
von marie29
Ihre Lider schossen in die Höhe. Die Augen der Indianerin starrten in ihre, ausdruckslos, doch Marie erkannte die Frage darin. Sie nickte, stand auf, wies auf sich und die Frau, nickte wieder, deutete dann auf die Krieger, die sich ebenfalls erhoben hatten und schüttelte den Kopf. Wieder begriff die Frau sofort, wandte sich an ihre Begleiter und redete mit leisen Worten auf sie ein.
Sie schienen zu beratschlagen. Der Anführer wies auf den Mond, senkte die Hand bis zum Horizont und deutete auf die Stelle, an der die unsichtbare Kutschentür lag. Diesmal war es Marie, die sofort verstand, was er meinte. Sie wollten die anderen als Geiseln, bis sie mit der Frau zurückkam. Würden ihre Freunde dazu bereit sein und Severus? Wie er reagieren würde, konnte sie nicht voraussehen. Wie weh das tat! So unsagbar nah waren sie sich all die Jahre gewesen, wie zwei Hälften, die nur zusammen existieren konnten. Immer hatte sie gewusst, was er fühlte, dachte, tat - würde es je wieder so sein?
Sie riss sich zusammen, trat zur Tür und klopfte so laut dagegen, dass die Indianer es hören konnten. Ein paar traten näher, streckten die Hände aus und griffen ins Nichts. Die Magie der Beauxbottons verbarg die Kutsche perfekt. Kein Muggel konnte sie berühren. Wer weiß, was geschehen wäre, hätte die Tür nicht offengestanden. In eben diesem Augenblick öffnete sie sich wieder und Harry spähte heraus.
"Ich weiß, wo die Leiche des Mädchens ist. Ich werde mit der Mutter zurück zur Farm apparieren. Ich allein!" Sie sah den Widerspruch in Harrys Augen, hörte die Anderen aufgeregt tuscheln, die ihre lauten Worte klar und deutlich verstanden hatten. Ari sprang heraus, warf sich in Maries Arme. "Mummy, bleib hier, bitte!" Marie drückte sie kurz an sich, bevor sie sich umwandte und der Indianerin bedeutete näherzukommen.
"Sie ist ihre Mutter.", sagte sie, als die Frau neben ihr stand und Ari begriff. Schweren Herzens nickte sie, griff unter ihren Umhang und reichte der Frau das Kleid. Mittlerweile hatten auch die anderen die Kutsche verlassen. Einer der Indianer spähte neugierig ins Innere und stieß einen verblüfften Laut aus, der die anderen ermutigte, es ihm gleich zu tun. Hagrid brummte unverständlich etwas in seinen Bart, worauf eins der unsichtbaren Pferde laut zu wiehern begann.
Erschrocken sprangen die Indianer zurück und blickten sich suchend um. Einer von ihnen stieß einen Pfiff aus und die Erde erbebte. Die Indianerponys, die vom Flussufer her auf sie zu galoppierten, waren zwar klein, aber ungemein temperamentvoll und es waren viele! Über 30 Tiere sprangen in kräftigen Sätzen über die Wiese direkt auf die staunenden Fremden zu. Das weißgefleckte Fell schimmerte seidig im Mondlicht. Schön waren sie!
In einem eleganten Bogen umrundeten sie die Gruppe, wurden langsamer, hatten ihre unsichtbaren Artgenossen gewittert und begrüßten sie freudig. Marie sah Hagrid fragend an. Als er nickte, hob sie den Verbergezauber auf und plötzlich konnten auch die Indianer die großen schwarzen Pferde sehen. Ebenso wie die riesige Kutsche, die vor ihren Augen aus dem Nichts auftauchte. Wie Kinder starrten sie verblüfft auf die unwirkliche Erscheinung, doch dann siegte die Neugier.
Einer trat vor, stupste mit dem Finger gegen das Holz, dann mit der ganzen Hand und Marie nutzte die Gelegenheit, ihren Gefährten ihr Vorhaben zu erklären. Sie legte ihre Hand auf den Arm der Indianerin, sah ihre Freunde der Reihe nach an. Ihre Augen blieben an Severus hängen. Er erwiderte ihren Blick, ernst und gelassen. "Du hast eines von Dracos Haaren?" Auch seine Stimme klang ruhig. Sie nickte. Dann kam sie, Tonks Frage, von der sie wusste, sie würde sie stellen. "Was hat er mit Teddy und Mum gemacht?"
