
von Dilli
Ich landete genau auf dem Apparierplatz, der kurz hinter der Geländegrenze von Beauxbatons lag. Ich sah zu dem schönen Schloss hinauf, das mir so lange als Heimat und Rückzugspunkt gedient hatte. Es hatte sich nicht verändert, sah mit seinen sechs Türmen immer noch genauso aus, auch im Park waren die Hecken noch genauso getrimmt und gepflegt und der sanfte Duft von Lavendel stieg mir in die Nase. Doch es fühlte sich nicht mehr so an wie sonst, wenn ich hierher kam. Irgendetwas in meinem Inneren hatte sich verändert. Normalerweise verspürte ich so ein Gefühl, als würde ich nach Hause kommen, aber jetzt... Ich weiß auch nicht, es war, als wäre ich eine Fremde, die einfach nur zu Besuch kam. Ich wusste nicht, ob das daran lag, dass ich so lange weg gewesen war oder daran, dass ich woanders mein Glück endlich wieder gefunden hatte, auf jeden Fall wirkte es irgendwie wie der falsche Ort.
Mimi, jetzt übertreibst Du aber wirklich. Du hast sicher nur ein komisches Gefühl in der Magengegend, weil Du Cole gleich weh tun musst. Kein Grund, gleich alles auf das Schloss und die Umgebung zu schieben. Du hast hier Dein halbes Leben verbracht, also stell Dich gefälligst nicht so an.
Meine innere Stimme hatte Recht. Ich führte mich hier gerade auf wie eine Memme. Sicher wird es nicht toll werden, Cole die Wahrheit über mich und Severus zu beichten, aber was getan werden muss, muss nun einmal getan werden. Da bringt alles herauszögern nichts. Er muss es erfahren, damit er aufhörte, sich Hoffnungen zu machen, was unsere gemeinsame Zukunft anging, denn die würde es nicht geben. Ich war mir so sicher, was das anging. Ich liebte Severus, hatte ihn immer geliebt und nie vergessen und ich konnte mein Herz nicht einem anderen schenken. Ich hätte überhaupt nichts in der Richtung zu Cole sagen dürfen, aber bevor ich nach England gegangen war, da hatte es sich eben richtig angefühlt, mit Cole zusammen zu sein. Doch jetzt nicht mehr. Jetzt wusste ich, was ich wollte und das war meine liebe Fledermaus. Cole würde immer mein Freund bleiben, nicht mehr. Eine Beziehung mit ihm würde es nie geben. Genau das musste ich ihm mitteilen, auch wenn es ihm noch so weh tun würde. Ich hasste mich selbst dafür, aber es musste einfach sein. Nur so war es fair und richtig und nicht anders.
Ich atmete einmal tief durch, löste kurz die Schutzzauber, sodass ich das Schlossgelände betreten konnte und machte mich dann auf den Weg die kiesige Zufahrtsstraße entlang. Die Steine knirschten unter meinen Schuhen und ich verfluchte mich selbst, dass ich die Schuhe nicht doch noch gewechselt hatte. Merke: Mit hochhackigen Schuhen ist es scheiße, über Schotter zu laufen. Aber jetzt konnte ich es ohnehin nicht mehr ändern und außerdem passten die schwarzen Pumps so gut zu dem grauen Hosenanzug, den ich trug.
Ich stieg die 22 Stufen zu dem Portal aus Ebenholz nach oben und betrat dann die pompöse Eingangshalle. Hier hatten bereits die Vorbereitungen für die Weihnachtsdekoration begonnen, denn ich sah bereits den gigantischen Adventskranz in der Luft schweben, sowie diverse Mistelzweige und Girlanden. Cole schien das also nicht vergessen zu haben. Bei einem Mann wusste man das schließlich nie so genau, denn die gaben einfach nichts auf Deko. Für sie war so etwas nicht wichtig. Die fühlten sich auch in düsteren, kahlen Räumen mit Glibberzeug wohl.
Ich schüttelte kurz den Kopf, um die Gedanken an Severus' Büro und vor allem sein Schlafzimmer los zu werden. Daran durfte ich jetzt nicht denken. Jetzt brauchte ich einen kühlen Kopf für das, was ich vorhatte zu tun.
Ich fragte mich, wo Cole wohl stecken konnte. Der Unterricht war in einer halben Stunde vorbei, aber ich wusste nicht, ob er bei seinen Pflichten als Schulleiter überhaupt noch dazu kam, Verteidigung gegen die Dunklen Künste zu geben oder wie sein Stundenplan überhaupt aussah. Trotzdem beschloss ich, zuerst in seinem Klassenzimmer nach zu sehen, bevor ich in sein Büro gehen würde. Meine innere Stimme war sich sicher, dass das nur eine Verzögerungstaktik war und es stimmte auch, denn ich wusste noch immer nicht, wie ich Cole diese Sache schonend beibringen konnte. Doch es musste sein. Punkt, Ende, Aus.
Ich stieg die breite Wendeltreppe aus weißem Marmor nach oben in den vierten Stock, wo sich der Unterrichtsraum für Verteidigung gegen die Dunklen Künste befand. Langsam lief ich die Flure entlang und folgte den Schildern, die mir den Weg wiesen, den ich ohnehin schon kannte. Der Druck in meinem Magen wurde immer größer. Wie sollte ich es nur anstellen, dass die Sache einigermaßen glimpflich über die Bühne ging? Ich wollte Cole hinterher noch in die Augen schauen können und weiterhin mit ihm befreundet sein, aber ich wusste schon jetzt, dass das wahrscheinlich kaum möglich war. Cole würde zutiefst verletzt sein und mich ziemlich sicher für eine Schlampe halten. Ich musste es also so hinbekommen, dass wir noch miteinander reden konnten. Vielleicht wenn ich mich als irre Geisteskranke hinstellte, die einfach nicht fähig war, Liebe oder ähnliche Gefühle zu empfinden. Oh Gott, ich hatte wirklich keine Ahnung. Cole würde mir das nie verzeihen, davon war ich felsenfest überzeugt.
