Es war ein Gefühl tiefer Unruhe. Hast und Angst. Verzweiflung und Schmerz, welche Hermione letztlich aus der Dunkelheit ihrer Träume rissen und senkrecht im Bett sitzen ließen. Dabei krallte sie ihre Hand in das Shirt, direkt über dem verstört hämmernden Herzen. Wenig später huschte ihr Blick panisch wie auch getrieben in der vorherrschenden Schwärze umher, während sie fahrig mit der Hand nach ihrem Zauberstab tastete. Doch anders als sonst, lag er nicht neben ihrem Kissen, sondern auf dem Nachttisch.
„Lumos“, murmelte sie keuchend. Kurz darauf hatte sie die Gewissheit, in ihrem Zimmer zu sein. In Hogwarts. Im Schulsprecherturm. Wie sie in diesen gekommen war, wusste sie nicht mehr. Nur so viel, dass sie ziemlich fertig und erschöpft auf dem Krankenbett des Blonden gelümmelt hatte. Dann waren da noch Blaise und Charlie die. . .
„Natürlich“, seufzte sie. Da hatten doch garantiert die Beiden ihre Pfoten im Spiel. Einer der Zwei musste sie K.o. gesetzt haben. Sie vermutete Blaise, obwohl Charlie da auch nicht zimperlich war. Dafür würden sie noch bluten. Ein klein wenig zumindest, immerhin wusste sie, dass die Jungs es nur gut meinten. Damit fiel ihr Blick auf ihren Wecker, der da meinte, es wäre 3:24 Uhr.
„Klasse“, stöhnte sie und fuhr sich erneut etwas zittrig durch die Haare. An weiterschlafen war in ihrem Zustand nicht zu denken. Dafür spukten ihr noch immer viel zu sehr die Geister der Nacht durch den Kopf. Was es genau im Einzelnen war, konnte sie nicht sagen, da sie sich nicht daran erinnerte. Das schmerzliche Gefühl in ihr, verriet ihr dennoch nur zu deutlich, dass es nichts Angenehmes war. Und nun?
Unsicher huschte ihr Blick durch das halbdunkle Zimmer. In diesem herrschte eine quälende Stille vor, die sie im Augenblick kaum ertrug. Am Ende stand sie auf, um sich einen Tee zu machen.
Kurze Zeit später fand sie sich mit ihrer Tasse im Wohnzimmer ein und wusste aufs Neue nichts mit sich anzufangen. Am liebsten würde sie jetzt in den Krankenflügel gehen, um nach Draco zu sehen. Sie wollte ihm ein Gefühl von Nähe und Zuwendung geben, nach dem sie sich selbst gerade verzehrte. Nach einer Schulter, an die sie sich lehnen konnte. Jemanden, der sie hielt, sie beruhigte und ihr versicherte, dass alles gut werden würde. Ironischerweise war die Schulter, an die sie sich lehnen wollte, die von Draco.
Sie lachte bitter aufgrund dieses Paradoxons. Eines, was sie schließlich dazu veranlasste an sein Zimmer zu schleichen. Vor der Tür blieb sie stehen und blickte in den verwaisten Raum, auf das unberührte Bett, an dessen Fußende erneut ihr Kater lag, was sie mit dem Kopf schütteln ließ, ehe sie eintrat.
„Na du“, kraulte sie Crookshanks, der sie nur kurz träge ansah, bevor er weiter schlief. Ihr Kater schien wirklich einen Narren an dem Blonden gefressen zu haben, denn für gewöhnlich hatte er immer, wenn er konnte, am Fußende ihres Bettes geschlafen. Mittlerweile favorisierte der Kneazle Dracos.
„Fehlt er dir auch?“, fragte sie ihren Kater mit einem bitteren Lächeln und setzte sich letztlich auf den Rand des Bettes.
Sie kam sich gerade ein wenig wie ein Einbrecher vor, da sie sich in seinem Zimmer aufhielt, während er nicht da war. Sie hatte so irgendwie das Gefühl, seine Privatsphäre zu verletzen. Andererseits hatte sie ja auch schon ein paar Nächte bei ihm verbracht, ganz einfach, weil es für sie beruhigender war. Nicht allein zu sein. Die Nähe und Wärme eines anderen zu spüren. Geborgenheit. Sicherheit. Sie sehnte sich danach, womit ihr Blick auf die beiden Kissen fiel. Über eines strich sie mit der Hand und nahm es sich letztlich, nachdem sie ihre halbleere Tasse weggestellt hatte.
Als sie es in der Hand hatte, stieg ihr schwach Dracos Duft in die Nase, die sie im Kommenden in dem Kissen vergrub und schließlich die Augen schloss. Dadurch ließ sie den illusionistischen Eindruck in sich entstehen, er wäre hier.
Sie versuchte an dem Gedanken festzuhalten, doch die Seifenblase zerplatzte, als ohne Vorwarnung, neben ein paar netten Bildern, wieder die aus dem Raum der Wünsche vor den Augen aufblitzten. Kurz darauf riss sie die Augen auf und seufzte schwer.
Sie spürte, wie sich ihr ein paar Tränen in die Augen drängten, die sie auch nicht zurück zwang. Warum auch? Sie war allein. Sie musste niemandem etwas vormachen. Sie musste nicht für andere stark sein und einen kühlen Kopf bewahren, so wie sonst.
Letztlich kippte sie, noch immer mit dem Kissen vor der Brust, zur Seite und lag. Sie vergrub das Gesicht, mit den leeren, vom Schmerz leicht zerfressenen Augen, aufs Neue in dem Kissen und nahm damit einmal mehr seinen Duft tief in sich auf.
Er beruhigte sie ein klein wenig, allerdings wagte sie nicht die Augen zu schließen, aus Angst, nochmal das aus dem Raum der Wünsche zu sehen. Stattdessen glitt ihr Blick ziellos in dem Halbdunkel des Zimmers umher. Jedoch nicht sehr lange, als ihr etwas eckig, silbern schimmerndes auf Dracos Nachttisch auffiel, was sich als Bilderrahmen entpuppte. In diesem war das Foto aus dem Mungos, als sie nach der Verhandlung vor Erschöpfung in seinen Armen eingeschlafen war.
