„Hermione!“, rief Blaise ihr hinterher, worauf sie sich müde zu ihm drehte. „Hm?“ „Krankenflügel?“, fragte er nur, was sie matt lächeln ließ. Waren ihre Gedanken und Regungen inzwischen so offensichtlich? Schließlich nickte sie, sodass sie sich zu dritt zu Madam Pomfrey begaben, um kurz nach ihrem Freund zu sehen. Dort fanden sie Tonks erneut mit ihren Akten neben seinem Bett. Die Aurorin sah dann auch gleich zu den Dreien auf und zwang sich zu einem kleinen Lächeln.
„Hey. Gar nicht beim Essen?“ „Keinen Hunger“, nuschelte Hermione und sah zu Draco, der noch immer recht schwer atmete. Zudem schimmerte der kalte Schweiß auf seinen bleichen Zügen.
„Wie geht’s ihm?“, erkundigte sich Charlie, worauf Tonks seufzte und ihre Akten beiseite legte. „Nicht gut.“ „Was. . . Was meinst du mit Nicht gut? Nicht gut wegen allem was war, oder nicht gut, weil es ihm noch schlechter geht?“, bohrte Blaise unsicher, worauf Tonks kurz auf ihren Cousin sah, bevor sie den Dreien erklärte.
„Beides, wenn du so willst. Er hat die Nacht Fieber bekommen und auch so. . . Er war vor drei Stunden mal kurz wach.“ „Und? Hat er was gesagt?“, bohrte Charlie. „Nein. Und so wie er aussah. . . Ich fürchte, er hat mich gar nicht erkannt. Er war richtig panisch. Poppy meinte, er steht wahrscheinlich noch immer stark unter Schock.“ „Wundert dich das?“, murrte Charlie, worauf Tonks betreten den Blick senkte, als sie an die Sache mit Megan dachte. Bei dem Gedanken an dieses Mädchen fiel ihr auch noch etwas ein, womit sie sich an die Drei richtete.
„Bleibt ihr noch ein paar Minuten hier? Remus wollte mir noch ein paar Unterlagen schicken und. . .“ „Sicher“, murmelte Blaise, woraufhin Tonks sich schlich. Die beiden Jungs holten sich nur noch zwei Stühle, während Hermione auf dem von Tonks Platz nahm. Ihr Blick huschte wieder vermehrt über die Züge des Blonden und registrierte damit das unruhige Zucken unter seinen verschlossenen Lidern, was sie dazu veranlasste, ihm die Hand an den Kopf zu legen, um ihm etwas durch die Haare zu streichen. Sie kam nicht wirklich dazu, da bei der kleinsten Berührung das Wasserglas neben ihr zerplatzte, auf welches sie verschreckt sah. Genauso Blaise und Charlie, die es gesehen hatten.
„Was war das denn?“, murmelte Charlie irritiert, während Hermione heftig schluckte und kurz auf Draco blickte, bevor sie sich zu den beiden Jungs drehte. „Draco fürchte ich.“ „Was?“, stutzte Charlie verwirrt. Blaise wiederum begriff. Hermiones kommende Erklärung tat dann noch sein übriges.
„Das war am Montag auch schon. Ich glaube, er hat Albträume und da. . .“ „Da macht sich seine Magie selbstständig“, beendete Blaise ihren Satz, worauf sie nickte. Charlie konnte daraufhin nur mit dem Kopf schütteln.
„Das ist doch nicht normal, dass sich aufgrund eines Albtraumes die Magie so sehr entlädt.“ „Du sagst es. Es ist nicht normal“, wiederholte Blaise und sah zurück auf seinen Freund, der sich mit der Dunkelheit, und allem was in dieser derzeit verborgen war, quälte.
„Vielleicht wecken wir ihn besser“, murmelte er und setzte sein Vorhaben in die Tat um. Als er aber nach ihm griff, passierte das gleiche wie bei Tonks. Ohne Vorwarnung schoss die Wasserschale neben dem Bett auf Blaise zu, der geradeso noch den Kopf einziehen konnte. Eine Sekunde später krachte die Keramik an die Steinwand und zerbarst in hundert Teile.
„Scheiße“, nuschelte Blaise und sah etwas bleich kurz in Richtung Wand, bevor sich seine Konzentration erneut auf seinen Freund legte. Wie sollten sie ihn bitteschön wach bekommen, wenn er sie im Unterbewusstsein angriff? Es war eine Frage, die sich auch Charlie und Hermione stellten. Am Ende versuchte Hermione nochmal ihr Glück. Allerdings nicht nur mit Gesten, sondern auch mit Worten. Unter Umständen erkannte er trotz allem ihre Stimmen.
„Draco? Wir sind’s. Blaise, Charlie und Hermione“, begann sie und legte ihm behutsam erneut die Hand an den Kopf, wo sich nach und nach ihre Finger in seinen Haaren verloren. Nebenher schepperte es mehrmals, als sich nun der Wasserkrug verabschiedete. Diesmal nahm Hermione ihre Hand aber nicht zurück. Zwar besahen sich die Drei den Schaden kurz, bevor sie es auch weiter mit beruhigenden Worten versuchte.
„Sch. Es ist alles gut. Wirklich. Dir passiert nichts. Wir . . . wir passen auf dich auf“, sprach sie ihm gut zu und wagte sich noch etwas mehr vor. Sie griff behutsam nach seiner linken Hand, die sich gefährlich in die Bettdecke krallte. Doch kaum, dass sie ihre Hand auf seiner liegen hatte, zuckte er auch schon wie geschlagen zusammen und wollte seine Hand wegreißen. Zeitgleich krachte es lautstark, als die Fenster erneut der Reihe nach eines nach dem anderen explodierten.
„NEIN!“, schrie der Blonde panisch unter dem Gescherbel und saß plötzlich. Allerdings nur für den Bruchteil einer Sekunde, bis er die Augen verdrehte und haltlos nach hinten kippte, wo er schmerzlich aufstöhnte.
„Draco!“, zischte Blaise hektisch, als sich sein Freund gefährlich unter der Decke zusammenrollte. Er keuchte schwer und zitterte unkontrolliert. Nebenher krampfte er nach der Decke und stöhnte abermals schmerzlich auf, worauf die Drei versuchten ihn irgendwie anzusprechen und zur Ruhe zu bringen.
„Draco? Hey, ganz ruhig. Komm, es ist alles in Ordnung. Wirklich“, begann Blaise, während Hermione und Charlie versuchten ihn behutsam wieder auf den Rücken zu drehen, damit er sich nicht noch weiter verkrampfte. Inzwischen stürzte auch Madam Pomfrey zu den Dreien, die den Lärm in ihrem Büro gehört hatte. Sie sah das neue Chaos, ebenso, dass die Drei versuchten ihn ruhigzustellen.
„Was haben Sie getan?“, herrschte sie die Freunde an, die ihrerseits verschreckt zu der Medihexe blickten. „Nichts. Wir . . . wir wollten ihn bloß wecken, weil er Albträume hatte“, versuchte sich Blaise zu rechtfertigen. Poppy seufzte auf die Erklärung und sah kurz auf ihren Patienten, der sich noch immer im Griff seiner Freunde etwas aufbäumte und krampfte.
„Draco? Mach die Augen auf. Bitte mach die Augen auf“, sprach Hermione ihm gut zu und nahm schließlich behutsam sein Gesicht in die Hände, wo sie ihm beruhigend mit den Daumen über die Wangen strich.
„Sch. Es ist alles gut“, hauchte sie sanft, was allmählich zu ihm durchzudringen schien, denn er wand sich nicht mehr wie ein Irrer in Charlies Griff, der ihn daraufhin nach und nach wieder los ließ. Stattdessen wanderte seine Hand vorsichtig zu Dracos rechter, an der er die Pulsschläge zählte. Dieser ging noch immer getrieben und auch leicht unregelmäßig, worauf er zurück auf seinen blassen Freund sah, dem der kalte Schweiß inzwischen noch mehr auf dem Gesicht stand.