Ich kam vor dem Klassenzimmer an und obwohl ich bereits hörte, dass keine Federn auf Pergament kratzten, geschweige denn, dass da drinnen jemand sprach, machte ich doch die Tür auf, um einen prüfenden Blick hinein zu werfen. Tatsächlich war der Raum leer, also schien Cole seinen Unterricht für heute schon beendet zu haben. Ich seufzte auf. Gott sei Dank, das gab dem Schrecklichen noch ein paar Minuten Aufschub. Obwohl das für mich nicht normal war, benahm ich mich in diesem Moment wie ein Hasenfuß.
Okay, wenn Cole nicht in seinem Unterrichtsraum war, wo konnte er dann sein? Seine Räumlichkeiten ein Stockwerk höher fielen mir ein, doch ich glaubte nicht, dass er sich dort aufhielt. Dazu war es noch zu früh. Wahrscheinlich war er im Schulleiterbüro und arbeitete an irgendetwas, korrigierte Aufsätze, organisierte den Weihnachtsball et cetera.
Los geht’s, würde ich sagen. Ich konnte es nicht mehr länger hinauszögern, denn sonst würde mir nur noch mulmiger zumute werden, wie es mir eh schon war. Außerdem hatte ich auch nicht ewig Zeit, denn ich hatte Severus versprochen, zum Abendessen zurück in Hogwarts zu sein und das war um sechs Uhr. Ich sollte diese Scheiße also schnell hinter mich bringen, so schrecklich es auch war.
Ich lief weiter durch die Gänge und durchquerte einmal das halbe Schloss. Das Büro der Schulleitung war im Ostturm und ich war im Westflügel. Ich brauchte in etwa zehn Minuten und je näher ich meinem Ziel kam, desto schneller schlug mein Herz. Ich war nervös ohne Ende. Wie sollte ich es nur richtig rüber bringen, ohne Cole zu sehr zu verletzen? Ich hatte wirklich keine Ahnung, wie ich das Gespräch beginnen sollte. Ich konnte ja wohl schlecht ins Zimmer stürmen und rufen: „Hallo Cole. Tut mir leid, dass ich Dir das sagen muss, aber ich habe mich von meinem Exfreund vögeln lassen und bin jetzt wieder mit ihm zusammen. Ja genau, mit diesem widerlichen Fremdgeher namens Snape. So, jetzt muss ich aber dringend los, damit wir vor dem Abendessen vielleicht noch einen Quickie schieben können. Also dann, mach es gut und ein schönes restliches Leben noch. Bye Cole.“
Nein, nein, das ganze verlangte viel mehr Fingerspitzengefühl. Ich musste es ganz vorsichtig machen. Die Frage war nur, wie das vonstatten gehen sollte. Ich würde ihm das Herz brechen, egal, wie ich es rüber brachte.
Wie immer, wenn ich gerne noch ein bisschen Zeit gehabt hätte, verging die Zeit wie im Flug. Es kam mir so vor, als wäre ich eben erst los gelaufen, da stand ich auch schon vor der massiven, hölzernen Tür, die in das Schulleiterbüro führte. Ich schloss kurz die Augen, um zu lauschen und betete darum, dass keiner da war, doch ich wurde enttäuscht. Ich hörte ganz deutlich das Kratzen einer Feder von drinnen. Wenn ich mich richtig konzentrierte, dann konnte ich sogar die Buchstaben erkennen, die der Schreiber auf das Pergament zeichnete. I-c-h-v-e-r-m-i-s-s-e-D-i-c-h. Ich vermisse Dich. Heilige Scheiße! Schrieb Cole etwa gerade einen Brief an mich? Na, dann würde er gleich sein blaues Wunder erleben. Getreu dem Motto: „Wenn man vom Teufel spricht.“ Wobei es in diesem Fall wohl eher „Wenn man an den Teufel schreibt“ heißen sollte. Oh Gott, mir war schlecht. Am liebsten wäre ich jetzt umgedreht und davon gelaufen. Aber es brachte ja nichts. Ich musste da jetzt durch.
Da ich das aktuelle Passwort für die Tür nicht kannte, blieb mir nichts anderes übrig, als anzuklopfen. Ich hob langsam meine Hand und klopfte schon fast zaghaft an. Halb hoffte ich, er hätte es nicht gehört, aber ich wurde enttäuscht.
„Herein“, rief Cole von drinnen und nach einem Zischen in der Luft, öffnete sich auch schon die Tür.
Langsam betrat ich den kreisrunden Raum und sah mich um. Es hatte sich nichts verändert und das Zimmer erweckte immer noch den Eindruck, als wäre man in einer Universitätsbibliothek. Die rechte und die linke Wand war jeweils ein einziges Bücherregal, in dem ganz schön dicke Wälzer standen. Es gab außerdem ein kleines cremefarbenes Sofa, das vor einem kleinen Glastisch stand. Es gab außerdem einen Kamin, aber der war rechts neben der Tür. Gegenüber lag außerdem eine gigantische Glasfront, die nicht nur auf einen kleinen Balkon führte, sondern außerdem den Blick auf ein riesiges Lavendelfeld frei gab. Vor dem Fenster stand ein gigantischer Schreibtisch, der über und über mit diversen Unterlagen bedeckt war. Und genau hinter diesem Berg von Papieren saß Cole. Er schaute nicht einmal auf, als ich den Raum betrat, sondern beugte sich tief über eine Rolle Pergament, die schon fast voll mit seiner geschwungenen Schrift beschrieben war.
