
von eule20
Kapitel 15 Snape
Azkaban war noch immer ein fürchterlicher Ort, auch ohne die Dementoren. Snape zog seine Roben enger um sich, als er durch die unteren Bereiche eskortiert wurde und versuchte das allumfassende Gefühl des Elend zu ignorieren, welches von den Steinen ausgesondert wurde.
Der Wartebereich in den er geführt wurde, war nur schwach erleuchtet und leer, abgesehen von einem stark zerschrammten Tisch und ein paar Stühlen. Snape hatte es als Ironie empfunden, dass Dracos Los dem Hermines so ähnlich war; doch während Hermine in ihrem Geist gefangen war, war Draco dazu verdammt, für den Rest seines Lebens in einer Einzelzelle zu leben, ohne Zugang zur Außenwelt und menschlichem Kontakt.
Der Zauberergamot hatte in seiner Weisheit Draco zu demselben Schicksal verflucht, welches Lucius Hermine angetan hatte. Snape dachte, dass der Tod wohl vielleicht barmherziger gewesen wäre.
In einiger Entfernung konnte er ein stetes Tropfen hören, seine sensible Nase erkannte feuchten Schimmel und stehendes Wasser, seine Ohren empfingen das gelegentliche Stöhnen. Soweit es ihm möglich war, war es schwer zu glauben, dass der elegante, gefährliche und junge Draco, ein Junge den er seit seiner Geburt kannte, an einem Ort wie diesem lebte. Lucius, die Götter sollten ihn verrotten lassen, rotierte wahrscheinlich in seinem Grab.
„Seit wann sind mir Besucher gestattet?“, konnte er Draco jetzt murmeln hören, der den Korridor entlang geführt wurde, seine Schritte und die seines sehr großen Wächters hallten laut wider. „Man sagte mir, keine Besucher - für immer! Denken sie, dass es jemand ist, der meine Biographie schreiben will? Ich werde es niemanden erlauben aus meiner Gefangenschaft Profit zu schlagen, hören sie?“
Snape stand auf, seine Finger griffen fest nach dem Tisch und er wartete darauf, dass Draco eintreten würde.
Der Junge sah aus wie immer, abgesehen von seiner Kleidung. Sein platinblondes Haar war etwas länger, aber es war noch immer hoch an seiner Stirn angesetzt, um seine aristokratischen Züge zu betonen. Seine Lippen zierte das gewohnt herablassende Hohngrinsen und die Augen waren noch immer eisig blau. Es war offensichtlich, dass er sich so elegant wie möglich halten wollte - seine Fingernägel waren kurz geschnitten und tadellos sauber. Er trug seine graue Gefängnisuniform, als wäre sie die neueste und beste Mode.
Draco sah ihn einen Moment lang still an, hob eine Augenbraue und verzog seine Lippen zu dem Grinsen, welches Lucius schon zu eigen gewesen war. „Professor Snape. Ich wünschte ich könnte sagen, dass ich überrascht bin, dass sie noch am Leben sind, aber unglücklicherweise wäre das eine Lüge. Schlechte Neuigkeiten haben die Tendenz sich zu verbreiten, selbst durch Wände die so dick sind wie diese.“
„Wie geht es dir, Draco?“, fragte Snape höflich und setzte sich selbst wieder auf den zerkratzten Stuhl, nachdem der jüngere Mann Platz genommen hatte.
