
von Kraehenfeder
Und zur Entschuldigung schiebe ich gleich noch ein paar Kapitel hinterher!
Kapitel 39 – Mondlose Nächte
SONDERAUSGABE: Sirius Black – Steht er vor dem selben Abgrund wie sein Patensohn?
Der kritische Leser weiß es ohnehin: Der Zustand von Harry Potter verschlechtert sich stetig. Dass die Kommentare, die alte Freunde und Mitglieder der Familie abgeben, nur zur Beruhigung der Medien dienen, steht außer Frage. Psychische Probleme scheinen nun zu schaffen, was Tom Riddle niemals gelang: Den Jungen-der-überlebte zu zerbrechen.
Aus verlässlichen Quellen ist mir bekannt, dass seine Freunde und Bekannten in größter Sorge um ihn sind. Jetzt jedoch scheint für sie noch ein weiterer Grund hinzugekommen, sich Gedanken zu machen.
Sirius Black (42), der in den ersten Tagen nach Harrys Einflieferung schon am Krankenbett seines Patensohns vermisst wurde, scheint nun ebenfalls von seiner belastetenden Situation in den Wahnsinn getrieben.
Gestern morgen fand man ihn in den Gängen des St. Mungos, wie er den jungen Malfoy-Erben (22) auf eindeutige Weise bedrängte. Draco Malfoy setzte sich lautstark und in einer Weise dagegen zur Wehr, die eine Vorgeschichte vermuten lässt. Lucius Malfoy (48) weigerte sich jedoch zu den Geschehnissen Stellung zu nehmen.
Zuvor muss Sirius Black bereits einen Heiler des St. Mungos niedergeschlagen haben. Wir erinnern uns: Bereits einmal saß Black für zwölf Jahre in Askaban, weil er – wie man später behauptete – fälschlicherweise des Mordes an Peter Pettigrew angeklagt worden war.
Cedric Diggory (25), der von Sirius Black tätlich angegriffene Heiler, sah jedoch davon ab, Anzeige gegen ihn zu erstatten. Dennoch hat man, durch den Aufruhr alarmiert, die Aurorenzentrale benachrichtigt, die Sirius Black festnehmen ließ.
„Er wird für einige Tage in Askaban bleiben, bis diese Sache geklärt ist“, gab Jeffrey Michaelson (36), ein Auror, Auskunft.
Die Leitung des St. Mungos sagte uns, dass weder Cedric Diggory noch andere Angestellte des Krankenhauses bereit wären, ein Statement zu diesem Vorfall abzugeben. Was passiert dort hinter den Kulissen?
Was sagt Harry Potter dazu? Weiß er überhaupt, was in der Außenwelt vor sich geht? Und was verbindet den jungen Malfoy-Erben mit jemandem wie Sirius Black – der von der Bildfläche bereits verschwunden war? Ist das vielleicht nur ein Ruf nach Publicity? Oder wird nun der wahre Charakter unserer Helden zu Tage treten? Ist der Märtyrer doch der Wolf im Schafspelz?
Wir halten Sie auf dem Laufenden!
Audrey Saint
Fassungslos starrte Remus Lupin die Zeitung an, die Cedric vor ihm auf dem Tisch ausgebreitet hatte. Sein Blick schweifte zwischen dem ehemaligen Hufflepuff und Draco hin und her, ehe er nach Luft rang.
„Dieser Idiot!“
Teddy, der es sich auf dem Arm seines Vaters gemütlich gemacht hatte, schlug erschrocken die Augen auf. Als sein Blick auf die Zeitung fiel, zupfte er mit seinen kleinen Händchen am Kragen seines Vaters.
„Daddy? Daddy, warum sind Onkel Sirius und Draco in der Zeitung?“
„Ich kann es nicht glauben. Ich meine, in aller Öffentlichkeit... Was zur Hölle...“ Remus schüttelte den Kopf.
Cedric, der schweigend und ohne sein typisches Lächeln auf einem Stuhl gesessen hatte, erhob sich nun und nahm dem reichlich überfordert aussehenden Werwolf seinen Sohn aus dem Arm.
„Na, du?“, murmelte er und tippt dem Jungen auf die Nase.
