
von Dilli
BRRRRRRRRRRRRRRRRRRRR.
Nicht sein Ernst, oder? Wie kam dieser bescheuerte Wecker denn ausgerechnet jetzt auf die Idee zu klingeln? Es war doch schließlich noch mitten in der Nacht. Ich konnte nämlich maximal drei Stunden geschlafen haben, so wie ich mich fühlte.
AUA, mein Kopf. Ich hätte gestern Abend definitiv keinen Rotwein mehr trinken, sondern hätte beim Whiskey bleiben sollen. Wie lautete Trinkregel Nummer 1: Bleibe immer beim gleichen Getränk. Und ich dumme Kuh hatte natürlich zwischendrin wechseln müssen. Das hatte ich jetzt davon, einen Mordskater. Oh mein Gott, wie sollte ich denn den heutigen Schultag bloß überleben? Und dieses Geschrei von den Kindern erst, die sich lauthals über ihre Ferien unterhielten. Ging gar nicht. Nein, ich würde lieber hier im Bett bleiben und blau machen.
Und macht bitte endlich mal jemand diesen Scheißwecker aus? Konnte doch nicht angehen, dass der immer noch klingelte.
Hallo, guten Morgen, Mimi. Wer soll denn bitteschön den Wecker ausmachen? Hier in diesem Bett liegst nur Du und Du wirst einen Scheißdreck tun und den Unterricht schwänzen. Du bist nicht nur eine ganz normale Lehrerin, sonder auch noch die stellvertretende Direktorin. Wie kommt denn das bei den Kollegen und den Schülern an? Du wirst jetzt Deinen Knackarsch aus dem Bett und ins Bad bewegen und dann gehst Du schön brav nach unten und trinkst erst einmal 10 Liter Kaffee, das ist das, was Du brauchst. Blau machen ist nicht!
Ach, meine innere Stimme. Wie sehr ich sie doch liebte. Aber sie hatte recht. Ich musste in den Unterricht, ob ich wollte oder nicht. Es war doch immerhin nur ein kleiner Kater, den ich da hatte. Das war nichts, was mein Lebenselixier nicht wieder gerade biegen konnte.
Ich rappelte mich kurz auf, schlug auf meinen Wecker, der auf meinem Nachtkästchen stand, drehte mich um und ließ mich wieder fallen. Fünf Minuten hatte ich noch. Genügend Zeit um einigermaßen wach zu werden. Hmmm, war mein Bett schön warm, aber irgendetwas stimmte nicht ganz. Die Decke schien ziemlich hart zu sein. Normalerweise ließ sie sich richtig gut zusammen knautschen, aber heute...
Ich schlug ein Auge auf und versuchte heraus zu finden, warum mein Bett nicht so war, wie es sein sollte und wieso es anders roch als sonst. Irgendwie leicht herb.
„AAAAAAAAAAAAAAAAAAAH“ schrie ich auf und sprang aus dem Bett.
Was zur Hölle war denn das? Da war etwas, was dort definitiv nicht hin gehörte. Siebzehneinhalb Jahre lang hatte ich immer alleine geschlafen – mal ganz abgesehen von Filou – aber heute schien das nicht der Fall gewesen zu sein, denn auf der linken Seite meines Bettes lag kein geringerer als Cole Taylor und schlief den Schlaf der Gerechten.
Heilige Scheiße, wie war der denn da hin gekommen? Und wieso hatte er nichts an? Gut, ich konnte nur seinen Rücken sehen, da er auf dem Bauch lag und die Decke bis zur Hüfte hinauf gezogen hatte, aber er war mit ziemlicher Sicherheit obenherum nackt.
Schnell schaute ich an mir herunter und sah etwas rotes. Mist, das war eindeutig Coles Hemd, das er am Abend zuvor getragen hatte.
„FUCK“, rief ich laut aus und suchte hastig nach meinem Morgenmantel, konnte ihn aber nirgends entdecken.
Aber wieso hatte ich das Hemd überhaupt an? WIESO? Wenigstens trug ich einen Slip, das beruhigte mich schon ein wenig, aber...
„Mimi, ist alles in Ordnung“, nuschelte Cole und streckte sich.
Die Decke rutschte herunter und offenbarte eine dunkelrote Boxershort. Ansonsten trug er nichts. Mist! Was hatte ich denn jetzt schon wieder angestellt? Was hatte ich heute Nacht getan, als ich vollkommen betrunken gewesen war? WAS?