Malfoy winkte ab, „Die Unterkünfte entsprechen nicht ganz meinem Standard, aber die Wärter schaffen es normalerweise den Pöbel fernzuhalten. Wieso bist du hier? Ich weiß, es geschieht nicht aus Besorgnis von meinem ach so tollen Patenonkel.“
Das letzte Wort hatte er förmlich ausgespuckt. Snape seufzte und lehnte sich vor. „Ich hätte dir geholfen, wenn ich gekonnt hätte Draco. Unglücklicherweise hatte dein Vater sehr viel mehr Einfluss auf dich, als ich jemals hatte. Es tut mir leid, dass du hier bist, aber ich war froh als ich hörte, dass du den Finalen Kampf überlebt hast.“
„Du bist ein Verräter.“
„Es kommt darauf an, zu wem du sprichst.“
Die zwei Männer saßen sich für eine Weile still gegenüber, bis Draco die Stille durchbrach. „Mein Vater hat dir vertraut. Ich habe dir vertraut! Wie konntest du...“
„Dein Vater hat mir nicht vertraut. Er hat mich gerade so toleriert und das Gefühl basierte auf Gegenseitigkeit, wie ich dir versichern kann. Was hattest du von mir erwartet zu tun? Dir sagen, dass ich ein Doppelspion war, der für Dumbledore gearbeitet hat? Du wärst doch sofort zu deinem Papi gerannt und ich wäre tot gewesen, ehe der Tag geendet hätte.“
Draco verzog darauf das Gesicht, „Vielleicht hätte ich das getan, doch du wirst es nie wirklich wissen, oder? Ich hätte dich überraschen können.“
Snape nickte dazu, ehe er antwortete, „Das hättest du, doch es war eine Möglichkeit die ich nicht ergreifen konnte. Tut mir leid, Draco.“
Der jüngere Mann schnaubte, „Weißt du wie es ist, hier eingesperrt zu sein? Niemanden mit dem man reden kann; nichts zu tun. Die wollen mir noch nicht einmal was zu lesen geben. Nachts ächzen die Wände. Ständig tropft Wasser irgendwo herunter...horch...“, seine Stimme wurde leiser, sein Kopf fiel auf eine Seite und Snape konnte erneut das hallende Tropfen hören, welches er vorher schon wahrgenommen hatte. Draco starrt ihn an. „Das Tropfen ist nachts noch lauter. Es hört nie auf - nie. Ich habe seit zwei Jahren kein Sonnenlicht mehr gesehen. Die Luft schmeckt muffig und wenn ich mich beschwere, ignorieren die Wärter mich oder lachen mich aus. Ich wünschte, ich hätte das Dunkle Mal angenommen, dann wäre ich jetzt tot anstatt in diesem Höllenloch gefangen zu sein, das mir den Verstand raubt.“
„Draco, ich...“, begann Snape, doch er wurde schnell unterbrochen.
„Lass es, Snape. Ich weiß, warum du hier bist.“ Die Augen des jüngeren Mannes schimmerten kräftig in dem flackernden Licht der Kerzenflamme, als er grinste. „Du möchtest etwas über Vaters Fluch erfahren.“
Snape sagte nichts.
Draco begann zu lachen, „Ich kann dir nicht helfen. Ich weiß nicht, was er getan hat.“
„Aber du weißt davon.“
„Natürlich weiß ich davon! Glaubst du wirklich, dass mein Vater - Lucius Malfoy - je eine Gelegenheit ausgelassen hatte, seine eigene Brillanz zur Schau zu stellen?“, Dracos Tonfall war spöttisch, sein Gelächter verebbte in ein leichtes kichern. Seine Augen glänzten jetzt wild. „Du hast Recht - er hat dich gehasst. Er hatte begonnen diesen Fluch zu entwickeln, noch bevor er wusste, dass du ein Verräter bist. Er wollte dich damit treffen und dann behaupten, irgendein Auror hätte dich aus dem Weg geräumt. Er wollte dich von der Bildfläche haben.“
„Und stattdessen traf er Hermine.“
„Oh-ho! Hermine ist es? Her – miee - näää...“ Die Stimme des jungen Mannes zog den Namen in einen höhnischen Sing-Sang. „Dämliche Schlammblutschlampe. Immerhin hat Lucius die Welt von ihr befreit.“
„Sie ist nicht weg, Draco. Sie ist lediglich in ihrem Geist gefangen. Ich habe mit ihr gesprochen.“
Draco grinste, „Bist du dir sicher, oder hast du zu guter Letzt deinen Verstand verloren, Severus?“
