
von Dracodormiens
26. Erforschung der Insel
Hermine lag neben Draco und fuhr langsam mit der Hand über seinen Bauch. Sie hatte den Kopf in eine Hand gestützt und betrachtete ihn nachdenklich. Draco lag mit geschlossenen Augen da und genoss ihre Berührung. „Es ist schön, wenn du mal wieder so entspannt aussiehst“, flüsterte Hermine. „Die Sache mit deinem Vater ist sicher nicht einfach für dich...“ Draco öffnete die Augen. „Ich wüsste gern, ob er mich wirklich umbringen wollte. So weit kann doch sein Fanatismus gar nicht gehen... das rede ich mir wenigstens ein“, gestand er leise. Hermine seufzte. „Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen - den eigenen Sohn...“
„Vielleicht erfahren wir es ja in ein paar Tagen von dieser Tonks.“ Draco rollte sich auf die Seite und strich ihr eine Locke aus dem Gesicht. „Es tut mir leid, wie er dich beleidigt hat...“ Sie grinste ein bisschen. „Ach, weißt du, auch Beleidigungen nutzen sich ab. Du hast mich in den letzten sechs Jahren so oft Schlammblut genannt, das kommt mir schon gar nicht mehr wie eine Beleidigung vor.“ Dann wurde sie wieder ernst. „Du musst dich nicht für deinen Vater entschuldigen...“ Draco drehte sich wieder auf den Rücken und schloss erneut die Augen. „Eigentlich wünsche ich mir, dass Lucius auch noch zur Vernunft kommt - bevor es zu spät ist. Schon meiner Mutter zuliebe. Aber ich habe da wenig Hoffnung...“ Hermine kuschelte sich an ihn. „Wer weiß? Man weiß nie so genau, was in einem anderen Menschen vorgeht. Von dir hätten wir das ja auch nie erwartet.“ Er drückte sie an sich und küsste sie. „Tja, Malfoys sind immer für eine Überraschung gut...“ Hermine lächelte, dann musste sie gähnen. „Lass uns endlich schlafen... Mal sehen, was uns morgen erwartet!“ Bevor sie wegdöste, hörte sie noch seine Stimme, ganz leise flüsternd: „Ich liebe dich...“
Als Hermine erwachte, belegte sie Draco schon mit dem Expergiscor, bevor er überhaupt mit seinem allmorgendlichen Theater beginnen konnte. „He, das ist gemein, du bringst mich um meine Show“, schimpfte er, während er hellwach aus dem Bett sprang. Sie warf lachend ein Kissen nach ihm, das er aber mit einem schnellen Zauberstabschlenker zurückfliegen ließ. „Spinner!“ Sie streckte sich und sprang ebenfalls aus dem Bett. „Ich rieche Kaffee. Haben wir ein Glück, dass Sinead so eine Frühaufsteherin ist...“ Als sie ins Wohnzimmer kamen, saßen die anderen schon am Tisch. „Wir haben gerade überlegt, dass wir uns aufteilen bei der Erforschung der Insel“, begrüßte Blaise sie. „Luna geht mit euch.“ Den Grund für diese Aufteilung konnte Hermine sich denken, aber sie war einverstanden. Sie ließ sich Ron gegenüber auf einen Stuhl fallen und griff nach ihrer Kaffeetasse.
Nach dem Frühstück brachen sie auf. Draco, Hermine und Luna wollten den Teil der Insel zwischen dem Tunnel und Hufflepuffs Haus näher erkunden, den Blaise und Sinead gestern schon flüchtig besichtigt hatten. Im Haus mussten Hermine und Luna den geschichtsinteressierten Draco ebenso losreißen wie Blaise am Vortag Sinead. „Nun komm schon! Wir suchen ein Horcrux!“ rief Hermine ein bisschen ungeduldig. Draco kam aus der halb eingestürzten Küche und wollte gerade etwas sagen, als er erstaunt in die Tasche griff. Seine Münze war heiß geworden. Er las rasch die Nachricht von Blaise und sah dann auf. „Weasley ist abgestürzt!“ Erschrocken schlug Hermine die Hand vor den Mund. Draco ergriff ihre Hand. „Apparier uns rüber.“ Hermine nahm auch Lunas Hand und drehte sich schnell. Mit einem Plopp verschwanden die drei und tauchten auf der anderen Inselseite wieder auf.