Als sie sah, wie sich ihr Abbild stärker an den Blonden kuschelte und er sie im Schlaf dann auch fester umschloss, das Gesicht halb in ihrem Schopf vergraben, huschte ihr ein kleines Lächeln über die Lippen. Teils glücklich, teils bitter und trieb ihr damit aufs Neue die Tränen in die Augen.
Sie würde ihn beschützen und auf ihn achten. Das nahm sie sich in dem Moment fest vor. Sie würde nicht mehr zulassen, dass ihm irgendwer irgendwie noch einmal schadete oder verletzte. Niemand. Nie wieder.
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Müde wie auch ausgelaugt, rieb sich Tonks über die Schläfen und verlagerte ihr Gewicht auf dem Stuhl erneut. Merlin, sie konnte allmählich nicht mehr sitzen. Vom Konzentrieren ganz zu schweigen.
Sie hatte im Laufe der Nacht bereits dutzende Akten durchgesehen, jedoch keinen Hinweis auf irgendetwas gefunden. Konnte aber auch daran liegen, dass sie trotz ihres Grundgedankens selbst nicht wusste, nach wem oder was sie eigentlich suchte.
Nach einer Verbindung zu Gibson? Nach Verwandten oder Bekannten der Todesopfer? Einem möglichen Mittäter aus der Schule? Namen, Daten, Fakten. . . Merlin, sie suchte die Nadel im Heuhaufen. Und das nicht nur in Einem, sondern eher in einer riesigen Scheune, nahm sie sich die Menge an Akten, die ihr Remus bis jetzt geschickt hatte. Und das waren bei weitem noch nicht alle.
In den wenigen Jahren, von Voldemorts Auferstehung bis hin zu seinem Fall vor ein paar Monaten, waren weit über 1’000 Hexen und Zauberer den Death Eatern zum Opfer gefallen. Allen voran in den vergangenen zwei Jahren. Besonders im Letzten. Und von diesen hatten die Wenigsten das Glück, schnell durch den Avada den Tod zu finden. Nein, stattdessen reihte sich ein blutiger Mord an den nächsten. Es waren Gräueltaten, die Tonks neben ihren Kopfschmerzen auch noch zunehmend Übelkeit bereiteten.
Sie konnte nicht mehr. Sie war im Augenblick nicht mehr fähig, noch mehr in sich aufzunehmen, von daher legte sie seufzend die Berichte beiseite und sah müde auf ihren Cousin, der vollkommen regungslos unter den dicken Decken lag.
Sie lächelte bitter auf seinen bleichen Anblick und strich ihm schließlich durch die verstrubbelten Haare. Nebenher verlor sich ihr Blick auf der kleinen Glaskugel, die auch weiter in einem matten Schimmer pulsierte. Kurz darauf sah sie zurück zu Draco.
„Mach mir ja nicht schlapp, hörst du? Dann hätten die gewonnen und das willst du sicher nicht? Denk an Hermione, Blaise und Charlie. An deine Mutter. Sie machen sich Sorgen um dich. Und ich auch“, flüsterte sie ihm zu, als sich die Tür zum Krankenflügel leise öffnete, was Tonks erschrocken herumfahren ließ.
Sie hatte die Hand bereits an ihrem Zauberstab, erkannte dann aber im ersten Licht des Morgens Hermione, die mit hängenden Schultern in ihre Richtung schlurfte.
„‘morgen“, brachte die Brünette matt hervor, ohne Tonks wirklich anzusehen. Stattdessen fiel ihr Blick sofort auf Draco. Er lag allerdings noch exakt so da wie gestern. Wie Samstagabend.
„Du bist schon auf?“, wunderte sich Tonks und sah auf die Standuhr des Krankenflügels. Es war gerade mal halb sieben.
„Konnt nicht mehr schlafen“, murmelte Hermione dünn und ließ sich schließlich einen Stuhl herankommen, auf dem sie geschlagen Platz nahm und nach der Hand des Blonden griff.
Sie hatte bis vor einer halben Stunde noch in Dracos Bett gelegen, das Gesicht in seinem Kissen vergraben und versucht, sich irgendwie zur Ruhe zu bewegen. Doch immer, wenn sie die Augen ein wenig länger geschlossen gehalten und sich krampfhaft auf etwas Schönes konzentriert hatte, waren die Bilder aus dem Raum der Wünsche mit einem Schlag zurückgekehrt. Sie hatte es nicht mehr ausgehalten und da ab 6:00 Uhr die Nachtruhe vorüber war, hatte sie sich fertig gemacht, um nach Draco zu sehen.
„War er wach?“, fragte sie Tonks dünn, ohne die Aurorin anzusehen. „Nein. Aber das hat Poppy doch auch gesagt. Dass er Ruhe braucht und eine Weile schlafen wird“, meinte Tonks beruhigend und rieb ihr kurz tröstend über den Rücken.
„Er wird wieder. Ganz bestimmt“, sprach sie weiter, um der jungen Hexe Mut zu machen, allerdings auch sich selbst, womit sie ihren Blick ebenfalls auf Draco legte.
„Hast du schon was rausgefunden?“, erkundigte sich Hermione nach einer Weile matt und sah nun doch mal zu Tonks. Die Augen stumpf, wie auch leicht schmerzzerfressen. Tonks lächelte entschuldigend.
„Bis jetzt leider nein. Es ist einfach zu viel und einen wirklich konkreten Hinweis auf die Täter haben Dippet und ich nicht gefunden. Ich weiß ehrlich gesagt nicht einmal richtig, nach was genau ich eigentlich suche. Nach wem. Ich kann im Augenblick nur einer groben Vermutung nachgehen.“ „Und wie sieht die aus? Vielleicht kann ich dir helfen?“, bot sich Hermione an, die nicht tatenlos herumsitzen konnte, mit der Angst im Nacken, dass man Draco bei der nächstbesten Gelegenheit den Rest gab.
„Ist lieb gemeint, aber. . .“ „Tonks, bitte“, unterbrach Hermione die Ältere. In den Augen ein leicht wildes Flackern. „Bitte. Ich . . . ich kann das nicht. Ich ertrag das nicht, die Hände in den Schoß zu legen und auf etwas zu warten. Nicht, wenn es um meine Freunde geht. Wenn man ihnen wieder weh tun könnte. Lass mich dir helfen. Bitte“, drängte Hermione, worauf Tonks auf ihre Akten blickte.