Snape zuckte mit den Schultern, „Ich bin mir sicher.“ Er sah den Jungen abschätzend an. „Ich hatte gehofft, dass du mir erzählen könntest, was du über den Fluch weißt.“
„Ich weiß, dass du sie nie befreien kannst, wenn es das ist woran du denkst. Er ist unbrechbar.“
„Aber er wurde nicht für sie gemacht, er wurde für mich entwickelt.“
„Wenn ich du wäre, würde ich mir das im Hinterkopf behalten“, Dracos Stimme war gleichzeitig schadenfroh, bösartig und wankelmütig. „Mein Vater war ein brillanter Mann.“
„Dein Vater war ein Psychopath voller Illusionen.“
Draco feixte, „Sag ich doch. So, Severus... erzähl mir von Hermine... prickelt deine Haut wenn du sie berührst?“
Snape antwortete nicht, aber er versteifte sich und zog die Augenbrauen grübelnd zusammen, als der jüngere Mann wieder zu Kichern begann. „Es ist in ihr, weißt du. Und es ist hungrig, Severus... so hungrig.“
Der junge Mann sagte nichts mehr, bis der Wächter zu verstehen gab, dass es an der Zeit wäre zu seiner Zelle zurück zu kehren. Als er auf seine Füße gezogen wurde, fixierten seine Augen Snape, sein Blick war plötzlich traurig und verzweifelt. „Ich wünschte du hättest mir einen Trank mitgebracht, so dass ich mich umbringen könnte. Ich möchte nicht mehr alleine sein.“
„Draco...“, begann Snape, doch er konnte nicht weiter sprechen. Der große, junge Mann der zu seiner Zelle gezerrt wurde, war nicht mehr der kleine Junge den er retten wollte. Er hatte sich in seinen Vater verwandelt.
„Zum Schluss wirst du es einsehen, Severus... Du wirst schon sehen. Mein Vater hat schon gewonnen!“
~~
Als er wieder an der Küste stand, von der sich Azkaban durch einen Nebelschleier weit entfernt erhob, im Dämmerlicht und umgeben von Anti- Muggel- Zaubern, bemerkte Severus, dass er nicht nach Hogwarts zurück wollte. Albus würde dort warten, um hilfreiche Informationen aus diesem Treffen zu erfahren, doch das Erlebnis war noch zu frisch, als das er es jetzt schon hätte weiter erzählen können.
Er musste nachdenken. Draco war hilfreicher gewesen, als er selbst wohl annehmen mochte.
Sich nur halb dessen bewusst, schnappte sich Snape einen Ort aus seiner Erinnerung, apparierte weg von der nebligen Küste und tauchte in der Mitte eines Panoramas wieder auf, welches in gelbes Sonnenlicht gebadet wurde. Er war nicht überrascht, dass er sich auf dem Feld wieder fand, auf dem die Finale Schlacht entbrannt war. Er war nicht mehr hier gewesen, seit er vor seinem ersten Besuch im St. Mungos hier ein paar Blumen für Hermine gepflückt hatte. Es fühlte sich seltsam an wieder hier zu sein, als ob alle losen Enden des Kreises sich um sich selbst schlingen wollten, um ein unabwendbares Ende der letzten beiden Jahre zu erschaffen.
Das Feld war nichts im Vergleich zu dem, was es einen Monat nach dem Kampf gewesen war, wo es noch vernarbt und pockennarbig anzusehen war, durch von Flüchen verbrannte Gräben und schwarzen Pfützen, wo Todesser einmal gelegen hatten. Jetzt war es überfüllt mit wilden Blumen und kniehohen Gräsern und der Duft von Erde und erneuertem Leben hing schwer in der Luft. Sich in die großen, grünen Halme kniend, schloss Severus seine Augen und erlaubte es sich, sich wirklich an diesen Tag zu erinnern.
Das Brüllen und Schreien war grausam gewesen - das war wirklich einfach sich in Erinnerung zu rufen. Die Körper von Schülern, Todessern und Auroren übersäten das Feld um ihn herum. Im Tode waren sie alle leere Gefäße, die dasselbe Schicksal ereilt hatte, ganz gleich wem sie angehörten. Die Luft roch nach verbranntem Fleisch und Blut und der Geschmack der Magie in seiner Kehle war übelkeiterregend. So viel Hass, so viele Flüche, so viel Magie die sich um bittere Emotionen und böswillige Absichten geschlungen hatte. Die Luft um das Schlachtfeld pulsierte fast schmerzhaft mit jedem Fluch der gesprochen wurde.