„Mein Name ist Teddy“, gab die kleinere Draco-Version von sich, der seine Haare nun ebenso blond trug wie sein großes Vorbild.
„Hallo Teddy“, meinte Cedric lächelnd und setzte den Jungen auf die Couch in seiner Wohnung. „Was hälst du davon, wenn ich dir einen Stift und ein Blatt Papier gebe und du ein bisschen was malst?“
„Das macht Oma immer mit mir, wenn sie nicht will, dass ich ihren Gesprächen lausche.“
Cedric, der für kurze Zeit etwas aus der Bahn geworfen war, gab ein nichtssagendes „Äh“ von sich. Dann fügte er hinzu: „Du bist ja beinahe schlauer als mir lieb ist. Also gut, Teddy. Da hast du nicht ganz unrecht. Dein Vater, Draco und ich – wir müssen ein paar Erwachsenen-Sachen klären, die sehr wichtig sind, verstehst du?“
„Geht es um Onkel Sirius?“
„Ich fürchte ja.“
„Daddy hat sich über den Zeitungsartikel ganz schön aufgeregt. Aber wenn ihr macht, dass es Onkel Sirius wieder gut geht, dann bleibe ich hier sitzen...“
Cedric ging grinsend vor dem Jungen in die Hocke und legte ihm Stift und Papier hin. „Das ist wunderbar von dir, Teddy. Also, sei schön brav.“
Damit stand der einstige Hufflepuff wieder auf und kehrte in seine Küche zurück, wo Remus Lupin noch immer wie aufgescheucht umher lief und Draco weiterhin sturr schweigend den Tisch anstarrte.
„Askaban wird ihn umbringen, wenn er länger dort bleibt“, stieß Remus plötzlich aus und beendete damit seinen Monolog.
Cedric nickte bedächtig und legte die Handflächen mit gespreizten Fingern auf den Tisch. „Deshalb hat Draco mich gebeten dich zu verständigen.“
Remus runzelte die Stirn. „Welche Rolle spielst du eigentlich in der ganzen Sache?“
„Ich bin Dracos Arzt. Irgendwie. Und vielleicht auch Blacks...“ Cedric fuhr sich durch das braune Haar.
„Scheint, als wäre Sirius davon eher nicht begeistert gewesen“, erwiderte Remus mit gehobener Augenbraue und deutete mit einem Nicken in Richtung von Cedrics Stirn. Dieser verzog das Gesicht.
„Kaum. Aber du solltest ihn, sobald wir ihn aus Askaban rausgeholt haben, davon überzeugen, dass ich ihm nur helfen will.“
„Was Cedric eigentlich sagen möchte ist, dass Sirius sich einen Tripper eingefangen hat, bei einer seiner Liebschaften, sich aber weigert sich untersuchen zu lassen und die Inkubationszeit sich langsam ihrem Ende zuneigt. Außerdem... wenn wir ihn nicht bald da weg holen, ist er ein Wrack. Vollkommen, meine ich.“
Sowohl Remus als auch Cedric waren überrascht davon, dass sich Draco zur Wort meldete und drehten dem Blonden ihren Kopf zu.
„Ich wundere mich immer wieder“, begann Remus bedächtig, „wie ausgerechnet du zu ihm halten kannst. Du hast Recht mit dem was du sagst – aber gerade du hättest die meisten Gründe ihn zu hassen. Machen wir uns nichts vor: Sirius ist am Ende, so weh es auch tun mag, das auszusprechen als sein Freund.“
Cedric gab ein zustimmendes Geräusch von sich, doch Draco schüttelte nur den Kopf.
„Ihr versteht das nicht. Ihr versteht ihn nicht, das ist das Problem. Niemand von uns weiß, das Sirius erlebt hat. Wie viel Hass er erfahren hat. Er hat noch immer Alpträume von Askaban, wie gut er es auch zu verbergen versucht, weil er ja immer alle Schwächen am liebsten verdammen würde. Dabei sagt er sich wahrscheinlich auch noch, dass er das alles verdient hat. Weil er sich selbst so sehr hasst, wie er mich liebt. Ich weiß, dass er beides tut.“ Draco seufzte müde auf und vergrub das Gesicht in den Händen, wobei er die Ellenbogen auf dem zerkratzten Tisch aufstützte. Cedric hob eine Hand und legte sie ihm tröstend auf die Schulter.
