
von marie29
"Du warst unglaublich tapfer, Ari. Ich bin so stolz auf dich. Wir alle sind es! Und vor allem sind wir froh, dass ihr beide wieder bei uns seid." Sie blickte über Aris Kopf zu Severus hinüber und lächelte ihn an. Auch sein Mund verzog sich, aber in seinen Augen war keine Wärme nur Vernunft. Doch das war viel besser als Angst und ihr Lächeln vertiefte sich. Sein Verstand würde seine Schuldgefühle besiegen, irgendwann!
Die Zeit heilt alle Wunden, dachte sie und streichelte Aris kurzes verwuscheltes Haar. Ein rotes Lederbändchen lugte unter Aris Umhang hervor. Marie öffnete die obersten Knöpfe und starrte auf das Kleid, das darunter zum Vorschein kam. "Hey!", sagte Ron grinsend, "das steht dir richtig gut. Du siehst aus wie ne echte Indianerin." Auch Harry und Hermine lächelten ihr zu und nickten. Doch Marie war kreidebleich. Ari sah in ihr Gesicht und begriff. "Nein!", flüsterte sie entsetzt. Und plötzlich wussten alle, wem dieses Kleid gehört hatte.
Aris Weinen war verstummt. Vor lauter Erschöpfung war sie eingeschlafen, am Boden neben Teddy lag sie, das Gesicht in seinem Fell verborgen, die Arme um seinen Hals. Die anderen saßen schweigend am Tisch und blickten betroffen auf das schlafende Kind. Sie hatte sich das Kleid vom Leib reißen wollen, doch Maries Hände hielten sie zurück. "Nein, Ari. Das ist alles, was von diesem Mädchen geblieben ist. Zerstör es nicht. Trag es für sie!"
Und Ari hatte zu weinen begonnen. Nicht nur sie. Sogar Ron hatte Tränen in den Augen. Dieses Kleid brachte Lucius Grausamkeit so nah an sie heran, wie keines von Maries Worten es vermocht hatte. Der Gedanke an dieses unschuldige Kind war unerträglich. Nur Marie wusste, was der Körper des Mädchens erdulden musste, aber alle waren erfüllt von tiefer Trauer und schlossen dieses unbekannte Geschöpf in ihr Herz, als wäre sie ein Teil von ihnen. Der Wolf heulte. Laut und klagend war sein Ruf, hallte durch die offene Tür tief in die Wildnis, traf auf wartende Ohren und verklang. Ari kuschelte sich an ihn, sie spendeten sich gegenseitig Trost, solange, bis ihre Augen zufielen.
Erst als Ari tief und fest schlief, begann Marie zu sprechen. "Dieses Indianermädchen war Lucius letztes Opfer. Nach ihrer Ankunft hier, vor knapp einem Monat, als klar war, dass ihr Plan gelingen würde, hat Draco sie entführt, um Lucius Gelegenheit zu geben, das Verließ seinen Wünschen entsprechend zu gestalten." Sie schluckte schwer. "Alles, was er in Russland gelernt hat, hat er an ihr nochmals getestet. Erst als er mit dem Ergebnis zufrieden war, durfte sie sterben." Maries Stimme war immer leiser geworden.
Severus, der mit geschlossenen Augen und vor der Brust verschränkten Armen kerzengerade dasaß und keinerlei Regung erkennen ließ, sagte plötzlich: "Als ich versuchte, im Kopf des Wolfes Spuren von Teddys Geist zu finden, hörte ich mir unbekannte Laute. Das könnten indianische Worte gewesen sein." "Du meinst, die beiden kannten sich?" Remus starrte den Freund, der so fremd und unnahbar wirkte, verblüfft an.
Severus hob die Hand, als wolle er verhindern, dass jemand seinen Gedankengang unterbrach. "Nehmen wir an, dass es so war. Der Wolf hat nach dem Mädchen gesucht, ohne Erfolg. Oder vielleicht nicht ganz. Mag sein, er hat sich Dracos Geruch eingeprägt, der sicherlich in der Luft lag, an der Stelle, an der er das Mädchen gepackt hat. Wolfsnasen sind überaus sensibel. Und dieser hier ist blind, das heißt Geruchs- und Tastsinn sind bei ihm unweigerlich stärker entwickelt als bei sehenden Tieren. Er wurde mit dieser Schwäche geboren, das weiß ich sicher. Es gibt kein einziges Bild in seinen Erinnerungen, nur Geräusche und Stimmen. Ja, er ist bei Menschen aufgewachsen, sonst hätte er niemals überlebt."