Er hatte sich konstant in der Menschenmenge fortbewegt, seine schwarzen Roben wehten, seine silberne Maske schon abgelegt und nur darauf bedacht, an Potters Seite zu gelangen. Keiner der anderen Todesser, nicht einmal Voldemort, hatte bemerkt, dass er nicht an ihrer Seite kämpfte - dass er schon vor langer Zeit erkannt hatte, dass er lieber für das Licht sterben würde, als für den Rest seines miserablen Lebens vor einem geistesgestörten Irren zu buckeln, der sich zum Ziel gemacht hatte die Welt zu zerstören. Es war keine Reue in ihm gewesen, als er sich dazu entschlossen hatte seine Magie dem nervtötenden Teenager zu geben, nur die Selbstbefriedigung über das Wissen, dass er hier sterben würde und all seine Schuld abbezahlt hatte.
Er konnte sich deutlich an Lucius Stimme erinnern, leidenschaftlich und kalt, als er erkannte, dass Snape sie betrogen hatte. Da war die heiße Freisetzung seiner Magie in Potter hinein - der junge Mann absorbierte sie so schnell, dass Severus sie kaum kontrollieren konnte. Seine momentane Angst zu einem Squib degradiert zu werden, wenn das weiter so ging, wurde von der bedrängenden Eile ersetzt, dass Potter alles aufnehmen musste, ehe Lucius ihn erreichte und die Verbindung unterbrach. Und dann hatte er Hermine gesehen.
Sie hatte sich ihren Weg zu ihm hindurch gekämpft, als seine Magie ihn verließ, ihr Haar wild während ihre Augen förmlich glühten, angesichts der unglaublichen Menge an Magie, die durch ihren Willen gebündelt wurde. Sie war eine wunderschöne Version einer rachsüchtigen Seele und er konnte sich diese Beobachtung nun ganz frei eingestehen. Unter ihrem Ziel fielen zwei Todesser, ehe sie plötzlich vor ihm stand, sich selbst zwischen ihn und Lucius warf, um den Großteil des Fluches abzufangen. Sie war dann in seine Arme gefallen, Malfoys wutentbrannter Schrei erreichte sie, während die letzten Spuren seiner Magie ihn verließen. Er erinnerte sich an die wenigen silbrig-grauen Stränge, die sich um sie geschlungen hatten, dünner als Spinnweben und wie sie seine Haut gestreift hatten, ihn in eine Kälte hüllten die bis auf die Knochen reichte, Worte hallten in seinem Kopf wider, als sie seine Haut berührten - ´Er ist es, er ist es, er ist es, er ist es...´
Der Magiefluss zwischen ihm und Harry flackerte und verebbte, aber nicht bevor ein eisiger Hauch seinen Stabarm verlassen hatte und über das letzte Fädchen der geteilten Kräfte sprang, ehe die Verbindung ganz abbrach.
Er erinnerte sich an ihre Augen, leer und schlammfarben, gänzlich ohne den Glanz, der noch kurz zuvor darin zu sehen gewesen war. Sie hatten ihn blank reflektiert, agierten als Spiegel für seine eigene leere Zukunft. Er hatte in sie hinein sinken wollen, sie riefen ihn, drängten ihn sich in der schwachen Glut zu ertränken und alles enden zu lassen. Doch über das Schlachtfeld hinweg schrie jemand, brüllte Worte der Macht und Potters letzter Akt, nachdem er seinen letzten Freund hatte fallen sehen, trug all die Sehnsucht derjenigen die sich wünschten den Dunklen Lord tot zu sehen.
Die Schockwelle war gewaltig gewesen, nahm Severus und Hermine auf und trug sie Stück für Stück weg vom Zentrum der Explosion. Seine Arme waren irgendwie um sie herum geblieben, trugen sie mit sich und um ihn herum schrieen Todesser ihre eigene Totenklage, als sie starben wie die Fliegen, ihre Worte hallten qualvoll über das Schlachtfeld. Da war ein höllischer Schmerz gewesen, der sich wie ein wildes Feuer durch seinen Körper ausbreitete. Er zwang ihn Hermine loszulassen und seine Kehle ließ wie bei allen anderen seine Qual ertönen. Er spürte jede Sekunde, jeder Nerv brannte erst, bevor er abstarb, jeder Flecken Haut war zu einer geschmolzenen, gelatineartigen Masse reduziert worden, ehe sie sich von seinen Knochen löste.
