Am Freitag war Hermione wieder mit von der Partie und verschwand zudem mit Ginny zusammen an den Tisch ihrer Schlangen.
Sie hatte am Abend noch etwas mit Draco geredet, ihren Fauxpas allerdings nicht angesprochen. Sie hatten sich einfach nur unterhalten, wo sie sich dann auch seine Unterlagen kopiert hatte, um ihren Stoff nachzuholen.
Draco hatte sie gelassen, sich dann aber zeitnah mit einem kleinen Schmunzeln auf den Lippen in sein Zimmer verzogen, was sie ein wenig verwundert zur Kenntnis genommen hatte. Mehr noch, als es in diesem gepoltert hatte.
Als sie nach ihm gesehen hatte, hatte er sie nur verdutzt angeguckt, bevor sich ein recht breites Grinsen in sein Gesicht gestohlen hatte. Mit diesem hatte er sie mehr oder weniger aus seinem Zimmer geworfen. Und zwar ohne Antwort auf das was er tat.
Hermione hatte es so hinnehmen müssen, allerdings war es ihr soweit auch egal gewesen, da sie einfach nur wahnsinnig froh und erleichtert darüber war, dass er dieses heiße Thema nicht aufgriff. Es war ihr am Ende dann schon ein wenig so, als wäre diese Sache nie passiert. Zumindest schien Draco es so handhaben zu wollen, womit sie selbst ganz glücklich war.
Der Unterricht verlief weitestgehend ruhig, abgesehen von dem Getuschel und den unheilvollen Blicken, die Draco auf sich zog. Gleiches galt für Ginnys kleinem Zaubertrankunfall, der den kompletten Kerker verpestet hatte.
Die Rothaarige war nur zu offensichtlich nicht bei der Sache gewesen, als sie eine ganze Hand voll Florfliegen in ihren Trank geworfen hatte, anstatt der vorgeschriebenen fünf. Kurz darauf war die Brühe hochgekocht, sodass sie aus dem Raum hatten flüchten müssen, vor dem Ginny mit hochrotem Kopf gestanden hatte und immer mal peinlich berührte, wie auch entschuldigende Blicke auf ihre Freunde geworfen hatte. Dabei war sie doch etwas länger bei Blaise hängengeblieben, was Hermione mit leicht hochgezogener Augenbraue zur Kenntnis genommen hatte.
Slughorn war wie immer die Ruhe in Person geblieben und hatte Ginny aufgemuntert, dass so etwas schon mal passieren konnte. Snape hätte ihr an gleicher Stelle sicher 100 Punkte abgezogen und sie für den Rest des Jahres nachsitzen lassen. Aber Slughorn war eben ein ganz anderes Kaliber. Gutmütig. Dahingehend hatte er die fünf Löwen, sowie die drei Schlangen, für den nächsten Samstag zu seiner ersten diesjährigen Slug-Party eingeladen und bestand auf ihr Kommen. Sehr zu Harrys Leidwesen.
Mittlerweile hatten sie ihre letzte Doppelstunde in Verteidigung gegen die dunklen Künste, wo Dippet die vorläufigen Ergebnisse des Patronus Zaubers weiter benoten wollte.
Die Slytherins hatte er dabei bis jetzt außen vor und ihnen so noch ein, zwei Tage Zeit gelassen. Inzwischen hatte er alle Löwen durch, von denen bis auf drei alle einen gestaltlichen Patronus erschaffen konnten. Einige davon waren stärker, insbesondere Harrys, für den der Zauber zu einer gewissen Routine geworden war, was auch auf Hermione zutraf. Nun waren die Schlangen dran, angefangen bei den Greengrass Schwestern, die beide den Zauber erfolgreich bewältigten.
So tauchte bei Astoria ein schöner Schwan auf, während Daphne einen Luchs heraufbeschwor. Bei Tracey zeigte sich eine getigerte Wildkatze, bei Theo ein Wüstenfuchs.
Dass die Vier recht Stolz auf ihre Ergebnisse waren, war ihnen überdeutlich anzusehen und auch in dem Dank zu hören, den sie an ihren jeweiligen Lehrer richteten.
Harry und Neville waren daraufhin schon ein wenig peinlich berührt. Vor allem Harry, als Astoria ihm ein besonders schönes Lächeln schenkte. Damit waren Hermiones Jungs an der Reihe, zu denen sich Dippet etwas unschlüssig richtete.
„So meine Herren. Nun sind Sie dran. Wer möchte zuerst?“, erkundigte sich Dippet und sah schließlich zu Charlie, da er in den vergangenen Stunden die besten Ergebnisse erzielt hatte. Draco räusperte sich allerdings, zu dem Dippet stattdessen blickte. Und damit war er nicht allein, denn ihre Mitschüler glotzten unverhohlen und tuschelten bereits gehässig, von wegen, er würde es ohnehin nicht hinkriegen, oder ein Frettchen zum Vorschein bringen, wofür Hermione jedem einzelnen am liebsten einen gemeinen, kleinen Fluch beigebracht hätte. Allen voran Ron, dessen Blick Bände sprach. Es war ein Blick, den Draco erwiderte. Dass allerdings recht blasiert und leicht überheblich, wie man es von früher von ihm kannte.
Schließlich zog er seinen Zauberstab, schloss die Lider und führte die spezifische Bewegung aus, vergaß dabei jedoch, den Spruch laut und deutlich zu sagen. Dachte Hermione zumindest in der ersten Sekunde. Dann schoss aber ohne Vorwarnung ein silbrig weißer Schein aus seinem Stab, der sich recht schnell zu einer großen Gestalt festigte, die geradewegs auf Ron zuflog.
Dieser schrie verschreckt auf, bevor er mit großen Augen nach hinten weg zuckte und damit mit seinem Stuhl umkippte, als er sah, was ihn gerade ansprang. Ginny konnte auf den Anblick ihres Bruders nicht anders, als laut loszulachen, während Hermione die Erscheinung, mit großen Augen und offenen Mund, betrachtete, als sich der Patronus zurück zu Draco bewegte und neben ihre Schlange platzierte.