Remus, der sich gegen die Küchenzeile gelehnt hatte, beobachtete diese Szene mit gehobener Augenbraue.
„Vielleicht hast du Recht“, meinte er schließlich. „Du kennst ihn... auf eine andere Weise, als es uns möglich ist. Trotzdem: Sirius ist mein bester Freund, aber das was er dir antut, das sprengt die Grenzen.“
„Deshalb habe ich mich von ihm getrennt und lebe mit Dean zusammen“, stellte Draco nüchtern fest. „Manchmal frage ich mich, ob es meine Schuld ist, dass Sirius jetzt wieder so weit am Boden ist.“
„Nein“, kam es aus dem Mund der anderen beiden gleichzeitig.
„Es ist dein Leben, deine Gesundheit. Auch du bist wichtig.“ Remus massierte sich seufzend die Schläfen.
Cedric hingegen fügte mit ziemlich kratzigem Humor hinzu: „Du hättest ihm ja auch nicht unbedingt erzählen müssen, dass du mir in Hogwarts immer auf den Arsch gestarrt hast.“ Dabei wurde er rot, was Draco aber nicht wahrnahm, da er seinen Kopf noch immer gesenkt hielt und nicht mehr als ein müdes Zucken seiner Mundwinkel übrig hatte.
Der Älteste der drei entschied, dass er diese Geschichte lieber gar nicht kennen wollte. Stattdessen setzte er sich an den Tisch. „Wir müssen eine Möglichkeit finden, Sirius da raus zu holen. Und ich brauche ein paar Erklärungen“, meinte er resolut und leitete damit das erste vernünftige Gespräch dieses Tages ein, in dem er Dinge erfuhr, die er eigentlich gar nicht hatte wissen wollen.
***
Dunkelheit und Kälte. Sirius spürte nichts anderes. Er war in den einzigen Alptraum zurück geworfen, der ihn jemals an die Grenze gebracht hatte. Der einzige Ort, vor dem er Angst hatte. Genug Angst, um am liebsten wimmernd in einer Ecke sitzen zu wollen. In Askaban war es stockdunkel. Die Wände waren feucht und kalt. Auch ohne die Dementoren, die schon längst abgeschafft worden waren, hatte er das Gefühl, dass alle glücklichen Erinnerungen hier erstickt wurden. Es war ja ohnehin nicht so, dass es viele solche in letzter Zeit gegeben hatte.
Stattdessen sah er immer wieder Dracos weinendes Gesicht, seine Abweisung, seine Angst. Er sah die müde Erschöpfung und das Verzweifeln in Remus' Augen. Er sah Dean Thomas, der ihn mit all dem Hass anstarrte, den er auch auf sich selbst empfand.
Irgendwo dazwischen waren auch noch ältere bekannte. Sein Vater, verachtende Blicke. James, entsetzt. Dumbledore, damals, als man ihn für schuldig hielt. Enttäuscht. Und seine Zeit hier. Askaban.
Irgendwo tropfte Wasser auf den Steinboden. Tok. Tok. Tok. Tok. Tok. Die Zeit verschwamm. Er hatte keine Kontrolle mehr über das Zittern, das von seinem Körper besitz ergriff. Weinte er? Schrie er? Oder war er still?
Wo befand er sich?
Die Zellen sahen alle gleich aus. Hatte das Schicksal ihn dorthin zurückgeschickt, wo er herkam, um die Sache endgültig zu beenden?
Hoffentlich. Das war besser für sie alle und es würde nicht mehr lange dauern. Er konnte sich einfach nicht beherrschen. Er konnte nicht verhindern, dass er Draco zu Dingen zwingen wollte, die er nicht mochte.
Wenn man ihn wegsperrte, fern hielt von den Menschen, denen er wehtat, dann war das gut. Wie schnell das gegangen war. Da war dieser Diggory, dieser Hufflepuff. Er hatte ja eigentlich nicht zu schlagen wollen, aber der Mann musste doch gesehen haben, wie sehr er zu Draco wollte. Sich ihm dann in den Weg zu stellen und auch noch in diesem Psychiater-Tonfall auf ihn einzureden... Sirius seufzte und schrak zusammen, als sein leises Seufzen dumpf und endlos von den Wänden widerhallte.
