
von Dilli
OH...
MEIN...
GOTT...
D.. d.. d... da... da... da.... da... Das... Nein... Ich... Ich... Was... Heilige Scheiße... Das... Das konnte er doch nicht ernst meinen, oder? Ich meine, was dachte er sich denn dabei? War Severus denn jetzt vollkommen übergeschnappt? Oder noch besser: Völlig verrückt geworden? Oder von allen guten Geistern verlassen? Wie kam er bloß auf so eine hirnrissige Idee? Und das auch noch in der Großen Halle, wo gerade in etwa 280 Leute um uns herum standen. Oh Gott!
Noch immer kniete er vor mir und sah hoffnungsvoll zu mir auf. Er wartete auf die Antwort, die ich ihm schuldig war. Doch was sollte ich ihm denn sagen? Ich durchforstete mein Gehirn, doch das war gar nicht so einfach, denn ich hatte keine Ahnung, wie ich darauf reagieren sollte. Stattdessen erstarrte ich zu einer Statue und starrte geschockt zu meiner Fledermaus hinunter. Was sollte ich denn sagen? Ja? Nein? Weiß nicht? Hilfe!!!
Okay, ganz ruhig bleiben, Duchesse. Das ist doch gar nicht so schwer. Du sagst selbstverständlich Nein. Was denn auch sonst? Das ist das einzig logische.
Meine innere Stimme wie sie leibt und lebt. Sie lief natürlich sofort zu Hochtouren auf und erinnerte mich freundlicherweise an ein paar Aktionen, die meine liebe Fledermaus so gebracht hatte.
Diesen Vollidioten willst Du doch nicht ernsthaft heiraten, oder? Bitte sag mir nicht, dass Du das auch nur ernsthaft in Erwägung ziehst, Mimi. So blöd kannst nicht einmal DU sein. Ich meine, überleg doch mal, was der Kerl alleine in den letzten Wochen so gebracht hat. Er hat Dich wegen einer lächerlichen Kleinigkeit von zwei Stunden Verspätung angeschrien, als wärst Du ein kleines Schulmädchen, das dringend Haue auf die Finger braucht. Oder dass er sich in den letzten fünf Tagen aufgeführt hatte wie eine Dramaqueen, weil Du Deinen besten Freund gedeckt hast. Ja gut, bis zu einem gewissen Grad ist es nachzuvollziehen, dass er deswegen wütend gewesen war. Aber wegen so etwas so lange zu zicken, ist doch auch übertrieben. Und er hat Dich als frigide bezeichnet. Ich meine, HAAAAALLOOOOOO!!!! Geht's noch? Mal ganz davon zu schweigen, dass er vor fast achtzehn Jahren mit seiner Ex, die gleichzeitig Deine Freundin war, ins Bett gesprungen ist und Du ihn dabei erwischt hast. Und da meint er, mit einem Kniefall und einem netten Lächeln ist alles vergessen? Ha, dass ich nicht lache. Der muss wirklich auf den Kopf gefallen sein. Der glaubt doch nicht allen Ernstes, dass Du auf diese Masche herein fällst. Da bist Du doch definitiv viel zu schlau dafür, Mimi. Na komm schon, schleudere ihm Dein Nein mitten in seine dumme Fresse und schau dabei zu, wie sein Herz zerbricht und wie er leidet.
Ich wusste, dass meine Vernunft zum Teil recht hatte, aber so einfach konnte ich dann doch nicht ablehnen. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, denn plötzlich mischte sich mein Herz freudig in das Gespräch mit ein und ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass es völlig anderer Meinung war wie meine innere Stimme. Es entbrannte eine herrliche Diskussion, die mich aber keinen Schritt weiter brachte.
Aber das ist doch so was von süß, sprach mein Herz. Er möchte den Rest seines Lebens mit Dir verbringen und immer für Dich da sein.
Falsch, er will sie einfach nur besänftigen, damit er im nächsten Moment wieder irgendeine Scheiße bauen kann. Das ist doch genau sein Ding und so macht er es immer wieder. Er macht irgendeinen Mist und kommt dann mit ein paar lieben Worten wieder angekrochen, damit Mimi wieder einmal nachgibt. Aber dieses Mal ist sie schlauer. Dieses Mal schlägt sie zurück. Na komm schon, Duchesse, mach endlich! Du wirst sehen, es wird Dir gut tun. Dann kannst Du ihm das von heute Nachmittag gleich wieder heimzahlen. Er hat es nicht anders verdient.
Du bist wirklich viel zu kalt, Du dummes Gewissen. Er macht sich hier gerade für Mimi zum Affen, indem er sie vor den ganzen Leuten gefragt hat und Du hast nichts besseres als Rache im Kopf. Sieh ihn Dir doch an, wie er da kniet und auf seine Antwort wartet.
Die natürlich Nein lauten wird.
Oder Ja!
Nein!
Ja!
Ich wusste überhaupt nichts mehr, konnte nicht einmal mehr klar denken. Was sollte ich denn jetzt machen? Ja oder Nein? Nein oder Ja? Was war das richtige? Wollte oder konnte ich meine Gedanken und Sorgen einfach so über Bord werfen? Wir waren doch erst seit vier Wochen wieder zusammen und in dieser Zeit hatten wir schon einige Male gestritten oder irgendeiner war sauer gewesen. War das denn eine gute Basis für eine Ehe? Mit Sicherheit nicht. Aber ich liebte Severus doch... Doch mich gleich mit ihm verloben? Ich weiß nicht... Ich habe keine Ahnung... Ich... ich...
„Mimi“, kam es da fragend von unten und ich zuckte erschrocken zusammen, weil ich so in meinen Gedanken versunken gewesen war. „Mimi, bitte sag doch etwas! Willst Du mich heiraten?“
Ich versuchte, etwas zu sagen, aber ich wusste nicht, was. Außerdem hatte sich ein riesiger Kloß in meinem Hals gebildet, der sich auch nach tausend Mal schlucken nicht auflösen wollte. Verdammt!
„Ich... ich...“, stotterte ich und meine Stimme klang unnatürlich piepsig.
Na super, jetzt höre ich mich auch schon an wie eine Maus. Das passte so überhaupt nicht zu mir. Und das bringt mich der Lösung meines Problems nicht einen Schritt näher.
