
von marie29
So sehr schockierten diese Worte sie, dass sie unfähig war, sich zu regen. Sie starrte in sein Gesicht, seine gequälten Augen, seine Lippen, so fest zusammengepresst, als wolle er sie nie wieder öffnen und erst da begriff sie. "Deshalb kannst du meine Berührung nicht ertragen? Severus, er hat dich dazu gezwungen!" Marie hatte seine Schultern gepackt und schüttelte ihn wie ein verstocktes Kind.
"Du hasst dich für etwas, was du niemals aus freien Stücken getan hättest, hasst deinen Körper, weil er so reagiert hat, wie Malfoy es befohlen hat. Jeder andere Teil deines Körpers hätte ihm ebenso gehorcht. Das Gefühl, das uns Menschen durchströmt im Augenblick höchster Erregung ist eine Reaktion des Körpers, du kannst es nicht beeinflussen. Es geschieht ohne deinen Willen und es ist wundervoll. Natürlich hast du es genossen, du hattest gar keine Wahl."
Immer noch strichen ihre Finger liebevoll über seine Wangen, wischten sanft die Tränen fort. Sie sah den tiefen Zweifel in seinen Augen, ihre Worte hatten ihn nicht überzeugt. "Was hast du empfunden, als Malfoy dich zwang, deine Hand in die Säure zu tauchen?" Er zuckte zusammen bei der Erinnerung, sah wieder Ari vor sich, aber Maries Geist zog ihn zurück. Sie wartete auf eine Antwort. "Schmerz", flüsterte er, "unerträglichen Schmerz." Marie nickte. "Ja, Schmerz. Und wie würdest du Schmerz definieren?"
Seine Augen weiteten sich, er begriff, worauf sie hinaus wollte. "Es ist ein Gefühl." "Ja, ein Gefühl, dass du nicht beeinflussen kannst, ein Gefühl des Körpers. Als er dich geheilt hat war ein anderes Gefühl in dir." Sein Gesicht verzerrte sich vor Widerwillen. "Ich war dankbar, dass der Schmerz vorbei war." "Genau! Dankbarkeit ist ein Gefühl des Geistes. Und jetzt sei ehrlich zu dir selbst. Was hast du empfunden, nachdem dein Körper die Befriedigung deiner Lust genossen hat?"
Seine Augen klammerten sich jetzt voller Hoffnung an sie. "Scham, Reue, Entsetzen." Sie lächelte jetzt. "Ja, Severus, das warst du. Das andere konntest du ebenso wenig verhindern, wie das Gefühl des Schmerzes. Kannst du das akzeptieren?" Seine Lippen zitterten, er konnte die Stimme fühlen, bevor er sie hörte. Verzweifelt schloss er die Augen, wollte sie zum Schweigen bringen, nicht hinhören, Maries Worte glauben.
Der Teufel in ihm fühlte, wie er ihm zu entgleiten drohte. Das konnte er unmöglich zulassen, auch wenn die Frau gefährlich nahe war, er konnte nicht schweigen. "Blödsinn! Es waren die sanften Hände deiner Tochter, ihre zarten Lippen, die kleine feuchte Zunge die dich erregt haben. Denkst du wirklich, du hättest es genauso genossen, wenn Draco an deinem Schwanz gelutscht hätte?"
Marie sah, wie Severus mit den schrecklichen Bilden in seinem Kopf rang. Der Morgen am Fluss fiel ihr ein, die ungeheure Erregung, die Dracos Fantasien in ihr selbst ausgelöst hatten. Sie wollte ihm zeigen, dass auch ihr Körper sie zutiefst erschreckt hatte, wollte ihn wissen lassen, wie gut sie ihn verstand. Ohne zu zögern, legte sie ihre Hände an seine Schläfen.
Der boshafte Klang der Stimme traf sie wie ein Schlag. Lucius Malfoy in Severus Kopf!
Nicht seine Erinnerungen waren es, die ihn so sehr quälten. Es war dieses Scheusal, dem es gelungen war, in den Geist des Mannes einzudringen, den er für alle Zeiten vernichten wollte, in dem er seinen Verstand zerstörte. Wieso hatte sie ihn nicht schon früher bemerkt? Ganz einfach, er hatte sich vor ihr versteckt und sie hatte nicht nach ihm gesucht, nichts von ihm gewusst. Er hatte Severus eingeredet, sie würde vor seinen Berührungen zurückschrecken, sich vor ihm ekeln.
