
von Sisilia D.S.
Kapitel 5 Der Sehnsucht stiller Funke
Sonntag 20 Juli
War klar, dass Severus heute nicht von daheim weg kommt. Heute wird sein Vater den ganzen Tag zuhause sein.
Bitte lass es ihm gut gehen.
Der Tee mit der Familie war ätzend. Mum und Dad waren ja ok, aber das Getue von Petunia. Schatzidutzi hier, Schatzidutzi da. Er sei ja so intelligent und sah auch so verdammt gut aus, mit seinen breiten Schultern. Aus ihm würde ganz bestimmt noch was ganz Großes werden.
Vielleicht was ganz Fettes …
Dabei ist Tunie nicht mal ganz zwei Jahre älter als ich. Und sie darf einen Freund haben. Sie darf ausgehen, im Gegensatz zu mir.
Oh Sev … wann seh ich dich?
*********
Die letzten Tage waren grausam. Severus hatte so viele Aufgaben bekommen, dass er kaum Zeit hatte, mal aufs Klo zu gehen. Sein Vater kontrollierte seine Arbeiten ganz genau und da er nicht immer - eigentlich nie - zufrieden war; vor allem, wenn er mal wieder getrunken hatte - was er eigentlich jeden Tag tat - musste Severus auch fast alles mehrfach machen.
So war es ihm absolut nicht möglich gewesen, sich auch nur einmal für eine halbe Stunde davon zu schleichen.
Doch an diesem Montag war das anders. Sein Dad war wieder auf der Arbeit und seine Mutter schickte ihn mit etwas Geld Gemüse einkaufen. Er nahm einen Umweg in kauf, wobei er rannte, um verlorene Zeit aufzuholen, wegen des längeren Weges, und kam schließlich an dem Haus vorbei, in dem Lily wohnte.
Ob es Zufall oder Schicksal war, darüber ließe sich sicher streiten, doch just in dem Moment, als Sev am Gartentor langsam vorbei ging, öffnete sich die Haustüre und Lily kam heraus.
Sie trug ihre langen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und ihre schlanke Gestalt steckte in einem weißen Kleid, das viel von ihren Beinen freigab.
Als sie Severus da am Gartentor entdeckte, bleib sie zuerst wie erstarrt stehen, doch dann stahl sich ein Lächeln auf ihr Gesicht und sie rannte zu ihm, um dann, durch den Zaun gebremst direkt vor ihm anzuhalten.
„Hi“, sagt sie dann, als ihre Augen sich trafen.
„Hi“, antwortete Severus ihr dann.
„Ich … ich muss etwas für meine Mutter einkaufen. Hast du vielleicht … Zeit und Lust mich zu begleiten?“
„Ja. Ja sicher“, gab sie schnell zurück. Wie gern hätte sie ihn ganz anders begrüßt, doch sie wusste, dass es gut sein konnte, dass Petunia oder ihre Mum sie vom Fenster aus beobachteten. So nickte sie nur, öffnete eiligst das Tor und schlenderte mit ihm die Straße weiter, in die Richtung, wo der Supermarkt lag.
Erst als sie um die Ecke gebogen und aus der Sichtweite ihres Hauses waren, blieben sie erneut stehen und sahen sich an.
„Dir geht es …“
„Es tut mir leid dass …“, begannen beide gleichzeitig zu reden, doch als Lily ihm zunickte, begann er zu sprechen.
„Tut mir leid, Lily. Ich bin einfach nicht von daheim weggekommen. Mein Dad hat mich besser bewacht als ein Dementor Askaban.“
„Das tut mir leid, aber dir geht es gut ja?“
Severus nickte. Einmal hatte ihm sein Vater eine Ohrfeige verpasst, doch als er nochmal hatte zuhauen wollen, war er ausgewichen. Zum Glück hatte sein Dad schon einiges getrunken gehabt, sodass dieser schließlich dabei beließ und Sev nur noch mehr Aufgaben, die eigentlich die seinen hätten sein sollen, auftrug.
Zu Severus Überraschung, schlang Lily die Arme um ihn und gab ihm einen Kuss. Er selber blieb etwas steif und unsicher stehen, aus Angst, dass sie jemand sehen und erkennen könnte.
„Alles in Ordnung?“ Dem rothaarigen Mädchen war Severus Reaktion nicht entgangen und sie war sichtlich unsicher.