„Hörst du mich? Wach auf. Draco, bitte“, versuchte Hermione es nochmal, jedoch blieb eine Reaktion auch weiter aus, sodass Poppy ihre Vermutung resigniert aussprach „Offensichtlich hat er wieder das Bewusstsein verloren“, worauf Hermione bitter mit dem Kopf schüttelte und zurück auf Dracos blasse Züge sah, über die sie nach wie vor behutsam strich.
„Wer auch immer ihm das angetan hat, scheint ihn an einen Punkt getrieben zu haben, der weit hinter den Grenzen des belastbaren liegt.“ Daraufhin schluckte Blaise hart. In der nächsten Sekunde kam ihm eine quälende Frage in den Sinn.
„Denken Sie. . . Kann es sein. . . Hat er vielleicht. . . Haben die ihn um den Verstand gebracht?“ „Ich kann es Ihnen nicht sagen, solange er nicht wach und damit wenigstens etwas ansprechbar ist. Diese Möglichkeit scheint mir aber leider alles andere als abwegig zu sein. Wir. . .“ „Draco?“, stutzte Hermione plötzlich, als er die fahlen Augen wieder ein kleines bisschen öffnete und ausdruckslos an die Decke sah.
„Draco?“ „Dray?“, richteten sich Blaise und Charlie auf den Anblick ebenfalls an ihren Freund, der sich allerdings in keinster Weise rührte. Auch lag über seinen Augen ein trüber, seltsam leerer Schleier, der nicht alleine vom Fieber herrührte.
„Draco? Wir sind’s“, meinte Hermione erneut und strich ihm auch weiter durch die Haare, wie auch über die Wange und Schläfe. Zur großen Verwunderung der Medihexe blieb eine Explosion oder ähnliches diesmal aus, worauf ihr Blick nachdenklich über die drei Schüler glitt, an die sie sich schließlich leise richtete.
„Reden Sie mit ihm. Unter Umständen erkennt er Sie. Ich werde in der Zwischenzeit noch ein paar Tränke für ihn fertig machen. Vielleicht bekommen wir ihn damit richtig wach.“ „Okay“, murmelte Charlie, bevor er sich, wie Blaise und Hermione, vermehrt in das Blickfeld des Blonden schob, der auch weiter regungslos, um nicht zu sagen apathisch, vor ihnen lag.
„Draco? Erkennst du uns? Wir. . . Es ist alles gut. Hörst du? Wir sind für dich da. Wenn du was brauchst dann. . .“, stockte Blaise, als der Blonde die Augen wieder schloss und ihm zudem ein recht erschöpftes Seufzen aus der Kehle entwich. Die Drei sahen sich daraufhin ratlos an, bevor Hermione nochmal ihr Glück versuchte. Sie umschloss aufs Neue verstärkt seine linke Hand und begann mit dem Daumen über seinen Handrücken zu streichen.
„Es ist alles gut. Es wird alles wieder gut. Du bist nicht alleine. Also lass uns auch nicht alleine. Wir. . . Du . . . du wolltest mich doch auch noch zum Essen einladen. Du hast gesagt, ich bekomme von dir alles was ich will. Und ich will, dass du wieder gesund wirst. Hörst du? Ich. . . Ich will keinen Freund mehr verlieren. Jetzt erst recht nicht. Jetzt, wo doch eigentlich alles vorbei ist. Ich. . .“ „Geht nich weg. . .“, murmelte er ihr plötzlich dünn dazwischen, worauf sich die Drei verblüfft ansahen, bevor sich Blaise rasch zu Wort meldete.
„Werden wir nicht. Wir passen auf dich auf. Da kann Pomfrey sagen was sie will. Wir. . .“ „Ich will hier weg“, murmelte Draco erneut, was Blaise mit der Stirn runzeln ließ, bevor er fragend zu Charlie und Hermione blickte. Letztere machte ein sehr nachdenkliches Gesicht und versank etwas in ihren Gedanken.
„Du brauchst Ruhe. Und bei Madam Pomfrey bist du in guten Händen.“ Auf Charlies Worte begann er allerdings zu zittern, genauso wie sich einer der Schränke schwungvoll entleerte zu dem Charlie und Blaise noch immer etwas verschreckt, aber auch irritiert sahen. Kurz darauf fiel ihr Blick wieder auf ihren blassen Freund, der noch immer zitterte und sich zu allem Überfluss erneut zusammen rollte.
„Draco?“, fragte Charlie verwirrt und auch Blaise setzte zu einem „Was ist denn?“ an, bekam aber keine Antwort. Stattdessen krampfte sich Draco mehr und mehr zusammen und verfiel erneut verstärkt in eine gequälte Keuchatmung.
„Was ist? Hast du Schmerzen?“, überschlug sich Blaise halb und legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, worauf er wie geschlagen zusammenzuckte.
„Bitte. Ich will hier raus. Ich will weg“, kam es ihm immer brüchiger und dünner über die blassen Lippen, während sich sein Zittern auch noch weiter mehrte. Es war eine Reaktion, auf die sich die beiden Jungs keinen wirklichen Reim machen konnten. Hermione hingegen schon, die Charlie und Blaise wohlwissend nichts von dem Vorfall mit Jones erzählt hatte. Sie hätten sich im Nachhinein nur wahnsinnig aufgeregt und hätten zudem vermutlich etwas Blödes gemacht. Bei Blaise war sie sich da zumindest ziemlich sicher.
So schüttelte sie dann auch mit dem Kopf, als Blaise den Mund aufmachte, um etwas zu fragen. Im Anschluss ließ sie sich in die Hocke sinken, sodass sie mit Draco auf Augenhöhe war, der diese auch weiter krampfhaft verschlossen hielt. Sie legte ihm die Hand behutsam auf die Wange, worauf er erneut zusammenzuckte. Diesmal ging nichts zu Bruch, weswegen sie ihm beruhigend mit den Fingerspitzen streichelte.
„Draco?“, rief sie ihn in einem leisen Flüstern, worauf er die verklärten Augen ein Stückchen öffnete und sie so direkt in dieses nebulöse Grau blicken konnte. Darunter flackerte ein quälender Schmerz, Angst, sowie Panik. Warum, war ihr klar.
„Ich frag Madam Pomfrey, ob sie dich in unseren Turm lässt. Dort hast du deine Ruhe. Einverstanden?“, lächelte sie aufmunternd, wie auch warm. Ihr Gegenüber blickte sie allerdings eine ganze Weile stumm an. Er sah tief in diese warmen, braunen Augen, die ihm Zuwendung, Trost und vor allem Sicherheit versprachen. Geborgenheit und Wärme, worauf er letztlich kaum merklich nickte.
„Okay. Ich bin gleich wieder da. Versuch dich zu entspannen.“ Damit richtete sie sich auf und wollte zu der Schwester ins Büro verschwinden. Aus diesem trat die Medihexe gerade mit zwei Phiolen, sodass sich die Frauen in der Mitte des Krankenflügels trafen.
„Haben Sie ihn wach bekommen?“, fragte die Schwester sofort, als Hermione bei ihr war. Diese nickte, zog die Medihexe dann aber etwas mit sich, damit die Jungs sie nicht hörten. Madam Pomfrey zog daraufhin fragend die Augenbrauen kraus, bevor ihr Blick auf die drei Slytherins fiel. Allen voran auf Draco, der sich gerade wieder auf den Rücken drehte und sich die rechte Hand gegen den Kopf drückte. Sie konnte sehen, dass er irgendetwas sagte, worauf Blaise ihm Antwort gab.
