterte. Am Ende schwieg sie und sah stattdessen nochmal nach der Löwin. Die war noch immer nicht zu sich gekommen. Allerdings hatte sie mittlerweile wieder etwas Farbe im Gesicht und auch ihr Kreislauf arbeitete ruhig. Ihr Flüssig- und Bluthaushalt schien sich inzwischen regeneriert zu haben.
„Sie müsste bald aufwachen“, gab Madam Pomfrey Draco letztlich zu verstehen und drückte ihm kurz beruhigend die Schultern. Der Blonde nickte und sah zurück auf seine Hexe, deren Hand er hielt und ihr ein wenig über den Handrücken strich.
Er machte sich nach wie vor Vorwürfe, dass sie so schlimm verletzt worden war. Und das nur, weil diese Idioten der Meinung waren, ihn immer wieder aufmischen zu müssen. Na ja, das hatte ihnen nun den zweiten Verweis innerhalb von zwei Tagen beschert. Ebenso wie jeden Tag Nachsitzen für das komplette Schuljahr.
Er war sich ziemlich sicher, dass sie nun die Füße still hielten, denn einen dritten Verweis gab es nicht. Mit einem Dritten würden sie endgültig von der Schule fliegen. McGonagall war deswegen vorhin echt sauer gewesen. So hatte er die alte Hexe in den sieben Jahren nur ein-, zweimal erlebt. Ein Drache war gar nichts dagegen.
Ein dünnes Murmeln unterbrach dann allerdings seine Gedanken und ließ ihn zu Hermione blicken, die ein wenig matt blinzelte und die Augen letztlich in einem leisen Stöhnen erneut fest zusammenkniff.
„Ruhig“, hauchte er ihr zu und strich ihr behutsam durch den zerwühlten Schopf. Mit dieser Geste schielte sie zu ihm.
„Draco?“ „Ja. Geht’s etwas? Soll ich Madam Pomfrey holen?“ „Ich. . . Ja. Nein. Was ist denn passiert?“ „Was passiert ist? Madam musste sich mal wieder in meine Angelegenheiten einmischen“, meckerte er leicht, was sie fragend schauen ließ.
„Entwhistle hat dich mit einem Schleuderfluch getroffen. Du bist gegen eine der Rüstungen geknallt und hast dir dort ziemlich stark den Kopf aufgeschlagen.“ Als er ihr erklärte, fiel es ihr auch wieder ein. Die Fünf, wie sie ihn zusammengeschlagen hatten. Oder es zumindest vorhatten, worauf sie zu ihrer Schlange sah, die unverletzt vor ihr saß.
„Was ist mit dir? Die haben dich doch auch verletzt.“ „Nicht wirklich. Entwhistle dürfte da mehr Probleme mit seiner kaputten Nase haben“, grinste Draco zufrieden. Hermione zog jedoch fragend eine Augenbraue nach oben.
„Sag mir jetzt nicht, du hast dich mit denen geprügelt?“ „Ich hab sie gewarnt. Mehr als einmal. Man ärgert keine Schlange. Und mich erst recht nicht. Davon abgesehen, warst du verletzt und musstest in den Krankenflügel. Etwas, was diese Idioten nicht gekümmert hat, von daher. . .“, zuckte er mit den Schultern, während Hermione ihn fassungslos ansah.
„Merlin, wenn das raus kommt. . . Du kriegst Ärger!“, brauste sie auf und saß damit. Allerdings nur kurz, denn es begann ihr im Kommenden zu schwindeln. Nur einen Augenblick später fiel sie ihm haltlos entgegen und landete in seinen Armen.
„Mensch, bleib liegen!“, schimpfte er, als sie sich stöhnend an ihn klammerte und etwas tiefer durchatmete. „Geht schon wieder.“ „Tut’s nicht. Hinlegen!“, ordnete er an und bettete sie in ihr Kissen.
„Ich hol Madam Pomfrey.“ Damit war er weg, dem Hermione ein wenig hilflos nachsah. Ihre Gedanken überschlugen sich dann auch gleich und begannen sich zu jagen. Und das recht wirr.
Da war Angst um Draco. Angst davor, dass man ihm sein Handeln aufs Neue zum Vorwurf machen könnte. Eine Handlung, die wieder ihretwegen zustande gekommen war. Er hatte erneut zugeschlagen, um sie zu schützen und ihr zu helfen.
Hinzu kam noch die Sache mit diesem verfluchten Kuss! Sie hatte nach wie vor keinen Schimmer, was sie dazu sagen sollte. Sagen musste sie allerdings etwas und das machte ihr genauso Angst, denn sie wollte ihn nicht vor den Kopf stoßen. Sie wollte ihn nicht kränken und seine Gefühle verletzen, die irgendwie da waren. Für sie.
