
von Valkyr
« Der Schattenpakt »
3. Kapitel - Eine offene Rechnung
Am nächsten Morgen wurde Hermine durch ein helles Klopfen erweckt. Der Blick fiel sofort aufs Fenster, von wo die Geräusche gekommen waren und sie erkannte den schwarzen Vogel vom Vortag. Sie wäre am Liebsten länger liegen geblieben, denn hatte sie die halbe Nacht damit verbracht, Bücher über magische oder hochintelligente Kreaturen zu wälzen. Leider war sie nicht fündig geworden, was den Raben betraf und hatte es dabei belassen, dass er einfach ein kluges Kerlchen seiner Art war.
Letztendlich siegte die Freude darüber, dass er sie nochmals besuchte und so stand sie auf und ging zum Fenster, um ihn herein zu lassen. Er hüpfte über die Schwelle des Rahmens und direkt auf ihre ausgestreckte Hand. „Guten Morgen! Hat dich etwa die Lust auf noch mehr Rosinen hier her geführt?“ Mit einem heiseren Krächzen antwortete er ihr und zaghaft schmunzelnd ging sie aus dem Zimmer, schritt den recht kurzen Flur entlang und stieg die Wendeltreppe hinunter.
In der Küche angelangt, schnappte sie sich eine handvoll Rosinen und verfütterte sie Stück für Stück an das schlaue Tier. Gierig schlang er diese hinunter und pickte ihr teilweise ungeduldig in den Finger.
Recht untypisch für sie, verspürte sie selbst an diesem Morgen keinen Hunger und sie schleppte ein eher flaues Gefühl, das sich in ihrer Magengegend breit machte, mit sich herum. Vielleicht hatte sie einfach nur zu wenig geschlafen.
Hermines Blick ließ von dem Raben ab und fiel auf die tickende Uhr, die über der Küchentür hing. Es war genau halb zwölf und wieder stellte sich ihr die Frage, was sie heute unternehmen sollte. Da ihr wieder nichts einfiel, entschied sie sich nun doch, es sich im Wohnzimmer vorm Kamin gemütlich zu machen, ein paar Erdnüsse zu knabbern und ein Buch zu lesen. Also verließ sie, abermals mit dem Raben auf der Schulter, die Küche und betrat das Wohnzimmer.
Erst jetzt fiel ihr auf, wie ruhig es war. Eigentlich säßen ihre Eltern längst auf der Couch und sahen sich eine kitschige Soap an, die täglich um viertel nach elf begann. Dafür schlossen sie ihre Praxis sogar eine Stunde früher, es sei denn, es war ein Notfall, was aber sehr selten vorkam. Hermine hob eine Braue und sah zur Haustür. Am Kleiderständer hingen keine Mäntel, was eindeutig ein Zeichen dafür war, dass ihre Eltern außer Haus waren, jedoch nicht auf der Arbeit - das verriet der Aktenkoffer ihres Vaters, der an seinem gewohnten Platz im Flur stand. Er hatte dort zwar nichts von Belangen drin, doch fühlte er sich damit seriöser, wie er seiner Tochter mal erzählt hatte.
Allmählich machte sie sich Sorgen. Schon am gestrigen Abend waren sie nicht heim gekommen, das hätte sie mitgekriegt. Eine Konferenz oder Fortbildung fand in den Sommermonaten auch nie statt, also konnte sie diese Möglichkeit auch aus ihren Gedanken streichen. Um auf Nummer Sicher zu gehen, wollte sie im Schlafzimmer nachsehen. Es lag am Ende des Flurs in der oberen Etage, genauso, wie das von Hermine. Da sie nun wacher als zuvor war, kletterte sie die Stufen nun recht rasch hinauf und ging zügigen Schrittes zur Zimmertür, wobei der Rabe sich fester in ihre Schulter krallte, um nicht herunter zu fallen.
Als sie die Tür öffnete, fand sie genau das vor, was sie befürchtet hatte - Nichts. Kein Brief, keine Notiz und die Schränke waren auch gefüllt, so dass eine spontane Reise auch nicht die Erklärung sein konnte. Hermine legte die Stirn in Falten und ließ sich auf dem unbenutzten Bett nieder. Sie seufzte und trommelte nervös mit den Fingern auf ihrem Oberschenkel herum.
Wo konnten sie nur sein? Und warum hatten sie Hermine nichts gesagt? Hatten sie vielleicht gestritten und waren in einer Nacht und Nebel Aktion verschwunden? Wieder einmal schüttelte Hermine den Kopf über ihre Gedanken. Das sah ihren Eltern nicht ähnlich. Sie waren ein gutes Team und Meister darin, Konflikte in Ruhe zu lösen, als dass sie einfach davor weglaufen würden.