„Einen Moment, bitte“, sagte er und blickte mich immer noch nicht an. „Ich bin sofort bei Ihnen.“
Schnell schrieb er die letzten Worte. I-n-L-i-e-b-e-C-o-l-e. Ich schluckte. Oh Gott, das klang nicht gut. Wie solle ich ihm denn jetzt noch die Wahrheit sagen? Doch trotzdem riss ich mich so gut es ging zusammen. Ich schluckte den Kloß, der sich in meinem Hals gebildet hatte, herunter und atmete noch einmal tief durch.
„Du, nur keinen Stress“, gab ich zurück und lächelte in mich hinein. „Ich habe Zeit. Zumindest ein bisschen.“
Ruckartig riss Cole seinen Kopf in die Höhe. Sein Mund klappte auf und er schaute mich mehr als nur erstaunt an. Das sah so dämlich aus, dass ich von einem Ohr bis zum anderen grinsen musste.
„Hi, Cole“, begrüßte ich ihn betont fröhlich.
„M... Mimi“, fragte er und starrte mich noch immer ungläubig an.
„Klar, wer denn sonst? Der Weihnachtsmann vielleicht? Also erstens wäre das noch ein kleines bisschen früh und zweitens bin ich nachweisbar nicht männlich. Ich habe keinen Zipfel, weder auf dem Kopf noch zwischen den Beinen.“
„MIMI!“
Cole sprang von seinem ledernen Schreibtischstuhl auf, umrundete den Tisch und zog mich dann in eine stürmische Umarmung. Er presste mich ganz fest an seine Brust und hauchte mir einen Kuss auf den Kopf, was mir ein klein wenig unangenehm war. Aber er freute sich einfach so, mich zu sehen und wenn ich ehrlich war, dann ging es mir auch so. Es tat gut, sein Gesicht zu sehen. Aus rein freundschaftlicher Sicht natürlich.
„Keine... Luft“, japste ich trotzdem, weil ich wirklich kaum mehr atmen konnte. Er drückte mich einfach zu fest.
Cole packte mich bei den Schultern und drückte mich von sich weg, doch er ließ mich nicht los. Er wollte mir einfach nur in die Augen schauen.
„Mimi, was machst Du denn hier“, wollte er wissen.
„Ich war gerade in der Gegend“, gab ich zurück und wagte es dabei kaum, ihn anzusehen, da ich daran denken musste, was ich ihm gleich antun würde.
„Was soll das heißen, Du warst gerade in der Gegend? Ich dachte, Du bist in England und kümmerst Dich um die Schüler.“
„Ja... Also, ich meine, das stimmt, aber heute und morgen machen wir ausnahmsweise blau. Das war aber nicht meine Entscheidung, sondern die von Olympe.“
So viel konnte ich ihm schon sagen, aber den wahren Grund behielt ich lieber für mich. Damit meine ich natürlich, dass ich mich mit Olympe gestritten hatte, weil sie mich nur nach England beordert hatte, um mich wieder mit Severus zu verkuppeln. Was ja auch hervorragend geklappt hatte. Aber das würde Cole schon noch früh genug erfahren.
„Und da kommst Du extra hier her“, riss mich Cole aus meinen Gedanken heraus.
„Na ja, ich... war Weihnachtsgeschenke shoppen“, erwiderte ich, auch wenn es nicht ganz der Wahrheit entsprach. Ich war shoppen, aber dabei ging es nur um ein Geschenk. „Dann musste ich noch was von zuhause holen (Das stimmte allerdings, aber von meinem Privatshooting musste er nun wirklich nichts wissen) und da dachte ich, wenn ich schon in der Nähe bin, kann ich hier mal nach dem Rechten sehen... Und natürlich Dich besuchen.“
Das letzte fügte ich noch schnell hinzu, nachdem Cole leicht enttäuscht drein geblickt hatte. Ich hatte daraufhin so ein schlechtes Gewissen bekommen, dass ich diesen letzten Satz einfach sagen musste. Doch jetzt ging es mir noch schlechter. Die Schuldgefühle fraßen mich beinahe auf und ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht gleich mit der Wahrheit raus zu platzen. Es war noch zu früh. Ich musste ihm wenigstens ein bisschen Freude gönnen.
Und es schien zu funktionieren, denn jetzt war es Cole, der von einem Ohr bis zum anderen grinste. Er war so glücklich, dass es beinahe weh tat. Er hatte so ein Funkeln in den Augen, das ich nur zu gut kannte. Ich hatte es schon einmal gesehen und danach hatte er mich geküsst. Das war nach dem Halloweenfest gewesen.
Doch Cole machte keine Anstalten, mich jetzt auch wieder zu küssen und dafür war ich mehr als nur dankbar, denn ich hätte es jetzt nicht ertragen. Außerdem wollte ich auch gar nicht. Ich wollte nur noch von Severus geküsst werden und von niemand anderem. Dessen wurde ich mir jetzt, da ich Cole gegenüber stand, wahrhaftig bewusst. Ich liebte meine liebe Fledermaus und ich wollte keinen anderen außer ihn.
„Komm, lass uns etwas trinken gehen, Mimi“, sagte Cole schließlich und lächelte noch immer. „Ich bin neugierig, was es neues in Hogwarts gibt.“
Jede andere Frau wäre bei diesem Lächeln in Ohnmacht gefallen, denn Cole sah wirklich gut aus, vor allem, wenn er lachte. Er bekam dann immer diese Lachfältchen um die Augen und er wirkte dabei so jung. Doch bei mir zog das leider nicht, denn ich konnte Coles Gefühle einfach nicht erwidern.
„Wir können doch auch hier etwas trinken“, antwortete ich.