Sinead winkte. „Hier sind wir!“ Sie kniete neben Blaise am Boden. Von Ron war nichts zu sehen, und die drei rannten schnell auf sie zu. Sie deutete auf ein Loch im Boden. „Das hat sich plötzlich geöffnet, und Ron ist hineingestürzt.“ Hermine legte sich platt auf den Bauch und starrte ängstlich hinab. „Ron?“ Dumpf klang seine Stimme aus der Tiefe, und sie atmete erleichtert auf. „Mein Bein tut weh, aber sonst geht's mir gut. Ich weiß nur nicht, wie ich hier wieder rauskommen soll. Das Loch ist ganz schön eng, ich glaube, da könnt ihr mich nicht hinaufschweben lassen. Das hier sieht nach einem Gang aus, aber ich kann nicht laufen...“ Ratlos sahen die fünf Freunde sich an. Dann rief Draco hinunter: „Geh zur Seite, ich komm runter! Wie tief ist das ungefähr?“ „Ich schätze mal, so vier, fünf Meter...“ Ron ließ seinen Zauberstab aufleuchten, und sie konnten in der Tiefe sein schmerzverzerrtes Gesicht erkennen, als er langsam zur Seite kroch. Draco sah Hermine an. „Ich spring rein und du verlangsamst meinen Fall mit Lentus, ok?“ Sie nickte stumm und richtete den Zauberstab auf ihn. „Dann los!“ Draco ließ sich entschlossen in das enge Loch fallen.
Sicher unten angekommen, kniete er sich neben Ron und untersuchte vorsichtig dessen Bein. Er fluchte. „Gebrochen.“ sagte er kurz und richtete den Zauberstab darauf. Zuerst murmelte er den Schmerzlinderungszauber, und Ron seufzte erleichtert auf. „Danke!“ „Halt still! Ich bin noch nicht fertig!“ Episkey und verschiedene andere Zauber murmelnd, versuchte Draco das Bein zu heilen. Dann schiente er es sicherheitshalber noch. Schließlich richtete er sich seufzend auf. „Besser kann ich das ohne Skele-Gro nicht. Probier mal, ob du laufen kannst. Aber vorsichtig.“ Ron versuchte aufzustehen und belastete das Bein vorsichtig. Er humpelte ein wenig den Gang entlang, dann lehnte er sich erschöpft an die Wand. „Es geht... Aber den Schacht kann ich so nicht raufklettern...“ Draco rief nach oben: „Wir müssen versuchen, einen Ausgang aus dem Gang zu finden! Kann mir jemand den Besenkompass runterwerfen?“ Blaise gehorchte. „In welche Richtung führt der Gang? Wir suchen hier oben nach dem Ausgang!“
Draco sah auf den Kompass. „Nordwesten. Aber er macht gleich nach ein paar Metern eine Biegung, ich glaube, das hat wenig Sinn...“ Er machte ein paar Schritte und schaute um die Kurve. „Ach du...“ Er verschluckte den Rest des Satzes und schrie wieder nach oben: „Das ist ein verdammtes Labyrinth!“ Erschrocken sahen die Freunde sich an. Wenn Draco und Ron sich da unten verliefen... „Mach uns nochmal so eine Sicherungsleine!“ rief Draco zu Hermine hinauf, und sie ließ eine Schnur aus ihrem Zauberstab in den Schacht schießen. „Markiert zusätzlich noch euren Weg!“ rief sie zurück. „Seid um Merlins Willen vorsichtig!“ „Keine Angst, ich habe nicht vor, mich hier unten zu verlaufen...“, murmelte Draco. Er band sich die Leine fest um den Bauch. Dann verstärkte er noch einmal den Schmerzlinderungszauber und legte sich Rons Arm um die Schultern. „Also los, Weasley.“ Er warf einen Blick auf den Kompass und marschierte los. „Ich denke, der Tunnel, durch den wir auf die Insel gekommen sind, gehört zu dem Labyrinth. In die Richtung halten wir uns erstmal. Da ist jedenfalls mit Sicherheit ein Ausgang.“ Er richtete den Zauberstab auf die Wand. „Flagrate!“ Ein leuchtendes Kreuz erschien an der Wand.
