
von Mabji
âSeverus, wo hast du Annabell gelassen?â, fragte Minerva ihren Lehrer für Zaubertränke, der soeben die Große Halle durch die Tür hinter dem Lehrertisch alleine betreten hatte und sich nun auf seine Bank fallen ließ, welche ihm ohne Annabell viel zu leer vorkam.
Er seufzte tief. âAnnabell ist in London. Sie zieht heute offiziell aus ihrer Wohnung aus und kauft dann später das leerstehende Haus unten im Dorf. Ich hätte sie gerne begleitet, aber es konnte in den Ferien leider kein Termin gefunden werden!â, gab er schließlich leise zurück.
Überrascht stellte er fest, dass er normaler Weise nie so viel mit der alten Frau sprach, eigentlich hätte ein âIn Londonâ reichen müssen.
Vielleicht färbte Annabells aufgeschlossene Art langsam auf ihn ab? Es würde ihn nicht wundern!
Die Weihnachtsferien waren viel schneller rum gegangen, als alle Weihnachtsferien, die Severus davor erlebt hatte. Aber er hatte ja auch noch nie so viel Spaß in der kalten Jahreszeit gehabt!
Annabell und Severus hatten in den freien Tagen eigentlich täglich etwas unternommen. Mal waren sie nur Spazieren gewesen, es hatte eine sehr unfaire Schneeballschlacht gegeben und dann waren sie mal Essen gegangen in einem hübschen, italienischen Restaurante, welches eine Freundin von Annabell betrieb.
Für diesen Abend hatte Annabell sich extra aus dem Stoff, welchen Severus ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, ein umwerfendes Kleid genäht!
Wirklich lange hatte sie es an dem Abend allerdings nicht an.
Severus hatte sich bei ihrem Anblick nicht beherrschen können, das Essen möglichst schnell runtergewürgt und hatte sie dann wieder in seine Wohnung und dort in sein Bett geschleift.
Allerdings nur, weil Annabell es für nicht angebracht gehalten hatte mit ihm auf der Toilette zu verschwinden und dort mit ihm zu schlafen.
Letzte Woche hatten sie dann gemeinsam einen Termin zum einlösen von Severus Weihnachtsgeschenk gemacht, bei einem Tätowierer aus der Winkelgasse.
Geschlagene drei Stunden hatten sie mit dem Besitzer des Laden darüber diskutiert, welches Motiv es denn werden sollte. Das der Mann sich das überhaupt solange hatte gefallen lassen, war schon ein Wunder.
Schließlich hatte Annabell in einem der Skizzenbücher eine Fledermaus mit weit ausgebreiteten Flügeln gefunden. Hinter ihrem Kopf hatten rote Flammen gezüngelt, welche zu den Flügelspitzen langsam blau würden, und in ihren Krallen hatte sie das Ying und Yang Zeichen gehalten, ebenfalls in Blau-Rot.
Severus hatte lange mit sich selbst gehadert.
So schön das Bild auch auf dem Papier wirkte, so hatte er doch nicht gewusst, ob dies das Richtige war. Und schließlich kannte er seinen Spitznamen unter den Schülern, da war er schließlich schon die Fledermaus.
âIch weiß nicht, was dich daran stört!â, hatte Annabell gesagt. âFledermäuse sind extrem niedlich! Ich mag diese Tiere und wenn du mal ganz ehrlich zu dir selbst bist, dann musst du zugeben, dass dir dein Spitzname gefällt, oder Sev?â
Schelmisch hatte sie gelacht und schließlich hatte er eingesehen, dass er ihr sowieso nichts hätte vormachen können! Also hatte er nun ein neues Tattoo, da wo das Alte gewesen war, und er war mehr als glücklich, diesen Schandfleck nie wieder sehen zu müssen!
Während des Stechens hatte Annabell die ganze Zeit Severus Hand gehalten. Es hatte eigentlich nicht groß weh getan, nur als die Linien des Todessermals übermalt worden waren, war er in Scheiß ausgebrochen und hatte sich heftig auf die Zunge beißen müssen, um ja keinen Laut des Schmerzes von sich zu geben, ganz so, wie er es sich vor Jahrzehnten antrainiert hatte.
Annabell hatte sich nicht beschwert, als er ihre Hand immer fester drückte, sondern hatte ihm einfach liebevoll über die Stirn gestrichen und ihn hin und wieder geküsst.
Das war der Moment gewesen, in dem Severus klar geworden war, wie sehr er Annabell schon liebte und das er sich ein Leben gar nicht mehr ohne sie vorstellen konnte!
Das er verliebt gewesen war, hatte er schon vorher gewusst, aber nun wusste er auch, dass dieses Gefühl tiefer ging und beständiger war, als eine einfache Schwärmerei.
Doch richtig euphorisch war er erst gewesen, als er nach dem Stechen sein Armband wieder angezogen und entdeckt hatte, dass auch sein Anhänger von einem sanften Sonnengelb durchzogen wurde, welches auf Annabells Gefühle zurückzuführen war!