Der Schmerz war unerträglich, schlimmer als der Cruciatus und währenddessen waren ihre Augen immer auf ihn gerichtet. Er hatte die Überreste von Malfoys Fluch in ihr gespürt - in ihm - und sein Körper schien an den Stellen an dem sie ihn berührt hatten kälter zu werden auch wenn sein Fleisch von seinen Knochen gebrannt wurde. Da war eine schreiende Stimme in seinem Kopf gewesen, ´Holt ihn, holt ihn, holt ihn...´
Durch die Tränen in seinen Augenwinkeln blinzelnd, kehrte Snape aus seinen schmerzhaften Erinnerungen zurück. Seine Beine zitterten als er sich aufrichtete, die trockenen Halme strichen an seinen Waden entlang und zogen an den enden seiner Roben. Das Letzte, an das er sich wirklich erinnerte, ehe er ohnmächtig geworden war, war sie; das überwältigende Bedürfnis Hermine in Sicherheit zu bringen. Diese Gedanken hatten den Schmerz und die Angst verdrängt und er wurde von dem Wunsch verzehrt, sie auf irgendeinem Weg zu retten - sie zu retten, wie sie ihn gerettet hatte. Ohne es wirklich zu realisieren, aber es jetzt genau wissend, hatte er sich auf ihren leeren Blick konzentriert und hatte irgendwie den letzten Rest Magie den er besaß aus sich herausgeholt und sie fort geschickt. Zu einem Platz, der wie es schien, die alte Zufluchtsstätte von Calanais zu sein schien.
~~
Als Snape in Hogwarts eintraf, war er überrascht, dass dort jemand auf ihn wartete. Direkt hinter dem Haupteingang, im Foyer stehend, schenkte Minerva ihm ein kleines Lächeln, als er an der großen Eichentür vorbei ging.
„Hallo Severus. Liefen die Dinge gut?“
„So gut, wie zu erwarten war“, antwortete er, seinen Worten fehlte die übliche Bissigkeit. Der Besuch in Holly Meadows hatte ihn ausgelaugt und er war nicht in der Stimmung mit den Worten zu hantieren, wenn er zu spät für ein Treffen mit dem Schulleiter war.
Er begann Richtung Dumbledores Büro zu gehen, war aber überrascht als sich McGonagall neben ihn gesellte. „Ist es in Ordnung, wenn ich mit dir gehe?“
„Wenn du es so willst.“
Nach ein paar Sekunden sprach sie erneut. „Severus... Ich weiß, ich habe dir nicht die Unterstützung gegeben, die du bei deiner Suche nach einer Heilung für Hermine hättest von mir bekommen sollen, aber...“
Snape unterbrach sie, „Ich weiß, ich weiß - sie war immer deine Lieblingsschülerin gewesen und du warst über meine Absichten besorgt.“ Seine Stimme war überraschenderweise nicht bitter, als er das sagte. Minerva seufzte.
„Es ist nicht das, Severus. Natürlich sorge ich mich um sie - aber ich sorge mich auch um dich. Ich möchte nicht sehen, wie du von etwas eingeholt wirst, von dem wir alle dachten es sei unheilbar. Ich gebe zu, als du uns das erste Mal erzählt hast, dass du mit ihr kommuniziert hättest, war ich - wir alle waren - skeptisch. Nicht, weil du jemals unehrlich zu uns gewesen bist, aber die Vorstellung war einfach zu unglaublich. Ich habe immer gedacht, dass dein Versuch Hermine zu helfen, ein Weg für dich war, um dich selbst zu rehabilitieren und ich hielt es für überflüssig. Du hast mir nichts zu beweisen; in diesem Fall, keinem von uns.“
„Das ist schön zu hören, aber warum erzählst du mir das jetzt, Minerva?“ Snape war wirklich neugierig. Ihre Worte hatten ihn etwas verärgert, aber seine übliche bissige Reaktion auf solche Gefühle war gut vergraben unter der verborgenen Zuneigung, die er schon immer gegenüber der älteren Frau gehegt hatte.