„Sinead und ich suchen trotzdem nach einem Ausgang“, sagte Luna. „Wir können ja in dem Tunnel anfangen, durch den wir gekommen sind, vielleicht hat der eine Verbindung zu dem Labyrinth.“ stimmte Sinead zu und sprang auf. Hermine saß neben dem Loch und schaute auf ihren Zauberstab. Die Sicherungsleine wurde immer länger und länger. Blaise setzte sich neben sie. „Dann bleibe ich erstmal hier. Wir können uns ja später abwechseln...“ sagte er, bevor ihm auffiel, dass er damit zugab, dass er befürchtete, die Suche könnte sehr lange dauern. Schuldbewusst sah er zu Hermine. „Aber vielleicht dauert es ja gar nicht so lange. Wahrscheinlich kommen euch die beiden durch den Tunnel schon entgegen...“ Hermine lächelte dankbar, obwohl sie daran ebenfalls nicht glaubte. Sinead und Luna liefen los.
„Schön, dass wir Sinead kennengelernt haben.“ meinte Hermine. Blaise lächelte. „Sie ist ein tolles Mädchen.“ Er schlang die Arme um die Knie und sah den beiden Mädchen nach. Plötzlich richtete er sich abrupt auf und sah Hermine an. „Sag mal, könnte nicht das Horcrux da unten sein?“ Rasch zog Hermine ihre Münze aus der Tasche. „Natürlich könnte es das, und dann stellt das Labyrinth selbst sicher nicht die einzige Gefahr dar. Wir müssen die beiden warnen...“ Sie schickte Draco eine Nachricht und wartete besorgt auf Antwort.
Draco und Ron kamen nur langsam voran. Rons Bein schmerzte mit jedem Schritt mehr. „Wenn wir hier raus sind, muss Hermine dich erstmal ins St. Mungo´s apparieren...“ stöhnte Draco. Auch er war erschöpft, denn Ron lehnte sich schwer auf seine Schulter, und sie gerieten öfter mal in Sackgassen und mussten umkehren. „Lass uns mal eine Pause machen.“ Er blieb stehen. „Sag mal, wozu soll dieses Labyrinth wohl gut sein?“ fragte Ron nachdenklich und sah sich neugierig um, so weit das Licht aus seinem Zauberstab reichte. Draco starrte ihn verblüfft an. „Na, zum Beispiel als Horcrux-Versteck...“ sagte er langsam. „Warum haben wir da nicht gleich dran gedacht?“ Er schaute sich ebenfalls aufmerksam um. „Wir sollten vorsichtig sein. Vielleicht sind hier noch irgendwelche Fallen versteckt.“ Kaum hatte er ausgesprochen, als Ron, der sich gerade erschöpft gegen einen Stützbalken gelehnt hatte, sich erschrocken wieder aufrichten wollte. Doch es war zu spät. Der Pfeiler hatte einen verborgenen Mechanismus ausgelöst. Krachend stürzte der Tunnel hinter ihnen zusammen. Draco ergriff Rons Arm und riss ihn mit einem Hechtsprung aus der Gefahrenzone. Ron schrie auf, als er auf sein verletztes Bein fiel, doch Draco ignorierte ihn. Entsetzt starrte er auf den Haufen aus Erde und Geröll, der ihnen den Rückweg versperrte. Die Sicherungsleine war gerissen. Er griff mit der Hand in die Hosentasche, doch er zog sie leer wieder heraus. „Ich hab meine Münze verloren! Hast du deine mit?“ Ron schüttelte den Kopf. Langsam wurde ihnen klar, was das bedeutete: Sie waren völlig von ihren Freunden abgeschnitten, bis sie einen Ausgang fanden.