„Ich... ich...“
Was soll ich nur sagen? Was, was, WAS?
Da schien Severus etwas einzufallen. Ohne den Blick von mir abzuwenden griff er in seinen Festumhang und holte eine kleine schwarze Ringschachtel hervor. Oh Gott, bitte nicht auch noch das!
Er öffnete sie und zum Vorschein kam ein zierlicher Ring aus Platin, der mit einem wunderschönen Diamanten in Herzform besetzt war. Mir blieb glatt die Luft weg, so atemberaubend war er. Doch das verschlimmerte meine Lage nur noch. Ich konnte das alles nicht.
„Ich... ich...“
„Ja“, fragte Sev und schenkte mir ein so süßes Lächeln, dass es mir beinahe mein Herz zerriss.
Was sollte ich nur tun? Ich konnte meinem Liebsten keine Antwort geben, so sehr ich es mir auch wünschte. Es ging einfach nicht. Meine Ausweglosigkeit schnürte mir die Luft ab und ich hatte das Gefühl, gleich zu ersticken. Tränen stiegen mir in die Augen, weil ich mir so mies vorkam.
„Severus, ich... ich... Es tut mir leid!“
Und ohne ihn noch einmal anzusehen, entzog ich ihm meine Hand und machte auf dem Absatz kehrt. Ich wollte nur noch eins. Raus hier, weg, mich verkriechen und meinen Gedanken und Tränen freien Lauf lassen. Mir war das alles zu viel.
Ich bahnte mir einen Weg durch den Kreis aus Menschen, der sich um uns herum gebildet hatte, und stürmte aus der Großen Halle, der Freiheit entgegen.
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Geschockt sah ich meiner großen Liebe hinterher. Was ging denn jetzt ab? Warum lief sie einfach so davon? Was hatte ich denn jetzt schon wieder falsch gemacht?
„Mimi“, rief ich ihr hinterher, als sich meine Starre löste, doch es war schon zu spät.
Sie hörte mich nicht oder wollte es nicht. Stattdessen stürmte sie durch die Flügeltüren davon nach draußen.
Fast augenblicklich machte sich die Enttäuschung in mir breit. Meine Liebste hatte mir keine Antwort auf meine Frage gegeben. Sie wollte meinen Antrag nicht annehmen? Wieso? Warum? Wollte sie mich denn nicht heiraten? Und ich hatte gedacht, dass es ihr wir mir erging und sie den Rest ihres Lebens mit mir verbringen wollte. Tja, falsch gedacht. Klar, wieso sollte sie auch jemanden wie mich heiraten wollen? Nach allem, was ich ihr angetan hatte, war das nur allzu verständlich. Na toll und ich blöder Arsch hatte das nicht gesehen, sondern war erst darauf gekommen, als ich mich schon komplett zum Affen gemacht hatte. Vor allen Kollegen, Gästen... und Schülern. Super, klasse, tolle Leistung. Jetzt war ich der Depp schlechthin. Hatte meine Aktion heute Nachmittag denn noch nicht gereicht? Musste ich denn alles noch viel schlimmer machen? Anscheinend.
Doch ich wollte meinen Fehler, dass ich Mimi beschimpft hatte, wieder gut machen. Und wie ging so etwas besser als mir einem solchen Liebesbeweis? Hatte ich zumindest geglaubt. Ich war ja so was von bescheuert!
Ich rappelte mich vom Boden hoch, verstaute die Schachtel mit dem Ring wieder in der Innentasche meines Umhangs und machte mich dann ebenfalls auf den Weg aus der Halle hinaus. Ich wollte nur noch weg hier von diesen Idioten, die mich alle anstarrten, als wären wir im Zoo und ich irgendein seltenes Vieh. Musste ich es ihnen jetzt eigentlich anrechnen, dass sie jetzt keinen Ton, also auch kein Lachen, von sich gaben? Wahrscheinlich, aber es war mir egal. Ich wollte nur noch nach unten in meine Gemächer und mir den einen oder anderen Drink genehmigen, der mich vergessen lassen würde, was soeben passiert. Mir war das so schon peinlich genug. Da half mir sicher die Flasche Scotch weiter, die ich noch in meiner Bar herum stehen hatte. Ich wusste zwar, dass Mimi es überhaupt nicht passen würde, wenn ich mich jetzt zulaufen lassen würde, aber immerhin tat ich es ja nur wegen ihr.
Ich hatte die Türen fast erreicht – ich ignorierte zwanghaft das Geflüster, das nun doch hinter mir einsetzte – als ich hinter mir schnelle Schritte hörte, die sich mir näherten. Nein, bitte nicht, ich will doch nur...
„Und“, meinte eine bissige Stimme, „was gedenkst Du nach dieser klasse Aktion jetzt zu tun, Snape?“
Ich zählte in Gedanken langsam bis fünf um nicht sofort vollends zu explodieren und drehte mich dann um. Es wunderte mich eigentlich nicht wirklich, mich Minerva gegenüber zu sehen. Klar, dass sie sich wieder einmal einmischen musste – was anderes hatte ich auch gar nicht erwartet, da dies immerhin ihr Lieblingshobby war. Und leider war sie auch mit Mimi befreundet (Wieso, warum, weshalb? Was hatte ich verbrochen, dass mir meine Liebste das antat?), deswegen war es auch kein Wunder, dass sie nun auch wieder ihren Senf dazu geben musste.
Den Blick, den mir meine Kollegin zuwarf konnte ich nicht wirklich deuten. Irgendwas zwischen streng und wütend würde ich sagen. Und ihre Lippen waren auch ziemlich dünn, wie immer, wenn ihr etwas überhaupt nicht passte. Aber es war mir auch scheißegal. Ich wollte nur in mein Wohnzimmer, zehn Kippen hintereinander rauchen und mir meinen Frust von der Seele saufen. Das war doch wohl nur allzu verständlich.
„Was geht es Dich an, Minerva“, gab ich ihr deshalb zur Antwort und klang dabei mindestens genauso angepisst wie sie zuvor.
