Hermione kam in den kommenden zwei, drei Sekunden lediglich auf Hände und Knie, als sich eine große Hand grob in ihre Haare krallte und ihren Kopf brutal nach hinten riss. Sie schrie. Wollte es zumindest, doch aus ihrer Kehle drang nicht der leiseste Laut. Stattdessen wurde sie herumgeworfen und lag in der nächsten Sekunde auf dem Rücken. Über sich eine große, gedrungene, dunkle Gestalt, von der sie nichts weiter als grobe Schemen und Schatten in der Dunkelheit erkannte.
Blanke Panik und Angst stiegen in ihr auf, in der sie nach ihrem Angreifer schlug. Dieser tat es ihr gleich und traf sie schmerzhaft im Gesicht, was sie kurzzeitig lähmte. Ihre Unterlippe platzte auf, ebenso wie warmes Blut an der rechten Stirnseite, durch einen Riss in der Augenbraue, herab floss.
Sie wimmerte und versuchte erneut zu schreien, um Hilfe zu rufen, doch sie blieb auch weiter stumm. Sie wand sich unter ihrem Angreifer, der sie dafür erneut ins Gesicht schlug. In der nächsten Sekunde schloss sich eine dieser großen, rauen, groben Hände um ihren schlanken Hals und drückte ihr die Luft ab.
Sie griff danach und versuchte verzweifelt die menschliche Schelle zu lösen, doch ihr Gegner lachte nur, was verzerrt von den kalten Steinwänden wiederhallte und ihr eisige Schauer durch den Körper schickte. Schließlich beugte sich die dunkle Gestalt ein Stück zu ihr, sodass sie den schnellen, heißen Atem des Fremden auf dem Gesicht spürte. Dieser war Feuerwhiskey geschwängert.
„Wer wird denn, Püppchen?“, stieß ihr Gegenüber belustigt aus. Die Stimme auch weiterhin verzerrt. Unmenschlich. Falsch. „Hast du Angst, hm? Ja, ich kann es förmlich riechen“, raunte der Mann. Hermione begann zu zittern, während ihr die Tränen unkontrolliert aus den Augen schossen. Sie schrie. Schrie um Hilfe. Schrie nach Draco, doch ihre Stimme trug nicht. Sie war schlicht und einfach nicht mehr existent. Silencio, schoss es ihr panisch durch den Kopf, während ihr Gegner auf ihre stillen Schreie und Rufe lachte, bevor er sich wieder ein kleines Stück zu ihr beugte.
„Rufst du ihn? Rufst du nach ihm? Oh, sei dir sicher, er wird dir diesmal nicht mehr helfen. Und du wirst ihm auch nicht mehr helfen“, lachte der Typ dreckig, was Hermione das Herz nur noch getriebener schlagen ließ, als sich ihre Gedanken jagte.
Das konnte nicht sein. Draco war in ihrem Turm sicher. Niemand außer ihr konnte dort hinein. Sie hatte das Passwort erneut geändert, nachdem die Jungs und Ginny weg waren.
„Wenn ich mit dir kleinen Hure fertig bin, siehst du ihn in der Hölle wieder“, raunte ihr Angreifer belustigt. Hermione meinte daraufhin, trotz der Schwärze, in der verzogenen Fratze vor sich, ein dreckiges Grinsen erkennen zu können, wenn auch nicht mehr. Dafür war es zu dunkel. Hinzu kam, dass die Gestalt in einen schwarzen Umhang gehüllt war. Die Kapuze hatte er tief nach unten gezogen, sodass das Grinsen auch bei mehr Licht so gut wie alles gewesen wäre, was sie hätte sehen können.
„Bis dahin werden wir zwei Hübschen uns noch ein wenig amüsieren“, meinte er und stieß dabei seinen Atem keuchend aus, der ihr direkt ins Gesicht schlug. „Kleines Schlammblut. Na, gefällt dir das?“, säuselte er und ließ die freie Hand forsch über ihren Oberkörper wandern, bis dieser über ihrer Brust zur Ruhe kam, nach der er grabschte.
„Nett“, grinste er, während Hermione in Schnappatmung geriet. Heiße Tränen rannen ihr aus den Augen und ließen sie flehend im Stillen wimmern. Er möge aufhören, sie lassen, ihr nicht wehtun. Genauso weinte sie nach Draco. Er sollte ihr helfen. Musste ihr helfen. Er war sonst auch immer da gewesen und hatte die Dunklen vertrieben. Bitte. Bitte, bitte, bitte.
