Harry brauchte nicht sonderlich lange, bis er Ginny auf den Treppen einholte und stillschweigend mit ihr den Weg zum Krankenflügel in Angriff nahm. Kaum dort angekommen, verwies Madam Pomfrey sie dann auch gleich auf ihr Büro, was die Beiden etwas verwirrte. Mehr noch, als die Medihexe einen Illusionszauber löste, der eine weitere Tür preisgab.
„Zur Sicherheit“, meinte sie auf die fragenden Blicke der Beiden dann nur und ließ diese ein. Hinter der Tür kam dann noch ein weiterer, sehr viel kleinerer Raum mit lediglich zwei Betten zum Vorschein. In einem davon lag Draco. Neben ihm saß, wie vermutet, Hermione.
„Hey“, hauchte Ginny leise, um ihre Freundin nicht irgendwie zu erschrecken. Diese sah dann auch gleich verweint auf, sodass es bei Ginny bereits jetzt kein Halten mehr gab. Nur einen Moment später trat sie ganz zu Hermione und schloss sie fest in die Arme.
„Das wird schon wieder. Draco ist zäh und Ron zu blöd zum Zaubern“, meinte sie tröstend, worauf Hermione aber nichts erwiderte. Stattdessen fiel ihr Blick auf Harry, der bis eben noch Draco gemustert hatte, ihr nun aber ein kleines, aufmunterndes Lächeln entgegen brachte.
„Ginny hat Recht.“ „Woher wisst ihr was . . . was. . .“ „Sally hat es uns vorhin erzählt. Sie war ziemlich wütend. Ron kam dann nur etwas später und. . . Na ja. . .“, ließ Harry den Satz offen, während Hermione etwas für sich nickte. Ginny derweil nahm auf dem Rand des Bettes neben Hermione Platz, während sich Harry in den freien Stuhl sinken ließ.
„Hat Madam Pomfrey gesagt wie es Draco geht ?“, erkundigte sich Ginny. „Nichts Ernstes eigentlich. Sie . . . sie meinte, er braucht jetzt nur etwas Ruhe.“ „Ich sag doch. Ron ist zu doof zum Zaubern. Merlin sei Dank“, fügte Ginny nochmal an, worauf Hermione schwach nickte. Sie hatte nicht wirklich das Bedürfnis, Ginny und Harry über die tatsächlichen Begebenheiten aufzuklären, da sie ja auch nichts von Dracos kleinem Magieproblem wussten. Sie würde damit nicht hausieren gehen. Auch nicht bei Harry und Ginny, zumal sie sich sicher war, dass Draco das nicht wollte. Davon einmal abgesehen, trug Ron dennoch eine erhebliche Mitschuld an diesem Vorfall, die sie ganz sicher nicht mindern würde.
So saßen die Drei etwas schweigsam beieinander, bis nach relativ kurzer Zeit erneut die Tür geöffnet wurde. In dieser nun Blaise und Charlie. Den Dunkelhäutigen hatte Charlie kurzerhand informiert und ihn gleichzeitig noch geimpft, nachdem sein Wutanfall auf Weasley etwas abgeebbt war, dass er Hermione jetzt nicht weiter mit dem Thema Draco, Gefühle etc. löchern sollte, da er selbst der Hexe bereits etwas zum Nachdenken gegeben hatte und nicht wollte, dass Blaise das mit seinem Temperament und unüberlegten Handlungen wieder zunichte machte. Blaise’ Blick versprach dennoch nichts Gutes, mit dem er sich dann auch gleich an Harry und Ginny wandte.
„Das Eine sag ich euch, wenn dieser dreckige Penner Draco noch ein einziges Mal auch nur anfasst, schlag ich ihm seinen verfluchten Schädel ein“, raunte er unheilvoll, sodass keiner der Anwesenden seine Zweifel an der Wahrheit dieser Worte hatte. Ginny schob sich dann allerdings zu ihm, und legte dem Dunkelhäutigen beruhigend die Hände auf.
„Das wirst du nicht.“ „Oh doch, das werde ich“, blieb Blaise stur. Ginny aber schüttelte mit dem Kopf. „Nein. Ich will nämlich nicht, dass du wegen dem Idioten Ärger bekommst und dann vielleicht noch in Askaban landest.“ „Ich würde es so machen, dass es keine Zeugen gibt“, warf er nüchtern in den Raum, was sie schwach schmunzeln ließ. Letztlich aber schüttelte sie erneut mit dem Kopf.
„Harry und ich werden ihn uns nochmal ran nehmen, nicht wahr ?“, sah sie zu Harry, der ernst nickte. „Und ihr denkt das bringt irgendwas ?“, blieb Charlie zu Recht skeptisch. „Besser als ein Mord.“ „Warum ? Dann wäre das Problem doch beseitigt“, warf Blaise erneut ein, den Harry nun doch mal etwas unsicher musterte. Ginny wiederum nahm sein Gesicht in die Hände und lenkte seinen Blick damit auf ihre Züge.
„Nein“, meinte sie einfach nur. „Keinen Mord. Ich will schließlich, dass meine Eltern dich mögen. Ein Mord im Lebenslauf macht sich da schlecht.“ „Muss ich denn einen vorlegen, wenn ich dich besuchen will ?“, erkundigte sich Blaise, dessen Anspannung und dunkle Wut ein wenig nachließen. „Nein. Meine Mutter riecht alle möglichen Geheimnisse aber“, legte Ginny ihm offen, worauf er etwas murrte, dann aber Ruhe gab. Vorerst.
„Hat Madam Pomfrey noch etwas gesagt ?“, richtete sich Charlie im Kommenden leise an Hermione, die schwach mit dem Kopf schüttelte. „Nichts. Er . . . er war auch noch nicht wach.“ „Mit den Tränken, die sie ihm vermutlich gegeben hat, wird er wohl auch bis morgen schlafen.“ Und das hoffentlich ruhig, fügte Charlie noch in Gedanken an, den Blick kurz auf Draco gerichtet, bevor er die anderen wieder ansah.
„Ich denke, das Beste ist, wir lassen ihm diese Ruhe. Blaise ?“, sah er zu seinem Freund und deutete ihm mit dem Kopf auf die Tür. „Du kannst oben im Gemeinschaftsraum mit Ginny kuscheln, wenn dir danach ist“, stänkerte er leichthin, im Blick allerdings ein spitzes Funkeln, der so auch kurz zu Hermione huschte. Ginny sah es und folgte dem. Ihre Freundin hielt noch immer Dracos Hand und hatte sich nun auch wieder stärker auf ihn fixiert, sodass sich Ginny an Harry richtete.
„Kommst du ? Wir müssen auch noch Hausaufgaben machen. Astoria ist vielleicht auch oben.“ „Denk schon“, warf Charlie schnell noch nach, um Harry einen Anreiz und Köder hinzuwerfen. Der schaute die Drei dann auch schon verwundert an, wo Ginny ihm eindringlich mit dem Kopf in Richtung Tür wies. Ein stummer Rauswurf. Als Harry dann wieder zu Hermione sah, fiel allmählich die Galleone.