„Lass mich raten“, meinte sie jedoch und ließ sich von meiner pampigen Art überhaupt nicht beeindrucken, „Du verbarrikadierst Dich jetzt wieder in Deinem Loch und säufst Dir die Birne zu. Stimmt's oder habe ich recht?“
„Selbst wenn dem so wäre, Minerva, dann bräuchte es Dich immer noch nicht zu jucken. Das sind meine Angelegenheiten und mit denen gehe ich so um, wie es mir passt. Merk Dir das gefälligst.“
Ich wollte schon gehen, hatte mich sogar schon wieder der Tür zugewandt, als hinter mir ein Schnauben ertönte.
„Das ist ja wieder einmal so was von typisch. Was anderes kannst Du wohl nicht, oder? Dich in Deinem Selbstmitleid suhlen. Was Du anderen Menschen damit antust, interessiert Dich einen Scheißdreck. Hauptsache DU kriegst das, was Du willst. Und wenn nicht, dann verkriechen wir uns wieder einmal und zerstören die letzten fünf Gehirnzellen, die wir noch haben.“
So, das war zuviel des Guten. Ich war ja normalerweise ein sehr geduldiger Mensch (Bitte nicht lachen), aber was zu viel war, war zu viel. Was bildete sich der alte Drachen eigentlich ein, sich so in meine Sachen einzumischen? Das war mein Leben und nicht ihres. Die einzige, die da vielleicht noch mitzureden hatte, war Mimi, aber die hatte es ja vorgezogen, wieder einmal abzuhauen.
Trotzdem loderte der Zorn in mir hoch und ich wirbelte zu McGonagall herum und funkelte sie böse an. Doch sie schaute mindestens genauso wütend zurück. Schwarze Augen blickten in braune. Der Löwe gegen die Schlange, oder, wie Mimi es ausdrücken würde: der Drache gegen die Fledermaus.
„Ich sage es Dir jetzt noch einmal, Minerva“, zischte ich sie an. „Halte Dich aus meinen Angelegenheiten raus. Die gehen Dich überhaupt nichts an. Und wenn ich...“
„Es geht hierbei aber nicht nur um Dich, Du blöder Hornochse, sondern auch um Marie und die ist meine Freundin.“
„Nur zu Deiner Information: Die tolle Marie ist daran Schuld, dass es mir jetzt so scheiße geht und ich nur noch eines will. Mich mit einem Drink zurück ziehen.“
„Marie ist überhaupt nicht Schuld, Du Idiot, sondern ganz alleine DU SELBST! Es hat Dich keiner dazu gezwungen, ihr vor versammelter Mannschaft einen Antrag zu machen.“
„Es soll mein Fehler gewesen sein? Das kannst Du doch wohl nicht ernst meinen. Hattest Du denn gerade keine Augen im Kopf? Sie hat mich eiskalt abblitzen lassen und ist dann wieder einmal davon gerannt. Wie immer!“
„Wie hätte sie denn Deiner Meinung nach reagieren sollen, Severus? Dir um den Hals fallen und Deinen Heiratsantrag annehmen?“
„Zum Beispiel.“
„Das glaubst Du doch wohl selbst nicht. Da wäre sie ja schön blöd gewesen.“
Spätestens jetzt war ich so wütend, dass es mich selbst wunderte, dass kein Rauch aus meinen Nasenlöchern quoll. Am liebsten würde ich Minerva den Hals umdrehen. Aber so war ich nun einmal: Ich hasste es, wenn man mir die Wahrheit an den Kopf haute. Die vertrug ich einfach nicht.
„Überleg doch einmal selbst, Snape“, fuhr die alte Schabracke fort, bevor ich einen Tobsuchtsanfall bekommen konnte. „Ihr seid gerade einmal seit vier Wochen wieder zusammen, nachdem ihr fast achtzehn Jahre lang keinen Kontakt hattet, weil Du sie betrogen hast...“
„Aber das ist doch schon Ewigkeiten her und ich habe mich mehr als einmal dafür bei Mimi entschuldigt“, widersprach ich ihr, doch ich hatte die Rechnung ohne Minervas Dickschädel gemacht. Sie konnte das genauso gut wie ich.
„Für Dich mag die ganze Sache ja abgehakt sein, weil Du ja Deinen Spaß dabei hattest, aber Marie hat Jahre unter der Qual gelitten. Hörst Du, Severus, Jahre und sie tut es immer noch in einer gewissen Art und Weise, auch wenn sie das niemals zugeben würde. Aber selbst wenn sie Dir diese Schweinerei verziehen hat – eine Tatsache, die ich nie getan hätte, aber das nur so am Rande bemerkt – dann sind vier Wochen ein viel zu kurzer Zeitraum, um endgültig zu wissen, ob man wirklich den Rest seines Lebens miteinander verbringen will.“
„Ich tue das“, warf ich dazwischen und war mir meiner Sache dabei immer noch sicher.
„Siehst Du, Du denkst immer nur an Dich, dabei solltest Du mal an Marie denken. Sie hat so viel mitgemacht seit sie Dich kennt und in diesem kurzen Zeitraum mag sie zwar glücklich gewesen sein, aber dennoch... Überleg doch mal selbst. Wie oft habt ihr euch in dieser kurzen Zeit schon gestritten? Mehrfach soweit ich weiß.“
Mimi, diese kleine Petze. Na warte, die konnte was erleben.
„Aber doch nur wegen Kleinigkeiten“, verteidigte ich mich.
„Das mag ja sein, aber trotzdem verletzt einen jeder aufs neue.“
„Das ist noch lange kein Grund, mich wie das letzte Vollblutarschloch dastehen zu lassen. Sie hätte ja wenigstens...“
„Nicht schon wieder! Hast Du vielleicht schon einmal daran gedacht, dass Marie einfach mit der Situation überfordert gewesen ist? Das war immerhin ein ziemlicher Auftritt.“
Darüber musste ich kurz nachdenken. In meinen Gedanken hatte ich mir diesen Augenblick total traumhaft vorgestellt. Quasi dass ich Mimi mit meinem Antrag zum glücklichsten Menschen der Welt machen würde. Dass die Geister unserer Vergangenheit sie immer noch quälten, daran hatte ich nicht eine Sekunde lang gedacht. Ich war der Meinung gewesen, dass sie mir um den Hals fallen und mich vor allen Gästen abknutschten würde. Aber so... Oh Gott, waren diese letzten Wochen vielleicht einfach nur eine Art Therapie für sie gewesen? Liebte sie mich vielleicht gar nicht wirklich? Fuck, das würde immerhin zu ihrer Reaktion passen. Sie war ja nicht umsonst einfach so davon gerannt, als wäre der Teufel persönlich hinter ihr her. Die Lust auf einen kräftigen Schluck aus der Whiskyflasche wurde fast übermächtig. Doch noch war ich hier nicht ganz fertig.