„Ich denke, wir sollten noch ein bisschen mehr Spaß haben. Wo du dich extra so hübsch für mich gemacht hast“, lachte er und begann an ihrem Kleid zu zerren, sodass sich die dünnen Träger dessen schmerzhaft in ihre Schultern schnitten. Letztlich gab der Linke nach und zerriss.
„Geht doch“, lachte er und schob die freie Hand unter den Stoff auf ihre blanke Brust, nach der er wieder grabschte. „Schön weich. Glaubt man gar nicht von einem dreckigen, räudigen Schlammblut“, meinte er und ließ die Hand über ihre Taille nach unten wandern.
Hermiones Atmung ging daraufhin immer keuchender, mit jeder Sekunde mehr, die dieser Albtraum anhielt. Einer, der sie wegdriften ließ in ebenso dunkle, kalte, wie auch schreckliche Gefilde. So weit, dass sie nicht mehr länger im Schloss war, sondern plötzlich wieder im Kerker des Manors. Bei ihr, ihre wahr gewordenen Albträume, die sich aufs Neue mit aller Brutalität nahmen was sie wollten.
War das alles am Ende etwa nur ein langer Traum gewesen? Hatte Draco ihr nie geholfen? War sie in Wahrheit nie aus diesem Loch herausgekommen? War der Krieg noch immer in vollem Gange? Hatte die gute Seite etwa verloren? Hatten sie alles verloren? War das ihr Schicksal? Auf ewig? Das konnte nicht sein. Nein, das konnte nicht sein. Das konnte sie sich doch nicht alles erträumt haben? Oder etwa doch? Hatte sie sich vor all der Grausamkeit in eine Scheinrealität geflüchtet? Jemand sollte ihr helfen. Bitte. Jemand musste ihr helfen.
„Ja, das ist gut“, hörte sie ihren Schlächter wieder schnauben, als seine Hand tiefer und tiefer an ihr herab wanderte. Sie spürte, wie der schwere Körper über ihr sein Gewicht verlagerte und ein Stück nach unten auf ihre Oberschenkel rutschte. Dadurch gab er ihren Schoß frei. Für die grobe Hand war es mehr als genug Platz, um den Stoff ihres Kleides hoch zu raffen und sich einen Weg unter diese zu suchen. Nein, nein, nein, schrie sie aus Leibeskräften, als die abstoßende Hand noch weiter wanderte und ihre Panik damit explosionsartig anschwoll. Wortwörtlich. Sie wusste nicht was und wie, spürte mit einem Mal aber einen gewaltigen Hieb, der durch ihren Körper ging. Dieser drohte ihr Innerstes zu zerreißen, drang dann aber nach außen und warf die widerliche Gestalt von ihr. Und das mit so viel Energie, dass der massige Körper lautstark an die gegenüberliegende Wand krachte, wo er stöhnend in sich zusammensackte. Zeitgleich scherbelte es, als die vier Fenster, auf dieser Ebene des Ganges, zersprangen.
Hermione bemerkte es nicht. Zu sehr beherrschten noch immer Panik und Todesangst ihre Sinne, die nur noch einen Reflex kannten. Und zwar Flucht, so lange wie ihr Gegner außer Gefecht war.
Ihr Körper zitterte, als sie sich auf die Seite rollte. Sie stützte sich mühselig auf Hände und Knie, mit denen sie auch noch ein kurzes Stück wimmernd und schluchzend über den kalten Steinboden kroch, bevor sie auf ihre schlotternden Beine kam. Dem massigen Adrenalin in ihren Adern, wie auch ihrem Überlebensinstinkt, hatte sie es einzig und allein zu verdanken, dass sie nicht sofort wieder zusammenbrach. Kaum dass sie halbwegs stand, stürzte sie ohne Sinn und Verstand in die Dunkelheit davon.
Weg. Raus. Flucht. Hilfe. Unterschlupf. Sicherheit. Ihre Urinstinkte beherrschten sie und führten sie letztlich vor das Gemälde einer jungen Hexe, die sie verwirrt musterte. Hermione bemerkte den fragenden Blick, den sie ihr zuwarf nicht. Sie bemerkte auch sonst nichts. Da war nur der Gedanke nach Sicherheit. Ihrem Unterschlupf.
Sie schrie sich die Lunge aus dem Leib und brachte dennoch keinen Ton hervor, während sie gegen das Portrait schlug und letztlich sogar versuchte, sich mit aller Gewalt hinter die verborgene Sicherheit zu kratzen, sodass ihre Finger bluteten.