Ich durchforstete mein Gehirn nach irgendwelchen Erinnerungen, aber ich fand nur gähnende Leere. Ich hatte einen absoluten Filmriss. Verdammt, das war mir ja noch nie passiert. Ich erinnerte mich noch daran, dass ich nach dem Fest in den Speisesaal gegangen und dort eine Kleinigkeit gegessen hatte, dann war ich mit Cole nach oben gegangen, damit wir uns noch ein wenig unterhalten konnten. Ich hatte eine Flasche Rotwein geöffnet. Aber anschließend? Nichts... Schwärze, Dunkelheit. Oh oh, das war nicht gut, ganz und gar nicht.
„Was machst Du hier“, rief ich schrill.
Ich war am Rande einer Panikattacke. Das konnte nicht sein, das DURFTE nicht sein. Ich hatte doch nicht etwa mit Cole geschlafen, oder? Bitte nicht! Das war so... PEINLICH!
„Mimi, es ist alles okay“, meinte Cole und grinste. „Beruhige Dich!“
„Ich soll mich beruhigen? Soll das ein verdammter Witz sein, oder was? Wie soll ich mich denn beruhigen, wenn ich keine Ahnung habe, was heute Nacht passiert ist? Ich wache auf und denke mir nichts böses und plötzlich liegst Du halb nackt in meinem Bett und ich trage Dein Hemd. Großer Gott, das darf nicht wahr sein. Da trinke ich einmal Alkohol und dann geschieht so etwas. Ich bin ja so was von bescheuert!“
Ich hatte keine Ahnung, was ich jetzt machen sollte. Was tat man denn in so einer Lage? Wie ging man mit dem anderen um? Eines wusste ich allerdings genau: Ich konnte Cole nie wieder unter die Augen treten. Mir war das ganze so unangenehm. Ich hatte nicht nur einen megamäßigen Rausch gehabt, sondern anscheinend auch noch mit einem Freund / meinem ehemaligen Lehrer geschlafen. Bei Merlins Unterhose, wie hatte das nur geschehen können? Da lebte ich eine so lange Zeit abstinent und dann stieg ich bei der erstbesten Gelegenheit mit irgendeinem Kerl ins Bett. Gut, Cole war nicht irgendein dahergelaufener Volltrottel, aber trotzdem.
Das hast Du wirklich ganz toll hin gekriegt, Marie Duchesse, echt jetzt. Das ist eine ganz super Glanzleistung von Dir gewesen. Dafür bekommst Du glatt Standing Ovations.
„Ich habe diese Nacht auf jeden Fall sehr genossen“, erwiderte Cole und lächelte noch immer.
„Oh Gott!“
Ich schlug mir die Hände vors Gesicht. Das war unmöglich. Ich war ja so was von blöd, blöd, BLÖD! Ich war tatsächlich mit ihm im Bett gelandet. Himmel, hilf mir!
Doch plötzlich war da noch eine andere Stimme in mir, die dachte: Und Du hast es nicht einmal mitbekommen, Du dumme Kuh! GAAAAAH, still jetzt, ihr verdammten Gedanken! So darf ich nicht denken. Cole ist ein Freund und ein Kollege. Das ging absolut gar nicht.
Da spürte ich zwei Hände auf meinen Handgelenken und keine Sekunde später zog Cole mir die Hände von meinem Gesicht.
„Pscht, Mimi“, sagte er leise und blickte mich fast liebevoll an. „Hab keine Angst, es ist nichts passiert.“
„Ist es nicht“, fragte ich ihn und lief feuerrot an. Dieser Blick und diese Augen... Nein, Mimi, Schluss jetzt!
„Nein, wirklich nicht. Du warst so betrunken, dass Du gar nicht mehr dazu in der Lage gewesen wärst. (Oh Gott!) Und selbst wenn, dann hätte ich es nicht getan. Ich mag es, wenn Frauen sinnlich und empfänglich sind, wenn ich mit ihnen schlafe, aber das warst Du nicht. Und ich stehe definitiv nicht auf Nekrophilie.“
„Aber Du hast eben gesagt...“
Doch er legte mir den Finger auf den Mund und unterbrach mich. Grrr, ich hasste so etwas. Ich beende meine Sätze gerne. Aber der Blick, mit dem mich Cole jetzt anschaute, brachte mich ohnehin automatisch zum Schweigen.
„Ich weiß, was ich gesagt habe und es war nichts als die reine Wahrheit. Aber damit meinte ich nicht Sex, Mimi. (Gaaah, dieses Wort aus seinem Mund. Hilfe!) Ich wollte Dir damit eigentlich sagen, dass ich es sehr schön fand, neben jemandem einzuschlafen. In der Nacht fühle ich mich immer einsam, weißt Du.“
„Aber wieso hast Du denn überhaupt hier geschlafen? Ich meine, Du hättest mich auch einfach ins Bett legen und wieder gehen können.“
Das meinte ich ernst. Wieso hatte er sich neben mich gelegt? Wenn er wieder gegangen wäre, dann wäre mir jetzt diese peinliche Situation erspart geblieben.