Hermine starrte auf ihre Münze, doch die blieb kalt. Sie versuchte es noch einmal und dann auch bei Rons Münze. Dann sah sie erstaunt zu Blaise. „Er antwortet nicht!“ Sie ruckte ein bisschen an der Sicherungsleine. Doch die bewegte sich kein bisschen. Sie wurde auch nicht mehr länger, fiel ihr jetzt auf. Entsetzt sprang sie auf. „Da ist was passiert!“ Blaise hielt sie am Arm fest, als sie einen Schritt auf das Loch zu machte. „Warte!“ Hermine versuchte sich loszureißen. „Wir müssen da runter, wir müssen nachschauen, was passiert ist!“ Blaise schüttelte sie ein bisschen. „Hermine! Wenn wirklich etwas passiert ist, dürfen wir jetzt nichts überstürzen, dann ist es nämlich gefährlich da unten. Wir helfen den beiden nicht, wenn uns auch noch etwas zustößt.“ Hermine ließ sich kraftlos auf den Boden fallen und vergrub verzweifelt das Gesicht in den Händen, während Blaise Sinead eine Nachricht schickte. Wenige Minuten später kamen die beiden Mädchen atemlos angerannt. Sinead nahm Hermine tröstend in den Arm. „Was machen wir denn jetzt?“ Sie sah zu Blaise, der sich jetzt auf den Bauch legte, seine Stimme mit Sonorus verstärkte und nach Draco und Ron rief. Gespannt lauschten die vier, doch es kam keine Antwort. Hermine traten die Tränen in die Augen. Doch dann versuchte sie sich zusammenzureißen. Es würde Draco und Ron nicht helfen, wenn sie jetzt in Panik verfiel.
Währenddessen waren Draco und Ron schweigend und vorsichtig weitergestolpert, immer nach neuen Fallen Ausschau haltend. Plötzlich hielt Draco Ron am Arm zurück, was eigentlich überflüssig war, denn ohne ihn konnte Ron sowieso kaum einen Schritt machen. „Was ist?“ flüsterte Ron. Draco legte den Finger auf die Lippen und lauschte. „Ich höre Wasser. Warte mal hier.“ Er ließ Rons Arm los und schlich um die nächste Ecke. Ron zögerte einen Moment, dann humpelte er ihm hinterher. Nebeneinander standen die beiden Jungen dann am Ufer eines unterirdischen Sees.
„Ach herrje.“ entfuhr es Ron. Die Wände der Höhle waren glatt, aber unter der Wasseroberfläche konnte man einige Tunneleingänge erkennen. „Welcher ist denn jetzt der richtige?!“ „Da bleibt mir wohl nichts anderes übrig als zu tauchen...“ „Allein?!“ „Na, du kannst das wohl kaum, mit deinem Bein. Ich bin froh, wenn ich dich hier irgendwie rauskriege, sobald ich den richtigen Tunnel gefunden habe!“ „Und wenn dir was passiert?“ „Dann hast du wohl Pech gehabt, Weasley...“ meinte Draco trocken. Er zog die Schuhe aus und zauberte sich eine Kopfblase. „Brrr, ist das kalt.“ murmelte er dumpf, als er einen Zeh ins Wasser steckte. „Warte!“ rief Ron, als er in den See steigen wollte. „Ich mach dir eine Sicherungsleine.“ „Dann hast du hier oben doch gar kein Licht mehr.“ „Na und? Bevor du mir verloren gehst...“ Draco grinste. „Deine Anhänglichkeit rührt mich...“ Aber er band sich die Leine um den Fuß. Ron sagte ernst: „Erstens komm ich ohne dich hier nicht mehr raus - und zweitens wäre Hermine todunglücklich, wenn dir was passiert.“ Draco sah ihn einen Moment an. „Wenn uns was passiert.“ verbesserte er dann und stürzte sich ins Wasser. Ron sah den Lichtstrahl aus Dracos Zauberstab in einem der Tunnel verschwinden. Dann setzte er sich seufzend im Dunkeln ans Ufer und wartete.