Mit einem lauten Krachen, welches sicherlich das gesamte Haus weckte, tauchte er wieder in der heruntergekommenen Kaschemme Muggellondons auf, die ihm derzeit als Unterschlupf diente. Er schlug hart auf dem verdreckten Boden des kleinen, schmuddeligen Zimmers auf und grunzte wütend vor sich hin.
„Miststück“, knurrte er und stemmte sich auf Hände und Knie, bevor er sich versuchte an der bereits ramponierten Kommode hochzuziehen. Dabei warf er die halb leere Flasche Whiskey um, nach der er stattdessen griff. Keine Minute später war die Flasche endgültig leer und landete krachend an der gegenüberliegenden Wand, wo sie scherbelnd auseinander barst. Stablos! Stumm und stablos. Das hätte er diesem kleinen Biest, einem minderwertigen Schlammblut, nie und nimmer zugetraut. Verdammt, warum hatte die alte Schabracke ihm nichts davon gesagt? Das war ja nun alles andere, als eine unwichtige Information. Hätte er das gewusst, hätte er die kleine Schlampe doch gleich richtig K.o. geschlagen. Allerdings wäre sein Vorhaben dann nicht einmal mehr halb so spaßig gewesen, wo er doch schon nicht an den Bengel herangekommen war. Er hätte ja darauf gewettet, dass das Todesserbalg wieder in der Nähe des Schlammblutes war, so wie sonst auch. Er hätte sie dann beide gehabt und endlich seine Belohnung einfordern können, aber nein. . .
Die alte Schreckschraube würde ausrasten, wenn sie von seinem neuerlichen Versagen hörte. Sie war ohnehin recht ungeduldig, sodass er sich erneut zu fragen begann, was Sie für ein dunkles Geheimnis hatte? Eines, von dem sie scheinbar nicht wollte, dass es ans Licht kam. Eines, von dem der Todesser offensichtlich wusste. Das würde erklären, warum sie ihn loswerden wollte. Ja, so schien es. Stellte sich nur die Frage Was? Wenn er das wüsste, er könnte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.
Dafür müsste er den Bengel aber erst einmal in die Finger bekommen. Er müsste ihn irgendwie aus Hogwarts raus bekommen und seine kleine Schlampe am besten gleich mit. Dann konnte er sich zwischendurch etwas mit ihr vergnügen. Er könnte den Bengel zusehen lassen. Vielleicht bekäme er ihn dann dazu zu erzählen, was die Alte verbarg? Ja, er könnte ihn so vielleicht erpressen, immerhin schien er dem Schlammblut, absurderweise, recht verfallen zu sein. Umgekehrt genauso. Wenn er nicht reden wollte, dann vielleicht sie. Oh, das würde ein Spaß werden, dachte er sich und malte sich bereits aus, wie er es machen würde. Er würde sie beide, Meter voneinander getrennt, in Ketten legen und damit anfangen ihn zu foltern, bis er nicht mehr konnte. Dann würde er sich das Schlammblut vornehmen, so lange bis sie nicht mehr schreien konnte. Und wenn er hatte was er wollte, würde er sie umbringen. Erst sie, dann ihn. Und dann. . . Dann könnte er die Alte unter Druck setzen. Oh ja. Wenn er ihr Geheimnis kannte, könnte er die fette Kröte ausnehmen wie eine gut gefüllte Weihnachtsgans.
Dazu musste er aber zurück ins Schloss. Sie musste ihm den Zugang wieder öffnen. Er hätte vorhin nicht so übereilt verschwinden dürfen. Allerdings war er viel zu sehr überrumpelt von allem. Das würde ihm nicht noch einmal passieren. Nein.
Damit stemmte er sich, ein breites, unheilvolles Grinsen im Gesicht, mühselig hoch und taumelte zu dem sperrigen, kleinen Tisch, auf dem Papier und ein komisches Holzstück lag, mit dem er schreiben konnte. Er musste sich eine neue Zeit mit ihr ausmachen. Er brauchte einen Plan. Einen, wie ihren ersten. Denn nochmal würde den Beiden nicht so viel Glück beistehen.
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Sonntagmorgen, noch vor dem Frühstück, rief Minerva den Rest ihrer Belegschaft zusammen, um ihnen von den Ereignissen der Nacht zu berichten. Nur kam sie nicht besonders weit, da sie bereits am Anfang durch ihre Kollegen unterbrochen wurde.
„Bitte, WAS?“, stieß Diana Monroe entsetzt aus und wurde etwas blass um die Nase. Horace ähnlich. „Wa. . . wann?“, fragte er fassungslos, in Anbetracht der Tatsache, was seiner Lieblingsschülerin passiert war, während Hagrid stammelte: „Mione? Wieso Mionchen? Was’s mit ihr? Wie geht’s der Kleinen?“, erkundigte er sich besorgt und bekam von Tonks Antwort.