„Ähm . . . Ja. Ganz vergessen“, murmelte er und erhob sich. Kurz darauf verschwanden die Vier in Richtung dritter Stock in den neuen Gemeinschaftsraum, sodass Hermione mit dem Blonden allein blieb. Dass die Vier sie jetzt bewusst allein gelassen hatten, war ihr klar und sie war tief in sich auch ganz froh darüber. Nicht zuletzt wollte sie Blaise und Charlie im Augenblick auch nicht unbedingt um sich haben, auch wenn die Beiden ihr nicht böse waren, was sie erleichterte. Dennoch war da eine leichte Spannung, der sie sich gerade nicht aussetzen wollte.
Stattdessen hing sie erneut ihren trüben Gedanken, wie auch der Frage nach, wie sie Draco vielleicht wieder etwas mehr aus seiner Isolation herausbekam, in die er sich geflüchtet hatte ? Wie sie ihm die kalte, undurchdringliche Maske wieder abnehmen konnte, die er all die Jahre auch schon getragen hatte ? Hinter der er sich versteckt hatte, und nun erneut versteckte. Sie wollte das nicht. Nicht für sich, am allerwenigsten aber für ihn selbst, da er sich so nur kaputt machte.
Schließlich aber wurde sie unverhofft aus ihren schwarzen Gedanken gerissen, als sie etwas aus den Augenwinkeln heraus gewahrte. Als sie aufblickte, musste sie feststellen, dass es dutzende kleine und große Wasserperlen waren, die scheinbar schwerelos in der Luft schwebten, anstatt in der Wasserkaraffe zu ruhen.
„Nein“, murmelte sie leise und sah sofort auf Draco, dessen Anblick ihr ihre erste Vermutung bestätigte. Er träumte schon wieder. Und das offensichtlich alles andere als gut, denn unter seinen verschlossenen Lidern ruckten die Augen heftig hin und her. Auch bemerkte sie jetzt erst, dass seine Atmung leicht angezogen hatte und er lautlos vor sich hin murmelte.
„Draco ? Sch. Es ist alles gut“, sprach sie beruhigend auf ihn ein und ließ ihre Hand schließlich leicht zögerlich in seinem Schopf verschwinden. Als sie das aber tat, platzten nicht nur die Wassertröpfchen, sondern auch die Glaskaraffe auf dem Beistelltisch.
„Scheiße !“, stieß Hermione erschrocken aus und warf sich auf den Knall hin ohne nachzudenken über Draco, um sein Gesicht und den Körper so gut es ging vor dem Gescherbel abzuschirmen. Als sie im Kommenden noch leicht geschockt auf ihn blickte, sah sie, dass er anfing zu krampfen und zu keuchen, als hätte er Schmerzen.
„Draco ?“, rief sie ihn wieder. Nun lauter und deutlicher, bevor sie ihn bei den Schultern ergriff, an denen sie ihn seicht rüttelte. In der nächsten Sekunde krachte es abermals, sodass sie erneut aufschrie und den Blonden ein zweites Mal unter sich begrub.
„Merlin, was ist hier los ?“, rief Madam Pomfrey auf den Tumult hin und stand schließlich in dem kleinen Separee. Als sie das Chaos dann aber sah, weiteten sich ihre Augen leicht geschockt. „Das darf doch nicht wahr sein“, murmelte sie noch kurz fassungslos, bevor sie sich fing und auf ihren Patienten zutrat, der noch immer schwer keuchte und im Bett wühlte.
„Was ist passiert ?“, fragte Madam Pomfrey eindringlich, obwohl sie es sich denken konnte. „Ich. . . Seine Magie. Er scheint wieder Albträume zu haben und da. . .“, erklärte Hermione ein wenig hilflos, worauf Madam Pomfrey nickte und ihm die Hand auf die Stirn legte, nachdem sie seinen Puls kontrolliert hatte.
„Leichtes Fieber“, murmelte sie schließlich vor sich hin, worauf Hermione sie ein wenig erschrocken ansah. „Was ?“ „Nichts Ernstes, Liebes. Keine Sorge. Es kommt vermutlich durch die Erschöpfung und Überbelastung. Ich werde ihm nochmal etwas zur Beruhigung und gegen das Fieber geben. Wie gesagt, er braucht Ruhe.“ Mit diesen Worten verschwand die Schulschwester im Vorraum, während Hermione schuldig auf den Blonden sah, dessen Atmung auch weiter etwas schwer ging und der zu allem Überfluss erneut diversen Kleinkram zum Schweben brachte. Unter anderem das Kleinholz und Gesplitter der vorangegangenen Detonationen.
„Schschsch“, hauchte sie ihm auf den Anblick beruhigend zu und beugte sich wieder mehr zu ihm. Sie nahm seine Hand, die er ihr in der nächsten Sekunde fast zerquetschte, so fest drückte er zu. Bis auf ein kurzes Zischen kam Hermione aber kein Ton über die Lippen. Stattdessen legte sie ihm die andere Hand wieder an den Kopf und ließ ihre Finger durch seinen zerwühlten Schopf gleiten.
„Sch“, hauchte sie abermals beruhigend, als er wieder leise zu murmeln begann. Sie drückte seine Hand ein wenig und strich mit dem Daumen darüber, als Madam Pomfrey zurück kam und nun ein wenig geschockt mit großen Augen auf die teils schwebende Einrichtung blickte. Schließlich aber schüttelte sie mit dem Kopf, um sich wieder zur Ordnung zu rufen. In der nächsten Sekunde war sie bei Hermione, die Draco noch immer ein paar Streicheleinheiten zukommen ließ.
„Helfen Sie mir kurz. Richten Sie ihn etwas auf“, forderte die Schwester. Keine Minute später hatte er die Tränke intus und lag wieder. Madam Pomfrey kümmerte sich dann auch noch etwas um das entstandene Chaos, bevor sie sich wieder an Hermione richtete, die auch weiter Dracos Hand hielt und ihm etwas über Schläfe und Wange strich.
„Können Sie sich diese heftige Reaktion erklären ? Ich hatte eigentlich gedacht, dass sich dieser Zustand wieder etwas gebessert hatte.“ Auf die Frage hin schwieg Hermione kurz bitter und kämpfte erneut mit den Tränen. Madam Pomfrey sah es.
„Ist alles in Ordnung ?“, fragte die Schwester leicht besorgt, auf den immer aufgelösteren Anblick der Hexe. Diese schüttelte mit dem Kopf. „Nein“, gab sie leicht heiser von sich und schloss fertig die Augen, aus denen ihr nun doch noch die Tränen kullerten und am Ende dafür sorgten, dass Madam Pomfrey zu ihr trat und sie beruhigend in die Arme schloss.
„Es ist doch alles gut“, sprach sie ihr ruhig zu. Hermione aber teilte diese Ansicht nicht, denn für sie war gar nichts gut. Zwar hatte Draco gesagt, dass er sie als Freundin nicht wieder hergeben wollte. Dass er sie nicht verlieren wollte, dennoch lief alles gerade darauf hinaus. Dass sie sich voneinander entfernten. Entfremdeten. Sie wollte das nicht. Sie wollte nicht verlieren, was sie jetzt mit ihm hatte.
