
von Dilli
Schon als ich die Eingangshalle betrat, durchzuckten mich die ersten Geistesblitze, da sie noch genauso aussah wie damals. Hier hatte ich mich so oft mit Fucking Bat getroffen. Er hatte mich immer in den kleinen Seitenalkoven dort vorne unter der Treppe gezogen und mir den einen oder anderen leidenschaftlichen Kuss gegeben. Schräg rechts hinter mir war die Tür, die in die Kerker führte, doch die würde ich meiden, wenn es irgendwie nötig war. Ich markierte sie im Geiste mit einem großen roten X. Und da vorne waren die gewaltigen Flügeltüren, die in die Große Halle führten. Dort war ich hindurch geschritten, als ich doch noch zum Weihnachtsball gegangen war und hatte die Fledermaus und Lilly auf der Tanzfläche ausgemacht. Vielleicht hätte ich es damals schon wissen müssen, dass da immer noch mehr zwischen den beiden lief.
Nicht daran denken, Mimi. Hör bloß auf damit. Du tust Dir nur weiter weh. Dein Herz ist doch schon quasi aus Stein. Wenn Du jetzt noch weiter machst, dann wirst Du nie offen sein für eine neue Beziehung. Das hier ist lange her und es wird Zeit, dass Du die Vergangenheit endlich hinter Dir lässt und an Deine Zukunft mit Cole denkst.
Weil ich wusste, dass meine innere Stimme wieder einmal Recht hatte (Die war wirklich noch viel schlimmer als ich, was das anging), schüttelte ich leicht den Kopf um diese blöden Erinnerungsfetzen los zu werden und machte mich dann auf den Weg zu Professor McGonagalls Klassenzimmer. Ich stieg die breite Marmortreppe bis in den dritten Stock hinauf und ging dann automatisch nach links.
Und was soll ich sagen? Ich fand das Klassenzimmer auf Anhieb. Es war so, als wäre ich gestern erst hier gewesen. Die Wege durch dieses verwinkelte Schloss hatten sich anscheinend in mein Gehirn gebrannt. Ich erlaubte meinem Gehirn eine kurze Erinnerung, aber sie hatte Gott sei Dank nichts mit der blöden Fledermaus zu tun, sondern mit Sirius. Er hatte mich zum ersten Mal hier her gebracht. Damals hatte er mich noch immer „Frenchy girl“ genannt und ich hatte es gehasst. Oh Gott, damals hatte ich noch gefunden, dass Sirius echt gut aussah und ich war total nervös gewesen, als er mir den Weg zum Verwandlungsklassenzimmer gezeigt hatte. Aber am Ende war doch alles anders gekommen. Wenn ich keine Nachhilfe bei diesem elenden Mistkerl hätte nehmen müssen, dann wäre ich vielleicht...
Mimi, das ganze Hätte-Wäre-Wenn bringt Dir jetzt überhaupt nichts. Es ist so gekommen und Schluss. Ende der Diskussion.
Als ich die breite Tür, die ins Verwandlungszimmer führte, erreichte, hörte ich bereits McGonagalls vertraute Stimme von innen.
„Das ist doch wirklich nicht so schwer, MacBrian. Sie müssen einfach nur mit dem Zauberstab zustechen und nicht so ein Wischi-Waschi-Zeug veranstalten, wie Sie das gerade tun. Ah, ich frage mich, wie sie so ihren ZAG schaffen wollen?“
Ich musste grinsen. Genau diesen Spruch hatte McGonagall zu meiner Zeit zu Lucy Finster gesagt. Sie war wohl immer noch die gleiche wie früher.
Ich hob meine Hand und klopfte an die Tür.
„Herein“, bellte McGonagall von drinnen.
Ich öffnete die Tür und trat ein. Auch hier hatte sich rein gar nichts verändert. Die Wände, die Decke und Co waren immer noch aus massivem Stein, die Tische immer noch als Vierertische aufgestellt und McGonagall stand vorne an ihrem gewaltigen Pult und beobachtete ihre Schüler. Sie gehörte zur einfach Einrichtung.
Sie hatte sich auch nur ein klein wenig verändert. Ihre einst schwarzen Haare waren nun grauer als vor achtzehn Jahren und ihr Gesicht zierten einige Falten. Aber ihre Lippen waren immer noch genauso dünn wie eh und je, wenn ihr etwas nicht passte.
„Ja bitte“, meinte sie bissig und zog ihre rechte Augenbraue fragend nach oben. Ganz der alte Giftzahn, wenn man ihren Unterricht störte.