Ich wollte nicht in seine Gemächer und auch nicht in meine. Dort gab es schließlich Betten und man hatte ja vorgestern eindeutig gesehen, wohin so etwas führen konnte. Allerdings nicht mit Cole. Aber er war ja auch nicht der Typ für so etwas. Oder doch? Immerhin war ich schon einmal halbnackt neben ihm aufgewacht. Oh Gott, bloß nicht daran denken.
„Sei nicht albern, Mimi“, widersprach mein Freund und lächelte noch breiter. „Hier ist es doch nicht halb so gemütlich wie bei Dir oben. (Gaaah) Außerdem ist das hier Olympes Reich und auch wenn sie erst in ein paar Monaten wieder kommt, würde sie es bestimmt merken, wenn wir hier drin eine rauchen würden.“
Ach so, darum ging es ihm. Puh, erst einmal tief durchatmen. Und ich hatte schon gedacht... Ja, ja, ja, ich weiß, ich bin versaut. Ich gebe es ja zu. Aber das war alles Sevs Schuld. Er hatte mir gezeigt, wie toll Sex doch sein konnte und seitdem konnte ich einfach nicht mehr aufhören, daran zu denken.
Einen Vorteil hatte es auch, dass wir in meine Räume gehen würden. Dort würde sich Cole mit Sicherheit zurück halten. Hoffte ich zumindest. Aber es war immerhin mein Reich und da hatte ich das Sagen.
„Na schön“, meinte ich deshalb und zuckte mit den Schultern. „Dann lass uns gehen.“
Und wieder ein Grinsen. Gott, konnte Cole auch noch etwas anderes? Das tat ja richtig weh, ihn so zu sehen und zu wissen, dass in zwei Stunden alles anders sein würde.
„Sehr schön, gehen wir“, gab er zurück und schob mich schnell zur Tür hinaus.
„Ich freue mich wirklich sehr, dass Du hier bist, Mimi“, sagte Cole, als wir uns auf mein Sofa fallen ließen. „Ich war gerade dabei, Dir einen Brief zu schreiben, als Antwort auf den, den Du mir vorgestern geschrieben hast.“
Ach ja, stimmt. Das hatte ich fast vergessen. Nach der ersten Aufgabe hatte ich an Cole geschrieben. War das wirklich erst zwei Tage her? Es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Aber es war ja in der Zwischenzeit so viel passiert. Nicht daran denken, Mimi. Cole sieht Dir so was an der Nasenspitze an.
Ich fummelte schnell eine Zigarette aus meiner Handtasche und versuchte dabei zu verstecken, was sich in dort drin noch befand. Drei Tüten (Eine davon mit sexy Dessous für meinen Liebsten) und eine Kiste mit alten Erinnerungen. Ich hatte sie von zuhause mitgenommen, denn ich wollte Sevs Briefe und Bilder nun bei mir haben. Natürlich hatte ich alles magisch verkleinert.
Cole schaute mich abwartend an. Hoppla, da war ja was. Ich schuldete ihm noch eine Antwort.
„Du kannst ihn mir gerne mitgeben“, erwiderte ich deshalb schnell und versuchte zu lächeln. „Dann habe ich etwas zu lesen, wenn ich heute Abend zu Bett gehe.“
Wobei ich dann sicherlich etwas anderes zu tun hatte, als einen Brief zu lesen.
„Nein, Mimi, das mache ich nicht“, meinte Cole ein wenig verlegen. „Aber ich kann Dir gerne persönlich sagen, was ich darin geschrieben habe.“
„Ach ja? Was denn?“
„Dass Du mir fehlst.“
Ich schluckte. Oh, oh, das lief nicht ganz so wie geplant. Ich sollte nicht hier sitzen und mit Cole über solche Dinge sprechen. Ich sollte ihm eigentlich sagen, dass es für uns keine gemeinsame Zukunft gab, da ich die Liebe in einem anderen Mann wieder gefunden hatte. Einem Mann, der mich betrogen, gedemütigt und verraten hatte. Aber noch brachte ich den Mut dazu nicht auf. Was war nur auf einmal mit mir los? Sonst hatte ich doch auch kein Problem damit, die Dinge beim Namen zu nennen. Doch hier ging es darum, meine Freundschaft zu Cole aufs Spiel zu setzen und das wollte ich eigentlich nicht. Er war mir wichtig, aber eben nur als Freund.
„Ich... ich...“, stotterte ich, da ich keine Ahnung hatte, was ich darauf sagen sollte.
Ich wusste, dass dies die Gelegenheit war. Ich brauchte die Worte „Cole, es gibt da etwas, was ich Dir sagen muss“ nur aussprechen, doch sie kamen einfach nicht über meine Lippen.
Aber Cole schaffte es sogar jetzt noch, mich aus dieser Zwickmühle zu befreien.
„Ist schon gut, Mimi“, meinte er und lächelte. „Du brauchst darauf nichts zu erwidern. Ich weiß doch, dass es Dir genauso geht.“
Ach, wusste er das? Wie schön, denn das wusste nicht einmal ich.
„So und nun erzähl schon“, fuhr er fort. „Wie ist es in England?“
Puh, Schwein gehabt. Das war eine Frage, die ich leicht beantworten konnte. Oder? Ich meine, ich konnte ja wohl schlecht sagen, dass sich Hogwarts mittlerweile als echter Traum heraus gestellt hatte. Also sagte ich doch nur wieder die halbe Wahrheit.
„Es ist eigentlich ganz okay“, antwortete ich zögernd. „Ich bin immer recht gut beschäftigt. Unterricht halten und vorbereiten, Aufsätze korrigieren und so weiter. Aber das habe ich Dir ja alles geschrieben.“
„Und Deine Erinnerungen? Tut es immer noch so weh, dort zu sein, wo Du diese schrecklichen Erlebnisse durchmachen musstest?“
Alarm, Alarm. Neugieriger, ehemaliger Auror direkt voraus! Abdrehen, Mimi, Abdrehen.
