
von MissCadogan
"Es wird leer in dir, wenn du dir selber abtrünnig wirst."
Antoine de Saint-Exupéry, Die Stadt in der Wüste, Citadelle
Draco spürte eine tiefe Leere in sich. Leere, die die ständige Angst ersetzt hat, die er während des Kriegs permanent spürte. Er war sich nur noch nicht sicher, ob dieses Gefühl von Nichts wirklich besser war. Natürlich, seit Voldemort gefallen war und dessen Anhäger tot oder in Askaban waren, konnte Draco endlich wieder atmen. Er hatte seiner Familie den Rücken gekehrt, seinen Vater seither nicht mehr gesehen. Und das würde er auch nicht, denn Lucius war zu lebenslänglicher Haft in Askaban verurteilt worden und in diese Hölle würde Draco keinen Fuß setzen. Dass er selbst nicht dort sitzen musste, verdankte er nur einer Regelung des neuen Zaubereiministers Kingsley, durch die sogenannte „Jugendliche Mitläufer“ nicht zur Rechenschaft gezogen wurden – und wenn er ehrlich war, so war er auch nichts weiter als eben ein feiger Mitläufer gewesen. Er hatte nie den Mut gehabt sich von den Todessern abzuwenden, denn immerhin war Selbstmord für ihn nie in Frage gekommen. Lange bevor der Krieg seinen Höhepunkt erreicht hatte, hatte Draco nur noch zugesehen. Seither ist ihm – zumindest freiwillig – nicht mal mehr ein schlechtes Wort gegenüber den Menschen über die Lippen gekommen, die er eigentlich hätte töten sollen. Im Gegenteil: auch Draco hat still gehofft und gebetet, dass Sankt Potter die Welt rettet. Denn er hatte keine Kraft mehr gehabt. Und er wollte auch nicht mehr sehen und hören, was Krieg mit den Menschen machte. Und auf den „Jungen, der überlebte“ inklusive seinem Anhängsel war wie immer Verlass – dieses ungleiche Trio hatte den vermeindlich mächtigsten schwarzen Magier gestürzt. Und bei Merlin, Draco könnte nicht dankbarer sein. Eine Tatsache, die niemand, am wenigsten er selbst, für möglich gehalten hätte. Und eine Tatsache, die Draco verdeutlichte, wie einsam er jetzt, nein, eigentlich schon immer war. Er hatte keine Menschenseele, die ihm so Nahe stand, dass er Dankbarkeit oder Zuneigung für diese empfand. Also versuchte sein Unterbewusstsein anscheinend diese Empfindungen auf das goldene Trio zu lenken. Aber er war Draco Malfoy! Ein Malfoy! Er konnte Potter einfach nicht dankbar sein....Aber was bedeutete es in diesen Tagen schon, ein Malfoy zu sein?!
Draco besah sich während dieser Gedankenspiele im Spiegel. Er sah mitgenommen aus – seine vornehme Blässe war schon lange einer kränklichen gewichen. Seine Frisur allerdings war wieder makellos. Hellblondes, weiches Haar, das ihm locker in die Stirn fiel. Auch seine Kleidung ließ natürlich nicht zu Wünschen übrig. Alles in allem war er also kein absolutes Wrack – immerhin ein Fortschritt. Vor 3 Monaten noch war er hinüber. Draco hatte sich also einigermaßen gefangen, keine Frage.