„Hat er Sie erkannt? Ist er richtig bei Bewusstsein?“, erkundigte sich die Medihexe weiter, worauf Hermione nickte. „Ja. Aber es geht ihm nicht gut.“ „Ich weiß.“ „Nein. Ich. . . Nicht deshalb, oder . . . teils. Er . . . er sagte, er will weg.“ „Wie weg?“ „Weg. Raus aus dem Krankenflügel und vermutlich auch aus Hogwarts.“ „Verständlich nach allem. Aber das geht nicht. Das wissen Sie. Er würde gegen die Auflagen verstoßen, wenn er das Jahr abbricht.“ „Ich weiß. Aber. . . Ich denke, es würde ihm für den Moment schon helfen, wenn er den Krankenflügel verlassen kann.“ „Auf gar keinen Fall! Sein Zustand ist extrem instabil. Er hat völlig unkontrollierte Panikattacken. Das haben Sie doch selbst gesehen.“ „Eben.“ „Wie?“ „Ich denke, diese Panikattacken hat er nicht allein wegen des Vorfalls aus dem Raum der Wünsche. Jones hat versucht ihn umzubringen. Hier im Krankenflügel, wo er eigentlich sicher sein sollte.“ Auf ihre letzten Worte kochte erneut eine leise Wut in Hermione hoch, während Poppy zurück auf die drei jungen Männer sah. Charlie und Blaise hatten sich inzwischen, einer rechts, einer links, zu Draco aufs Bett gesetzt und redeten beruhigend auf ihn ein.
„Er hat hier keine Ruhe. Würde mir an seiner Stelle aber genauso gehen und. . . Seine Verletzungen sind doch soweit verheilt, oder?“ „Im Grunde schon. Zwar sollten sie noch etwas mit einer Salbe nachbehandelt werden, aber im Großen und Ganzen ist alles soweit gut verheilt.“ „Dann. . . Könnten Sie ihm dann nicht gestatten, dass er in unseren Turm zurück kann? Ich denke, dort hätte er mehr Ruhe als hier.“ „Miss Granger. . .“ „Bitte. Versetzen Sie sich doch mal in seine Lage. Jeder . . . aber auch wirklich jeder kommt mehr oder weniger ungesehen in den Krankenflügel. Das nächste Mal ist es vielleicht der Täter aus dem Raum der Wünsche und gibt ihm den Rest. Es ist doch da ganz normal, dass er hier keine Ruhe hat und. . . In unseren Turm kommt niemand außer mir und ihm rein. Ich werde das Passwort ändern und auf ihn aufpassen. Madam Pomfrey, bitte. Es würde ihm dann sicher schneller besser gehen. Er könnte sich richtig erholen und wieder zu Kräften kommen“, versuchte sie die Medihexe von ihrer Idee zu überzeugen, die dann wieder zu den dreien sah, wo Charlie ihm gerade etwas die Schulter tätschelte und ein aufmunterndes Lächeln auf die Lippen legte. Blaise das gleiche. Es war nur umso deutlicher zu erkennen, dass ihm die Anwesenheit seiner Freunde gut tat. Streng genommen hatten sie ihn jetzt auch erst wieder richtig zur Ruhe gebracht. Die Anwesenheit der Drei schien in der Tat Balsam für seine gequälte Seele zu sein.
„Na schön. Ich werde soweit alles vorbereiten und ihm noch ein paar Tränke zur Beruhigung fertig machen. Vielleicht kann er dann auch etwas besser schlafen. Sollte dennoch etwas sein, . . . Nun, ich muss Ihnen sicher nicht sagen, dass Sie ihn dann umgehend zurück in den Krankenflügel zu bringen haben?“, maß die Medihexe sie streng. Hermione nickte erleichtert, wie auch zufrieden, wo sie nun mit der Schwester wieder zu den Jungs trat und sich mit einem aufmunternden Lächeln an Draco richtete.
„Ich nehm dich dann mit“, verkündete sie ihm, allerdings meldete sich Madam Pomfrey doch nochmal zu Wort. „Heute Abend. Ich möchte vorher nochmal richtig nach Ihnen sehen, um eventuelle Komplikationen ausschließen zu können. Wenn soweit alles in Ordnung ist, können Sie mit Miss Granger in Ihren Turm. Dass Sie sich auch weiter schonen, denke ich, steht außer Frage.“ Daraufhin nickte er knapp, bevor sein Blick dankbar auf Hermione fiel, die ihm auch weiter ein aufmunterndes Lächeln zukommen ließ.
So blieben die Drei dann auch wie versprochen im Krankenflügel und schwänzten damit den Rest ihres Unterrichtes. Zum Abend hielt auch Madam Pomfrey ihr Versprechen, da Draco, bis auf die Gehirnerschütterung und das Fieber, körperlich nichts Ernsteres mehr fehlte, sodass sie ihn mit Dobbys Hilfe ohne Umwege direkt in sein Zimmer verlegten. Allerdings bekam ihm das Apparieren des Elfen nicht wirklich, denn es leierte ihn mit der Ankunft in ihrem Turm gleich wieder weg. Die Drei versorgten ihn dann nur noch entsprechend, wo sich Dobby auch noch vermehrt anbot und nach seinem jungen Herrn erkundigte. Schließlich fanden sich die beiden Schlangen mit ihrer Löwin bei einer Flasche Butterbier im Wohnzimmer ein.
„Denkt ihr das klappt?“, fragte Charlie nach einer Weile der Stille, worauf die Beiden ihn fragend ansahen. „Was meinst du?“ „Das er sich hier schneller fängt. Vielleicht hätten wir beantragen sollen, dass er ins Mungos kommt. Paps könnte sich dann um ihn kümmern.“ „Ich denke nicht, dass das gut wäre“, begann Hermione und sah zu ihren beiden Freunden.
„Tonks hat doch gesagt, dass er auf sie richtig panisch reagiert hat. Madam Pomfrey meinte, dass er völlig unkontrollierte Panikattacken hat, weswegen sie ja erst dagegen war, ihn hier hoch zu bringen. Eine fremde Umgebung und vor allem fremde Menschen. . . Ich glaube nicht, dass das gut gehen würde. Auch wenn er deinen Vater kennt. . .“, setzte Hermione nach, als Charlie den Mund aufmachen wollte. „. . . ist es trotzdem noch etwas ganz anderes, als richtige Vertraute. Freunde. Wahrscheinlich war das jetzt auch etwas ein blöder Zufall, aber Madam Pomfrey meinte, dass er vorher weder auf sie, noch auf Tonks reagiert hat. Dass er erst bei uns wieder richtig zu sich gekommen ist. Versteht ihr was ich meine?“ „Hm“, murmelte Blaise und nippte gedankenverloren an seinem Butterbier.
„Wahrscheinlich hast du Recht. Mir würde es in der Nähe meiner Freunde sicher auch besser gehen, als irgendwo anders“, murmelte Charlie einsichtig, worauf Blaise zustimmend nickte und schließlich zu Hermione sah.
„Denk ich auch. Draco wird schon wieder. Er hat sich bis jetzt von allen Schlägen wieder erholt und aufgerappelt. Und bei so einer süßen Krankenschwester. . .“, fing er an zu grinsen, als Hermione rot wurde und ihm die Faust gegen den Oberarm donnerte. Blaise lachte daraufhin nur noch mehr.
„Was? Es stimmt. Du tust ihm gut, Süße. Glaub mir. Die Tatsache, dass du so sehr zu ihm hältst, hilft ihm unwahrscheinlich. Er braucht dich“, fügte Blaise wissend an, worauf sie den Blick senkte und nachdenklich auf ihre Flasche sah, von der sie begann, das Etikett abzufriemeln. Es war ein Moment, den Blaise nutzte, um den Aufbruch anzureißen.
„Charlie und ich verschwinden erstmal. Wenn was ist, schick uns Dobby einfach in die Kerker.“ „Hm“, murmelte sie nur und verabschiedete die Beiden. Kaum dass sie weg waren, änderte sie auch gleich das Passwort. Sicher war sicher. Im Anschluss verschwand sie nochmal kurz zu Draco, der auch weiter ruhig da lag und schlief.
