
von eule20
2. Snape
527 Tage. Es war seltsam, dass er sie gezählt hatte, aber er dachte neuerdings viel über die Zeit nach, also weshalb sollte es hiermit anders sein? An ihrem Bett zu sitzen und den heißen Tee zu trinken, den Nettie ihm jeden Abend freundlicherweise hinstellte, brachte ihm keinerlei Ablenkung. Er hatte nichts zu tun, außer zu grübeln, zu berechnen und festzustellen, dass die Zahl achtzehn für ihn eine verhexte Zahl war.
Er war achtzehn gewesen, als er das Dunkle Mal erhielt. Weitere achtzehn Jahre als Todesser - reformiert oder anderweitig. Nach dem finalen Kampf lag er achtzehn Tage bewusstlos auf der Krankenstation. Noch einmal achtzehn Tage, nachdem er aufgewacht war und sich erinnern konnte, was geschehen war und wem es geschehen war. Und, was dem Ganzen die Krone aufsetzte, sie war achtzehn gewesen, als sie sein Leben gerettet und ihres erfolgreich beendet hatte.
Er fragte sich, was der Sinn hinter dem Ganzen war und ob er weitere achtzehn Jahre an ihrem Bett sitzen musste, ehe er von dieser seltsamen Hörigkeit, die ihn tagtäglich hier her trieb, befreit wurde.
Er wusste, dass Potter sie nicht mehr besuchte und er konnte ihm keinen Vorwurf daraus machen. Wie sehr er den Jungen auch verabscheute, er konnte es verstehen. Es war schwer für Severus sie so zu sehen - unverändert, mit leeren Augen und regungslos - und er war nie ihr Freund gewesen!
Bei jedem Besuch schwor er sich leise, dass er nicht wieder kommen würde, dass er ihr nichts schuldete - nicht einmal seinen Dank. Er hatte sie nicht darum gebeten ihn zu retten, nie angedeutet, dass sie ihren Scharfsinn für seine eigene wertlose Haut verschwenden sollte. Es war ihre Entscheidung und sie hatte sie getroffen, ohne ihn auch nur in einen ihrer Pläne einzuweihen. Er sollte mit seinem Leben fortfahren und sie vergessen.
Das Problem war nur, er konnte es nicht. Er wünschte sich fast, dass er zu diesen achtzehn Tagen auf der Krankenstation zurückkehren konnte, in denen er gerade aus seinem Koma erwacht und in seliger Unkenntnis darüber war, welche Rolle Miss Granger in seinem Überleben spielte.
Es dauerte lange bevor er seine Augen hatte öffnen können und als es ihm endlich gelungen war, hatte er sich gewünscht tot zu sein. Es war schon schlimm genug gewesen, bewegungsunfähig in einem Bett im Krankenflügel zu liegen, an seiner Seite Poppy Pomfrey, die ihn in den Tod zu plappern schien.
Er war sich nicht sicher gewesen, wie lange er bewusstlos gewesen war, aber das Ende des Krieges schien positiv ausgegangen zu sein. Wenn es nicht der Fall gewesen wäre, wären Poppys ständige Fragen, wie es ihm ginge und ob er Schmerzen hätte, seine geringste Sorge gewesen. Voldemort duldete keine Verräter.
In den darauf folgenden Tagen begann er alles zu hassen was mit seiner Situation zu tun hatte - nicht in der Lage sich zu bewegen, seine Verbrennungen zugekleistert mit einem dicken, purpurfarbenen Trank, den er nicht selbst hergestellt hatte und Albus, der ihm scheinbar bei jeder sich bietenden Gelegenheit Süßigkeiten anbot und mit übermäßig fröhlicher Stimme nachfragte wie es denn dem Held ginge. Es war die Hölle. Hölle mit Zitronendrops.
