
von marie29
Die Wirkung des Hypericums schien deutlich länger anzuhalten als beim ersten Mal. Marie leerte das Glas und sah in die Runde. "Habt ihr noch Fragen?" Mit weitaufgerissenen Augen starrten die anderen sie schockiert an. Ron fasste sich als erster. "Weshalb Draco? Ich mein, warum hasst der Severus denn so?" "Genau weiß das auch Lucius nicht. Er scheint zu glauben, Draco und Narzissa hätten Severus damals geliebt."
"Geliebt?" Hermines Stimme klang vor Schreck ganz schrill. Auch die anderen waren völlig perplex. "Und weswegen soll Draco ihn dann hassen?" "Weil er sich in mich verliebt hat, natürlich! Was wisst ihr über Draco?" Ron verzog angewidert das Gesicht. "`N´ arrogantes, verzogenes Muttersöhnchen war er, ein richtiger Slytherin, reinblütig und widerlich stolz darauf. Hat alle anderen wie Dreck behandelt."
Harry schüttelte den Kopf. "So hat er sich allen gezeigt, aber da war noch was anderes. Ich hab ihn mal weinen sehen und glaubt mir, seine Verzweiflung war echt." "Klar, weil er Schiss hatte! Schließlich wollte Voldemort, dass er Dumbledore tötet und da hat er jämmerlich versagt. Das hat ihm sein Vater bestimmt nie verziehen." Ron wehrte Harrys Einwurf energisch ab. "Der hat immer nur sich selbst geliebt und vielleicht noch seine Mum, aber Herz hat der keins!"
"Das dachten wir von Severus auch mal!", warf Hermine ein. "Du willst die beiden doch wohl nicht miteinander vergleichen. Draco ist ein Monster!" Hermine war kreidebleich geworden. "Sie versucht doch nur herauszufinden was ihn dazu gemacht hat", nahm Harry sie in Schutz.
"Hört auf!" Marie hob die Hand. "Es ist gleichgültig. Was auch immer Draco früher war, jetzt ist er derjenige, der die Fäden in der Hand hält. Er muss sich vollkommen sicher sein, dass es keine Möglichkeit gibt, ihr Versteck ausfindig zu machen. Außerdem wissen wir nun, dass er auf uns wartet. Trotzdem müssen wir dorthin, auf dem schnellstmöglichen Weg. Wir müssen nach Spuren suchen, auch wenn er sicher ist, keine hinterlassen zu haben. Also, was sollen wir tun?"
Maries Augen waren wieder lebendig. Diesmal hatte die Wirkung vollkommen unbemerkt nachgelassen. Voller Tatendrang sah sie die anderen an. Hagrid murmelte etwas, das klang wie: "unsichtbar". "Was?" Marie schüttelte ihn ungeduldig. "Na ja, die Pferde können sich unsichtbar machen, nicht nur für Muggelaugen!" "Was? Und das sagst du erst jetzt?" "Is´n ganz großes Geheimnis, selbst von den Franzosen wissen`s nur´n paar. Olympia hat mich schwören lassen, es niemals jemand zu erzählen. Aber das is ja´n Notfall, stimmts?" Fast flehend sah er Marie an. Die nickte ihm beruhigend zu. "Keiner von uns wird´s verraten, aber jetzt nichts wie los!"
Es war ein Ort, wie man ihn sich schöner nicht hätte erträumen können. Ein ruhig dahin plätschernder Fluss, dessen kristallklares Wasser im sanften Licht der Morgensonne silbern schimmerte. Saftige Wiesen, gesprenkelt mit Millionen von bunten Blütentupfern. Dahinter die Wälder, dicht und dunkel, riesige Bäume, die Stämme meterdick.
Grün, soweit das Auge reichte. Vom lieblichen zarten lindgrün der durchscheinenden Blätter, über das satte, kräftige Grün der Gräser, bis hin zur dunklen, fast schwarzen und doch so beruhigenden Farbe der Tannennadeln. Die Luft, erfüllt vom Summen unzähliger Bienen, die die frühe Morgenstunde nutzten, um ihren Durst an den Tau benässten Blüten zu stillen, bevor die mühsame Arbeit des Nektarsammelns ihre ganze Kraft forderte.