Er löste seinen Blick in den Spiegel und schritt durch die Balkontür auf seine Dachterrasse, die zu seinem gemietet Appartement gehörte. Dieses hatte er unmittelbar nach Kriegsende bezogen, da er es auf dem Manor nicht mehr ausgehalten hätte und niemanden, nicht mal die Elfen, sehen wollte. Draco atmete die warme Spätsommerluft ein, sah hinauf in den sich verdunkelen Himmel und genoß die Ruhe. Schon morgen um diese Uhrzeit würde er in der großen Halle sitzen, unerträglichem Geschnatter lauschen müssen und wahrscheinlich saß die Königin von eben diesem direkt neben ihm – Pansy. Sowie Blaise und er selbst hatte auch sie beschlossen, die Schule zu beenden, da sich alle drei nach dem Geschehenen wohl nicht mehr bloß auf ihre Namen und Kontakte verlassen konnten. Es ging nicht um Geld, denn das besaßen die drei – allen voran Draco – wie Heu, nachdem sie ihre Eltern aufgrund von Tod oder Gefangenschaft schon früher als gedacht beerbt hatten. Was ihnen wichtig war, war ein guter Platz in der Gesellschaft, denn natürlich wussten sie aus eigenen Erfahrungen wie man Aussätzige behandelte – nur, dass sie diesmal selbst dann diese seien könnten.
Er war nervös, denn er sah die meisten Schüler seit der Schlacht von Hogwarts zum ersten Mal wieder. Wie würden sie ihn behandeln? Draco schämte sich für einen solchen Gedanken, wo er doch immer ganz vorne mit dabei war, wenn es jemandem an den Kragen ging. Noch einmal atmete er die warme Luft tief ein, in der Hoffnung, die übelen Gedanken dann auch mit auszuatmen und ging zurück in sein Appartement. Nach einer ausgiebigen Dusche, die es aber auch nicht schaffte, seinen Kopf still zu stellen, legte er sich in sein riesiges Bett. Dort hatte Draco viel Zeit in den letzten Wochen verbracht und würde es deswegen wohl am meisten vermissen - er selbst verdrehte die Augen bei dem Gedanken daran, dass er sogar nur Gegenstände hatte, die man vermissen konnte. Merlin, wann und wie war er so weich geworden? Es kotze ihn an, doch gleichzeitig wünschte er sich doch nur, dass er diese innere Leere füllen konnte – mit irgendwas...mit irgendwem. Der junge Malfoy sank in den Schlaf - sah Potter vor sich hertanzen, das Wiesel lauthals lachen und Granger überheblich grinsen. Er konnte andere Hogwartsschüler sehen, die ihm Flüche nachjagten und ihn vom Astronomieturm werfen wollten...
Bis Draco endlich aufwachte. Lange vor dem Wecker zwar, aber in wachem Zustand verfolgten ihn zumindest keine wahnsinnig gewordenen Erstklässler. Er ging duschen und, da er direkt zum Bahnhof apparierte, zog er sich bereits daheim seine Schuluniform an, wenn er auch den Umhang aufgrund des sonnigen Wetter oben im Koffer verstaute. Er hatte kein Vertrauenschülerabzeichen erhalten – es hätte ihn auch gewundert, wenn die Schreckschraube Gonagall gerade ihm die Ehre erwies. Natürlich wusste er, dass er es nicht verdient hatte.
Im Zug angekommen, hatte er sich direkt eins der vorderen Abteile gesichert und seinen Koffer abgelegt. Zum Glück hatte er kein Haustier, das er überall mit hin schleppen musste – wobei er dann vielleicht auch weniger einsam wäre, überlegte er. Die Abteiltür glitt auf und Blaise stand vor ihm. Er hatte nie übelegt, wie er einem Freund aus Kindertagen nach den Geschehnissen gegenüberstehen sollte. Blaise war lange sein bester Freund gewesen, allerdings nie so radikal eingestellt wie seine Mutter und eben wie Draco, sodass die Freunde sich bereits vor dem Krieg voneinander entfernt hatten. Auch wenn Blaise nie für die gute Seite gekämpft hat, so ist er wenigstens früh genug vor der schlechten geflüchtet – machte ihn das zum besseren Menschen? Während der Blonde diese Gedanken innerhalb einiger Sekunden abspulte, hatte Blaise ihn bereits in eine freundschaftliche Umarmung gezogen. Draco wusste nicht damit umzugehen, aber es störte ihn auch nicht. „Du siehst ganz schön beschissen aus, Alter!