„Und was soll ich Deiner Meinung nach dann tun“, wollte ich von Minerva fast schon arrogant wissen. „Mimi vielleicht wieder einmal hinterher laufen wie schon so oft? Ich habe das Gefühl, dass ich in unserer Beziehung nichts anderes tue als hinter ihr her zu rennen. Nein, dieses Mal nicht. Sie will ihre Ruhe? Bitteschön, die kann sie gerne haben.“
Minerva stieß ein tiefes Seufzen aus.
„Du bist und bleibst ein Sturkopf wie er im Buche steht, Severus, wirklich. Meinst Du, es ist besser, wenn Du Dich jetzt zudröhnst? Geh und rede mit Marie, wenn sie Dir so wichtig ist.“
„Was soll das denn schon bringen? Sie will mich doch ohnehin nicht.“
„Herr, bitte lass Hirn vom Himmel regnen!“
„Hä?“ Ich verstand überhaupt nichts mehr.
„Du glaubst, dass sie Dich nicht liebt. Hast Du denn keine Augen im Kopf, Snape, oder hast Du wirklich schon Deine ganzen Gehirnzellen versoffen? Marie ist vollkommen verrückt nach Dir, auch wenn ich sie da wirklich nicht verstehen kann. Aber das sieht wirklich ein Blinder mit Krückstock, nur Du wieder einmal nicht. Geh und kläre diese ganze Scheiße, denn es nicht nur eine Kleinigkeit wie Du immer so schön sagst.“
„Aber...“
„Kein Aber, Du hirnloser Troll. Geh und such sie, bevor sie irgendeinen Blödsinn anstellt.“
„Was meinst Du damit?“
„Gott, ist Marie meine Freundin oder Deine? Ich meine damit, dass sie total überfordert ist und es mich nicht wundern würde, wenn sie vor der ganzen Sache einfach nur davon laufen würde und zwar endgültig.“
„Du denkst...“
„Dass Marie sich überlegen wird, das Handtuch zu werfen? Genau das meine ich.“
„NEIN!“
Das kann sie nicht... Das DARF sie nicht. Nicht, nachdem sie sich doch heute Nachmittag noch dazu entschlossen hatte, hier zu bleiben. Ich konnte sie nicht gehen lassen.
Und ohne auf meine Kollegin zu achten, machte ich auf dem Absatz kehrt und stürmte davon, meiner großen Liebe hinterher. Wieder einmal...
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Luft... Freiheit... Kein Druck... Kein Stress... Nur ich und die kalte Abendluft, die mein erhitztes Gemüt beruhigte. Oder sagen wir lieber, es unterdrückte.
Ich hatte relativ kurzentschlossen gehandelt. Ich hatte einen Ort gesucht, an dem ich in Ruhe über alles nachdenken konnte, denn das war genau das, was ich jetzt brauchte. Ich musste mir überlegen, was ich wollte und was ich jetzt tun sollte. War es richtig gewesen, Severus einfach so stehen zu lassen? Doch noch war ich nicht an meinem Ziel angekommen, deswegen musste das noch kurz warten.
Zuerst hatte ich mir überlegt, ob ich mich nicht in den Raum der Wünsche zurück ziehen sollte. Dort wäre ich in Ruhe und konnte mich auch verbarrikadieren, wenn ich wollte. Doch ich hatte den Gedanken recht schnell wieder verworfen, aus gegebenen Gründen. Erstens war das der Ort, an dem ich Severus damals mit Lilly erwischt hatte und ich wusste nicht, ob ich es in meiner Verfassung ertragen hätte, ausgerechnet dort zu sein. Meine Gefühle waren dort nicht neutral genug, da es mich immer noch aufwühlte, wenn ich an diese schreckliche Szene dachte, die mich sogar heute noch manchmal in meinen Träumen quälte.
Außerdem würde Severus dort mit Sicherheit zuerst nach mir suchen, wenn er feststellte, dass ich nicht in meinem Zimmer war. Und ich brauchte nun erst einmal ein klein wenig Abstand zu allem. Es gab noch das ein oder andere Eckchen, das ich hätte aufsuchen können, aber es musste etwas sein, dass mich an Severus erinnerte, aber wo ich nur positive Eindrücke von ihm hatte.
Deswegen war ich auch nach draußen gestürmt, auch wenn es noch so schweinekalt war. Ich wusste genau, wo ich hin musste. Ich musste an den Ort, an dem wir eigentlich nur einmal gewesen waren, aber er zählte doch zu den schönsten Erfahrungen meines Lebens. Zudem würde Severus nicht sofort darauf kommen, dass ich mich bei minus 5 Grad nach draußen setzen würde.
Nachdem ich die Marmortreppe hinunter gerannt war – mit meinen hohen Absätzen war das wirklich nicht einfach, das kann ich euch sagen – wandte ich mich nach links und ging in Richtung Gärten. Ich war diesen Weg lange nicht mehr gegangen und doch spürte ich, dass ich genau das richtige tat. Ich zog meinen Umhang fester um mich. Zwar ließ der nun dicke Stoff die Kälte nicht ganz hindurch, doch er hielt sie auch nicht vollständig zurück. Außerdem trug ich ja nur Riemchensandalen und meine Füße fühlten sich an, als wären sie zwei große Eisklumpen. Das war doch mal eine ganz tolle Leistung von mir, also wirklich. Wer war schon so bescheuert und zog sich im tiefsten Winter Sandalen an? Marie Duchesse, Vollpfosten Nummer Eins. Aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich ja nicht damit hatte rechnen können, dass ich wieder einmal dazu gezwungen war, davon zu laufen. Der Abend war von meiner Seite aus ganz anders geplant gewesen. Eigentlich hatte ich Severus ja den ganzen Abend ignorieren wollen und als das nicht mehr möglich war, hatte ich für mich beschlossen, mit ihm nach oben zu gehen und den Abend ruhig ausklingen zu lassen. Vielleicht mit einem (weiteren) Gläschen Wein oder so. Gut, mit Sicherheit hätte eines zum anderen geführt, aber seien wir mal ehrlich: Das hätte ich mehr als nur verdient gehabt, nach Severus' Beschimpfungen heute Nachmittag. Oh ja, da hätte er einiges wieder gut machen müssen. Aber ich hatte ja nicht ahnen können, dass mein Liebster mir aufgerechnet heute – und das vor all den Leuten – einen Heiratsantrag machen würde.