Es war ein Wolf. Ein schöner, großer, weiß-silbern schimmernder Wolf, mit klaren Augen, die treu, wie auch warm zu Hermione blickten. Ihr war es ein wenig unwirklich, aber irgendwie hatten die Augen des Wolfes etwas von Dracos Silbergrauen, zu dem sie schließlich sah. Den Mund noch immer perplex offen, wie auch die Augen vor Überraschung und Erstaunen groß.
„Seit . . . seit wann?“, stammelte sie unglücklich hervor, was Draco noch breiter grinsen ließ, als kurz zuvor schon, als er Ron zu Fall gebracht hatte.
„Ich hatte gestern einen recht netten Gedanken, den ich umsetzen wollte.“ „Dann hast du das die ganze Zeit in deinem Zimmer getrieben?“ „Yep.“ Hermione war noch immer baff. Einmal, dass er es hinbekommen hatte, wo sein Patronus wirklich sehr stark war und zudem dann auch noch spruchlos!
„Du . . . du. . .“, stammelte sie weiter, ohne zu wissen, was sie eigentlich sagen wollte. Kurz darauf fiel sie ihm überschwänglich in die Arme.
Sie drückte, herzte und küsste ihn vor Freude auf die Wange, was ihm gleich noch mehr heiße Schauer durch den Körper jagte und er die Hexe seinerseits fest in den Armen hielt, die ihn schließlich wieder ansah. In den Augen noch immer ein überwältigtes Leuchten.
„Warum hast du mir das nicht gesagt?“ „Sollte eine Überraschung sein. Ich wollte dein Gesicht sehen“, schmunzelte er, was sie lachen ließ. „Ist dir gelungen.“ Damit sah sie zurück auf seinen Patronus, der sie auch weiter lieb und treu anblickte.
„Ey! Jetzt warte erstmal ab, bis du meinen gesehen hast!“, rief Blaise lachend und führte den Zauber ebenfalls aus, murmelte den Spruch im Gegensatz zu Draco allerdings leise. Im nächsten Moment erschien in einem ähnlichen Schweif ein recht großes Tier, was ein Brüllen verlauten ließ und einmal geschmeidig um Ginny herumschwänzelte.
Die konnte nicht anders, als zu schmunzeln, als sie auf den Panther blickte, der sich zu den Jungs und damit auch dem Wolf schlich. Nur etwas später hörte man den Ruf eines Adlers, der elegant kurz seine Kreise durch das Zimmer zog, ehe er sich auf die Schulter des Panthers setzte und auf dieser erhaben thronte.
Die Blicke der Vier fielen damit auf Charlie, der zufrieden grinste. Hermione konnte daraufhin nicht anders, als lachend mit dem Kopf zu schütteln, bevor sie nochmal auf die drei Patronus Gestalten blickte.
Passend. Etwas anders fiel ihr dazu nicht ein. Aber alle drei waren recht passend, zu ihren jeweiligen Beschwörern. Charlies Adler, dem man Eigenschaften wie Mut, Kraft, Weitblick, Scharfsinnigkeit und so gesehen hohe Intelligenz, allen voran aber Würde zusprach, was ihn zu einem König der Lüfte machte.
Dem Panther schrieb man ebenfalls Mut, Furchtlosigkeit, wie auch ein starkes Selbstbewusstsein zu. Genauso vereinte er im Mythologischen noch Eigenschaften wie Eleganz, Kraft, aber auch Sünde und Wollust in sich. Zwar war Blaise kein Verbrecher, allerdings jemand, der schon gerne mal etwas in kleinem Maße sündigte, wie auch flirtete und dadurch andere in Versuchung brachte, von daher konnte man die Sünde deuten, wie man wollte. Genauso zählte man den Panther, da er zu der Familie der Leoparden gehörte, als König des Dschungels.
Der Wolf wiederum wurde von der Menschheit schon immer recht ambivalent betrachtet. Einerseits wurden diesem Geschöpf früher, aus Unwissenheit und Einfältigkeit, ausschließlich Bösartigkeit, Hinterlist, Tücke und Mordlust zugeschrieben. Dinge, die lediglich aus Sagen und Fabeln gründeten und dem Ursprung zugrunde lagen, dass der Mensch sich anhand dieses edlen, starken Tieres, einfach nur ein Symbol für die Dunkelheit und alles existierende Unheil geschaffen hatte. Dabei gingen die wahren Attribute der Wölfe, wie Kraft, Mut, Freiheit, Klugheit, Wachsamkeit, Weisheit, Treue, intuitives Handeln, Leidenschaft, wie auch Familiensinn unter. Mit all diesen Dingen beanspruchte auch der Wolf eine hohe Position im Reich der Tiere.
Zwar galt im Allgemeinen der Hirsch, mit seiner anmutigen Erscheinung, wie auch dem mächtig wirkenden Geweih, als König des Waldes, war in der natürlichen Rangordnung aber dennoch dem Wolf unterlegen. Dahingehend konnte man den Wolf als wahren König der Wälder bezeichnen, was Hermione noch mehr schmunzeln ließ, bevor sie wieder auf ihre drei Schlangen blickte, die sich zufrieden angrinsten.
„Ihr seid wirklich immer wieder für eine Überraschung gut.“ „Nicht wahr?“, lachte Blaise und zwinkerte ihr zu, womit sie zu Draco sah.
„Und es ist kein Fre-“ „Wag es ja nicht!“, fiel er ihr ins Wort, worauf sie lachte und nochmal auf den schönen, großen Wolf schaute, der noch immer seelenruhig neben ihr saß, während Blaise’ Katze nach Ginnys Umhang tatzelte und damit spielte. Die Rothaarige ließ sich daraufhin in die Hocke sinken und streckte die Hand nach der übergroßen Wildkatze aus, die, Hermione hielt es kaum für möglich, zu schnurren begann.
„Faszinierend“, murmelte sie noch und versuchte ihrerseits, der Patronusgestalt des Wolfes die Hand aufzulegen. Sie konnte die Wärme, die von dem Zauber ausging, recht deutlich spüren, ebenso wie eine tiefe innere Ruhe. Ein wirklich angenehmes Gefühl, was ihr nochmal deutlich zeigte, wie stark die Patronusgestalt war.