Er hatte nie auch nur den kleinsten Moment daran geglaubt, dass er den finalen Kampf überleben würde. Aufzuwachen und zu entdecken, dass er tatsächlich noch lebte, war ein Schock für ihn gewesen. Die Tatsache, dass er als Held gezählt wurde, neben dem Jungen-Der-Nervtötenderweise-Lebte-Mit-Hufeisen-Im-Arsch, war eine bis dahin gänzlich ungewollte Zugabe.
Erst Tage später hatte er diese Gedanken in Worte fassen können, da Poppy ihn, mithilfe eines Vox- Reparo-Trankes, sprachlos gemacht hatte. Der hatte so bitter geschmeckt, dass er bezweifelt hatte, dass das Zeug helfen würde seine magisch angegriffen Stimmbänder wieder herzustellen.
Er hatte sie bei einem Gespräch über ihn belauschen können, ausgerechnet mit Hooch.
´Kannst du dir Snape ohne diese Stimme vorstellen?´, hatte sie geflüstert, offenbar bestürzt, ´Es ist, als ob du einem Löwen das Schnurren weggenommen hättest.´
´Du meinst das Zischen einer Schlange, oder Poppy?´, hatte Hooch zurück gegrinst. ´Ich bezweifle, dass er es gern sähe, mit dem Symbol der Gryffindors verglichen zu werden.´
Es hatte ein paar weitere Tage gedauert, ehe er die nötige Kondition hatte um zu fragen, ob er auf seine eigene Verantwortung endlich in seine Kerker zurückkehren konnte. Poppy hatte in ihrer nervtötenden Angewohnheit lediglich mit der Zunge geschnalzt, ehe sie gackernd zu Dumbledore meinte, dass er eine wahre Attraktion sei, wenn er in seinen Bandagen durch das Schloss schleichen würde.
´Weißt du, ich will die Kinder nicht durcheinander bringen - sie denken jetzt schon, dass er eine Fledermaus ist. Ihn rauszulassen, eingewickelt wie eine Mumie, würde die armen Kleinen nur ängstigen.´
Er hatte geschworen, dass er ihr all ihre kleinen Bemerkungen heimzahlen würde. Irgendwann in der Zukunft, wenn seine Haut sich nicht mehr so neu anfühlte und seine Finger nicht mehr so spröde waren wie trockenes Stroh.
Von den aktuellen Ereignissen bis hin zu seiner Bewusstlosigkeit wusste er glücklicherweise nichts mehr. Albus hatte bei jeder Gelegenheit gefragt an was er sich erinnerte, aber da er sich so oder so an kaum etwas hatte erinnern können, hatte auch das ständige Fragen nicht weiter geholfen.
Es kam ihm nie in den Sinn zu fragen, weshalb er überlebt hatte. Er schrieb es seinem eigenen verdammten Glück zu, oder dem Fehlen desselbigen. Er hatte auch nie daran gedacht Dumbledore zu fragen, wer noch alles überlebt hatte. Natürlich wusste er, dass Potter es geschafft hatte. Er hatte Ohren die wunderbar funktionierten, auch wenn Poppy seinen gesamten Kopf umwickelt hatte. Es war schwer, all die durch Potter verursachte Glückseligkeit zu überhören, die sich in jedes Gespräch zu schleichen schien, welches er auf der Krankenstation mit anhören musste. Es kam ihn auch nie in den Sinn, dass Granger oder Weasley etwas anderes als gesund und unversehrt waren und sich in dem Glanz, den Potter ausstrahlte, sonnten. Sie schienen seit ihrem ersten Jahr immer wie ein unantastbares Dreiergespann gewesen zu sein und er konnte sich nicht vorstellen, dass irgendwas hätte etwas daran ändern können.
Und ehrlich gesagt dachte er auch nicht ein zweites Mal über all das nach. Er genas sehr gut, wenn man Poppy Glauben schenken konnte und er hoffte in den nächsten Wochen den Krankenflügel verlassen zu können.