„Sie hat ein paar Kratzer und blaue Flecke abbekommen, im Großen und Ganzen aber Glück gehabt, dass sie ihrem Angreifer noch zeitnah entwischt ist, bevor der zu mehr kam. Ihre Verletzungen lassen nämlich leider darauf schließen, dass der Täter versucht hat sie zu missbrauchen“, erklärte Tonks knapp, worauf die Anwesenden noch blasser wurden.
„Wer?“, warf Pomona tonlos ein, worauf Tonks und Allan hilflose Blicke miteinander tauschten, bevor Allan weiter sprach. „Wir tappen im Augenblick noch im Dunkeln.“ „Ein Schüler?“, fragte Filius. „Möglich. Ganz ausschließen lässt sich das im Moment leider nicht. Allerdings glaube ich das weniger. Ich habe eher die dumpfe Vermutung, dass das mehr was mit Draco zu tun hat.“ „Was? Denkst du es waren die gleichen Täter wie . . . wie bei der Sache mit ihm?“, warf Septima Vektor ein. Tonks nickte.
„Ja.“ „Das ist doch Unsinn!“, mischte sich Diana dazwischen. „Und warum?“, fragte Tonks ruhig und musterte die Professorin sehr genau. „Ich sehe da keinen Zusammenhang. Ich meine. . . Was hat Miss Granger denn mit ihm gemein, dass sie zu einem Opfer werden könnte?“ „Sehr viel“, meinte Tonks auch weiter ruhig.
„Sie sind befreundet und helfen sich gegenseitig. Sie unterstützt ihn und steht auch öffentlich zu und hinter ihm, was sehr vielen schon vor Monaten gewaltig in die Nase gestiegen ist. Dass sie sich für ihn eingesetzt hat. Sie wurde vor seiner Verhandlung, aufgrund ihres Engagements, bereits von der Öffentlichkeit angegriffen und diskreditiert. Zwar nur verbal, allerdings war das ein Funke, der sehr schnell zu einem gefährlichen Feuer werden kann und nun offensichtlich auch geworden ist“, endete Tonks und sah Diana durchdringend an. Diese schwieg und kaute auf ihrer Unterlippe herum.
„Ich finde es auch einen sehr großen Zufall, dass Hermione, so kurz nach dem Mordversuch an Draco, angegriffen wurde“, meinte Tonks weiter und wurde nachdenklich. Allan sah es.
„Was ist?“ „Ich weiß nicht. . . Angenommen, wir sprechen hier tatsächlich von den gleichen Tätern, dann könnte Hermione vielleicht nur ein sekundäres Ziel gewesen sein.“ „Du meinst, der Täter könnte es in erster Instanz wieder auf den Jungen abgesehen haben?“, sprach Allan ihre Gedanken aus. „Es wäre sehr gut möglich. Ja. Wer wusste alles, wer zu deiner Feier kommt?“, richtete sich Tonks an Horace. Dieser schluckte.
„Ich denke jeder. Oder die meisten. Es war kein Geheimnis, wen ich eingeladen habe. Dass die gute Hermione am Ende ohne Draco kam, hat mich zwar überrascht, im Endeffekt war es aber nachvollziehbar. Dass er sich nach allem noch nicht so wohl fühlt.“ Daraufhin nickte Tonks und vermutete weiter: „Der Täter könnte gewusst haben, oder zumindest davon ausgegangen sein, dass er Draco und Hermione sehr spät abends, in der frühen Nacht, alleine und ungeschützt auf den Gängen antreffen könnte. Man hätte sie problemlos aus dem Hinterhalt und der Dunkelheit heraus angreifen können. Was bei Hermione ja der Fall war“, seufzte Tonks.
„Haben Sie irgendwelche Spuren gefunden?“, erkundigte sich Diana vorsichtig. „Im Moment leider nicht. Die Portraits auf einem Nebengang haben zwar jemanden fliehen sehen, aber nichts Genaues erkannt. Sobald Hermione wieder wach ist, werde ich nochmal mit ihr sprechen. Unter Umständen hat sie ihren Angreifer erkannt. Dann wären wir etwas weiter“, meinte Tonks und sah zu Allan. „Ich kontrollier nochmal die ganzen Zu- und Geheimgänge.“ „Und ich möchte euch alle bitten, Augen und Ohren offen zu halten. Diese Schule hat, gerade im vergangenen Jahr, mehr als genug Leid gesehen. Ich will nicht, dass es in Zeiten des gerade entstandenen und wachsenden Friedens, zu derartigen Übergriffen und vor allem Mordversuchen auf Unschuldige kommt.“ Damit entließ Minerva ihre Professoren.