„Da kannst du mir jetzt ja auch erklären, wie das mit diesem anderen Zauber ging, mit dem du deinem Biber. . .“ „OTTER!“, fiel sie Draco etwas lautstark ins Wort, worauf Blaise lachte „Ist doch das Gleiche“, dem Draco grinsend, wie auch nickend zustimmte.
„Siehst du?“ „Merlin, ich muss mit euch echt mal in den Zoo gehen“, stöhnte Hermione. Ginny guckte daraufhin fragend.
„Was ist ein Zoo?“ „Das meinst du jetzt nicht ernst?“, sah die Brünette die Rothaarige zweifelnd an. Kannten Zauberer, oder generell Reinblüter, keinen Zoo?
„Zoo ist die Abkürzung für zoologischer Garten. In dem kann man sich viele verschiedene Tiere ansehen, die man sonst nur in unterschiedlichen Regionen der Welt finden würde. Auch Otter!“, schaute sie wieder zu den beiden Jungs, die sich neckisch angrinsten, bevor sie wieder zu Hermione sahen.
„Biberzähnchen“, stänkerte Draco dann noch, dem sie zur Strafe hart gegen die Brust schlug und dann doch noch das böse Wort sagte, als sie das Klassenzimmer verließen.
„Blödes Frettchen!“ „EY!“, meckerte er. Ginny, Blaise und Charlie lachten aber. „Was beschwerst du dich? Du hast mir schließlich einen Freibrief dafür gegeben“, erinnerte sie ihn und reckte ihm zudem provokant das Kinn entgegen, worauf er murrte.
„Jaah! Was ist jetzt mit dem Zauber?“, brachte er das Thema wieder auf den eigentlichen Punkt zurück. „Erst kümmern wir uns um deinen Aufsatz, damit du dort keinen Ärger bekommst. Danach zeig ich dir das mit den Patronus-Nachrichten.“ „Wenn’s sein muss“, murrte er und verschwand mit der Hexe in die Bibliothek, in der sie sich etwas durch das Material kämpften, was Daniel ihnen zum Mittag geschickt hatte. Über ihrer Arbeit vergaßen die Zwei dann auch etwas die Zeit und damit das Abendessen.
Dass es nicht noch später wurde, lag an einem Erstklässler, der sich mit größter Vorsicht ihrem Tisch näherte. Den Blick hatte er die ganze Zeit unsicher auf Draco gerichtet, gleich so, als ob er dem Kleinen in der nächsten Sekunde einen tödlichen Fluch beibringen könnte.
Es war ein Blick, der den Blonden angefressen knurren ließ. Am Ende guckte er in eine andere Richtung, sodass sich der Erstklässler an Hermione richtete und ihr eine Notiz reichte.
„Von . . . von Professor McGonagall“, zitterte seine Stimme ein wenig, während seine Augen nervös zwischen ihr und Draco hin und her huschten. Kaum aber, dass Hermione ihm den Zettel abgenommen hatte, da machte sich der Kleine auch schon hastig aus dem Staub.
„Weißt du, wie gerne ich Weasley den Hals umdrehen würde?“, schnaubte Draco giftig, worauf sie matt lächelte, bevor sie sich die kurze Notiz besah.
„Miss Granger,
bitte kommen Sie 20:00 Uhr in mein Büro.
Ich muss etwas mit Ihnen besprechen.
Minerva McGonagall“
„Hast du was ausgefressen?“, neckte Draco sie, als sie aufgrund der Nachricht verwundert die Augenbrauen krauszog.
„Nicht das ich wüsste. Vielleicht was wegen des Unterrichts“, murmelte Hermione und tat es schließlich schulterzuckend ab. Kurz darauf arbeitete sie mit Draco weiter, bis es Viertel vor Acht wurde und sie sich erstmal von ihm verabschieden wollte. Allerdings packte er auch seine Sachen zusammen.
Auf ihren fragenden Blick meinte er lediglich: „Ich muss nochmal in die Kerker. Blaise wollte noch was wegen des Trainings besprechen.“ „Na da schau an. Kommt das Interesse am Quidditch doch langsam zurück?“, neckte sie ihn, da er sich anfangs noch so sehr dagegen gesträubt hatte. Allerdings tat es ihm und seinem Körper gut, dass er wieder mehr Bewegung hatte. Auf ihre Worte sah er sie jedoch leicht mürrisch an.
„Wenn ich von euch dazu gezwungen werde? Davon abgesehen hab ich keine Lust, gegen die Luschen von Hufflepuff und Ravenclaw zu verlieren.“ „Huh. Na von deinem Ego hast du jedenfalls nicht viel eingebüßt.“ „Hier geht’s um die Ehre!“, meinte er und reckte stolz die Brust.
„Ja, ja. Wobei es ja keine wirkliche Herausforderung ist, gegen Hufflepuff und Ravenclaw zu gewinnen. Das einzig richtige und wichtige Spiel habt ihr gegen uns. Und da saht ihr immer ziemlich alt aus“, stänkerte sie noch etwas, als sie aus der Bibliothek verschwanden und durch die kühlen Gänge liefen.
„Das wird sich dieses Jahr ändern“, verkündete er kühn, was sie spitz grinsen ließ. „Gegen Harry hast du keine Chance.“ „Werden wir ja sehen.“ „Na dann überlegt euch mal eine geeignete Strategie. Die werdet ihr gegen unser Team brauchen“, grinste sie und verabschiedete sich mit einem „Bis später“ in die entgegengesetzte Richtung. Draco sah ihr nur noch kurz nach, bevor er sich auf den Weg in die Kerker machte.
Gedanklich war er beizeiten bei den Vorbereitungen für ihr erstes Spiel gegen Hufflepuff. Das mussten sie gewinnen. Und zwar haushoch! Die Kür war Pflicht. Ravenclaw das Gleiche. Die beiden Hausmannschaften waren Peanuts. Keine wirklichen Gegner, wie Hermione bereits sagte, sodass es umso peinlicher wäre, würden sie gegen die verlieren. Diese Schmach würde er seinem Haus ganz sicher nicht antun. Und sich selbst genauso wenig. Dafür war er trotz allem zu sehr Slytherin. Zu stolz, womit er die Treppen in Angriff nahm, als er aus dem Nichts einen harten Schlag gegen den Schädel bekam, der ihm augenblicklich das Bewusstsein raubte.