Irgendwie musste sie sich ablenken und beschloss kurzer Hand, doch das Haus zu verlassen. Selbstverständlich hatte der Rabe draußen auf sie gewartet, während sie sich frisch gemacht und umgezogen hatte. Kaum hatte sie die Haustür hinter sich verschlossen, krächzte der Vogel grüßend und landete vorsichtig auf ihrer Schulter. Seine Krallen massierten diese sachte und Hermine schenkte ihm ein mattes Lächeln, gefolgt von einer Rosine. Sie hatte sich einige davon in die Manteltasche gesteckt, ganz intuitiv und in dem Glauben daran, dass der Rabe ihr folgen würde.
Langsamen Schrittes ging sie die nasse Straße entlang. Wie üblich lag eine hohe Feuchtigkeit in der Luft und der wolkenbedeckte Himmel verriet, dass es jeden Augenblick zu Regnen beginnen könnte. Mist. Schirm vergessen...
Sie trat auf einen verlassenen Spielplatz und ließ sich dort auf einer Schaukel nieder, die bloß vom kühlen Wind leichten Schwung bekommen hatte. Sachte wiegte sie diese vor und zurück. „Wenn ich doch wenigstens von Harry und Ron etwas hören würde...“, durchbrach sie die Stille plötzlich. Verzweiflung lag in ihrer Stimme.
„Kein Zeichen von Mum und Dad... Nichts von meinen Freunden. Und den Tagespropheten erhalte ich auch nicht. Sind Eulen auf einmal massenhaft ausgestorben?!“ Der Unterton wurde nun säuerlich und sie schnaubte, als der Rabe sich plötzlich erhob und im seichten Nebel verschwand. „Bitte... dann bin ich eben ganz allein und habe keine Ahnung, was zur Zeit los ist.“
Wütend stand sie auf, wodurch die Schaukel kurzweilig hin und her peitschte. Stampfend machte sie sich auf den Weg zurück zum Haus, wobei sie an einem ihr unbekannten Laden vorbei kam. Über der Tür hing ein Schild mit der Aufschrift „Margaret's Blumenhäuschen“. Hermine erinnerte sich, dass ihre Mutter ihr davon erzählt hatte. Der Laden war von der Einkaufsmeile hier her umgezogen, worüber sie sich wahnsinnig gefreut hatte, denn kaufte sie dort die Samen für ihre Rosen. In der alten Dame sah sie nun eine geringe Chance, herauszufinden, wo ihre Eltern waren und so ging sie durch die offen stehende Tür.
Eine Klingel läutete und die Dame sah auf. Sofort lächelte sie. „Miss Granger... Wie schön, sie hier zu sehen! Sie sind sicher auf der Suche nach einem Strauß oder Gräberschmuck, nicht wahr?“ Hermine zog fragend eine Braue hoch. Was meinte sie gerade? Gräberschmuck? „Ähm... Wofür sollte ich Gräberschmuck-“
„Ist schon in Ordnung, Liebes. Ich kann verstehen, dass du erst einmal Zeit brauchst, das alles zu verarbeiten... Doch Sie sind doch ein kluges Mädchen und wissen genau so gut wie ich, dass Bestattungen recht schnell über die Bühne gehen müssen.“
In der Gryffindor zog sich gerade jeder Muskel zusammen und das flaue Gefühl in ihrem Magen wurde stärker. „Bitte... WOVON reden Sie überhaupt?!“, versuchte sie erneut zu fragen, wobei sie nun zorniger klang. Es zersägte ihr immer die Nerven, wenn sie etwas nicht wusste, was scheinbar wichtig war. Und noch mehr nervte es sie, wenn man sie dann nicht einmal aufklären wollte. Die Dame presste die Lippen zusammen und wandte den Blick ab. Nervös fummelte sie an der Schlaufe ihrer Schürze herum, bis sie tief durchatmete und sagte: „Gar nichts... Verstehen Sie, ich bin schon sehr alt. Ich habe Sie wohl einfach verwechselt.“
Entschuldigend sah sie Hermine an, welche noch immer ziemlich dämlich drein sah. Mit einem flüchtigen: „Okay. Wiedersehen“, verließ sie den Laden und trat ihre Heimreise von Neuem an. Durch die Worte der alten Dame hatte sie völlig vergessen, nach dem Eigentlichen zu fragen, doch wollte sie nicht nochmal da rein. Ihr war die Frau ein wenig unheimlich.