Der Wolf fuhr so überraschend in die Höhe, dass Ari unsanft geweckt wurde. Sie rieb sich benommen den Schlaf aus den Augen und blickte verwirrt um sich. Teddys Ohren zitterten, so angestrengt lauschte er den Geräuschen, die nur er vernahm. Seine Nüstern blähten sich und mit einem gewaltigen Satz war er in der Dunkelheit verschwunden. "Teddy!" Ari wollte hinter ihm her, aber Hagrids hielt sie zurück. "Nich, da draußen ist´s stockfinster. Für ihn macht das keinen Unterschied, aber du kannst keinen Meter weit sehen. Und außerdem is er ´n Wolf. Ihm passiert nichts!"
Sie hörten ihn heulen, ganz anders als zuvor. Freudig, wie eine Begrüßung klang es. Da war jemand! Hagrid schob Ari zurück und verdeckte die Türöffnung mit seinem gewaltigen Umfang. Ari boxte ihn in die Rippen. "Sag schon, was ist da? Kannst du was sehen?" Er antwortete nicht, starrte angestrengt in die Dunkelheit, die plötzlich keine mehr war. Ein Fackel flammte auf, dutzende weitere wurden an ihr entzündet, erhellten die bemalten Gesichter der Indianer und den Platz vor der Kutsche. Ein paar spannten ihre Bögen.
Hagrid sprang ins Gras, streckte die Arme in die Luft, zeigte deutlich seine leeren Hände. und ging langsam auf sie zu. Im Licht der Kutschentür war nun ganz deutlich Ari zu erkennen. Ihr Umhang war geöffnet. Die Indianer starrten auf das Kleid. Auf einmal war Teddy wieder da, rannte an Hagrid vorbei und sprang an ihr hoch. Ungläubiges Gemurmel erklang. Die Bögen senkten sich.
Ein eigenartiges Bild war es, dass sich den Augen der Indianer da bot. Zuerst der riesige Kerl, der vor ihnen in der Luft schwebte. Kaum hatten seine Füße den Boden berührt, stand da das Mädchen im hellen Lichtschein. Nicht das Gesuchte, aber so ähnlich an Größe und Statur, dass das Kleid wie angegossen saß. Auch sie schien zu schweben, in einem Viereck aus Licht. Der Wolf sprang zu ihr hinauf, leckte ihr übers Gesicht, während hinter ihr immer mehr Menschen erschienen, die vor Verblüffung die Augen aufrissen und dann einer nach dem anderen wieder die Erde betraten.
Stumm standen sie sich gegenüber. Die Indianer argwöhnisch, bereit jederzeit die Waffen gegen diese seltsamen Menschen zu erheben, auch wenn der Wolf sie für Freunde zu halten schien. Wie waren sie an das Kleid gekommen? Die geschlossene Formation der Indianer teilte sich. Eine Frau trat hindurch, schritt ohne zu zögern auf Ari zu und hob die Hand. Ein Messer blitzte auf. Severus Fluch war es, der sie lähmte, aussehen ließ, als sei sie zu Stein erstarrt. "Ari, komm her!" Seine leise Stimme rief sie zurück in die sichere Kutsche. Er schloss die Tür und das Mädchen löste sich in Luft auf. Maries Stimme erklang. "Geht alle zurück, lasst mich allein mit ihr reden. Sie wird mir nichts tun."
Unschlüssig beäugten die Krieger die beiden Frauen. Die Fremde setzte sich ins Gras, nachdem ihre Gefährten auf wundersame Weise verschwunden waren. Sie hielt einen sonderbaren Ast in der Hand, wies damit auf die Angreiferin und senkte ihn langsam. Ebenso langsam senkte die Frau das Messer. Ratlos sahen die Männer sich an. Die Frau war wohl keine Gefahr, sie hatte keine Waffe, nur dieses eigentümlich Holz. Trotzdem galt es, vorsichtig zu sein.
Auf ein Zeichen des Anführers hin bildeten die Fackelträger eine Kreis um die beiden, ließen Marie nicht aus den Augen. Wieder hob sie den Stock und senkte ihn erneut.. Die Frau vor ihr regte sich wieder, blickte auf das Messer in ihren Fingern und schob es langsam in die lederne Scheide, die an ihrem kunstvoll geflochtenen Gürtel hing. Dann ließ sie sich anmutig ins Gras sinken und starrte Marie mit durchdringenden schwarzen Augen an.
