
von eule20
6.Hermine
Hermine Granger verlor ihren Verstand. Sie wusste das genauso sicher, wie sie ihren eigenen Namen wusste, wie lange das allerdings noch anhielt war fraglich. Egal wie sehr sie auch versuchte einen Halt zu finden, um in der Realität zu bleiben, die jetzt ihr Leben darstellte, es wurde immer schwerer daran festzuhalten.
Manchmal fragte sie sich ob es das Ganze wert war. Zu diesem Zeitpunkt schien es viel einfacher zu sein, sich dem Wahnsinn hinzugeben. Es wäre auf jeden Fall weniger schmerzhaft.
Sie hatte Severus nur einmal in den letzten drei Wochen gesehen. Einmal. Die täglichen Besuche, auf die sie so sehr als ihren Anker zur realen Welt vertraut hatte, waren plötzlich und ohne Grund beendet worden.
In der ersten Woche in der er sie nicht besuchen kam, quälte sie sich mit der Frage ob er tot war. Nettie Pomfrey, ihre Heilerin, hatte einen Unfall in der Schule erwähnt, einen Tag, nach dem er zum ersten Mal nicht zu Besuch gekommen war, doch sie hatte sonst nichts weiter darüber erzählt. Hermine hatte das Schlimmste befürchtet, als er den Rest der Woche nicht aufgetaucht war.
Der Gedanke daran, dass sie ihn verloren haben könnte, war eine Qual. Er war ihr Anker, der einzige der sie weiter leben ließ, der einzige Grund weshalb sie an der realen Welt festhielt. Sie lebte für seine Besuche, hoffte jeden Tag dass dieser Abend einer der wenigen sein würde, in denen er ihr sanft über das Haar strich. Er war so verlässlich wie die Sonne und der Mond. Sie brauchte ihn.
Sie versuchte sich ständig einzureden, dass er zurückkommen würde, sobald er in der Lage dazu war, aber es war schwer diesen Gedanken festzuhalten. Ohne ihn gingen die Tage ineinander über, ohne das sich der eine vom anderen unterschied oder die Eintönigkeit durchbrochen wurde.
In einem Versuch ihrem Schmerz zu entfliehen, der durch seine Abwesenheit verursacht wurde, flüchtete sie sich in ihren Geist, suchte sich Trost in den Erinnerungen und den Räumen, die sie konstruiert hatte. Es waren sorgfältig geschaffene Konstrukte, die sie über Monate hinweg aufgebaut hatte, vertraute Plätze zu denen sie flüchten konnte, wenn Snape oder Nettie nicht bei ihr waren. Sie mochte sie genauso sehr, wie sie sie fürchtete, denn sie war sich sicher, dass das die eigentliche Falle war, die Malfoy mit seinem Fluch angestrebt hatte.
Während der ersten Monate ihrer „Untauglichkeit“ war es schwierig gewesen etwas anderes zu sehen, als das was ihr ihre unbeweglichen Augen von der Welt zeigten. Sie konnte soviel sie wollte in den Tag hineinträumen, ließ ihren Blick nach innen wandern um alte Erinnerungen aufleben zu lassen, oder spielte die einseitigen Konversationen von Snape noch einmal ab.
Schlaf war etwas, von dem sie sich oft nicht bewusst wurde das sie es tat – sie spürte wie ihr Bewusstsein wegdriftete und sie warnte, dass ihr Verstand etwas REM-Schlaf benötigte und wenn sie etwas später aufwachte würden sich die verschwommenen Reste ihrer Träume von ihren Gedanken verflüchtigen, wie zerrissene Spinnenweben.
Doch da sie vorsichtig dem gegenüber war, was ihr virtuelles Gefängnis für sie alles auf Lager hielt, nahm sie sich nicht die Zeit, sich an ihre Träume zu erinnern oder zu viel Zeit in ihrer Fantasie zu verbringen.