Es war nicht so, dass sie Hermiones Hilfe nicht zu schätzen wusste oder wollte. Im Gegenteil. Sie würde sich gerne von der Hexe helfen lassen, immerhin hatte sie eine untrügliche Gabe, wie auch ein feines Gespür für komplexe Zusammenhänge. Allerdings wollte sie die junge Frau vor sich, die selbst schon solch unerträgliches Leid hatte hinnehmen müssen, nicht mit diesen grausigen Dingen belasten.
„Was in diesen Akten steht, liest sich nicht wie ein Lehrbuch. Ich will dir das nicht zumuten. Es ist. . .“ „Grausam“, warf Hermione ein, in deren Augen ein immer entschlosseneres Funkeln aufloderte.
„Ich weiß, zu was diese Psychopathen fähig waren.“ „Eben. Ich will dir nicht noch mehr dieser Gräueltaten zumuten. Ich. . .“ „Das lass mal meine Sorge sein, was man mir zumuten kann und was nicht“, unterbrach Hermione die Aurorin erneut. Und das nun leicht schroff wie auch etwas erbost, bevor sie sich ungefragt eine der braunen Mappen nahm, aufschlug und zu lesen begann.
„Also, nach was suchst du? Was für Details?“, erkundigte sie sich sachlich, während Tonks seufzte und schließlich erklärte. Dass sie Gibson im Verdacht hatte, nach möglichen Verbindungen suchte, die er mit jemandem im Schloss haben könnte, mehr noch aber vielleicht zu einem der Opfer der Death Eater. Einem Verwandten, Bekannten oder sonstigen Freund. Dass sie nach Personen suchte, die einer bestimmten Foltermethode zum Opfer gefallen waren. Eine, die man unter anderem jetzt auch an Draco angewandt hatte.
Als Tonks ihr von der Vermutung mit den Scheinhinrichtungen erzählte, wurde Hermione noch blasser, als sie es ohnehin schon seit Samstag war. Sie sah auf den kleinen Hinweis dann auch gleich näher nach Draco. Dabei strich sie ihm die Haare behutsam aus dem Nacken und erkannte dort ein wenig die blauen Flecke, worauf sie hart schluckte, bevor sie zurück zu Tonks sah.
Diese lächelte bitter und erklärte weiter. Dass sie vermutete, dass eine Person aus dem Bekannten oder Verwandtenkreis eines der Opfer, sich rächen wollte. Und zwar mit den gleichen Mitteln. Dem gleichen Leid, was man ihren Lieben angetan hatte, wo Draco offensichtlich stellvertretend für die Death Eater als Sündenbock gehändelt wurde. Hermione konnte auf diese Vermutung nicht anders, als verächtlich zu schnauben.
„Wie kann man einem unschuldigen Menschen so etwas Grausames antun, wenn man selbst weiß, wie schrecklich das ist?!“, empörte sie sich. Tonks sah sie nur traurig, wie auch gedrückt an.
„Viele Menschen verlieren sich in ihrem Schmerz, der Trauer, Verzweiflung und Wut. Diese Wut kann dann sehr leicht zu tiefem Hass werden. Sie verlieren in diesem einen gewissen Bezug zur Realität und bauen sich dadurch ein verklärtes Gerechtigkeitsbild auf. Ich darf dich an Megan Jones erinnern?“, warf Tonks ein Beispiel ein, was Hermione noch mehr schnauben ließ, als sie an Dracos Verhandlung zurückdachte. Aber auch an den Vorfall letzte Woche, als diese Ziege auf sie losgegangen war.
„Könnte sie etwas mit der Sache zu tun haben?“, hakte Hermione nach. Tonks zuckte mit den Schultern, schüttelte dann jedoch mit dem Kopf.
„Nein. Zumindest sehe ich keine richtige Verbindung. Sie hasst Draco. Ja. Aber es gibt keine Verbindung zu Gibson. Und ich glaube auch nicht, dass sie diese Flüche kennt, mit denen Draco verletzt wurde.“ „Diverse Flüche kann man lernen und sie muss ja auch nichts mit Gibson zu tun haben. Vielleicht war sie es ganz allein?“, warf Hermione in den Raum, zweifelte zeitgleich allerdings selbst etwas an ihrer Aussage.
„Draco wurde in den Kerkern angegriffen und das zu einer Zeit, wo sicher noch einige Leute auf den Gängen unterwegs waren. Was denkst du, wie sie ihn da ungesehen allein in den siebten Stock bekommen hat?“ „Durch einen Geheimgang und Schwebezauber, vielleicht? Es gibt einen, der von den Kerkern in den fünften Stock führt. Draco. . .“ Sie schluckte, als sie seinen Namen nannte und schloss kurz schmerzlich die Augen, bevor sie den aufkeimenden, dicken, bitteren Kloß in ihrer Kehle wieder herunterschluckte.
„Als die Jungs die Party in den Kerkern veranstaltet haben, ist er mit Ginny, Luna und mir über diesen Gang runter, weil Ron auf Ärger aus war und wir unbehelligt unten ankommen wollten.“ „Wo ist dieser Gang?“, horchte Tonks auf, sodass Hermione ihr erklärte.
„Denkst du, der Täter hat ihn benutzt?“ „Vielleicht. Und wenn ja, finden sich dort hoffentlich ein paar Spuren“, resümierte Tonks, während Hermione nickte.
„Was ist mit Entwhistle und den Anderen? Hast du die mal befragt oder näher unter die Lupe genommen?“, bohrte die Löwin weiter. Tonks schüttelte mit dem Kopf.
„Die Fünf mussten zur fraglichen Zeit alle bis zehn bei ihren Hauslehrern nachsitzen. Und da ich vermute, dass Draco gleich, nachdem ihr euch getrennt habt, angegriffen wurde, fallen sie vorerst raus. Zumal. . . Ich kenn sie jetzt zwar nicht genauer, allerdings trau ich ihnen eine derartige Bluttat nicht zu. Sie machen auf mich eher den Eindruck von ein paar Halbstarken, die sich wichtig machen und in den Mittelpunkt spielen wollen. Oder wie siehst du das?“, erkundigte sich Tonks. Hermione zuckte aber nur mit den Schultern.
