
„Was haben Sie mit mir vor?“, fragte ich aus dem Fenster des Wagens schauend.
„Nichts Schlimmes.“, antwortete Fudge.
Ich schwieg die restliche Fahrt über.
Fudge jedoch nicht. Er erzählte mir alles über das Ministerium und sprach von meinem Vater, den er persönlich gekannt hatte. Er sei ein sehr fleissiger Mitarbeiter gewesen, bis er nach Rumänien gezogen war.
Er schwieg ein paar Minuten und sagte schliesslich: „Also, du weißt, was du bist?“
„Ja, aber ich versteh’s nicht.“
„Ich auch nicht, daher kommst du mit.“
„Wir sind da, Mr. Fudge.“
„Ah, sehr gut. Steig aus.“
Wir waren mitten in London. Um uns herum befanden sich nur Wohnhäuser und eine rote Telefonkabine.
„Zum ersten Mal benutze ich den Besuchereingang.“, lächelte Fudge.
Wir betraten die Telefonzelle. Er drückte auf verschiedenen Tasten herum und plötzlich bewegte sich die Zelle nach unten. Sie hielt in einer grossen Halle an mit vielen Kaminen. Aus diesen Kaminen kamen immer wieder Menschen hervor.
Staunend blickte ich mich um. Fudge zog mich weiter. Wir stiegen in einen Lift. Er fuhr los, jedoch nicht auf und abwärts, sondern rück- und vorwärts und quer. Durch den Ruck fiel ich zu Boden. Zum Glück waren nur Fudge und ich im Lift und niemand anderes, der diese Eskapade mitbekommen hatte.
Endlich stiegen wir aus. Meiner Berechnung nach mussten wir nun tief unter der Erde sein.
Der Gang, den wir entlang gingen, war weiss und aus Marmor. Er wirkte kühl und unbehaglich. Wir gelangten zu einer schwarzen Türe.
Als Fudge sich davor stellte, ging sie von alleine auf.
„Ah, da sind Sie ja, Mr. Fudge. Ist das dieses Supermädchen, das Sie uns bringen wollten?“, fraugte eine junge Frau in einem weissen Kittel, die mich von oben bis unten musterte.
„Jap, Laura, das ist Dr. Pepper, sie wird von nun an rund um die Uhr für dich da sein.
Hanna, ich werde später noch mal vorbei kommen um nach ihr zu sehen.“ Mit diesen Worten schritt er davon.
Die Frau packte mich unsanft am Arm und zog mich rein. Wir waren in einem Art Labor, viele Leute in weissen Kitteln liefen umher und überwachten Maschinen, doch mir blieb keine Zeit alles genauer anzusehen. Dr. Pepper zog mich weiter zu einer grünen Tür.
„Das ist dein Zimmer. Da bleibst du, bis wir dich abholen. Es hat alles, was du brauchst.“
Sie schubste mich in den Raum und schloss die Tür.
Ich kam mir vor, wie in einem Gefängnis. Das Zimmer hattekein Fenster, nur ein paar Kerzen, die nie aufhörten zu brennen, ein schmales Bett, das nicht sehr weich aussah, ein schwarzer, hoher Schrank, besetzte eine ganze Wandbreite, ein kleines Tischchen stand gegenüber und ein weisser Stuhl stand in der Ecke.
So hatte ich mir meine Kindheit nicht vorgestellt und das Schlimmste: Ich hatte weder Gesellschaft, noch das schwarze Buch meiner Mutter, noch meine Schere.
Ich lief zur Tür, doch sie war von aussen verschlossen. Ich hämmerte daran und rief: „HALLO? HALLO; KANN MICH JEMAND HÖREN? DARF ICH WENIGSTENS EINEN BRIEF AN MEINE FAMILIE SCHICKEN?“ Keine Antwort.
Von wegen, Dr. Pepper wird rund um die Uhr für mich da sein. Ich hatte mich noch nie so einsam gefühlt wie jetzt.
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