Dieser Wunschgedanke aber, ihre Freundschaft aufrecht zu erhalten, schien kaum umsetzbar. Es war zwar leicht gesagt, dass man einfach so weiter machte wie bisher. Als wäre nichts gewesen. Doch so leicht war es leider nicht. Ganz und gar nicht. Schließlich konnte man nicht einfach einen Schalter umlegen und alles war wie zuvor. Gerade für denjenigen, der gerne mehr aus einem freundschaftlichen Verhältnis machen wollte, war das verdammt schwer.
Sie konnte sehr gut nachempfinden, dass er sie deshalb im Moment nicht näher sehen wollte. Dass er etwas Ruhe und Abstand brauchte. Ihr würde es an seiner Stelle ähnlich gehen. Für sie selbst aber war diese Situation eine Qual, denn sie sah die noch verhältnismäßig junge Freundschaft zu ihm bereits auf ewig in Scherben liegen. Wie groß dieser Scherbenhaufen war und wie groß er womöglich noch werden könnte, vermochte sie nicht zu sagen. Sie wollte es sich nicht einmal in Gedanken ausmalen. Stattdessen versuchte sie sich an ihre Hoffnung zu klammern, dass es mit etwas Zeit wieder werden würde. Genauso hoffte sie, dass es nicht zu viel Zeit brauchte, denn so wie die Situation im Augenblick war, für sie und vor allem für ihn, war einfach nur grässlich.
„Es wird schon alles. Etwas Ruhe und er ist morgen wieder auf den Beinen“, versicherte Poppy ihr zuversichtlich, in der fälschlichen Annahme, dass es das war, was Hermione bedrückte. Nur war es nicht an dem, aber das konnte die Schwester ja nicht wissen. So ließ sie Hermione im Kommenden auch wieder allein, die auch weiter Dracos Hand warm umschlossen hielt.
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Mit wieder deutlich besserer Laune, trudelte Ron später am Abend zusammen mit Lavender, die erneut Klammeräffchen spielte, im Gryffindor Gemeinschaftsraum ein. Dort dauerte es allerdings nicht lange, bis er von Ginny gefährlich ins Visier genommen wurde, die dann auch schon zu ihm trat. Ihr folgten Harry und Neville, die sich ebenfalls aus ihren Sesseln erhoben.
„Wir haben zu reden“, knurrte Ginny ihren Bruder leicht an. Ron wiederum blickte ungehalten auf sie herab. „Ich wüsste nicht worüber.“ Damit wollte er sich an ihr vorbeischieben, doch sie ließ ihn nicht. „Man, was soll das ?“, motzte er, sodass sich nun auch Harry und Neville richtig in den Vordergrund schoben.
„Ginny hat Recht. Wir haben zu reden“, bestimmte Harry. Ron jedoch schnaubte. „Kommt mir ja nicht wieder mit Malfoy !“, spuckte er schon fast. Harry aber sagte nichts, sondern versuchte Ron nach oben in Richtung der Schlafsäle zu dirigieren. Sein langjähriger Freund bockte allerdings, genauso wie sich Lavender empört zu Wort meldete.
„Wieso könnt ihr Ronie nicht einfach in Ruhe lassen ?“ „Mir dir hat keiner geredet“, zischelte Ginny und brachte Lavender damit nur noch mehr zur Weißglut. „Was denkst du eigentlich wer du bist ?“ „Vertrauensschülerin. Und als solche haben Neville und ich mit Ron zu reden. Ohne Fangirlie“, setzte sie noch stechend nach, sodass die Blonde vor Wut leicht rot wurde, was auch auf Ron zutraf.
„Komm mir jetzt nicht auf die Tour ! Ich war selber zwei Jahre lang Vertrauensschüler !“ „Was auf einer totalen Fehlentscheidung beruht“, warf Ginny ein und fing sich dafür einen tödlichen Blick von ihrem Bruder ein. Dieser aber ließ sie kalt.
„Du hast dich in keinster Weise verantwortungsbewusst benommen oder sonst wie dein Amt den Anforderungen entsprechend erfüllt. Die Rechte und Privilegien hast du nur zu gern genommen, deine Pflichten, Aufgaben und vor allem die Vorbildfunktion hast du aber ständig von dir geschoben und dich vor allem nur erdenklichen gedrückt. Dumbledore hätte Neville damals schon zum Vertrauensschüler machen sollen. Im Gegensatz zu dir, mit deinen zwei Jahren Erfahrung, erfüllt er seine Aufgaben gewissenhaft. Alle ! Und zu unseren Aufgaben gehört es auch Probleme unter den Schülern zu lösen, und vor allem Ärger aus der Welt zu schaffen. Und im Moment machst du nur Ärger !“ Auf die Aussage hin schnaubte Ron nur wieder und versuchte sich letztlich aus dem Gemeinschaftsraum zu stehlen. Harry ließ ihn aber nicht.
„Hier geblieben.“ „Was mischst du dich jetzt auch noch ein ?“, fauchte Ron immer gereizter, während Harry ihn dunkel anfunkelte. „Du wirst jetzt nicht wieder abhauen, nur weil dir was nicht in den Kram passt und es nicht nach deinem Kopf geht. Mir ist klar, dass du Draco nach wie vor nicht leiden kannst und dass sich das vermutlich nie mehr ändern wird. Es geht aber echt nicht an, dass du wild mit Flüchen um dich wirfst, die andere verletzen ! Und deswegen reden wir jetzt nochmal in Ruhe“, deutete Harry auf sich, Neville und Ginny, bevor er Ron wieder in Augenschein nahm und ihn warnend anfunkelte.
„Wenn dir das so nicht in den Kram passt, können wir das Ganze auch eine Stufe höher direkt zu McGonagall verlegen. Aber ich kann dir jetzt schon sagen, dass sie nicht davon begeistert sein wird, wenn sie hört, was du auf den Gängen treibst. Ich denke du weißt, dass sie David, Jacob und den anderen drei Idioten bereits Verweise aufgrund ihres aggressiven Verhaltens ausgesprochen hat. Es ist kein Spaß oder Streich mehr, wenn jemand durch schwarze Flüche ernsthaft schwer verletzt wird !“, brauste Harry leicht auf und funkelte Ron noch stärker an.
„Dass ich damals im Sechsten wegen des Sectumsempra nicht von der Schule geflogen bin, war pures Glück. Glück und die Tatsache, dass Snape mir direkt nichts nachweisen konnte und Dumbledore seine Hand über mich gehalten hat. Was du jetzt aber und vor allem zu Hermiones Geburtstag abgezogen hast, grenzt echt schon an pure Böswilligkeit. Und komm mir nicht wieder von wegen Draco wollte sie verfluchen !“, unterbrach Harry ihn harsch, als Ron den Mund zum Argumentieren öffnete.