Allein bei dem Gedanken überzog eine Gänsehaut meinen ganzen Körper und ich beeilte mich nun doch, mein Ziel zu erreichen. Es dauerte nur ein paar Minuten, dann erreichte ich die Bank, auf der Severus mich zum ersten Mal geküsst hatte. Ich befreite sie von ihrer Schneedecke, beschwor eine kuschelige Decke und drei Kerzen herauf, sodass ich wenigstens ein bisschen Wärme und Licht hatte und ließ mich anschließend fallen. Ich hatte eine gute Wahl getroffen. Es war zwar schweinekalt, aber was soll's. Hier konnte ich wenigstens in Ruhe über alles nachdenken. Ich mummelte mich in die schwarze Wolldecke und ließ meinen Gedanken freien Lauf.
Was mir als erstes in den Sinn kam, war die Frage, warum Severus ausgerechnet diesen Zeitpunkt gewählt hatte, um mich zu fragen, ob ich seine Frau werden möchte. Warum jetzt, vor all den Gästen des Weihnachtsballs. Und nach dieser kurzen Zeit. Wir waren immerhin erst seit vier Wochen wieder ein Paar und in diesem Zeitraum hatte es mehr als eine Diskussion – wenn nicht sogar Streit – gegeben und das wegen Kleinigkeiten. Was hatte Severus also damit bezweckt? Und wie hatte er gedacht, dass ich reagieren würde? Hatte er wirklich geglaubt, dass ich ihm sofort um den Hals fallen und 'Ja' sagen würde? Das konnte ich nicht so einfach.
Womit wir auch schon beim nächsten Punkt wären: meiner Reaktion. Hatte ich richtig gehandelt, dass ich einfach so davon gelaufen war? Wieder einmal, wie ich leider zugeben muss. Aber was hätte ich denn sonst machen sollen? Ich hatte einfach nicht gewusst, was ich hätte sagen sollen und war in Panik geraten. Es hatte sich so angefühlt, als hätte sich ein dickes Seil oder sogar eine Kette um meinen Brustkorb und um meine Kehle geschnürt und ich hatte nicht atmen können. Also war ich Severus eine Antwort schuldig geblieben, die er doch eigentlich verdient hatte. Aber wie hätte diese Antwort denn aussehen sollen? Ich wusste es selbst jetzt noch nicht.
Meine innere Stimme war weiterhin der Meinung, dass ein Nein das richtige gewesen wäre. Dafür gab es natürlich einige eindeutige Gründe: Die vielen verletzenden Aussagen, mit denen Severus mich schon beleidigt hatte – damals wie heute. Ein paar Beispiele gefälligst? Da war einmal der Spruch von wegen, man könne mich nur mit der Kneifzange anfassen, den er einst zu seinen Jugendfreunden Avery und Nott gesagt hatte. Damals, als diese beiden Vollblutarschlöcher mich entführt und in den verbotenen Wald verschleppt hatten. Auch heute Nachmittag hatte er so eine verletzende Äußerung gemacht. Ich und frigide? Dass ich nicht lache. So etwas sagt man doch nicht zu seiner Freundin, die zwar achtzehn verfickte Jahre lang auf Sex verzichtet hatte, aber das nur, weil einem eine gewisse Fledermaus nicht aus dem Herzen gegangen war. Ich hätte einfach mit niemanden anders schlafen können. Punkt, aus, Ende der Diskussion! Das hatte aber nichts mit frigide, prüde oder sonst etwas zu tun. Und nur weil ich nicht auf Dirty Talk stehe... Halt, ich schweife ab! Darüber habe ich mich wahrlich schon genug aufgeregt.
Was also sprach noch für 'Nein'? Ganz klar die Tatsache, dass Severus und ich erst seit einer so kurzen Zeit wieder zusammen waren. Wie sollte ich denn nach den paar Wochen wissen, ob ich denn wirklich dazu bereit war, den Rest meines Lebens mit ihm zu verbringen? Was hatten wir denn schon großartig getan? Gevögelt bis zum Abwinken. Aber tiefschürfende Gespräche über die Zukunft hatte es nie gegeben. Wir hatten ja noch nicht einmal darüber gesprochen, wie es nach dem Turnier weiter gehen sollte. Ganz zu schweigen davon, wo wir leben würden oder ob wir einmal Kinder haben wollten. Ich hatte an so etwas auch noch keinen Gedanken verschwendet, da ich einfach nur die Zeit genossen hatte, die Severus und ich miteinander verbracht hatten. Die Nähe, die Zärtlichkeiten, der Sex (Der wirklich außergewöhnlich gut war). So etwas hat doch bekanntlich Zeit, oder etwa nicht? Gut, ich kannte meinen Schatz schon lange, aber wir hatten uns auch Ewigkeiten nicht gesehen, geschweige denn, dass wir zusammen gewesen waren. Im Gegenteil, ich hatte ihn gehasst und verflucht.
Und warum? Das wäre wohl Punkt 3. Weil er mich betrogen hatte. Ich wusste selbst, dass es lange her war, er nicht wirklich etwas dafür konnte et cetera, aber trotzdem steckte das noch in mir und ließ mich nicht los. Was war, wenn ich Severus nicht reichen würde? Oder wenn ich zurück nach Frankreich musste? Würde er dann bei der nächstbesten Gelegenheit los ziehen und zu einer seiner Nutten gehen? Gut, ich konnte es mir nicht vorstellen, aber Angst hatte ich trotzdem. Immerhin hätte ich Severus es auch damals nicht zugetraut und selbst heute noch hatte ich ab und zu einen immer wiederkehrenden Albtraum. Ich sah alles so deutlich vor mir, als wäre ich wieder dort: Im Raum der Wünsche. Ich zog den samtenen Vorhang, der ein Himmelbett umspannte, zur Seite und sah meinen Liebsten, der immer wieder in Lilly, seine Ex und meine Freundin, hinein stieß.
