
von Mabji
Währendessen saß Severus immer noch nichtsahnend am Lehrertisch und hatte sich inzwischen einem Stück Kuchen zugewandt, den er noch vor drei Monaten nicht mal eines Blickes gewürdigt hätte.
Seit er Annabell kannte, hatte sich vieles verändert.
Irgendwann in den Weihnachtsferien hatte die Frau zu ihm gesagt: “Weißt du, ich glaube nicht, dass dich irgendwer für weniger respekteinflößend halten würde, wenn du mal was Süßes zum Nachtisch isst, Severus! Du machst dir dadurch nur das Leben selbst schwer, weil du denkst, deinen Ruf verteidigen zu müssen!”
Zunächst hatte ihn ihre Aussage wütend gemacht, aber je länger er darüber nachdachte, desto mehr musste er mal wieder zugeben, dass sie recht hatte. Er hatte seit Jahrzehnten auf alles Süße verzichtet, weil es ihm wie eine Schwäche vorgekommen war.
Und man, hatte er in den Ferien viel Schokolade gegessen, nachdem er seinen Irrtum erstmal eingesehen hatte.
In diesem Moment saß seine Chefin mit einem Schmunzeln im Gesicht neben dem Tränkemeister und beobachtete dessen Appetit mit wohlwollen.
“Sag Severus, mir ist dein Armband schon vor einer Weile aufgefallen!”, begann sie plötzlich und fing den baumelnden Anhänger mit Leichtigkeit ein. “Die ganzen verschiedenen Farben sind wirklich hübsch. Annabell hat auch so eines, nicht?”
Severus nickte nur. Er wusste nicht ob es klug wäre, der alten Frau zu sagen, dass er dieses Schmuckstück vor allem auf praktischen Gründen trug.
“Haben die Farben denn irgendeine Bedeutung? Was bedeutet zum Bespiel dunkelgrau?”, fragte sie weiter und drehte den Anhänger so, dass auch Severus die Flüssigkeit besser sehen konnte.
Mit einem lauten scheppern fiel Severus seine Gabel aus der Hand und er entriss der Frau seinen Arm um sich das Schmuckstück ganz nah vor die Nase zu halten.
Panik schwappte durch seinen Körper. Und diese wurde noch schlimmer, als sich das Dunkelgrau langsam in Schwarz verwandelte. Schweiß trat Severus auf die Stirn. Er stand auf und lief ruhelos hinter dem Lehrertisch auf und ab, nicht bemerkend, dass er durch sein seltsames Verhalten die Aufmerksamkeit aller auf sich gezogen hatte.
Verdammt! Er hatte gewusst, dass es keine gute Idee war, Annabell alleine nach London gehen zu lassen! Warum hatte er nicht auf sein Gefühl gehört?
“Severus, was ist passiert?”, fragte Dimitri, der gerade in die Halle gekommen war. Severus selbst fiel gar nicht auf, dass der andere ihn nicht wie immer beleidigte, zu groß war seine Sorge um die Frau, die er liebte.
“Annabell ist in Schwierigkeiten!”, brachte er nur gepresst hervor und lief weiter hin und her.
“Woher weißt du das?”
Der schwarzhaarige ließ seinen Arm in die Richtung seines Kollegen rucken, der duckte sich schon, weil er wohl dachte geschlagen zu werden, doch Severus ließ nur den Anhänger vor dessen Gesicht baumeln.
“Schwarz steht für Todesnähe!”
Einen Moment lang trat vollkommene Stille ein.
“Was zum Teufel machst du dann noch hier? Hilf ihr!”, rief Minerva, die aufgesprungen war und zu ihm trat.
“Ich kann nicht! Ich weiß nicht, wo genau sie ist! Wenn sie mir nur eine Nachricht schicken könnte, dann…”, doch er brach ab, denn genau in dieser Sekunde erschien in der nachtschwarzen Flüssigkeit langsam eine kleine, silberne Sonne.
Ohne zu zögern druckte er seinen Zeigefinger darauf und nahm die Nachricht entgegen.
Gleich in der nächsten Sekunde zuckte er heftig zusammen, als Annabells Stimme merkwürdig dumpf zu ihm durchdrang.
“Severus, hilf mir. Bitte, Sev. Er wird mich umbringen! Meine alte Wohnung! Beeil dich!”
