
von marie29
Wie hatte sie auch nur eine Sekunde glauben können, die Qualen eines lebenden Geschöpfes und sei es auch der Teufel persönlich, könnten ihr eigenes Leid lindern? Alles, was sie für die röchelnde Kreatur, die da umringt von ekstatisch tanzenden Indianern an vier Pflöcke gespreizt nackt am Boden lag, fühlte, war Mitleid und das war bestimmt das Letzte, was sie für Lucius Malfoy empfinden wollte. Doch sie war geboren, um zu heilen. Jedes verletzte Geschöpf wollte sie von seinen Schmerzen erlösen und er war verletzt. Die unzähligen Wunden der Pfeile, Messer und Äxte waren nicht tödlich, vor allem weil die Blutungen durch das sofortige Ausbrennen gestoppt wurden.
Die Brutalität der Krieger stand der Malfoys in nichts nach. Ja, er hatte es verdient, Marie wusste das besser, als jeder andere hier und doch erschreckte die ungeheure Grausamkeit sie zutiefst. Steckte wirklich in jedem Menschen ein Tier? Nein, kein Tier, das war ein schlechter Vergleich. Kein Tier würde seine Artgenossen so bestialisch foltern, das taten nur Menschen. Auch sie selbst hatte an Rache geglaubt und war eines Besseren belehrt worden. Sie konnte den Anblick des verkrüppelten Körpers nicht mehr ertragen. Die schrillen Schreie, die auf jede neue Verletzung folgten, drangen ihr durch Mark und Bein, fuhren ihr direkt ins Herz.
Sie saß an genau der Stelle, an der sie vor drei Tagen Teddys Blut im Sand entdeckt hatte. Die Bestrafung des Mörders sollte weitab vom Dorf der Indianer erfolgen. Der Ort des Überfalls war ideal. Maries Zauber verbarg das Geschehen vor allen unschuldigen Augen und Ohren. Denn natürlich durfte niemand davon erfahren, weder Muggel noch Zauberer. Selbstjustiz war in beiden Gemeinschaften strengstens verboten.
Was und wie viel das Ministerium erfahren musste, blieb Harry überlassen. Es war nicht einfach für ihn, der Minister war sein persönlicher Vorgesetzter. Doch er selbst hatte zugestimmt, den Verbrecher der trauernden Mutter zu überlassen. Die Schreie und Klagen, als sie den entstellten Körper ihres Kindes in den Armen hielt, hatten auch ihn überzeugt. Wenn es ihr helfen konnte, diesen schrecklichen Verlust zu ertragen, sollte es geschehen.
Auch Hermine hatte nur noch halbherzig widersprochen, nachdem sie die Leiche des Mädchens gesehen hatte. Gemeinsam mit Marie hatte sie versucht, die offensichtlichsten Wunden verschwinden zu lassen - mit wenig Erfolg! Die Indianerin saß daneben, wiegte sich klagend hin und her. Die Verzweiflung dieser Laute schnitt beiden tief ins Herz. Immer wieder sah Marie sich selbst dort sitzen und um Ari trauern und ihr Hass auf Malfoy wuchs ins Unermessliche.
Sie zogen dem Mädchen das Kleid an, betteten sie vorsichtig auf die Bahre, die die Männer aus Ästen gefertigt und mit Lederriemen am Pony der Mutter befestigt hatten. Die traurige Prozession machte sich langsam auf den Weg zurück ins Dorf und die riesige Kutsche folgte ihnen. Die beiden Krieger blieben mit Malfoy und Dracos Leiche zurück, bereiteten alles für die Bestrafung des Teufels vor. Maries Schutzzauber sorgten dafür, dass sie ungestört blieben. Die Bestattung des Mädchens konnte erst erfolgen, wenn er tot war. Erst dann fand ihre Seele Ruhe.
In der Kutsche herrschte eine gedrückte Atmosphäre. Severus betäubter Körper lag auf einem der Sofas. Ari und der Wolf saßen vor ihm am Boden. Remus und Tonks hielten sich an den Händen. Die Anspannung verzerrte ihre Gesichter. Marie hatte sie vor zu hohen Erwartungen gewarnt. Niemand konnte die Auswirkungen des Fluches vorhersagen. Würde Teddy sie erkennen? Immer stärker wurde die Nervosität, bis die Kutsche am Boden aufsetzte und Hagrids Stimme erklang. "Ihr könnt rauskommen, wir sind da."
Staunende Kinder, zahnlose alte Menschen mit weit aufgerissenen Augen und die restlichen Frauen, die auf die Rückkehr ihrer Männer warteten, starrten verblüfft auf die eigentümliche Gesellschaft, die aus der gewaltigen Kutsche stieg, die vor ihren Augen aus dem Nichts aufgetaucht war. Die Krieger warteten am Waldrand, ließen den Gästen den Vortritt, bevor sie Mutter und Tochter in die Mitte des Platzes geleiteten, der am Rand eines gewaltigen Felsmassives von Zelten umrahmt im Licht der aufgehenden Sonne vor ihnen lag.