„Ach, es geht“, meinte ich und es war noch nicht einmal gelogen. „Weißt Du, dadurch, dass ich so viel zu tun habe, denke ich gar nicht an diese ganze Scheiße. Und ich halte mich immer von den Orten fern, die mich in irgendeiner Art und Weise verletzen könnten. (Zumindest hatte ich das bis vor zwei Tagen getan.) Aber bitte, ich möchte jetzt nicht über diese Zeit in meinem Leben sprechen. Sie ist vergangen und das ist auch gut so. Die Vergangenheit sollte man einfach hinter sich lassen.“
„Es freut mich, dass Du das so siehst. Ehrlich, ich habe mir ziemliche Sorgen gemacht, wie es Dir geht. Auch, weil Du Dich nicht so oft meldest.“
„Na ja, es gibt eben nicht jeden Tag etwas zu erzählen und ich will Dich nicht langweilen. Aber sag mal, was gibt es denn hier so neues? Kommst Du mit den ganzen Aufgaben zurecht? Immerhin hast Du nicht nur Deine Pflichten als Lehrer, sondern auch als Schulleiter zu erfüllen. Das stelle ich mir ganz schön viel vor. Außerdem habe ich es ja selbst eine Zeit lang gemacht.“
„Ach, mach Dir um mich keine Sorgen. Das läuft alles prima und ohne irgendwelche Probleme. Sicher ist es anstrengend, aber so vergeht wenigstens die Zeit schneller und es ist nicht so lange hin, bis Du endlich wieder hier bist.“
„Tja, ein paar Monate wirst Du schon noch warten müssen. Die letzte Aufgabe ist immerhin erst im Mai oder so.“
Wenn ich überhaupt zurück nach Frankreich kommen würde. So genau wusste ich das nicht und ich hatte mir auch noch nicht großartig darüber Gedanken gemacht. Wie sollte es denn mit Severus und mir weiter gehen, wenn wir wirklich zusammen blieben? Ich hatte keine Lust auf eine Fernbeziehung und ich wusste nicht, ob Sev mir hierher folgen würde. Das musste ich dringend einmal mit ihm besprechen.
„So lange noch“, seufzte Cole. „Puh, und dabei sind mir diese dreieinhalb Wochen, in denen Du weg bist, schon so lange vor gekommen. Wie soll ich da nur bis Mai durchhalten?“
„Das schaffst Du schon, Cole, da bin ich mir ganz sicher. Stürze Dich einfach in Deine Aufgaben, das sorgt bestimmt für Zerstreuung.“
„Das schon, aber die Nächte sind besonders schlimm. Ich muss andauernd an Dich denken, Mimi. Du fehlst mir unglaublich. Deine Nähe, Deine Stimme, Dein Lächeln... Es ist furchtbar ganz alleine zu sein. Ich träume auch jede Nacht von dir und wenn ich dann morgens aufwache, bin ich immer verzweifelt und weiß nicht, was ich tun soll.“
Oh oh, das klang nicht gut. Er schien wirklich sehr an mir zu hängen. Nein, nein, nein, das durfte nicht sein. Er durfte nicht SO SEHR für mich fühlen. Nicht, wenn ich ihm gleich... Okay, spätestens jetzt sollte ich es wirklich hinter mich bringen. Ich sollte ihm sagen, dass es keine gemeinsame Zukunft für uns geben würde, da ich Severus liebte und nicht ihn. Ich musste ehrlich zu ihm sein, auch wenn ich damit unsere Freundschaft aufs Spiel setzte.
„Hör zu, Cole, ich...“, setzte ich an, doch er unterbrach mich.
„Sag mal, Mimi, könntest Du mir vielleicht bei etwas helfen“, wollte er wissen. „Es gibt da etwas, mit dem ich nicht zurecht komme. Der Gedanke ist mir eben erst gekommen.“
„Natürlich, klar“, gab ich zurück, dankbar für den Themenwechsel. Ich konnte es einfach nicht. Ich war ein Weichei. „Was brauchst Du?“
„Ich muss den Weihnachtsball organisieren und ich habe keine Ahnung, worauf ich genau achten soll. Und da dachte ich mir eben, Du hast doch das Halloweenfest so toll hin gekriegt. Meinst Du, Du könntest...“
„Aber sicher. Warte, ich hole nur schnell Pergament und eine Feder, dann können wir zusammen einen Plan erstellen, an den Du Dich halten musst.“
Mimi, Du bist wirklich ein Frosch. Sag ihm doch einfach die Wahrheit und dann geh. Das ist das beste, was Du tun kannst. Aber nein, stattdessen musst Du wieder einen auf hilfreichste Mitarbeiterin des Monats machen und zögerst lieber das Fällige hinaus.
Doch ich hörte nicht auf meine innere Stimme. Das hier war eine wunderbare Ablenkung und die Wahrheit lief mir ja nicht davon. Das konnte ich immer noch später machen, bevor ich zurück nach Hogwarts reiste. Vielleicht war das ohnehin besser, denn Cole würde mich sicher nicht mehr sehen wollen, wenn ich ihm erst einmal gesagt hatte, dass ich wieder mit dem Mann zusammen war, der mich erst zu diesem seelischen Wrack gemacht hatte, das ich bis vorgestern noch gewesen war. Nein, so war es eindeutig besser. So konnte ich wenigstens für eine kurze Zeit noch seine Freundin sein.
Also lief ich zu meinem Schreibtisch und holte Pergament und Feder hervor. Dann ging ich zurück zu Cole auf dem Sofa und wir fingen an, den diesjährigen Ball in Beauxbatons miteinander zu planen.