Selbst heute noch taten diese Bilder so weh – auch wenn ich mittlerweile die Wahrheit kannte und glaubte – aber dennoch riss es mein Herz jedes Mal entzwei. Ich hatte einfach eine wahnsinnige Angst davor, dass Severus mir noch einmal so etwas antun könnte und dass ich noch einmal so sehr leiden musste wie damals. Solche Qualen wollte ich nicht noch einmal erleben – davon hatte ich wirklich genug für den Rest meines Lebens.
Aber gab es nicht auch etwas gutes an meinem Liebsten? Immerhin liebte ich ihn und ich wäre nicht mit ihm zusammen, wenn er nur durch und durch schlecht wäre. Und mein Herz würde definitiv nicht zu einem Ja tendieren, wenn er so ein Arschloch wäre.
Ich meine, Severus konnte lieb, nett und vor allem zärtlich sein. Ich konnte mich im Großen und Ganzen auf ihn verlassen und er war immer für mich da, wenn ich ihn brauchte. Ich liebte es, wenn ich neben ihm einschlief oder neben ihm aufwachte. Ich genoss seine sanften Berührungen, wenn er über meine Wange, meine Arme, meinen Rücken oder meinen ganzen Körper streichelte. Ich liebte sein Lächeln, seine Blicke und seine Art wie er mir seine Liebe zeigte. Ich liebte seine Küsse und das Gefühl, wenn er seinen Körper an meinen presste. Er hatte auch einen gewissen Sinn für Romantik, auch wenn dieser nicht sonderlich ausgeprägt war, aber die eine oder andere süße Aktion war schon dabei: Als er mir 1976 unsere Ketten, die mir so sehr gefallen hatten, zu Weihnachten geschenkt hatte. Oder als er mich am Wochenende in Hogsmeade hatte überraschen wollen. Oder auch der Heiratsantrag an sich. Auch wenn ich immer noch nicht wusste, was ich hätte sagen sollen, so konnte ich doch sagen, dass die Aktion an sich doch sehr, sehr süß war. Wie er sich heraus geputzt hatte und mich dann vor den Augen von knapp 280 Leuten gefragt hatte. Er hatte sich wirklich Mühe gegeben. Also, wenn das nicht mal ein Liebesbeweis war, dann wusste ich auch nicht.
Ich könnte wahrscheinlich ewig so dasitzen und Dinge aufzählen, die ich an Severus liebte und warum ich mir vorstellen konnte, für immer mit ihm zusammen zu sein. Aber reichte das aus, um mich gleich so eng an ihn zu binden? Ich konnte mir im Moment ein Leben ohne ihn nicht vorstellen, aber da gab es auch so viele Dinge, die mich störten oder die mich tief in meinem Inneren verletzt hatten. Konnte ich darüber hinweg sehen? Was war richtig und was falsch? Gab es das überhaupt? Was sollte ich nur tun? Welche Antwort sollte ich meinem Liebsten geben? Denn zweifelsohne wartete er noch immer darauf. Doch egal wie oft ich es auch drehte und wendete: Ich fand einfach keine Lösung.
Als die Minuten zu Stunden wurden, wurde ich immer verzweifelter. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Severus heiraten oder nicht? Ihm aus dem Weg gehen oder nicht? Ich wickelte mich noch fester in die Decke, rollte mich auf der Bank zusammen wie ein Baby und ließ schließlich – und endlich – meiner Verzweiflung freien Lauf. Die Tränen liefen mir über die Wangen wie Sturzbäche und je mehr Zeit verging, umso sicherer war ich mir eigentlich. Ich wollte Severus nicht verlieren, aber...
Da strich plötzlich etwas über mein Gesicht. Ganz sanft und zärtlich zwar, doch trotzdem erschrak ich beinahe zu Tode, sodass ich einen spitzen Schrei ausstieß und von der Bank sprang. Doch ich wäre nicht klein Mimi, wenn ich es nicht wieder einmal geschafft hätte, volle Kanne auf der Fresse zu landen, denn ich hatte meine Füße in der Decke verheddert. Also landete ich halb sitzend auf dem schneebedeckten Boden und blickte in das traurige Gesicht meines Liebsten, das von dem Lichtschein der drei schwebenden Kerzen angeleuchtet wurde. Sofort liefen noch mehr Tränen aus meinen Augen. Was wollte er hier? Wie hatte er mich gefunden? Und was würde jetzt geschehen? War das das Ende oder...?
Ich versuchte den Kloß, der sich in meinem Hals gebildet hatte, hinunter zu schlucken, scheiterte aber kläglich. Und trotzdem...
„Mimi“, flüsterte mein Schatz, der vor mir kauerte und mich unsicher anschaute.
„Se... Se... Severus“, schluchzte ich auf.
Dann hielt mich nichts mehr. Ich fiel meinem Liebsten um den Hals und fing bitterlich an zu heulen. Die ganzen aufgestauten Gefühle brachen über mir zusammen und begruben mich unter ihrer tonnenschweren Last. Doch als Sev nach einem kurzen Augenblick den Arm um mich legte, da spürte ich, dass ich genau hier her gehörte. Nirgendwo anders wollte ich sein als in Severus' Armen. Ich kuschelte mich an seinen Hals und sog tief seinen Duft an. Er roch so gut, nach meinem Lieblingsaftershave und Moschus und... Severus eben. Der Geruch spendete mir so viel Trost und er beruhigte mich. Er würde immer etwas tröstliches haben.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange wir so im Schnee kauerten – Minuten, Stunden, Jahre – doch irgendwann hob mich mein Schatz hoch und setzte sich mit mir zurück auf die Bank, wo er uns in die Decke wickelte und mich wieder fest an sich drückte. Und wieder verging eine lange Zeitspanne, die ich einfach nur genoss und die auch die Tränen versiegen ließ. Doch auch das schlechte Gewissen kam zurück. Ich wusste, dass ich einem klärenden Gespräch nicht aus dem Weg gehen konnte.