Außerdem hatte sie durch Snapes tägliche Besuche und die neuen Ideen die er ihr mitbrachte immer etwas, worüber sie nachdenken konnte. Mehr als alles andere sorgte er dafür, dass ihr Geist stimuliert wurde und gab ihr manchmal den natürlichen physischen Kontakt, nach dem sich ihr Körper sehnte. Selten gingen seine Berührungen über ihr Haar hinaus, ein- oder zweimal war da ein freundliches Tätscheln ihrer Schulter gewesen, aber meistens schien er glücklich damit zu sein, mit seinen Fingern sein Werk zu berühren. Sicherlich hatte sie ihr neues Haar noch nie gesehen, doch sie hatte oft gehört wie es von Madam Pomfrey und den anderen Schwestern bewundert wurde, um zu wissen, dass es gut aussah - wahrscheinlich besser als alles andere, was sie während ihre Schulzeit damit zustande gebracht hatte.
Das erste Mal als sie versucht hatte etwas in ihrem Kopf zu kreieren, war es aus reiner Langeweile geschehen. Sie hatte versucht sich selbst vorzustellen, wie sie mit weißer Kreide ihre Gedanken, zu einem Artikel den Snape ihr am vorigen Abend vorgelesen hatte, auf einer Tafel niederschrieb. Als sie fertig war hatte sie die Tafel in die hinterste Ecke ihres Geistes verbannt und sie hatte sich etwas besser gefühlt, nachdem sie ihre Gedanken aufgeschrieben hatte, auch wenn es nur in ihrer Vorstellung gewesen war.
Ein paar Tage später hatte sie sich die Tafel erneut vorgestellt und sie leer vorgefunden. Sie hatte nicht wirklich erwartet, dass ihr Text noch drauf stand, doch ihre Enttäuschung spornte sie dazu an, erneut darauf zu schreiben und sich das Bild ganz genau einzuprägen. Sie musste es immer und immer wieder wiederholen, doch irgendwann blieb die Schrift auf der Tafel, bis sie in der Lage war die Schrift fortzuwischen und die Tafel neu zu beschreiben und am nächsten Tag erneut darauf zu schauen und genau das vorzufinden, was sie am Tag vorher darauf hinterlassen hatte.
Von da an brachte ihre natürliche Neugier sie dazu herauszufinden, was ihr Kopf noch alles kreieren konnte. Sie nutzte die Tafel als Fixpunkt und langsam, mit einigen Rückschlägen, erschuf sie einen Klassenraum. Sie verbrachte viel Zeit damit ihn Stück für Stück aufzubauen, so dass sie erst viel später bemerkte, wie sehr er dem Zaubertränkeklassenraum glich. Er war weit entfernt von einer genauen Kopie - die Fenster waren größer, vier Schülertische anstelle des guten Dutzends, zwei große gemütliche Sessel auf jeder Seite von Snapes klobigem Schreibtisch und eine große Tafel, die einen Teil der Veränderungen darstellte, die sie vorgenommen hatte.
Der Klassenraum - sein Klassenraum - war der schwerste gewesen, den sie in ihrem Geist nachbilden konnte. Doch seine vorläufige Fertigstellung war eine bereichernde Erfahrung gewesen und zeigte ihr letztendlich, wozu ihre Vorstellungskraft fähig war. Danach wurde es beinahe wie ein Spiel mit Puzzleteilen - sie kreierte die Schulbibliothek, den Gryffindorgemeinschaftsraum, ihr altes Schlafzimmer zu Hause, eine kleinere Version der Großen Halle mit der gleichen verzauberten Decke und eine falsch angepasste Version der Gärten und Gründe von Hogwarts. Lichtdurchflutete Steinkorridore verbanden alle Räume miteinander wenn sie sich zwischen ihnen bewegen wollte und nach einiger Zeit fühlte sie sich sehr wohl in dem Zuhause, welches sie für sich geschaffen hatte.