„Ich habe mir Sorgen um Dich gemacht. Du warst so betrunken. Ich hatte Angst, dass Du irgendeinen Blödsinn anstellst. Zum Beispiel schlafwandelst und Dir den Hals brichst. Oder dass Du Dich vielleicht übergeben musst und an dem Erbrochenen erstickst.“
„Na, vielen Dank auch. Warum hast Du denn dann nicht auf dem Sofa geschlafen, sondern Dich zu mir ins Bett gelegt?“
Das interessierte mich wirklich brennend. Ich meine, ich war von Natur aus neugierig, aber hierbei ging es um etwas so Wichtiges, dass ich es wissen musste.
„Ich weiß auch nicht, Mimi“, seufzte Cole. „Ich habe Dich hingelegt und war plötzlich selbst so müde. Ich habe gar nicht daran gedacht, dass ich mich auf die Couch legen könnte. Es tut mir leid. Ich wollte nicht, dass Du Dich deswegen jetzt schlecht fühlst.“
„Womit wir auch schon bei meiner nächsten Frage wären. Warum trage ich Dein Hemd und nicht meine eigenen Klamotten?“
„Ich wollte, dass Du es bequemer hast. Außerdem wäre Dein Anzug völlig zerknittert gewesen, wenn Du ihn anbehalten hättest. Ich wollte nicht in Deinem Schrank wühlen, also habe ich Dir mein Hemd angezogen.“
„Aber vorher hast Du mich ausgezogen.“
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung. Schon wieder einmal traf ich den Nagel auf den Kopf. War ja auch wirklich sehr schwierig, denn ich hatte ja Beweise genug.
„Ja, habe ich.“
Kurzer Check, denn ich musste es wissen. AAAAH, wo war mein BH?
„Auch den BH“, schrie ich ihn an.
Oh Gott, oh Gott, oh Gott. Das durfte nicht wahr sein. Ging es denn noch schlimmer? Ich brauche ganz dringend ein Loch, in dem ich versinken kann. Oder noch besser ein Gewitter und ich werde vom Blitz erschlagen. Ließe sich das vielleicht einrichten?
„Ja“, antwortete Cole und hatte zumindest den Anstand, peinlich berührt zu Boden zu blicken. „Aber ich habe nicht hin geschaut.“
„Das wäre ja auch noch schöner gewesen.“
Ha, wer's glaubt. Ich nahm ihm ja viel ab, aber das nicht. Jeder Mann, da war ich mir absolut sicher, hätte einen Blick darauf geworfen. JEDER! Scheiße, das wurde ja immer schlimmer. Ich konnte mich nie wieder bei ihm blicken lassen. Ich will sterben.
„Es tut mir wirklich leid, Mimi“, sagt Cole verlegen. „Ich habe nicht bedacht, dass Dir das so unangenehm sein könnte. Ich wollte Dir wirklich nur helfen, weil Du nicht mehr in der Lage warst, Dich selbst auszuziehen.“
„Und warum trägst Du dann keine Klamotten mehr?“
„Na ja, ich wollte es schließlich auch bequem haben. Und Du kannst froh sein, dass ich überhaupt etwas an habe, denn normalerweise schlafe ich...“
„Das will ich gar nicht hören“, rief ich laut und versuchte, meine Hände zu den Ohren zu bewegen. Instinktiv wollte ich sie mir zuhalten, aber Cole ließ mich nicht, denn er hatte ja immer noch meine Handgelenke umklammert.
„Entschuldige, das ist mir so raus gerutscht, Mimi. Aber hör mal, ist Dir das wirklich so peinlich? Es ist doch wirklich nichts passiert.“
„Das hat damit nichts zu tun. Du hast mich einfach so ausgezogen. Wir würdest Du denn da reagieren? Es ist mir einfach unangenehm. Das musst doch wohl gerade Du verstehen, nach allem, was Du über mich weißt.“
Ich hatte Cole in meinen Briefen sehr viel erzählt und er war es auch gewesen, bei dem ich mich damals ausgeheult hatte, nachdem ich Fucking Bat mit seiner Exfreundin im Bett erwischt hatte. Da hatte das mit unserer Freundschaft angefangen und er wusste ganz genau, wie ich mich fühlte. Er wusste, dass ich mich von der Liebe verabschiedet hatte und dass ich nie wieder einem Mann so nahe sein wollte. Und dann machte er so etwas. Er zog mich einfach aus. Es war egal, ob er es gut gemeint hatte oder nicht, aber es war MEIN Körper, den er da gesehen hatte. HALBNACKT!