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie bei Ihrem Unterricht störe, Professor McGonagall“, erwiderte ich und kam mir dabei wieder vor wie eine sechzehnjährige Schülerin von damals, „aber ich sollte mich bei Ihnen melden. Das hat zumindest Hagrid gesagt.“
„Aha und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“
Die Schüler sahen mich verwundert an, dass ich bei diesem bösen Blick, den mir McGonagall zuwarf, nicht sofort die Flucht ergriff. Aber wieso sollte ich auch? Immerhin war ich jetzt selbst Lehrerin und ich brauchte mir von ihr keine Angst einjagen lassen. Immerhin konnte sie mich ja schlecht bestrafen.
„Marie Duchesse, Professor. Stellvertretende Schulleiterin der Beauxbatons-Akademie und ehemalige Schülerin Ihres Hauses, auch wenn es nur ein paar Monate gewesen sind. Aber immerhin.“
„Miss Duchesse“, rief sie fragend, aber auch überrascht aus. „Ja, natürlich, jetzt, wo sie es sagen, da erinnere ich mich selbstverständlich. Meine Güte, Sie haben sich ja fast überhaupt nicht verändert und das, obwohl so eine lange Zeit vergangen ist. Warten Sie, ich bringe Sie sofort in Ihr Zimmer. Da hat es nämlich ein kleines Problem gegeben, aber das erkläre ich Ihnen unterwegs.“
Dann wandte sie sich an Ihre Schüler.
„Ihr übt unterdessen weiter. Wenn ich wieder komme, dann möchte ich, dass jeder dieses vermaledeite Kissen in ein Huhn verwandeln kann. Und keine Dummheiten, habe ich mich klar ausgedrückt. Wenn auch nur einer von euch irgendeinen Mist anstellt, dann bekommt die ganze Klasse Nachsitzen aufgebrummt, verstanden?“
Ui, wenn das mal keine Ansage war, dann wusste ich auch nicht.
„Ja, Professor McGonagall“, sangen die Schüler im Chor.
„Gut“, meinte meine ehemalige Lehrerin und kam den Mittelgang zu mir herunter gelaufen. „Dann lassen Sie uns mal gehen, Miss Duchesse.“
Oje, das klang wie in alten Zeiten. Schon zum zweiten Mal kam ich mir in ihrer Gegenwart wieder wie das sechzehnjährige Mädchen von damals vor. Daran sollte sich dringend etwas ändern, immerhin war ich nun selbst Lehrerin und stellvertretende Schulleiterin, so wie sie. Oh Gott, McGonagall und ich schienen mehr gemeinsam zu haben, als mir lieb war. Am Ende würde ich auch noch eine vertrocknete, alte Jungfer mit hängenden Mundwinkeln und dünnen Lippen werden. Vielen Dank, aber ich verzichte.
Gemeinsam verließen wir das Klassenzimmer und machten uns auf den Weg in Richtung Treppe.
„So“, meinte McGonagall und schaute mich an, während mein Koffer immer noch hinter mir her flog. „Wie ich hörte, sind Sie jetzt selbst Lehrerin auf meinem Fachgebiet.“
„Ja, das stimmt, aber ich gebe auch noch Alte Runen“, antwortete ich ihr. „In Beauxbatons ist es so, dass ein Professor auch zwei Unterrichtsfächer geben kann, da bei uns ein chronischer Lehrermangel herrscht. Und da ich beide Fächer gerne mochte, hat sich das irgendwie angeboten.“
„Ich habe mir schon damals gedacht, dass Sie perfekt für eine Laufbahn als Lehrerin geeignet wären. Sie sind so offen, aber es steckt doch etwas Autoritäres in Ihnen. Und Sie können sich durchsetzen. Aber was rede ich denn da? Sie sind doch jetzt eine Kollegin.“
„Ja, und?“ Ich verstand wieder einmal nur Bahnhof.
„Kollegen duzen sich. So war es schon immer. Außerdem finde ich es komisch, Dich (Oh Gott, klang das ungewohnt) immer noch 'Miss Duchesse' zu nennen. Da kommst Du mir vor wie meine Schülerin und das bist Du ja jetzt nicht mehr. Ich bin Minerva.“
Sie blieb kurz stehen und streckte mir ihre Hand entgegen.
„Marie“, gab ich zurück und ergriff sie.
McGonagalls (Ich konnte einfach nicht aufhören, sie so zu nennen) Händedruck war kräftig und nicht so ein Wischi-Waschi-Zeug. Das mochte ich. Anhand der Art, wie ein anderer Mensch Deine Hand schüttelt, kannst De erkennen, was für ein Typ er oder sie ist. So auf die Art: Mehr Mann oder mehr Maus.