Die Wut stieg unsagbar heftig in ihr auf, machte sie rasend. Da - er versuchte zu fliehen, hatte ihren Geist entdeckt. Alle Zauber, die Abramson sie gelehrt hatte um Voldemorts Seele zu fesseln, jagte sie hinter ihm her, drängte ihn zurück in den hintersten Winkel von Severus Gehirn, knebelte und fesselte ihn, sperrte ihn für alle Zeiten weg und kehrte dann schwer atmend in ihren eigenen Körper zurück.
Severus fühlte Maries gewaltigen Zorn, die enorme Kraft, mit der sie die verhasste Stimme verscheuchte. Er wagte nicht, sich zu rühren, die Augen zu öffnen. "Du musst keine Angst mehr haben. Er kann dir nichts mehr tun." Ihre Hände wanderten von seinen Schläfen zärtlich über sein Gesicht, streichelten die geschlossenen Augen, seine Wangen, seine Nase, jeden Zentimeter seiner Haut, wie sie es schon tausendmal getan hatte.
"Sieh mich an, Severus! Du bist nicht verrückt. Er ist wirklich. Er hat alles versucht, um dich in den Wahnsinn zu treiben, aber das Hypericum hat es verhindert. Es hat deinen Verstand gestärkt." Endlich sah er sie an. Sah die Wahrheit in ihren Augen und erstarrte vor Entsetzen. "Ein Teil seiner Seele in meinem Kopf? Ein Horkrux?" Marie nickte ernst.
"Ja, obwohl ich nicht glaube, dass ihm bewusst war, dass seine Seele gespalten war. Er hat so viele Morde begangen, ohne auch nur einen zu bereuen. Vielleicht hat sein Geist unbewusst versucht, sich zu verstecken, vor der gerechten Strafe zu fliehen, die ihn, wenn nicht zu Lebzeiten, so doch nach seinem Tod unweigerlich ereilen würde." Nachdenklich strich sie ihm weiter übers Gesicht. "Es muss so ähnlich gewesen sein wie bei Teddy und dem Wolf. Bist du je mit seinem Blut in Berührung gekommen?"
Sie ergriff Severus Hände, folgte ihm zurück in den Kerker. Die jähe Erkenntnis traf beide gleichzeitig. Es war nicht Lucius Blut gewesen, das seiner Seele Eingang in seinen Körper verschafft hatte. Der Kloß in Severus Hals schwoll so heftig an, dass er glaubte daran zu ersticken, wie damals. Dieser Druck, dieser Ekel. Der Geruch, der Geschmack. Er würgte, übergab sich, spie Lucius aus sich heraus.
Marie hielt seinen schlotternden Leib fest umschlungen, bis es vorbei war und dann - küsste sie ihn. Sanft und zärtlich, wischte den Schweiß von seiner Stirn und sah ihm tief in die Augen. "Ich liebe dich, Severus! Nichts wird daran etwas ändern." Sie ließ sich zurück in die Kissen sinken und zog ihn neben sich. Ihre Arme umfingen ihn, drückten seinen Kopf gegen ihre Brust und zum ersten Mal seit unendlich langer Zeit fühlte er sich sicher und geborgen.
So still und friedlich war es im Haus und in seinem Kopf. Ein befreiender Seufzer stieg vom tiefsten Grund seiner Seele in ihm auf, verdrängte für einen kostbaren Augenblick jedes andere Gefühl außer dem einen - Glück! Wie hatte er nur glauben können, er sei für alle Zeiten verloren. Marie würde ihn aus der Hölle zurückholen oder mit ihm verbrennen. Ihre Liebe zu ihm war grenzenlos, ebenso wie seine eigene. Jetzt endlich konnte er sie wieder fühlen.
Doch da war noch etwas anderer. Der rasende Zorn von Malfoys hilfloser Seele. Er presste sein Gesicht noch fester an Marie, atmete ihren Duft tief ein, genoss dieses wundervolle Gefühl in vollen Zügen, bis er sein Lachen nicht mehr unterdrücken konnte.