Wie viel Zeit war vergangen, seit ihn der Auror hier her gebracht hatte? Aus der Ferne hatte er ein grausames Lachen gehört. Ein Lachen, das nur ein Mensch auf dieser Welt beherrschte. Seine Cousine war hier irgendwo, Bellatrix war noch immer... nun. Sie war in der selben Lage wie er.
Wenn es wenigstens ein bisschen Licht gegeben hätte, hätte er sich schon besser gefühlt. Aber falls es überhaupt ein Fenster gab, dann war heute eine vollkommen mondlose Nacht, denn er erkannte seine Hand nicht einmal, wenn er sie direkt vor seine Augen hielt.
Sirius hatte das Gefühl, dass er nicht allein war. Das irgendwo etwas anderes zwischen diesen Wänden lauerte. Er wandte den Kopf um, wollte sich nur kurz strecken, irgendwie Leben in seine tauben Glieder bringen und erstarrte. In der Dunkelheit, nicht einmal einen Meter von ihm entfernt... leuchtete etwas. Etwas, das verdammt so aussah wie Terry Boot.
Sirius setzte sich auf – jedenfalls versuchte er es. Doch die Position, in der er zuvor auf der kalten, harten Liege gekauert hatte, brachte ihn halb zu Fall. So klammerte er sich jetzt mit einer Hand um den Rad der Liege und stützte sich mit der anderen auf dem Boden davor ab. Dabei blickte er unter seinen Haaren hervor zu der strähnigen Gestalt auf.
Natürlich hatte er viel an Terry Boot, seinen Nachbarn, gedacht. Jedesmal wenn er bei Harry gewesen war. Schließlich war Boots Tod der Auslöser – wenn auch vielleicht nicht der alleinige Grund – dafür gewesen, dass Harry einen Nervenzusammenbruch erlitten hatte. Aber dabei war Boots Gestalt immer nur eine blasse Scheme gewesen, das „Etwas“ das Harrys Zustand ausgelöst hatte. Er hatte seit Boots Beerdigung nicht mehr an ihn gedacht, sich ihn vorgestellt, an seine Wohnung und seine Bilder gedacht. An den Menschen, der er einmal gewesen war. Wie immer hatte er vollkommen egoistisch alles ausgeblendet, das sein Bild gestört hatte. Aber warum zur Hölle erschien ihm Boot? Drehte er jetzt vollkommen durch? War es wirklich so weit, dass eine Nacht in Askaban ihn brechen konnte?
Im Hintergrund tropfte noch immer Wasser zu Boden, als dieses etwas zu sprechen anfing. Eigentlich sagte es nur einen Satz, aber Sirius hatte mit einem mal das Gefühl, dass ihm eine Tonnen schwere Last das Herz abdrückte.
„Wenn du ihn wirklich liebst, dann musst du ihn gehen lassen – weil er ohne dich glücklicher ist.“ Dann war das Leuchten verschwunden und die Dunkelheit kehrte zurück. Mehr als ein ersticktes, gequältes Keuchen brachte Sirius nicht hervor. Draco wollte bei Dean sein. Das machte ihn glücklich. Und eigentlich war das doch alles was Sirius wollte und dabei hatte er nie erkannt, dass Draco eben nicht zu ihm gehört. Dass es niemanden gab auf dieser Welt, der zu ihm gehörte. Dass er allein bleiben musste. Er war so egoistisch gewesen. Jedesmal, wenn er in einem Anfall von Selbstmitleid und Selbstüberschätzung wieder zu dem Entschluss gekommen war, dass Draco nicht an Deans Seite gehörte. Mit einem Mal sah Sirius alles glasklar vor sich und jeder Erinnerungsfetzen schien ihm wie eine Scherbe in die Haut zu schneiden. Er hatte alles völlig falsch gemacht. Jedesmal wenn er sich schon einmal vorgenommen hatte, Draco ziehen zu lassen, hatte er die wirkliche Situation verkannt. Was war, wenn Draco eines Tages an seiner Liebe gestorben wäre? Wenn es ihm wie Harry gegangen wäre? Wenn...?