„Minerva (AAAH), wieso muss ich jetzt eigentlich im Schloss schlafen“, wollte ich von ihr wissen. „Ich dachte, die französische Delegation schläft in der Kutsche. So ist es bisher zumindest immer gewesen.“
„Oh, das tut sie auch, Marie, aber da Dein Kommen nicht wirklich eingeplant war, gibt es dort anscheinend ein Bett zu wenig. Gerade auch, weil dieses kleine Mädchen mit dabei ist.“
„Du (Echt strange) meinst Gabriele? Sie ist die Schwester unseres Champions. Sie wollte sie unbedingt mit hierher nehmen. Ich war ja dagegen, aber Olympe wollte Fleur wieder einmal ihren Willen lassen.“
Und genau deswegen und wegen Miss Ich-bin-ja-ach-so-toll-und-gut-aussehend musste ich jetzt hier im Schloss schlafen und sie und ihre Schwester nächtigten bei den anderen. Irgendwie kam ich mir deswegen ausgeschlossen vor. Aber was soll's. Vielleicht hatte ich ja ein Bad für mich alleine, dann konnte ich mit dem Finger auf sie zeigen und laut „Ha ha“ rufen. In der Kutsche gab es nämlich nur drei Badezimmer.
Richtig so, Mimi, immer in allem das Positive sehen und sich nicht herunter ziehen lassen. Genauso hast Du es von Deinen Eltern gelernt und nicht anders.
„Ich finde ja, man sollte alle Schüler gleich behandeln“, riss mich Minerva aus meinen Gedanken, „aber leider gibt es immer wieder Lehrer, die ihre Lieblinge haben und diese bevorzugen. Hier haben wir auch einen Kandidaten, der genauso ist. Erst gestern musste ich ihm wieder einmal den Kopf waschen, weil er eine Schülerin aus meinem Haus mit dem Zauberstab bedroht hat.“
„Wow, das ist ja krass.“
„Das kannst Du laut sagen. Aber zusammen mit Professor Dumbledore konnten wir die Sache wieder bereinigen. Oh, aber bevor ich es vergesse: Turm oder Kerker?“
Wie, was, wo, hä? Ich verstand absolut nichts.
„Ähm“, machte ich daher nur und sah McGonagall verwirrt an.
„Oh, entschuldige, ich meine natürlich Deine Räumlichkeiten. Wir haben ein freies Gemach in den Kerkern in der Nähe des Zaubertrankklassenzimmers und eines im Astronomieturm. Du kannst es Dir aussuchen.“
„Turm, bitte.“
Keine zehn Pferde hätten mich in die Kerker gebracht. Eher hätte ich draußen im Verbotenen Wals geschlafen, als auch nur in die Nähe ebenjenes Klassenzimmers zu kommen.
„Dachte ich es mir doch“, entgegnete Minerva und lächelte mich an. „Deswegen habe ich es Dir gleich herrichten lassen, aber ich wollte Dich vorher doch lieber noch fragen.“
„Wegen mir hättest Du keinen so großen Aufstand machen müssen. Ich hätte es mir auch selbst gemütlich gemacht.“
„Ja schon, aber Du solltest ja einen guten Eindruck auf die Schule bekommen. Olympe kam nur heute Morgen zu mir und hat mir erklärt, dass ihre Stellvertreterin nun doch hierher kommt. Ich konnte ja nicht wissen, dass das Du bist. Olympe hält sich über Beauxbatons ziemlich bedeckt.“
„Kann ich mir vorstellen.“
So war Olympe. Ja keine Geheimnisse über unsere ach so tolle Schule ausplaudern. Nicht, dass es noch irgendwelche Nachahmer oder – schlimmer – irgendwelche Besucher geben würde. Nein, nein, nein, wo kommen wir denn da hin?
Gemeinsam mit Minerva stieg ich die Treppe nach oben und war etwa zehn Minuten später in meinem neuen Reich, dass die nächsten Monate mir gehören würde. Ich hatte ein Büro, in dem ein großer massiver Schreibtisch und große Bücherregale standen, ein Schlafzimmer mit einem großen Bett, einem Wandschrank, einem Nachtkästchen und einem Schminktisch sowie ein kleines Badezimmer in der Standardausrüstung (weiße Fliesen, Badewanne, Dusche, Toilette, Waschbecken). Alles kreisrund, versteht sich. Die vorherrschenden Farben waren dunkelbraun (wegen dem vielen Holz) und creme. Es war zwar eher funktionell als elegant, aber für die kurze Zeit würde es auf jeden Fall reichen. Mit hätte auch das Bad und das Schlafzimmer gereicht, aber ein eigenes Büro war schließlich nie schlecht, falls ich doch einmal irgendwelche Arbeiten korrigieren musste. Ich hatte nämlich vor, meine Schüler hier zu unterrichten, dass sie nicht nur auf der faulen Haut lagen. Meine Fächer sowie Verteidigung gegen die Dunklen Künste, Zauberkunst, Muggelkunde und Astronomie konnte ich übernehmen, auf den Rest mussten sie verzichten. Aber besser das als gar nichts, würde ich einmal sagen. Auch wenn das meinen Schützlingen wahrscheinlich gar nicht passen wird, aber das war mir egal.