„Geht es Dir besser“, fragte mich Severus schließlich nach einer Weile.
Zur Antwort nickte ich einfach nur. Ich hatte immer noch keine Ahnung, was ich sagen sollte ohne Severus zu verletzen und ihn vielleicht zu verlieren.
„Wieso weinst Du dann“, wollte er wissen und streichelte dabei sanft über meine Schulter.
„Ich weine doch gar nicht“, widersprach ich und wischte die letzten verräterischen Spuren von meinen Backen. Wahrscheinlich sah ich aus wie ein verschnupfter Pandabär.
„Mimi...“
Oh oh, nicht dieser Ich-weiß-es-doch-ohnehin-besser-Blick.
„Na schön, ich gebe es ja zu. Ich habe geweint, aber jetzt nicht mehr.“
„Und warum?“
„Musst Du denn immer so neugierig sein?“
„Du bist meine Freundin und wenn Dich etwas belastet, dann will ich das wissen. Ist das denn so schlimm?“
„Nein, eigentlich nicht. Also schön, ich habe geweint, weil ich so froh bin, dass Du da bist. Womit wir auch schon beim Thema sind. Was machst Du hier? Ich hatte eigentlich gedacht, dass Du Dich jetzt in Dein Verlies zurück ziehst und mindestens eine Flasche Schnaps vernichtest.“
„Danach war mir auch, aber... Na ja, sagen wir es mal so, Deine lieber Hausdrachen hatte etwas dagegen und hat mir den Kopf gewaschen.“
„Mein was bitte? Ach so, Du meinst Minerva. Oje, was hat sie denn jetzt schon wieder angestellt? Ich habe sie schon oft darum gebeten, sich heraus zu halten und Dich in Ruhe zu lassen, aber wie es aussieht hat sie sich nicht daran gehalten.“
„Keine Angst, es war nicht weiter schlimm. Sie hat mir nur genau das an den Kopf gedonnert, was ich hören musste, um wieder klar denken zu können.“
„Und das wäre?“
„Sie hat mir gesagt, dass Du vielleicht etwas Dummes anstellen und nach Frankreich abhauen würdest. Tja und da bekam ich Angst, dass Du... Na ja, Du weißt schon... mich verlassen könntest. Also habe ich Dich gesucht, aber das hat leider ein klein wenig länger gedauert, weil Du nicht an den Orten warst, an denen ich Dich eigentlich vermutet hätte.“
„Das war auch meine Absicht. Ich habe einfach nur ein klein wenig Ruhe gebraucht, um meine Gedanken zu sortieren. Mir war gerade klar geworden, dass ich Dich brauche, als Du vor mir aufgetaucht bist. Und um Dich zu beruhigen: Ich habe nicht eine Sekunde lang daran gedacht, nach Frankreich zu gehen.“
Ich wusste, dass das stimmte. Ich war zwar aus der Großen Halle gelaufen, aber nicht um Severus zu verlassen, sondern weil ich den kleinen Abstand gebraucht hatte.
„Dann machst Du also nicht Schluss“, wollte Sev unsicher wissen.
„Wieso sollte ich das denn tun“, fragte ich entgeistert.
Mir würden zwar viele Reaktionen auf seinen Antrag einfallen – von einem Schreianfall bis zu einem köstlichen Lachanfall war alles dabei – aber mich von meinem Liebsten zu trennen kam überhaupt nicht in Frage. Das würde ja bedeuten, dass ich mir selbst das Herz heraus reißen müsste. Nein, das stand wirklich nicht zur Debatte.
„Ich weiß auch nicht“, gab Sev zurück. „Aber als Du weg gelaufen bist... Da wusste ich einfach nicht, was ich davon halten sollte. Ich habe gedacht, ich hätte Dich vielleicht so erschreckt, dass Du nicht mehr mit mir zusammen sein willst. Vor allem nach der Aktion heute Nachmittag, die mir im Übrigen mehr als nur leid tut. Ich hätte so etwas nicht sagen dürfen.“
„Ich weiß. Mir tut es auch leid, dass ich sauer war. Ich hätte mir Deine Erklärung anhören sollen, aber ich war einfach so verletzt. Dass Du mich so siehst... Das hat einfach mehr als nur weh getan.“
Severus drückte mich noch fester an sich.
„Ich sehe Dich nicht so, Mimi. In diesem Moment vielleicht schon, aber nicht, wenn ich klar im Kopf bin. Ich war einfach nur enttäuscht, dass Dir der Dirty Talk nicht gefällt und...“
Ich legte ihm meine Hand auf den Mund, um ihn zu unterbrechen. Ich wusste, was er dachte und fühlte und brauchte es nicht zu hören.
„Es ist okay“, sagte ich deshalb schnell. „Du brauchst es mir nicht zu erklären. Ich verzeihe Dir auch so.“
„Oh Mimi!“
Mein Liebster erdrückte mich beinahe und hauchte mir gleichzeitig einen Kuss auf die Stirn. Dort, wo seine Lippen meine Haut berührten, fing es an zu kribbeln und mir lief ein wohliger Schauer über den Rücken. Gott, wie sehr ich diesen Mann doch liebte. Auch wenn er ab und zu einmal einen riesigen Haufen Scheiße baute, so konnte ich doch nicht ohne ihn sein. Aber seien wir mal ehrlich. Tun wir das nicht alle? Fehler sind schließlich menschlich.
Doch noch waren wir nicht fertig. Da gab es noch eine Sache, die zwischen uns stand. Ich war Severus noch eine Antwort schuldig, das wusste ich nur zu gut und Sev wäre nicht meine liebe Fledermaus, wenn er diese Sache ungeklärt lassen würde.
„Und“, fragte er mich deshalb.
„Und was“, antwortete ich, obwohl ich genau wusste, was er wissen wollte.
„Komm schon, Mimi, Du weißt ganz genau, dass ich noch auf eine Antwort warte. Willst Du mich heiraten oder nicht?“
Ich seufzte tief. Was sollte ich nur sagen? Na komm schon, Duchesse. Arschbacken zusammen kneifen und raus damit.