Es war ein ganz normaler Tag gewesen, wenn man davon ausging, dass es normal war von Kopf bis Fuß in Mullbinden gewickelt zu sein und im Krankenflügel zu liegen, als es geschah. Albus, nach Mottenkugeln und Zitronendrops stinkend und so aufgesetzt heiter, dass es Snape Kopfschmerzen bereitete, war da gewesen für sein tägliches Pläuschen mit ihm. Doch davon abgesehen waren die Dinge ausnahmsweise nicht so unerfreulich gewesen. Bis Poppy angerannt kam, verwirrt und aufgeregt aussehend und Albus darüber informierte das ´man sie in einem Muggelkrankenhaus gefunden habe und Harry dabei war sie hierher zu bringen´
Und dann verstand er endlich. Hermine Granger. Sie hatten Hermine Granger gefunden. Sie war nicht in der Sicherheit Hogwarts, wie er angenommen hatte. Man hatte sie gefunden. Und sie war auf dem Weg hierher. Man hatte sie gefunden und sie kam wegen ihm hierher in den Krankenflügel. Sie hatte sein Leben gerettet.
"Albus", hatte er den Satz begonnen und aufgeblickt, erst dann realisierend, wie traurig der alte Mann plötzlich aussah.
"Ich muss gehen, Severus. Ich werde wiederkommen."
Das Problem an der Sache mit dem Erinnern war, dass man sich nicht aussuchen konnte an was man sich erinnerte und was man lieber vergaß. Entweder alles oder nichts. In Snapes Fall, war es alles. Er fühlte sich wie ein Ertrinkender als die Bilder und Geräusche des letzten Kampfes durch die Schranken stießen die sein Bewusstsein errichtet hatte.
Flüche flogen überall umher- Blitze aus grünem, blauem und rotem Licht flogen um ihn herum. Er erinnerte sich daran, wie er sich drehte, wendete und duckte, selbst Flüche abschießend, während er sich Schritt für Schritt dem Dunklen Lord näherte. Immer ein Auge auf Potter, welcher es ihm gleichtat.
Wie ein entsetzlicher Film zogen die Erinnerungen an ihm vorbei, jedes Bild schlimmer als das vorherige. Er sah, wie Neville Longbottom eine armlose Luna Lovegood aus der Gefahrenzone schleppte, er hörte Lucius Malfoy Carnificare brüllen und sah, wie Ron Weasley durch einen Strahl purpurnen Lichtes seinen Kopf verlor. Und über all dem Lärm hörte er Voldemort lachen – lachen, weil er die Zaubererwelt vor seinen Augen in die Knie zwang – lachend, weil die Zukunft vor seinen Augen starb.
Und dann war Potter da, direkt vor Voldemort und duellierte sich mit ihm. Der Boden explodierte und Potter wurde von einem Fluch getroffen. Die Magiereserven des Jungen schwanden. Und alles war so deutlich, so unmissverständlich - wie bei einem Traum innerhalb eines Traumes - das Geschrei um ihn herum stoppte. Alles um Snape herum, was nicht in seinem Blickfeld zwischen Potter und Voldemort war, verblasste. Potter würde sterben, wenn ihm niemand half.
Snape stand da und richtete seinen Zauberstab auf Potters Rücken, seine Stimme fest und sicher als er rief: Traductio Magicus´. Er hörte wie ihn jemand als Verräter beschimpfte, doch seine eigene Magie war dabei zu Potter zu fließen, den jungen Mann zu unterstützen und ihm die Kraft zu geben, die er zum kämpfen brauchte.
Und dann sah er, wie sie sich ihren Weg zu ihm durch kämpfte. Ihre Augen blitzten jedes Mal auf, wenn sie ihre Zauber in jede Richtung fliegen ließ. Seine Magie war fast verschwunden. Potter saugte sie aus ihm heraus, wie ein trockener Schwamm das Wasser und er erinnerte sich vage daran, dass er überlegt hatte, ob er als Squib enden würde, wenn all dies vorbei war. Seine Knie gaben nach und er ließ sich aufs Feld sinken, aber Potter kämpfte immer noch.