Er sackte haltlos zusammen und stürzte die letzten 12 Steinstufen unkontrolliert nach unten. Den dumpfen Schmerz dessen bemerkte er in keiner Weise, da ihn die schwarzen Schatten bereits gänzlich eingehüllt hatten.
۩ ۞ ۩
„Sie wollten mich sprechen?“, lugte Hermione unsicher in das Büro ihrer Direktorin. Diese musterte sie fragend. „Bitte?“ „Um was geht es denn?“, erkundigte sich Hermione und trat näher. Minerva verstand aber noch immer nicht.
„Das frage ich Sie. Gibt es Probleme?“ „Nein. Sie wollten mich doch sprechen“, meinte Hermione die Direktorin zu erinnern und reichte ihr schließlich die Notiz, die sich Minerva nahm und verwundert die Augenbrauen kraus zog. Kurz darauf sah sie die Gryffindor wieder an.
„Meine Liebe, da hat sich offensichtlich jemand einen kleinen Scherz mit Ihnen erlaubt.“ „Wie?“ „Das ist nicht meine Handschrift.“ „Oh! Dann. . . Entschuldigen Sie bitte die Störung.“ Damit wollte Hermione bereits gehen, Minerva hielt sie aber kurz zurück.
„Warten Sie. Wenn Sie ohnehin einmal hier sind, es gibt da in der Tat ein, zwei Dinge, über die ich kurz mit Ihnen reden möchte. Setzen Sie sich, Hermione“, deutete sie ihr auf einen der Stühle, auf dem sie sich niederließ. Minerva beschwor dann auch noch etwas Tee herauf.
„Ich hatte gestern bereits mit Draco gesprochen, allerdings war er etwas wortkarg und auch so ein wenig. . . Nun ja, ungehalten.“ „Weswegen?“ „Wegen des Verhaltens Ihrer Mitschüler. Mir ist bewusst, dass das für ihn im Augenblick alles recht schwierig ist. Dieser Ausbruch hat die Situation auch nicht gerade besser gemacht. Dass Ihre Mitschüler ihm mit einer gewissen Abneigung gegenübertreten, hatte ich zwar befürchtet, aber nicht, dass es derartige Ausmaße annimmt, wie es jetzt die vergangenen Tage der Fall war.“ Daraufhin nickte Hermione düster. „Das geht schon seit dem ersten Tag so“, brummte sie, was Minerva mittlerweile auch wusste.
„Nymphadora erwähnte so etwas. Dass Mr. Entwhistle und seine Freunde dieses Spiel wohl schon länger betreiben. Offen gestanden staune ich, dass Draco sich das überhaupt so lange hat gefallen lassen.“ „Er wollte einfach kein Risiko eingehen und jeglichen Ärger vermeiden. Das hab ich ihm zu Anfang auch noch gesagt.“ „Sicher. Deswegen muss er sich aber nicht alles bieten lassen. Das hatte ich ihm, während unserer ersten Besprechung, auch gesagt, dass er sich bei Problemen und dergleichen an mich oder die Kollegen wenden kann“, erinnerte Minerva sie. Hermione schüttelte allerdings mit dem Kopf.
„Sicher, nur. . . Er hat ja nicht mal mit mir, Blaise oder Charlie darüber gesprochen. Ich denke, er wollte uns da auch irgendwie raushalten. Als ich ihm helfen wollte, hat er mich vollgemault, von wegen er hätte auch noch seinen Stolz. Und was Sie und die übrigen Professoren angeht da . . . uhm. . .“ „Was?“, hakte Minerva nach. Hermione sah sie daraufhin leicht verunsichert an.
„Verstehen Sie das jetzt bitte nicht falsch. Sie wissen, ich würde nie einen der Professoren diskreditieren, aber Professor Dippet und Professor Monroe behandeln ihn ähnlich ungerecht, wie die Anderen.“ „Mit Professor Dippet habe ich mich bereits über seine unangebrachte Demonstration unterhalten“, echauffierte sich Minerva leicht, worauf Hermione schwach lächelte und nickte.
„Zwar hat er mir im Nachhinein seine Gründe genannt, dennoch geht so etwas nicht. Wir sind eine Schule. Das scheint er vergessen zu haben. Gab es denn sonst noch Probleme?“, erkundigte sich Minerva.
„Nein. Eigentlich nur das. Er hat sich dann ja auch entschuldigt, trotzdem fand ich das ziemlich mies.“ „Wie gesagt, ich habe mit ihm darüber gesprochen. Sie sagten, Professor Monroe würde ein ähnliches Verhalten an den Tag legen? Mir ist nichts dergleichen bekannt.“ „Es scheint auch mehr nur Schikane zu sein. So wie uns Professor Snape früher behandelt hat“, erklärte Hermione und schielte unsicher zu dem Porträt des alten Giftmischers. Dieser zog wie üblich eine Augenbraue nach oben, sodass sich Hermione in Erklärungsnot sah.
„Bei Ihnen war das noch etwas anders. Sie mussten ja gemein zu uns sein, wegen Ihrer Tarnung.“ „Oh, seien Sie versichert, Miss Granger, ich bin gemein“, widersprach Snape, worauf sie mit dem Kopf schüttelte.
„Das sind Sie nicht.“ „Da muss ich unserer lieben Hermione Recht geben“, mischte sich dann auch noch Albus schmunzelnd dazwischen, dem Snape einen vernichtenden Blick zuwarf, der sich auf Hermione verlor, als sie weiter sprach.
„Ich weiß, dass Sie nicht so sind, wie Sie immer getan haben. Harry hat es mir erzählt.“ „Was hat Potter Ihnen wieder erzählt?“, bohrte Snape mit einem mal leicht gereizt. Hermione schmunzelte.
„Dass Sie mich irgendwo in Schutz genommen haben, als Phineas Black es mal wieder vorgezogen hat, mich zu beleidigen.“ Daraufhin schnaubte Snape.