„Keiner von uns hat dich fair behandelt, Severus. Ich glaube, dass du derjenige von uns allen bist, der das meiste erleiden musste, selbst mehr als Harry, während unserem Kampf gegen Voldemort. Es ist schwer zwanzig oder mehr Jahre bestehend aus Aktion und Reaktion zu durchbrechen... Während Voldemort noch lebte - selbst als wir annahmen er lebe noch und wir es nicht beweisen konnten - musste ich dir mit Misstrauen und Spott gegenüber treten, um keinen Alarm auszulösen. Du konntest nicht anders handeln, als du es getan hattest, gegenüber den Schülern und uns, die wir deine Loyalität ständig in Frage gestellt haben. Ich denke, nach zwanzig Jahren ist es einfach zur Gewohnheit geworden, dich auf eine bestimmte Art und Weise zu behandeln. Ich möchte mich dafür entschuldigen - dafür dass wir dir das Gefühl gegeben haben dich nicht zu schätzen. Dafür dass wir es nicht geschafft haben zu bemerken, dass der Krieg endlich und wahrhaftig vorbei ist und wir nicht länger so tun müssen, als ob wir dir misstrauen, um den äußeren Schein zu wahren. Und ich bin froh, dass du scheinbar jemanden gefunden hast, den du zu lieben scheinst.“
Snape zog eine Grimasse, „Selbst wenn es deine im Koma liegende Lieblings-Gryffindor ist? Nicht das ich damit irgendetwas zugebe.“
„Besonders wenn es sie ist“, erwiderte Minerva, „Sie ist die einzige die ich kenne, die auf der geistigen Ebene mit dir mithalten kann.“ Sie blieb stehen und legte ihm eine Hand auf den Arm, forderte ihn damit auf, selbst stehen zu bleiben. Er sah auf die knochige Hand, leicht faltig und mit beginnenden Sonnenflecken und erkannte, dass Minerva alt wurde. „Versprich mir nur, Severus, dass du nicht so tief in dem Versuch sie zu retten versinkst, dass du den Blick darauf verlierst wer du bist - und was du vielen Leuten bedeutest. Ich möchte Hermine zurück - und wie ich das will - aber ich möchte dich dabei nicht verlieren.“
Ihre ernsten Worte sorgten dafür, dass er sich unbehaglich bewegte. Er war darauf nicht vorbereitet gewesen, ausgerechnet heute - er glaubte nicht, dass er mit ihrer ernsten Aussage über Sorge und Anteilnahme umgehen konnte, noch mit der offensichtlich von Herzen kommenden Entschuldigung.
„Versprich es mir, Severus.“
„Ich kann nicht, Minerva“, antwortete er schließlich. „Ich tue alles was ich tun muss um Hermine zu befreien. Ich habe es ihr zuerst versprochen.“
Die ältere Frau verzog das Gesicht und war dabei etwas zu sagen, als Hooch und Trelawney um die Ecke des Korridors kamen, eine Gruppe von Schülern war mit dabei. Als Hooch ihn sah, begannen ihre Augen zu leuchten.
„Sybil!“, sagte sie in einer hellen, viel zu lauten Stimme. „Sag mir, hat Severus heute Morgen schon Miss Granger gesehen? Wie sieht seine Aura aus?“
Snape versteifte sich und erdolchte die aufgeblasene Frau mit seinen Blicken, während Trelawney wohlweißlich nicht antwortete. Mit einem steifen Nicken an Minerva drehte er sich auf dem Absatz um, lief an den beiden vorbei und spürte, wie seine Verärgerung stieg, als die älteren Schüler, die mit bei ihnen standen, hinter vorgehaltenen Händen kicherten.
Hinter sich konnte er hören wie Minerva in ihrer eisigsten Tonlage mit Hooch sprach, „Xiomara, war das wirklich nötig?“ Zu der Zeit in der Hooch antwortete - falls sie es tat - war er schon außer Hörweite.