Immerhin hatte sich ihre Wut gelegt, wenn sie sich auch noch immer etwas schlapp fühlte. Zu Hause würde sie sich erst einmal ein Bad gönnen, um zu entspannen.
Dies war ihr allerdings nicht vergönnt, denn kaum näherte sie sich der Haustür, erschrak sie, als der Rabe ihr eine Zeitung vor die Füße warf und auffordernd krächzte. Hermine hob die Zeitung auf. Es war kein Tagesprophet, sondern das schlichte Wochenblatt. Schulterzuckend öffnete sie die Tür und ging erstmal ins Haus, bishin in die Küche. Ein Tee konnte schließlich nicht schaden.
Der Rabe aber krächzte, flog auf sie zu und pickte ihr auf dem Kopf herum. „Au! Ja... ist ja gut!“ So entfaltete sie die Zeitung und schlug die Schlagzeilen auf. Recht schnell überflog sie die Zeilen und das Blut in ihren Adern gefror zu Eis. Die Augen weiteten sich und langsam hob sie eine Hand und hielt sich diese schockiert vor den Mund.
Blind ließ sie sich auf einem der Stühle am Küchentisch nieder. Die Zeitung fiel zu Boden. „Mum und Dad... tot?“, stammelte sie und sie begann zu zittern. Das wollte sie nicht wahr haben. Sie träumte sicher nur. Das wollte sie einfach nicht glauben. Sie hatte sich noch ausgemalt, ihre Eltern mit einem Vergessenszauber zu belegen und sie nach Australien zu schicken, damit sie nicht in Gefahr vor den Todessern wären, so lange Hermine mit Ron und Harry nach den Horkruxen von Lord Voldemort suchen sollte. Tränen stiegen ihr in die Augen, verbanden sich dort zu glänzenden Tropfen, die heiß ihre Wangen hinunter strömten. Versunken in Gedanken der Trauer und der Tatsache, die sie nicht wahr haben wollte, bemerkte sie das weitere Geschehen um sich herum nicht.
„Hast du wirklich was anderes erwartet, Schlammblut?“ Hermines Blick erstarrte. Diese Stimme kannte sie nur zu gut. Wirbelnd stand sie auf. Insgeheim hatte sie gehofft, sich getäuscht zu haben, doch mal wieder hatte ihr Verstand recht behalten: Vor ihr stand eine Frau, gekleidet in ein dunkles Corsagenkleid, mit wild - bis zur Taille fallenden - Locken und einem Gesichtsausdruck, bei dem einem jegliche Freude verging. „Bellatrix Lestrange...“, entwich es Hermines zitternden Lippen. Die Todesserin grinste gehässig. „Hattest du wirklich geglaubt, du kommst mir so einfach davon?“ Hermine stockte der Atem. Ihr Blick fiel auf Bellatrix' rechte Wange, welche von einer langen, schrägen Narbe geziert wurde. Gewiss hatte sie den Kampf, den sie sich geliefert hatten, nicht vergessen, doch hatte sie nicht damit gerechnet, dass diese irre Person sie dadurch noch mehr auf dem Kieker hätte.
Etwa ein halbes Jahr zuvor... ~
Es war Weihnachten und wie jedes Jahr verbrachten Hermine und Harry die Feiertage bei den Weasleys. Allerdings war der jungen Hexe nicht nach feiern zumute, denn war Ron, in den sie schon lange Zeit verliebt war, mit einer Mitschülerin vor den Ferien noch zusammen gekommen. Die Eifersucht nagte an Hermine wie eine Ratte, die ein Stromkabel entdeckt hatte.
Seitdem sprach sie mit Ron kein Wort, doch das sollte sich an diesem Abend ändern; Sie saß in Ginnys Zimmer und wälzte Schulbücher, allen voran das für Zaubertränke, denn kratzte es gewaltig an ihrem Ego, dass nicht sie die Beste in dem Fach, sondern Harry es war. Blöder Slughorn, dachte sie sich und machte sich Notizen, als plötzlich die Zimmertür aufging und Ron herein kam. „Hermine?“ Ihre Ohren schienen zu zucken, doch ignorierte sie ihn. „Hermine... können wir reden?“ Genervt schnaubte sie und sah auf. „Was is'?“ Er kam auf sie zu und ließ sich neben ihr auf dem Bett nieder. „Hör mal... Ich weiß nicht, was ich getan habe, aber ich wüsste gerne... warum... Also, warum gehst du mir aus dem Weg?“
Hermine seufzte leise und senkte ihr Haupt. „Kannst du dir das nicht denken?“ Er schüttelte den Kopf. Sie verdrehte die Augen und schnalzte mit der Zunge. „Man, Ron! Verdammt nochmal, streng' dein Hirn an, ist es so unoffensichtlich, dass ich etwas für dich empfinde?!“ Der Rotschopf weitete die Augen. Doch noch bevor er etwas erwidern konnte, vernahmen sie beide einen lauten Knall und ein grelles, rot-oranges Licht flackerte durch das Zimmerfenster. Beide erhoben sich und sahen hinaus.