Dies war nun ihr einziger Hafen. Wenn Snape nicht bei ihr war, verbrachte sie die meiste Zeit in diesen Räumen und Korridoren. Sein Klassenraum war einer ihrer Lieblingsräume; er repräsentierte ihren ersten Erfolg und war ein Platz an dem sie sich mit ihm verbunden fühlte. Der Raum verkörperte all ihre Hoffnungen. Doch als seine Besuche abbrachen, konnte sie nicht in den Raum gehen, ohne einen scharfen Stich von Nostalgie und Traurigkeit zu spüren. Ohne Severus gab es keine Hoffnung mehr.
Wie oft hatte sie sich gefühlt wie das Staubkorn in einem ihre Lieblingskinderbücher, Horton hört ein Staubkorn reden... das gleiche Buch welches auch auf einem Regal in ihrem nachgebauten Schlafzimmer stand. Doch ganz gleich wie laut sie rief, ganz gleich wie oft sie schrie `Ich bin hier, ich bin hier, ich bin hier, ich bin hier` bis ihre Lungen versagten, niemand hörte sie, ihn eingeschlossen.
Würde er niemals zu ihr zurückkehren?
In den ersten Tagen, in denen er nicht aufgetaucht war, war es für sie zu schmerzhaft gewesen, sich im Zaubertränkeklassenzimmer aufzuhalten, so dass sie sich nur zwischen dem Gryffindorgemeinschaftsraum und ihrem Schlafzimmer bewegte und entschlossen war so lange dort zu bleiben , bis er zurückkehrte. Manchmal legte sie sich einfach auf ihr Bett und ließ sich treiben. Ohne sich darauf zu konzentrieren, konnte sie das rhythmische Schlagen ihres Herzen hören, das leise Rauschen ihres Atems und sie fragte sich, wie lange sie noch dazu genötigt werden würde, so zu leben. Würde es noch Jahre brauchen, ehe ihr Körper dem Tod erlag? Sie wusste nicht, was ihr mehr Angst bereitete, ohne ihn zu sterben oder zu leben. Sie vermutete, dass es das Leben ohne ihn war.
Manchmal war das einzige was sie davon abhielt in Tränen auszubrechen, die Erinnerung an seine Besuche herauf zu beschwören, ebenso die Gespräche die er mit ihr geführt hatte. Wenn ihr die Erinnerungen ausgingen, griff sie weiter zurück und durchlebte noch einmal die Zeit, als sie noch gelebt hatte - als er sie beleidigte und zum weinen gebracht hatte. Als er sie angefunkelt und sie dazu gebracht hatte, sich minderwertig und unbeholfen zu fühlen.
Sie hatte ihn nicht leiden können; dachte er wäre grausam und arrogant, abstoßend in Aussehen und Verhalten. Sie wünschte sich, dass sie jetzt dasselbe fühlen könnte - es würde die Dinge so viel einfacher machen.
Sie erlaubte sich, sich auch an andere Dinge zu erinnern. Wie er ihr und ihren Freunden so oft das Leben gerettet hatte, sie vor den Gefahren, die sie umgaben, geschützt hatte. Wie seine käferschwarzen Augen von Intelligenz und erbitterter Einsamkeit sprachen, was sie nie erkannt hatte ehe sie so gefangen war, wie er selbst. Das Gefühl seiner langen, weißen Finger die durch ihr Haar strichen, während er es nachwachsen ließ und die Wärme, die er hinterließ, als er durch ihre Locken strich. Das leise Bedauern in seiner Stimme, als er sie das erste Mal besucht hatte.
"Miss Granger, Sie sind das bei weitem unausstehlichste und dümmste Mädchen, welches ich je kennen gelernt habe."
oOo
Am Ende der ersten Woche, tief versunken in ihre Einsamkeit, fand Hermine heraus, dass sie ihn in ihrem Kopf perfekt nachbilden konnte, die bleiche Haut und der dünne Mund, welcher zu einem beständigen, spöttischen Lächeln verzogen war, das lange, schwarze Haar, das ihm ins Gesicht hing und oftmals alles verdeckte, außer seiner Nase.