Sie war inzwischen an seiner Seite, als er sah wie Lucius auf sie beide zukam, den Zauberstab erhoben. Snape konnte sich nicht verteidigen. Er konnte seine Magie nicht wieder von Potter abziehen, nicht in diesem kritischen Stadium. Er war im Begriff zu sterben, genau so wie er es sich immer vorgestellt hatte, weil er wusste, dass es so sein würde. Und er sah dem Tod entgegen.
Malfoys Stimme wirkte merkwürdig laut inmitten der Kampfgeräusche. Snape lächelte als er es hörte - ´Animula Somnus´. Ein silbernes Licht raste auf ihn zu. Er konnte hören wie es die Luft zerschnitt und als er ihm den Kopf zuwandte um sich treffen zu lassen, warf sie sich dazwischen.
"Professor Snape."
Er brach unter ihrem Gewicht zusammen, als die Kraft des Fluches sie nach hinten schleuderte. Er konnte einige der silbernen Tentakel des Fluches an sich spüren, die sich um ihren schlanken Körper herum wickelten, doch sie hatte den Großteil abbekommen. Potter schrie ´Nein als er Hermine fallen sah und entzog Snape damit den letzten Rest seiner Magie. Die Luft um ihn herum färbte sich lila, dann orange, wandelte sich in einen Sturm aus Hass, Liebe, Tod und Erlösung, als Voldemort explodierte. Seine Haut schien von seinen Knochen herunter zu schmelzen, doch es kümmerte ihn nicht. Granger war tot und sie war gestorben um ihn zu retten. Er spürte, wie die von Voldemort ausgehende und alles erschütternde Druckwelle ihn erreichte und ihn über das Feld rollen lies, während sich seine Haut weiter von seinen Knochen löste. Er hielt sie so lange fest wie er nur konnte, so lange bis er in eine tiefe Ohnmacht versank. Das letzte, an das er sich erinnern konnte waren ihr Haar, dass aufgrund der Hitze wegkokelte und ihre Augen, die groß, braun und leer in die seinen starrten.
Also wurde Hermine zurück nach Hogwarts gebracht und Potter kam mit ihr.
In dem Moment jedoch, als Harry den Teil des Krankenflügels betrat in dem er lag, fragte er sich, ob sein Aufenthalt hier nicht noch um etliche Wochen verlängert werden würde. Das Kind sah absolut mörderisch aus. Nur dank Albus ruhiger Einmischung war es möglich, die Situation zu entschärfen, dass sie nicht völlig außer Kontrolle geriet.
"Professor Snape hat dein Leben gerettet, Harry. Wenn er nicht gewesen wäre, wärst du tot und Voldemort hätte gewonnen."
Harry hatte daraufhin heiße und bittere Tränen an der Schulter des alten Mannes geweint, ehe er sich von ihnen beiden abwandte und zu Hermine ging. Snape war mit Harry einer Meinung. Er hatte ihr Opfer nicht verdient. Er hatte es nicht verdient zu leben.
"Du kannst dich jetzt erinnern?"
Snape runzelte die Stirn. "Ich erinnere mich. Was in aller Welt ist in dieses Mädchen gefahren, um sich vor einen Fluch zu werfen, der für mich bestimmt war? Und was hatte sie die ganze Zeit in einem Muggelkrankenhaus zu suchen? War ihr nicht klar, wie besorgt die Leute wegen ihr sein würden? Von allen selbstsüchtigen, undankbaren…“
"Sie liegt im Koma."
Albus Worte stoppten ihn inmitten seiner Schimpftirade. Im Koma. Er blinzelte und spottete dann, dass er wohl nicht der Einzige wäre, der es nicht schaffte zu sterben.
"Severus, kannst du dich an den Fluch erinnern den Malfoy gesprochen hat? Wenn wir ihn kennen, vielleicht können wir das Problem beheben."
Snape runzelte abermals die Stirn. "Animula Somnus - lebender Schlaf. Ich weiß nicht was für einer das ist."