Sie klammerte sich an Remus, dessen Hand wie selbstverständlich auf dem Kopf des Wolfes ruhte. In beider Augen loderte der Hass, während sie auf Maries Antwort warteten. "Die beiden Körper waren verschwunden, als Draco zurückkam. Er hat sie nicht versteckt." Tonks griff sich ans Herz. "Was bedeutet das?" Aber Remus sagte leise: "Lüg uns nicht an, Marie! Wir haben ebenso sehr ein Recht zu erfahren, wo sie sind, wie sie." Er deutete auf die Frau. "Egal, was er ihnen angetan hat." "Aber ...," "Nein, Marie, es war Draco. Niemand sonst hätte die Spuren so beseitigen können, dass selbst wir Auroren nichts mehr finden."
"Nur ein Indianer!" Die Stimme der Frau klang vollkommen anders als zuvor. Hart und klar, alles melodische war daraus verschwunden. "Du sprichst unsere Sprache?" Marie starrte sie fast vorwurfsvoll an. "Warum hast du nichts ...", die Fremde unterbrach sie. "Worte lügen! Wir wussten nicht, ob ihr unser Vertrauen verdient und das Kleid ...," sie unterbrach sich, sah Tonks in die Augen. "Die tote Frau und der Junge, sie sind in unserem Dorf."
Severus Verstand arbeitete schneller, als der der anderen. "Der Junge lebt?" Jetzt lag ein Zittern in seiner Stimme und als die Frau nickte, sank er ebenso zu Boden wie Remus und Tonks. Doch selbst die unbändige Freude, die ihn für einen Augenblick durchströmte, konnte der grausamen Stimme nicht Einhalt gebieten. Sie bohrte sich in sein Gehirn, hatte nur darauf gewartet, dass die Wirkung der Tropfen nachließ. "Aber das Indianermädchen, das hast du auf dem Gewissen, ebenso wie all die anderen vor ihr. Jung und unschuldig waren sie, wie deine eigene Tochter. Nur deinetwegen mussten sie auf so grausame Weise sterben. Du allein bist an allem schuld!"
Sein gequältes: "Nein!" war nur ein Hauch, doch der ungeheure Schmerz, der darin lag, drang weit über die Lichtung und auch die Indianer blickten betroffen auf den schwarzhaarigen Mann, dessen Körper zitterte wie Espenlaub. Das Gesicht verzerrt, vor Anstrengung, das was ihn so quälte zu vertreiben, doch auch sie fühlten, er schaffte es nicht. Immer lauter dröhnten die Worte. "Deine Schuld, deine Schuld, deine Schuld!", setzten sich unwiderruflich in seiner Seele fest, wollten ihm nie wieder Frieden gönnen, ihn leiden lassen, für den Rest seines Lebens.
Zu spät griff Hermines Hand in sein Genick, bog seinen Kopf nach hinten, damit Marie ihm die erlösenden Tropfen einflössen konnte. Zu spät! Jetzt war es der eigene Verstand, der grausam und gefühllos die Worte kommentierte. "Natürlich ist es deine Schuld. Nur deinetwegen hat Draco seinen Vater befreit. Gäbe es dich nicht, würden sie alle noch leben!"
Das Zittern ließ nicht nach, wurde schlimmer. Marie ertrug es nicht. Er hatte es ihr verboten und doch, sie musste es tun. "Somnia!" Schwärze senkte sich über sein Bewusstsein, betäubte Körper und Geist. Er schlief! Maries Hände legten sich an seine Schläfen, versuchten zu ergründen, ob seine Qualen verschwunden waren und seufzte erleichtert auf. Sie hatte es geschafft. Sein Geist war beruhigt, atmete auf.