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Ich hasste es, wenn Mimi nicht hier war. Dann machte ich mir nur unnötig Sorgen. Was ihr draußen alles passieren konnte. Sie konnte entführt werden, zum Beispiel von diesem elenden Mistkerl Black. Wer wusste schon so genau, wo der sich herum trieb. Oder sie könnte sich verletzen und irgendwo in der Kälte erfrieren. Mimi konnte so tollpatschig sein, dass das durchaus im Bereich des möglichen lag.
Den ganzen restlichen Tag konnte ich mich nicht mehr wirklich auf den Unterricht konzentrieren, stattdessen stauchte ich lieber meine Schüler zusammen. Die hatten es ohnehin mal wieder nötig. Gestern war ich viel zu nett zu ihnen gewesen. Sie sollten merken, dass das eine einmalige Ausnahme gewesen war.
Nachdem ich die dritte Klasse endlich nach draußen befördert hatte, ging ich in mein Schlafzimmer und warf einen Blick auf das Bett, das noch immer ungemacht war. Hier hatte ich Mimi geliebt. Und nicht nur dort, auch auf dem Sofa, dem Fußboden und unter der Dusche. Hmmm, es war wirklich wunderschön gewesen. Ich konnte noch gar nicht glauben, dass das ganze wirklich passiert war. Hatten wir uns wirklich versöhnt? Waren wir wirklich wieder zusammen? Wenn ich daran dachte, fühlte ich mich, als wäre Weihnachten, Ostern und mein Geburtstag an einem Tag. Ich war so glücklich wie schon seit langem nicht mehr.
Ich schlenderte zu meinem Nachttisch hinüber und nahm Mimis Fotos in die Hand. Es war an irgendeinem Strand aufgenommen worden. Sie lag auf einer kuscheligen Decke, winkte und lächelte mir zu und warf immer wieder Kusshändchen in meiner Richtung. Sie sah so wunderschön aus und das tat sie nicht nur auf dem Bild. Auch im wahren Leben war sie atemberaubend. Man mochte kaum glauben, dass sie auch schon 34 Jahre alt war. Sie wirkte maximal wie 25. Was wollte sie nur mit so einem hässlichen, alten Sack wie mir? Das verstand ich nicht ganz und doch war ich froh, dass ich sie hatte. Sie war und blieb die Liebe meines Lebens.
Unwillkürlich musste ich mich fragen, was sie wohl gerade machte und was sie überhaupt den ganzen Tag getrieben hatte. Sie hatte gesagt, sie wolle ein paar Besorgungen machen. Aber was? Sie hatte doch alles. Klamotten konnten es nicht sein, denn davon hatte sie mehr als genug. Ich kannte nämlich ihren Kleiderschrank und auch ihre Unterwäscheschublade. Davon hatte sie wirklich reichlich. Auch für ihren Unterricht hatte sie alles, was sie brauchte. Gut, aber Frauen konnten ja bekanntlich immer einkaufen, besonders, wenn es auf W...
Severus Snape, Du bist und bleibst ein Hornochse. Wann lernst Du endlich einmal, Dein Gehirn zu benutzen? Mimi ist beim Weihnachtsshopping. Sie kauft Geschenke und wahrscheinlich auch eines für Dich. Kein Grund also, gleich in Panik zu geraten.
Weihnachten... So ein Mist aber auch. Ich hatte keine Ahnung, was ich Mimi schenken sollte. Sie hatte doch schon alles, was sie brauchte und jetzt hatte sie mich auch noch dazu. Sie brauchte keine sexy Wäsche, kein Parfum und keinen Schmuck. Das hatte sie alles in Hülle und Fülle. Was sollte ich ihr also schenken? Hmmm, das musste ich mir wirklich noch etwas gutes einfallen lassen. Etwas, womit ich sie so richtig überraschen konnte, weil sie mit dem überhaupt nicht rechnete. Aber was? Gott, ich hatte wirklich keine Ahnung, aber noch war ja ein klein wenig Zeit.
Apropos Zeit... Die lief mir allmählich davon. In zwanzig Minuten gab es Abendessen und ich würde meine Liebste endlich wieder sehen. Die Stunden, die ich ohne sie hatte verbringen müssen, waren mir wie Jahre vorgekommen. Doch jetzt hatte ich es ja bald geschafft. Ich hoffte nur, Mimi würde pünktlich erscheinen, so wie sie es versprochen hatte. Ich würde nicht eine Sekunde länger ohne sie aushalten, so sehr fehlte sie mir. Wahnsinn, wie man jemanden so sehr vermissen konnte. Ich freute mich aber schon tierisch auf sie, auf ihr Lächeln, ihren Geruch, darauf, ihr Knie unter dem Tisch zu streicheln, ohne dass es jemand mitbekam. Und auch auf unser Date danach. Hmmm, ob Mimi wohl auf Massagen stand? Sie konnte mit Sicherheit eine gebrauchen nach acht Stunden Extremshopping. Vielleicht konnte ich auch mit ihr zusammen ein heißes Bad nehmen. Oh ja, der Gedanke gefiel mir. Es erinnerte mich an den Abend, an dem ich Mimi sternhagelvoll im Raum der Wünsche aufgefunden hatte. Danach waren wir auch zusammen im Whirlpool gelandet und ich hatte es sehr genossen, ihre nackte Haut an meiner zu spüren, obwohl ich sonst echt nicht der Badetyp bin.
Gut, dann ist es also beschlossene Sache. Erst werde ich mit meiner Liebsten ein schönes Bad nehmen und sie anschließend ein kleines bisschen massieren. Der Rest würde sich schon irgendwie finden.
So, jetzt aber flott, Mister Snape. Du hast schließlich nicht ewig Zeit.
Ich verzichtete auf eine Dusche angesichts des bevorstehenden Bads und zog mir nur schnell meinen Umhang aus. Stattdessen rauchte ich danach lieber noch eine Kippe. Die musste einfach sein, nach diesem Tag. Außerdem wollte ich das nicht später tun müssen, da wollte ich mich lieber voll und ganz auf Mimi konzentrieren.