„Ich sagte doch schon, dass es mir leid tut“, meinte er und versuchte, mir in die Augen zu schauen, aber ich konnte seinen Blick nicht erwidern. „Außerdem brauchst Du Dich wirklich nicht zu schämen. Du hast einen tollen Körper.“
„Hör bitte auf damit. Das macht es nur noch schlimmer. Wenn Du mich jetzt also bitte alleine lassen würdest. Ich brauche dringend etwas Abstand und muss mich außerdem für den Unterricht fertig machen.“
„Natürlich, Mimi, das verstehe ich. Ich gehe auch mal und mache mich frisch. Wir sehen uns dann beim Frühstück, oder?“
„Bestimmt.“
Sehen würden wir uns, aber ob ich mit ihm sprechen würde war eine andere Frage.
„Dann bis gleich, Mimi.“
Und ehe ich es mich versah, hauchte er mir noch einen Kuss auf die Stirn, drehte sich um und ging. Und was machte ich? Ich blieb als ein kleines Häufchen Elend zurück.
Ich ging unter die Dusche, zog mich an und eilte zum Frühstück. Dort setzte ich mich rechts neben Olympe, was nun mein offizieller Platz als ihre Stellvertreterin war und trank meinen, wirklich notwendigen, Kaffee. Danach machte ich mich auf den Weg zum Unterricht. Heute war Gott sei Dank schon Freitag und so hatte ich ein relativ freies Wochenende vor mir, denn es gab ja noch keine Aufsätze zu korrigieren. Als ich die dritte Tasse Kaffee in mich hinein schüttete, nahm ich mir vor, Cole möglichst aus dem Weg zu gehen und stattdessen jede Menge Sport zu treiben. Vielleicht würde mir das Joggen helfen, diese peinliche Situation zu vergessen.
Der heutige Schultag ging sehr schnell herum, wie ich zugeben muss. Heute stand hauptsächlich Verwandlung auf dem Programm. In der zweiten Klasse, die ich zu Beginn hatte, wiederholte ich den kompletten Stoff des letzten Jahres und ließ sie am Ende noch Frösche in ein Glas Wasser verwandeln. Das war nicht weiter schwierig. Als nächstes folgte die dritte Klasse. Auch hier das gleiche Spiel: Wiederholung und danach noch einfache Zauberübungen. Das mag vielleicht etwas einfallslos sein, aber ich wusste selbst, wie ich als Schülerin meine Ferien größtenteils verbracht hatte. Mit Nichtstun. Deswegen wollte ich meine Schüler erst einmal wieder rein kommen lassen.
Bei den Sechstklässlern am Nachmittag sah es anders aus: Sie waren jetzt in meinem UTZ-Kurs und mussten härter ran genommen werden. Zufrieden sah ich, dass sich immerhin 15 Schülerinnen und Schüler für mein Fach entschieden hatten. Dort begann ich gleich mit dem Thema menschliche Verwandlungen, aber erst einmal in der Theorie. Danach kam noch die vierte Klasse dran und ihnen gab ich gleich einmal ein paar ZAG-Aufgaben. Es war zwar noch eine lange Zeit bs zu ihren Prüfungen, aber je eher sie damit anfingen, umso besser. Danach hatte ich noch zwei Stunden alte Runen. In der siebten Klasse und der vierten. Ihnen gab ich einfache Übersetzungen. Und schon war der Tag auch schon wieder vorbei.
Nach dem Unterricht ging ich nach oben in mein Zimmer und legte erst einmal meinen Umhang ab. Gott sei Dank war das nicht so ein Sack wie damals in England, sondern eine Art Cape mit Ärmeln, in die man hinein schlüpfte. Er war eigentlich recht bequem, aber trotzdem waren mir meine Jeans, die ich am Feierabend trug viel lieber. Doch heute schmiss ich mich gleich in mein Trainingsoutfit, um eine Runde laufen zu gehen. Das brauchte ich jetzt, denn die Situation von heute Morgen wollte mir einfach nicht aus dem Kopf gehen. Vielleicht würde mir das Laufen ja dabei helfen.
Als ich mich auf den Weg nach draußen machte, spähte ich immer erst einmal um die Ecken, um Cole möglicherweise aus dem Weg gehen zu können. Ich wusste auch nicht so genau, warum ich das tat, aber ich würde es, glaube ich, jetzt nicht ertragen, Cole gegenübertreten zu müssen. Mir war das einfach so unangenehm. Ich meine, Hallooo, er hatte mich nicht nur völlig außer Kontrolle, sondern auch noch halb nackt gesehen. Denn sagen konnte er viel, aber ich nahm ihm überhaupt nicht ab, dass er nicht einen Blick auf meine Brüste riskiert hatte. Das war einfach so untypisch für einen Mann.