“Was flüsterst du da, Miststück? Bettelst du deinen Lover an, dass er dir hilft? Wie soll der dich hören, idiotisches Weib? Sei lieber nett zu mir, dann lasse ich dich vielleicht am Leben!”, brüllte ein Fremder laut. Viel lauter, als Annabell selbst gesprochen hatte. In Severus Hinterkopf regte sich etwas. Es war nur ein unbestimmtes Gefühl, aber er meinte die Stimme von irgendwoher zu kennen!
Der folgende Schrei ließ Severus Herz für ein paar Schläge lang aussetzten und alle seine Haare sträubten sich. Er spürte, wie er taumelte, doch starke Arme packten ihn und hielten ihn aufrecht. Zu seiner Überraschung war es Dimitri.
“Schnell!”, flüsterte Annabell noch und er konnte hören, dass sie kaum noch Kraft hatte.
Zwanzig Jahre lang war Severus Spion gewesen, er hatte nie gezögert, immer sofort gehandelt, wenn er in bedrohliche Situationen geraten war, aber nun übermannte ihn eine so vernichtende Angst, dass er absolut Handlungsunfähig wurde.
Die Stille, die nach der Nachricht über der Halle lag drückte unangenehm, auf sein Trommelfell und als sich jemand am Gryffindortisch erhob, war das rascheln des Stoffs so laut, wie ein Gewittersturm.
Severus Kopf wirbelte zu den Löwen herum und er erblickte Ron Weasley, der mit hochroten Ohren und grünem Gesicht dort stand.
“Percy!”, sagte er schlicht.
Severus schloss einen Moment lang die Augen und atmete tief durch. Percy Weasley? Das würde zumindest erklären, woher er die Stimme kannte. In seine Beine strömte das Gefühl zurück und er stellte sich wieder gerade hin, ohne sich auf Dimitri stützen zu müssen, packte diesen aber schon eine Sekunde später fest am Kragen.
“Wenn du deine Schwester liebst, dann geh und sag Poppy, dass sie gleich einen Notfall bekommt! Ich muss Annabell helfen!”, knurrte er und ohne sich noch einmal umzusehen stürmte er zu dem Kamin in dem kleinen Zimmer hinter dem Lehrertisch.
Er packte das Flohpulver, dass immer bereit stand, mit der linken Hand, ließ die Hälfte ins Feuer rieseln und verschwand dann in den wirbelnden, grünen Flammen.
Unelegant stolperte er wieder aus dem Kamin in Annabells alter Wohnung und stürzte auf die Knie.
Als er den Kopf hob, erstreckte sich vor ihm ein Bild des Grauens. Annabell lag genau vor ihm auf dem Bauch. Ihr Augen waren geschlossen und sie war ganz offensichtlich nicht bei Bewusstsein. Ihr ganzes Gesicht war mit Blut verschmiert und trotzdem konnte er die dunkle Schattierungen sehen, die von Blutergüssen stammten.
Ihr linker Arm stand in einem unnatürlichem Winkel vom Körper ab. Ihre ganze Kleidung hing verfetzt an ihrem Körper.
Auf ihrem Rücken waren tiefe Schnitte, auch ihr rechtes Bein schien gebrochen.
Doch egal wie schlimm Annabells körperlicher Zustand auch war, nichts davon war so schlimm, wie die Tatsache, das sich Percy Weasley gerade immer wieder in Severus Freundin hinein treib, dabei laut stöhnte und es offenbar auch noch genoss eine völlig wehrlose Frau so zu misshandeln.
Ein schmatzendes Geräusch drang an Snapes Ohren, dass nur vom wiederholten eindringen ins Annabells Geschlecht stammen konnte.
Noch hatte Percy ihn nicht bemerkt, seine Augen waren geschlossen und offenbar war er komplett in seine Empfindungen vertieft.
Am liebsten hätte Snape sich übergeben, aber es gab jetzt wichtigeres.
Darauf bedacht keine Geräusch zu machen, zog er seinen Zauberstab.
Er wollte schon einen Fluch auf diesen Widerling werfen, doch da dieser in Annabell war, würde er sie automatisch mit verletzten und das konnte er einfach nicht riskieren!
Seinen alten Kampfgeist zurückgewinnend brachte er sich wieder auf seine Füße. Zum ersten Mal in seinem Leben war er dankbar für all die Jahre, die er mit Schleichen und Spionieren verbracht hatte, denn diese Erfahrung half ihm nun sich unauffällig an den anderen Mann heran zu pirschen.