Sie wechselte ihm nur noch die Kompresse und legte die Decke etwas zurecht, bevor sie ihm auch weiter seine Ruhe ließ und sich ihren Hausaufgaben widmete. Zumindest versuchte sie es, allerdings konnte sie sich nicht so richtig darauf konzentrieren, da ihr Blaise’ Worte nicht aus dem Kopf gingen. Die Tatsache, dass Draco sie brauchte. Sicher, sie war ein fester Bezugspunkt und Freund für den Blonden geworden. Das wusste sie selbst. Aber so sehr? „Du hast ihn geküsst“, erinnerte sie eine freche Stimme in ihrem Kopf, worauf sie stöhnte. Hatte Draco Blaise etwa etwas davon erzählt? Das würde er nicht. Oder? Wenn ja, Was? Konnte es sein. . . Bedeutete ihm dieser Kuss am Ende vielleicht doch mehr als sie dachte? Draco hatte bis jetzt eigentlich nicht den Eindruck gemacht, dass er dieser Geste eine tiefere Bedeutung beimaß. Er war die Tage danach eigentlich wie immer gewesen. Gleich so, als wäre nie etwas passiert, wofür sie ihm ja auch tief dankbar war. Dass er ihre Freundschaft nicht mit Fragen oder Mutmaßungen über diese Sache belastete. Es schien ihm egal gewesen zu sein. Aber war es das wirklich? „Er ist scharf auf dich“, hörte sie Ginny wieder unerwartet und hatte damit das leicht dreckige Grinsen der Rothaarigen vor Augen. Kurz darauf schüttelte sie mit dem Kopf, um den Gedanken loszuwerden.
Sie mochte Draco, ja. Sie hatte Angst um ihn, ja. Sie wollte ihm eine liebevolle Freundin sein, ja. Und ja, sie wollte ihn beschützen und Halt geben. Dieser Drang, dieser Wunsch, war jetzt nach dieser Sache ohnehin noch stärker als zuvor. Denn ein sicherer Rückhalt war es, den er jetzt mehr denn je brauchte. Vermutlich hatte Blaise das auch nur sagen wollen und sie interpretierte einfach mal wieder zu viel. In jedem Fall würde sie Draco zur Seite stehen und ihm so gut sie konnte helfen, wie auch stützen. Sie würde für ihn da sein, wenn er sie brauchte.
Schließlich beendete sie ihre Schularbeiten und machte sich bettfertig. Doch bevor sie in ihr Bett verschwand, sah sie nochmal nach dem Blonden. Der hatte sich inzwischen auf die Seite gedreht und zu einem Ei zusammengerollt, was sie seufzen ließ. Embryonalstellung. Ein nur zu deutlicher Hinweis darauf, dass er im Unterbewusstsein Schutz und Wärme suchte. Sicherheit.
Damit schlich sie versucht lautlos zu ihm und legte ihm vorsichtig die Hand auf die Stirn. Er hatte noch immer Fieber, aber damit hatte sie gerechnet. So strich sie ihm im Kommenden noch etwas durch die Haare, bevor sie sich auf dem Rand des Bettes abstützte, zu ihm beugte und ihm einen sanften Kuss auf die Schläfe hauchte.
„Es wird alles gut“, flüsterte sie und strich ihm noch ein wenig über die Wange, bevor sie in ihrem Zimmer verschwand um zu schlafen, denn morgen würde wieder ein anstrengender Tag werden.
۩ ۞ ۩
Es war ein ohrenbetäubender Knall, wie von einer gigantischen Explosion, der Hermione aus dem Schlaf riss und senkrecht im Bett sitzen ließ. Panisch sah sie sich in der Dunkelheit um und angelte hektisch nach ihrem Zauberstab, mit dem sie getrieben nach Angreifern Ausschau hielt. Sie fühlte sich schlagartig wieder wie im Krieg. Im Kopf die Bilder von der Schlacht. Das Schloss, wie es von den Todessern mehr und mehr in Schutt und Asche gelegt wurde. Griffen die Geflüchteten sie etwa erneut an? Würden sie wirklich so dumm sein? Jetzt, nach allem?
Noch immer mit klopfendem Herzen sah sie sich in der Dunkelheit um, an welche sich ihre Augen allmählich gewöhnten. Sie konnte schemenhaft etwas erkennen. Die Vorhänge ihres Himmelbettes, die zugezogen waren, sich jedoch verräterisch bewegten, was ihr Herz noch schneller schlagen ließ. Sie spürte wie ihr ein wenig der kalte Schweiß ausbrach, als sich ihre Hand zittrig dem tiefroten Stoff näherte. Den Zauberstab gefährlich erhoben, um ihren Angreifer sofort K.o. zu setzen, noch bevor der auch nur an einen Zauber denken konnte.
Sie atmete nur noch einmal tief durch, bevor sie die Vorhänge beiseite riss und schon halb „Stupor!“ ausgestoßen hatte, als sie auch schon wieder in ihrem Zauber inne hielt, denn vor ihr war niemand. Ihr Blick fiel völlig unverdeckt auf das offene Fenster, an welchem die Vorhänge wehten. Offen? Sie hatte es geschlossen gehalten. Definitiv. Warum also war es auf einmal offen? Verdammt, hatte sich doch jemand Zutritt zu ihrem Zimmer verschafft? Über das Fenster? Mittels Besen vielleicht? Warum? In der nächsten Sekunde traf sie die Erkenntnis auch schon wie ein Schlag.
„Draco.“ Sie riss die Vorhänge auf der anderen Seite auf und wollte zu ihm rüber stürzen, landete dann aber unsanft auf der Nase, als sie über irgendetwas stolperte, was ihr plötzlich im Weg war.
„Au“, zischte sie und kam jetzt erstmal auf den Gedanken, sich ein bisschen Licht zu machen. „Lumos.“ In der nächsten Sekunde erschrak sie erneut, als sie ihr Zimmer nun in aller Deutlichkeit vor sich hatte. Dieses war total verwüstet. Die Sessel waren umgeworfen und teils zertrümmert, genauso wie der Couchtisch. Ihre Schreibutensilien, Pergamente, Bücher und anderer Kleinkram lagen wild verstreut im Raum. Der Spiegel neben der Tür war zersprungen und hatte die Vorhänge ihres Himmelbettes stellenweise zerrissen. Und auch das Fenster selbst war nicht offen, nein. Die Verglasung war einfach nur weg. Zerschlagen.
„Was bei Merlin. . .“, murmelte sie irritiert, bevor ihr der gleiche Gedanke, wie schon zuvor durch den Kopf schoss. Doch diesmal aufgrund einer anderen Bewandtnis.
„Oh scheiße“, fluchte sie und stürzte nun wirklich aus ihrem Zimmer, über den Gang direkt in das Gegenüberliegende. In diesem war das Ausmaß noch verheerender. Das Mobiliar war vollkommen zertrümmert und lag in einem großzügigen Kreis um das Bett verstreut. Auch hier war das Fenster zersprengt und die Vorhänge des Himmelbettes in Fetzen gerissen, die sich schwach in der kühlen Nachtluft hin und her bewegten. Hinter diesem war immer mal eine gekrümmte Figur zu erkennen, zu der sie sich vorsichtig bewegte.
„Draco?“, rief sie leise nach ihm und trat Schritt für Schritt näher zu dem Himmelbett. Den Blick ab und an auf den Boden gerichtet, um in keine Scherben zu treten. Schließlich stand sie direkt an seinem Bett und zog den zerrissenen Vorhang behutsam beiseite. Ihren Zauberstab hielt sie dabei gesenkt, um ihn nicht noch zusätzlich zu erschrecken. Als ihr Blick über seine Erscheinung wanderte, musste sie hart schlucken.