„ Bist Du noch am Leben“, hatte sie ihn eines Tages gefragt, „Oder bist Du tot?“
Natürlich ignorierte sie der imaginäre Snape. Sie entschied dann, dass er nicht tot sein konnte, dass er irgendwo da draußen war, verletzt oder nicht in der Lage sie zu besuchen. Wenn sie glauben würde, dass er tot wäre, wäre es als ob sie sich die eigene Niederlage eingestehen würde. Ohne ihn gäbe es niemanden mehr der ihr helfen könnte, der dafür sorgte, dass sie ihren Verstand behielt. Ohne Snape wäre niemand mehr da, der sich um sie sorgte.
„Harry liebt dich“, flüsterte ihr Verstand „Harry braucht dich.“ Sie wusste, dass sie sich selbst belog. Sicherlich, Harry sorgte sich um sie, aber er war nicht stark genug, um sie bedingungslos zu lieben; ganz gleich ob der Fluch sie von ihm fernhielt. Wenn er sie brauchte, würde er sie viel öfter besuchen, als er es tat.
„Snape braucht dich nicht.“
„Das tut er.“
„Er fühlt sich schuldig.“
„Er braucht mich. Er sorgt sich um mich. Er besucht mich.“
„Das tut er nicht.“
„Das tut er.“
„Wo ist er denn jetzt?“
„Er ist krank.“
„Er ist tot.“
„Ist er nicht.“
„Es interessiert ihn nicht.“
„Tut es. Ich mache mir etwas aus ihm.“
„Du bist ein dummes Mädchen. Du kennst ihn nicht.“
„Tue ich doch. Ich kenne ihn. Wir retten uns gegenseitig.“
„Du wirst ihn nie wieder sehen. Du bist gefangen. Du wirst für immer allein sein.“
Sie versuchte die Stimmen in ihrem Kopf zu ignorieren, in den Steinkorridoren vor ihnen wegzulaufen. Ihre Schritte hallten laut an den Wänden wider, doch niemals laut genug, um die Stimmen zu übertönen.
„ Niemanden kümmert es, niemanden kümmert es, niemanden kümmert es.“
„Er hat es mir versprochen.“
„Er hat sein Versprechen gebrochen.“
Manchmal schwiegen die Stimmen und versuchten ihre Schluchzer zu unterdrücken. Sie konnte sie jedoch immer weinen hören.
„Seid ruhig!“, wollte sie brüllen „Seid einfach ruhig und lasst mich in Ruhe! Ihr macht mich wahnsinnig!“
„Es ist kein weiter Weg mehr bis dahin“, würden die Stimmen höhnisch sagen. Manchmal hörten sie sich genauso an wie Snape.
oOo
Eine weitere Woche war vergangen, ehe er zu ihr zurückkehrte. Sie war gerade dabei ein Bad zu nehmen - Nettie hatte etwas über ihr Haar gemurmelt und begonnen es vorsichtig zu waschen. Hermine wurde, durch die leichte Berührung auf ihrem Kopf, widerwillig von ihrem Platz in der Hogwartsbibliothek abgelenkt. Der Zaubertrank den sie versuchte zu brauen, siedete vor sich hin, genauso wie er es sollte, also war es ein guter Zeitpunkt um etwas zu entspannen. Als die Finger an ihren nassen Locken zupften las sie den Artikel weiter, den sie in einer alten Ausgabe der Hexenwoche gefunden hatte: 10 Sichere Zeichen Die Belegen Das Sie Verrückt Sind.
Sie schaute zum kochenden Kessel, der vor ihr auf dem Tisch stand und versuchte nicht an den Ärger zu denken, den sie bekommen würde, wenn Madam Pince auftauchen würde. Mit der Spitze ihrer rosafarbenen Schreibfeder machte sie kleine Häkchen an den passenden Stellen.