Wie durch ein Wunder schaffte ich es unbemerkt auf die Ländereien und lief zum Strand hinunter um dort meine gewohnte Strecke zu laufen. Es war herrlich. Ich war einfach nur ich selbst in diesem Moment. Es gab nichts und niemanden, was sich im Moment in meine Gedanken schlich. Ich konzentrierte mich ganz auf meine Schritte und meine Atmung. Ein- und Ausatmen. Kontrolle. Power. Meine Füße trugen mich wie selbstverständlich über den Sand und es fiel mir überhaupt nicht schwer. Ich hatte einfach schon zu viel Übung darin, sodass ich genau wusste, wie ich meine Schritte machen musste, um nicht auf die Fresse zu fallen. Das Laufen war einfach meine Leidenschaft, mein Leben und mein Ersatz für so viele schöne Dinge im Leben. Und ich liebte es.
Ich lief in etwa eine Stunde, dann musste ich leider zurück ins Schloss, weil es Zeit fürs Abendessen war. Wie gerne hätte ich das einfach geschwänzt, aber Olympe verlangte von uns Lehrern, dass wir anwesend sein mussten, auch wenn es uns noch so schlecht ging. Das mag jetzt vielleicht ein klein wenig tyrannisch wirken, aber ich konnte sie schon irgendwie verstehen. In Beauxbatons waren wir einfach wie eine große Familie und dort gehörte ja auch das gemeinsame Abendessen mit dazu.
Also machte ich mich schweren Herzens auf in den Speisesaal. Hier standen insgesamt acht große runde Tische, an denen sich die Schüler nach Klassen unterteilt hin setzten. Es gab hier in Beauxbatons keine Einteilung nach unterschiedlichen Schulhäusern, da wir erstens nur einen Schulgründer hatten und zweitens Olympe der Meinung war, dass dies nur die Rivalität unter den Schülern förderte. Recht hatte sie.
Wir Lehrer hatten auch einen eigenen Tisch, der genau in der Mitte stand, sodass wir die Schüler beobachten konnten. Denn auch wenn das Schulklima eigentlich super war, so gab es doch einige Streitereien und Schüler, die immer wieder Blödsinn machten.
Ich setzte mich auf meinen Platz neben der Direktorin und machte mich über meine Quiche her, die mit Speck, Käse und Frühlingszwiebeln gefüllt war. Sie schmeckte ziemlich gut, auch wenn mir ein saftiges Stück Fleisch jetzt lieber gewesen wäre. Ich war dankbar dafür, dass eigentlich alle Kollegen ihren festen Platz hatten, sodass ich nicht neben Cole sitzen und mich mit ihm unterhalten musste. Trotzdem saß er in meinem Blickfeld und ich spürte genau seine Blicke auf mir ruhen. Doch ich ignorierte sie und konzentrierte mich stattdessen auf mein Essen.
„Marie, wann hast Du denn dieses Wochenende mal Zeit, damit ich Dir schon einmal ein bisschen was von Deinen Aufgaben zeigen kann“, riss mich Olympe von meiner Quiche los. „Da gibt es schließlich einiges, was Du wissen musst.“
Ich schluckte den Bissen hinunter und wandte mich ihr zu, dankbar, dass ich so meinen Gedanken entfliehen konnte, die wieder einmal ein Eigenleben führten.
„Ich habe eigentlich nichts vor“, gab ich zurück und schaute in ihre dunklen Augen. Sie waren fast schwarz und erinnerten mich jedes Mal an andere Augen, die ich einst so sehr geliebt hatte. Nicht daran denken, Mimi. Böse Gedanken, pfui! „Sag mir einfach, wann Du Zeit hast, dann komme ich.“
„Wollen wir uns gleich morgen nach dem Frühstück zusammen setzen?“
„Ja klar, wieso nicht.“
Halleluja, das war doch die Ausrede schlechthin um nicht mit Cole den Tag verbringen zu müssen. Denn ich hatte so das Gefühl, dass er mich mit Sicherheit danach gefragt hätte. Immerhin kannte er sich hier nicht aus und da wir ja miteinander befreundet waren...
„Sehr schön, Marie. Ich weiß es ziemlich zu schätzen, dass Du auch noch Deine Freizeit dafür opferst. Du hast immerhin so wenig davon bei all den Aufgaben, die Du schon übernommen hast.“
„Das macht mir überhaupt nichts aus, Olympe, das weißt Du doch. Ich bin froh, dass ich so viel zu tun habe. Ich liebe meine Arbeit einfach und andernfalls würde ich mich eh nur langweilen.“
„Trotzdem würdige ich es. Ich sollte Dir eigentlich öfter einmal frei geben, aber es geht nicht, da wir ohnehin so wenige Lehrer sind. Aber sag mal, kennst Du eigentlich Cole etwas näher? Ihr habt gestern sehr vertraut miteinander gewirkt.“
Ich hatte gerade einen Schluck Wasser getrunken und verschluckte mich natürlich promt. Das war ja wieder mal typisch ich. Wieso musste auch nur jeder in meiner Umgebung so scharfsinnig sein? Oder lag es vielleicht an mir und ich handelte so offensichtlich? Ich musste husten und Olympe schlug mir mit der Hand auf den Rücken. Ein Glück, dass mir das Wasser nicht aus der Nase lief, das wäre auch ziemlich schräg gewesen.