„Keiner von uns. . . Weder ich, noch Neville, Ginny, Luna und Blaise und Charlie gleich gar nicht, haben irgendwas in der Richtung gesehen. Nur du. Nur du willst gesehen haben, dass Draco sie verfluchen wollte. Der einzige Fluch aber, der damals gesprochen wurde, kam von dir ! Und mit dem hättest du Hermione schwer verletzt. Du und nicht Draco. Er hat sie vor dir beschützt !“, wurde Harry etwas lauter und zog dadurch immer stärker die Aufmerksamkeit der übrigen Anwesenden auf sich und ihr Gespräch. Deswegen hatten sie auch in Ruhe oben in Nevilles Zimmer mit ihm reden wollen. Aber da Ron mal wieder glaubte den Trotzkopf spielen zu müssen. . . Als dieser schnaubte er dann auch schon verächtlich.
„Ihr ist damals nichts passiert, weil ich den Penner davon abgehalten habe seinen Zauberstab ganz zu ziehen ! Ihr. . . Ihr seht das nur nicht, weil ihr euch von den Schlangen habt einlullen lassen. Sogar jetzt seid ihr total blind dafür, obwohl es Hermione nur zu offensichtlich wegen des Frettchens scheiße geht !“, feuerte Ron nach, worauf Ginny gefährlich knurrte.
„Das ist NICHT Dracos schuld !“, blaffte sie ihren Bruder an, der seinen Blick nun auf sie verlagerte. „Und wessen dann ? Mir könnt ihr es diesmal nämlich nicht in die Schuhe schieben, immerhin redet Hermione dank Malfoy nicht mehr mit mir !“, brauste Ron auf. „Das ist ja wohl deine eigene Schuld ! Würdest du dein Hirn mal einschalten, anstatt mit Barbie zu spielen, . . .“ „EY !“, schnappte Lavender Ginny empört dazwischen, die es aber rigoros überhörte und weiter schimpfte. „. . . dann würdest du vielleicht auch endlich merken, dass du dich wie ein totaler Vollidiot aufführst.“ „Wen nennst du hier einen Idioten ?“ „Dich !“, schoss Ginny zurück und baute sich immer gefährlicher vor Ron auf.
„Ähm. Leute. Ich denke es ist besser, wenn wir das doch langsam mal nach oben verlegen“, meldete sich Neville vorsichtig zu Wort, da diese Unterhaltung, die sie mit Ron führen wollten, immer stärker zu einem lautstarken, hässlichen Streitgespräch mutierte, was inzwischen die Aufmerksamkeit aller Gryffindors genoss.
„Ron. . .“, stimmte Harry dann auch noch versucht ruhig wieder ein, obwohl auch seine Nerven bereits zum Zerreißen gespannt waren. Dennoch teilte er Nevilles Ansicht, wie auch Hinweis und versuchte Ron beim Arm zu fassen, aus dem sich der Rotschopf allerdings wütend wand.
„Man, lass mich !“, fauchte er und funkelte Harry giftig an. „Ich hör mir den Blödsinn von euch nicht an, von wegen, Die Schlangen sind gut. Malfoy ist gut. Das waren sie nie und werden es nie ! Ihr wollt das nach allem was war nur gerne glauben. Dass die sich geändert haben. Aber ihr täuscht euch ! Sie benutzen euch nur. Sie haben dich und Ginny ja sogar auseinander gebracht !“ „Niemand hat Ginny und mich auseinander gebracht. Merlin, Ron. Zwischen uns lief es bereits im Sommer nicht so, wie wir uns das vorgestellt haben. Und das ist uns am stärksten aufgefallen, als ich mit ihr in Frankreich war. Allein !“, setzte Harry noch extra nach, da Ron bereits wieder seinen Senf dazu geben wollte und es dann auch tat.
„Ja. Und weißt du auch warum ? Weil Zabini da schon seine Drecksgriffel im Spiel hatte und Ginny das Hirn verdreht hat.“ „Du tickst doch echt nicht mehr richtig !“, warf Ginny ein und zeigte Ron den Vogel. Ron aber achtete nicht weiter darauf, sondern pampte Harry weiter voll.
„Sie schleimen sich bei euch ein, weil es gerade ihren Interessen dient. Weil sie vollkommen am Arsch wären, würden sie sich jetzt, wo sie verloren haben und Voldemort nicht mehr folgen können, nicht mit uns gut stellen. . .“ „Ich werd Blaise einfach ein Alibi verschaffen“, nuschelte Ginny kaum hörbar vor sich hin, was Harry und Neville dennoch bemerkten. Nicht so Ron, der sich noch immer auf Harry fixierte und ihn auch weiter belegte.
„. . . Deswegen schmeißt sich die kleine Schlangentussi jetzt auch an dich ran, weil du das Beste bist, was ihr passieren kann, nachdem sich Zabini erfolgreich zwischen dich und Ginny gedrängt hat. Deswegen spielen sie euch jetzt die lieben Freunde vor, was sie NICHT sind ! Sie sind verlogen und falsch.“ „Du redest völligen Schwachsinn ! Denk doch einmal logisch. Sie haben. . .“ „Spar dir das. Ich hör mir den Blödsinn nicht an. Und ich lass mich von denen auch nicht so verarschen wie ihr. Früher oder später zeigen sie ihr wahres Gesicht. Und das hat Malfoy jetzt anscheinend, nur wollt ihr das nicht sehen. Genauso wenig Hermione, weil sie immer viel zu sehr an das Gute im Menschen glaubt. Malfoy hat aber nichts Gutes an sich. Und der Rest der Schlangen auch nicht ! Sie werden euch das Genick brechen, wenn ihr es am allerwenigsten erwartet. Sie werden euch ins Verderben stürzen. Aber nicht mit mir !“ Damit drehte sich Ron auf dem Absatz um und verschwand wieder aus dem Gemeinschaftsraum, noch bevor Harry ihn aufhalten konnte.
„Ronie !“, jammerte Lavender ihm noch nach und schenkte den drei Löwen im Kommenden einen verächtlichen Blick. „Und ihr schimpft euch seine Freunde. Er macht sich bloß Sorgen um euch !“, fauchte sie und rannte ihm schließlich hinterher. Ginny konnte daraufhin nur mit dem Kopf schütteln.
„Er hat den Verstand verloren. Merlin, so dämlich kann man doch echt nicht sein.“ „Und jetzt ? Sollen wir vielleicht doch mal mit McGonagall reden ?“, warf Neville ein, während sich Harry die Haare raufte. „Er macht mich wahnsinnig.“ „Nein, Harry. Ron ist wahnsinnig“, gab Ginny ihm süffisant zu verstehen, worauf der Schwarzhaarige sie fertig ansah.
„Warum versteift er sich so auf diese bescheuerte Vorstellung ?“ „Paranoia ?“, schlug Ginny ihm trocken vor. „Ist das dein Ernst ?“ Daraufhin zuckte sie mit den Schultern. „Ich hab keine Ahnung was in seinem Schädel vor sich geht. Ich schätze, er kommt einfach nicht damit klar, dass Hermione jetzt so ein enges Verhältnis zu seinem Kindheitstodfeind hat.“ „Stört mich doch auch nicht“, meinte Harry und handelte sich dafür einen strafenden Blick von Ginny ein.