Verdammt, warum musste so etwas passieren? Das machte alles doch nur unnötig kompliziert! Sie wollte doch einfach nur mit ihm befreundet sein, so wie mit Blaise und Charlie, aber nein. . . Da musste sie sich selbst mit dieser dummen Aktion ein Bein stellen und alles in eine Richtung treiben, die doch nur in einer Katastrophe enden konnte!
„. . . Sie ist wach?“, hörte Hermione Madam Pomfrey dann und sah zu der Schwester, die mit Draco auf sie zu trat. „Nicht doch. Es ist doch alles wieder gut“, sprach Madam Pomfrey beruhigend auf sie ein, was sie nicht gleich verstand.
„Was?“, krächzte Hermione brüchig und blinzelte kurz, womit ihr zwei Tränen aus den Augen kullerten, die sie sich ein wenig perplex wegstrich.
„Haben Sie Schmerzen?“ „N-Nein.“ „Ihr war schwindlig“, mischte sich Draco dazwischen, zu dem Hermione prompt sah, während Madam Pomfrey wissend nickte.
„Das kommt durch die Gehirnerschütterung. Sie sollten sich auf alle Fälle die nächsten Tage noch etwas schonen. Ich werde Sie bei Ihren Professoren entschuldigen“, meinte Madam Pomfrey, zu der Hermione wieder sah.
„So schlimm ist es nicht. Wirklich nicht.“ „Das sehe ich anders. Und wenn Sie nicht wollen, dass ich Sie bis zum Wochenende hier behalte, dann halten Sie sich an meine Anweisungen. Sie schonen sich“, maß Madam Pomfrey sie streng, worauf die Hexe schluckte, am Ende aber nickte.
„Ich pass auf sie auf“, meinte Draco noch, was Hermione alles andere als recht war. Da kam doch garantiert noch was. Er würde sie sicher fragen oder sonst wie auf diesen Kuss anspielen. Verdammt, sie wusste noch immer nicht, was sie ihm am besten dazu sagen sollte? Sie konnte ihn jetzt ja nicht einmal wirklich ansehen, als er zu ihr trat und ihr mit einem ruhigen „Na komm“ auf die Beine half, wo sie nur noch schnell in ihre Schuhe schlüpfte.
„Lass. Geht schon“, murmelte sie dünn, wie auch leicht abweisend, als er sie stützen wollte und schob zudem seine Hand abwehrend weg.
Draco nahm es etwas geknickt zur Kenntnis, rief sich dann aber Charlies Rat wieder in den Kopf, Hermione erstmal zu lassen. Wenn er sie jetzt in die Ecke drängte, ging das auf alle Fälle nach hinten los.
Stattdessen ließ er sich noch zwei Tränke von Madam Pomfrey für die Hexe geben, die sie morgen zum Frühstück und Abendessen nehmen sollte. Er selbst bekam von der Schwester auch ein leichtes Schmerzmittel, mit dem Hinweis, das, sollten sich Beschwerden einstellen, er sich sofort bei ihr einzufinden hatte. Draco nickte brav und wartete geduldig auf seine Hexe, die sich sichtlich sträubte, zu ihm zu treten. Merlin, das konnte noch was werden, dachte er bitter und ging ein paar Schritte vor ihr, worüber Hermione ganz froh war. Über die kleine Gnadenfrist. Eine, die wie Schokolade in der Mittagshitze schmolz, je weiter sie die Treppen nach oben stiegen, denn damit wurde Hermione aufs Neue schwindlig.
Sie wurde langsamer, ihr Abstand zu Draco größer, den sie letztlich rief, als das Treppenhaus anfing zu wanken und immer Mal hinter schwarzen Schleiern drohte zu verschwinden.
„Dra-Draco, warte“, keuchte sie leicht. Ihr Mitbewohner blieb dann auch stehen und sah sich nach ihr um. Er erkannte da erst, dass sie wieder blasser geworden war und sich zudem zittrig an der Steinbalustrade festklammerte. Damit war er bei ihr.
„Schwindlig?“ „Hm“, brachte sie nur dünn heraus und fuhr sich fahrig mit der Hand übers Gesicht, wie auch durch die Haare. Es war ein Anblick, den sich Draco nicht länger mit ansah und die ohnehin geringe Distanz zu ihr schloss.
Er umfasste die Hexe mit einem ruhigen „Komm her“ und nahm sie erneut auf die Arme, sodass ihr das Herz ein wenig verschreckt aus dem Takt geriet. Kurz darauf schlang sie ihm die Arme leicht zittrig um den Nacken, während ihr Kopf an seiner Schulter zum Ruhen kam.
