
von Svelita
Lavender war maßlos. Maßlos ergeben. Wie eine Königin nach einer Schlacht fühlte sie sich, als sie das Messer niederlegte. Es war, als tanzte die Gesellschaft nach wie vor in diesem Saal. Sie betanzten das Festmahl und Lavenders Sieg.
Das Mädchen lehnte sich in ihrem Thron zurück, ließ den Bick herrschaftlich über das vollbrachte Mahl gleiten. Es war an der Zeit sich dem krönenden Dessert zu widmen, welches unter der Glosche auf sie wartete. Sie setzte sich aufrecht, um ihr Siegeszeichen entgegen zu nehmen und befreite die spiegelnde Haube vom Goldtellerchen. Die Überraschung traf sie warm und berauschend, wie es das Mahl gewesen war. Angerichtet für die Königin der Nacht bedachte man sie heute mit dem Haupt der Lieblingstoten, mit bestem Gruß vom Hause.
Halbgeöffnete Augen ruhten auf Lavenders blutfeuchten Lippen. Sie erinnerte sich daran, als wäre es gestern erst gewesen, wie jenes Mädchen über die Tanzfläche geschwebt war, die Gryffindor mit den Händen mitgezogen und zu Bewegungen des Taktes der Musik animieren wollte. Wie sie jeden Mann hatte in dieser Nacht verführen wollen und Lavender sich mit dem Rest vergnügen musste.
Sie griff nach dem Messer auf dem saubergeleckten Teller. Es lag so perfekt in ihrer Handfläche, als wäre es für sie, für diesen Moment angefertigt worden. Mit beiden Händen spaltete Lavender den Mund der Freundin, senkte den Kiefer zu einem tonlosen Schrei. Mit den Fingerspitzen zog sie das Lustwerkzeug des Mädchens aus der Mundhöhle. Die Schneide wurde an die zähe Wurzel des Muskels angelegt und begann zu sägen.
Mit einem letzten kraftvollen Schliff übergab die Freundin schweigend die Trophäe.
***
Das abstrakte Bild begann langsam vor ihren Augen zu verschwimmen. Mit einem Wimpernflackern befand sie sich wieder in Snapes Büro. Ihre Augen waren trocken von der Zeit, in der Snape ihre Lider zum Aufschlag gezwungen hatte.
Der Lehrer lehnte noch immer auf der gleichen Stelle am Pult, als er sie auf die Reise geschickt hatte. Seine Züge waren unverändert. Kein Zucken verriet, was er fühlen mochte, was er gesehen hatte.
„Was haben Sie getan?“, brachte das Mädchen atemlos zu stande. Lavenders Puls raste, ihr Atem war flach. Die Bilder schossen ihr wie ein Daumenkino durch den Kopf.
Snape legte den Kopf schief. Die unwissende Mine. „Was haben Sie getan?“
Ihre Lippen zitterten. So sehr sie auch zu einer Antwort ansetzen und sich gegen den Vorwurf wehren wollte, sie konnte es nicht.
„Miss Brown?“
Die Stimme hallte dumpf in ihrem Kopf wider. Lavender sprang auf, ihr wurde unmittelbar schlecht. In der Hektik schmiss sie den Stuhl um, hangelte sich mit einer Hand an der Wand zur Tür entlang. Die andere hielt sie krampfhaft auf ihren Brustkorb in der Hoffnung nicht von dem Albtraum erstickt zu werden.
Sie flüchtete vor sich selbst aus Snapes Büro, musste raus aus dem Kerker. Die Schüler in den Korridoren glitten gesichtslos an ihrem Blick vorbei. Das Blut rauscht in ihren Ohren, ihr unregelmäßiger Atem erfüllte die Geräuschkulisse. Sie erreichte den verlassenen Waschraum und stützte sich auf einem Waschbecken ab. Die Schnappatmung gliederte sich langsam wieder zu einem ausgeglichenen Ein und Aus. Sie hob ihren Blick und betrachtete das Mädchen im Spiegel.
Tiefe Ringe zeichneten sich unter den blutunterlaufenen Augäpfeln ab. Die Lippen waren von der roten Flüssigkeit spröde geworden. Das Gesicht verzog sich zu einer angeekelten Mine, bleckte die Zähne. Lavender beugte sich näher zum Glas. Zum Vorschein traten nicht mehr die weißen Beißerchen, die eine Zahnspange vor Jahren in Reih und Glied geformt hatte. Abgebrochen, schief, in rote Farbe getaucht spähte ihr das Gebiss entgegen.
Nein. Das war nur ein Hirngespinst. Folgen eines Albtraums, den sie nicht zu verantworten hatte. Sie betrachtete ihre Hände. Niemals wäre sie zu so einer Tat fähig. Doch das verkrustete Blut unter ihren Nägeln war nie Teil ihrer Maniküre gewesen. Die Lungen begannen zu pfeifen, ihre Beine gaben nach. Das Daumenkino wiederholte sich in ihrem Kopf. Als sich Lavenders Magen zusammenzog, brach sie eine Pfütze Blut.
Die Tür fiel scheppernd ins Schloss zurück. Sogleich zeichnete sich das Anzeichen eines Lächelns auf Snapes Lippen ab und seine Muskeln verloren an der üblichen Steifheit. Die Kunst der Okklumentik war in seiner Vielfältigkeit geradezu überschwänglich. Gnadenlos, doch vollkommen. Sie eröffnete ihm unerahnte Möglichkeiten und den entscheidenen Zug eine bisher unumkämpfte Sehnsucht besiegen zu können.
Der Tränkemeister verschwand aus seinem Büro, ging die Treppen zu seinem privaten Labor herunter. Das gedachte Lumos machte ein feinsäuberlich geordnetes Spielzimmer sichtbar. Die schwarzlackierten Vitrinen, Schränkchen, Abstellflächen und die Arbeitsinsel inmitten des Raumes verliehen seiner inneren Tragödie die sichere Glaubwürdigkeit.
Snape steuerte einen hohen Schrank in der Zimmerecke an, in dem sieben Schubladen eingelassen waren. Er war mit einem handgewebten Platzdeckchen seiner Mutter geschmückt, auf dem eine Vase mit blühenden Lilien residierte. Der Lehrer kniete vor die unterste jener Schubladen. Die Erinnerung der Gryffindor war so intensiv gewesen. Sie musste der Okklumentik die Bedeutung verschafft haben, dass Snape einer besonderen Art von Zauber nicht mehr nur Hoffnung, sondern auch Erfolg beimaß.
Er legte seine blasse Hand an den Schrankknauf an und öffnete langsam die Schublade. In dem dunklen Hohlraum blitzte ihn Lavenders Trophäe erhaben an. Mit den Fingerspitzen glitt er über den feuchten Muskel. Reglos wie er war konnte er weder Schleim noch Speichel erfahren. Bloß das Blut lag noch frisch auf ihm. Snape schloss die Schublade zufrieden. Er war sich sicher, sein Vorhaben nahm Gestalt an. Der erste Schachzug war gesetzt.
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