Als ich schließlich fertig war, machte ich mich vergnügt auf den Weg nach oben in die Große Halle. Gleich würde ich meine Mimi wieder sehen. Die Schüler, denen ich unterwegs begegnete, schauten mich seltsam und verblüfft an. Sie kannten mich nun einmal nicht mit einem Lächeln auf den Lippen. Sonst war ich immer nur die miesepetrige, verhasste Fledermaus, die alle Schüler malträtierte und mit Vorliebe Strafen austeilte. Doch jetzt konnte ich es einfach nicht unterdrücken. Ich freute mich einfach so auf meine Kleine. Mit jedem Schritt, den ich machte, fühlte ich, wie ich ihr näher kam. Noch etwa dreihundert Meter, ich konnte die Treppe, die in die Eingangshalle führte schon sehen. Noch zweihundert Meter, ich hatte die Treppe erreicht und eilte die Stufen nach oben. Noch einhundert Meter, ich erreichte die Eingangshalle, durchquerte sie und blieb an den Flügeltüren stehen, um einen Blick hinein zu werfen.
Die Große Halle war voll. Fast alle waren schon da, saßen lachend auf ihren Plätzen, machten Scherzte, unterhielten sich und genossen ihr Abendessen. Fast alle waren dort, wo sie hin gehörten, seien es Lehrer oder Schüler. Warum ich „fast“ sage? Weil eine Person fehlte und das, obwohl das Abendessen schon vor fünf Minuten begonnen hatte. Meine Mimi war nicht da.
Wo zur Hölle steckte sie???
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Der Plan für den Weihnachtsball stand. Er war wirklich perfekt geworden. Als Thema hatten Cole und ich uns für „Winterwonderland“ entschieden. Die Wände sollten dabei aus Eis bestehen, der Boden mit künstlichem Schnee bedeckt sein und es sollte auch verschneite und vereiste Bäume geben, die an einen winterlichen Wald erinnerten. Es war wirklich perfekt. Am liebsten würde ich dort selbst mitfeiern, denn hier waren keine Festumhänge Pflicht und mein wunderschönes, eisblaues Ballkleid, das ich auf dem Ball vor 18 Jahren getragen hatte (Allerdings in Hogwarts), hätte perfekt dort hinein gepasst. Ja, ich hatte es immer noch und es passte sogar, auch wenn ich es seitdem nicht mehr getragen hatte, außer um es anzuprobieren.
Ich hatte Cole auch einige Vorschläge für Bands gemacht, hatte ihm den Menüplan erstellt und auch den genauen Zeitablauf geplant. Ich war einfach gut in so etwas. Wäre ich keine Lehrerin geworden, hätte ich mich sicherlich gut als Event Managerin gemacht. Aber das nur so am Rande bemerkt.
Als wir endlich alles fertig und noch einmal durchgesprochen hatten, angelte ich mir noch eine Zigarette aus meiner Tasche, zündete sie mir an und nahm genussvoll den ersten Zug. Aaah... es gab nicht viel, was so gut war, wie eine Kippe nach getaner Arbeit.
„Wir sind wirklich ein hervorragendes Team, Mimi“, sagte Cole, der sich auch eine Zigarette gönnte.
„Ja, das sind wir“, erwiderte ich. „Zumindest was Partyplanung angeht.“
Ich lächelte ihn an. Wir hatten wirklich ziemlich viel Spaß während dieses Unterfangens gehabt. Es war fast so gewesen wie noch vor ein paar Wochen, bevor ich nach England aufgebrochen war. Nur dass meine Gedanken jetzt immer wieder zu einem gewissen Jemand abgeschweift waren, den ich doch ziemlich vermisste. Apropos...
„Cole, sag mal, wie spät ist es eigentlich“, wollte ich von ihm wissen. „Ich habe meine Armbanduhr heute vergessen und ich möchte rechtzeitig zum Abendessen zurück sein.“
„Du kannst auch hier essen, Mimi, das weißt Du.“
„Ja, schon, aber ich habe... Elise und den anderen gesagt, dass ich nicht so spät wieder komme.“
Das war eine glatte Lüge. Nicht meinen Schülern hatte ich dieses Versprechen gegeben, sondern einer gewissen Fledermaus, die mich heute Morgen unter der Dusche so leidenschaftlich geliebt hatte. Mmm, allein schon wenn ich daran dachte, spürte ich dieses erregende Ziehen in meinem Unterleib.
„Ach so, ja dann“, meinte Cole und warf einen Blick auf seine Uhr. „Es ist kurz vor sieben.“
„WAAAS“, schrie ich auf.
„Um genau zu sein 06.58 Uhr.“
„Oh Shit!“
Schnell drückte ich meine Zigarette im Aschenbecher aus und sprang vom Sofa auf. Mist, Mist, mistiger Mist. Ich war eine Stunde zu spät dran. Ich hatte Severus doch versprochen, um sechs Uhr wieder in Hogwarts zu sein. Er ist bestimmt schon krank vor lauter Sorge. Oder eben scheißwütend auf mich. Je nachdem, in was für einer Stimmung er gerade war. Oje, das war nicht gut. Wenn Sev wirklich sauer war... Allein schon wenn ich daran dachte, bekam ich eine Gänsehaut. Aber gut, ich war ja nicht anders. Ich konnte genauso ausrasten wie er und das würde ich, wenn er mich an schrie. Na super, das klang nach einem Streit.
Hastig packte ich meine Sachen zusammen, stopfte alles einfach so in meine Tasche und warf mir dann meinen Reiseumhang über die Schultern.
„Mimi, was hast Du denn auf einmal“, fragte Cole sichtlich verdattert.