„Möglich“, murmelte sie und sah zurück auf die Akte in ihren Händen. „Du siehst, ich habe im Moment wirklich keine Ahnung, von wo und wie ich die Sache am besten aufdröseln kann. Im Augenblick hab ich nichts Handfestes, sondern kann nur meinen Mutmaßungen nachgehen.“ „Und du vermutest, dass jemand Draco exakt das Gleiche antun wollte, wie einem bestimmten Opfer der Death Eater?“ „Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ja. Ich suche unter den Opfern einen Namen oder sonst wie eine Verbindung zu jemandem hier in Hogwarts, bzw. zu Gibson. Einen Verwandten oder guten Freund.“ „Wie willst du da einen Namen finden?“, sah Hermione bitter zu ihr, worauf Tonks die Schultern hängen ließ.
„Du sagst es. Wie?“ Damit fiel ihr Blick auf Draco, dem sie erneut durch die Haare strich. Nachdenklich. „Im Augenblick fisch ich absolut im Trüben. Und ich fürchte, das wird auch so bleiben, bis Draco wieder ansprechbar ist.“ „Meinst du, er hat . . . er hat etwas erkannt? Er hatte doch die Augen verbunden.“ „Ich weiß. Vielleicht hat er aber eine Stimme erkannt. Oder sonst eine Eigenheit.“ „Denkst du, sie haben mit ihm gesprochen?“ Hermione war skeptisch. Tonks nickte jedoch.
„Sie werden keinen Smalltalk geführt haben, ihre Flüche werden sie allerdings laut und deutlich ausgesprochen haben. Zumindest den . . . den Avada. Anderenfalls wäre die erhoffte Reaktion ja im Nichts verpufft“, erklärte Tonks und wurde dabei immer leiser, Hermione wiederum immer wütender, die unweigerlich die Hände zu Fäusten ballte.
„Wie kann man. . .“ „Ich weiß“, meinte Tonks tröstend und legte ihr beruhigend eine Hand auf ihre kleinen Fäuste. „Wir finden die. Und dann bekommen sie ihre gerechte Strafe. Versprochen.“ „Gerecht“, presste Hermione bitter hervor und verzog die Lippen dabei zu einem dünnen Strich.
Bis jetzt hatte sie nicht viel in Sachen Gerechtigkeit gespürt. Im Gegenteil. Die Gerechtigkeit schien eher wie ein Zug an Draco vorbeizurauschen. Und zwar in die entgegengesetzte Richtung.
„Es wird alles gut“, meinte Tonks wieder, was Hermione nur schnauben ließ, bevor sie die Akte auf ihrem Schoß erneut aufschlug und nach den Details absuchte, denen Tonks vorerst nachgehen wollte.
So wurde es später und das Schloss mit all seinen Bewohnern damit allmählich munter. Unter diesen waren Zwei, die sich gegen halb acht ihren Weg in den Krankenflügel bahnten. Und zwar mit ein paar Lunchboxen bewaffnet.
„Dacht ich’s mir doch“, begann Blaise leise, mit einem matten Lächeln, als er zu Hermione und Tonks trat. Die Gryffindor schielte ihre beiden Schlangen jedoch etwas schief von unten an.
„Sag mal, was war das gestern?“ „Was?“, stellte Blaise sich dumm und setzte seine beste Unschuldsmiene auf, die Hermione nur zu gut kannte und damit auch durchschaute.
„Das eine sag ich euch, wenn einer von euch oder Draco, noch ein einziges Mal auf die Idee kommt, mich mit dem Obdormiscunt außer Gefecht zu setzen, dann schwör ich, tret ich euch so langen in den Arsch, dass ihr zwei Wochen nicht mehr sitzen könnt!“, drohte sie. Blaise und Charlie sahen sich daraufhin nur ein klein wenig dümmlich grinsend an, bevor sich Blaise zu ihr beugte und ihr einen Kuss als Entschuldigung auf die Wange hauchte.
„Ich hab dir schon mal gesagt, ich bin Masochist. Du solltest mir nicht solche reizvollen Vorschläge machen“, gluckste er und wackelte provokant mit den Augenbrauen, während Charlie hinter ihm mit den Augen rollte und Tonks eines der beiden Lunchpakete reichte. Blaise tat es ihm gleich, indem er Hermione seine mit einem kecken „Frühstück!“, überreichte.
„Merlin, ihr seid Gold wert. Danke“, meinte Tonks und schnappte sich gleich eins der belegten Brötchen. Hermione bockte allerdings „Hab keinen Hunger“ und steckte ihre Nase zurück in die Akte, die ihr Blaise böse wegnahm und stattdessen die Lunchbox mit leichtem Nachdruck in die Hände drückte.
„Du isst jetzt was! Du hast die letzten zwei Tage schon nichts gegessen. Auf einen Dritten lass ich es nicht ankommen, also versuch’s erst gar nicht!“, meckerte er und sah sie drohend an. Hermione tat es ihm gleich und schenkte ihm ihrerseits einen funkelnden Blick, bevor sie mit gerümpfter Nase auf ihr Frühstück sah, welches ihr bereits auf den Anblick und Geruch Übelkeit bereitete.
„Blaise hat Recht. Iss was“, mahnte Tonks und setzte noch dreist hinten an: „Ansonsten lass ich dich nicht mehr zu Draco.“ Dafür handelte sich die Aurorin einen tödlichen Blick ein, gewann mit diesem Schachzug aber einen kleinen Sieg, denn Hermione nahm sich nun doch etwas widerstrebend eines der Brötchen.
Gegen zehn vor acht schnappten sich Blaise und Charlie die Gryffindor, da sie zum Unterricht musste. Hermione war ihr Widerwille deutlich anzusehen, dennoch musste sie mit. Zuvor rang sie Tonks noch das Versprechen ab, Draco nicht aus den Augen zu lassen.
So verbrachte sie die ersten beiden Stunden Zauberkunst bei Harry und Ginny, arbeitete jedoch nur das Nötigste durch. Zu Alte Runen wurde sie von Blaise begleitet, der versuchte, sie etwas aufzumuntern und abzulenken, wenngleich er sich nicht weniger Sorgen um seinen Freund machte, als Hermione. Zum Mittag saßen sie alle wieder an einem Tisch. Hermione, Harry, Ginny, Neville, Luna wie auch Blaise, Charlie, Daphne, Astoria, Theodore und Tracey. Es war ein Bild, was auch weiter verwundert vom Rest der Schülerschaft ins Auge gefasst wurde.