Dieser war zu sehr zu sehr mit sich selbst beschäftigt um zu hören, wie Severus aus versehen ganz leicht mit der Schuhspitze gegen Annabells Schlüssel stieß.
Nur noch zwei Schritte, und er könnte den Anderen am Kopf packen. Noch einer! Am liebsten würde er schon zugreifen, aber dann wäre sein Stand nicht sicher genug.
Er machte den letzten Schritt, war nun Nah genug. Stellte sich breitbeinig hin, um festen tritt zu haben und hörte, wie unter seinem linken Fuß etwas knirschte.
Erschrocken von dem Geräusch riss der Weasley nun doch die Augen auf, entsetzten zeigte sich in seinen Augen und auch Severus war erschrocken, aber nicht erschrocken genug um nicht mehr handeln zu können!
Sein Arm zuckte nach vorne, seine Finger krallten sich in den roten Haaren fest und mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, riss er Weasley am Kopf von Annabell runter und schleuderte ihn gegen die nächste Wand.
Zu seinem Verdruss musste er feststellen, dass der Widerling nicht Ohnmächtig geworden war. Stattdessen hob er nun den Kopf und blinzelte Snape aus tränenden Augen heraus an.
“Professor? Was soll den das?”, kam es leise von ihm, doch Severus richtete schon seinen Zauberstab auf Percy und lief seine aus ihm hervor schnippen, die sich schneidend um den halbnackten Körper des Mannes schnürten. Er brauchte alles an Selbstbeherrschung, um nicht noch einmal zu dem Schnulzenkönig zu gehen, um diesem die selben Verletzungen zu zufügen, wie er sie Annabell beigebracht hatte.
So vorsichtig er konnte, ging er neben der schönen Frau, die komplett in Blut getränkt war, in die Knie und hob sie in seine Arme.
Selbst in der Ohnmacht wimmerte sie vor Schmerzen und tränen vermischten sich mit dem Blut in ihrem Gesicht.
Er war schon neben dem Kamin, da drehte er sich ein letztes Mal zu Weasley um.
“Komm nie wieder in Annabells Nähe! Sollte ich dich noch einmal sehen, werde ich dich töten!”, sagte er eisig.
Dann trat er ins Feuer, ließ den Rest Flohpulver aus seiner Hand rieseln und schlüpfte schon Sekunden später aus der Feuerstelle im Krankenflügel von Hogwarts, wo ihm eine aufgeregte Poppy sofort entgegen kam und sich an die Arbeit machte.
Von dem Wutanfall des dritten Weasleysohns bekam er nichts mehr mit, genau so wenig, wie von den Nachbarn, die den Krach in der Wohnung gehört hatten, denn Annabell hatte beim Ausräumen der Wohnung auch die Stille- und Schutzzauber gelöscht.
So fanden sie den rothaarigen Mann in der seltsamen Situation und dem vielen Blut auf dem Boden, dass nicht sein eigenes war.
Weniger als eine halbe Stunde später wimmelte es in der Wohnung vor Menschen, die sich einen überblick zu verschaffen suchten.
Severus hingegen saß in der Zeit bangend am Krankenbett seiner Geliebten.
Einige Wunden waren schnell zu beheben gewesen, aber der Arm zum Beispiel war so kompliziert gesplittert, dass die Krankenschwester keine Wahl hatte, als alle Knochenstücke aus dem Arm zu entfernen und diese qualvoll nachwachsen zu lassen, wie bei Harry Potter damals.
Auch die inneren Blutungen würden ihre Zeit zum heilen brauchen, gerade, da viele noch von der Quecksilbervergiftung wenige Wochen zuvor geschwächt waren.
Ob Annabell es überstehen würde und welcher Verfassung sie dann seelisch seien würde blieb abzuwarten. Doch für Severus stand fest, dass er sie nun nie wieder aus den Augen lassen würde!
Den Fehler hatte er oft genug gemacht!
Genau wie es ein Fehler gewesen war, dass er nach der Geburtstagsfeier, bei der Annabell schon etwas ins Getränk gemischt worden war, nichts unternommen hatte.
Es wäre seine Aufgabe gewesen, denn Missetäter ausfindig zu machen, aber er hatte sich auf ihre Worte verlassen und angenommen, dass sie nie wieder in die Nähe des Mannes kommen würde, weil sie hier in Hogsmead und Hogwarts ein neues Leben anfangen würde.
Das hatte er nun davon und er hoffte wirklich, dass Annabell ihm seinen Leichtsinn verzeihen könnte!
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