Blaise, Hermine, Sinead und Luna hatten inzwischen richtig vermutet, dass wahrscheinlich hinter den beiden Jungen ein Einsturz oder etwas Ähnliches stattgefunden hatte, der die Leine durchtrennt hatte. An die Möglichkeit, dass der Einsturz sich über den beiden ereignet hatte, mochten sie gar nicht denken. Jedenfalls hatten sie sich dazu entschlossen, die beiden von der anderen Seite her zu suchen. Sie stiegen in den Tunnel, durch den sie die Insel betreten hatten. Bei ihrer Ankunft war ihnen nicht aufgefallen, dass der Gang hinter dem Ausstiegsschacht eine scharfe Biegung machte, auf den ersten Blick sah es so aus, als ob er dort endete. Jetzt jedoch folgten sie dem Tunnel weiter ins Inselinnere, wo er sich bald verzweigte. Alle vier hatten magisch ihre Stimmen verstärkt und riefen immer wieder nach Draco und Ron.
Sinead schlug vor, sich zu trennen, doch damit kam sie nicht durch. „Damit wir uns auch noch verlieren? Kommt nicht in Frage!“ lehnte Blaise das kategorisch ab und nahm zur Bekräftigung ihre Hand. „Wir bleiben jetzt alle zusammen.“
Prustend tauchte Draco neben Ron auf. „Ich hab zwar keinen Ausgang gefunden, aber das Horcrux.“ Ron sprang auf und griff sich gleich darauf ans Bein. „Aua! Was?! Wo?“ „Einer der Tunnel führt in eine kleinere Höhle als diese hier. Da liegt der Kessel. Es gibt nur einen kleinen Schönheitsfehler an der Sache.“ „Und der wäre?“ „Der Riesenkrake, der das Ding bewacht.“ Ron fluchte. „Und ich kann dir nicht helfen!“ „Wir müssen hier so schnell wie möglich raus und die anderen holen... Allein schaffe ich das nicht.“ Draco sah ins Wasser und schauderte. „Der Krake ist nicht das einzige Viech hier... Luna wäre wahrscheinlich fasziniert, aber ich bin nicht sonderlich begeistert von weißen, glitschigen Fischen ohne Augen, aber dafür mit scharfen Zähnen. Wenigstens scheint der Krake das einzige magische Tierwesen zu sein. Normale Tiere sind jedenfalls nicht so gefährlich. Hoffe ich.“ Seufzend ließ er sich wieder ins Wasser gleiten. „Ich habe etwa zwei Drittel der Tunnel erforscht. Wenn ich nicht bald den Ausgang finde, haben wir ein Problem.“ Er tauchte wieder ab, und Ron starrte erneut dem schwächer werdenden Lichtstrahl hinterher, bis er in einem Tunnel verschwand.