„Danke“, brachte ich schließlich heraus. „Ja, Cole und ich wir kennen uns. Als ich damals in England war, war er mein Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Und als ich zurück nach Frankreich gegangen bin, da ist der Kontakt nicht abgebrochen. Wir haben uns immer mal wieder geschrieben, aber mehr auch nicht.“
„Schade, denn ihr wärt ein hübsches Paar, meinst Du nicht auch?“
Gaaah, was sollte denn das jetzt? Warum fing sie jetzt auch noch mit dieser Scheiße an? Sicher hatte sie mich schon öfter über mein Privatleben ausgefragt, das gehörte nun einmal dazu, aber noch nie hatte sie so deutlich gesprochen. Aber checkten die das denn alle nicht? Ich wollte keine Beziehung mit einem Mann eingehen, weil ich so sehr verletzt wurde und Angst davor hatte, dass es wieder passieren könnte. Nein, danke, ich verzichte freiwillig. Freundschaften konnte ich eingehen, aber die Liebe gab es für mich nun einmal nicht mehr. Punkt, Aus, Ende der Diskussion.
„Olympe, bei aller Liebe“, erwiderte ich deshalb und versuchte, meine Wut, die sich in mir aufbaute, zurück zu halten, „aber ich denke nicht, dass das mit Cole und mir etwas werden könnte. Erstens weil wir Kollegen sind und zweitens, weil ich ohnehin keine Zeit und auch nicht das Interesse an einer Beziehung habe. Das habe ich Dir doch schon einmal gesagt.“
„Aber so eine junge und hübsche Frau hat doch ein wenig Glück auf dieser Welt verdient.“
„Das mag schon sein, aber das gilt nicht für mich. Das Glück hat mich schon lange verlassen. Schon als ich noch jung war. Und außerdem bin ich zufrieden mit meinem Leben so wie es jetzt ist. Ich habe einen Job, den ich liebe und in den ich mich so richtig reinhängen kann. Ich mag meine Schüler und ich habe auch Freunde, auch wenn ich sie nicht so oft sehen kann. Das reicht mir voll und ganz, Olympe. Es ist gut so, wie es ist.“
„Aber die Liebe hast Du noch nicht gefunden.“
„Nein und ich will auch gar nicht. Einmal reicht mir vollkommen, Dankeschön. Und außerdem bist Du die Richtige, die mir zu diesem Thema Ratschläge geben will. Du bist doch auch mit niemandem zusammen.“
„Ja, schon, aber nur, weil es für eine Frau wie mich extrem schwierig ist, jemanden zu finden. Alle Männer sind von meiner Größe nun einmal abgeschreckt. Aber glaub mir, Marie, wenn es einmal einen geben sollte, der Interesse zeigt, dann lasse ich den bis Weihnachten nicht mehr aus meinem Bett heraus.“
So genau hatte ich das gar nicht wissen wollen. Das Sexleben meiner Vorgesetzten ging mich nun wirklich nichts an, auch wenn wir ein recht gutes Verhältnis miteinander hatten. So ein Tante-Nichte-Verhältnis ungefähr.
„Gut zu wissen“, sagte ich daher und wandte mich meinem Teller zu.
„Ich wollte Dir nur sagen, Marie“, meinte Olympe und legte ihre Hand auf meine, „geb die Liebe noch nicht auf. Es gibt da draußen bestimmt jemanden. Auch für Dich. Liebe kann so etwas schönes sein.“
Falsch, die Liebe war etwas grausames, die einem nur weh tat. Und für mich gab es da draußen in der Welt niemanden. Es hatte mal einen gegeben, aber jetzt nicht mehr. Er war für mich unwiderbinglich gestorben. Zu sehr hatte er mich verletzt. Er war schuld daran, dass ich jetzt überhaupt so dachte. Aber es war gut so, wie es jetzt war.
„Wie Du meinst, Olympe“, erwiderte ich und schob meinen Teller von mir. Ich konnte jetzt einfach nichts mehr essen. „Ich weiß Deinen Rat sehr zu schätzen, aber ich kenne leider auch Gefühle anderer Art, die mir die ach so tolle Liebe eingebracht hat, okay? Und jetzt entschuldige mich bitte. Ich bin müde und möchte ins Bett.“
Oder eine rauchen, aber das sagte ich ihr jetzt lieber nicht. Sie würde mir den Kopf abreißen, ehe ich meinen Satz beenden konnte.
