
von ChantalMoody
Tatsächlich langweilte ich mich in keiner Weise am nächsten Tag, als Pa ins französische Zaubereiministerium appariert war und ich mir alleine die Zeit vertreiben musste. Ich ging zunächst in den Buchladen und kaufte mir ein paar Bücher. Ganz abgesehen davon, dass ich ohnehin gerne las, hielt ich es für wichtig, meine Muttersprache nicht zu verlernen. Fabian hatte mir nämlich einmal erklärt, dass es vorteilhaft für meine Bewerbung an der Aurorenschule sein würde, dass ich außer Englisch noch eine weitere Sprache perfekt sprechen konnte, denn Auroren mussten auch hier und da reisen, wie ich ja auch von Pa wusste.
Als ich mit der Verkäuferin im Buchladen in meiner Muttersprache redete, sah sie mich überrascht an. „Mademoiselle, Sie stammen eindeutig aus dieser Gegend hier“, sprach sie mich an. „Aber wie kommt es, dass ich Sie noch nie hier in Beauxhavre gesehen habe? Ich vergesse nicht so leicht ein Gesicht.“ „Ich stamme aus Saintes-Maries (So nannten die Bewohner den Ort häufig), aber ich bin tatsächlich noch nie vorher hier gewesen“, erwiderte ich. „ Wir sind gestern gerade erst angekommen.“ „Sind Sie nicht Schülerin von Beauxbaton?“ fragte die Dame weiter. „Nein, ich lebe ansonsten mit meinem Vater in England und gehe in Hogwarts zur Schule“, antwortete ich. „Merkwürdig, das erinnert mich an eine Geschichte, die ich vor ein paar Jahren gehört habe“, überlegte die Verkäuferin. „Ein Mädchen, das in einer Muggel-Familie aufgewachsen ist, bei dem es sich aber herausstellte, dass sie eine Hexe war. Sie sollte auch nach Beauxbaton, aber ihr Vater war wohl Engländer, so hieß es jedenfalls, und er hat sie abgeholt. Und seitdem hat man von diesem Kind nichts mehr gehört. Könnte es sein, dass Sie dieses Mädchen sind?“ Ich sah die Verkäuferin überrascht an. „Ja, ich nehme wohl an, dass ich es bin“, antwortete ich.
Daraufhin unterhielt ich mich noch eine ganze Weile mit dieser netten Verkäuferin. Sie fragte mich ziemlich ausführlich über England und Hogwarts aus. Sie selber war in Beauxbaton zur Schule gegangen und auch nicht viel aus Beauxhavre herausgekommen. Und natürlich erzählte ich gerne. Dafür erzählte sie mir von Beauxbaton. Offenbar war diese Schule kleiner als Hogwarts, und es gab dort nicht die Einteilung in verschiedene Häuser, wie ich es von Hogwarts her kannte. Die Schule wurde von Madame Maxime geleitet, einer Frau, die um mehrere Köpfe größer war als normale Menschen und über die das Gerücht ging, dass sie eine Halbriesin wäre, obwohl sie dies immer energisch abgestritten hatte.
Nachdenklich verließ ich den Buchladen. Und ich dachte wieder an meine Mutter und meine Halbbrüder. Wie mochte es ihnen gehen? Fünf Jahre war es nun her, dass Pa mich von Maman weggeholt hatte, und seitdem hatte ich nichts mehr von ihr gehört. Und nun war ich nur eine kurze Strecke von ihr entfernt, ohne dass sie davon wusste. Und sie würde nicht einmal erfahren, dass ich mich ganz in ihrer Nähe aufhielt, denn sie konnte Beauxhavre nicht betreten.
Ich überlegte. Ja, es war richtig, Muggels konnten die Welt der Zauberer und Hexen nicht betreten. Aber umgekehrt konnten sich Hexen und Zauberer sich in der Welt der Muggels bewegen. Und viele taten es auch. Für Muggelstämmige zum Beispiel war es völlig normal, in beiden Welten zu leben. Muggelstämmige Schüler fuhren in den Schulferien zu ihren Eltern nach Hause und lebten bei ihnen. Und auch erwachsene Muggelstämmige hatten oft noch Angehörige in der Muggelwelt, mit denen sie Kontakt hielten. Ich wusste, dass Tante Viola regelmäßig ihre Eltern besuchte, und es gab mit Sicherheit auch noch viele andere, die einen Fuß in beiden welten hatte. Was sollte mich also daran hindern, einmal einen kurzen Besuch in Saintes-Maries zu machen und zu sehen, wie es meiner Mutter und meinen Halbbrüdern ging?
‚So ein Unsinn’, dachte ich andererseits. ‚Fünf Jahre hat meine Mutter nicht einmal geschrieben. Vermutlich war sie froh, mich auf diese Weise los zu sein. Wahrscheinlich wird sie mit mir nicht einmal reden wollen. Und meine Halbbrüder werden mich längst vergessen haben. Sie waren ja noch klein, als ich fortging.“ So kämpfte ich also den ganzen restlichen Tag mit mir.
Als Pa am späten Nachmittag nach Hause kam, merkte er sofort, dass mich etwas bedrückte. Ich erzählte ihm dann, dass ich gerne einmal einen kurzen Besuch in Saintes-Maries machen würde, um meine Mutter und meine Halbbrüder einmal wiederzusehen. „Hältst du das für eine gute Idee, Kleines?“ fragte Pa mich besorgt. „Überleg doch mal. Du warst ihr anscheinend fünf Jahre lang egal, und da wird sich bestimmt nichts geändert haben, wenn du jetzt bei ihr vor der Tür stehst. Wahrscheinlich wirst du eine große Enttäuschung erleben.“
„Ich werde damit leben können, wenn sie nicht mit mir reden will“, antwortete ich. „Und genaugenommen habe ich die Befürchtung auch. Aber ich weiß, dass ich es bereuen würde, wenn ich nicht einmal hinginge, nachdem ich jetzt hier ganz in der Nähe bin.“ „Hm, damit könntest du recht haben“, erwiderte Pa. „Vielleicht wird es für dich leichter sein, Gewissheit zu haben. Selbst wenn diese unangenehm ist.“ „Ja, und ich kann die Wahrheit verkraften“, sagte ich. „Und es ist ja nicht so, als wenn ich allein auf der Welt stände. Ich habe ja dich.“ „Und daran wird sich auch nie etwas ändern, Kleines“, meinte Pa.
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