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„Tee?“, hauchte Madam Pomfrey und hielt Draco matt lächelnd eine dampfende Tasse hin. „Sie sehen müde aus“, meinte sie noch, als er sich in einem leise gemurmelten „Danke“ die Tasse nahm und etwas an dem dunklen Heißgetränk nippte.
„Wollen Sie sich nicht vielleicht doch hinlegen?“, schlug sie ihm vor und deutete auf das zweite Bett. Er schüttelte mit dem Kopf, was sie sich nachdenklich besah und sich schließlich neben ihn auf den zweiten Stuhl setzte, bevor sie in einer anderen Richtung bohrte.
„Wie verhält es sich jetzt überhaupt nachts? Können Sie mit den Tränken ruhig schlafen?“ Daraufhin verzog er düster das Gesicht, was Madam Pomfrey Antwort genug war. „Also nicht?“ „Nein“, brummte er, stellte den starken Assam Tee weg und nahm sich stattdessen wieder Hermiones Hand, die er bereits den Großteil der Nacht gehalten und gestreichelt hatte.
Das Einzige, was gegen seine Unruhe und die massiven Angstzustände nachts half, war die Nähe und Wärme zu seiner kleinen Hexe. Ihre Gegenwart beruhigte ihn. Die Tatsache, dass er nicht allein war und damit auch jemanden in seiner Nähe hatte, bei dem er sich sicher fühlte. Etwas, was im Umkehrschluss auch auf Hermione zutraf. Auch sie quälte sich mit den Folgen des Krieges. Den seelischen Wunden und Narben, von denen eine, so fürchtete er, durch diesen Übergriff vermutlich wieder sehr tief aufgerissen worden war, so hysterisch wie sie gestern Abend war. Sie schien sich vollkommen in ihrer Angst und Panik verloren zu haben, die sie der eigentlichen Realität entriss.
Er wollte sich gar keine genaue Vorstellung davon machen, was wirklich alles passiert war, auch wenn Madam Pomfrey meinte, es wäre nichts sooo Schlimmes gewesen. Wie schlimm, war in Dracos Augen eine Auslegungssache. Es musste nicht zwangsläufig im Sex gipfeln, um die Seele zu quälen. Wenn eine Vorbelastung da war, konnten intimere Berührungen schon viel zu viel für das Opfer sein.
Auf den Gedanken stiegen die Schuldgefühle erneut verstärkt in ihm hoch. Die Tatsache, dass er sie nicht hatte schützen können. Jetzt, wie auch früher schon. Das Schicksal schien ihm immer wieder ein Bein zu stellen, um ihn im Kommenden schadenfroh, wie auch gehässig für seine Mühen auszulachen. Ja, das Schicksal war wirklich ein blödes Arschloch.
„. . . Setzen Sie sich selbst nicht so unter Druck. Es wird alles nach und nach schon wieder werden“, riss Madam Pomfreys Stimme ihn schließlich aus seinen düsteren Gedanken, bevor sie erst einmal ging. Draco bekam nichts weiter davon mit. Weder ihr Verschwinden, noch was sie meinte. Im Grunde interessierte ihn auch nicht, was sie gerade alles gesagt hatte. Stattdessen legte er seine Konzentration auf Hermione und strich ihr behutsam über die Wange, die noch immer leicht gelb schimmerte. Der Bluterguss hier war fast weg, allerdings nicht die Male an ihrem Hals. Die waren stärker und leuchteten noch immer in allen möglichen Farben, was ihn schlucken ließ.
Wie viel Kraft musste hinter diesem Griff gesteckt haben? Wie sehr musste sie das in dem Moment gequält haben? Das Gefühl zu ersticken? Draco schauderte unweigerlich und fasste sich selbst kurz an den Hals, um den sich vor kurzem ebenfalls ein paar Hände gelegt hatten. Er wusste, was das für ein beklemmendes Gefühl war. Eines, was er schnell wieder abschüttelte und sich abermals auf die zierliche Gryffindor konzentrierte, unter deren Lidern es ein wenig zu zucken begann.
„Hermione?“, rief er vorsichtig und strich ihr erneut behutsam über die Wange. Am Ende wurde er dafür mit einem matten, erschöpften Blinzeln belohnt. Sie sah noch immer völlig fertig aus, worauf Draco näher rückte, ihre Hand beruhigend drückte und ihr mit der anderen sanft durch den zerwühlten Schopf strich.