Die Klagen der Dorfbewohner begleiteten die Besucher bis hin zu einer abseits gelegenen kleinen Nische im Fels. Ein junger Mann saß dort, blickte starr geradeaus, beachtete die auf ihn zustürzenden Menschen nicht, schien nicht zu fühlen, wie seine Mutter ihn umarmte, sein Vater neben ihm zu Boden sank und ihn an sich zog. Wie eine Puppe wirkte er, nicht leblos, aber völlig unbeteiligt, bis sein Blick auf das schwarzhaarige Mädchen fiel, das zusammen mit dem Wolf hinter den Erwachsenen stand und ihn anlächelte, während ihr die Tränen übers Gesicht liefen. "Teddy!", flüsterte sie. Da endlich kam Regung in ihn. Er schob Tonks und Remus rigoros zur Seite, stand auf und ging auf sie zu. Aber nicht Ari war es, den er umarmte - es war der Wolf!
"Sie sind eins!" Die Frau hatte unbemerkt in der kleinen Höhle gestanden. Jetzt trat sie ins Freie und blickte die Fremden aufmerksam an. Marie fasste sich als Erste. "Was meinst du damit?" "Der Junge - er ist leer, seine Seele ist in dem Tier." Marie nickte. "Ich hab es gefühlt, aber ich kann sie nicht finden." Die Indianerin sah sie neugierig an. "Du spürst die Geister?" Bevor Marie antworten konnte, ergriff Tonks ihre Hand. "Bitte, Marie!" Sie hielt ihr ein Haar entgegen, Teddys Haar.
Maries Magen zog sich krampfhaft zusammen. Sollte wieder sie es sein, die den Freunden die letzte Hoffnung raubte. Sie war sich sicher, die Frau hatte recht, zur Hälfte. Der Geist des Jungen war fort, aber er steckte nicht in dem Wolf, dort hätte sie ihn gefunden. Worin die Verbindung der beiden bestand, war ihr schleierhaft, vielleicht konnte ein Blick in Teddys Erinnerungen ihr Klarheit verschaffen. Sie zwang sich zu einen Lächeln, drückte Tonks Hand. "Ich will es versuchen."
Sie blickte Severus an, der wie die anderen auch den Wolf und den Jungen beobachtete. Noch kein Wort hatte er zu ihr gesagt, seit sie ihn geweckt hatte. Sie seufzte tief, dann deutete sie auf den Felsspalt. "Was ist da drin? Es ist einfacher, wenn es still um mich herum ist", fügte sie erklärend hinzu und die Indianerin nickte. "Nur die tote Frau. Sie wird dich nicht stören."
Ihre Worte zerrissen die Stille, alle Köpfe schnellten herum, starrten sie an. Severus zitternde Hand führte das Fläschchen zum Mund, schluckte, atmete auf und trat dann als erster durch den schmalen Spalt. Zögernd folgten die anderen. Tonks sank neben ihrer Mutter auf die Knie und streichelte die kalten Wangen. Marie erschauderte. Die Höhle war ebenso kalt wie der Keller, in dem das Mädchen gelegen hatte. Auch Grandma Tonks wirkte, als sei sie eben erst gestorben. Sie lag auf einer Bahre, ähnlich der, auf die das tote Mädchen gebettet worden war, um sie dorthin zu bringen, wo sie schmerzlich vermisst wurde, zurück nach Hause.
Tonks schluchzte laut auf und Remus schloss sie tröstend in die Arme, wiegte sie sanft. Die Züge der alten Frau wirkten friedlich, als wäre sie im Schlaf gestorben. Lucius Zauber hatte das Grauen aus ihrem Gesicht vertrieben. Die panische Angst, die sie im Augenblick ihres Todes um das Leben der Kinder empfand, war nicht mehr zu erkennen. Marie war beinahe dankbar dafür. Es erleichterte Tonks den Abschied und doch war es immer noch schwer genug, auch für sie selbst und für Severus.
Wie oft war sie bei ihnen zu Gast gewesen, hatte am Küchentisch gesessen und mit Pretty diskutiert, bis eins der Kinder kam und ungeduldig an ihrem Umhang zupfte. "Grandy komm spielen!" Ihr Lachen hallte noch in Maries Ohren, ihre Stimme: "Ihr gönnt einer alten Frau nicht mal ein paar Minuten Ruhe, ihr Quälgeister." Auch ihr war sie eine Freundin gewesen und Severus. Wieder suchte ihr Blick den seinen, fand ihn nicht. Die schwarzen Augen waren starr auf das Gesicht der toten Frau gerichtet, ausdruckslos, doch Marie wusste, er gab sich die Schuld.