„Hast Du alles, was Du brauchst“, wollte Minerva von mir wissen.
„Ja, klar, vielen Dank, das ist super und reicht vollkommen“, antwortete ich mit einem Lächeln auf den Lippen.
„Gut, dann gehe ich jetzt wieder zurück und schaue mal nach, ob mein Klassenzimmer noch steht. In ungefähr drei Stunden gibt es Abendessen. Da sehen wir uns ja dann.“
„Bestimmt. Ich werde jetzt erst einmal meine Sachen auspacken und mich dann auf den Weg zur Beauxbatons-Kutsche machen. Mal sehen, ob meine Schüler mich vermisst haben oder nicht.“
„Na, so lange waren sie ja auch nicht von Dir getrennt.“
„Ja, das schon, aber ein Tag mit Olympe kann ziemlich lang sein.“
Minerva sah mich zuerst verwirrt an und brach dann in Lachen aus. So hatte ich sie erst einmal gesehen. Das war an dem Tag gewesen, an dem ein überraschender Striptease in ihrem Klassenzimmer stattgefunden hatte. Aber daran wollte ich jetzt nicht schon wieder denken.
„Das kann ich mir durchaus vorstellen“, meinte Minerva und grinste immer noch. „Also gut, dann sehen wir uns später, ja? Bis dann, Marie!“
„Bis später, Minerva.“
Gott, war das ungewohnt und komisch. Ich glaube, daran werde ich mich NIE gewöhnen. Auch bei Olympe hatte es Jahre gedauert, bis ich sie mit einem guten Gefühl duzen konnte, aber bei Minerva war das irgendwie noch einmal etwas anderes. Sie war einfach nicht der Typ, zu dem man einfach DU sagte. Vor allem bei ihrem strengen Blick nicht. Aber gut, sie hatte es mir angeboten, also würde ich es auch machen.
Ich sah dabei zu, wie Minerva das Zimmer verließ und ich allein zurück blieb.
So, jetzt war ich also wieder hier, an diesem grauenvollen Ort. Stellte sich mir nur eine Frage: Wie würde mein Aufenthalt hier werden?
Ich packte meine Sachen aus und machte mich dann auf den Weg hinunter in Richtung Beauxbatons-Kutsche. Gerade als ich meine Räumlichkeiten verließ, klingelte es zur nächsten Unterrichtsstunde und sofort waren die Gänge überfüllt mit Hunderten von Schülern, die alle in Richtung nächstes Klassenzimmer strömten. Viele von denen musterten mich neugierig. Sie fragten sich sicher, wer denn die fremde Frau war, die da durch ihre Gänge lief. Tja, meine Lieben, zieht euch warm an, hier kommt Marie Duchesse.
Doch genauso schnell, wie sich die Gänge gefüllt hatten, leerten sie sich wieder. Gott sei Dank, denn am Ende war es ganz schön eng geworden. Doch als ich im zweiten Stock ankam, hörte ich plötzlich ein lautes Schluchzen hinter mir und als ich mich umdrehte, sah ich einen heulenden Erstklässer (Bei der Körpergröße gehe ich jetzt einfach mal davon aus) auf mich zu rennen. Doch er schien mich gar nicht zu sehen und so war es kein Wunder, dass er volle Kanne in mich hinein rannte. Doch weder er noch ich landeten auf dem Hintern, denn ich fing ihn gekonnt auf.
Irgendwie erinnerte mich das an meine eigene Lage vor fast 18 Jahren, als ich in meiner Trauer gegen Cole gerannt war.
„Huch“, sagte ich und packte den Kleinen bei den Schultern. „Immer langsam mit den jungen Hippogreifen.“
Ich sah ihn mir genauer an. Er hatte mausbraunes Haar und grüne Augen, die rot und geschwollen waren vom vielen Weinen. Auch jetzt liefen ihm die Tränen noch über die Wangen.
„Ver... ver... Verzeihung, Ma'am“, schluchzte er und sah mich aus seinen großen Augen erschrocken an. „Ich... ich... hab Sie... nicht gesehen. Krieg... ich... jetzt... jetzt... jetzt Ärger?“
Das schien seine größte Sorge zu sein, denn er schlotterte beinahe vor Angst. Oh Gott, was war nur mit dem armen Kerl los? Er tat mir ja so unendlich leid, weil er so winzig und auch so traurig war. Am liebsten hätte ich ihn an meine Brust gedrückt und einmal fest geknuddelt.