„Hey“, lächelte er etwas, während Hermione nochmal blinzelte und versuchte, ihre Augen scharfzustellen, bis sie ihn letztlich erkannte.
„Draco?“, kam es ihr fragend über die Lippen, jedoch stumm. Ihre Stimme trug nicht, worauf sie sich an den Hals fasste. Draco besah es sich besorgt.
„Hast du Schmerzen?“, beugte er sich ein Stück zu ihr und nahm schlussendlich auf dem Rand des Bettes Platz, um besser nach ihr sehen zu können. Hermiones Blick verlor sich daraufhin auf ihm und begann zu verwässern.
„Hey. Nicht. Schschsch. Es ist alles gut. Keiner tut dir was. Ich pass auf dich auf. Ich lass dich nicht mehr aus den Augen“, versprach er und strich ihr sanft die ersten Tränen von den Wangen, während Hermione die Hand nach ihm ausstreckte, um sich zu ihm zu ziehen. Von ihm halten zu lassen. Beruhigen zu lassen. Zu vergewissern, dass er da war. Dass sie dort war, wo sie glaubte zu sein. Sie brauchte das. Das Gefühl von Wärme, Nähe, Leben. Einen anderen Menschen. Ihn.
Draco erkannte die regelrechte Verzweiflung in ihrem Blick und kam ihr schließlich entgegen. Er schloss sie behutsam in die Arme und hielt sie ganz fest bei sich, während sie ihm die Arme um den Nacken schlang und lautlos in die Schulter schluchzte.
„Sch“, war das Einzige, was Draco über die Lippen kam, während er sie hielt, wiegte und ihr beruhigend über den Rücken strich, bis Madam Pomfrey bei ihnen auftauchte. Diese nahm das sich ihr bietende Bild gedrückt lächelnd zur Kenntnis und trat letztlich ganz auf die Beiden zu. Kurz darauf legte sie ihre Hand beruhigend auf Hermiones Schulter.
„Es ist alles gut, Liebes. Wir kümmern uns um Sie“, sprach die Schwester beruhigend, worauf Hermione sie nur kurz mit einem Auge anschielte, bevor sie das Gesicht wieder zur Gänze in Dracos Schulter kuschelte und wie erhofft noch fester von ihm umschlossen wurde, bevor er schuldig murmelte: „Es tut mir so leid, was passiert ist. Ich hätte dich nicht alleine gehen lassen dürfen. Ich hätte. . .“ Da aber löste sich Hermione von ihm, sah ihn an und schüttelte mit dem Kopf.
Sie wollte nicht, dass er sich schuld an dieser Sache gab, denn die hatte er nicht. Dracos gequälter Gesichtsausdruck blieb aber, worauf sie sich erneut in seine Arme kuschelte, um sich von ihm halten zu lassen. Dabei hauchte er ihr nach und nach noch drei federleichte Küsse auf den Schopf. Einen auf den Haaransatz, den anderen an die Schläfe und den letzten schließlich auf die Stirn, bevor er ihren Kopf ganz fest an seine Brust drückte und seinen beruhigend, halb schützend, auf ihren drapierte, sodass sie immer weiter in seinen Armen versank. Arme, aus denen sie nicht gerissen werden wollte, nur wollte Madam Pomfrey näher nach ihr sehen.
„Haben Sie Schmerzen?“, erkundigte sich die Medihexe. Hermione schüttelte nur knapp mit dem Kopf und versuchte irgendwie ein Nein hervorzubringen. Nur entwich ihrer Kehle auch weiterhin nicht der kleinste Laut, sodass sie sich nochmal an diese fasste.
„Haben Sie Halsschmerzen?“, vermutete Madam Pomfrey, doch Hermione schüttelte erneut mit dem Kopf, bevor sie Draco ansah und ihm auf ihre Kehle deutete. Sein Blick blieb fragend und besorgt, weshalb sie sich seine Hand nahm, und mit ihrem Finger ,stumm‘ in seine Handfläche schrieb.
„Silencio?“, warf Draco ein, worauf sie schwach mit den Schultern zuckte, dann aber nickte. Im nächsten Moment hatte er seinen Zauberstab bei der Hand und sprach ein Finite Incantatem über sie. „Danke“, entwich es ihr im Kommenden zittrig, wie auch kratzig, bevor sie sich wieder in seine Arme kuschelte, die sich abermals wie eine warme Decke beruhigend um sie legten. Damit verbunden erneut ein kleiner Kuss, der sein Ziel an ihrer Schläfe fand.