Dass Hermione, Ginny und letztlich auch Luna die Gesellschaft der Schlangen suchten, war in letzter Zeit nichts Neues mehr. Aber dass sich nun auch noch Neville und allen voran Harry bei ihnen platzierten, sorgte einmal mehr für angeregtes Getuschel und Gemurmel. Hermione ging es jedoch ordentlich auf die Nerven, denn sie stocherte recht aufgebracht in ihrem Essen herum, von dem sie am Ende kaum etwas zu sich nahm.
„Sie macht mir Angst“, flüsterte Harry Ginny zu, die nur nicken konnte und ihren Blick mal kurz durch die Halle wandern ließ. Ihre Mitschüler glotzen auch weiter unverhohlen, worauf sie seufzte.
Hoffentlich hörte das bald auf, bevor es wirklich noch eskalierte. Allerdings war es gut, dass Harry und Neville nun so klar Stellung bezogen hatten. Das würde die Übrigen hoffentlich zum Nachdenken anregen und vor allem dieses blöde Gerücht zunichtemachen, dass Draco etwas Mieses geplant und Harry ihn bei der Ausführung überwältigt hätte.
Schließlich mussten sie zu Kräuterkunde, wo sich Blaise zu Hermione begab und ihr charmant die Hand reichte. „Würdest du mir heute die Ehre erweisen, dein Partner zu sein?“, kokettierte er mit einem umwerfenden Lächeln, was sie schwach erwiderte und sich letztlich von ihm zu seinem Arbeitstisch ziehen ließ.
Ron besah es sich schnaubend, ehe er schnell zu Lavender verschwand, bevor Sprout noch auf dumme Gedanken kam. Allerdings fanden sich die Partner für die Schlangen inzwischen von selbst, wobei Tracey nun Dean zum Partner hatte, der wesentlich umgänglicher war als Seamus.
Ginny beschäftigte sich wie immer mit Charlie, während Sally zu Theo trat und ihm ein kleines Lächeln zukommen ließ, was er erwiderte. Harry und Neville hatten mit den Greengrass Schwestern ein wenig getauscht, sodass Harry jetzt mit Astoria arbeitete, die dem Lächeln nach sehr zufrieden damit war. Lediglich Ginnys Freundin Liz guckte etwas traurig, als Blaise zu Hermione ging, der derzeit ihr eigentlicher Partner fehlte.
Sie arbeiteten alle recht friedlich, wie auch ruhig zusammen, dennoch konnte man gedämpft Getuschel hören. So wurden unter anderem Tracey, und vor allem Theo, doch etwas mehr von ihren Partnern mit Fragen gelöchert, was nun konkret passiert war? Ob sie irgendetwas Genaueres wussten?
Allerdings mussten sie ihre Partner enttäuschen, denn aus Blaise und Charlie war, wie schon früher, einfach nichts herauszuholen. Die Beiden schwiegen beharrlich über den Vorfall. Dass es Draco aber ziemlich schlimm erwischt hatte, war für alle zweifelsfrei erwiesen. Nicht zuletzt auch aufgrund von Harrys wütendem Ausraster Sonntagmorgen. Nahm man sich nun noch die blasse, in sich gekehrte Erscheinung Hermiones dazu, da konnte es keine Lappalie sein.
Dass sich die junge Gryffindor seit dem Krieg und vor allem, seit sie wieder in Hogwarts waren, auf schon fast beängstigende Art und Weise gut mit dem Blonden verstand, hatte bereits nach kürzester Zeit gänzlich die Runde gemacht. Dass sie zu ihm hielt und ihm offensichtlich auch all die Gemeinheiten verziehen hatte. Dieser Punkt schien nun wohl auch auf Harry zuzutreffen.
Diese Tatsache, einmal Hermiones Verhalten und nun auch noch das von Harry, regte ihre Mitschüler langsam ein wenig zum Nachdenken an. Was nun wirklich war? Ob sie mit ihren Ansichten und Gedanken nicht vielleicht doch falsch lagen und das Kriegsbeil da lassen sollten, wo es hingehörte? Nämlich 20 Meter tief unter der Erde.
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Nach dem Unterricht huschte Hermione wieder in den Krankenflügel, um nach Draco zu sehen. Neben ihm saß auch weiter, wie versprochen, Tonks und kämpfte sich durch die ganzen Akten und deren Anhänge. Sie hatte bereits wieder Kopfschmerzen.
„Hey“, flüsterte Hermione, worauf die Aurorin ein wenig erschöpft zu ihr auf sah. „Schon Schluss?“ „Hm. Wie geht’s ihm?“ „Unverändert.“ „War Daniel da?“ „Über den Vormittag.“ „Und?“, bohrte Hermione und nahm auf dem zweiten Stuhl Platz.
„Es ist so weit alles in Ordnung.“ So weit, murrte Hermione still in sich hinein. Das konnte doch alles Mögliche bedeuten, womit sie näher nach ihrem Freund sah, der noch immer wie eine leblose Puppe vor ihr lag. Ihr Blick huschte daher unauffällig zu der kleinen Glaskugel, die nach wie vor in dem gleichen Rhythmus pulsierte, wie auch am Morgen und gestern Abend.
„Hermione“, hauchte Tonks und legte der Hexe beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Er wird schon wieder. Er braucht lediglich Ruhe. Also mach dich nicht so fertig.“ „Hast du was gefunden?“, wechselte Hermione schlagartig das Thema, um nicht weiter über Eventualitäten nachzudenken. Lieber wollte sie sich in die Suche nach dem Täter stürzen.
„Bis jetzt noch nicht. Ich. . .“ Da nahm sich Hermione bereits eine der Mappen und begann akribisch in dieser zu lesen und nach Hinweisen zu suchen. Irgendetwas.
Tonks besah es sich seufzend, bevor sie sich selbst wieder auf ihre aktuelle Akte konzentrierte. Mit der Zeit fiel Hermione das Durcharbeiten jedoch immer schwerer, da ihr Blick vermehrt zu dem Blonden glitt, bei dem sie letztlich verharrte. Verwundert.