Menschen, Schritte. Geräusche kamen näher. Mit einem knarrenden Laut wurde das Gitter aufgezogen.
„Lumos!“, flüsterte jemand. Sirius stöhnt auf als das Licht des Zauberstabs seine Augen traf, die sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt hatten.
„Sirius, wenn die Welt fair wäre, müsste ich dich hier verroten lassen.“ Das war Remus. Eindeutig. Er war es auch, der seinen Freund nun ziemlich grob am Arm packte. „Ich habe gedacht, ich würde dich kennen. Deshalb habe ich dich immer in Schutz genommen. Aber in den letzten Wochen kommen mir Zweifel...“ Sirius kam nicht mit. Er verstand nicht, was Remus sagte. Derjenige, der den Zauberstab hielt, seufzte.
„Lupin, lassen Sie es erst einmal gut sein. Kommt mit...“
Diggory.
„Was macht ihr?“, fragte Sirius mit brüchiger Stimme und wieder war es der einstige Hufflepuff, der antwortete.
„Dich hier rausholen. Kannst du gehen?“
Sirius' Welt drehte sich. Der plötzliche Einbruch der Außenwelt in seine Dunkelheit, warfen ihm völlig aus dem Konzept. Draco und Dean beherrschten noch immer seine Gedanken. Was genau geschah gerade eigentlich? Mechanisch öffnete er den Mund: „Natürlich kann...“ Als er sich erheben wollte, knickten seine Beine unter ihm ein und zwei paar Arme fingen seinen Sturz ab. Diggory sagte etwas, das Sirius nicht verstand. Er fühlte, wie ihm schwindling wurde. Dann kehrte die Dunkelheit zurück.
***
Wieder waren Stimmen die ersten Anzeichen dafür, dass die Dunkelheit sich auflöste. Als er die Augen aufschlug, sah Remus' und Cedrics Gesicht über sich schweben.
„Merlin“, murmelte Sirius leise und fuhr mit der Hand an seinen schmerzenden Kopf. Einer von beiden hielt ihm ein kleines Gefäß an die Lippen. Sirius blieb gar nichts anderes übrig, als den Mund zu öffnen, zu schlucken und zu warten, bis der Kopfschmerz sich verlor. Dann versuchte er ein weiteres Mal, seine Augenlider auseinander zu zwängen.
„Steh auf, Sirius“, meinte Remus unbarmherzig. „Es wird langsam Zeit, dass wir langsam mal hier weg kommen.“
Bei diesem kalten, ungewohnt abweisenden Tonfall zuckte Sirius zusammen und schoss fragende Blicke durch den kahlen Raum. Er hatte auf einer kleinen Holzpritsche gelegen, in einem Zimmer, das kaum drei auf drei Meter maß. Mit dem Schrank und Remus und Diggory darin, war es vollkommen ausgefüllt.
„Los, komm...“ Diggory klang nicht halb so sauer wie sein Freund, aber auch er schien nicht viel Geduld zu haben und keinerlei Ambitionen zu besitzen, Sirius aufzuklären.
Dieser verstand es nicht. Von einer Minute auf die andere war er aus Askaban herausgekommen, musste sich schon wieder mit der grellen Helligkeit der Realität auseinander setzen, wo er doch gerade versucht hatte, sich alles neu zurecht zu legen.
Allem Anschein nach waren sie noch in Askaban, denn sie passierten einige Wächter, die ihnen komische Blicke zu warfen. Aber niemand hielt sie auf, während sie in den kleine Raum traten, aus dem man disapparieren konnte. Diggory legte seine warmen Hände auf Sirius' Schultern und zog ihn beängstigend nah an sich. Was wollten die eigentlich von ihm? Noch bevor Sirius irgendetwas sagen konnte, apparierten sie. Er fühlte sich nicht wirklich gut, als er in einer fremden Wohnung neben Remus und Diggory wieder ankam. Die Strapazen der vergangenen Tage zeigten noch immer ihre Wirkung, Askaban war in seinem Geist und ließ sich nicht verdrängen. Angst, Schlaflosigkeit... Terry Boot. Sirius schwankte leicht, doch Diggory – ja, der Heilige Digorry – schien das schon voraus gesehen zu haben, denn er schob ihn zu einem Sessel. Erst als er in diesen fiel, nahm Sirius war, dass die drei nicht allein hier waren. Draco stand in einer Ecke und beobachtete die Szenerie still. Also war das hier... Diggorys Wohnung?