Minutenlang herrschte Schweigen, bis die Frau melodisch klingende Worte in eigenartig singendem Tonfall hervorstieß und ihren Oberkörper sanft hin und her wiegte. Wie ein Klagelied klangen die Laute und Marie liefen die Tränen übers Gesicht. Sie ahmte die Bewegung der Indianerin nach, überließ sich vollkommen der unbekannten Melodie. Die Männer hinter ihnen setzten sich ebenfalls, ihr tiefer monotoner Gesang verstärkte die berauschende Wirkung.
Marie fühlte sich vollkommen eins mit der sie umgebenden Natur und zugleich so winzig und bedeutungslos wie ein Grashalm im Wind. Ihr war, als könne sie die Seelen der verstorbenen Mädchen in der fernen Dunkelheit erkennen. Schemenhafte Gestalten, die sich von der Erde lösten, langsam hinauf zu den Sternen schwebten und auf die zurückbleibenden herablächelten, glücklich, von allem Leiden befreit. Immer kleiner wurden sie, kaum mehr zu erkennen, nur noch kleine schimmernde Flecken am Nachthimmel - neue Sterne!
Ein Lächeln umspielte Maries Lippen, die Tränen versiegten. Sie streckte der Frau vor ihr die Hände entgegen und die Indianerin ergriff sie. Marie fühlte sich dieser Fremden so verbunden als wären sie Schwestern und sie spürte deutlich die Leere in ihr. Sie wusste, ihre Tochter war tot, doch sie musste sie finden, ihren Geist befreien. Marie hatte keine Ahnung, wie dieses Volk seine Toten bestattete, doch eines war sicher, diese Frau würde nicht zur Ruhe kommen, ehe sie den Leib ihres Kindes in Armen hielt.
Es gab nur einen Weg. Sie zog eins von Dracos Haaren aus ihrem Ärmel. Deutete auf ihre Augen, ihre Schläfen und dann auf das Haar. Seltsamerweise schien die Indianerin sofort zu verstehen. Sie legte die Hände auf ihren Bauch, blickte zu den Sternen hinauf, schloss die Augen und wartete stumm.
"Schaff sie fort und räum auf!" Lucius Stimme, kalt, befehlsgewohnt. Draco konnte seinen Zorn nur mühsam zügeln. Angewidert ließ er den nackten Körper von einer Decke verhüllen. Sein Reinigungszauber beseitigte die letzten Spuren des Mädchens. Nichts blieb zurück von den Qualen, die sie erduldet hatte. Der Geruch von Angst, Blut und Fäkalien verwandelte sich in reine saubere Luft.
Was war das, da unter dem Regal? Neugierig betrachtete Draco das kunstvoll bestickte Kleid. Nicht zerrissen, wie all die anderen. Irgendwie war es schön, zu schade für die Tote. Ein einfacher Verkleinerungszauber, er schob es in eine der vielen Taschen seines Umhangs und ließ die verhüllte Gestalt die Treppe hinaufschweben. Oben stutzte er kurz. Sie einfach im Wald abzulegen, erschien ihm angesichts ihres weiteren Vorhabens ein wenig riskant. Auch wenn das Haus von seinen eigenen undurchdringlichen Schutzzaubern umgeben war. Er wollte jede Aufmerksamkeit und sei es nur die der Bären und Wölfe vermeiden.
Der Kartoffelkeller - natürlich! Da blieb sie schön frisch. Er grinste kurz. Überaus angetan von seiner Idee, ließ er die Leiche über den Hof schweben, öffnete die mit Erde bedeckte Luke des unterirdischen kühlen Raumes, den die ehemaligen Besitzer als zusätzlichen Platz für reiche Ernten genutzt hatten. Jetzt würde er eben als Versteck für die Toten dienen. Erst dieses Indianermädchen, dann Snapes ach so reizende Tochter und irgendwann er selbst - Snape!
Er würde ihn aufbahren, um sich immer wieder am Anblick des geschundenen Körpers zu ergötzen. Nein, die Ratten würden ihn nicht bekommen, er gehörte ihm - für immer! Er sah ihn vor sich, so deutlich, dass er die Hand hob, um ihm das schwarze Haar aus dem Gesicht zu streifen, die kalten Wangen zu berühren, die Lippen zu ..., verdammt, was tat er da? Draco erschrak so sehr über seine zärtlichen Fantasien, dass er den Zauberstab abrupt senkte. Das Mädchen knallte hart auf den Boden. Egal, sie fühlte nichts mehr! Er packte die Decke, stürzte nach oben, verriegelte die Luke und scharrte die Erde wieder darüber.
Marie musste ihren Geist zwingen, sich von Draco zu lösen. Nur eines wollte sie noch erfahren, für mehr war jetzt keine Zeit.
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