Ohne eine Antwort abzuwarten, erhob ich mich vom Tisch und ging hinauf in meine Räumlichkeiten.
Ich holte meine Zigaretten aus meiner Schreibtischschublade und schmiss mich auf mein Sofa. Eigentlich wäre mir ja jetzt auch nach einem Gläschen Wein, aber das ließ ich lieber sein. Nicht, dass ich gleich wieder einen aufgewärmten Rausch hatte. Das konnte ich jetzt gar nicht gebrauchen. Man hatte ja heute Nacht eindeutig gesehen, wozu das bei mir führte. Oh nein, vielen Dank, das reichte mir für die nächsten Jahre vollkommen. Ich hatte genug der Peinlichkeiten erlebt.
Ich zündete mir eine Zigarette an und sog tief den Rauch in meine Lunge. Tat das gut. Das war jetzt genau das, was ich brauchte: Entspannung pur.
Wie hatte ich es nur geschafft, mich innerhalb von 24 Stunden in so eine Situation zu befördern? Ich hatte eigentlich gedacht, ich hätte so etwas hinter mir gelassen. Aber nööö, Mimi musste ja wieder einmal das erstbeste Fettnäpfchen finden, das ihr über den Weg lief und fröhlich kopfüber hinein springen. Super, klasse, tolle Leistung. Wirklich.
Klopf, klopf, klopf.
Natürlich, das musste ja so kommen. Kaum hatte ich mich zurück gezogen, das störte man mich auch schon wieder. Konnte ich denn nicht einmal meine Ruhe haben? Ich wollte doch nur alleine sein und mich von meiner Schmach erholen. Zwei peinliche Sachen an einem Tag waren wirklich genug, selbst für mich, die schon so vieles durchgemacht hatte. Die Sachen, die ich meinte, waren einmal das Gespräch mit Olympe und die Tatsache, das ich neben einem halbnackten Cole Taylor aufgewacht war. Schlimmer ging es ja wohl kaum.
Noch einmal klopfte es. Klar, ich hatte bisher ja auch noch nicht geantwortet. Ganz kurz war ich versucht, einfach meine Klappe zu halten und darauf zu warten, dass der Störenfried wieder von dannen zog, aber das war einfach nicht mein Stil.
„Herein“, bellte ich daher und klang wie McGonagall in ihren besten Zeiten.
Langsam öffnete sich die Tür und Cole kam herein. Natürlich, wer denn auch sonst? Wollte er sich noch an meine Schande laben oder was? Wollte er mich vielleicht noch am Boden sehen? Viel würde es nicht mehr brauchen und ich würde vor Scham im Erdboden versinken.
„Hi Mimi“, sagte er leise und kam langsam auf mich zu, nachdem er die Tür hinter sich geschlossen hatte.
„Was willst Du“, fragte ich und nahm noch einen Zug von meiner Zigarette.
„Ich wollte nur sehen, ob mit Dir alles in Ordnung ist. Du bist so schnell vom Abendessen verschwunden. Und ich wollte Dich fragen, ob Du mir vielleicht aus dem Weg gehst.“
„Gut möglich.“ Schnellchecker!
„Es tut mir leid, Mimi. Hätte ich gewusst, dass Dir meine Hilfe gleich so unangenehm ist, hätte ich es gelassen.“
„Tja, dazu ist es jetzt schon zu spät.“
„Bitte sei mir nicht böse.“
In diesem Moment setzte er die ultimative Geheimwaffe gegen mich ein. Er legte den Kopf leicht schief und schaute mich traurig aus seinen eisblauen Augen an. Genauso hatte Filou immer gekuckt, wenn ihm etwas wirklich leid getan hatte. Oh, war das fies! Wie konnte ich denn sauer oder zumindest peinlich berührt sein, wenn er so einen Blick aufsetzte? Da wurde ich einfach weich. Mann, manchmal war ich echt eine Lusche, das muss ich jetzt schon einmal sagen. Daran musste ich dringend etwas ändern. Ich durfte nicht immer so schnell nachgeben. Na gut, einmal ließ ich mir das jetzt noch durchgehen, aber danach ist definitiv Schluss mit lustig!
„Ich bin Dir nicht böse, Cole,“ sagte ich deshalb und seufzte tief. „Es war mir nur extrem unangenehm, zu wissen, dass Du mich in so einem Zustand gesehen hast, das ist alles. Aber ich danke Dir, dass Du mir geholfen hast, als ich nicht mal mehr zu irgendetwas in der Lage war.“
Schon wieder einmal. Das alles rief Gedanken auf den Plan, an die ich eigentlich nicht denken durfte: Dieses schreckliche Bild, als Lilly und Fucking Bat es wie die Tiere trieben, eine Treppe, ein Loch, ein Sturz, ein Streit und ein roter Lichtblitz aus der Spitze meines Zauberstabs. Die Flucht und dann PENG, als ich gegen Cole gerannt war, noch ein Sturz, diesmal auf den Hintern und dann Cole, der mich in sein Zimmer trug.