Am liebsten wäre er in dieser Sekunde direkt mit seinen Gefühlen für sie heraus geplatzt, aber er wusste ganz genau, was sie darauf gesagt hätte, daher hatte er es gelassen, um sich keine Abfuhr einzuhandeln. Vielleicht brauchte sie einfach Zeit?
Mit einem Kopfschütteln riss Severus sich wieder in die Gegenwart und begann mit dem Mittagessen.
oOoOoOoOo
Etliche Kilometer weiter südlich, war Annabell gerade vor ihrem alten Haus angekommen. Sie hatte noch eine halbe Stunde Zeit, bis die Frau von der Hausverwaltung kommen wollte, um zu kontrollieren, ob mit der Wohnung auch wirklich alles in Ordnung war.
Annabell hoffte sehr, dass sie ihr Kaution zurück bekommen würde, immerhin waren das ca. 100 Galleonen gewesen, zumindest wenn sie sich richtig erinnerte, wie viel sie damals bei den Kobolden eingetauscht hatte.
War ja auch egal, da sie noch etwas Zeit hatte, beschloss Annabell noch einmal in die Wohnung zu gehen, um sicherzustellen, das mit dieser auch alles in Ordnung war.
Schließlich hatte sich schon mal jemand einfach Zutritt verschafft und ein riesen Chaos hinterlassen. Es wäre sicherlich nicht hilfreich, wenn das nun wieder passiert wäre.
Die Wohnung war zwar eigentlich leer, aber man konnte ja nie wissen!
So lief Annabell die vielen Treppen bis in den fünften Stock hoch. Sie musste zugeben, dass sie jetzt doch gerne Severus dabei gehabt hätte!
So selbstsicher sie auch heute Morgen getan hatte, so fühlte sie sich in diesem Augenblick überhaupt nicht. Sie schollt sich selbst in Gedanken eine Närrin und versicherte sich immer wieder, dass ihr hier nichts passieren könnte, kramte aber trotzdem sehr aufwendig in ihrer Handtasche nach dem Schlüssel, um das Betreten noch ein paar Sekunden länger hinaus zu zögern.
Sie wusste nicht wieso, aber sie hatte plötzlich ein furchtbar schlechtes Gefühl.
Sie stand vor der Tür und blickte auf die Uhr. Es war gerade Zeit fürs Mittagessen in Hogwarts. Wenn sie gewollt hätte, dann könnte sie Severus schnell eine Nachricht schicken und ihn her bitten, aber das war doch albern!
In diesem Haus lebten mindestens 60 Menschen, davon würden auch ein paar Zuhause sein und wenn wirklich was schlimmes passieren sollte, dann könnte sie ja zu denen laufen und um Hilfe bitten.
Also atmete Annabell noch ein paar Mal beruhigend durch und steckte dann den Schlüssel in die Tür.
Sie hatte ihn noch nicht einmal zur Hälfte herum gedreht, da wurde die Tür mit einem Ruck aufgerissen und Annabell starrte völlig verwirrt und wie gelähmt in ein Gesicht, dass sie nur zu gut kannte!
Rote, lockige Haare, Hornbrille und heute auch noch ein kaltes Lächeln auf den Lippen. Der Schnulzenkönig, wie er leibt und lebt!
Zu keiner Reaktion fähig, war das Erste, was Annabell in dieser Sekunde dachte: âScheiße, Severus hatte recht!â
Erst dann wurde in ihrem Körper ein Schalter umgelegt und sie setzte zu einem Spurt zum Treppenhaus an, doch da traf sie schon ein stummer Zauber in den Rücken und ihre Arme und Beine schnappten fest zusammen.
Sie hörte den Kerl lachen, als sie mit dem Gesicht voraus auf die kalten Fliesen im Flur krachte.
âOh, du glaubst doch nicht wirklich, dass du mir weglaufen kannst, oder?â, fragte er und zog Annabell dann grob an ihren Haaren herum. Ihre Nase blutete heftig. Beim Aufprall musste sie sich diese gebrochen haben, doch den Schnulzenkönig schien das Blut nur zu amüsieren.
Verzweifelt versucht Annabell in ihrem inneren die Ganzkörperklammer abzuwerfen, doch sie war zu panisch und wusste, dass sich ihre Magie so nicht richtig Bündeln konnte.
âWarum nur hatte sie nicht auf ihr schlechtes Gefühl gehört? Warum hatte sie nicht Severus um Hilfe gebeten? Das hatte sie jetzt von ihrem verfluchten Stolz!â, dachte sie verzweifelt, als der Rothaarige ihre Haare noch fester packte und sie daran in ihre alte Wohnung schleifte.
Die Tür krachte mit lauter Endgültigkeit ins Schloss und verschluckte damit fast alles Licht, welches in den Raum gedrungen war. Der Mann hatte die Rollladen herunter gelassen.