Vogelgezwitscher, gelegentlich übertönt von den Rufen der Seeadler, die hoch bis zur Sonne stiegen, ihre Freiheit genossen und dann, die Beute im Blick, pfeilschnell aufs Wasser hinabschnellten und mit dem Fisch in den Krallen zu ihren wartenden Jungen flogen, die mit weitaufgerissenen Schnäbeln in den mächtigen Horsten aufs Frühstück warteten.
Ein wundervolles Fleckchen Erde war es, an dem die gewaltige unsichtbare Kutsche gelandet war, doch die sieben Insassen, würdigten die Schönheiten der Natur keines Blickes. Harry stand in der geöffneten Tür, während sein Patronus über die Wiese sprang und nach Gefahren Ausschau hielt, doch nichts schien ihn zu beunruhigen - im Gegenteil! Der silberne Hirsch tollte so ausgelassen herum, als wäre er lebendig. Nur einmal verharrte er kurz, lauschte in den Wald hinein, neigte wie zum Gruße den Kopf mit dem mächtigen Geweih und widmete sich dann wieder der Erkundung der Gegend.
Harry wurde ungeduldig, er hob seinen Zauberstab ein wenig, um seinen mächtigen Beschützer zurückzurufen. Fast unwillig hielt der Hirsch in seinem Treiben inne, warf einen sehnsüchtigen Blick auf den Wald und schlüpfte dann zurück in die Spitze von Harrys Zauberstab. "Sieht aus, als wären wir allein. Bist du sicher, dass das die richtige Stelle ist, Marie?"
Sie trat neben ihn, sprang dann behände ins Gras und lief zum Fluss. "Verdammt warte, es kann trotzdem eine Falle sein!" Harry starrte hinter ihr her, unschlüssig und verließ dann zögernd die sichere Kutsche. Den Zauberstab erhoben, bewegte er sich geschmeidig wie eine Raubkatze, doch nicht er war der Jäger. Er fühlte sich wie ein Kaninchen in der Falle, gefasst auf den Fluch, der jeden Moment seinen Körper treffen konnte, ihn lähmte, quälte oder tötete. So stark war diese Angst, dass ihm der kalte Schweiß auf der Stirn stand und seine Hand zu zittern begann. Nie hatte er sich schutzloser und angreifbarer gefühlt. Die Schatten der Bäume waren undurchdringlich. Eine ganze Armee von Feinden konnte sich dort verstecken, aber nichts geschah.
Marie kniete an einer sandigen Stelle nahe des Wassers und presste beide Hände auf den Boden. Tränen liefen über ihr Gesicht. Tonks stürzte an Harry vorbei, ohne auf Remus Schrei zu achten und sank neben Marie auf die Knie. Marie zog sie an sich. Vereint in ihrem Schmerz, klammerten sich die beiden Frauen aneinander. Langsam umringten die anderen sie, die Zauberstäbe im Anschlag, bildeten sie einen Kreis um Tonks und Marie.
Remus heisere Stimme fragte: "Teddy?", während er auf den rostbraun verfärbten Boden starrte. Maries Schluchzer war Antwort genug. Seine Beine gaben nach und er sackte zusammen. Rons Hände umklammerten seine bebenden Schultern, doch es gab keinen Trost. Nichts konnte das Leid der Drei mindern. Hagrid stapfte heran. Die von ihrer Pflicht befreiten Pferde, leicht berauscht vom Whiskey, galoppierten durch den Fluss, warfen sich ins Gras, wälzten sich wie spielende Hunde, bevor ihr Hunger siegte und sie zu grasen begannen.
Ein Blick über die Köpfe der anderen, der Anblick des Blutes zerriss ihm das Herz. Wie in Trance ließ er sich in den weichen Sand fallen. Das Bild, das Katie ihm vor einigen Jahren geschenkt hatte, nach einem Besuch bei Harry, stand fast greifbar vor seinen Augen. Ein mächtiger Baum, stark und kräftig, sich nach oben verjüngend wie eine Pyramide. Fast konnte er Katies schmächtige Ärmchen fühlen, die sich um seinen Hals schlangen, als sie stolz fragte: "Weißt du, was das ist?"
"Ähm, n´ Baum!" Ihr Kichern, Rosies altkluge Stimme: "Hab´ doch gleich gesagt, dass man´s nicht erkennen kann!" James Entrüstung, als er Katie in Schutz nahm. "Wenn man weiß, was es bedeutet, ist´s ganz logisch." Katie sah Hagrid ernst an. "Also, pass mal auf! Siehst du ganz oben das dünne Zweigchen?" Der betrachtete den Baum aufmerksam und nickte. "Das ist Lily!"