„Aber nein“, versuchte ich ihn deshalb zu beruhigen. „Wieso solltest Du denn Ärger bekommen? Das kann schließlich jedem mal passieren. Ich habe auch schon einen Lehrer umgerannt und heute sind wir richtig gute Freunde. Aber sag mal, wieso weinst Du denn? Kann ich Dir irgendwie helfen?“
„Nein... ich... ich... Es ist nur so, dass...“
Da fing er so richtig an zu heulen und schlug sich die Hände vors Gesicht. Großer Gott, das brach einem ja fast das Herz. Der Kleine tat mir ja so was von leid. Da ging glatt mein Mutter-/Lehrerinstinkt mit mir durch.
„Ganz ruhig, Kleiner“, meinte ich und streichelte ihm über den Kopf. „Dir tut doch keiner was.“
„Da... bin... ich... ich... mir... nicht... so sicher“, heulte er laut. Gleich mache ich mit, ich schwör's.
„Was soll das denn heißen? Wieso sollte Dir jemand etwas antun?“
„Ich... ich... habe jetzt eigentlich Zaubertränke.“
„Oh, da verstehe ich Dich vollkommen. Ich habe dieses Fach auch gehasst ohne Ende und hätte am liebsten jedes Mal blau gemacht. Aber das ist doch noch lange kein Grund zu heulen.“
„DOOOOOCH!“
Und es ging wieder los. Der Junge brüllte fast und ich war schon versucht, ihn in den Krankenflügel zu bringen, damit man ihm einen Beruhigungstrank gab. Aber das würde ja heißen, dass der Kerl nachgab und ich war immer dafür, Schüler zu etwas zu animieren.
„Ach Quatsch. Zaubertränke ist wirklich nicht so schrecklich, wie es den Anschein hat. Ich habe darin auch meinen ZAG geschafft und das, obwohl ich eigentlich eine totale Niete darin war. Man muss nur den richtigen Lehrer haben.“
„Das... ist es... ja gerade, Ma'am.“
„Was soll das heißen? Ist euer Lehrer denn so schlimm?“
„Schlimmer. Er... ist so gemein. Er... brüllt uns ständig an... und... schnief... macht uns... schlecht. Vor allem... wenn man... schnief... nicht in seinem.... schnief... Haus ist.“
„Welches ist denn sein Haus?“
„Schnief... Slytherin.“
„Oje, das sagt alles. Okay, jetzt sag mir doch einfach mal, wie Du heißt und in welchem Haus Du bist.“
„Patrick Jones aus Gryffindor.“
„Hey, da war ich auch mal. Zwar nur für ein paar Monate, aber immerhin. Ich bin übrigens Marie Duchesse und ich bin Lehrerin an der Beauxbatons-Akademie. So, jetzt, da wir uns kennen, kannst Du mir ja erzählen, warum genau Du so weinst.“
„Weil ich zu spät zu Zaubertränke komme und mich der Professor mit Sicherheit zur Schnecke machen wird.“
„Wieso bist Du denn überhaupt so spät dran?“
„Weil ich noch mit Professor Flitwick gesprochen habe, da ich das mit dem Wutschen und Wedeln nicht so genau verstanden habe. Ich habe total vergessen, dass ich Zaubertränke habe, sonst wäre ich gleich mit meinen Klassenkameraden mit gegangen.“
„Ist das alles?“
„Ja...“
Oh nein, jetzt begann auch noch seine Unterlippe zu beben. Sofort wurde mein Helfersyndrom aktiv. Ich musste diesem armen Kerl helfen. Ich konnte auch noch später zu Olympe und den anderen gehen. Jetzt war das erst mal wichtiger. Aber dazu musste ich in die Kerker, oje.
„Also schön, Patrick“, sagte ich und lächelte ihn an, obwohl mir nicht danach war. „Weißt Du, was wir jetzt machen? Ich bringe Dich nach unten in die Kerker (MIMI, bist Du WAAAAAHNSINNIG?) und warte vor der Kerkertür. Wenn Dir Dein Lehrer Ärger macht, dann komm ich rein und mache IHN zur Schnecke. Versprochen!“
„Das würden Sie tun“, fragte er ungläubig.
„Natürlich würde ich das tun. Der Kerl soll sich mal warm anziehen. Wenn ich etwas hasse dann Unfairness. Also komm, Patrick, lass uns gehen.“
Ich legte meinen Arm um ihn und führte ihn die Treppe hinunter.