„Ähm ja … denke schon“, antwortete er leise sah sich kurz um, nahm dann ihre Hand und sie gingen einfach weiter. „Ab Donnerstag arbeitet mein Dad in der Spätschicht. Also von halb zwei bis halb zehn, ich denke, dass ich dann eher auch mal verschwinden kann.“
„Das wäre klasse. Hey, warum kommst du Freitag nicht zu mir. Meine Eltern fahren mit Tunie einkaufen. Sie werden garantiert eine ganze Zeit unterwegs sein. Ich kenne meine Schwester, die ist immer so verdammt eigen.“
„Klingt gut. Ich werde zu dir kommen. Und am Donnerstag könnten wir vielleicht für ein, zwei Stunden zum Hafen runter gehen. Dort ist Sommernachtsfest. Ich muss zwar um halb zehn zuhause sein und wir können das Feuerwerk nicht zusammen genießen, aber wir könnten uns die ganzen Stände und Buden ansehen.“
Lily wusste, dass Sev kein Geld haben würde, um dort irgendetwas zu machen, doch das machte ihr nichts. Es reichte ihr, mit ihm zusammen sein zu können. Und ein paar Pfund für Zuckerwatte und eine Fahrt in einem Karussell mit ihm zusammen, das würde sie auf jeden Fall noch haben. Wenn er sich denn einladen lassen würde.
So nickte sie und er versprach sie morgen Nachmittag abzuholen, sobald er sich loseisen konnte.
Dann kaufte er schnell die von seiner Mutter gewünschten Dinge ein, brachte Lily wieder bis zum Gartenzaun, wobei sie ihn ein kleines Stück weiter zog, bis zu der hohen Hecke, an der Grundstücksecke, zu der man vom Haus aus nicht mehr sehen konnte. Dort gab sie Sev einen schnellen Abschiedskuss und wartete, bis er, wieder rennend, an der nächsten Kreuzung verschwunden war.
************
Donnerstag 24 Juli
Die letzten Tage sind irgendwie nur so dahingeflogen. Habe Mum im Garten geholfen oder beim Einkochen. Jetzt sind alle Gläser im Keller und es gibt nicht mehr viel zu tun.
Tunie war heute Morgen beim Friseur und hat sich so ne moderne Frisur machen lassen. Ich würde mich totlachen, wenn ihr Schatzidutzi einen Schlag bekommt. Immerhin hat sie sich 30 Zentimeter von ihrem langen schönen Haar abschneiden lassen.
Ich würde das niemals tun. Meine Haare bleiben so lang. Sind auch mein ganzer Stolz.
Seit gestern ist es wieder verdammt heiß und irgendwie ist auch keine Abkühlung in Sicht. Vielleicht sollte ich mal schwimmen gehen? Aber alleine macht das auch keinen Spaß.
Was zieh ich nur auf das Sommernachtsfest an?
Ja, ich weiß. Ich werde mir das Shirt von Tunie ausleihen, sie hat es mir versprochen. Meine Eltern denken, dass ich mit ein paar Freundinnen zum Sommernachtsfest gehe.
Ich freu mich schon tierisch!
Mit einem kaum hörbaren Seufzen legte Severus das Tagebuch auf seinen Knien ab und griff nach dem Weinglas, um einen Schluck von dem roten Rebensaft in seine Kehle rinnen zu lassen. Warm breitete sich die Flüssigkeit auf seiner Zunge aus, eher er sie schluckte und sie dann ein wohliges Gefühl in seinem Magen erzeugte, das sich langsam auszudehnen, von seinem Körper aufgenommen und gemächlich auch in sein Blut gelangen zu schien.
Es wirkte entspannend und schien ihm eine gewisse Wärme zu schenken, eine Wärme wie sanfte Arme, die sich gänzlich um ihn schlangen.
***********
Die Nächsten Tage, die mit viel Arbeit angefüllt waren, vergingen rasch und auch der Donnerstagmorgen war sehr schnell vorüber.
Severus hatte das beste Shirt, das er in seinem Schrank gefunden hatte, angezogen und die Hose, die ihm noch am besten passte und nicht Hochwasser war.