„Draco?“, rief sie leise und griff behutsam nach seiner Hand, während Tonks aufblickte. „Was ist?“ „Ich glaube, er träumt“, murmelte sie und beugte sich etwas mehr über den Blonden, unter dessen geschlossenen Lidern es angefangen hatte zu zucken.
Tonks erkannte es nun auch. Zudem fiel ihr die Veränderung in seiner Atmung auf, die ein wenig schwerer und stoßartiger ging, denn das Licht der Glaskugel pulsierte immer unregelmäßiger, weshalb sie nach seinem Puls tastete. Im Kommenden legte sie ihre Unterlagen ganz weg und murmelte ernst: „Ich hol Poppy.“ Damit war sie weg, dem Hermione unsicher mit Blicken folgte, bevor sie noch mehr zu Draco aufrückte. Kurz darauf lag ihre freie Hand in seinem Schopf, durch den sie beruhigend strich.
„Draco? Es ist alles gut. Du bist im Krankenflügel. Wir passen auf dich auf. Wir. . .“ Etwas klirrte laut, worauf Hermione verschreckt zusammenzuckte und den Kopf der Geräuschquelle zuneigte. Sie sah neben sich, auf einen der Beistelltische, wo ohne ersichtlichen Grund das Wasserglas zersprungen war.
Alarmiert aufgrund dessen, wollte sie ihren Zauberstab ziehen, als sich ohne Vorwarnung Dracos, bis eben scheinbar leblose Hand, schraubstockartig um ihre schloss, was sie nicht nur aufkeuchen, sondern kurz aufschreien ließ.
„AU! Verdammt, was. . .“, stockte sie, als sie sah, wie das Zucken unter seinen Lidern immer mehr wurde. Seine Augen ruckten immer heftiger hin und her, während seine Atmung noch stärker anzog und zunehmend getrieben ging. Er fing an zu keuchen und die Lichtkugel damit zu flackern.
„Nein“, murmelte sie dünn und beugte sich über den Blonden. Sie versuchte ihn anzusprechen und so vielleicht auch zu wecken, um ihm zu zeigen, dass alles gut war, sie ihn gefunden hatten, und nun versuchten, ihm zu helfen.
„Draco? Hörst du mich? Es ist alles gut. Du bist sicher. Es ist nur ein Traum. Dir passiert nichts. Ich pass auf dich auf“, gab sie ihm zu verstehen und strich ihm beruhigend durch die Haare. „Es ist alles gut“, meinte sie nochmal, als Madam Pomfrey eilig mit Tonks zu ihr trat.
„Wird er unruhig?“, erkundigte sich die Medihexe ernst, worauf Hermione nickte und sich kurz darauf erneut ganz auf Draco konzentrierte, während die Schwester näher nach ihm sah und schließlich leise etwas von wegen „. . . viel zu früh“ murmelte, worauf Hermione unsicher zu Madam Pomfrey sah.
„Was hat er?“ „Der Beruhigungstrank fängt an seine Wirkung zu verlieren. Ich hatte frühestens morgen Abend damit gerechnet“, erklärte Poppy ernst und verschwand an einen ihrer Schränke. Hermione konnte ihren Worten allerdings nicht so ganz folgen.
„Heißt das, er wacht auf?“ „Ja. In seinem momentanen Zustand ist das aber alles andere als gut. Seine Verletzungen können wesentlich besser heilen, wenn er tief und fest schläft und sein Geist die nötige Ruhe hat. Hilf mir mal kurz“, richtete sich die Schwester an Tonks, die ihn behutsam aufrichtete, sodass Madam Pomfrey ihm das entsprechende Mittel einflößen konnte.
Zwar hustete er kurz, die Zuckungen ließen keine Minute später jedoch nach und hörten schließlich ganz auf. Genauso, wie sich der schraubstockartige Griff um Hermiones Hand löste und die seine nun wieder vollkommen erschlafft auf dem Bett lag. Ebenso reglos, wie er in Tonks’ Armen lag. Einzig und allein seine nun wieder sehr flache Atmung verriet, dass er lebte. Damit bugsierte Madam Pomfrey ihn behutsam zurück in sein Kissen und deckte ihn warm zu.
„Was denkst du? Wie lange wird der Trank wirken?“, erkundigte sich Tonks. Poppy zuckte allerdings nur mit den Schultern.
„Vermutlich nicht so lange, wie der Letzte von Daniel. Dass sich sein Geist so schnell wieder regt, überrascht mich. Die Geschehnisse scheinen ihn unwahrscheinlich stark aufgewühlt zu haben. Anders kann ich es mir nicht erklären.“ „Ist doch kein Wunder“, murmelte Hermione bitter, dem Tonks, aber auch Poppy mit einem knappen Nicken beipflichteten, bevor Tonks nochmal auf ihre Frage zurückkam.
„Wie lange? Was denkst du?“ „Morgen Mittag oder Abend, schätze ich.“ „Wie weit werden seine Verletzungen bis dahin ausgeheilt sein?“ „Die Knochen dürften soweit wieder in Ordnung sein. Seine offenen Wunden haben sich inzwischen auch mit dem Diptam schließen lassen, sollten allerdings mit einer Salbe weiter nachbehandelt werden. Seine inneren Verletzungen machen mir noch etwas Sorgen. Genauso die Gehirnerschütterung. Er muss sich auf alle Fälle noch weiter schonen.“ „Sicher, aber. . . Wäre es vertretbar, dass . . . nun, dass ich morgen vielleicht ein, zwei Sätze mit ihm reden kann? Umso schneller wir den oder die Täter finden, umso besser.“ „Mag sein. Nur halte ich das im Augenblick für unangebracht, Nymphadora. Er braucht Ruhe. Und das auf jedweder Ebene“, mokierte die Schulschwester sichtlich ungehalten über Tonks’ Bitte, die einfach nur nickte.
„Natürlich. Versteh ich doch auch. Es ist nur. . . Wenn ich noch einen kleinen Hinweis hätte, könnte ich effektiver arbeiten. Und ich denke, Draco würde es im Allgemeinen sicherlich auch helfen, wenn er wüsste, dass diese Gestalten ihm nicht noch einmal etwas anhaben können.“ „Sicher. Im Moment schläft er aber und braucht Ruhe. Ich muss dir hoffentlich nicht sagen, dass du darauf Rücksicht zu nehmen hast?“, maß die Schwester Tonks warnend, die ergeben nickte, bevor sie zu Hermione sah.