Ari, Teddy und der Wolf erschienen im Eingang. Das Mädchen hielt die Hand des Jungen, führte ihn. Er ließ es geschehen. Der Platz wurde knapp. Hagrid zwängte sich nach draußen. Harry, Ron und Hermine folgten ihm. Marie trat zu Ari, zog sie fest an sich und strich Teddy sanft über die Wange. Es war, als berühre sie einen Stein, so leblos erschien er ihr. Ihre Hand strich über das Fell des Wolfes und da war es wieder, dieses vertraute Gefühl, warum nur konnte sie ihn nicht finden?
Die Indianerin legte ihr eine Hand auf den Arm und deutete nach draußen. Marie nickte und folgte der Frau in ein leeres, etwas abseits gelegenes Zelt. Ein Kessel dampfte über der Feuerstellte. Sie füllte zwei Becher, reichte einen Marie und ließ sich dann auf der mit Fell ausgelegten Schlafstelle nieder. Sie deutete auf die Decke und auch Marie setzte sich. "Ihr sprecht unsere Sprache", sagte sie, während sie an der heißen Flüssigkeit nippte, "aber ihr tut es nicht gern."
Die Indianerin sah sie nachdenklich an. "Du siehst mit dem Herzen, nicht mit den Augen, das ist selten bei eurem Volk." Sie trank und schloss die Augen, genoss das eigenwillige Gebräu. "Du hast recht. Wir werden gezwungen, das Leben der Weißen zu teilen, doch so oft es uns möglich ist, kehren wir hierher zurück. Leben so, wie unser Volk es schon immer tat, im Einklang mit der Natur und mit dem Einverständnis der kanadischen Regierung. Solange wir uns an ihre Regeln halten, stören sie uns nicht."
Sie betrachtete den Becher in ihrer Hand und schien zu überlegen, bevor sie weitersprach. "Der alte Brauch, unsere Toten zu verbrennen, war ihnen lange Zeit ein Dorn im Auge. Doch mittlerweile haben sie ihn akzeptiert. Die alte Frau, wollt ihr ihren Körper mit euch nehmen?" Marie schüttelte den Kopf. "Das ist nicht meine Entscheidung." Sie zögerte. "Rhana, wird sie auch ... verbrannt?" Die Indianerin nickte ernst. "Mit dem Rauch steigt ihr Geist zum Himmel, geht dorthin zurück, woher er kommt. Es ist eine sehr feierliche Zeremonie. Möchtet ihr daran teilnehmen?" "Dürfen wir das denn?" "Ihr habt sie uns zurückgegeben, wer wenn nicht ihr, hat das Recht dabei zu sein?" Marie lächelte leicht. "Danke!"
Die Stimmen der Krieger klangen vom Platz zu ihnen. Die Frau lauschte und blickte dann erstaunt auf Marie. "Du willst dabei sein, wenn der Mörder getötet wird? Hast du dir das gut überlegt?" Maries Züge verhärteten sich. Sie nickte entschlossen. "Ja, das will ich. Rhana war nicht sein einziges Opfer. So viele Mädchen hat er getötet - grausam gefoltert. Meine eigene Tochter sollte sein nächstes Opfer sein. Ja, ich will ihn leiden sehen!"
Die Hand der Indianerin legte sich auf Maries Stirn, verharrte kurze Zeit dort. Dann schüttelte sie den Kopf, sagte aber nichts. Sie nahm Maries geballte Faust, öffnete sanft die Finger und blickte auf Teddys Haar. "Damit kannst du ihn wiederfinden?" Marie zuckte zusammen. Tonks - sie musste zurück! Sie sprang auf. "Ich muss zurück. Ich bin die Einzige, die das kann."
Das Lachen der Indianerin klang seltsam, heiser und tief, wie ein Bellen. "Das mag heute so sein", sagte sie. "Bei unseren Ahnen war es weit verbreitet, in Haaren zu lesen. Von welchem Volk stammst du ab?" Marie starrte sie fassungslos an, wieder lachte sie. "Auch wenn deine Haut bleich ist, deine Augen und dein Herz verraten es, du hast indianische Wurzeln."
Ihre Worte trafen Marie wie ein Stich ins Herz. Sie wusste nichts über die Familie ihrer Mutter, nur dass ihr Vater Franzose gewesen war. Sie hatte nie nach weiteren Angehörigen geforscht. Doch jetzt war nicht die Zeit, darüber nachzudenken. "Vielleicht!", murmelte sie, schloss die Finger wieder über dem Haar und wandte sich zum Gehen. "Ich muss zurück, kommst du mit?" "Ja, ich möchte dir zusehen."
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