Sie hätte sich für ihre Schwäche jetzt am liebsten selbst in den Hintern getreten. Dafür, dass sie zuließ, dass er sich wieder so lieb um sie kümmerte. Sie war ihm dankbar dafür. Sehr dankbar, nur riss sie seine Fürsorge nur noch mehr in den Strudel aus Selbsthass, Verachtung und Verzweiflung.
So paradox es auch war, aber er tat ihr im Augenblick mit seiner Freundlichkeit und der Zuwendung weh, da sie ihm später wehtun würde, sollte diese Sache von gestern Abend tatsächlich zum Keimen kommen. Ein Gefühl der Zuneigung, das alles für einen Menschen bedeuten konnte, konnte genauso einen fürchterlichen, vernichtenden Schmerz auslösen.
Dieser Schmerz tobte gerade in Hermione, die das Gesicht letztlich in seiner Schulter vergrub und still und leise in diese hinein weinte, während Draco sie auch weiter die Unmengen von Stufen stumm hinauf trug.
Irgendwann zwischen dem vierten und fünften Stock, gewann der Schwindel in Hermiones Kopf die Oberhand und sie nickte weg. Draco bemerkte es erst, als er mit ihr in ihrem Turm angelangt war und die Hexe ins Bett legte. Er erkannte da auch erst die frische Tränenspur auf ihren Zügen, die ihn missmutig stimmte.
Dass sie dieser Kuss, ihr Ausrutscher, wirklich so sehr quälte, tat ihm selbst weh. Er verstand nicht, was an dieser Geste so Schlimmes war? Zumal er ihr doch gezeigt hatte, dass er das auch wollte. Er hatte ihr die Bestätigung gegeben, die ihr tief im Hinterkopf fehlte, nahm er sich ihre leicht versoffene Aussage vor ihrem ersten Kuss.
Charlie schien tatsächlich Recht zu behalten, dass es ihr im Augenblick wohl alles noch zu viel war. Dass sie ein wenig Zeit für sich brauchte.
Die Trennung von dem Wiesel war, wenn auch überfällig, wie Ginny ihm gesagt hatte, dennoch relativ frisch. Sich da schon wieder mit neuen Gefühlen herumzuschlagen, war vermutlich auch nicht einfach.
Er würde sich eben noch etwas gedulden und ihr auch weiter zeigen, dass er sie wollte. Dass er für sie da war. Und zwar in jedweder Beziehung.
So ließ er ihre Schuluniform, sich in bequeme Schlafkleidung wandeln und deckte seine Hexe warm zu, bei der er noch eine ganze Weile sitzen blieb und sie still betrachtete. Mit der Zeit strich er ihr auch wieder durch die leicht wüsten Haare, bevor er sich zu ihr beugte und ihr einen kleinen Kuss auf die Stirn hauchte.
„Schlaf schön“, flüsterte er und schlich sich selbst ins Bett.
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Irgendwie hatte sich Nate seinen ersten richtigen Einsatz anders vorgestellt. Mit den übrigen Auroren flüchtige Death Eater jagen oder so etwas. Nicht aber mit Anbruch der Nacht einen versoffenen Ex-Wachmann zu beschatten.
Er fand es zwar auch schlimm, dass der Penner Hermione zweimal angegriffen hatte, allerdings auch überzogen, ihn jetzt verstärkt im Auge zu behalten. Immerhin hatte man Gibson ein Annäherungsverbot aufs Auge gedrückt, was bei Missachtung mit Haft bestraft wurde. Er würde es sich nun vermutlich dreimal überlegen, ob er sich Hermione nochmal näherte.
Aber war da auch noch der Slytherin, der, Remus’ Ansicht nach, genauso in der Schusslinie von Gibson stand. Nate sah das zwar nicht so und fand es auch etwas überflüssig, wegen Malfoy hier seine Zeit zu verschwenden und sich den Arsch abzufrieren. Allerdings hatte sich die kleine Schlange nach allem schon ein paar Pluspunkte bei ihm verdient. Neutral bleiben, hatte Tonks ihm mal gesagt. Das konnte er. Er würde jetzt auch weiter brav seinen Job machen und tun, was Remus von ihm wollte.
So schlich er Gibson erneut, in einigem Abstand, hinterher, der wie so oft in einer dunklen Spelunke seinen Durst gestillt hatte und nun durch die Knockturn taumelte.
So wie er aussah, würde er vermutlich in einer Ecke erstmal seinen Rausch ausschlafen, bei dem Nate ihm gewiss keine Gesellschaft leisten würde. Er wollte die Observation so bereits abbrechen, als der Mann vor ihm in einer Nebengasse verschwand.