„Stimmen hören - angekreuzt, erzähl mir etwas das ich noch nicht weiß... 50 mal gegen den Uhrzeigersinn rühren und vergiss nicht die Hippogreifläuse hinzuzufügen... Am fünfzehnten Mai im Dschungel von Nool, in der Hitze des Tages, in der Kühle des Pools... Mit toten Menschen reden - passt!
Obwohl, ich bin mir nicht sicher ob das zählt. Ich hab früher schon mit dem Fast Kopflosen Nick gesprochen - war ich deshalb verrückt? Blöde Läuse, ich wünschte sie würden einfach still halten und Ruhe geben!... Sich in einen unangemessenen Mann verlieben, der dich nur anlügt und dir das Herz bricht, bei Merlins Eiern! Er war am planschen, genoss den Spaß den ihm der Dschungel bot, Als Horton der Elefant eine leise Stimme hörte.“
Das Geräusch einer zuschlagenden Tür, ließ sie aufspringen, ihr Kessel kippte um und der dickflüssige Trank ergoss sich über die Seite, die sie soeben gelesen hatte. Die Hippgreifläuse liefen quer über den Tisch davon und riefen mit ihren hohen Stimmchen: „50 Punkte Abzug von Gryffindor, 50 Punkte Abzug von Gryffindor!“ Dämliches Ungeziefer. Hermine schaute ihnen missbilligend hinterher, ehe sie den Blick, zum ersten Mal seit Tagen, nach außen richtete und die weißen Wände in ihrem Blickfeld auftauchten, sowie etwas völlig unerwartetes.
Dort war er und starrte sie an, als ob er einen Geist gesehen hatte. Die Hände auf ihrem Kopf hatten nicht innegehalten und es dauerte etliche Sekunden ehe er plötzlich finster drein schaute und sich schnell umdrehte.
Sie hatte innerlich vor Freude aufgeheult- es ging ihm gut! Er war zurückgekommen! In ihren Gedanken tobte es und der Zaubertrank war vergessen, während sie Nettie zur Eile antrieb, damit sie verschwinden konnte, verschwinde, verschwinde!
Sie schrie als ihr Nachthemd über ihren Kopf glitt und ihr die Sicht auf ihn nahm. Sie genoss die sarkastische Stimme, als er Nettie erklärte das er noch atmete und jubelte ihm zu, als er ihr sagte sie solle gehen. Uns als er sich zu ihr umgedreht hatte, an dem Fußende ihres Bettes stehend und sie für einige Momente betrachtete, ehe er sich auf seinen üblichen Platz neben ihrem Bett setzte, fühlte sie wie ihr Herz vor lauter Freude zu platzen schien.
Er war zurückgekommen.
Sie wollte, dass er etwas zu ihr sagte, erzählte wo er gewesen war - was geschehen war, doch die Stimme nach der sie sich so lange gesehnt hatte, blieb stumm. Sie konnte ihn aus ihrem Augenwinkel heraus sehen, wie er sie anschaute, doch er sagte nichts.
Sie bettelte ihn an, „Berühr mich! Sprich mit mir! Versprich mir, dass du mich nie mehr verlässt!“, doch die Worte hallten, von ihm ungehört, in ihrem Kopf wider.
Etwas überrascht registrierte sie, als sein Kopf und sein Oberkörper auf ihre Matratze herab sanken, dass er eingeschlafen war. Sie konnte sein warmes Gewicht neben sich spüren, wie es die Decke fester um ihren Körper spannte. Ein Teil seiner Haare waren auf ihren Arm und auf ihren Bauch gefallen, das seidige Gefühl das von ihnen ausging, schien jede einzelne Nervenfaser die sie besaß zu elektrisieren. Sein Atem war heiß auf ihrer Hüfte, als er durch das Baumwolllaken und ihr Nachthemd wanderte.
Sie wünschte sich das sie ihren Arm bewegen könnte, so dass sie mit ihren Fingern durch sein fettiges Haar, dass sie so sehr vermisst hatte, streichen konnte. Sie wollte ihre Handfläche auf seinen Kopf legen, mit ihren Fingern die Linien in seinem Gesicht nachzeichnen, seine Hitze überall an ihrem Körper zu spüren. Sie wollte sich zu ihm herum drehen, fühlen wie er gegen ihren Magen atmete; sein Kopf unterhalb ihrer Brüste platziert, den Beweis erbringend, dass er noch am Leben war.