„Bilden Sie sich ja nichts darauf ein. Nervig waren Sie im Unterricht dennoch!“ „Nun sei doch nicht so, Severus. Freu dich doch, dass ein Teil deiner Schüler dich nicht mehr nur als den alten Griesgram sieht“, stichelte Dumbledore noch etwas, worauf Snape ein wenig vor sich hin giftete, von wegen: „Potter und sein verfluchtes Helfersyndrom.“ Minerva nahm es kopfschüttelnd zur Kenntnis und kam auf den eigentlichen Punkt zurück.
„Was genau gibt es denn nun für ein Problem mit Professor Monroe?“ „Sie schikaniert ihn grundlos. Luna hat mir auch schon davon erzählt. Dass sie permanent verbal auf Draco losgeht, obwohl er nichts macht. Sie triezt ihn mit unmöglichen Fragen, um ihn vor den Anderen bloßzustellen und. . . Daran bin ich jetzt vermutlich schuld, aber. . . Sie hat Draco gestern eine Strafarbeit aufgedrückt, weil er zu spät zum Unterricht gekommen ist. Er war über den Mittag nämlich nochmal bei uns im Turm, um nach mir zu sehen und mir etwas gegen meine Kopfschmerzen und die Gehirnerschütterung zu bringen. Weil er dadurch wohl etwas zu spät war, hat sie ihm eine Strafarbeit aufgebrummt, die er mit den Mitteln, die wir hier in der Schule haben, gar nicht bewältigen kann.“ „Jetzt versteh ich das“, murmelte Minerva leicht und lächelte Hermione letztlich entschuldigend an.
„Dass er zu spät war, ist nicht Ihre Schuld, Hermione, sondern meine.“ „Ihre?“ „Ja. Ich habe ihn gestern nach dem Mittag auf die Problematik bezüglich Ihrer Mitschüler und allem angesprochen. Er war recht murrig und hatte es auch sehr eilig. Ich habe darüber hinaus leider versäumt, ihm eine Entschuldigung für sein Zuspätkommen mitzugeben. Was diese Sache angeht. . . Betrachten Sie diese Strafarbeit als nichtig. Ich werde nochmal mit Professor Monroe darüber sprechen. Auch über ihre Verhaltensweise.“ „Das ist sehr nett, Professor. Vielen Dank.“ „Nichts zu danken. Es tut nun wirklich nicht Not, dass wir uns nach allem auch weiter unnötig das Leben schwer machen. Reden Sie deswegen nochmal mit Draco. Er soll sagen, wenn es Probleme gibt. Wohin ein derartiges Schweigen führt, haben wir ja gesehen. Auf Sie hört er vielleicht eher als auf mich“, endete Minerva.
„Das werde ich“, meinte Hermione lediglich und erhob sich, um in ihrem Turm zu verschwinden. Sie würde diesen blöden Aufsatz dennoch mit Draco fertig schreiben, auch wenn McGonagall das regeln wollte.
Wenn Monroe aber nur in etwa so tickte wie Snape, würde sie Draco trotz einer Ansage auch weiter runtermachen. Allen voran wenn der Aufsatz nicht da war. Eine derartige Genugtuung wollte Hermione ihr nicht lassen. Genauso könnte sich Draco dadurch noch etwas mehr Oberwasser verschaffen, was Hermione diebisch grinsen ließ.
Schließlich kam sie in ihrem Turm an, der allerdings leer war. Wahrscheinlich war er noch immer bei Blaise und Charlie in den Kerkern und grübelte über einer passenden Strategie, um die Hufflepuffs zu besiegen. Das konnte dauern, wie sie durch Harry, Ron und Ginny wusste. Wenn die etwas planten, das ging nicht selten bis tief in die Nacht hinein. Sei’s drum.
So kümmerte sich Hermione erstmal um ihre Hausaufgaben, die beizeiten fertig waren, bevor sie sich das Buch von Daniel erneut nahm, was sie vorhin ihrerseits eingepackt hatte, um schon mal ein bisschen weiter zu arbeiten. Zehn Seiten schrieben sich schließlich nicht von alleine.
۩ ۞ ۩
Mit einem schmerzlichen Stöhnen auf den Lippen bahnte sich Dracos Bewusstsein einen Weg aus dem Dunkel zurück an die Oberfläche. Im nächsten Moment wünschte er sich, es wäre nicht so gewesen, denn damit empfing ihn eine ungeahnte Flutwelle aus Schmerz. Und das beinahe im gesamten Körper.
Er kniete irgendwo auf hartem, kaltem Stein. Um ihn war alles pechschwarz, wo er nach einigen Sekunden auch realisierte, warum. Warum er die Schwärze nicht einfach wegblinzeln konnte, denn über seinen Augen lag noch etwas. Irgendjemand hatte ihm diese mit einem Tuch verbunden, was ihn bereits Panik schieben ließ.
Diese wurde schlagartig mehr, als er registrierte, dass er sich das Tuch nicht abstreifen konnte, denn seine Handgelenke lagen in Fesseln. Nein, nicht nur in Fesseln, in Ketten! Er konnte die eiskalten Schellen spüren. Ebenso die einzelnen Glieder der Kette, die seine Finger streiften und ihm die Arme über den Kopf nach oben zwangen. Scheiße!, schoss es ihm in einem neuen Anflug von Panik durch den Kopf. Schließlich versuchte er auf die Beine zu kommen, scheiterte aber bereits im Ansatz, denn um seine Fußknöchel lag ebenfalls etwas. Entweder ein Seil oder der Beinklammerfluch. Was es war, war im Endeffekt egal, denn er kam auch so nicht hoch.
Als er es versuchte, ging ihm ein höllisches Stechen und Brennen durch das linke Bein. Es schien gebrochen zu sein. Genauso sein rechter Arm, der in einem ähnlich spitzen Schmerz pulsierte.
Verdammt, was war passiert? Wo war er? Was sollte das? War das irgendein krankes Spiel von Entwhistle und den anderen Idioten, um ihn aufs Neue fertigzumachen? Wollten sie sich für seine kleine Schönheitskorrektur rächen und ihm Angst machen?
„Scheiße“, keuchte er leise und versuchte sich erneut irgendwie auf die Beine zu stemmen, mit dem gleichen, lausigen Ergebnis wie zuvor. Sein Körper versagte ihm den Dienst und ließ ihn in einem schmerzlichen Stöhnen zurück in seine Ausgangsposition sinken. Durch die Bewegung merkte er jetzt erst, wie sich etwas Warmes, Feuchtes seinen Weg über seine Wange suchte. Blut.