Er saß keuchend auf dem Bett und hatte die Hände so energisch, wie auch zittrig in die Bettdecke gekrallt, dass seine Knöchel weiß hervortraten. Sein ganzer Körper zitterte wie unter einem leichten Anfall und war übersät mit kleineren, aber auch größeren Schnittwunden, aus denen hellrot das Blut ran. Seine Arme, die Brust, aber auch auf dem bleichen Gesicht selbst, fanden sich mindesten fünf Schnitte wieder. Auf diesem stand ihm zusätzlich der kalte Schweiß, während seine Augen in einer übermächtigen Panik irgendwo ins Leere starrten.
„Draco?“, rief sie erneut leise nach ihm, doch er reagierte auch weiterhin nicht, sodass sie versuchte, sich ihm vorsichtig noch etwas mehr zu nähern. Seine Augen ließ sie dabei keine Sekunde lang außer Acht, in denen, tief unter der Panik, ein unbeschreiblicher Schrecken tobte, der sich anscheinend noch immer in seinem Kopf abspielte. Er war nur zu offensichtlich nicht wirklich wach. Nicht im Hier und Jetzt, sondern hing auch weiter in gänzlich anderen Sphären fest, was sie erneut schlucken ließ. Dennoch streckte sie leicht zögerlich die Hand nach ihm aus, die sie versuchte beruhigend auf seine rechte zu legen, um sich verstärkt bemerkbar zu machen.
„Draco?“, rief sie ihn ein drittes Mal und hatte die letzten Millimeter damit überbrückt. Auf die zarte Berührung zersprengte es nun auch noch die drei Türen im Zimmer, auf die sie verschreckt sah. Zeitgleich zuckte Draco wie geschlagen zusammen, riss seine Hand weg und sah mit einer schier tödlichen Panik zu ihr. Seine Atmung hatte aufgrund dessen sogar noch ein Stück mehr angezogen, als ohnehin schon.
„Schschsch. Ich bin’s, Hermione. Es ist alles gut. Ich tu dir nichts. Keiner wird dir hier etwas tun. Du bist bei uns im Turm. Du . . . du bist nur mit mir hier. Es war ein Traum. Nur ein Traum“, redete sie beruhigend auf ihn ein, doch er starrte sie auch weiter panisch an, bis Stück für Stück ein leises Begreifen in seinen Blick trat.
Als sie sich sicher war, dass er sie erkannte, versuchte sie sich ihm erneut zu nähern. Ganz langsam und behutsam, bis sie mit ihren Fingern seine Hand berührte und diese zu umschließen versuchte. Zwar zuckte er kurz, ließ es dann aber zu, womit sich ihre Hand gänzlich um seine legte und sie ihn letztlich über diese vorsichtig zu sich zog. In ihre Arme, in denen er nur einen Augenblick später völlig erschöpft, wie auch zitternd versank.
„Sch“, hauchte sie ihm auch weiter beruhigend zu und begann ihn sanft in ihren Armen zu wiegen. „Es ist alles gut. Es war nur ein Traum. Nur ein blöder Traum“, flüsterte sie nochmal, als sich seine Arme auf einmal um ihre zierliche Gestalt legten und er sich seinerseits so fest er konnte zu ihr zog. Das Gesicht vergrub er dabei in ihrer Schulter, halb in dem zerwühlten Schopf. Zeitgleich begann sein Körper aufs Neue zu zittern, als er sich wie ein Ertrinkender an ihr festklammerte.
„Sch. Ganz ruhig. Es ist alles gut. Alles gut“, flüsterte sie und strich ihm beruhigend über den Rücken, wie auch durch die verschwitzten Haare. Eine kleine Ewigkeit lang. Wie lange genau, konnte sie nicht sagen. Draco rührte sich auch nicht weiter in ihren Armen. Er sagte nichts, machte aber auch keine Anstalten sie wieder loszulassen, sodass sie versuchte einen Blick auf seine Augen zu erhaschen. Diese waren noch leicht geöffnet, erschienen ihr jedoch völlig abwesend. So richtig war er scheinbar noch immer nicht bei sich. Allerdings weit genug, dass er ruhig blieb, weshalb sie sich erstmal mit ein paar leise gemurmelten Worten um seine Verletzungen kümmerte und im Anschluss die Scherben von seinem Bett entfernte.
„Draco?“, hauchte sie ihm sanft zu und versuchte erneut ihn anzusehen. Tief unter der dumpfen Leere seiner Augen tobte aber auch weiter ein unbeschreiblicher Terror, worauf sie seufzte und ihn wieder vermehrt in die Arme schloss. Nebenher kümmerte sie sich grob um das Chaos in seinem Zimmer, allen voran um das zertrümmerte Fenster, denn die kühle Nachtluft ließ sie selbst immer stärker frieren.
Am Ende legte sie sich mit ihm hin, da er sie auch weiter nicht los ließ, aber auch, um ein Auge auf ihn zu haben. So konnte sie gleich reagieren, wenn ihn diese Dämonen erneut heimsuchten. Allerdings blieb er ruhig und nickte irgendwann aufs Neue weg. Es war eine Müdigkeit, die schließlich auch Hermione nach und nach überkam.
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Als die Gryffindor am nächsten Morgen wach wurde, hatte sie kurz leichte Orientierungs-, wie auch Bewegungsschwierigkeiten, bis ihr nach und nach alles wieder ins Gedächtnis kam. Die Panikattacke, die Draco mitten in der Nacht hatte.
Damit fiel ihr Blick auf den Blonden, der sie noch immer wie eine Boa umschlungen hielt. Sein Kopf ruhte nach wie vor an ihrer Schultern wo sein Atem sie etwas auf dem Brustansatz kitzelte. Er schlief ruhig, gleich so, als wäre nie etwas gewesen. Er atmete ruhig, zitterte nicht und schien auch nicht wirklich zu träumen. Falls doch dann waren es, Merlin sei Dank, keine Albträume.
Sie strich ihm etwas durch die zerwühlten Haare und ließ letztlich ihre Hand kurz auf seiner Stirn ruhen. Sein Fieber war im Vergleich zu letzter Nacht wieder etwas gesunken, was sie erleichtert lächeln ließ. Schließlich versuchte sie sich behutsam aus seiner Umklammerung zu lösen ohne ihn zu wecken, was fast unmöglich war. Er murrte auf ihre Regungen dann auch und schob schließlich die müden Lider ein Stück weit auf, sodass sich ihre Blicke trafen.
„Hey“, brachte Hermione ihm ein wenig unsicher entgegen, worauf er gar nicht reagierte, sondern sie auch weiter müde und auch ein bisschen neben sich musterte. Scheinbar war er auch jetzt noch nicht ganz bei sich. Oder immer noch.
„Wie geht’s dir?“, erkundigte sie behutsam, mit steigender Nervosität. Sie fragte sich unweigerlich, ob er jetzt richtig wach war? Ob er sie erkannte? Und wenn ja, inwieweit er sich an letzte Nacht erinnerte? Dem entstehenden Fragezeichen in seinem Gesicht zufolge an nichts, was sie auch gleich zur Sprache brachte.
„Du weißt nicht mehr, was letzte Nacht passiert ist?“ „. . .Nein“, begann er unsicher, bevor er krampfhaft in seinem Hirn nach einer Erklärung dafür suchte, warum und wie um alles in der Welt sie in sein Bett kam? Wie er dazu kam, sie so fest umschlungen zu halten? Nicht dass es ihn störte, wundern tat es ihn dennoch. Hermione seufzte nur und versuchte es ihm behutsam zu erklären.