„Du bist erstens nicht Ron und zweitens nicht in Hermione verliebt.“ „Dann . . . dann ist Ron eifersüchtig ?“, warf Neville etwas unsicher ein. Ginny aber zuckte wieder nur mit den Schultern, bevor sie dann doch nickte. „Höchstwahrscheinlich. Ja. Er hat damals bei Krum ja auch schon solche Zicken gemacht, und er hat dich und Hermione während eurer Suche dann auch allein gelassen, weil er dachte, du hättest was mit ihr.“ „Daran war das Medaillon schuld“, erinnerte Harry sie. Ginny aber schüttelte mit dem Kopf.
„Das hat seine Gedanken doch nur verstärkt. Da waren sie zuvor doch auch schon. Und zwar auf alles und jeden. Darf ich dich an die Geschichte mit Krum erinnern ? Oder die Sache mit Ben, wo er auch eine ominöse Todesserverschwörung gewittert hatte ? Dann Hermiones Fake-Date mit McLaggen ? Oder eben auch, als er anfangs auf dich eifersüchtig und neidisch war, weil du ungewollt Champion beim Trimagischen Turnier geworden bist ? Die ganze Sache jetzt mit Draco, dürfte zu viel für sein flaches Weltbild sein. Die Tatsache, dass der Mensch, den er all die Jahre, sein halbes Leben lang, mit am meisten gehasst und verabscheut hat, auf den zweiten Blick eben nicht der miese Kerl ist, für den wir ihn immer gehalten haben. Ron kann und will anscheinend aber auch weiter nur schwarz und weiß sehen. Und die Slytherins, Draco stellvertretend für alle, waren für ihn ja schon immer das typische Sinnbild für Schwarzmagier und böse Zauberer. Wir alle haben das bis zu einem bestimmten Zeitpunkt ja auch so gesehen. Wir haben nur schwarz und weiß gesehen, nicht aber die Menschen an sich, wie sie letztlich wirklich sind. Hätte Blaise damals nicht den Kontakt zu Hermione gesucht, würden wir das jetzt vielleicht auch noch so engstirnig sehen wie Ron und würden auch weiter nichts mit ihnen zu tun haben wollen. So aber sieht die Sache, Merlin sei Dank, ganz anders aus. Nur will das nicht in Rons verfluchten Schädel. Vermutlich würde er Draco sogar dann noch böse Absichten unterstellen, wenn er sich vor Ron stellen und einen Avada abwehren würde“, sinnierte Ginny leicht süffisant.
„Und was machen wir jetzt ?“, erkundigte sich Neville. „Wenn er wieder so eine Aktion bringt, da. . .“ „Dann wird Blaise ihn vermutlich lynchen. Und für den Zeitpunkt werde ich ihm ein Alibi geben“, meinte die Hexe gelassen und handelte sich daraufhin ziemlich skeptische Blicke von Harry und Neville ein.
„Ich hoffe, dass war nur ein Spaß“, meinte Harry, der sich da nicht wirklich sicher war. „Nein“, meinte Ginny dann auch schon kurz angebunden, worauf Harry etwas scharf die Luft einzog. „Er ist trotz allem dein Bruder.“ „Nein. Im Moment ist er einfach nur ein riesengroßes, mieses Arschloch, in dem ich nichts mehr von meinem Bruder erkenne. Und wenn er nicht hören will, muss er mit den Konsequenzen leben. Vielleicht würde es ihm auch mal ganz gut tun, richtig auf die Schnauze zu fliegen, damit er merkt, was für einen Scheiß er die ganze Zeit macht. Mal wieder. Ich werde in jedem Fall aber nicht zulassen, dass Blaise Ärger kriegt, weil Ron welchen macht. Wenn es so kommt, werde ich Blaise unterstützen und ihm helfen, egal wie sehr Ron am Ende jammert. Wir haben mehrmals versucht im Guten mit ihm zu reden. Er will das nicht. Hat er gerade ja selbst recht deutlich gesagt. Wenn er mit seiner Einstellung auf die Schnauze fliegt, dann soll er gefälligst auch sehen, wie er da alleine wieder auf die Beine kommt. Hilfe hat er von mir dann keine zu erwarten“, endete Ginny und schlich sich in ihr Zimmer. Harry und Neville konnten sich im Anschluss nur ratlos, wie auch leicht unsicher ansehen.
„Wenn das so weitergeht, dann fliegen hier bald mächtig die Fetzen“, gab Neville zu bedenken, dem Harry im Stillen zustimmte. Wenn Ron weiter so uneinsichtig blieb, würde Blaise in der Tat früher oder später einen Grund bekommen, seine Drohung wahrzumachen. Irgendwie. Und wenn es an dem war, dann sah Harry bereits den nächsten Krieg auf sich zukommen. Einen Krieg zwischen den Menschen, die im Laufe der Jahre für ihn zu einer Familie geworden waren. Eine Familie, von der er nicht wollte, dass sie auseinander brach.
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Es hatte eine ganze Weile gedauert, irgendwann im Laufe des späten Abends, hatte sich Dracos Magie aber wieder gänzlich beruhigt, wie auch der Slytherin selbst. Er hatte nach und nach aufgehört zu krampfen und zu murmeln und schlief nun vollkommen ruhig, sodass Madam Pomfrey Hermione bereits dazu angehalten hatte ins Bett zu gehen. Die Gryffindor hatte sich jedoch strikt geweigert ihren Platz zu verlassen. Sie wusste, es würde im Laufe der Nacht nur wieder zu einer mittleren Katastrophe kommen, wenn sie Draco alleine ließ. Sie wusste, er würde sich dann wieder verstärkt in diesen dunklen, kalten Träumen verlieren, mit denen sie sich selbst ja auch herumschlug.
Es war seltsam, aber er schien trotz allem tief im Unterbewusstsein dennoch ihre Nähe zu spüren, wie sie ja auch seine. Und diese Nähe schien ihn, trotz der Vorkommnisse, noch immer zu beruhigen. Und das war es, was er jetzt brauchte. Ruhe, denn er sah noch immer furchtbar mitgenommen aus. Aber nach drei beinahe schlaflosen Nächten, die zudem wohl auch durch diese Ausbrüche gezeichnet waren, war das kein Wunder.
So blieb Hermione nicht nur über den Abend bei ihm im Krankenflügel, sondern auch die komplette Nacht, den kommenden Morgen, Mittag und letztlich auch Nachmittag. Die Tatsache, dass sie erneut den Unterricht schwänzte, nahm sie ziemlich gleichgültig hin, zumal sie den Stoff, der für gewöhnlich im Abschlussjahr gelehrt wurde, bereits beherrschte. Was das anging, da konnten ihr die Professoren nicht wirklich etwas Neues beibringen. Und das war vermutlich auch der Grund, warum man ihr so kleine Sachen durchgehen ließ. Wobei sie so gesehen ja nicht wirklich schwänzte, denn sie hatte ja einen triftigen Grund für ihr Fehlen. Und dieser Grund war Draco.