In diese schob sich Nate dann auch und erkannte in den dunklen Schatten noch eine andere Figur. Mehr als die Umrisse konnte er aufgrund der Dunkelheit jedoch nicht erkennen. Zudem war die Gestalt in einen schwarzen Umhang gehüllt, dessen Kapuze sie tief ins Gesicht gezogen hatte. Der Anblick dieser zwielichtigen Erscheinung stachelte ihn nun aber wieder mehr an.
Er schlich sich in den Schatten etwas näher und verschwand geduckt hinter ein paar leeren Kisten. Über diese linste er vorsichtig, spitzte die Ohren und versuchte zu lauschen. Er hatte Glück. Dadurch, dass es schon weit nach 22:00 Uhr war, war im allgemeinen Ruhe eingekehrt, sodass er sich gar nicht weiter anstrengen musste, um zu hören, was die Beiden redeten.
„Was willst du?“, zischte eine junge Frau alles andere als begeistert. „Was denn, Cousinchen? Angst?“, raunte Gibson belustigt, in einem leichten Schnaufen und streckte die Hand nach der Frau aus. Als er Anstalten machte sie zu berühren, schlug sie ihm die Hand angewidert beiseite.
„Fass mich nicht an.“ „Seit wann so zimperlich?“ „Reiz mich nicht!“, knurrte sie und deutete warnend mit dem Zauberstab auf ihn.
„Was willst du?“ „Einen kleinen Gefallen, von dem du auch etwas haben wirst.“ „Ach ja?“, zischte sie, worauf er nickte.
„Ja. Deine Rache.“ Rache?, stutzte Nate und spitzte noch etwas mehr die Ohren. Gibson schlich derweil um die Frau herum.
„Ich weiß, dass dir Azkaban allein nicht genügt hat. Ich hab es dir jedes Mal angesehen, wenn ich dir Zutritt verschafft habe. Wenn du alles an diesem Abschaum auslassen konntest. Besonders an den beiden Malfoys.“ Auf die Nennung des Namens wurden Nates Ohren noch größer.
Sollte Remus etwa doch Recht behalten? Wenn das stimmte, wäre er jetzt ja an einer richtigen Sache dran. Und wenn er die gut machte, Merlin, dann bekam er bestimmt bald spannendere Aufgaben, als Observierungen.
„Es muss dir doch ein unermesslicher Groll sein, die kleine Kröte jeden Tag zu sehen?“, schlich Gibson auch weiter um die etwas kleinere, schmal wirkende junge Frau, die sich verkrampfte und zu zittern begann.
„Zu sehen, wie er sich, trotz all der Schuld, frei umher bewegt. Arrogant stolziert und sich selbstherrlich gibt. Alles hat, während sie dir alles genommen haben. Familie, Ansehen, Zukunft. Schmerzt dich das nicht, Cousinchen?“, sülzte er und wickelte sich eine lange, dunkle Haarsträhne um den Finger, während die Frau immer stärker zitterte.
„Sei … still!“, brachte sie gepresst hervor und kämpfte deutlich hörbar um ihre Fassung und gegen die aufsteigenden Tränen.
„Ich weiß, dass du ihr Geschlecht, ihren Clan, nur zu gerne fallen sehen willst. Dabei kann ich dir helfen. Du müsstest mir nur Zutritt zum Schloss verschaffen. Dann beseitige ich das Problem. Endgültig“, säuselte er und strich ihr ein wenig über die Wange, wodurch sie aus ihrer Starre erwachte.
„Du sollst mich nicht anfassen!“, fauchte sie, worauf er kehlig lachte. „Was sind wir heute wieder empfindlich. Hast du deine Tage?“ „Reiz mich nicht“, drohte sie ihm aufs Neue und drückte letztlich ihren Zauberstab an seine Kehle.
„Na na, wer wird denn? Deine Energien könntest du anders besser kompensieren. Bring mich ins Schloss und ich sorge dafür, dass du deine Rache, wie in Azkaban, an der kleinen Ratte ausleben kannst. Und zwar richtig. Keine Zurückhaltung mehr“, versprach er ihr, worauf sie schwieg. Nate hatte für den Anfang jedoch genug gehört und wollte sich unauffällig zurückziehen, um Remus Bericht zu erstatten.
Dabei blieb er allerdings mit dem Saum seines Umhangs an einer der Kisten hängen, die ihm prompt entgegenkam und scheppernd zu Boden krachte. Mist!, fluchte er in sich hinein und sah verschreckt zu den beiden Gestalten auf, die es ihm gleichtaten. Gibson fackelte gar nicht erst lange, sondern schleuderte sofort einen Fluch in Nates Richtung, den er nicht mehr abwehren konnte.
Er traf ihn mit voller Wucht in der Brust und riss ihn in die Dunkelheit, noch bevor er mit dem Körper auf den verdreckten Steinweg aufschlug.
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