Er blutete. Und das nicht nur am Kopf, sondern auch am Bein, an dem die verletzte Ader noch immer heftig pochte. Auch konnte er die feuchte Wärme spüren, wie sie ihm an der rechten Stirnseite herab ran, während sein Kopf drohte in einem fürchterlichen Hämmern und Dröhnen zu explodieren.
Ihm schwindelte unwahrscheinlich. Hinzu kam ein Stechen im Innern. Er hatte bei jedem Atemzug vermehrt das Gefühl, dass sich sein Innerstes auf beklemmende Art und Weise zusammenzog und verkrampfte.
Es war bescheuert, aber irgendwie befiel ihn der befremdliche Eindruck, tief in seiner Brust würden Ketten rasseln. Scheinbar waren nicht nur sein Bein und der Arm im Arsch, sondern auch ein paar Rippen, worauf er versuchte, seinen Brustkorb etwas mehr zu entlasten, indem er sich erneut vergeblich leicht aufrichten wollte.
Er versuchte sich an den Ketten über seinem Kopf irgendwie in eine halbwegs gerade Position zu ziehen, scheiterte allerdings an dem Schmerz in seinem Arm. Dieser wurde im Kommenden erneut schlimmer, als sich der Großteil seines Gewichtes ein weiteres Mal zur Gänze auf seinen Armen konzentrierte, die seinen Körper in dieser halb knienden Position aufrecht hielten.
Er hatte keine Ahnung, wie lange er so in der Kälte hockte, die ihn zittern ließ. Während dieser Zeit kamen ihm abertausende Gedanken. Allen voran, was das sollte? Was man mit ihm vorhatte? Ob das einfach nur ein kranker Streich war, oder ob ihn irgendjemand, wo auch immer er war, verrotten lassen wollte?
Er hörte in der Zeit nichts. Da war nur seinen eigenen Atem, der schwer keuchend ging. Er hörte das Rauschen seines Blutes in den Ohren. Ebenso sein Herz, das verstörend in seiner Brust hämmerte. Und das mehr und mehr, je länger diese surreale Situation anhielt. Er konnte nicht leugnen, dass es ihn zunehmend ängstigte.
War es das? Wollte man ihn mürbe machen? Seinen Geist mit Hilfe seiner Angst brechen? Irgendwie erinnerte ihn das mit beinahe erschreckender Klarheit, an spezielle Taktiken und Methoden der Death Eater.
Verdammt, war er denen etwa in die Hände gefallen? Wie? Sie konnten unmöglich ins Schloss. Was sollten sie überhaupt von ihm wollen? „Du hast sie verraten und hintergangen“, flüsterte ihm ein kleines Stimmchen in seinem Hinterkopf die nur zu klare Antwort zu. „Du weißt, was sie mit Verrätern machen“, erinnerte ihn die Stimme, was nicht gerade förderlich für die aufsteigende Panik in ihm war. Verdammt, reiß dich zusammen Malfoy!, schrie er sich innerlich selbst an. Es würden garantiert keine Death Eater im Schloss sein. Sie waren, trotz des Ausbruchs, nur noch wenige. Sie waren überall verstreut und obendrein auf der Flucht. Sie hatten sicherlich Besseres zu tun, als das Risiko einzugehen, erneut geschnappt zu werden, nur weil sie sich an einem 18-Jährigen rächen wollten. Nein, garantiert steckte Entwhistle dahinter.
„Entwhistle, du Bastard. Ich weiß, dass du hier bist. Mach mich sofort los!“, schrie er wütend, aber dennoch keuchend in die scheinbare Dunkelheit, in der sich jedoch nichts regte. Da war kein Laut, kein Hauch. Nichts. Es war eine Tatsache, die ihm das Herz wieder schneller schlagen ließ. Sie wollen dich nur kirre machen, sprach er sich beruhigend zu und versuchte seinen Puls irgendwie runterzuschrauben. Vermutlich wollten sie, dass er richtig in Panik verfiel, damit sie sich das Maul über ihn zerreißen konnten. Da konnten sie allerdings lange warten.
Wenn er unter den Death Eatern eines gelernt hatte, dann sich in jeder Situation zu beherrschen und allen voran keine Angst oder Furcht zu zeigen, denn diese Dinge waren etwas, was sie riechen konnten. Allen voran Greyback.
So versuchte er sich auch weiter zu beruhigen und zu lauschen, ob da nicht vielleicht doch etwas war. Etwas, was nicht von ihm kam, doch er hörte nichts. Sämtliche übrigen Geräusche schienen vollkommen von ihm isoliert zu sein, was mit der Zeit, ohne, dass er es wollte oder gar verhindern konnte, tief verborgene Ängste in ihm weckte.
Er hasste es. Er hasste die Dunkelheit. Die Isolation. Die Gefangenschaft. Die Ungewissheit. Die Einsamkeit. Die Kälte. Davon hatte er in Azkaban weitaus genug gehabt. Nur waren es nicht die Erinnerungen an die Gefängnisinsel, und all die Gräueltaten, die dort vonstattengegangen waren, sondern andere, noch viel tiefere. Dunklere.
Es waren Erinnerungen und Empfindungen aus einer Zeit, die er geglaubt hatte weit genug verdrängt zu haben, um all das zu vergessen. Jetzt und Hier krochen diese Erinnerungen und Ängste, jedoch stückchenweise verstärkt in ihm hoch. Die Gewissheit, allein zu sein. Weggesperrt in der Dunkelheit. Wehrlos. Hilflos. Schutzlos. Verdammt, reiß dich zusammen. Du bist kein Kind mehr!, schrie er sich selbst an, was dennoch nicht verhinderte, dass sich sein Herzschlag noch mehr beschleunigte. Er verfiel aufs Neue in eine Keuchatmung, die ihn in kalten Schweiß ausbrechen ließ, obwohl die Temperaturen in diesem Raum kaum 10° betragen dürften.
„Scheiße“, fluchte er keuchend und versuchte nochmal, sich irgendwie aus seinen Fesseln zu winden, nur machte ihm sein Körper bereits im Ansatz einen Strich durch die Rechnung. Dieser war zu schwach und zu stark verletzt, als dass er ihm die nötigen Dienste leisten konnte. Letztlich sackte er wieder in seine Ausgangsposition zurück.