Warum war ihr das von Draußen nicht aufgefallen?
Er ließ ihre Haare los und ihr Kopf knallte zurück auf den Fußboden. Einen Augenblick lang tanzten Sterne vor Annabells Augen. Benommen musste sie mehrmals blinzeln, bis sie wieder klar sehen konnte und auch schon heftige Kopfschmerzen einsetzten.
Irgendwo hinter ihr flackerte Licht auf und sie vermutete, dass er im Kamin ein Feuer entfacht hatte.
Als er schließlich wieder in ihr Blickfeld trat, wusste Annabell, dass sie richtig in der Klemme steckte.
Der Schnulzenkönig hatte seinen Umhang abgelegt und sein Hemd schon aufgeknöpft. Sie konnte seine unförmigen, kindlichen Oberkörper sehen und eine unangenehme Vorahnung machte sich in ihr breit, als er auch noch seine Gürtel öffnete.
âDa dachte die kleine Hure doch wirklich, dass sie sich vor mir verstecken kann.â, sagte er mit tiefer Verachtung in der Stimme. âIch muss zugeben, dass ich äußerst wütend war, als du einfach verschwunden bist, nachdem ich dein Wasser vergiftet hatte. Ich hatte es mir so schön vorgestellt! Ich komme her, finde dich in schlechtem Zustand, rette dich und du verliebst dich in mich.â
Annabell spürte einen Schauer über ihren Rücken laufen. Sie war zu dem Zeitpunkt der Vergiftung zwar schon mit Severus befreundet gewesen, aber alle tiefer gehenden Gefühle hatten sich erst entwickelt, nachdem er ihr geholfen hatte.
War sie wirklich so leicht zu manipulieren? Wäre es möglich gewesen, dass sie für den Schnulzenkönig dadurch etwas entwickelt hätte? Hoffentlich nicht!
Innerlich schüttelte sie den Kopf. Das war jetzt alles nicht wichtig! Sie musste sich konzentrieren und den Fluch abschütteln, sonst würde sie nie Hilfe erwarten können.
âIch wüsste wirklich zu gern, wohin zu verschwunden bist.â, sagte der Rothaarige und wirkte einen Augenblick nachdenklich, doch dann beugte er sich plötzlich runter und riss Annabells Bluse mit einer Hand kaputt.
âAber im Grunde ist es egal, oder? Hier wird dich ohnehin niemand finden!â, sagte er und lachte gemein. âUnd hören wird dich auch keiner. Also schrei ruhig!â
Er löste die Ganzkörperklammer von ihr und ihr Körper wurde schon von einem unbändigen Glücksgefühl durchschwappt, doch schon in der nächsten Millisekunde holte er mit dem Bein aus und trat ihr dann heftig gegen den Kopf.
Annabell hörte nur zu deutlich ihren Kiefer knirschen, bis er schließlich mit einem lauten Knacken brach. Sofort schmeckte sie Blut und ihr wurde schlecht. Ächzend drehte sie sich auf die Seite und spuckte dann ein paar Zähne zusammen mit dem roten Lebenssaft aus.
Ihr war furchtbar schwindelig, aber sie wusste, dass sie vielleicht nicht ewig Zeit haben würde, daher drehte sie sich noch weiter auf den Bauch und zog ihre Hände hoch, bis vor ihr Gesicht.
Sie hatte Schwierigkeiten den Anhänger an ihrem Handgelenk zu sehen, alles war verschwommen, daher griff sie bei den ersten beiden versuchen ins leere.
Erst dann erwischte sie ihn, drückte ihren Daumen fest auf die Mitte des Schmuckstücks und versuchte zu sprechen, doch sie musste erst noch einmal einen vollen Mund Blut ausspucken.
âSeverus, hilf mir!â, sprach sie eindringlich und es war ihr egal, dass der Schnulzenkönig sie hören könnte. âBitte, Sev. Er wird mich umbringen! Meine alte Wohnung! Beeil dich!â
âWas flüsterst du da, Miststück? Bettelst du deinen Lover an, dass er dir hilft? Wie soll der dich hören, idiotisches Weib?â, mischte sich der Angreifer von hinten ein und lachte höhnisch. âSei lieber nett zu mir, dann lasse ich dich vielleicht am Leben!â
Annabell wollte noch etwas sagen, da spürte sie einen weiteren heftigen Schmerz, der durch ihr Bein zuckte. Sie konnte sich nicht mehr zurückhalten und schrie wimmernd auf.
Es war zu viel. Sie konnte eine solche Menge an Schmerz einfach nicht ertragen!
âSchnell!â, war das letzte, was sie flüstern konnte, dann ließ sie den Anhänger los und die Dunkelheit der Ohnmacht brach über ihr zusammen.
Mit dem letzten Rest ihres Bewusstseins flehte sie zu allen Göttern, dass Severus ihren Hilferuf bekommen würde.
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