Nach diesem hatten sich im Laufe des Tages erst Blaise und Charlie am Morgen, wie auch später zusammen mit Ginny, Harry, Luna, Neville, Astoria und Daphne über den Mittag und letztlich auch Tonks zusammen mit Dippet erkundigt, was Hermione überraschte. Dass der neue Professor, der sich Draco anfangs scheinbar so böswillig gezeigt hatte, nun ein gesteigertes Interesse an seiner gesundheitlichen Verfassung hatte.
Irgendwann dann, zum späten Nachmittag, regten sich Dracos Lebensgeister auch allmählich wieder und brachten ihn nach und nach zurück ins Hier und Jetzt.
„Draco ?“, rief Hermione leise nach ihm, als seine Lider verstärkt zu zucken begannen. Sie hielt so noch immer seine Hand und drückte diese sanft, während sie ihm mit der anderen ein wenig durch die zerwühlten Haare strich. Am Ende wurde sie mit einem noch leicht matten Blinzeln belohnt.
„Hey“, hauchte sie ihm zu, worauf er ihrer Stimme folgte und den Kopf, noch immer etwas erschlagen, etwas zur Seite neigte. Dadurch konnte sie ihm, seit fast vier Tagen, nun wieder direkt in die Augen blicken und ließ ihm darüber hinaus ein warmes Lächeln zukommen. Draco musterten sie jedoch noch immer ziemlich erschöpft und verwirrt, bevor sein Blick kurz durch den kleinen Raum glitt, den er letztlich auch erkannte und stöhnte.
„Nein“, murmelte er fertig und fuhr sich mit den Händen übers Gesicht. „Merlin, wieso lieg ich schon wieder im Krankenflügel ?“, murrte er mehr für sich, bekam dann aber von Hermione Antwort. „Du bist gestern Nachmittag auf dem Gang umgekippt. Ron hat Ärger gemacht und da. . . Deine Magie hat sich dann auch irgendwie wieder entladen und dich total erschöpft. Du hast jetzt fast 24 Stunden am Stück geschlafen“, versuchte sie ihm behutsam zu erklären. Draco aber stöhnte genervt, als es ihm alles nach und nach wieder einfiel.
„Dreckswiesel“, knurrte er, was Hermione schwach belächelte. Dieses Lächeln aber verging ihr, als er zu ihr blickte und tonlos fragte: „Wieso bist du hier ?“ Sie schluckte unweigerlich auf die leicht abweisende Frage, stand ihm dann aber ruhig Rede und Antwort.
„Weil ich mir Sorgen um dich gemacht hab. Ich mein. . . Du bist einfach weggeklappt. Ich hatte in der ersten Sekunde schon Angst, dass Ron dir in seiner Blödheit doch was getan hat und. . .“, brach sie dann jedoch ab und schluckte, als Draco den Kopf von ihr wegdrehte. Ihr Blick wiederum fiel auf seine Hand, die nun wieder auf seinem Oberkörper ruhte. Nach dieser streckte sie dann auch gleich zögerlich die Finger aus, um sie wieder in ihre zu nehmen. Um wieder eine kleine Verbindung zu ihm aufzubauen. Als sie seine allerdings mit den Fingerspitzen leicht berührte, zog er seine Hand weg, was ihr einen dumpfen Stich ins Innerste versetzte.
Hermione wurde sich in dem Moment recht bitter bewusst, dass er sie auch weiter nicht sehen wollte. Dass ihr kurzer Wortwechsel eben nur zustande gekommen war, da er nach der Sache gestern verständlicherweise noch etwas neben sich war. Jetzt aber. . . Jetzt konnte sie schon förmlich spüren, wie sich allein aufgrund dieser kleinen Regung, erneut diese kalte, distanzierende Mauer zwischen ihnen zu bilden begann, die seit Samstag vorherrschte.
„Glaubst du mir nicht ?“, fragte sie ihn schließlich bitter und kämpfte zunehmend mit den Tränen. Eine Antwort aber bekam sie nicht, was man dann doch schon wieder als Antwort deuten konnte. Nämlich als Nein. Hermione realisierte damit aufs Neue, dass er nach wie vor tief verletzt war. Auch wenn er keine Worte darauf verwendete, seine ganze Ausstrahlung signalisierte ihr das nur zu deutlich und schürte damit in ihr selbst immer stärker einen bitteren Schmerz.
„Es tut mir leid“, begann sie schließlich nach einem kurzen Moment der Stille, da sie diese Stille einfach nicht ertrug. Sie ertrug es nicht, dass er sie nicht ansehen wollte. Nicht mit ihr reden wollte und sie jetzt vermutlich auch nicht in seiner Nähe haben wollte.
„Draco, bitte. Es tut mir wirklich leid. Ich hab dir nicht wehtun wollen. Ich hab nicht gewollt, dass es dir schlecht geht. Aber ich kann jetzt nicht mehr, als mich zu entschuldigen. Wenn es dir damit besser geht, dann schrei mich an. Beschimpf mich. Sag mir, was für eine dumme, egoistische Kuh ich bin, aber bitte, bitte rede wieder mit mir“, wurde sie leicht aufgelöst. „Bitte. Ich. . . Du hast doch selbst gewollt, dass wir Freunde bleiben. Und das will ich doch auch ! Ich. . .“ Da aber ging die Tür auf und Madam Pomfrey trat ein, sodass sich Hermione gleich auf die Zunge biss und auf ihrem Stuhl versteifte. Kurz darauf ließ sie den Blick auf ihre Hände fallen, die sich immer mehr in den Saum ihres Rockes krallten. Madam Pomfrey aber bemerkte es nicht weiter, da sie sich lächelnd auf ihren Patienten konzentrierte.
„Sie sind wieder wach. Sehr schön. Wie fühlen Sie sich denn ?“, erkundigte sie sich. „Gut genug um zu gehen“, meinte Draco tonlos, worauf die Schwester nickte, sich dann aber dennoch kurz an Hermione richtete. „Würden Sie uns einen Moment allein lassen ? Ich möchte erstmal näher nach Ihnen sehen“, wandte sie sich mit dem zweiten Satz zurück an Draco, der willig nickte und sich etwas aufrappelte, während Hermione das kleine Zimmer und Büro der Schwester, mit leicht hängenden Schultern verließ. Das Draco ihrer Gestalt kurz mit Blicken folgte bemerkte sie nicht. Stattdessen ließ sie sich, wieder richtig im eigentlichen Krankenflügel, auf der Kante eines der vielen Betten nieder, die Hände erneut in ihrem Schoß, wo sie ein wenig am Saum ihres Umhanges zu nesteln begann. Zeitgleich jagten sich ihre Gedanken um die Frage, wie sie Draco wieder zu sich bekam ? Wie sie ihr Verhältnis zu ihm wieder kitten konnte ? Nur fiel ihr nicht wirklich etwas ein. Wenn Draco nun doch nicht mehr wollte, konnte sie an seiner Entscheidung auch nichts mehr ändern.