Das nun noch stärkere Pochen und Brennen in seinem rechten Arm, schien ihn für seine Dummheit, sich bewegen zu wollen, noch zusätzlich zu bestrafen.
Irgendwann begann er sich zu fragen, wie lange er hier war? Stunden? Tage? Irgendjemand musste ihn doch vermissen. Sie würden ihn doch suchen. Oder? „Wer sucht schon einen Death Eater?“, flüsterte die Stimme in seinem Kopf, die er am liebsten zerfetzt hätte, dafür, dass sie ihm ständig die verdammte Wahrheit sagte.
Ja, wer würde ihn jetzt schon vermissen oder gar suchen? Von Blaise und Charlie einmal abgesehen? Der Rest hingegen. . .
Vermutlich würde sich jeder seinen Teil denken. Dass er womöglich abgehauen war. Zurück zu denen. Immerhin hatte er ihnen, laut Weasley und den anderen Idioten, ja auch zur Flucht verholfen. Frei nach dem Motto: „Einmal Death Eater, immer Death Eater.“ Pah!
Das war so hirnrissig und engstirnig und verbohrt und dennoch das, was alle sahen. Durch den verfluchten Ausbruch sogar mehr als davor. Sie verachteten ihn. Mieden ihn. Hassten ihn. Eine bittere Wahrheit. „Du hast dir diesen Weg selbst gesucht“, erinnerte ihn sein Geist erneut. Schnauze, knurrte er nun zurück. Er wusste selbst nur zu gut, wie sehr er sich über die Jahre in Misskredit gebracht hatte. Er hatte bewusst so gehandelt, nur aus völlig anderen Gründen, als was seine Mitschüler dachten. Zumindest ab einem gewissen Zeitpunkt.
Verdammt, er war nicht das, was man von ihm hielt und in ihm sah. Er hatte die Rolle, die man ihm von klein auf zugedacht hatte, irgendwann nur noch aus einem einzigen Grund ausgefüllt. Nämlich, um die ganze räudige Bande von innen zu sabotieren. Er wollte das Richtige tun.
Verflucht, er hatte ja nicht einmal so etwas, wie Anerkennung haben wollen. Er wollte einfach nur akzeptiert werden. Frei von diesen ganzen Zwängen leben können. So wie er wollte. Mit wem er wollte.
„Hermione“, kam es ihm brüchig über die blassen Lippen, als er an seine kleine Gryffindor Hexe dachte, die ihm mit der Zeit erst den Anstoß gegeben und ihn hatte nachdenken lassen. Durch sie hatte er diese Dinge erst erkannt. Wie falsch die Werte waren, die man ihm von klein auf vorgelebt und mit allen Mitteln versucht hatte einzutrichtern.
Diese Hexe hatte all das ins Wanken und schließlich zum Kippen gebracht, als er sich irgendwann zunehmend von ihrem wilden, aber auch sanftmütigen Wesen hatte fesseln lassen. So sehr, dass es Gift für ihn war. Ein süßes Gift. Mit all dem, was sie war, da. . . Er hatte sie beschützen und das Unheil von ihr fernhalten wollen, was ihm jedoch mehr schlecht als recht gelungen war.
Ob sie ihn vielleicht suchte? Oder hatte sie sich von dem Schwachkopf Weasley und den ganzen übrigen Idioten bequatschen lassen, dass er sich wieder den Death Eatern angeschlossen und sie alle verraten hatte? Dass er sie und ihre Hilfe nur für sich ausgenutzt hatte? Hatte er das?
Verdammt, jetzt fing er schon an, an sich selbst zu zweifeln. Er musste hier raus. Weg. Nur wie? Wie?
۩ ۞ ۩
„Dora? Bist du da?“, echote Remus’ Stimme durch das kleine Wohnzimmer. „Komme!“, rief Tonks vergnügt und schlenderte mit einer Tasse Tee zum Kamin. „Hallo mein Wölfchen“, schmunzelte sie ihren Gatten an. Remus blieb jedoch ernst.
„Mach den Kamin auf. Ich muss mit dir reden.“ „Ähm. . . Klar. Warte“, murmelte Tonks ein wenig verunsichert und löste die Banne. Kurz darauf züngelten die Flammen grün auf, denen Remus entstieg und sich den Ruß von den Kleidern klopfte.
„Hey“, hauchte er und küsste sie flüchtig auf die Lippen. „Was ist los?“ „Nate.“ „Was ist mit ihm? Hat er was herausgefunden?“ „Vielleicht. Er wurde angegriffen“, erklärte Remus und ließ sich fertig auf das Sofa sinken, während Tonks ihn ein wenig entsetzt ansah.
„Was? Wer? Ich. . . Geht’s ihm gut?“ „Nein“, murmelte Remus, worauf sie schluckte. „Sag mir nicht, er ist. . .“ „Er lebt. Keine Sorge. Aber er liegt im Koma. Er wurde vor ein paar Stunden erst verletzt in der Knockturn gefunden. Ein Fluch hat ihn getroffen.“ „Wer?“, hakte Tonks nach und ließ sich neben Remus auf der Couch nieder.
„Wissen wir noch nicht. Der Verdacht liegt allerdings nahe, dass es Gibson war. Nate sollte ihn observieren. Vermutlich hat er ihn entdeckt.“ „Habt ihr den Typ schon dazu vernommen?“ „Das ist ja das Problem. Wir finden ihn nicht. In seiner Wohnung scheint er bereits seit ein paar Tagen nicht mehr gewesen zu sein. Unseren bisherigen Informationen nach, wurde er Mittwochabend zuletzt in einer Kellerkneipe gesehen, die er gegen 22:00 Uhr wohl verlassen hat. Nate muss da noch an ihm dran gewesen sein. Was dann war. . . Keine Ahnung.“ „Mist“, fluchte Tonks und trommelte in einem energischen Stakkato gegen ihre Tasse.
„Ihr solltet die Augen und Ohren offen halten. Draco und Hermione sollten das Schloss vorerst nicht ohne Aufsicht verlassen. Zur Sicherheit“, mahnte Remus, worauf Tonks nickte.