„Brauchen Sie etwas?“, erkundigte sich Madam Pomfrey nochmal, bekam aber wieder nur ein knappes, leises „Nein“ von der Gryffindor zu hören. Alles, was sie gerade brauchte und wollte, war die Nähe und Wärme von Draco. Die Sicherheit, die er ihr versprach. Eine Zuflucht.
„Sind Sie sicher? Ich. . .“ „Können Sie uns bitte alleine lassen?“, unterbrach Draco die Schwester matt, bevor er seine Konzentration wieder ganz auf Hermione legte und ihr durch die wüsten Haare zu streichen begann. Poppy besah es sich nur noch kurz, bevor sie verständig nickte und das Feld vorerst räumte. Kaum dass sie aus der Tür war, entwich Hermione ein leises Seufzen.
„Danke.“ „Wofür denn?“, hauchte Draco und begann sie erneut sanft in seinen Armen zu wiegen. „Willst du . . . darüber reden?“, fragte er nach einer Weile vorsichtig, bekam aber wieder nur ein leises „Nein“ zu hören. „Okay.“ So verbrachten sie ihre Zeit im stillen Schweigen. Fest umschlossen. Halt gebend. Halt suchend, bis es irgendwann, scheinbar nach Stunden, zaghaft klopfte.
Draco seufzte daraufhin in sich hinein, gab aber keinen Laut von sich. Vielleicht ging Madam Pomfrey dann ja wieder. Das Klopfen kam allerdings nicht von der Schulschwester, sondern von Tonks, die im Kommenden leise die Tür öffnete und vorsichtig ihren weißen Kopf durch den Türspalt schob. Als sie die Beiden sah, trat sie ganz ein.
„Hey“, hauchte die Aurorin. Draco sah sie aber nur kurz matt, über Hermiones Schopf hinweg, mit einem Auge an, bevor er sein Gesicht in diesem barg. Tonks besah es sich besorgt, aber auch ein wenig hilflos, bevor sie ganz eintrat und die Tür lautlos hinter sich schloss.
„Hermione?“, rief die Aurorin behutsam nach der jungen Hexe, die erst nach Sekunden reagierte und erschöpft zwischen Dracos Armen hervorblinzelte. Auf ihren gequälten Anblick, biss sich Tonks gehörig auf die Lippen.
„Kann ich kurz mit dir reden?“, fragte sie dennoch behutsam, bekam allerdings von Draco eine knurriges „Muss das jetzt sein?“ zu hören. Zu diesem sah sie im Kommenden und zwang sich zu einem entschuldigenden Lächeln, bevor sie wieder zu Hermione blickte.
„Ich kann verstehen, dass dir das unangenehm ist und alles. Aber je schneller ich ein paar Hinweise habe, umso schneller kann ich die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen, zumal. . .“, sah sie kurz unsicher zu Draco, der skeptisch eine Augenbraue hoch zog, bevor Tonks zurück auf Hermione blickte.
„Es ist nur eine Vermutung, aber ich kann nicht zu 100% ausschließen, dass es sich bei deinem Angreifer, nicht vielleicht auch um einen deiner Täter handelt“, sah sie zu Draco, der kurz zusammenzuckte und damit der Glaskaraffe auf dem Beistelltisch den Rest gab. Hermione drängte sich auf die Worte, die bloße Vorstellung, noch mehr an ihre Schlange.
„Du denkst. . .“ Dracos Kehle war schlagartig staubtrocken, während sich seine Arme noch fester um Hermione legten, der er damit schon ein wenig weh tat, doch sie sagte nichts. Vermutlich hätte sie nicht einmal einen Ton von sich gegeben, hätte er ihr mit seinem Griff das Rückgrat gebrochen. Denn auch wenn es weh tat, verstärkte es das Gefühl von Sicherheit jetzt nur noch mehr.
„Die Möglichkeit besteht, ja. Und wenn dem so sein sollte, ist es umso wichtiger, dass wir die Sache so schnell wie möglich klären, bevor es zu einem erneuten Übergriff auf einen von euch kommt.“ Auf den Gedanken, die Vorstellung hin, Draco Hermione noch fester zu sich, die sich nun doch schwach bemerkbar machte.
„Draco. . . Luft.“ „‘tschuldige“, murmelte er und ließ wieder etwas locker. „Kannst du dich vielleicht an etwas erinnern? Das Gesicht?“, begann Tonks behutsam. Hermione schüttelte nur schwach mit dem Kopf. „‘s war zu dunkel und er . . . er hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen“, murmelte sie brüchig. Tonks nickte bitter. Wäre ja auch zu schön gewesen.