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Den gestrigen Abend und die darauffolgende Nacht konnte man nur als eines bezeichnen: Absolute Oberkacke. Gestern hatte ich noch mehrere Stunden mit Dumbledore, Maxime und Karkaroff zusammen gesessen und hatte mit ihnen diskutiert, wie es weiter gehen sollte. Natürlich hatte mich vor allem die riesenhafte Französin angebrüllt, dass ich versagt hatte, was die Sicherheit in diesem Schloss anging. Wie konnte es sonst sein, dass ein Vierzehnjähriger seinen Namen in den Feuerkelch geschmuggelt hatte?
Woher sollte ich denn wissen, wie es Potter jetzt schon wieder geschafft hatte, einen solchen Regelverstoß zu machen? Wer war ich denn? Merlin oder Jesus? Es war ja so klar gewesen, dass ich wegen so einer Scheiße schon wieder den Kopf hinhalten musste. Spielen wir doch ein Spiel. Es heißt „Alle auf den armen Snape, den Jungen mit den fertigen Haaren und der Hakennase“. Das ließ ich nicht mit mir machen. Nicht wegen Potter, diesem elenden Unruhestifter. Ich meine, gut, ich hielt es für ziemlich unwahrscheinlich, dass er es alleine geschafft hatte, also musste er irgendeine Hilfe gehabt haben. Er leugnete zwar, überhaupt daran gedacht zu haben, an dem Turnier teil zu nehmen, aber das konnte ja jeder sagen. Jetzt konnte er ohnehin nicht mehr zurück. Er musste mit machen, ob er wollte oder nicht.
Die Nacht war nicht gerade besser gewesen. Obwohl ich mir drei Whiskeys nach dem Fest genehmigt hatte, hatte ich nicht einschlafen können. Ständig hatte ich an Mimi denken müssen. Ich hatte mich gefragt, was sie jetzt gerade machte. Ob sie wohl mit diesem anderen Typen in einem Bett schlief und sich die Seele aus dem Leib vögelte? Wahrscheinlich. Grrr, am liebsten würde ich diesen Wichser, wer auch immer er war, kastrieren und anschließend umbringen. Der hatte meine Mimi nicht anzufassen.
Es war also kein Wunder, dass meine Laune heute erst recht auf dem Nullpunkt war. Ich hatte so gut wie nicht geschlafen, war müde und meine Kippen gingen langsam aber sicher zur Neige. Ich hasste es, wenn ich sie sparen musste. Ich brauchte sie einfach wie die Luft zum Atmen, denn nur so fand ich so etwas wie Ruhe und Entspannung. Aber ich hatte nur noch zwei Schachteln und konnte mir erst am Wochenende in Hogsmeade neue besorgen. Verdammte Scheiße aber auch.
Der Vormittag verlief ganz okay. Ich hatte zuerst zwei Freistunden gehabt, denn Dienstagmorgen war meine wöchentliche Sprechstunde, die eh keiner der Schüler wahrnahm. Dazu hatten sie viel zu viel Angst und Respekt vor mir.
Danach unterrichtete ich die siebte Klasse. Es waren nur sechs Schüler, die hier ihren UTZ in Zaubertränke machen wollte und sie waren gar nicht mal so schlecht. Auch die Tränke, die hier gebraut wurden, hatten schon einen gewissen Schwierigkeitsgrad, etwas, was mir mehr als nur recht war. Ich hasste diese leichte Scheiße, die ich in den unteren Klassen lehren musste. Das erinnerte mich viel zu sehr an Mimi und unsere Nachhilfestunden. Da flippte ich einfach immer aus.
Der Nachmittag allerdings versprach absolut scheiße zu werden und so kam es dann auch. Zuerst hatte ich die sechste Klasse, alles absolute Flachpfeifen, die die Kunst des Brauens nicht zu würdigen wussten. Nicht einer hatte es geschafft, einen einigermaßen passablen Trank des lebenden Todes zu brauen und dabei war der doch so einfach, wenn man in mit Tränken wie Amortentia oder Veritaserum verglich.
Und jetzt ließ ich gerade die erste Klasse in mein Klassenzimmer. Ich hasste diese kleinen Scheißer. Bei ihnen musste man von Null anfangen und ihnen gelangen nicht einmal die einfachsten Gifte oder Heiltränke. Das war zum aus der Haut fahren.
„Ruhe“, brüllte ich die Klasse an, weil mir dieses laute Kramen und Gewühl in den Taschen auf den Sack ging. „Das ist doch nicht so schwer, seine Sache ohne irgendwelche Zwischengeräusche aus zu packen.“
Daraufhin wurde es sofort still. Ah, welch eine Wohltat.