So gekleidet und bester Laune schritt er auf das Haus der Evans zu, als er aus einem Seitenweg plötzlich einen leicht verkümmerten Pfiff hörte, den Kopf wandte und kurz rotes Haar hinter einer Hausmauer hervorleuchten sah. Irritiert blickte er sich nochmal um und folgte dann, dem kurzen Wink einer schlanken Hand.
„Hey, was ist los?“
„Nichts. Ich hab meinen Eltern gesagt, dass ich mich mit Freundinnen treffe. Ich wollte nur nicht, dass sie uns sehen. Sie sind grad ziemlich eigen, was Jungs angeht. Seit Tunie sich unsterblich in ihren Schatzidutzi verliebt und nichts anderes mehr im Kopf hat, als mit ihm auszugehen und gut auszusehen, haben meine Eltern gemeint, dass ich mir gefälligst Zeit lassen sollte mit einem Freund. Deshalb hielt ich es für besser, ihnen zu sagen ich treffe mich mit anderen Mädchen.“
„Ach so.“ Das war alles, was er dazu sagte. Was hätte er auch sagen sollen? Und überhaupt war es nicht wichtig. Es war nur wichtig, dass sie gekommen war. Er schenkte ihr schließlich ein Lächlen und sie ihm dann einen Kuss. Einen Freund … sah sie ihn als ihren Freund an? Doch er kommt mit den Gedanken nicht sonderlich weit, denn sie nahm sie seine Hand und zog ihn mit sich Richtung Fluss, wo das jährliche Fest, das jedes Jahr am 24. Juli stattfand, mit einem großen Rummel gefeiert wurde.
Auf dem Weg dorthin erzählte sie Severus von dem, was sie die Tage über getan hatte und wie unmöglich ihre Schwester gewesen war, und er hörte ihr einfach nur zu. Er beobachtete sie, wie ihre Gesichtszüge sich je nachdem was sie erzählte veränderten, wie ihre Augen mal leuchteten und dann wieder beinahe gefährlich funkelten.
„Ist wirklich alles in Ordnung? Du bist so ruhig?“, fragte sie, als sie schon fast am Ziel waren.
„Klar ist alles in Ordnung. Jetzt bist du ja bei mir. Und ich höre dir einfach gern zu.“
Lilys Lachen klang so klar, wie Kirchenglocken am frühen Morgen. Es entschädigte ihn für alles, was er die letzte Woche zuhause erlebt hatte und für ihn war im Moment die Welt einfach in Ordnung.
Dann erreichten sie das Fest und der Duft von kandierten Früchten stieg ihnen in die Nase, gemischt mit dem Geruch von Gegrilltem. Ohne dass sie sich losließen, schlenderten sie zwischen den Buden umher, besahen sich alles, beobachteten die Leute, die sich etwas kauften oder Eltern, die ihren Kindern klar machten, dass sie nichts Süßes bekamen oder sich zwischen Süßem und einer Karussellfahrt entscheiden mussten.
Es war deutlich zu merken, dass die Menschen hier alle nicht das große Geld hatten und dennoch kratzten viele das Letzte was sie aufbringen konnten zusammen, um zum Beispiel einmal mit dem Riesenrad zu fahren, hoch über dem Fluss, der nun in der untergehenden Sonne einen rötlichen Schimmer bekam. Andere zogen eine Fahrt in der Geisterbahn vor oder wählten das Kettenkarussell. Die Burschen kauften ihren Liebsten kandierte Äpfel, sogenannte Liebesäpfel. Oder aber sie stellten ihr Können an den Schießbuden unter Beweis und schossen ihren Mädchen irgendwelche Plastikblumen oder Pfauenfedern.
„Sev?“, unterbrach Lily seine Gedanken schließlich.
„Hm?“, fragt er und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie ihm das Wasser im Munde zusammen lief, bei dem Anblick der gerösteten Nüsse.
„Traust dich da hoch?“
Sein Blick folgte ihrem Finger und er sah auf das Riesenrad, das gerade haltgemacht hatte, um Leute aus und wieder einsteigen zu lassen.
„Trauen würde ich mich sicher …“, begann er und überlegte, wie er ihr klar machen sollte, dass er aber kein Geld hatte. Doch sie ließ ihn erst gar nicht ausreden, und bevor er noch etwas dazu sagen konnte, hatte sie schon ein paar Münzen auf die kleine Theke der Kasse gelegt und zwei runde schwarze Fahrtchips dafür erhalten.