„Hälst du es eigentlich für so selbstverständlich, oder warum fragst du nicht einmal, wie wir dich daraus geholt haben?“, erklang Remus' gereizte Stimme. Sirius wollte zu einert Antwort ansetzen, aber Diggory schüttelte den Kopf. „Gib ihm noch ein paar Minuten, Remus. Ich glaube, er hat Kreislaufprobleme...“ Unbehaglicherweise spürte er, wie Diggory ihm vor allen Anwesenden den Puls maß und ihm dabei prüfend ins Gesicht blickte. Wieder wollte er eigentlich etwas sagen, aber er fühlte sich zu müde. In der plötzlichen Lebendigkeit dieser Wohnung schien auch der letzte Rest Kraft aus ihm gewichen.
„Geht's dir gut, Sirius?“, erklang da Dracos dünne Stimme von schräg über ihm und Sirius hob mühsam den Blick.
Ein nicht ganz ausgeschlafen aussehender Draco beugte sich über die Rücklehne seines Sessels.
„Alles bestens“, brachte Sirius mühsam hervor und versuchte sich an einem Lächeln. Seine Strategie würde hier und heute in die Tat umgesetzt werden. Boots... Besuch sollte ja auch einen Grund gehabt haben.
Eine Bemerkung murmelnd, die recht zweifelnd klang, zwang Diggory ihn dazu ihn anzublicken und leuchtete ihm in die Augen. „Wir haben dich aus Askaban holen können, weil ich gesagt habe, dass ich dein Arzt bin. Deshalb müssen wir dich auch ins St. Mungos bringen, nachher“, erklärte er schließlich und trat einen Schritt zurück. Remus war währenddessen kopfschüttelnd auf einen Stuhl gesunken.
„Ich will nicht ins St. Mungos“, murmelte Sirius verstört.
„Keine Sorge, Sirius. Es wird jemand bei dir bleiben. Wenn du möchtest, dann sage ich Dean, dass ich...“ Draco hatte einen ganz komischen Tonfall heute. Sirius zerschnitt es beinahe die Brust, dennoch nahm er sich zusammen.
„Nein“, stieß er hervor und spürte, wie Dracos Hände sich verwundert auf seine Schultern legten. „Es geht mir gut. Geh zu Dean nach Hause und schlaf dich aus, Draco. Du musst dich ausruhen...“
Es wurde still in der Wohnung. Dass alle drei Anwesenden ihn fassungslos anblickten war sowohl bezeichnend als auch erniedrigend.
„Ich komme klar“, fügte Sirius hinzu, wusste, dass es nicht so war und schwieg dann. Draco blickte verwirrt auf ihn nieder und konnte diese Aussage scheinbar nicht einordnen. Stattdessen erinnerte er sich wohl plötzlich an etwas, denn er deutete auf den Tisch.
„Wieso hast du denn die Hexenwoche abonniert, Cedric?“, fragte er in dem Versuch etwas Humor in die Situation zu bringen. Niemand ging darauf ein. Trotzdem griff Remus, der am Tisch saß, mit einem Seufzen zu der Zeitung, in der offensichtlichen Absicht, nur mal einen Blick darauf zu werfen.
Dass er erblasste, bemerkte sogar Sirius in seinem halben Dämmerzustand.
„Stimmt was nicht, Remus?“, fragte Diggory zugleich.
„Ach, du...“ Der Werwolf schlug das Heft auf und blätterte hektisch zu einer bestimmten Seitenzahl vor. Seine Augen flogen wie gehetzt über den Artikel.
„Was steht da?“, kam es von Draco, der auf ihn zugehen wollte.