Sie seufzte, als Hagrid sie begriffsstutzig ansah, ließ sich aber nicht aus der Ruhe bringen. "Die drei gleich drunter, das sind wir." Sie wies auf James, Rosie und sich selbst. Hagrids Augen leuchteten auf und er ergänzte. "Der unter euch ist Tom, richtig?" "Siehste, ist doch ganz einfach!" Katie warf Rosie einen triumphierenden Blick zu. "Mach weiter, mal sehen, ob du alle erkennst."
"Na ja, Albus und Ari natürlich, dann Teddy." Er stutzte kurz, überlegte und lächelte Katie an. "Harry, Ginny, Ron und Hermine?" Katie hüpfte auf und ab wie ein Gummiball. "Klasse!" Die beiden nächsten Äste lagen um einiges tiefer. "Hm, lass mal sehn, wer kommt als nächster! Marie und Tonks!" Jetzt starrten ihn alle drei gespannt an. Wieder zwei, etwas dicker und fast ganz unten. "Klar, Remus und Severus!"
Blieb nur noch einer übrig. Dick, krumm, berührte beinahe den Boden. Verdammt, wer konnte das sein. Hagrid kam nicht drauf, wer war denn da noch? Solange grübelte er vor sich hin, dass die Kinder ungeduldig wurden. "Mensch, Hagrid, der ist doch am Einfachsten, denk mal nach!" James zupfte ihn am Bart. Katie hielt´s nicht mehr aus. "Das bist du, du bist der Stärkste von allen. Wenn einer von oben runter fällt, fängst du ihn auf, versprochen?" Sprachlos hatte er sie angestarrt, bis ihm vor Rührung die Augen überliefen.
Er hatte Teddy nicht aufgefangen, und Ari und Severus? So heftig überfiel ihn die Wut, dass die Erde unter den Schlägen seiner Fäuste erbebte, sich tiefe Löcher in den Sand gruben. Sein rasender Zorn ließ seine Stimme weit übers Land hallen. "Du Teufel, du Monster, du elendes Dreckstück. Wir werden dich kriegen und dann quetsch ich dein widerliches Leben eigenhändig aus dir heraus, das schwör ich dir!"
Noch nie hatte einer der Anderen Hagrid so außer sich erlebt. Für einen Moment vergaßen selbst die Drei ihren Schmerz und starrten den Halbriesen benommen an. Harry fing sich als erster. "Bist du irre! Brüll hier nich so rum!" Hagrid erstarrte, begriff erst jetzt, was geschehen war und sah aus, als wolle er am liebsten im Erdboden versinken. "Tschuldigung!", murmelte er und vergrub sein Gesicht in den Händen.
Marie trat neben ihn, zog seinen buschigen Kopf an ihre Brust. "Sollen sie doch wissen, dass wir hier sind, was ändert das schon? Dass wir kommen, ist Draco sowieso klar." Sie blickte Harry ernst an. "Sie haben ganze Arbeit geleistet. Nichts deutet darauf hin, dass hier etwas Schreckliches geschehen ist, nur ... Teddys Blut." Sie stockte kurz, straffte dann aber die Schultern und sprach weiter. "Alles andere ist verschwunden, der Wagen, das Zelt, die Ausrüstung, sogar die Feuerstellen."
"Und die Leichen!" Der Hass in Remus Augen erschütterte Marie tief. Der sanfte, gutmütige Mann, der ihnen all die Jahre der beste Freund gewesen war, den man sich wünschen konnte, existierte nicht mehr. Malfoys sinnlose Tat hatte das Tier in ihm wieder geweckt. Der Wunsch nach Rache brodelte so heftig in ihm, dass er selbst die Trauer vertrieb. Er starrte Harry mit brennenden Augen an. "Wir sind Auroren! Wir werden etwas finden, dass uns auf ihre Spur bringt."
Er packte Marie am Arm. "Wo ist der Apparierpunkt? Hast du ihn gesehen? Erzähl uns ganz genau, was hier geschehen ist!" Marie sah Tonks an, die entschlossen nickte, schloss die Augen und trieb ihren Geist zurück in Lucius Erinnerungen.
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