"Verdammt, so kann’s doch nicht weiter gehen. Das Zeug ist viel zu schwach!" Rons Stimme holte sie auf die Lichtung zurück. "Ich weiß!", flüsterte sie und sah Hermine an. "Aber was sonst helfen könnte, weiß ich nicht!" "Was ist mit ihm?" Die Indianerin setzte sich neben Marie. "Böse Geister?" Ein Schluchzen entfuhr Marie, während sie nickte. "Unvorstellbar böse!" Sie zog Ari an sich und wiegte sie sanft. "Aber jetzt hat er für einige Zeit Ruhe."
Ihr Blick fiel auf Tonks und Remus, die sich aneinanderklammerten und die Indianerin wie eine Erscheinung anstarrten. "Du sagst, Teddy …, ihr Sohn, er lebt? Ist er gesund?" Das Zögern der Frau war kaum zu erkennen. "Ja, aber er spricht nicht." Da war noch mehr, Marie sah es in ihren Augen. Hatte der Cruciatusfluch seinen Geist geschädigt? War er in den Körper des Wolfes geflüchtet? Aber dort hätte sie ihn gefunden. Sie schüttelte sich, wichtig war nur, dass Teddy lebte.
"Kannst du uns zu ihm bringen?" "Sobald du mir meine Tochter zurückgegeben hast." Sie sah Marie fest in die Augen. "Lebt ihr Mörder noch?" Marie nickte. "Wir haben ihn gefangen. Er wird von den Wächtern unseres Gefängnisses abgeholt." "Nein!" Die Stimme der Indianerin ließ Maries Blut gefrieren, so eisig war sie. "Ich will ihn haben - lebend!" Ihre Augen blieben völlig ausdruckslos, doch die Worte genügten, um die magischen Besucher erschaudern zu lassen.
Die Krieger lauschten aufmerksam, sahen ihre Gefährtin zustimmend an. Einer trat näher, ließ sich neben ihr nieder und nickte. "Er soll nach indianischem Brauch sterben. Das sind wir Rhana schuldig." Hermine fand als erste ihre Stimme wieder, wenngleich sie ziemlich unsicher klang. "Das können wir nicht machen." "Warum nicht?" Ron und Hagrid waren sich einig. "Er hat nichts anderes verdient. Der Kuss des Dementors ist viel zu wenig für diesen Teufel." Hermine schwieg, sah Harry an, doch dessen Gesicht wirkte ungewöhnlich verschlossen.
Marie starrte den Indianer an. Sie schien von dem Wortwechsel nichts mitbekommen zu haben. Ihre Hand lag auf ihrer Brust. "Der Name, wie heißt deine Tochter?" "Rhana." Jetzt klang die Stimme der Frau wieder weich und melodisch. Völlig zusammenhanglos sagte Marie plötzlich: "Ari, Liebes, holst du bitte eine Decke für Daddy." Sofort sprang das Mädchen auf und lief zur Kutsche. Die Tür schwang hinter ihr zu und verriegelte sich.
Marie stand auf. "Komm, wir gehen. Ron, Harry - ihr appariert jeder mit einem der Männer. Wir werden ihnen Lucius ausliefern, unter einer Bedingung." Alle starrten sie an. Hermine ungläubig, Ron und Hagrid begeistert, Tonks und Remus nickten und Harry murmelte: "Gut, dass die Eule noch nicht unterwegs ist." "Welche Bedingung?", die Indianerin betrachtete Marie aufmerksam und die blickte ihr direkt in die Augen. "Ich will dabei sein, wenn ihr ihn bestraft!"
Hermine keuchte entsetzt "Marie!""Denkt von mir, was ihr wollt, aber ich will diesen Teufel leiden sehen. Es wird die grauenvollen Bilder nicht aus meinem Kopf vertreiben, aber es wird mir helfen, sie zu ertragen. Wir werden die Mädchen rächen. Er soll um Gnade winseln und wissen, es wird ihm keine gewährt." Sie streckte der Indianerin die Hand entgegen. Bevor sie den Wald erreichten, drehte Marie sich noch einmal um. "Ari und Severus sollen es nicht erfahren. Versprecht ihr mir das?" Erst als auch Hermine als Letzte genickt hatte, verschwand sie mit ihrem fünf Begleitern im Schatten der Bäume und ließ die Anderen mit gemischten Gefühlen zurück.
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