„Draco, nein! Ich glaube nicht, dass du das hier lesen solltest.“
„Was bei Merlin meinst du damit?“ Draco klang etwas gereizt. Diggory fackelte nicht lange und riss Remus das Heft aus der Hand. Sirius ahnte Böses, als er auch diese Augen groß werden sah. „Seit wann schreibt Parkinson für die Hexenwoche?“
Eine Generation voll falschen Stolzes
- Pansy Parkinson schreibt in einer Kolumne der Hexenwoche für Sie über die aktuellen Geschehnisse -
Zählen Sie mir die Helden unserer Zeit auf – und sagen Sie mir dann, welcher von ihnen heute noch nicht untergangen ist. Wo ist die Prominenz unserer Rasse hin? Wann ist jeglicher Sinn für Ästhetik und Stil aus unserer Welt verschwunden?
Unser Tagesgeschehen wird von Meldungen über Menschen beherrscht, die einmal ganz groß waren und vergessen haben, dass der Fall mit dem Aufstieg tiefer wird.
Jeder von Ihnen hat in den letzten Tagen gehört, wie es um Harry Potter und Sirius Black steht. Doch wer hätte gedacht, dass sich der Adel unseres Geschlechts in diese Affäre mit hinein ziehen lassen würde?
Es gab eine Zeit, da war man stolz ein Zauberer zu sein. Man wollte so sehr Zauberer sein, wie nur möglich. Die Familie Malfoy, die dem Haus Slytherin jeher als Vorzeigebeispiel diente, war der Inbegriff all der dafür benötigten Eigenschaften.
Heute hört man Dinge über den Sprößling dieser einst so angesehenen Familie, die Fragen aufwerfen, die kein guter Zauberer und keine gute Hexe verdrängen kann. Aus der sichersten Quelle ist mir bekannt, dass Draco Malfoy sich nie für eine Hexe seines Alters interessiert hat. Welche Abgründe tun sich also hinter der Fassade einer perfekten Familie auf?
Allem Anschein nach, ist es die Dunkelheit, die bereits Harry Potter und Sirius Black verschlungen hat. Lucius Malfoy hat seinen Sohn verstoßen. Obwohl dieses Gerücht aus dem Hause Malfoy heftig dementiert wird, ist es kaum zu bestreiten: Draco Malfoy hat sich zu lange nicht mehr bei seinen Eltern Blicken lassen. Im Gegensatz hat man ihn des öfteren in eindeutiger Begleitung von Sirius Black gesehen. Die Beziehung zwischen den Beiden scheint jedoch auch kein reiner Sonnenschein zu sein.
Was hat es mit dem Künstler Dean Thomas auf sich? Wahrscheinlich hat noch nie jemand von Ihnen diesen Namen gehört. Nicht verwunderlich, nach eigener Auskunft, befinde er sich auch noch auf dem Weg zum Ruhm. Seine Eltern sind Muggel.
Wie aus dem Nichts ist er in der Szenerie um die Reichen, Schönen und irgendwie Berühmten dieses Landes aufgetaucht. Woher kam er? Was ist zwischen ihm und Draco Malfoy und in welcher Beziehung steht er zu Sirius Black?
Können wir uns der Moral in unserer Gesellschaft eigentlich noch sicher sein, wenn die Menschen, die unseren Kindern einmal zum Vorbild gedient haben, heute am Ende angelangt sind?
Gerüchte über Drogen und sexuelle Zügellosigkeit im Bezug auf Sirius Black machen die Runde. Es melden sich nicht wenige Stimmen zu Wort, die ihm und Draco Malfoy schamlos eine Affäre unterstellen. Ein schwarzer Tätowierer, der gerne ein Künstler wäre, bewegt sich zwischen ihnen. Harry Potter wird nicht in der Lage sein, einen von ihnen zu retten, solang er nicht einmal mit seinem eigenen Leben klar kommt – auch hier gibt es Gerede. Wer war jener geheimnisvolle Terry Boot, auf dessen Beerdigung Mr Potter zum ersten Mal zusammen brach?
Vielleichten überlegen Sie es sich gut, wenn Ihre Tochter darum bittet, eine Autogrammkarte von Harry Potter zu Weihnachten zu bekommen. Niemand hat ihm und seinen Freunden mitgeteilt, dass ihre Zeit vorbei ist.
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