“, strahle der dunkelhäutige Slytherin seinem Hauskameraden entgegen. „Du siehst dank deiner Gene wie immer blendend aus, aber bilde dir nichts drauf ein, Zabini, denn das ist nicht alles im Leben!“, erklärte Draco ganz offen und auch wenn diese Aussage als Scherz verpackt wurde, konnte Blaise den angeknacksten Unterton heraushören. Also begann er behutsam etwas genauer nachzufragen. „Ich denke, dass das alles dich ziemlich mitgenommen hat? Und jetzt ist dein Vater auch noch lebenslänglich in Askaban?“ „Er kann froh sein, dass ihn die Dementoren nicht küssen dürfen. Wenn du mich fragst, hätte er es nicht anders verdient...“ „Woah, woah, woah...“, stammelte Zabini, „hab ich irgendwas verpasst?“ „Meine Ansichten haben sich verschoben. Ich seh jetzt klarer. Nein, ich sah schon viel früher was eigentlich richtig war, aber eben doch nicht früh genug...", redete der Blonde sich in Rage, "..Ich kam nicht mehr raus! Ich wollte das doch alles nicht! Die ganzen Leute, die schreien und bluten und sterben und ich stehe nur da und bewege mich nicht, schaffe es nicht mal die Augen zu schließen..wie..wann..bin ich so geworden?!“ und die letzten Worte waren eher gebrüllt als gesprochen: Draco Malfoy brüllte Blaise Zabini seinen Schmerz entgegen, bevor er weinend auf die Bank im Abteil sank. Glücklicherweise war dies verschlossen, sodass den Ausraster wohl nicht allzu viele mitbekommen haben dürften. Blaise starrte Draco für einen Moment nur an, dann sagte er völlig überzeugt „Ich wusste, dass du nie einer von denen warst...nich wirklich zumindest. Ich habe es dir auch sooft versucht zu zeigen, aber damals warst du so verblendet. Es tut mir leid, dass dir die Augen auf diesem Weg geöffnet wurden, aber Draco: sie wurden wenigstens geöffnet. Du warst und bist fähig Unmenschlichkeit und Irrsinn zu erkennen und das trotz deiner Vergangenheit und Erziehung. Du bist kein schlechter Mensch...“ Draco schluckte schwer, während er Blaise musterte. Es gab jemanden, der gut über ihn dachte, nein, der sogar immer gut über ihn gedacht hatte. Seine Mundwinkel zuckten unwillkürlich und er brachte nur ein gedämpftes „Danke!“ heraus, aber das Geröll, das sich von seinem versteinertem Herzen löste, vernahm er ganz deutlich. Er hatte einen Freund. Wieso hat er nicht den Mut gefunden, Blaise zu kontaktieren? Es hätte vieles einfacher sein können... Wo war eigentlich Pansy?, fragte er sich selbst, bevor er zu dem Schluss kam, dass sie wahrscheinlich Vertrauenschülerin war und dort im Abteil saß.
Schweigend saßen die zwei Slytherins in ihrem Abteil, jeder in eigenen Gedanken versunken, als dieses aufgeschoben wurde und ein kleines Mädchen die Stille unterbrach. Ängstlich spähte sie zu Draco. „Ähm..du wirst von Professor Slughorn in seinem Abteil erwartet..ich sollte dir das nur ausrichten..“, stotterte sie und war so schnell wieder verschwunden wie sie aufgetaucht war. Was zur Hölle wollte sein neuer Hauslehrer von ihm? Das Schuljahr hatte doch noch nicht mal begonnen. „Wahrscheinlich werde ich als böser Sohn eines Todessers schon mal vorgewarnt mich zu benehmen...“, schloss der blonde Slytherin düster. „Warte doch erstmal ab...Slughorn ist jedenfalls um einiges besser zu ertragen als Snape es war...“. „Wenn du das sagst...“ antwortete Draco dem dunkelhäutigen und machte sich auf den Weg durch den Zug. Überall fröhliches Gelächter und Leichtigkeit, die er einfach nicht verspüren konnte, obwohl er das erste Mal in seinem Leben wirklich frei war. Draco spürte einen Stich in der Magengegend.