„Ich rede morgen mit ihnen darüber. Merlin, ich weiß jetzt schon, was die Beiden dazu sagen und vor allem davon halten werden“, stöhnte Tonks. „Es dient ihrem Schutz“, erinnerte Remus sie, was an dem eigentlichen Problem nichts änderte.
„Sicher. Nur lassen sich die Zwei erstens nicht bemuttern und zweitens nichts vorschreiben. Draco hat ohnehin eine scheiß Laune wegen allem, was die letzten Tage passiert ist. Apropos. Haben die sich im Ministerium irgendwie negativ geäußert, wegen der Sache am Mittwoch?“, erkundigte sich Tonks vorsichtig, worauf Remus mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen knapp mit dem Kopf schüttelte.
„Nein. Zumindest in der Richtung scheint wenigstens etwas Ruhe einzukehren. Zumal die Grundsituation ja in etwa die Gleiche war, wie zuletzt in Hogsmeade. Draco hat den Ärger nicht angefangen, sondern wollte nur helfen.“ „Immerhin etwas“, stieß Tonks erleichtert aus, da dem Blonden aus der Ecke kein Ärger drohte. Würde ihn beruhigen zu hören.
„Du bist mir vorsichtig?“, mahnte Remus seine tollpatschige Frau. „Immer. Weißt du doch.“ „Eben“, seufzte er, worauf sie beleidigt einen Schmollmund zog.
„Dafür will ich jetzt eine Entschuldigung von dir“, meinte sie und zog sich ihren Werwolf mehr ran, dessen Hals und Brustansatz sie schließlich mit kleinen Küssen bedeckte.
„Dora, ich muss . . . muss noch. . .“ „Du hast Feierabend“, erinnerte sie ihn und legte ihre Lippen auf seine. Sie hielt ihn damit fest bei sich, und begann so das Feuer in ihrem Wolf zu schüren, der ihrem, aber auch seinem inneren Drang, letztlich nachgab und damit in den weichen Kissen der Couch versank.
۩ ۞ ۩
Mit einem dumpfen Poff schrak Hermione hoch und sah sich irritiert um.
„Draco?“, fragte sie müde in den Raum, merkte dann aber, dass das Geräusch von dem Buch gekommen war, was ihr vom Schoß gefallen war. Sie nahm es und stellte es zurück ins Bücherregal. Nebenher fiel ihr Blick aus dem Fenster. Draußen war es bereits stockdunkel. Der Mond stand hoch am Himmel und beschien silbern die Ländereien.
Mit einem müden Blick auf die Uhr stellte sie überrascht fest, dass es schon weit nach 1:00 Uhr nachts war. Im Kamin dimmte inzwischen auch nur noch schwach die Glut, was dafür sorgte, dass der große Raum bereits stark ausgekühlt war. Schlafenszeit, dachte sie sich und stieg die Treppen zu ihren Zimmern hoch. An Dracos Tür blieb sie jedoch stehen. Dass er sie nicht geweckt hatte, wunderte und enttäuschte sie tief im Innern ein bisschen.
Ob er ihr doch etwas böse war, wegen des Kusses? Hatte sie ihn doch tiefer gekränkt, als sie angenommen hatte? Schließlich hatte er sich die vergangenen drei Wochen, seit sie wieder in Hogwarts waren, immer recht zuvorkommend und auch irgendwie liebevoll um sie gekümmert. Gestern ja auch, indem er ihr Frühstück und zum Mittag Charlies Medizin gebracht hatte.
Es kränkte sie in der Tat nun ein wenig, dass er es jetzt offensichtlich nicht einmal mehr für nötig erachtete, sie wenigstens zu wecken, wo sie schon auf ihn hatte warten wollen. Seinen Aufsatz hatte sie in der Zeit auch noch etwas ausgearbeitet, sodass bereits die Hälfte der geforderten 10 Seiten beschrieben war.
Schließlich klopfte sie an seine Tür, bekam jedoch keine Antwort. Vermutlich schlief er schon, was sie dennoch nicht daran hinderte, vorsichtig den Kopf in sein Zimmer zu stecken. Als sie auf das Bett sah, zog sie die Augenbrauen kraus, sodass sich in der Mitte ihrer Stirn eine kleine Steilfalte bildete. Es war leer. Nicht nur leer, sondern unberührt.
Damit trat sie ganz ins Zimmer und machte Licht, was an der Tatsache, dass er nicht da war, auch nichts änderte. Mehr noch, denn sie entdeckte seine Schultasche auch nicht. Anscheinend war er noch gar nicht zurück.
Ein wenig verunsichert obgleich dessen, löschte sie das Licht und ging wieder ins Wohnzimmer. So spät noch draußen herumzuschleichen passte nicht zu ihm. Er wusste schließlich, dass er aufpassen musste. Ärger war das Letzte, was er gebrauchen konnte, womit ihre Gedanken zwangsläufig in eine bestimmte Richtung gingen. Nämlich zu Kevin und Co..
Sollten die Idioten ihm trotz allem etwa schon wieder aufgelauert haben? Nach der Tracht Prügel, die sie von Draco bezogen hatten, wie auch den beiden Verweisen von McGonagall, würden sie sich das nun sicherlich zweimal überlegen. Vermutlich war er einfach bloß bei Blaise und Charlie in den Kerkern versackt. So wie sie die Jungs letztens verstanden hatte, war es scheinbar keine Seltenheit, dass er mit Blaise wohl gerne mal einen über den Durst trank.
Was genau, konnte er ihr morgen zum Frühstück erklären, solange er nicht völlig verkatert war. Allerdings war er das nach ihrer Saufaktion am ersten Abend auch nicht. Genauso wenig nach der Party in den Kerkern. Da gehörte vermutlich noch einiges mehr dazu, um ihn richtig betrunken zu erleben. Ein interessanter Gedanke.
Mit dieser Vorstellung vor Augen schlich sie nun doch in ihr Zimmer. Wenn die drei Jungs tatsächlich mit Trinkspielchen beschäftigt waren, dann würde sie noch lange auf ihn warten können. Da zog sie ihr warmes Bett der Couch vor.
۩ ۞ ۩
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.