Es dauerte einen Augenblick, bevor Marie begriff, dass es kein Schluchzen war, das seinen Körper erzittern ließ. So ungewohnt war dieses Geräusch, dass sie fast nicht zu glauben wagte, was sie doch deutlich vernahm. Nie zuvor hatten ihre Ohren einen schönerer Klang vernommen als Severus Lachen. Ehrlich und echt klang es - voller Freude. Aber warum? Er sah die Frage in ihren Augen und konnte doch kaum sprechen. "Er ist so wütend!" Sie hatte Mühe, ihn zu verstehen und begriff doch sofort. Die Vorstellung war so kurios, dass auch sie nicht anders konnte, als loszuprusten
Tapsy, die damit beschäftig war, still und leise den Moosteppich zu säubern, hielt inne und starrte die beiden an, als sähe sie Gespenster. Ebenso wie Albus Kopf, der aus den Flammen des Kamins blickte und sich verdutzt die Augen rieb. Seine Geschwister drängten sich neben ihn und auch Ari und Katie trauten ihren Augen kaum. Der Anblick ihrer Eltern, die da engumschlungen am Sofa lagen und so herzhaft lachten, wie schon seit Ewigkeiten nicht mehr, war so beglückend, dass ihnen die Tränen in die Augen traten.
Remus und Tonks sahen erschrocken zu, wie alle drei plötzlich zu weinen begannen. Albus zog Ari und Katie an sich und sie erwiderten seine Umarmung und ließen ihren Gefühlen freien Lauf. "Was ist nur geschehen?", flüstere Tonks so schockiert, dass Albus sie über die Köpfe seiner Schwestern hinweg anlächelte. "Sie haben gelacht, beide, Mum und Dad!" Mehr brachte er nicht hervor, die ungeheure Erleichterung übermannte ihn erneut. Auch Tonks Augen wurden feucht, sie presste eine Hand auf ihr Herz und griff mit der anderen nach Remus. Die Hoffnung erfasste sie alle.
Das laute Grummeln in Maries Magen war es, das Severus wieder zur Besinnung brachte. Er legte seine Hand auf ihren Bauch und erschrak zutiefst, als er fühlte, wie dünn sie war. All die Wochen hatte er nicht bemerkt, wie schlecht es ihr wirklich ging und die alten Schuldgefühle stiegen wieder in ihm auf. Er kämpfte sie nieder. Seine Aufgabe war es jetzt, für Marie zu sorgen und das würde er tun. "Komm, Prinzessin - Abendessen!"
Als sie geraume Zeit später wieder gemeinsam am Sofa saßen, stellte Severus die Frage, die Marie die ganze Zeit über gefürchtet hatte. "Kannst du ihn aus meinem Kopf treiben, zurück ...". Die grässliche Erinnerung ließ ihn immer noch erschaudern, aber keine Panik stieg in ihm auf, beim Gedanken an den Schrecken dort im Keller. Er bemerkte, wie Marie erschrak und sah sie lächelnd an. "Sorg dich nicht, ich hab nicht vor, ihn noch einmal so zu berühren. Sicher genügt es, wenn ich ihn beiße." Er grinste schadenfroh, als er das Entsetzen bemerkte, dass Lucius Seele bei diesem Gedanken ergriff. "Er will nicht zurück! Fürchtet sich wohl vor den Dementoren, der Feigling."
Marie legte ihm sanft die Hand auf den Arm. "Bevor ich diese Frage beantworten kann, muss ich noch etwas tun. Vertrau mir!" Erneut legte sie ihre Hände an seine Schläfen, drang in seinen Geist ein und kroch durch die Windungen seines Gehirns bis zu Malfoys Verließ. Er verstand die Worte nicht, die sie ihm zuflüsterte, aber er fühlte, wie sein Peiniger vollends erstarrte. Seine grauenvolle Angst erfüllte Severus mit tiefer Genugtuung.
"Was hast du getan?" Seine Neugier tat Marie so gut, nach all den Wochen wortlosen nebeneinander her Lebens, dass schrecklicher gewesen war, als sie es sich je hätte vorstellen können. Wie sehr sie diesen Mann liebte! Trotzdem hatte sie Angst vor seiner Reaktion. Wie würde er aufnehmen, was sie ihm nun nicht länger verschweigen konnte?
"Ich hab dafür gesorgt, dass er nichts mehr sieht und nichts mehr hört, denn was ich dir jetzt sage, ist nicht für seine Ohren bestimmt." Sie zögerte nur kurz. "Lucius Malfoy ist tot! Nicht die Dementoren haben ihn damals geholt, es waren die indianischen Krieger. Er ist auf unvorstellbar qualvolle Weise gestorben. Zurecht und doch ...", ihre Stimme wurde so leise, dass sie kaum noch zu verstehen war, "es war einfach nur schrecklich, einen Menschen so leiden zu sehen."
Sie ließ sich zurücksinken, zog die Beine an den Bauch und verbarg ihr Gesicht in einem der Kissen. Er schwieg so lange, dass sie es kaum noch ertrug, bevor er fragte: "Du warst dabei?"
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