„Nichts... ich... muss nur los“, gab ich stotternd zurück und schnappte mir meine Handtasche.
„Aber warum denn auf einmal so schnell? Du kannst doch auch gerne hier bleiben, auch über Nacht. Du hast doch in Hogwarts keine Verpflichtungen, die auf Dich warten. Du hast morgen frei.“
„Ich weiß, aber... trotzdem. Ich kann nicht hier bleiben. Ich habe... es versprochen.“
„Wem hast Du es denn versprochen? Ich kann mir kaum vorstellen, dass es den Schülern etwas ausmachen würde, wenn Du heute Nacht nicht dort bist. Das merken die doch nicht einmal.“
„Aber... mir macht es etwas aus. Ich habe es ihnen versprochen, hörst Du. Außerdem wollte ich heute Abend... mit Minerva noch ein Gläschen trinken. Das war schon länger ausgemacht und das kann ich nicht verschieben.“
Ich hätte Cole einfach die Wahrheit sagen sollen, aber irgendwie brachte ich es nicht über mich. Er hatte sich so gefreut, dass ich hier war... Das wollte ich jetzt nicht kaputt machen, auch wenn es noch so falsch war. Ich wusste selbst, dass ich es nicht hinauszögern sollte, aber... Was sollte denn schon passieren? Cole und Severus würden sich ohnehin nicht über den Weg laufen. Der eine war in England, der andere hier in Beauxbatons. Von dieser Seite drohte schon einmal keine Gefahr. Ja, ja, ich gebe es zu, ich war ein feiges Wiesel. Aber sind wir doch einmal ehrlich. Diese Sache bedurfte einem richtigen Gespräch und nicht einem kurzen Austausch zwischen Tür und Angel.
„Mach's gut, Cole“, sagte ich deshalb schnell und wandte mich in Richtung Tür, bevor ich noch irgendetwas dummes tat.
„Warte, Mimi“, meinte er und packte mich am Ellenbogen. „Bitte, geh nicht. Bleib heute Nacht hier. Ich flehe Dich an...“
„Ich kann nicht, Cole. Das habe ich Dir doch erklärt.“
„Aber wir haben doch noch gar nicht...“
Ich wusste genau, was jetzt kommen würde. „Über unsere Zukunft gesprochen“, so wollte er den Satz beenden, doch ich ließ ihn nicht ausreden. Ich wollte das nicht hören. Sonst würde ich doch noch gezwungen sein, ihm zu sagen, dass ich jetzt mit Severus zusammen war. Das würde Cole das Herz brechen. Deshalb legte ich Cole schnell meine Hand auf den Mund und brachte ihn so zum Schweigen.
„Bitte Cole, nicht“, flüsterte ich und sah ihn traurig an. „Ich kann das nicht. Ich... Es...“
Mist, was sollte ich denn sagen?
„Es ist noch zu früh“, stellte Cole fest und nahm meine Hand in seine.
Das war sie, die perfekte Ausrede. Was besseres würde mir auch nicht einfallen, außer die Wahrheit, aber die wollte ich ihm nun doch nicht sagen. Nicht bei dem Blick, den er mir zuwarf. Cole sah so traurig aus, dass es mir beinahe das Herz brach. Es erinnerte mich schmerzvoll an den Hundeblick, den Filou mir immer zugeworfen hatte, wenn er etwas gewollt hatte. Und ich wusste genau, was das bei Cole war. Er wollte mich und genau das konnte ich ihm nicht geben. Nicht mehr...
Deswegen nickte ich nur kurz und senkte den Blick, denn ich hatte das Gefühl, dass er mir meine Lüge an der Nasenspitze ansehen konnte. Ich war einfach eine grauenhafte Lügnerin. Das war ich schon immer gewesen. Ich hatte meinen Eltern ja nicht einmal verheimlichen können, dass ich meine Hausaufgaben nicht gemacht hatte. Das hatten sie immer sofort gemerkt. Vor allem mein Vater. Aber was will man von einem Psychologen auch anderes erwarten?
„Ich muss jetzt wirklich gehen, Cole“, sagte ich und versuchte, ihm meine Hand zu entziehen.
„Und ich kann Dich nicht doch noch irgendwie überzeugen“, wollte er niedergeschlagen wissen.
„Nein, kannst Du nicht. Bitte, lass mich einfach gehen. Es wird nicht leichter, wenn wir es hinauszögern.“
„Du hast recht. Aber ich möchte Dir gerne noch eine Sache sagen, dann lasse ich Dich ziehen.“
„Und die wäre?“
Ich wusste nicht so wirklich, ob ich das hören wollte, aber wenn er mich dann gehen ließ, nahm ich das gerne in Kauf. Besser so, als noch ewig hier herum zu stehen und zu diskutieren. Das würde meine Verspätung nur ins Unermessliche steigern.
„Du fehlst mir, Mimi“, sagte Cole leise. „Jeder Tag hier ist so ewig lang und das hat mir natürlich die Zeit gegeben, mir über meine Gefühle so richtig klar zu werden. Ich kann nicht mehr ohne Dich leben. Ich möchte mit Dir zusammen sein und das am besten 24 Stunden lang, sieben Tage die Woche.“
Ich musste schlucken. Oh oh, das klang gar nicht gut. Er empfand viel zu viel für mich und ich trat diese Gefühle mit Füßen und schmiss sie hinterher in eine Tonne. Das hatte er wirklich nicht verdient. Ich ertrug es nicht mehr, hier bei ihm zu sein, doch Cole war noch nicht fertig.
„Ich habe mich unsterblich in Dich verliebt, Mimi.“
Dann beugte er sich zu mir herunter und kam meinen Lippen immer näher. Er hatte wieder dieses Funkeln in den Augen. Ich wusste genau, was das dieses Mal zu bedeuten hatte. Er wollte mich küssen.
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