„So groß ist diese verdammte Insel doch gar nicht!“ schimpfte Hermine. „Ich habe das Gefühl, wir sind schon kilometerweit gelaufen. Laufen wir etwa im Kreis?“ Blaise schüttelte den Kopf. Er hatte seinen Zauberstab auf der ausgestreckten Hand liegen und benutzte ihn als Kompass, während Sinead und Luna ab und zu Markierungen an die Wände setzten. „Laut Richtungszauber laufen wir genau nach Südosten. Mit kleinen Umwegen natürlich.“ Hermine brüllte ein weiteres Mal nach Draco und Ron. Verzweifelt fuhr sie sich mit der Hand durch die Haare. Plötzlich öffnete sich ohne Vorwarnung eine große Höhle vor ihnen. In der Mitte floss ein unterirdischer Fluss, und der Gang schien nicht weiterzugehen. „Na toll, jetzt müssen wir schon wieder umkehren. Wir werden die beiden nie finden...“
Als Draco sich dem vorletzten Unterwassertunnel näherte, spürte er plötzlich, wie er von einer Strömung ergriffen wurde. Erschrocken versuchte er sich an einem Felsen festzuhalten, doch das Wasser riss ihn mit. „Verdammt!“ blubberte er dumpf. Er schrammte an den Wänden des engen Tunnels entlang und hoffte inständig, dass die Sicherungsleine halten würde. Dann sah er Licht am Ende des Tunnels und schoss im selben Moment schon in eine weitere Höhle hinaus, die der unterirdische Fluss durchquerte. Bevor er an der gegenüberliegenden Seite der Höhle wieder unter Wasser gezogen wurde, kämpfte er sich mühsam ans Ufer. Erschöpft blieb er einen Augenblick lang auf den Knien liegen. Dann sah er auf. Wo kam eigentlich das Licht her? Das Licht war schwächer geworden und verschwand in diesem Moment auf der anderen Seite des Flusses in einem Tunnel. „Hey!“ brüllte er, doch es klang dumpf und leise. Schnell entfernte er die Kopfblase, hielt den Zauberstab an seine Kehle und brüllte mit verstärkter Stimme erneut. Erleichtert sah er, dass das Licht zurückkehrte.
„Habt ihr nicht auch was gehört?“ fragte Luna. „Ein gedämpfter Schrei oder so?“ Da hörten sie es erneut, diesmal deutlicher. „Draco!“ flüsterte Hermine und blieb einen Augenblick wie erstarrt stehen. Dann stieß sie die anderen in dem engen Tunnel beiseite und rannte zurück zum Fluß. Draco hatte sich aufgerichtet und winkte lachend. Dann stürzte er sich noch einmal ins Wasser und schwamm ans andere Ufer. Hermine fiel ihm um den Hals und brach in Tränen aus. Er hielt sie fest und streichelte ihre Schultern. „Hey, Kleine, alles ok!“ „Ich hatte solche Angst um euch!! Und wo ist Ron?“ „Dem geht's gut, wir müssen ihn nur irgendwie hier rüberholen. Ich erzähle gleich mal in Ruhe.“ Jetzt waren auch die anderen drei herangekommen und umarmten Draco erleichtert. Dann setzten sie sich ans Ufer, und Draco berichtete.
„Und wie kriegen wir Ron jetzt hierher?“ fragte Hermine ratlos. „Gegen die Strömung schwimmen?!“ Sinead sah nachdenklich ins Wasser. „Manchmal haben auch Muggel ganz gute Ideen... Es gibt für Taucher so eine Art Bergsteigerausrüstung, jedenfalls mit Haken und Leinen. Damit kann man gegen die Strömung tauchen, indem man Haken in die Tunnelwände schlägt und sich Stück für Stück an einer Leine daran entlangzieht.“ „Und, worauf warten wir noch? Ron ist bestimmt fast wahnsinnig vor Angst.“ Hermine ließ ein meterlanges Seil aus ihrem Zauberstab hervorschießen. Sinead schwenkte ihren Zauberstab, und vor ihr lagen etliche stabile Haken und ein Hammer. Blaise stand auf. „Dann werd ich wohl mal...“ „Wieso du?“ protestierte Sinead. „Weil ich stärker bin. Du kannst vielleicht ein bisschen besser schwimmen, aber gegen die Strömung wird das sehr anstrengend. Diesmal setzt du deinen Dickkopf nicht durch! Da lasse ich dich nicht rein.“ Er zog seine Schuhe aus und watete in den Fluss. Sinead folgte ihm ein Stück und legte ihm noch einmal die Arme um den Hals. „Sei vorsichtig!“ Sie gab ihm einen Kuss, bevor er sich die Kopfblase zauberte. Dann tauchte er ab.