Sein Geruch - eine Mischung aus gebrauten Tränken und Sandelholz - fegte über ihren Körper und ließ sie ihre Haut bewusster spüren, als es jemals gewesen war unter seinen Berührungen oder Netties Pflege. Sie stand in Flammen, brannte von innen und hatte sich noch nie lebendiger gefühlt. Sie wiederholte seinen Namen, immer und immer wieder leise schluchzend, „Severus... Severus...“
Und in seinem Schlaf konnte sie hören wie er ihren Namen, einem Dankesgebet gleich, flüsterte, „Hermine“
Und dann war es vorüber. Nettie kam mit einer Tasse Tee zurück und Severus war abrupt aufgewacht, hatte sich von ihrem schmerzenden Körper entfernt und ließ sie mit dem Gefühl zurück, dass ihr etwas gestohlen wurde. Sie wusste nicht was eben geschehen war, sie wusste nicht was vor sich gegangen war. Alles was sie wusste war, dass er gegangen war, ohne einen einzigen Blick in ihre Richtung, nachdem er gesagt hatte er würde nie wieder kommen.
Sie hatte es zuerst nicht geglaubt. Wie hätte sie es auch tun können? Sie versuchte sich einzureden, dass sie etwas falsch verstanden hatte, dass es nur sein garstiges Temperament gewesen war das da gesprochen hatte und nicht der Mann, den es darunter gab und den sie kannte, der Mann der seit über einem Jahr an ihrer Seite war.
Doch er kam nicht zurück und ihre zerbrechlichen Gefühle wandelten sich zum Schlechteren. Sie wusste jetzt, dass er noch lebte, sich aber dazu entschlossen hatte nicht mehr zu ihr zu kommen. Er hatte sie verlassen und sie wusste nicht weshalb.
Schnell gab sie es auf die Zeit zu verfolgen. Nettie sprach mit ihr, so wie sie es immer tat, doch Hermine beachtete sie nicht. Es interessierte sie nicht mehr, was mit ihr geschah. Alles was sie jetzt noch hatte waren ihre Räume und Erinnerungen, bittersüß wie sie waren.
Sie schaffte es nur einmal sich an die Oberfläche zurückzuholen, als Harry ganz unerwartet zu ihr kam. Doch sie hatte keine Freude gefühlt. So sehr sie Harry auch liebte - und sie tat es - er war nicht Snape.
Sie war gerade dabei gewesen wieder in ihr eigenes Hogwarts zurückzukehren, als sie hörte wie er etwas über den `schmierigen Bastard´ sagte. Hektisch holte sie ihren Verstand wieder nach oben und versuchte sich daran zu erinnern was er gesagt hatte.
Harry war bei Albus gewesen, das wusste sie noch. Er hatte Gerüchte gehört, dass Snape ein regelmäßiger Besucher im St. Mungos war und war zum Schulleiter gegangen um zu erfahren, worauf der Professor aus war. Hermine wurde schnell klar, dass obwohl der Krieg vorüber war und der `schmierige Bastard` sein Leben gerettet hatte, der junge Zauberer vor ihr noch immer sehr zwiespältige Gefühle gegenüber dem älteren Zauberer hegte.
„Ich weiß, dass ich das nicht tun sollte, Hermine“, hatte er zugegeben, „doch ich kann nichts dagegen tun. Es ist seine Schuld, dass Du jetzt so bist; es ist seine Schuld, dass ich dich verloren habe. Niemand hätte ihn vermisst, wenn er gestorben wäre, nicht so wie jeder andere dich vermisst. Nicht so sehr wie ich dich vermisse.“
Hermine hatte sich aufsetzen und ihn anschnauzen wollen, dass er endlich erwachsen werden solle, doch sie begnügte sich damit Harry gedanklich anzugiften. Severus hatte aus gutem Grund alles geopfert; Freundschaft, Kameradschaft - er hatte seine Seele verkauft, dafür gesorgt dass die Leute ihn hassten, sich selbst erlaubt gehasst und als Ekel angesehen zu werden, nur damit niemand sah welch gefährliches Spiel er spielte. Hermine machte sich keine Illusionen darüber, welche Dinge er als Todesser und als Spion wahrscheinlich gesehen und getan hatte.