Allein der Gedanke aber, dass dieses Kalte zwischen ihnen dann vermutlich für den Rest des Schuljahres von Bestand sein würde, war grässlich. Mehr noch die Vorstellung, dass sich ihre Wege, nach der Abschlusszeremonie, auf ewig trennen würden. Dass er gänzlich aus ihrem Leben verschwinden würde. Merlin, sie wollte sich das nicht vorstellen. Konnte sich das nicht vorstellen.
Früher wäre die Vorstellung ein Segen für sie gewesen, ihn nie wieder sehen zu müssen. Jetzt aber kam dieser Gedanke für sie einem kleinen Weltuntergang gleich. Das war doch verrückt ! Der Kerl aber hatte sich innerhalb eines nicht mal halben Jahres so stark in ihrem Leben breit gemacht, dass sie ihn nicht mehr missen wollte.
Schließlich aber ging die Tür zu Madam Pomfreys Büro wieder auf, in der die Medihexe stand. Und zwar zusammen mit Draco, den sie noch dazu mahnte, er solle mehr trinken und auch ordentlich essen. Draco nickte daraufhin einfach nur und wollte ohne weiteres gehen. Hermione aber war damit auch wieder auf den Beinen und eilte rasch zu ihm.
„Draco, warte bitte“, rief sie und bekam ihn an der hohen Tür zu fassen. Daraufhin sah er kurz auf sie herab. „Was ?“, fragte er ruhig, aber auch distanziert, worauf sich bereits jetzt wieder ein schmerzhafter Knoten in ihrem Innern zu bilden begann. Dennoch, oder gerade deswegen, versuchte sie ihm nochmal deutlich die Hand zu reichen. Ihn wieder zu sich zu ziehen. Irgendwie.
„Bitte komm wieder mit zu uns in den Turm hoch“, flüsterte sie schon fast. „Bitte. Du fehlst mir“, setzte sie dann noch nach und sah ihn mit bereits feucht schimmernden Augen, in einer bangen Hoffnung an. Scheinbar eine Ewigkeit lang, in der sie versuchte etwas in seinen Augen zu erkennen. In der sie versuchte, hinter die starre Maske zu blicken und damit letztlich einen winzigen Erfolg hatte, denn sie konnte schwache Regungen in seinen Augen ausmachen, die sie etwas mehr hoffen ließen, da er offensichtlich darüber nachdachte.
Am Ende aber wandte er sich wortlos von ihr ab und verschwand aus dem Krankenflügel in den Gängen des Schlosses. Zurück blieb eine verletzte Hermione, der nun doch noch die Tränen über die blassen Wangen kullerten.
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Draco erreichte die Kerker nur etwa zehn Minuten später, und das noch immer zur Gänze in Gedanken versunken, sodass er Blaise und Charlie nur aus den Augenwinkeln gewahrte, die sich dann aber gleich auf ihn stürzten.
„Draco !“, rief Blaise und holte ihn damit etwas mehr an die Oberfläche. „Was ?“, fragte er leicht abwesend, in der irrigen Annahme, dass Blaise ihn zuvor bereits etwas gefragt hatte. Mittlerweile hatten die Beiden ihn aber ganz am Wickel und dirigierten ihn ohne ein weiteres Wort in Charlies Zimmer.
„Wieder alles klar bei dir ? Du hast uns gestern echt einen Schrecken eingejagt“, begann Charlie, während Blaise etwas seine Fäuste knetete und die Fingerknöchel provokant knacken ließ. „Weasley kann von Glück reden, dass ich nicht mit oben war. Wenn der noch so ein Ding abzieht, werde ich dafür sorgen, dass er für den Rest des Jahres im Krankenflügel liegt“, offenbarte Blaise ihnen seine Gedanken, worauf Draco schwach grinste. „Der ist es nicht Wert, dass sie dich deswegen von der Schule schmeißen.“ „Wir könnten alternativ ja auch dafür sorgen, dass Weasley fliegt. Da fallen mir spontan gleich mehrere Möglichkeiten für ein“, sinnierte Blaise und schmiedete bereits fleißig Pläne. Charlie besah es sich augenrollend und konzentrierte sich schließlich ganz auf Draco.
„Und bei dir ist alles wieder in Ordnung ?“ „Soweit, ja“, gab Draco etwas leiser zurück, als Charlie weiter fragte: „War Hermione noch im Krankenflügel ?“, worauf Draco ihn unergründlich ansah. „Ja, warum ?“ „Habt ihr miteinander gesprochen ?“, hakte Charlie weiter nach. Sein Freund ließ daraufhin den Blick aber wieder fallen, der sich irgendwo im Nirgendwo verlor.
„Ich wüsste nicht worüber“, murmelte er, was Charlie seufzen ließ. Er fragte sich manchmal echt, wer der größere Dickkopf von den Beiden war ? Draco oder Hermione ? Im Endeffekt nahmen sie sich beide nicht viel.
„Warum bist du jetzt eigentlich nicht wieder mit ihr hoch gegangen ?“, erkundigte sich nun auch Blaise, bekam aber nur recht tonlos Antwort. „Warum sollte ich ?“ „Warum ? Vielleicht, weil du als Schulsprecher da hoch gehörst ?“, beantwortete Charlie ihm seine blöde Frage. Draco sah das Ganze jedoch etwas anders und rutschte ein wenig in seinem Sessel in sich zusammen, als Charlie noch nachsetzte: „Davon mal abgesehen, kannst du dich nicht ewig bei uns hier verkriechen.“ „Schlafsäle sind genug leer“, warf Draco ein und handelte sich dafür von Blaise einen Klaps auf den Hinterkopf ein, der Draco wieder ein wenig aus seiner Tristesse riss, in der er bereits drohte zu versinken.
„Ey, man. Was soll das ?“, schimpfte der Blonde und rieb sich mit der Hand über die Stelle. „Du gehst da jetzt wieder hoch“, ordnete Blaise streng an, bevor Charlie erneut das Wort ergriff. „Hast du dir Hermione vorhin mal näher angesehen ? Sie war seit gestern Nachmittag bei dir im Krankenflügel. Genauso heute den ganzen Tag. Sie war nicht im Unterricht. Und zwar deinetwegen. Weil sie sich Sorgen um dich gemacht hat“, offenbarte Charlie ihm, worauf Draco wieder etwas mehr zu ihm aufschaute. Der Brünette derweil zog sich seinen Schreibtischstuhl heran und nahm Draco gegenüber Platz.
„Hör zu. Wir verstehen ja, dass das für dich gerade alles ziemlich blöd ist. Aber es ist keine Lösung, wenn du ihr jetzt konsequent aus dem Weg gehst und vor allem komplett dicht machst. Dir tut das nicht gut und Hermione auch nicht. Sie leidet genauso wie du unter der jetzigen Situation. Und die wird nicht besser werden, wenn du so weitermachst. Im Gegenteil. Dadurch wird es nur noch schlimmer. Du verfällst damit zu allem Überfluss nämlich langsam auch wieder mehr in deine alten Muster. Du fängst wieder an, dich selbst hinter der kalten Maske wegzuschließen. Und das ist definitiv nicht das, was wir uns für dich wünschen“, deutete Charlie auf sich und Blaise, welcher zustimmend nickte.