Albus seufzte: "Wir werden es herausfinden." Es entstand eine kurze Pause, dann sah er Snape wieder an und Besorgnis überschattete das Funkeln in den blauen Augen. "Ich denke wir sollten prüfen, ob du deine Magie zurück hast. Jetzt, nachdem du dich daran erinnerst was geschehen ist, scheint es der nächste, logische Schritt zu sein."
Snape wusste nicht was er darauf erwidern sollte. Wenn er sich nicht daran erinnert hätte, dass er während des Kampfes Harry seine Magie gegeben hatte, hätte er es nie herausgefunden, dass seine Magie nicht mehr vorhanden wäre.
Albus beschwor einen Zauberstab herauf - überraschenderweise Snapes eigenen. Er hatte angenommen dass er irgendwo auf dem Schlachtfeld verloren gegangen war und freute sich jetzt, dass dieser es relativ unbeschadet überstanden hatte. Er ließ seine Finger über das vertraute Holz gleiten und erinnerte sich an das saugende, aushöhlende Gefühl des Spruches und seine Überlegung, ob er zum Squib werden würde und plötzlich wurde er nervös.
"Na los, Severus. Nur nicht nervös sein, einfach wutschen und wedeln. Zitronendrop?"
Snape starrte den alten Mann an, der tatsächlich so aussah, als erwarte er eine riesengroße Vorführung. "Ich hasse Zitronendrops. Evanesco!"
Seine neue Haut, noch rosa und straff, prickelte schmerzhaft als die magische Energie durch sein Blut pulsierte und ihn stärkte. Albus Zitronendrops verschwanden mit einem lauten Plopp und Snape erlaubte es sich zu grinsen, als der Mann leicht verwirrt in seine leere Hand schaute.
Er hatte also noch seine Magie.
Nach einem Moment Stille, lächelte Dumbledore ihn glückselig an, wühlte in einer der unzähligen Taschen seiner wallenden Robe und zog eine neue Tüte Süßes hervor.
"Wenn es nur mit Miss Granger so einfach wäre. Kaubonbon?"
Und das war’s. Man hatte ihm nicht erlaubt, nach ihr zu sehen, sie sagten es wäre im Moment zuviel für ihn und Poppy habe alles unter Kontrolle. Er wusste nicht ob er froh oder böse deswegen sein sollte. Er dachte, dass er sie nicht wirklich sehen wollte. Seine letzte Erinnerung an sie hatte sich in sein Gedächtnis eingebrannt, er brauchte nur die Augen zu schließen um ihre braunen Augen, leer und leblos zu sehen, während ihr Haar wie ein Heiligenschein um sie herum schmolz. Und gleichzeitig wollte er sie sehen, sie hatte schließlich sein Leben gerettet. Er stand in ihrer Schuld.
Noch ehe er sich selbst davon überzeugen konnte, dass er zu ihr gehen sollte um sie zu sehen, wurde sie ins St. Mungos gebracht. Poppy konnte nichts mehr für sie tun.
Als Potter fragte wer denn nach ihr sehen würde, solange sie dort wäre, hatte Poppy erzählt, dass auf Dumbledores Veranlassung hin ihre Schwester Nettie dazu beordert wurde, als ihre persönliche Heilerin zu fungieren. Snape war beruhigt, nachdem er das gehört hatte - er hatte den Gedanken daran nicht gemocht, dass sie alleine dort liegen würde, ohne dass jemand nach ihr sah, auch wenn sie es gar nicht bemerken würde.
An dem Tag an dem sie ging, entschloss er sich sie aus seinem Bewusstsein zu streichen, doch Potter hatte es mal wieder geschafft alles zunichte zu machen.
"Sie wollen ihr Haar nicht nachwachsen lassen", hatte er gejammert. "Sie sieht gar nicht aus wie Hermine ohne ihr ganzes Haar und sie wollen es nicht zurück wachsen lassen."
Und je mehr Potter ihm erzählte, desto unruhiger wurde Snape. Obwohl Potter und er nie Freunde werden würden, so waren sie doch etwas wie widerwillige Verbündete geworden. Er hatte seine Magie mit dem jungen Mann geteilt und beide teilten sie Hermine als eine gemeinsame Verbindung zwischen ihnen.