„Du . . . du hattest letzte Nacht wieder eine . . . eine Panikattacke.“ Sie hatte es noch gar nicht richtig gesagt, da durchzuckte es ihn auch schon, als sich doch etwas in seinem Kopf regte. Zeitgleich verabschiedete sich das Wasserglas auf dem Beistelltisch lautstark, auf welches Hermione kurz schielte und so noch hinten anfügte: „. . . und so etwas war das Resultat. Ich hab versucht dich anzusprechen, aber du hast gar nicht weiter reagiert. Und. . . Na ja, ich dachte mir es ist besser, ich behalte dich ein bisschen im Auge und . . . uhm. . . Du hast mich dann auch nicht wieder losgelassen“, erklärte sie ihm beinahe schüchtern, worauf er sie noch kurz stutzig musterte, bevor er dann mal auf seine Arme blickte, die er ihr noch immer umgelegt hatte. Kurz darauf machte sich ein verlegener Rot Hauch auf seinen sonst so blassen Zügen breit, mit dem er sie frei gab.
„Tut . . . mir leid.“ „Muss es nicht. Zumal. . . Es scheint ja irgendwie geholfen zu haben. Du hast den Rest der Nacht besser geschlafen. Oder?“ Daraufhin nickte er ein wenig in sich gekehrt, was sie sich kurz besah und ihm ein paar der wirren Haarsträhnen aus der Stirn strich, womit er wieder mehr auf sie sah.
„Mach dir keine Gedanken. Das wird alles wieder“, lächelte sie aufmunternd. „Ich besorg dir jetzt erstmal Frühstück, dann seh ich nach deinen Verletzungen und dann ruhst du dich auch weiter schön aus. Okay?“ „Hm“, nuschelte er nur, womit sie sich aus seinem Zimmer verschwand, dem er bedrückt nachsah. Seine Hand wanderte dann etwas über die noch immer warme Stelle, auf der sie gelegen hatte. Dem Laken, sowie Kissen, haftete noch deutlich ihr Duft an, womit er erneut versuchte, sich an irgendetwas zu erinnern. Irgendetwas, was mit ihr zu tun hatte, nur kam nichts. Nichts, außer dieser fürchterlichen Dunkelheit, dem Schmerz und den tödlichen Stimmen. Mehr und mehr, sodass er sich auf den Bauch drehte und das Kissen mit ihrem Duft über den Kopf zog.
Er wollte diese Dinge nicht wieder im Kopf haben. Gar nichts davon. Nur sie. Sie sollte sein Denken beherrschen. Seinen Geist einnehmen und ausfüllen und nicht diese verfluchte Dunkelheit und Kälte, die ihm erneut drohte gefährlich in die Knochen zu kriechen. So sehr, dass er anfing zu zittern.
Am Ende schlug er die Decke weg und quälte sich hoch, um ins Bad zu verschwinden. Vielleicht würde für den Anfang ja eine heiße Dusche helfen.
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Als Hermione in ihr Zimmer trat, staunte sie nicht schlecht, denn das war plötzlich wieder heil. Verwirrt darüber, zog sie eine Augenbraue hoch, bevor sie nach Dobby rief. Der Elf erschien dann auch schon in einem leisen Plopp und verbeugte sich.
„Miss Hermione haben gerufen?“ „Ähm. . . Ja. Könntest du für Draco etwas zum Frühstück fertig machen?“ „Aber natürlich. Dobby ist gleich wieder da.“ „In einer halben Stunde reicht“, hielt sie den Elf zur Ruhe an, der sich nochmal verbeugte und verschwand. Hermione sah nur noch kurz auf den nun wieder leeren Platz, als ihr ein Gedanke bezüglich des nicht mehr vorhandenen Chaos’ kam. Vermutlich hatten die Hauselfen sich darum gekümmert, genauso wie sie auch sonst ihre Gemeinschaftsräume des Nachts sauber und aufgeräumt hielten. Sie nahm es erstmal so hin und verschwand ihrerseits mit frischen Sachen und ihrer Schuluniform im Bad. Als sie eine Viertelstunde später wieder bei Draco war, fehlte von dem jede Spur.
„Draco?“, rief sie verwirrt und sah sich kurz ratlos in seinem Zimmer um. Als sie sich runter ins Wohnzimmer begeben wollte, um dort nach ihm zu suchen, ging die Tür vom Bad auf und sie hatte ihn, nur mit einem Handtuch um die Hüften, vor sich stehen.
In den ersten drei Sekunden passierte rein gar nichts. Die Beiden standen einfach nur da und starrten sich an. Wobei Hermione mehr starrte, bis irgendein Schalter in ihrem Kopf umfiel und ihr einen kräftigen Hauch rosa auf die Wangen zauberte. Draco räusperte sich etwas.
„Darf ich mir wenigstens erstmal eine Hose anziehen oder willst du mich gleich so verarzten?“ Daraufhin wachte Hermione ganz auf. Aus dem rosa wurde ein knallrot, mit dem sie unkontrolliert zu stottern begann.
„Oh verdammt. Entschuldige. Ich dachte du . . . ich . . . ähm. . . Sicher . . . ich. . .“, deutete sie etwas hilflos auf seine Tür, aus welcher sie schließlich verschwand. Draco konnte daraufhin nicht anders, als ein wenig diebisch zu grinsen, da er sie in Verlegenheit gebracht hatte. Immer wieder aufs Neue ein Spaß. Sie machte es ihm manchmal aber auch zu leicht.
Sein Grinsen verging ihm in der nächsten Sekunde jedoch recht schnell wieder, als sein Blick zufällig den Spiegel streifte und er die Blessuren auf seiner Brust selbst recht deutlich sah. Damit wurde er unweigerlich an den Grund für ihre Fürsorge erinnert, der ihn, trotz der heißen Dusche, schlagartig aufs Neue frieren ließ.
Merlin nochmal, was war denn mit ihm los? Er hatte doch schon ganz andere Sachen unter den Todessern und Askaban durch. Warum zum Teufel machte ihn dieses Erlebnis jetzt so sehr fertig? Zumal er diesen kranken Wahnsinn überlebt hatte. Er hatte doch auch ständig irgendwie mit dem Tod vor Augen gelebt. Es hatte ihm nichts ausgemacht. Es war ihm mehr oder weniger egal gewesen. Warum fühlte er sich dann jetzt so erbärmlich und schwach?
„Scheiße“, knurrte er und fuhr sich gestresst durch die nassen Haare, bevor er das Handtuch achtlos auf den Sessel warf und sich ein paar frische Boxershorts, wie auch eine Jogginghose über zog. Im Anschluss trat er an seine Tür und machte sie auf. Noch in der gleichen Sekunde fiel ihm seine kleine Hexe rücklings entgegen, da sie sich gedankenverloren an die Tür gelehnt hatte. Mit dieser kippte sie in einem verschrecktem Aufschrei nach hinten und landete prompt in seinen Armen. Als sie aufblickte verfingen sich ihre Augen in seinen Grauen, die sie fragend musterten, bevor etwas Belustigtes darin aufblitzte.
„So stürmisch?“, fragte er neckisch, worauf sie sich fing und ihm leicht auf den Oberarm schlug. Schließlich half er ihr auf.
„Du hättest mich auch vorwarnen können.“ „Wenn du an meiner Tür lauschst?“ „Ich hab nicht gelauscht, sondern mich nur angelehnt“, korrigierte sie ihn und zog ihn letztlich mit einem nun wieder ruhigen „Komm, setz dich“ zu seinem Bett, wo sie begann, die restlichen Striemen und Schrammen mit der Salbe zu versorgen, was er stillschweigend, irgendwo schon stark in sich gekehrt, über sich ergehen ließ. Hermione bemerkte nur zu deutlich, dass er nach einer Weile gedanklich stärker abdriftete. Auch zuckte er ab und an aufgrund ihrer Berührungen. Allen voran am Rücken, der noch am schlimmsten aussah.
Sie war sich ziemlich sicher, dass es nicht ein eventueller Schmerz war, der diese kleinen Regungen verursachte, sondern mehr die Tatsache, dass er andere Dinge mit ihren Berührungen assoziierte. Dass sie mit dieser Vermutung Recht hatte, zeigte sich nur einen Moment später, als sie ihm unbewusst etwas über den Nacken strich.