Er atmete noch einmal tief durch, bevor er die Tür zu Slughorns Abteil öffnete. Sein Hauslehrer mit dem mehr als rundlichen Bauch begrüßte ihn wirklich herzlich und bedeutete ihn sich zu setzen. „Draco, mein Lieber. Seit der verheerenden Schlacht haben wir uns nicht mehr gesehen. Wie ist es Ihnen seither ergangen? Ich hörte davon, dass Sie nun allein leben?“ „In der Tat. Ich will nichts mehr von der Vergangenheit und alles was damit zu tun hat wissen...also...bitte..“ „Keine Frage, keine Frage“, antwortete der Professor mitfühlend, „zumal ihre Unschuld bewiesen ist. Ich wollte mit Ihnen auch nicht über den Krieg sprechen. Viel mehr diene ich nur als Überbringer einer Nachricht von Professor McGonagall.“ Bei Merlin, was wollte die Schreckschraube von Schulleiterin denn, bevor er überhaupt die Schwelle zum Schloss übertreten hat, von ihm? Sein Blick sprach anscheinend Bände, denn Slughorn erklärte weiter „Oh keine Angst, mein lieber Draco. Keiner will Ihnen etwas böses. Im Gegenteil. Professor McGonagall hält es für eine große Chance für Sie, wenn man Ihnen, nach allem was passiert ist, Verantwortung zukommen lässt. Eine Position, in der sie sich beweisen können. Deswegen wurden Sie zu einem unserer Schulsprecher ernannt. Meinen Glückwunsch, Draco!“ Bei Merlin, was? Nein, bitte nicht. Nicht zu viel Aufmerksamkeit. Und erst recht nicht nur aus Mitleid. „Professor, verzeihen Sie, aber ich denke, dass ich weniger dazu geeignet bin. Ich würde mein letztes Schuljahr gerne in Ruhe verbringen...“ „Pappalapp, das ist eine großartige Gelegenheit den Leuten zu zeigen, was in Ihnen steckt. Dass sie nicht das sind, was Ihnen viele andichten möchten!“ Draco schätze dir Worte seines Professors. Und vielleicht war es wirklich keine allzu schlechte Idee, denn immerhin wollte er seinen Ruf ja wieder reinwaschen. „Sie sagten ich würde einer der Schulsprecher. Wer ist der andere?“, fragte er also. Bei seinem Glück war es leider kein zweiter Slytherin, denn sonst würde dieser hier mit ihm sitzen. Wahrscheinlich war er einer der Streber aus Ravenclaw. „Oh, 'die andere', Draco. Es ist Hermine Granger, was wohl keine wirkliche Überraschung ist“, lachte der herzliche Professor. Nein, dass sie Schulsprecherin wird, hätte ihm klar sein müssen. Freute er sich? Nein. Aber sie würde sich noch viel weniger freuen. Sie hasste ihn! Er mochte sie auch nicht..aber er hatte ihr einiges zu verdanken, was seinen Hass ihr und ihren Freunden gegenüber verblassen ließ. „Sie finden sich vor der Feier in Ihren neuen Räumlichkeiten ein und erhalten dort ihre Abzeichen“ „Moment, neue Räumlichkeiten?! Das heißt?“, fragte Draco perplex. „Oh, den Schulsprechern steht ein eigener Turm zur Verfügung, da man von Ihnen viel verlangt und das als Team. Die verschiedenen Gemeinschaftsräume würden diese Zusammenarbeit unnötig erschweren, meinen Sie nicht?“, lachte der Hauslehrer. „Ja, kann schon sein...“, murmelte Draco in Gedanken, „wo finde ich den Turm?“ „Der Eingang dazu befindet sich im 3. Stock gegenüber des Gemäldes der betrunkenen Hofdamen“ „Ok, danke. Professor“, nickend verabschiedete sich Draco und flüchtete zurück in sein Abteil, gespannt, was Blaise davon hielt...
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