An diesem Tag, Hermines erstem im St. Mungos, hatte sich so etwas wie ein Waffenstillstand zwischen ihnen gebildet. Er und Potter würden nie mehr Feinde sein.
Bei seinem Eintreffen im St. Mungos hatte er sich geschworen, dass dies das erste und letzte Mal sein würde. Er konnte Krankenhäuser nicht ausstehen und über drei Monate im Krankenflügel zu verbringen hatte ihn an seine Grenzen gebracht. Er würde tun, was er tun müsste und das wäre es dann, ein für allemal.
Die kichernden Helferinnen trugen nicht zur Verbesserung seiner Stimmung bei, auch nicht Nettie Pomfrey, die ihn anstarrte, als sei er ein kaltblütiger Massenmörder.
Er versuchte angestrengt, dass sich seine Emotionen nicht auf seinem Gesicht widerspiegelten, als er Miss Granger zum ersten Mal seit dem finalen Kampf wieder sah - sie sah zerbrechlicher aus als mundgeblasenes Glas; leichter zu zerbrechen als Feenflügel. Er wünschte sich, dass Poppy herausgefunden hätte, wie man ihr die Augen schloss - das Gefühl von ihr angesehen zu werden war sehr unangenehm, wo er doch wusste, dass sie es nicht konnte.
"Nun, Miss Granger. Selbst in diesem untauglichen Zustand bereiten sie mir Schwierigkeiten." Eine lange Schachtel wurde aus seinem Umhang gezogen und vorsichtig neben ihr platziert. Er starrte sie weiterhin finster an, während er darauf wartete, dass Nettie ging, ehe er sie schließlich anfauchte es endlich zu tun.
Er wartete einige Augenblicke, um sicher zu gehen, dass sie nicht zurück kam ehe er die Schachtel öffnete. Sie war voller Wildblumen.
Nach Albus Prüfungen am Tag vorher, war er gegen Poppys Proteste von der Krankenstation gegangen und war direkt nach Holly Meadows appariert, dem Ort der finalen Schlacht. Der Krater in der Mitte des Feldes war der Ort, an dem Voldemort gestorben war. Albus hatte ihm erzählt, dass direkt nach dessen Tod jeder mit einem Dunklen Mal geschmolzen war. Haut und Muskeln hatten sich von den Knochen gelöst, beginnend beim Dunklen Mal und sich dann weiter ausbreitend. Snape war der Einzige der das überlebt hatte.
Vorsichtig hatte er sich seinen Weg über das Feld gebahnt, die fettigen, schwarzen Stellen ansehend, an denen die toten Körper gelegen hatten und hatte sich darüber gefreut, dass er die ersten grünen Triebe von Wildblumen und Grashalmen ausmachen konnte, die sich ihren Weg durch den verbrannten Boden bahnten. Selbst das schwächste Leben konnte überleben, wenn man ihm nur eine kleine Chance gab. Er hatte alle Blumen gesammelt die er finden konnte, sie zu einem kleinen Strauß gefasst und sie mit nach Hogwarts genommen.
Nachdem er die Blumen in einer Vase arrangiert und sie auf dem Nachttisch neben ihr positioniert hatte, erlaubte er es sich sie noch einmal anzusehen, ohne Publikum im Rücken.
Ihr Haar war genauso wie Potter erzählt hatte, extrem kurz. Er erlaubte es sich selbst, seine Finger durch die kurzen Strähnen gleiten zu lassen, überrascht über die Stärke die ihre Haare aufwiesen. Ohne die Fülle ihres Haares wirkten ihr Körper auffallend zerbrechlich und ihre Augen übergroß. Sie waren noch genauso leer wie in seiner Erinnerung.