Er fuhr wie geschlagen zusammen und drehte sich blitzschnell zu ihr um. Beinahe noch in der gleichen Sekunde ergriff er sie recht schmerzhaft am Handgelenk, welches er zur Seite wegdrückte. In seinen Augen flackerte in dem Moment eine schiere Todesangst auf, die sie ihrerseits zusammenzucken und schwer schlucken ließ.
„Draco?“, rief sie ihn unsicher, worauf er erneut zuckte und schließlich blinzelte. In der nächsten Sekunde machte dieser Ausdruck einer erschlagenden Frustration Platz. Seine plötzlich kalten Finger lösten sich leicht zittrig in einem leise gemurmelten „Sorry“ von ihrem Handgelenk, welches sie sich kurz etwas massierte. Ihr Blick ruhte aber auch weiterhin besorgt auf ihm, während er seinen gesenkt hielt. Die rechte Hand fest an den Kopf gepresst, in der schwachen Hoffnung die hochgeflammten Bilder, Eindrücke, wie auch Ängste, so irgendwie verschwinden lassen zu können. Zwecklos. Er bekam das nicht mehr weggeschlossen.
„Komm her“, hauchte Hermione ihm schließlich beruhigend zu und zog ihn zu sich in die Arme, denen er sich nur zu bereitwillig hingab. Am Ende umschlang er sie auch noch seinerseits und versuchte ihren Duft, wie auch die damit verbundene Wärme vermehrt in sich aufzunehmen.
„Tut mir leid“, murmelte er nach einer Weile dünn. Hermione schüttelte aber mit dem Kopf und verstärkte stattdessen ihre Umarmung noch etwas. „Muss es nicht. Es ist okay. Wirklich.“ Mit diesen Worten hielt sie ihn noch ein wenig fester und begann ihm nebenher durch die noch leicht feuchten Haare zu streichen.
„Das gibt sich alles wieder. Glaub mir.“ Daraufhin lachte er bitter. „Ich weiß ja selber nicht was mit mir los ist.“ „Es ist doch ganz normal, dass du nach der Sache. . .“ „Nein ist es nicht“, widersprach er und machte sich schließlich von ihr los, um ihr in die Augen sehen zu können. In den seinen schimmerte in dem Moment eine dumpfe Verzweiflung.
„Verdammt, ich fühl mich erbärmlich und weiß nicht mal wieso! Ich hab die ganze Zeit mit dem Gedanken vor Augen gelebt, dass mich irgendwer einen Kopf kürzer machen könnte, und es war mir egal. Ich hatte kein Problem damit. Ich wusste, dass jeder Tag mein letzter hätte sein können. Dass Voldemort oder sonst einer, mich aus einer Laune heraus hätte töten können. Ich hatte keine Angst oder Panikattacken oder sonst was, warum dann jetzt?“, sah er sie bitterlich verzweifelt an, was sie ihm gleich tat und schließlich bewusst auf seine Worte einging.
„Verstehst du es wirklich nicht?“ „Nein!“ „Du hast es gerade selbst gesagt. Du wusstest es. Du hast damit gerechnet. Es einkalkuliert und damit irgendwo tief in dir schon fest akzeptiert. Du hast deinen Frieden mit der Tatsache gemacht zu sterben. Du hast mir im Mungos doch auch gesagt, dass du mit dem Gedanken gespielt hast, dich umzubringen wegen allem was war. Den Todessern. Dieser Gefahr. . . Dieses Dunkel ist jetzt aber weg. Du kannst dein Leben dadurch jetzt so leben, wie du es willst. Du musst dir keine Gedanken mehr um solche Dinge machen. Du musst nicht mehr mit diesen Gedanken aufwachen. Das ist es, Draco. Wir haben den Krieg hinter uns und ihn überlebt. Wir haben eigentlich ein normales, friedliches Leben vor uns und in diesem denkt man nicht über solche Dinge nach. Man rechnet nicht mit so etwas, deswegen kommt die natürliche Furcht über den Tod auch zurück. Und du. . . Merlin, Draco. Was diese Typen dir angetan haben, es ist kein Wunder, dass du nach allem solche Panikattacken hast. Du hast durch diese Bastarde nicht bloß eine Nahtoderfahrung durchlebt.“ Auf diesen Hinweis zuckte er erneut zusammen, was mit dem Scherbeln der Wasserflasche einher ging, auf welche die Beiden nur kurz blickten, bevor sich Hermione wieder an ihren Slytherin richtete und ihm aufmunternd die Hand auf die blasse Wange legte.
„Dass dich das so fertig macht ist normal. Glaub mir. Ich an deiner Stelle wäre nach allem vermutlich überhaupt nicht mehr klar im Kopf. Aber das gibt sich irgendwann. Ganz bestimmt. Tonks wird diese Schweine finden und dann ist endlich richtig Ruhe, also mach dich nicht so fertig. Ruh dich aus. Du hast noch immer Fieber und die Gehirnerschütterung ist sicher auch noch nicht ganz weg. Madam Pomfrey hat gesagt, du sollst dich schonen. Und hier bei uns hast du richtig Ruhe. Ich hab das Passwort nochmal geändert. Außer mir kommt jetzt absolut niemand mehr hier rein.“ Damit ploppte es kurz, was den Blonden erneut zusammenzucken ließ, worauf es den Spiegel in seine Einzelteile zerlegte. Der arme Dobby hätte aufgrund der Explosion beinahe sein Tablett fallen lassen.
„Außer Dobby“, korrigierte sich Hermione und legte Draco beruhigend die Hand an den Oberarm, der entnervt aufstöhnte und den Kopf in den Nacken legte. Dobby sah auf alles unsicher zwischen den beiden Magiern hin und her.
„Hat Dobby etwas falsch gemacht?“ „Nein, nein. Alles in Ordnung, Dobby. Danke für das Frühstück“, lächelte Hermione dem Elf zu, der sein Tablett auf dem Couchtisch abstellte, bevor er unsicher in Richtung Bett tapste und mit großen Kulleraugen zu Draco sah.
„Master Draco?“, fragte er verunsichert, worauf der Blonde müde zu dem Elf blickte. „Hm?“ „Geht es dem jungen Herrn besser? Dobby hat sich schreckliche Sorgen gemacht und. . .“ „Alles okay, Dobby“, wusste Draco den treuen Elf zu beruhigen, der dennoch unsicher zu Hermione schielte. Diese nickte zustimmend.
„Nochmal danke für das Frühstück.“ „Oh. . . Bitte nicht danken. Dobby macht das gern. Wenn Dobby noch etwas tun kann. . .“ „Im Moment nicht. Wir melden uns.“ Auf diese Worte verbeugte sich der Elf so tief, dass seine Stirn beinahe den Boden berührte und verschwand in einem neuen plopp. Kaum dass er weg war, sah Hermione zurück zu Draco.
„Na komm, ich verbind dich noch schnell. Dann isst du was und legst dich noch ein bisschen hin.“ „Hm“, murmelte er nur dünn, womit Hermione ihrer Tätigkeit nachging. Ihr Blick blieb dabei kurzzeitig auch auf seinem Unterarm liegen, um den er sich selbst schon wieder einen Verband gelegt hatte.
„Hast du an die Salbe gedacht?“ „Was?“ „Dein Arm?“, deutete sie darauf, wo er mit dem Kopf schüttelte. Als sie danach griff, um diese Sache nachzuholen, entzog er sich ihr.
„Lass. Geht schon.“ „Tut es nicht“, meinte sie entschieden und versuchte nochmal ihr Glück, wo er sie am Handgelenk festhielt und warnend anfunkelte. „Ich will das nicht“, raunte er dunkel, was sie kurz schnauben ließ.