Es war schon schlimm genug, dass seine Kollegen meinten über ihn lachen zu können und hinter seinem Rücken über ihn reden mussten, aber ihre Kommentare in Gegenwart von Schüler abzulassen war absolut unentschuldbar. Er konnte die Wut spüren, die den ganzen Tag nicht da gewesen war, begraben unter untypischer Traurigkeit und Reue, und sich jetzt brennend wieder in den Vordergrund rückte. Zu dem Zeitpunkt als er noch zwei Korridore von Albus Büro entfernt war, suchte seine redliche Verärgerung einen angemessenen Weg nach draußen um sich auszudrücken. Dann hörte er seinen Namen und stoppte, glitt in die Schatten die ihn verbergen konnten, als eine Schar giggelnder, junger Schüler genau zwanzig Schritte von ihm entfernt stehen blieben.
„Ich meine es ernst!“ protestierte ein Mädchen - Ravanna Hickles, Hufflepuff, drittes Jahr - laut. „Mein Cousin sagt es war offensichtlich, dass er sie schon geliebt hat, als sie noch eine Schülerin war.“
„Niemals“, das war Alicia Bones, Bertie Bones kleine Schwester. „Snape hat noch nie jemanden geliebt. Das liegt jenseits von ihm - er hat kein Herz.“
„Jeder hat ein Herz“, spottete ein drittes Mädchen, „Selbst diese schwarze Fledermaus. Ich denke es ist irgendwie süß.“
„Es ist wirklich romantisch“, stimmte Ravanna zu und seufzte. „Es ist eine Tragödie, dass das einzige Mädchen das er je geliebt hat, ihm weggenommen wurde und er jetzt den Rest seines Lebens an ihrem Krankenbett sitzen wird, sich nach ihr sehnt... Ich meine er ist ein Held - er verdient etwas Glück!“
„Er ist ein Bastard“, das war Merry Parkinson. „Und ich finde es ist widerlich - er ist doppelt so alt wie sie. Der Gedanke daran was er mit ihr anstellen könnte, wenn sie unten in ihren Räumen weggesperrt ist, macht mich krank.“
Ravanna rollte mit den Augen. „Du machst mich krank“, erwiderte sie, „Du denkst immer nur das Schlimmste. Ich finde es ist sehr romantisch - er ist wie Darcy.“
„Wer?“, fragte das unbekannte Mädchen.
„Aus Stolz und Vorurteil; Muggelkunde? Wirklich, Eugenia, du solltest im Unterricht besser aufpassen!“, schalt Ravanna, ehe sie sich ihren Freunden wieder zuwandte und seufzte. „Ehrlich, ich glaube er trägt so viel schwarz, weil er trauert...“
„Er hat schon immer schwarz getragen“, stichelte Merry, ihre Wangen waren vor Ärger leicht gerötet. „Und wenn er sich so verhält, wenn er in jemanden verliebt ist, dann möchte ich nicht wissen, wie es ist, wenn er schlechte Laune hat.“
„Aber das werden sie“, zischte Snape aus seinem Schatten heraus, ehe er hervortrat und jedes Mädchen mit seinem Blick festpinnte. „Ihr unerträglichen, dummen Gören! Schlimm genug, dass ich sie und ihresgleichen jeden Tag unterrichten muss und dabei gewährleisten muss, dass sich niemand selbst oder andere Schüler oder - noch schlimmer, mich - in Stücke zerfetzt! Aber hier zu stehen und ihrem bösartigen Getratsche und widerlichen Anspielungen zuzuhören“, er fauchte den letzten Teil, seine Stimme zischte noch mehr als die einer Schlange, „ist etwas Was. Ich. Nicht. Tun. Möchte! Fünfzig Punkte Abzug für jeden von ihnen und Strafarbeit mit Filch, einen Monat lang, Beginn heute Abend! Habe ich mich klar ausgedrückt?“
Die Mädchen zitterten und ihre Gesichter hatten sich vor Demütigung rot gefärbt. „Ja, Professor Snape, Sir“, murmelten sie leise. Ravanna beugte sich etwas vor, „Es tut uns leid, Sir.“
„Nicht so leid wie es euch tun wird, wenn ihr nicht endlich aus meiner Sicht verschwindet!“, brüllte er. Der Anblick von ihnen, wie sie den Korridor so schnell sie konnten herunter rannten, gepaart mit seinem befreienden Ausbruch, half dabei seine Stimmung etwas zu verbessern. Dunkel grinsend ging er weiter zu Dumbledores Büro.