Als sich ihre Blicke trafen, konnte Lily deutlich in seinem Gesicht sehen, dass es ihm unangenehm war, doch sie lächelt und schüttelte den Kopf.
„Lass mich dich einfach einladen. Irgendwann mal kannst du dich ja wieder revangieren. Ich denke ich weiß auch schon genau wie.“
Sogleich standen sie in der Reihe der Wartenden, die schnell kleiner wurde, weil sie im Moment jede Gondel neu besetzten, um die neue Gruppe ein paar Mal ungestört im Kreis fahren zu lassen. Sie hatten glück, die letzte freie Gondel, wurde mit ihnen beiden gefüllt und die andern hinter ihnen mussten auf die nächste Runde warten.
Langsam setzte sich das Riesenrad in Bewegung und trug sie leicht wie der Wind immer höher hinauf. Die Aussicht war wunderschön, auch wenn man zur einen Seite nur die alten, vernachlässigten Häuser sehen konnte, so war die Aussicht über den Fluss, in dem sich nun das Licht der untergehenden Sonne in tausend rot und orange glitzernden Tönen widerspiegelte, um so schöner.
Lily rückte näher an Severus heran und schmiegte sich gegen ihn. Langsam legte er einen Arm um sie, was sie mit einem glücklichen Lächeln quittiere und sogar für ihn sichtlich den Moment genoss.
„Du meintest du hättest schon eine Idee, wie ich mich für diese Fahrt revangieren könnte“, sagte er nach einiger Zeit, in der sie einfach geschwiegen und die Aussicht genossen hatte.
„Ja, allerdings“, gab sie zurück und blickte in seine dunklen neugierigen Augen.
„Und?“, hakte er nach, als sie nicht gleich antwortete.
„Küss mich“, hauchte sie voller Sehnsucht, nach seiner Nähe.
Diese Bitte brauchte sie kein zweites Mal zu äußern. Er dachte schon die ganze Zeit daran, dass er das gern tun würde und so neigte er sich zu ihr, schlang beide Arme um ihre Mitte, sie an sich ziehend. Ihre Hände glitten sehnsuchtsvoll um seinen Nacken, genauso, wie sich ihre beide Lippen fanden, die voller Begierde zu verschmelzen schienen.
Sie lösten den Kuss erst, als ihre Gondel unerwartet mit einem Ruck stehen blieb. Überrascht blickten sie sich um und stellten fest, dass sie am höchsten Punkt angehalten hatte, wobei tief unter ihnen, scheinbar die ersten Fahrgäste, wieder ausstiegen. Doch es würde noch einige Zeit Dauern, bis sie an der Reihe waren.
„Nur noch der Himmel ist über uns. Es ist, als wären wir frei. Frei von aller Last und Sorgen der Welt. Es gibt nur noch uns beide und das große weite Himmelszelt.“
„Ich wusste gar nicht, dass du so romantisch sein kannst, Sev“, kicherte Lily leise, doch schob sie ihre Hand über seine Brust, strich mit den Fingern über den Stoff des Shirts und musste unwillkürlich an die Nacht denken, wo sie sich näher gekommen waren als jemals zuvor. Ob er vielleicht … noch einmal …
Sie sprach den Gedanken nicht aus, blickte ihm einfach nur stumm in seine Augen und spann ihre Gedanken weiter. Die Gedanken … was wäre wenn.
Viel zu schnell war diese Fahrt zu Ende und auch sie mussten wieder aussteigen, um den nächsten Platz zu machen.
„Danke“, flüstere Severus, als sie schließlich etwas Abseits von dem ganzen Rummel und den Menschen standen.
„Es war mir ein Vergnügen. Und eigentlich müsste ich mich bei dir bedanken. Sev? Du kommst morgen ganz sicher zu mir ja?“
„Ja, ich komme ganz sicher, ich verspreche es dir.“
Leider wurde es Zeit für beide wieder nach Hause zu gehen. Severus musste vor seinem Vater zurück sein. Doch trennten sie sich erst in der Nähe von Lilys Haus, wo Severus noch darauf achtete, dass sie unbeschadet hineinkam und sich erst dann, die Beine in die Hand nehmend, selber auf den Weg nach Hause machte.
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