Dann begann ich mit dem Verlesen der Klassenliste, um zu überprüfen, ob auch alle Schüler anwesend waren. Das gehörte leider mit dazu, obwohl man das manchmal auf den ersten Blick sah. Aber Albus wollte das so, also hielt ich mich daran.
Ich kam bis zum Buchstaben J, dann lief plötzlich etwas nicht so, wie es sein sollte.
„Jones“, sagte ich, doch niemand rührte sich.
Ich sah auf und sah, dass der kleine Bengel tatsächlich fehlte. So, hatte der Scheißer also tatsächlich beschlossen, zu schwänzen, nachdem ich ihn in der letzten Stunde rund gemacht hatte, weil sein Heiltrank unter aller Sau gewesen war. Na warte, Du mieser...
„Du“, maulte ich eine Schülerin aus Gryffindor an und deutete mit dem Finger auf sie. „Wo ist Jones?“
Vor Schreck zuckte sie zusammen und wurde kreidebleich im Gesicht. Gut so, hab nur Angst vor mir, der unberechenbaren Schlange.
„Ich... ich weiß es nicht, Sir“, antwortete sie mir ihrer Piepsstimme und war bereits den Tränen nahe. „Er war eben noch in Zauberkunst, aber jetzt...“
„Das ist mir egal“, bellte ich laut. „Sollte er nicht auftauchen, dann kannst Du ihm ausrichten, dass er den Rest der Woche bei mir Nachsitzen darf. Beginnend heute Abend sieben Uhr in meinem Büro.“
„Ja, Professor Snape.“
Ich verlas die restlichen Namen und wandte mich dann zu der Tafel um, um das Rezept für den heutigen Glückseligkeitstrank an die Tafel zu schreiben. Ich griff gerade nach einem Stück Kreide, als ein leises Scharren das Öffnen der Tür symbolisierte. Ich drehte mich hastig um und sah, wie sich Patrick Jones in meinen Kerker schlich.
„Wo bist Du gewesen“, brüllte ich ihn an. „Ich dulde es nicht, wenn Schüler zu spät zu meinem Unterricht kommen. Wie oft soll ich das noch sagen?“
„Es tut mir leid, Professor“, flüsterte er leise. „Ich hatte noch eine Frage an Professor Flitwick und...“
„Fragen an den Lehrer sind entweder nach Schulschluss oder in den dafür vorgesehenen Sprechstunden zu stellen. Wann geht das endlich in Dein kleines Spatzenhirn, Jones?“
„Ich... ich...“
„Oder hast Du etwa gar keines, Jones? Das würde Deine ungenügenden Leistungen in diesem simplen Unterrichtsfach erklären. So eine Lusche wie Dich habe ich in meiner gesamten Schullaufbahn noch nicht erlebt. Nicht einmal der der schlechteste Schüler dieser Schule hat es fertig gebracht, den Heiltrank der letzten Stunde zu versauen. Ich darf Dir also gratulieren, Jones, Du hast es gerade geschafft, Dich zum Oberversager von Hogwarts zu machen.“
„Aber... ich...“
„Spar Dir das Gejammere. Aus Deinem Mund kommt ohnehin nur einen riesen Haufen Scheiße heraus. So viel Mist können nicht einmal tausend Dreckschweine in fünf Jahren fabrizieren, wie Du in einer Stunde Zaubertränke.“
Jetzt stiegen diesem Weichei auch noch Tränen in die Augen. Gott, das durfte doch jetzt nicht wahr sein. Da musste ich glatt noch weiter drauf hauen.
„Ja, klar, jetzt heulst Du auch noch rum, Du kleiner Scheißer. Gott, bist Du eine Memme. Das ist ja echt furchtbar. Zur Strafe für Dein Zuspätkommen und für Dein Benehmen, wirst Du diese Woche bei mir Nachsitzen. Jeweils um sieben Uhr abends in meinem Büro. Das findest Du ja hoffentlich. Es ist genau neben diesem Zimmer.“
Ich drehte mich wieder zur Tafel um und begann wütend wie ich war, die Rezeptur für den heutigen Trank an die Tafel zu schreiben. Doch ich kam nicht weit. Ich schaffte genau zwei Wörter, als hinter mir erneut die Klassenzimmertür aufgerissen wurde. Wer, in drei Teufels Namen, störte meinen Unterricht?
Doch bevor ich irgendwie reagieren konnte, fing hinter mir auch schon das Gezeter an.