„Ich denke, du solltest auch langsam ins Bett gehen. Es ist spät geworden.“ „Aber. . .“ „Ich pass auf ihn auf“, versprach Tonks. Hermione rührte sich allerdings nicht gleich, sondern sah zurück auf den Blonden, zu dem sie sich schließlich beugte und ihm einen sanften Kuss auf die Stirn hauchte. Im Kommenden hatte sie die Lippen an seinem Ohr.
„Mach keine Dummheiten, hörst du? Es wird alles wieder gut. Wir sind für dich da“, flüsterte sie und küsste ihn noch auf die Wange.
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„. . . Wie inkompetent sind SIE?!“, brüllte Umbridge außer sich vor Wut und hetzte Gibson letztlich einen Fluch auf den Hals, den er mit Mühe und Not abwehren konnte.
Sie hatte ihn erneut in die Lagerhalle bestellt, als sie vor ein paar Stunden erst erfahren musste, dass der Malfoy Spross wieder aufgetaucht war. Und zwar, als sie gerade in der Verwaltungsstelle des Gamots die Flucht des Junior Death Eaters deklarieren wollte. Schwer verletzt war er, aufgrund eines Attentates, hatte man ihr erklärt. Das brachte ihre ganzen Pläne durcheinander und gefährdete obendrein auch ihren Sitz. Schon wieder!
„Was bei Merlin habe ich Ihnen letztens gesagt? Wie kann es so schwer sein, einen Halbwüchsigen zu eliminieren? Sind Sie zu dumm ein einfaches Avada richtig anzuwenden?!“, schnauzte sie ihn an. Sie hatte nach diesem Debakel nicht mehr wirklich den Nerv, den Schein zu wahren.
„Er war tot!“, rechtfertigte sich Gibson aufgebracht. „Offensichtlich“, mokierte Umbridge zynisch und funkelte ihn tödlich an.
„Ja, verdammt! Die kleine Kröte hat nicht mehr geatmet. Er hatte keinen Puls mehr!“, schrie Gibson halb wahnsinnig und verteilte damit eine Sprühfahne seines Speichels. Umbridge sah ihn daraufhin nur angewidert an.
„Haben Sie den Avada auf ihn gewirkt oder nicht?“, verlangte sie kalt zu wissen, worauf ihr Gegenüber unverständliches Zeug nuschelte, wo sie nur so halb „. . . nicht direkt“ heraushörte, was sie mit den Augen rollen ließ.
„Also haben Sie ihn nicht getötet. Vermutlich war er aufgrund Ihrer Spielchen nur tief bewusstlos“, schlussfolgerte Dolores und wurde damit auch langsam wieder ruhiger. Sie zupfte einen Fussel von ihrer pinken Tweedjacke, während Gibson stinkig schnaubte: „Das kann er unmöglich überlebt haben!“ „Laut meinen Quellen schon. Und da Sie, wie Sie eben sagten, den Avada nicht auf ihn gewirkt haben, ist diese Sache nicht so unmöglich wie Sie denken. Der Bengel hat die Death Eater, den Krieg und letztlich auch Azkaban überlebt. Dass er derartig zäh sein könnte und anscheinend auch ist, hätte ich selbst nicht erwartet, so wie ich ihn kennengelernt habe. Aber nun ja. . .“, brach sie ab und sah Gibson wieder gefährlich an. In den Augen ein dunkles Funkeln.
„Ich habe Ihnen gesagt, dass es mir egal ist, was Sie mit ihm machen. Wie Sie ihn zur Strecke bringen. Wenn Sie Ihre blutigen Spielchen so gerne spielen wollen, habe ich nichts dagegen. Mein Auftrag lautete allerdings, ihn zu töten und seine Leiche verschwinden zu lassen. Weder das eine, noch das andere haben Sie geschafft! Wo hatten Sie ihn überhaupt verscharrt? Sie hatten mir versichert, man würde ihn nie finden!“, wurde Umbridge erneut sauer. Gibson schnaubte.
„Es gibt da so einen Raum im Schloss, der verschwindet, wenn man ihn nicht mehr braucht. Der. . .“ „Raum der Wünsche? Sie Idiot haben ihn ausgerechnet dort gelassen?“ Umbridge klappte der Kiefer runter. So viel Dummheit konnte doch nicht in einem Menschen existieren! Gibson zuckte nur mit den Schultern.
„Ich hätt ihn nicht ungesehen aus dem Schloss bekommen!“, rechtfertigte er den Gedanken, der ja teils auf dem Mist seiner Cousine gewachsen war, die ihn dort hatte verrotten lassen wollen. Umbridge kniff die Augen daraufhin gefährlich zu Schlitzen zusammen.
„Haben Sie ernsthaft geglaubt, er würde mit diesem Raum im Nichts verschwinden? Oder, dass dieser Raum anderen nicht bekannt wäre? Nach der Schlacht dürfte so ziemlich jeder Schüler diesen verfluchten Raum kennen! Malfoy war selbst ein Jahr lang in dort am werkeln, genauso wie Potter!“ Auf die Erinnerung an Potter und seine geheime Armee, verzog sie missbilligend die Lippen.
Sie fragte sich einmal mehr, ob der kleine Malfoy Potter in Wahrheit nicht vielleicht doch zugespielt hatte? Immerhin war er nicht dumm. Ganz und gar nicht. Das kleine Reinblut war vom Grips her genauso gemeingefährlich, wie seine Schlammblutfreundin. Das jetzige Verhältnis der Beiden, wie auch Grangers Einsatz zu seiner Verhandlung, bekräftigen ihren Verdacht nur noch mehr, dass die kleine Kröte sie tatsächlich sabotiert haben könnte. Irgendwie. Es würde einiges erklären. Oh ja.
Ob er der kleinen Granger bereits etwas von ihren unschönen Geheimnissen verraten hatte? Vermutlich nicht, ansonsten hätte man sich sicherlich schon näher mit ihrer Person beschäftigt. Dennoch wollte sie es nicht darauf ankommen lassen. Damit sah sie zurück zu Gibson.