„Jetzt stell dich nicht so an. Dein Arm sah aus wie sau. Davon abgesehen, hab ich das Mal schon oft genug gesehen. Ich hab kein Problem damit. Es stört mich nicht. Was mich stört ist die Verletzung. Die kann sich nämlich immer noch entzünden und richtig eklig werden. Und das will ich nicht. Also. Arm her!“, hielt sie ihm auffordernd ihre Hand hin, worauf er seufzte. Mit dieser Hexe zu diskutieren, war wie eine Wand anzuschreien. Kein durchkommen, geschweige denn nachgeben.
Am Ende griff sie einfach nach seinem Handgelenk und begann den Verband behutsam abzurollen. Als sie seinen Arm freigelegt hatte, konnte man im Moment ohnehin nicht so viel von diesem hässlichen, schwarzen Etwas erkennen. Die Schnittwunden stachen dafür einfach noch zu stark hervor. Allerdings hieß das nichts. Sobald die halbwegs verheilt waren, trat das Mal wieder deutlicher hervor. Dadurch, dass es magisch war, ließ es sich durch nichts entfernen oder verdecken. So konnte sie dann auch, als sie die Salbe behutsam, wie auch recht großzügig auf den Schnitten verteilte, die dicken wulstigen Vernarbungen vorangegangener Schnittverletzungen überdeutlich spüren.
Während sie die Salbe einrieb, lag Dracos Blick nachdenklich auf ihren Zügen und schließlich auf ihren warmen, weichen Händen, mit denen sie wie selbstverständlich, aber auch furchtbar sanft über seine Verfluchung strich.
Dass sie es schon ein paar Mal gesehen hatte stimmte zwar, dennoch war es für ihn etwas, was er niemanden sehen lassen wollte. Etwas, was er an sich hasste. Wofür er sich selbst hasste und verfluchte. Wofür Andere ihn hassten, verfluchten und mieden. Niemand würde je auf die Idee kommen, dieses Ding zu berühren. Dass gerade Hermione sich nichts daraus machte, das Zeichen derer zu berühren, die ihr selbst so viel unermessliches Leid angetan hatten, sondern im Gegenteil schon fast zärtlich darüber strich, ließ ihn angenehm schauern. Es zeigte ihm einmal mehr nur zu deutlich, wie anders gestrickt diese junge Hexe war. Wie besonders sie war, was den egoistischen Wunsch in ihrer Nähe zu sein, sie im Arm zu halten, ja sie für sich zu beanspruchen, zu besitzen, auf beinahe unerträgliche Weise aufs Neue in ihm schürte.
So wanderte sein Blick jetzt vermehrt über ihre feinen, warmen Züge, wo sich eine vorwitzige Haarsträhne aus ihrem Zopf gelöst hatte und nun ihre Sicht etwas störte. Doch noch bevor Hermione sich diese Strähne nach hinten streichen konnte, hatte sich seine andere Hand bereits selbstständig gemacht und ihr diese sanft hinters Ohr gekämmt, wofür sie ihn dankbar anlächelte, und sich schließlich wieder ganz ihrem Tun widmete. Seinen hungrigen Blick hatte sie nicht weiter registriert und damit nicht die leiseste Ahnung, wie gern er sie jetzt geküsst hätte. Diese weichen Lippen erneut gekostet hätte, die ihm so viel Wärme in einem einzigen Lächeln entgegen brachten.
„Fertig“, verkündete sie schließlich, was ihn aus seinen Gedanken riss. „Was?“ „Dein Arm.“ Damit stand sie auf und verschwand kurz wie selbstverständlich in seinem Kleiderschrank. Nur einen Moment später kam sie mit einem frischen T-Shirt zurück, welches sie ihm reichte, bevor sie das Tablett ran holte.
„Jetzt Frühstück“, meinte sie auch weiter lächelnd, allerdings sah er recht lustlos auf die Auswahl. „Ich hab keinen Hunger.“ „Du isst was!“, wechselte sie sofort in einen drohenden Ton und platzierte das Tablett provokant, mit Hilfe eines kleinen Tisches, auf dem Bett.
„Du warst die letzten Tage bewusstlos. Du isst jetzt was.“ Damit war die Diskussion für Hermione erledigt, während er sich rücklings in sein Kissen fallen ließ und sich mit den Händen übers Gesicht fuhr. So gern er die kleine Gryffindor auch hatte, ihr Dickkopf trieb ihn manchmal echt in den Wahnsinn.
„Draco“, knurrte sie gefährlich und fixierte ihn mit einem warnenden Blick, worauf er sich aufrappelte, um wenigstens eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen, damit sie Ruhe gab. Diese Kleinigkeit umfasste am Ende die Portion Rührei, ein Butterbrötchen und etwas von dem Obstsalat. Erst dann war sie zufrieden und räumte die Reste weg. Draco rollte sich unterdessen leicht müde unter seiner Decke zusammen.
„Geht’s soweit? Brauchst du noch was?“, erkundige sich Hermione, als sie wieder bei ihm war und ihm erneut die Hand auf die Stirn, wie auch die blasse Wange legte. Er war noch immer recht warm. Dich, hätte er fast gesagt, konnte es sich aber gerade noch verkneifen, obwohl irgendetwas tief in ihm regelrecht danach schrie. Darum bat. Ja darum flehte, dass sie hier bei ihm blieb und ihn mit ihrer Anwesenheit beruhigte. Diesen Drang rang er jedoch nieder. Zum einen war es kindisch, denn sie hatte Recht. Niemand würde einen Fuß in ihren Turm setzen können. Er war hier sicher. Aber eben auch allein. Allein mit sich und seinen Gedanken. Dennoch schüttelte er letztlich auf ihre Frage mit dem Kopf.
Es war ja nicht nur kindisch, sondern auch unfair, noch mehr von ihr zu verlangen, wo sie ihm schon so sehr half. Er hatte absolut kein Recht noch mehr von ihr einzufordern. Sie war ihm zu nichts verpflichtet und trotzdem tat sie so viel für ihn. Er wollte ihre Gutmütigkeit nicht überstrapazieren, wenngleich er sich gerade nichts mehr wünschte, als dass sie bei ihm blieb. Dass sie sich vielleicht auch wieder zu ihm legte, sodass er ihre Nähe, und damit die Wärme ihres Körpers verstärkt spüren konnte.
„Okay dann. . . Ich verschwind erstmal zum Unterricht. Wenn irgendetwas ist, ruf einfach Dobby. Wenn du noch ein bisschen schlafen willst, Madam Pomfrey hat dir noch ein paar Tränke zur Beruhigung und gegen die Albträume fertig gemacht“, deutete sie ihm auf den kleinen Beistelltisch, auf dem auch die Salbe stand. Bei dem Gedanken an so etwas Banales wie Schlaf, fröstelte es ihn jedoch wieder mehr. Das war etwas, was er trotz allem auch hier nicht machen würde.
„Gut dann. . . Ruh dich aus, okay? Wir sehen uns später.“ Damit rappelte sie sich auf und war schließlich weg. Draco starrte allerdings noch lange auf die Tür, bevor sich sein Blick an der Decke und damit dem Himmel seines Bettes verlor. Dieser war durch den grünen Stoff dunkel. Zu dunkel, weshalb er aufstand und ins Wohnzimmer schlich, sich ein, zwei Bücher suchen, mit denen er sich ablenken, allen voran aber die Müdigkeit vertreiben wollte.
Wieder in seinem Bett, musste er nach ein paar Seiten jedoch resigniert feststellen, dass er lieber seine eigenen Hinweise ernst genommen hätte, was das Ergebnis von Bücher lesen, plus Gehirnerschütterung mit sich brachte. Nämlich wahnsinnige Kopfschmerzen, verbunden mit einem leichten Schwindelgefühl, welches Gift für seinen Zustand war, denn mit diesem Schwindel im Kopf nickte er schneller weg, als ihm lieb war.
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