Er fand sich selbst, wie er sie wieder einmal für ihre Dummheit beschimpfte. Das hier - wie sie hier lag, unfähig zu reden, zu denken oder sonst wie zu kommunizieren - war eine Verschwendung. Sie war nur noch die Hülle des Mädchens, welches sie einmal gewesen war. Ihre leeren Augen erinnerten ihn daran, was Voldemort ihm genommen hatte - dieses lästige Mädchen, welches er angeblich hasste, diesen tüchtigen Geist, den er bewundert hatte, auch wenn er ständig das Gegenteil behauptet hatte.
Er vermisste ihr endloses Gefrage und ihre wedelnde Hand. Er vermisste die Art wie sein Blut zu kochen begann wenn sie ihn nervte, wie sie es immer tat, die Art wie sie ihre Augen zusammenkniff, wenn er sie beleidigte. Sie hatte ihn dazu gebracht andere Dinge zu fühlen außer Angst und Gleichgültigkeit. Sie hatte ihn daran erinnert, dass es noch Dinge gab für die es sich zu kämpfen lohnte und
sie hatte es irgendwie geschafft seine Rolle, die er in diesem Krieg zu spielen hatte, erträglicher zu machen. Er wollte sie zurück.
Er griff sich einen nahe stehenden Stuhl, stellte ihn neben ihr Bett, richtete seine Roben und setzte sich.
"Miss Granger", murmelte er sanft, auch wenn er wusste, dass sie ihn nicht hören konnte. "Sie sind das bei weitem unausstehlichste und dümmste Mädchen, welches ich je kennen gelernt habe."
Eine seiner Hände hob sich, um ihren Kopf zu berühren, die Finger durch die kurzen Strähnen gleiten zu lassen, die sich scheinbar in seine Fingerkuppen eingraben wollten, wenn er ganz geschorene Stellen erreichte.
"Ich dachte, dass sie vielleicht ihre ursprüngliche Haarlänge zurück haben möchten. Sie sehen im Moment eher aus wie ein Löwenjunges und nicht wie die Löwin, für die manche Leute sie halten."
Er murmelte sachte, gab Magie zu seiner Berührung und spürte, wie ihr Haar scheinbar lebendig wurde unter seinen Fingern. Als die Locken wuchsen,wickelten sie sich um seine Finger,als würden sie sich an ihm festhalten, so wie er es sich schon so oft vorgestellt hatte und er fand sich selbst dabei wieder, die Ironie des Ganzen zu verfluchen.
Bedenke wohl, was du dir wünschst. Es könnt in Erfüllung gehen.
Als ihr Haar eine Länge erreicht hatte, die mit seinen Erinnerungen übereinstimmte, zog er ein schmales, grünes Band hervor, löst eine Strähne von ihrem Haar und schnitt sich eine Locke ab, nur für ihn. Mit einem weiteren Zauber brachte er ihr Haar dazu, unempfindlich gegenüber jedem zu sein, der versuchte es abzuschneiden.
Sie sah sehr viel mehr wie sie selbst aus, jetzt wo ihre Haare unkontrolliert über ihre Schultern flossen. Er gestatte es sich noch ein paar wenige Minuten an ihrer Seite zu sitzen, ehe er wieder aufstand. Wie von selbst, tätschelte seine Hand ihren Kopf ein letztes Mal.
"Auch wenn es armselig klingt, ich werde mein Bestes geben um Sie zu retten Miss Granger."
Jetzt, ein Jahr später, war er froh darüber, dass er nicht leichtfertig ein Datum genannt hatte, an welchem das Problem erkannt werden würde. Er war keinen Schritt weiter gekommen seitdem er versuchte einen Gegenfluch für Malfoys Zauber zu finden. Trotz all seiner Recherche hätte er nie gedacht, dass er noch immer mit leeren Händen dastehen würde. Er brauchte sie nicht zu sehen, um mit seinen Nachforschungen weiter zu kommen, es war eher so, dass er sich nicht davon abhalten konnte, sie zu besuchen. Sie war so etwas wie eine Mahnung für ihn - eine Mahnung, dass es tatsächlich einen Menschen gegeben hatte, der wollte, dass er lebte.
Er konnte sie nicht im Stich lassen.
Er wollte auch leben.
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