„Sagen Sie mal, haben Sie eigentlich noch alle Tassen im Schrank“, schrie eine weibliche Stimme zornig. „Was erlauben Sie sich, SO mit einem Schüler zu sprechen? Sie sind ja nicht mehr ganz sauber im Kopf. Artikel Sieben der allgemeinen Umgangsverordnung besagt...“
Doch ich ließ sie nicht aussprechen. So redete keiner mit mir, Severus Snape, Hauslehrer von Slytherin und elende Fledermaus, wie Mimi mich einst genannt hatte. Noch immer mit dem Gesicht zur Tafel, brüllte ich zurück.
„Und was erlauben SIE sich, einfach so hier herein zu platzen und meinen Unterricht zu stören? Wahrscheinlich sind SIE nicht mehr ganz dicht und nicht ich. Oder sind Sie eher lebensmüde? Ist mir ja auch so was von scheißegal, aber ich dulde keine...“
„UND ICH DULDE KEINE VERBALE MISSHANDLUNG VON SCHUTZBEFOHLENEN! SIE HABEN EINDEUTIG IHREN BERUF VERFEHLT, MISTER!“
So, jetzt reichte es mir aber. Diese blöde Ziege schrie mich an und beleidigte mich? Schön, dieses Spiel können auch zwei spielen, Missie. Wie Du mir, so ich Dir. Niemand auf dieser beschissenen Welt durfte mich so nieder machen. Deswegen war es auch kein Wunder, dass ich jetzt so richtig ausrastete. Ich wurde zu dem Monster, dass die Schüler so sehr fürchteten. So laut wie ich konnte, schrie ich:
„UND WER SIND SIE, DASS SIE SICH EIN URTEIL ÜBER MEINE UNTERRICHTSMETHODEN BEURTEILEN KÖNNEN? IRGENDEIN DAHERGELAUFENES MISTSTÜCK, WÜRDE ICH MEINEN.“
„SIE WIDERLICHES ARSCHLOCH. NUR DAMIT SIE ES WISSEN, ICH BIN DIE STELLVERTRETENDE SCHULLEITERIN DER BEAUXBATONS-AKADEMIE FÜR ZAUBEREI! ALSO KANN ICH SEHR WOHL BEURTEILEN...“
„EINEN SCHEIßDRECK KÖNNEN SIE!“
Fuchsteufelswild wie ich war, drehte ich mich um, um dieser dummen Schlampe die Meinung zu geigen. Sie sollte sehen, wozu ein Severus Snape fähig war. Stellvertretende Schulleiterin hin oder her, das war mir doch scheißegal. Sie war doch nicht meine Vorgesetzte, also ließ ich mich von ihr auch nicht nieder machen. Das war sicherlich irgendeine dahergelaufene Schabracke, die in ihrem ganzen Leben noch keinen Kerl gehabt hatte.
Doch kaum hatte ich einen Blick auf mein Gegenüber geworfen, da hielt ich geschockt inne. Das konnte doch nicht wahr sein! Sie war doch gar nicht hier, weil sie die französische Delegation nicht begleitet hatte. Das konnte nur ein Traum sein. So viel Glück konnte ich nicht haben. Mit Sicherheit würde ich gleich aufwachen und feststellen, dass das doch nur wieder eine Ausgeburt meiner Fantasie war.
Doch so oft ich auch blinzelte, sie verschwand einfach nicht. Sie war hier, in meinem Klassenzimmer, in dem wir früher so viele schöne Stunden miteinander verbracht hatten. Mein Herz machte einen gewaltigen Satz. Sie war gekommen, sie war bei mir. Und sie sah mehr als nur gut aus. Sie war meine Göttin. Sie sah noch genauso aus wie ich sie in Erinnerung hatte, nur ein klein wenig älter. Doch das stand ihr, gar keine Frage. Sie trug einen schwarzen Hosenanzug und eine rote Bluse. Das lange, blonde Haar hatte sie im Nacken zu einem eleganten Knoten gesteckt. Und ihre Augen...
Sie waren noch immer von dem gleichen Grün, von dem ich so viele Jahre lang geträumt hatte. Auch in meiner Phantasie hatten sie gefunkelt, doch immer freudig erregt und nicht so wütend wie jetzt. Oh oh, ich musste das wieder gerade biegen, doch erst einmal musste ich mich vergewissern, dass sie wirklich echt war. Und ich musste meine aggressive Haltung aufgeben, denn ich hatte noch immer die Hände zu Fäusten geballt.
Oh Gott, wie sehr ich sie doch liebte. Das wurde mir erst jetzt klar, als ich sie sah. Meine Gefühle hatten sich in den letzten Jahren nicht verändert. Mein Herz gehörte immer noch ihr.
„Mimi“, flüsterte ich leise und ungläubig.
Ich öffnete die Hand und ließ die Kreide, die ich immer noch in der Hand gehalten hatte, zu Boden fallen. Dann machte ich einen Schritt auf meine große Liebe zu.
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