Der Fuchsbau wurde von Flammen umkreist und noch bevor der Ring aus Feuer sich schloss, apparierte plötzlich Bellatrix Lestrange. Sie lachte gehässig und zwinkerte den Auroren zu, die in der Tür standen und das Szenario beobachteten.
Aufgebrachte Rufe waren zu vernehmen und man sah die Todesserin durch die lodernen Flammen hindurch rennen, gefolgt von Harry. Ron fluchte vor sich hin und lief aus dem Zimmer. Hermine hielt den Atem an, dann rannte sie ihm nach. Sie beide blieben Harry dicht auf den Fersen, welcher wutentbrannt durch das hohe Gras hindurch rannte. Dann aber verloren sie ihn aus den Augen. „Geh da lang, ich nehme die andere Richtung.“ Hermine nickte und tat wie geheißen.
So rannte sie, was durch das hochgewachsene Unkraut allerdings erschwert wurde. Plötzlich kam sie an einer freien Stelle an und stand bis zu den Knöcheln im Wasser. Aus der Ferne hörte sie Ron rufen, doch wollte sie nicht auf sich aufmerksam machen. Sie spürte, dass Bellatrix ganz in der Nähe war. Hermine zog ihren Zauberstab und wirbelte herum. Sie konnte eindeutig den Atem der Todesserin hören. Gänsehaut überzog sie und wieder zuckten ihre Ohren. Ihre Reflexe appelierten sofort an ihren Körper und sie drehte sich schnell um. „Protego!“ Der Zauber, der aus dem Nichts gekommen war, prallte ab und flog in das Feld, wo ein paar Halme abbrannten. „Sieh an, sieh an...“, ertönte die fiepsig-irre Stimme von Bellatrix.
Hermine knurrte. „Verschwinden Sie, Sie irres Miststück!“ Bellatrix lachte entzückt und verrückt zugleich auf. „Na na na... solche Worte aus dem Mund eines Schlammbluts...“ Wieder knurrte die Jüngere und machte eine schnelle Bewegung mit dem Handgelenk. So schnell konnte Bellatrix gar nicht reagieren, da hatte sie schon einen tiefen Schnitt an der rechten Wange. Blut quoll hervor und lief herunter. Bellatrix wischte sich mit der Handseite über den Schnitt und betrachtete dann das Blut, das an ihrer Haut haftete. Hasserfüllt sah sie auf. „Du wagst es... Du elendes Schlammblut!“
Nun war sie die Schnellere und Hermine wurde hart von einem Fluch getroffen, der sie einige Meter nach hinten schleuderte. Stöhnend richtete sie ihren Oberkörper auf und fasste sich an den Hinterkopf. Gerade als sie sich aufrappeln wollte, stand Bellatrix schon vor ihr und stellte ihren Fuß auf den Brustkorb der Gryffindor. Unsanft drückte sie sie auf den Boden zurück und wollte sich soeben hinunter beugen, um etwas zu sagen, da hielt sie jäh Inne. „Zauberstab fallen lassen!“
Es war Rons Stimme, die nun ertönte. Hermine vernahm Schritte und plötzlich standen auch Harry, Arthur Weasley und Lupin hinter ihr, allesamt auf Bellatrix zielend. Diese grinste nur breit, so dass ihre Zähne aufblitzten, über welche sie sich leckte. Noch einmal sah sie zu Hermine. „Dein Glück, Liebchen“, zischte sie, dann verschwand sie mit einem lauten Knall im nichts.
~ Rückblick Ende ~
„Was wollen Sie von mir?“, platzte es fast panisch aus Hermine heraus. Aufgrund der Tatsachen hatte sie jeglicher Mut verlassen. Bellatrix kam näher, bis nicht einmal mehr ein halber Meter Platz zwischen ihnen war. „Ich denke...“, begann die Todesserin flüsternd und strich mit der Spitze ihres Zauberstabs eine Strähne aus Hermines Gesicht, „... wir beide haben noch eine Rechnung offen.“
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