„Severus, ich...“
Meine Stimme versagte wie auch vorhin schon. Verdammter Mist aber auch! Ich war doch kein feiges Huhn, aber ich wollte Severus einfach nicht verletzen.
Und wieder einmal machte mein Schatz sich seine eigenen Gedanken und kam dabei zu einem völlig falschen Schluss.
„Du willst nicht“, sagte er leise, ließ mich los und wandte sich von mir ab.
„Nein, Severus, bitte, ich... So ist es nicht. Lass mich...“
„Schon gut, Mimi, Du brauchst mir nichts zu erklären. Ich weiß selbst, dass ich Dir genug Scheiße angetan habe. Wieso also solltest Du mich heiraten wollen? Ich brauche nur ein bisschen Zeit, um das zu verdauen. Auch wenn viele es anders sehen, aber ich bin auch nur ein Mensch und auch ich habe Gefühle.“
Er erhob sich von der Bank. Oje, das lief nicht so geplant. Warum folgerte er denn immer falsch? Und warum, zum Teufel, hörte er mir NIE zu?
„Sev, mein Schatz, so ist es doch gar nicht...“, wollte ich ihn aufhalten, doch er wandte sich schon zum Gehen.
„Es ist okay, Mimi, ich habe verstanden.“
„Severus, bitte...“
„Ich brauche nur etwas Abstand, Mimi, keine Angst. Wir sehen uns morgen!“
Er machte drei Schritte in Richtung Schloss.
„SEVERUS SNAPE, DU ELENDE FLEDERMAUS, HÖR MIR DOCH ENDLICH EINMAL ZU“, brüllte ich nun los.
Das konnte doch echt nicht wahr sein. Wieso musste er denn immer seinen Dickschädel durchsetzen? Der war ja noch schlimmer als ich. Und warum schaltete er nicht endlich seine Ohren auf Empfang? Hallo, Erde an Severus, ich bin noch nicht fertig.
Erschrocken über meinen Ausbruch, drehte sich mein Liebster zu mir um und sah mich erstaunt an. Tja, damit hatte er wohl nicht gerechnet.
„So, schenkst Du mir jetzt auch endlich mal Deine Aufmerksamkeit“, giftete ich ihn an. „Welch eine Ehre! Hör zu, Severus, ich habe doch überhaupt nicht gesagt, dass ich Dich nicht heiraten WILL. Ich kann nur einfach nicht.“
„Und worin soll da der Unterschied liegen?“
Oi, Hirn einschalten, Du Idiot!
„Da gibt es sehr wohl einen. Ich kann Dir nur im Moment noch keine Antwort geben, auch wenn ich es so gerne täte. Schau, wir sind doch erst so kurz erst wieder zusammen und wir haben noch nicht einmal über unsere Zukunft nach dem Trimagischen Turnier gesprochen. Wir haben eigentlich nur die Zeit genossen, die wir hatten. Wie also soll ich 'Ja' sagen, Severus, wenn ich nicht einmal weiß, wie es in ein paar Monaten weiter geht oder was genau Du Dir wünscht? Ich weiß so wenig und das ist ja auch kein Wunder nach vier Wochen. Es geht einfach zu schnell. Ich brauche Zeit, um darüber nachzudenken und auch, um ein paar grundlegende Dinge mit Dir zu klären.“
Mein Schatz sah mich verwirrt an. Er schien nicht zu wissen, was er davon halten sollte. Doch ich war mit meinem Latein am Ende. Ich hatte nämlich keine Ahnung, was ich sonst noch hätte sagen sollen. Severus stand eine gefühlte Ewigkeit da und zeigte keinerlei Anzeichen einer Reaktion. Auch ich rührte mich nicht. Den ersten Schritt musste er machen. Ich hatte ihm gesagt, wie ich dachte und fühlte. Jetzt war er dran.
„Dann...“, fing er an zu stottern und machte einen kleinen Schritt in meine Richtung. „Du meinst... Es... Du... Ich...“
„Drückst Du Dich immer so klar aus“, seufzte ich und zwickte mir mit dem Daumen und dem Zeigefinger der rechten Hand in den Nasenflügel. Diese Warterei machte mich fertig.
„Meistens“, gab Severus zurück und lächelte zögerlich. „Du meinst also... Es ist kein Nein?“
Halleluja, er hatte begriffen. ENDLICH!
„Nein, das ist es nicht. Ich kann Dir nur noch keine endgültige Antwort geben, das ist alles.“
Und es wäre schließlich nicht fair, wenn ich jetzt etwas sagen würde, das wir später vielleicht beide bereuen würden.
„Du meinst also“, hakte mein Liebster nach, „es besteht immer noch die Möglichkeit, dass Du... also... hm... meinen Antrag annimmst?“
Oje, er schien sich echt Sorgen zu machen.
Ich sprang auf und überwand schnell die zwei Meter, die uns noch trennten und legte meine Hände auf seine Brust. Ich sah ihm tief in die Augen und versuchte all die Liebe, die ich für Severus empfand, in meinen Blick zu legen.
„Natürlich besteht die. Es geht alles nur ein wenig schnell. Gib mir Zeit, damit ich über all das nachdenken kann. Mehr möchte ich nicht.“
Und ehe ich es mich versah, hatte mein Schatz mich gepackt und in eine stürmische Umarmung gezogen. Ich bekam fast keine Luft, aber es war mir egal. Sollte er mich meinetwegen zerquetschen, wenn wir nur zusammen sein konnten.
„Oh Mimi, ich bin ja so froh“, flüsterte mir Sev ins Ohr. „Ich kann Dir ja gar nicht sagen, wie sehr. Und ich dachte schon... Egal! Alles was Du willst, meine Kleine. Ich gebe Dir alle Zeit der Welt, wenn Du sie brauchst.“
„Danke“, gab ich zurück und genoss einfach nur seine Nähe.
„Ich liebe Dich, Mimi. Immer.“
„Und ich liebe Dich, Severus.“
Und bevor einer von uns etwas sagen oder tun konnte, fanden sich unsere Lippen und vereinigten sich zu einem leidenschaftlichen Kuss.
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