An sich war er kein netter Mann - aber er war ehrenwert. Und als die Tage zu Monaten wurden und er sie weiter besucht hatte, hatte sie realisiert das er extrem loyal war. Er hatte eine Sanftheit an sich, eine leere, schmerzende Einsamkeit die sie gespürt hatte, wenn er sie besucht hatte und sie war wohl die Einzige die das wusste. Sie war sicher, dass wenn irgendjemand gemerkt hätte, dass sie alles mitbekam was um sie herum geschah - wenn er es gemerkt hätte - dass er wesentlich vorsichtiger in ihrer Gegenwart gewesen wäre. Er war, nach allem, noch immer wenig höflich gegenüber Nettie und wenn sie an die Geschichten dachte die er ihr erzählt hatte, war er noch immer genau derselbe Einzelgänger nach dem Krieg, der er schon während des Krieges gewesen war.
Trotzdem hatte sie aus erster Hand miterlebt wie sanft er war; hatte seine selbstironischen Seitenhiebe gehört, war in seine augenscheinliche Zuneigung zu Albus Dumbledore eingeweiht worden. Sie kannte ihn - den wirklichen Severus Snape, nicht die Fassade die er jedem anderen so sorgfältig präsentierte. Zugegeben, er war ein gebrochener Mann. Er gab sein Vertrauen nicht einfach her; geschweige denn seine Freundschaft. Er war ein Mann der von der Welt gebrochen worden war und es geschafft hatte sich selbst, Stück für Stück wieder zusammen zu setzen. Er war ein Überlebender, sein verwurzelter Kern von Anstand war noch intakt. Sie bewundert ihn dafür mehr, als sie sagen konnte.
Sie war froh gewesen, als Harry endlich gegangen war. Er war nicht wirklich gekommen um sie zu besuchen. Er war gekommen um sich besser zu fühlen, weil er sie nicht öfter besuchte. Er war nur des Gefühls der Schuld und der möglichen Scham wegen gekommen. Es plagte ihn, dass ausgerechnet Snape, der Mann dem er bei jeder sich bietenden Gelegenheit misstraut hatte, derjenige war der genug Mut aufbrachte täglich hierher zu kommen um sie zu besuchen. Er nahm es ihm übel, dass Snape für sie da war, weil er selbst es nicht konnte. Harry war zu etwas wie einer kaputten Schallplatte für ihre Ohren geworden: „Ich möchte dich öfter besuchen, aber es tut einfach zu weh. Du bist nicht mehr Hermine, nur noch eine Hülle von dem Mädchen das ich kannte.“
Sie wollte ihm diese Worte wirklich übel nehmen, doch sie wusste, dass sie die Wahrheit waren. Ohne Severus Besuche verlor sie langsam aber sicher ihren Halt zur Realität. Eines Tages würde sie wirklich zu der Hülle der Frau werden, die sie einmal gewesen war.
Nicht lange nach Harys kurzem Besuch, fand sie einen neuen Raum. Er war riesig und voller Bilder. Für ein paar Momente erlaubte sie sich verwirrt darüber zu sein.
„Hey, Hermine!“ Ein Bild von Ron blickte von seinem Zaubererschachspiel zu ihr auf und grinste sie an. „Glaubst Du, dass Harry mich jemals in diesem Spiel schlagen wird?“
Sie hatte versucht bei dem Klang seiner Stimme nicht zu weinen. Sie sehnte sich danach ihn aus seinem Bild zu holen und ihn zu umarmen.