„Hör auf dich selber weiter kaputt zu machen. Die Situation ist grad bitter und scheiße, ja. Aber es kann nicht mehr schlimmer werden, sondern nur wieder besser. Und vielleicht. . . Vielleicht hatte das ganze Desaster am Ende ja doch etwas Gutes an sich.“ „Ach ja ?“, schnarrte Draco leicht bissig. Charlie aber grinste schief.
„Ja. Weißt du. . . Manchmal kann es ganz hilfreich sein, wenn man einen gewissen Abstand zu den Dingen hat, die sind. Von weitem erkennt man den Weg den man sucht oft besser, als von nahem.“ Auf die Aussage hin begann Blaise leicht zu grinsen, da er glaubte zu verstehen, was Charlie meinte. Draco derweil zog skeptisch eine Augenbraue hoch.
„Du quatschst schon so einen Mist wie Dumbledore !“ „Recht hat er aber !“, stimmte Blaise Charlie zu. „Und du gehst jetzt wieder hoch in den Schulsprecherturm, wo du hingehörst. Diese Nacht wirst du nämlich nicht wieder hier unten schlafen !“
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Missmutig fand sich Hermione wieder in ihrem Turm ein und rollte sich in einem der beiden Sessel am Kamin zusammen. Nur etwas später schlich Krummbein zu ihr, der nur zu deutlich zu spüren schien, dass es seinem Frauchen alles andere als gut ging. So versuchte der Kater sie mit seinem Geschnurre und Geschmuse, was er eher selten machte, ein wenig aufzumuntern. Angefangen damit, dass er ihr zwei der frischen Tränen von den Wangen schleckte, bis Hermione ein wenig bitter lächelnd, selbst dazu überging, diese wegzustreichen. Im Anschluss daran nahm sie das Fellknäuel etwas mehr in die Arme und kuschelte sich an ihn.
„Er fehlt mir“, murmelte sie dem Kater leise entgegen, dessen Ohren aufmerksam zuckten. Hermione strich ihm daraufhin dann auch noch etwas über den runden Kopf, als sie weiter meinte: „Ich weiß langsam echt nicht mehr, was ich noch machen soll. Wie das weitergehen soll. Ich mein. . . Weder redet er mit mir, noch will er mich sehen, obwohl er selber noch gesagt hat, dass er . . . er. . .“, schniefte sie und vergrub das Gesicht kurz im Fell des Katers, als sich ein kleiner Schluchzer seinen Weg nach außen bahnte.
„Ich hab alles kaputt gemacht“, murmelte sie mit einer bitteren Gewissheit vor sich hin, als Krummbein auf einmal den Kopf hob und sich schließlich aus ihrer Umklammerung löste. Kurz darauf wackelte er zum Portrait, was Hermione seufzen ließ. Nicht mal ihr Kater wollte bei ihr bleiben.
Als sie dann aber aufstehen wollte, um ihn rauszulassen, öffnete sich das Portrait von der anderen Seite. In der nächsten Sekunde begrüßte der rote Kniesel-Kater den Neuankömmling dann auch schon überschwänglich, indem er ihm um die Beine strich, während Hermione mit leicht offen stehendem Mund auf den Blonden sah. Der blickte kurz verwundert auf das Fusselmonster zu seinen Füßen, bevor er wieder aufschaute und Hermione so erfasste, die sich gerade aus ihrem Sessel erhob und ihn überrascht musterte.
„Draco“, kam es ihr kaum hörbar über die Lippen, während er sie seinerseits einer kurzen Musterung unterzog. Natürlich hatte er im Krankenflügel schon gesehen, dass sie alles andere als gut aussah. Allerdings war er da selber noch etwas neben sich, sodass er das nicht ganz so aufgenommen hatte. Jetzt aber. . . Sie sah so aus wie er sich fühlte. Miserabel.
Ihre Kleider waren unordentlich und zerknittert. Die Haare total zerzaust, die so mal wieder etwas von einem Rattennest hatten. Ein ziemlich mieser Vergleich, den er in den ersten Jahren immer höhnisch mit den anderen gezogen hatte, aber dennoch gerade äußerst trefflich. Zudem war sie schon fast kränklich blass und hatte dicke, dunkle Augenringe, die nur zu deutlich von zu wenig Schlaf herrührten. Aber hatte Charlie das nicht gesagt ? Zudem kam noch, dass ihre Augen gerötet und leicht verquollen waren. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass sie geweint hatte. Und so fleckig, wie ihre Wangen noch waren, konnte das keine zehn Minuten her sein.
„Ich . . . ich hab noch was von Charlie gebraucht“, murmelte er schließlich leise und zerriss damit das leicht angespannte Schweigen. Hermione wiederum zuckte auf seine Worte kurz etwas zusammen, bevor sie das kleine, braune Päckchen erkannte, was er in den Händen hatte. Tränke, kam es ihr sofort in den Sinn. Charlie hatte ja gesagt, dass er seinem Vater nochmal deswegen schreiben wollte.
„Verstehe. Ich . . . uhm. . . Soll ich uns ein bisschen Tee machen ?“, erkundigte sich Hermione vorsichtig, aber dennoch versucht lächelnd, um die Stimmung nicht wieder komplett einfrieren zu lassen. Genauso, um vielleicht auch ein kleines Gespräch aufzubauen. Draco musterte sie auf ihre Frage dann aber für eine quälende kleine Ewigkeit still, bevor er mit dem Kopf schüttelte. Damit stürzte Hermiones minimale Hoffnung auch schon wieder in sich zusammen.
„Ich . . . ich denke, ich werd mich noch ein bisschen hinlegen“, meinte Draco dann noch ausweichend, worauf sie nickte „Tu das“ und ihn gesenkten Hauptes an sich vorbei ziehen ließ. Als sie seine Tür oben leise schließen hörte, sank sie fertig zurück in ihren Sessel und rollte sich aufs Neue ein wenig zusammen. Wirklich gut war das jetzt ja nicht gelaufen.
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Kaum in seinem Zimmer murmelte Draco auch gleich diverse Zauber vor sich hin, die seine Tür komplett nach außen hin abriegelten, an die er sich dann auch rücklings lehnte und ausdruckslos vor sich hin blickte.
Es ging einfach nicht. Er konnte sie noch immer keine fünf Sekunden am Stück ansehen, ohne, dass es ihn innerlich zerriss. Ohne, dass er sah, was er nie haben würde. Es tat noch immer viel zu sehr weh, sie in seiner Nähe zu haben, obwohl er im Grunde nichts mehr wollte. Es war zum Kotzen. Egal was er gerade wählte, es war beides am Ende das Gleiche. Mied er sie, fraß es ihn innerlich auf, genauso wenn er ihr Nahe sein würde, da er ihr letztlich doch nie so nah sein konnte. Ein Teufelskreis.
Schließlich stieß er sich von seiner Tür ab und trat ans Fenster, hinter dem es mal wieder Bindfäden regnete. Grau in Grau, in der Dunkelheit des anbrechenden Abends.
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