Ron ging es in der Tat nicht besonders gut. Er hatte gespürt, wie sich das Seil aus seinem Zauberstab eine Zeitlang sehr viel schneller abgewickelt und dann plötzlich ganz aufgehört hatte. Vorsichtig zog er daran, doch er spürte einen Widerstand. Immerhin war er also noch mit Draco verbunden. Aber wo blieb der? Er musste doch bald mal zurückkehren! Nervös stand Ron auf und humpelte am Ufer auf und ab, gab aber bald wieder auf, weil er Angst hatte, im Dunkeln ins Wasser zu fallen. Er setzte sich wieder hin und drehte den Zauberstab zwischen den Fingern. Hatte er nicht mal irgendwo gelesen, dass Kraken sich noch durch kleinste Ritzen zwängen konnten? Er lauschte auf Geräusche, aber bis auf das leichte Plätschern des Wassers war nichts zu hören.
Blaise hatte sich seinen leuchtenden Zauberstab zwischen die Zähne geklemmt und schwamm mühsam mit Hammer und Haken in den Händen und das Seil um den Bauch gewickelt gegen die Strömung. Gut, dass diese Kopfblasen so stabil sind, dachte er, nachdem er zum wiederholten Mal in dem engen Tunnel mit dem Kopf an einem Felsvorsprung angestoßen war. Etwa jeden halben Meter trieb er einen Haken in die Felswand und wickelte das Seil darum. Dann hangelte er sich mühselig weiter an Felsnasen entlang. Der Tunnel schien kein Ende zu nehmen. Doch endlich spürte er, wie die Strömung schwächer wurde und stieß im nächsten Moment mit dem Kopf durch die Oberfläche des Sees. Ron sprang auf und fiel sofort wieder wimmernd zurück, weil er wieder einmal sein Bein vergessen hatte. Solange er ruhig saß, wirkte der Schmerzlinderungszauber einfach zu gut. Erstaunt und erfreut sah er dann Blaises dunklen Haarschopf an Stelle von Dracos weißblondem näherkommen.
Erschöpft kletterte Blaise ans Ufer und verschnaufte erst einmal ein bisschen, während Ron ihn mit Fragen bestürmte. „Immer mit der Ruhe“, wehrte Blaise lachend ab. „Ja, Draco geht's gut. Der Tunnel ist ein Abfluss von diesem See, und der Fluss fließt durch eine andere Höhle, durch die man nach draußen kommt. Ja, Draco hat von dem Kessel erzählt, aber erstmal müssen wir dich hier rauskriegen.“ Er begutachtete Rons Verband, der schon ein bisschen gelitten hatte durch ihren Marsch durch die unterirdischen Gänge. Vorsichtig erneuerte Blaise die Schiene. Dann warf er Ron ein Seilende zu. „Bind dir das mal um den Bauch.“ Das andere befestigte er um seinen eigenen Bauch. „Lass dich einfach mitziehen, halt dich am Seil in dem Tunnel fest und pass auf dein Bein auf.“ Die beiden ließen sich ins Wasser gleiten. Das kalte Wasser tat Rons Bein sogar gut. Langsam schwamm Blaise hinüber zum Tunneleingang und tauchte dann ab, Ron hinter sich her ziehend.
Ohne größere Probleme kamen sie drüben an und wurden freudig begrüßt. Draco runzelte nicht einmal die Stirn, als Hermine Ron um den Hals fiel. Dann beschwor Blaise eine Trage herauf, auf die Ron sich erleichtert sinken ließ. Hermine und Luna ließen ihn den Gang entlang schweben, bis sie am Ausgang angekommen waren. „Oh nein, jetzt müssen wir auch noch durch den anderen Tunnel tauchen, bevor wir aus dem Boot nach London apparieren können!“ stöhnte Hermine. „Ich helfe dir mit Ron“, bot Draco an. Gemeinsam brachten sie Ron zum Boot und hievten ihn hinein. Draco nahm Hermine fest in den Arm und küsste sie. „Komm bald wieder!“ Dann half er ihr ins Boot und sah zu, wie sie mit Ron disapparierte, bevor er zurück auf die Insel tauchte.
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