„Sonst vielleicht irgendetwas? Egal was. Alles kann helfen.“ „Er hat nach Feuerwhiskey gestunken“, meinte sie dann noch, worauf Draco die Ohren spitzte. „Noch etwas? Hat er vielleicht irgendwas gesagt? Könntest du die Stimme beschreiben? War es etwas Bekanntes?“, bohrte Tonks, doch die Hexe schüttelte schwach mit dem Kopf.
„Er hat irgendwie gekeucht und geschnaubt. Die Stimme selbst war blechern und . . . verzerrt. Nichts Menschliches.“ „Eine magische Veränderung vermutlich“, nuschelte Tonks vor sich hin, bevor sie wieder zu Hermione sah und weiter fragte.
„Kannst du dich noch erinnern, was er gesagt hat?“ Hermione schniefte und drückte sich daraufhin noch mehr an Draco, bevor sie in ihrem Hirn zu wühlen begann. Nur waren da nur noch Bruchstücke, da sie nach und nach immer mehr einen Aussetzer gehabt hatte.
„Er hat . . . hat mich Püppchen genannt und sich darüber lustig gemacht als ich . . . als ich versucht hab nach Hilfe zu rufen, wegen des Zaubers aber nicht konnte. Er wollte wissen, ob ich nach . . . nach Draco rufe und meinte dann, dass er . . . dass er mir diesmal nicht mehr helfen würde und ich . . . ich ihm auch nicht mehr helfen könne“, schniefte sie und sah gequält auf ihren Blonden, der plötzlich recht ausdruckslos vor sich hin ins Nichts starrte, während sich seine Gedanken begannen zu jagen. Hermione schmiegte sich wieder mehr in seine Arme und erklärte knapp weiter.
„Ich dachte da schon, dass er . . . dass er Draco schon was angetan hätte. Er meinte dann noch, dass er sich mit mir . . . amüsieren wollte“, würgte sie krächzend hervor und begann aufs Neue zu zittern, was Draco zurück holte. Er sah auf das zitternde, schniefende, wie in dem Augenblick auch furchtbar zerbrechliche Mädchen in seinen Armen, der er abermals beruhigend durch die Haare strich und ihr nochmal einen kleinen Kuss auf die Schläfe hauchte. Im Anschluss sah er zu Tonks.
„Der eine bei mir. . . Er hat auch eine Fahne gehabt und gekeucht. Als würde er schlecht Luft kriegen“, erklärte er, womit Tonks’ Kopf zu ihm ruckte. „Wirklich?“ Draco nickte bitter und sah zurück auf Hermione, die er auch weiter in seinen Armen wiegte und ihr nebenher etwas über den Oberarm rieb.
„Es tut mir leid.“ „Was?“, blickte sie schniefend zu ihm auf. „Du kommst bloß meinetwegen ständig in Schwierigkeiten und Gefahr“, erklärte er bedrückt, wie auch schuldig, worauf die Hexe ihn kurz ansah, bevor sie mit dem Kopf schüttelte und ihre Arme um seinen Nacken schlang, über den sie sich zu ihm zog. So weit, dass sie sich in diesen kuscheln konnte und die Lippen an seinem Ohr hatte.
„Du bist ein blöder Idiot, wenn du das denkst“, schniefte sie. „Aber. . .“ „Nein. Ich will das nicht hören. Draco, bitte. Halt mich . . . halt mich einfach nur fest. Bitte“, schniefte sie und kuschelte sich noch mehr bei ihm ein, während er ihrer Bitte nachkam und sie fest umschlang. Den Blick auf Tonks gerichtet, die ihm ein bitteres Lächeln zukommen ließ und letztlich mit dem Kopf auf die Tür deutete, aus der sie erst einmal verschwand. Sie hatte für den Anfang genug gehört.
„Tonks?“, hielt Hermione sie noch kurz zurück. „Ist dir noch etwas eingefallen?“ „Nein. Ich. . . Sag Harry und den Anderen nichts.“ „Was? Aber. . .“ „Bitte. Ich will das nicht“, schniefte sie und verdrückte erneut ein paar Tränen. Tonks’ Blick noch kurz auf sich, bevor die Aurorin nickte „Okay“ und das Zimmer endgültig verließ.
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Wie genau ich auf das Denkarium, eine Verbindung von "denken" und "Aquarium" gekommen bin, lässt sich schwer rekonstruieren, das geschieht nur zum Teil bewusst, manchmal muss man drüber schlafen. Aber in diesem Fall bin ich mit dem Ergebnis zufrieden.