„Warum weinst Du jetzt? Tut dir Harry so leid?“
„Ich vermisse dich, Ron. Ich vermisse dich so sehr!“
„Warum? Ich bin doch hier?“
„Du bist tot, Ron!“
„Das weiß ich doch“, hatte er ihr zugezwinkert, „aber schau es ist gar nicht mal so übel. Sobald ich Harry hier geschlagen habe, komm doch vorbei und spiel mit mir eine Runde Schach. Hey, jetzt wo ich tot bin, meinst du die anderen lassen mich an der Jagd der Kopflosen teilnehmen?“
Hermine hatte sich schnell weggedreht, sie konnte das nicht aushalten.
„Hermine, mein Schatz, wieso besuchst Du uns nicht öfter?“, nörgelte ihre Mutter aus einem anderen Bild heraus. Ihre Arme waren bis zu den Ellenbogen in Seifenwasser getaucht, als ob sie Geschirr spülen würde. „Dein Vater und ich vermissen dich!“
„Mum, ich vermisse euch auch!“ hatte sie gerufen, „Warum habt ihr mich verlassen?“
„Hör auf zu heulen, du unausstehliches Mädchen. Siehst Du nicht das ich versuche Dich zu ignorieren?“, meckerte Professor Snape sie aus einem anderen Portrait heraus an. „Warum musst Du an meinem Leben kleben wie die Pest?“
„Du besuchst mich nicht mehr.“
„Weshalb sollte ich das wollen?“, antwortete er kalt. „Deine Konversation war in der letzten Zeit nicht gerade anregend.“
„Du sagtest Du würdest mich retten!“
„Ich bin zu sehr damit beschäftigt mich selbst zu retten, Miss Granger“, hatte das Bild gezischt. „Jetzt lassen Sie mich in Ruhe.“
Hermine entschloss sich diesen Raum nie wieder zu besuchen.
Stattdessen lief sie umher. „Du wirst irre, Hermine“, sagte sie zu sich selbst. „Das erste Zeichen von Wahnsinn ist Stimmen zu hören.“
„Er wird nicht mehr zu dir zurückkommen.“
„Das ist das wovor ich Angst habe.“
Die Stimmen flüsterten barsch, ehe sie ganz verstummten und im Nichts verschwanden, so dass sie sich noch mehr alleine und isoliert fühlte, als jemals zuvor. Die Wände um sie herum bröckelten, ihre Füße hinterließen Spuren auf dem staubigen Boden. Immer wieder verdrehte sie sich ihre Knöchel, doch sie setzte ihre Suche fort. Sie wusste er war hier irgendwo, doch wo auch immer sie hinging, sie landete in einer weiteren Sackgasse.
Sie hatte nicht darauf geachtet, wohin ihre Füße sie letztendlich getragen hatten, als sie durch die nachtschwarze Tür am Ende des Flures gestolpert war. Der ganze Raum stank nach Fäulnis und Verwesung und dickes, grünes Moos wuchs entlang der Steinwände.
Überall um sie herum waren die Holztische in eine nasse Fäulnis getaucht. Bücher lagen herum teilweise aufgeschlagen, die verblichenen Seiten mit Schimmel überzogen. Sie erkannte diesen Raum. Sie ging um herabgefallene Steine und anderen Unrat herum und bahnte sich ihren Weg zum vorderen Teil des Zaubertränkeklassenzimmers. Sie rollte sich eng auf dem Stuhl hinter seinem Tisch zusammen, der Sitz des anderen Stuhls war nicht mehr als ein Haufen Springfedern. Diese zwei Möbelstücke waren die einzigen Dinge in diesem Raum, die vom Zerfall verschont geblieben waren.
Sie vermisste ihn. Sie konnte sich kaum noch daran erinnern wie seine Stimme klang. Alles was sie in ihrem eigenen Geist hörte, war das Geräusch ihres Weinens und die widerhallenden Geräusche von Leere und Stille.
Hermine wollte sterben.
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