„Schaffen Sie mir dieses Problem vom Hals! Und zwar bevor er sich erholt. Schneiden Sie ihm von mir aus das verfluchte Herz raus, wenn Sie zu unfähig sind, den Avada richtig anzuwenden. Ohne Herz dürfte selbst dieser Reinblüter nicht überleben! Habe ich mich deutlich ausgedrückt? Beseitigen Sie ihn endlich. Verbrennen Sie seine Leiche! Es gibt genug magische Feuer, die nicht das kleinste Krümelchen Asche übrig lassen. Und vielleicht kümmern Sie sich dann auch noch um das Schlammblut“, setzte sie nach, worauf er sie fragend ansah.
„Was wollen Sie denn jetzt noch mit der kleinen Schlampe?“ „Ich kann nicht ausschließen, dass sie nicht vielleicht auch etwas weiß, was sie nicht wissen sollte. Davon abgesehen, ist mir dieses Mädchen ein persönlicher Dorn im Auge. Sie hat schon mehrfach meine Pläne unterwandert. Ich möchte kein Risiko diesbezüglich eingehen. Verstanden?“, fuhr sie ihn erneut an, in den Augen auch weiter ein gefährliches Funkeln.
„Kontaktieren Sie mich erst wieder, wenn Sie das Problem gelöst haben! Und lösen Sie es verdammt nochmal schnell. Ansonsten werde ich eine saubere Lösung für Sie finden!“ „Wollen Sie mir drohen?“, knurrte Gibson, worauf sie kühl lächelte.
„Sie dürfen sich Ihren Teil gerne denken.“ Damit verschwand sie in einem Plopp und ließ Gibson allein in der Halle zurück, der seiner Wut magisch Ausdruck verlieh und das marode Gebäude dadurch zum Einsturz brachte.
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Der nächste Tag begann für Hermione ähnlich grauenvoll, wie der Vorherige.
Nachdem sie am Abend von Madam Pomfrey und Tonks schon fast aus dem Krankenflügel geworfen worden war, da sie nicht hatte gehen wollen, hatte sie sich erneut die halbe Nacht mit unheilvollen Gedanken und Bildern herumgeplagt. Albträume, die nicht hatten verschwinden wollen. Auch nicht mit Dracos Spieluhr.
Mit dieser hatte sie sich kurzerhand in sein Zimmer begeben und wieder in seine Kissen gekuschelt. Sein Duft beruhigte sie ein wenig, auch wenn er selbst nicht da war. Es half ihr. Zumindest ein kleines bisschen. Jedoch nicht genug, als dass sie die Schatten und Ringe unter ihren Augen losgeworden wäre. Das gleiche galt für ihre Blässe.
So kam es, dass sie sich an diesem wolkenverhangenen Morgen einmal mehr wie ein Gespenst in aller Herrgottsfrühe in den Krankenflügel schlich, in dem sie eine ähnlich übermüdete Tonks an Dracos Krankenbett vorfand. Ihn soweit unversehrt in diesem liegen zu sehen, verschaffte der Löwin für einen kurzen Moment innerlich wieder etwas mehr Ruhe. Dennoch hockte sie sich erneut, bis zum drohenden Unterrichtsbeginn, mit zu Tonks und half ihr bei der Sichtung ihrer Unterlagen. Bis jetzt ohne Erfolg.
Schließlich begab sich Hermione mit einem flauen Gefühl in der Magengegend zum Unterricht, wo sie aufmunternd von ihren Freunden in die Mitte genommen wurde. Tonks hingegen quälte sich auch weiter über den Vormittag und Mittag, mit ihrer stetig wachsenden Müdigkeit.
Sie hatte, seit sie Draco gefunden hatten, kaum geschlafen. Inzwischen hielt sie sich hauptsächlich mit Poppys Tränken wach. Nur wollten selbst die allmählich nicht mehr anschlagen. Auf ihre Akten konnte sie sich dadurch schon lange nicht mehr richtig konzentrieren. Sie brauchte ganz dringend Schlaf, nur behagte auch ihr es nicht, Draco unbeaufsichtigt zu lassen. Nicht zuletzt, da Poppy gemeint hatte, dass es besser war, es war jemand da, wenn er aufwachte, da sie nicht abschätzen konnte, wie er reagierte. Ob er im Nachhinein vielleicht noch eine Panikattacke erlitt oder ähnliches.
Mittlerweile war es auch schon wieder nach 13:45 Uhr. Der Unterricht war im vollen Gange, weswegen Tonks zu Poppy schlurfte, um sich noch einen extra starken Assam Tee und Spezialtrank zu holen. Doch anders, als sie gedacht hatte, war außer Hausmeister Filch doch noch jemand auf den Gängen unterwegs.
Durch diese schlich eine kleine, schmale Gestalt, die letztlich die hohe Tür des Krankenflügels erreichte, die sie geräuschlos aufschob und mit dunklen Augen in den scheinbar verlassenen Raum spähte. Bereits nach einem kurzen Moment hatten die kalten Augen ihr Ziel erfasst.
Auf leisen Sohlen stahl sich die Gestalt unentdeckt zu dem einzigen Bett, welches derzeit belegt war. Vor diesem verharrte die Erscheinung und sah abfällig auf Draco. Allen voran auf seine Brust, die sich kaum merklich hob und senkte, womit sich ein durchtriebenes Grinsen auf die Züge des Eindringlings stahl. In den dunklen Augen machte sich mit jeder Sekunde mehr ein boshaftes Schimmern breit. Es war eine leise Vorfreude, mit der sie die Hände nach dem Schlafenden ausstreckte, die sich um den schlanken Hals des Blonden legten und fest zudrückten.
Nur einen Augenblick später begann Draco verstärkt nach Atem zu ringen und versuchte im Schlaf den Kopf wegzudrehen. Doch sein Besucher ließ nicht locker. Nicht einmal, als er im Unterbewusstsein um sich schlug. Der Druck der Gestalt wurde dadurch nur noch mehr.
„Krepier endlich!“, zischte die Erscheinung, in deren Augen ein zerfressener Wahnsinn aufflammte. Blutdurst. Mordgier. Es war ein Blick, ein Grinsen, das mit jeder Sekunde mehr, in denen sich Draco verzweifelt unter den Händen wand und schwächer wurde, eine immer größere Genugtuung annahm.
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