„Bin ich froh“, riss mich mein ehemaliger Lehrer ins Hier und Jetzt zurück. „Ich dachte schon, Du wärst tödlich beleidigt.“
„Bin ich nicht, da kann ich Dich beruhigen.“
„Gott sei Dank. Aber sag mal, was wollte Maxime von Dir beim Essen? Du hast plötzlich so ausgesehen, als hättest Du in eine Zitrone gebissen oder so.“
„Tja, auch sie hat gemeint, mir Beziehungstipps geben zu müssen.“
„Nicht Dein Ernst, oder?“
„Leider doch. So weit ist es also schon mit mir gekommen, dass ich mir Tipps von einer Frau geben lassen muss, die erstens wahrscheinlich eine Halbriesin ist und zweitens in ihrem ganzen Leben noch nie eine richtige Beziehung zu einem Mann gehabt hat. Und um dem ganzen die Krone aufzusetzen, hat sie auch noch gemeint, dass sie quer durch alle Betten vögeln würde, wenn sie jetzt einen Kerl abkriegen würde. So ungefähr auf jeden Fall.“
So konnte man das schließlich auslegen.
„So genau hätte ich das jetzt aber nicht wissen müssen, Mimi.“
„Du bist selbst schuld. Du hast gefragt, also habe ich wahrheitsgemäß geantwortet. Aber das schwört doch definitiv ein Kopfkino hervor, oder nicht?“
„Auf jeden Fall. Puh, daran will ich gar nicht erst denken. Stell Dir mal vor, wenn sie einen Gleichgesinnten finden würde, was da dann für ein Kind bei raus käme.“
„Na, über Untergewicht müsste sich das mit Sicherheit nicht beschweren. Das hätte ja dann schon bei seiner Geburt sicherlich 50 Kilo.“
Cole und ich schauten uns an und prusteten gleichzeitig los. Wir waren gemein, das wusste ich selbst, aber der Gedanke an so ein Riesenbaby war schon irgendwie lustig. Wir lachten und lachten, bis wir uns die Bäuche halten und uns die Tränen aus den Augen wischen mussten.
„Ich meine, stell Dir mal vor“, japste ich zwischendurch. „Da müsste Olympe mit Sicherheit ein Tischtuch als Windel nehmen.“
„Oder einen Grizzly als Teddybären“, lachte Cole.
Wir hatten wirklich jede Menge Spaß und das, obwohl wir nicht einmal was getrunken hatten. Seit Jahren war das das erste Mal, dass ich wieder so richtig lachen konnte. Ich hatte zwar schon gelacht, aber nie so sehr wie jetzt, dass mir gleich die Tränen kamen. Und was soll ich sagen? Es tat so richtig gut.
Ich kann nicht sagen, wie lange dieser Lachanfall dauerte, aber doch lange genug, um sich hinterher so richtig wohl zu fühlen. Das hier wirkte irgendwie vertraut, auch wenn es mich an eine andere Zeit erinnerte.
„Ich sollte jetzt vielleicht mal langsam gehen“, meinte Cole, nachdem wir uns beruhigt hatten. „Ich wollte eigentlich nur sehen, ob es Dir gut geht. Und das tut es ja jetzt wieder.“
„Ja, dank Dir“, erwiderte ich und wischte mir noch einmal eine Lachträne von der Wange. „So gut habe ich mich wirklich seit Ewigkeiten nicht mehr gefühlt.“
„Freut mich zu hören.“
„Willst Du denn wirklich schon gehen?“
AH, das hatte ich jetzt nicht gefragt, oder? Es war mir mehr oder weniger so heraus gerutscht, aber jetzt konnte ich die Worte nicht mehr zurück nehmen. Verdammt, Mimi, heute bist Du wirklich nicht gerade in Bestform, was Hirn benutzen angeht.
„Na ja, eigentlich finde ich es hier ganz nett“, antwortete Cole und grinste anzüglich.
„Dann bleib doch einfach noch (MIMI!). Wir könnten uns ein bisschen unterhalten, oder fernsehen. Ganz, wie Du möchtest.“
„Ich glaube, reden wäre mir lieber. Vielleicht können wir noch einmal so sehr lachen wie eben.“
„Bestimmt.“
Wir sahen uns an und schon ging es wieder los. Wir lachten und lachten und das die halbe Nacht lang.
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