Unerträgliche, melodramatische, hormongesteuerte Scharlatane! Wie konnten sie es wagen ihn mit einer romantischen Figur aus einem Muggelroman zu vergleichen - Hermine war die einzige der das erlaubt war und auch nur deshalb, weil sie sich das Recht dazu verdient hatte. Sie kannte ihn auf eine Art und Weise, wie diese einfältigen Idioten es nicht taten und nie würden. Er musste daran denken ihr von dem Gespräch zu erzählen, welchem er gelauscht hatte und die Reaktionen der Mädchen, als er aus dem Schatten getreten war und sie alle überraschte. Hermine würde es fürchterlich amüsant finden, da war er sich sicher und da keine von diesen irritierenden Weibern aus Gryffindor war, konnte sie ihm noch nicht einmal vorwerfen ihnen so viele Punkte abgezogen zu haben. Sein plötzliches Grinsen verbergend bemerkte er, dass er Dumbledores Büro endlich erreicht hatte.
Darauf basierend, wie sein Tag bisher verlaufen war, hätte er nicht überrascht sein sollen, dass Albus nicht alleine war. Potter war auch da und der junge Mann sah nicht gerade glücklich darüber aus ihn zu sehen.
„Ich bin zurück, Albus“, grüßte Snape und kümmerte sich nicht darum Potter mit einzubeziehen. „Wie auch immer, wenn das ein schlechter Zeitpunkt ist, ich wäre mehr als glücklich später noch einmal vorbei zu schauen.“
Dumbledore lächelte ihn freundlich an, „Nicht doch, nicht doch, Severus. Setz dich. Kaubonbon?“
„Danke, nein. Du weißt ich verabscheue Süßigkeiten.“
„Und ich sage dir immer wieder, dass ein regelmäßiger Konsum dieser gezuckerten Delikatessen dein Gemüt versüßen könnte!“, antwortete Albus fröhlich.
Potter schnaubte und Snape drehte sich schlussendlich zu ihm um, um ihm Aufmerksamkeit zu geben, eine Augenbraue erhoben und ein hämisches Grinsen im Gesicht. „Planen Sie in der nächsten Zeit zu gehen? Ich habe etwas mit Albus zu besprechen und Sie sind definitiv nicht dazu eingeladen daran teilzunehmen.“
Potter starrte ihn an. „Ich habe alles über Ihre Aura gehört, Snape. Sie sind glücklich, nicht wahr? Voller Leidenschaft und sexueller Energie, oder?“ Der Junge spuckte die letzten Worte aus, seine Stimme war heiser vor Wut. „Was zum Teufel treiben Sie mit Hermine?“
„Präzise!“, erwiderte Snape kalt. „Ich war von der Nekrophilie schon immer angetan, Potter und es macht die Sache noch erregender, einen Beobachter wie Nettie Pomfrey mit im Raum zu haben, während ich mich an Hermine austobe.“ Er grinste angesichts der beschämten Röte in dem Gesicht des jungen Mannes, ehe er sich in seinen Stuhl setzte und seine Ärmel richtete.
„Ich versichere Ihnen Potter - auch wenn ich nicht wüsste weshalb ich das tun sollte - das mir einzig Hermines Interessen am Herzen liegen. Es ist erforderlich, dass eine Heilung für den Fluch gefunden wird und ich habe das vor. Ohne Rücksicht auf das was Sie für mich empfinden, oder was ich für Sie empfinde, ich denke wir können beide darin übereinstimmen, dass Hermines Rettung die größte Wichtigkeit für uns besitzt. Ich kann meine Zeit nicht damit verschwenden, Ihnen glaubhaft zu machen, dass ich nicht irgendwelche Absichten mit ihr hege. Sie können glauben was sie wollen, mit wenig Blick auf alles andere. Nun, wenn Sie noch weitere Fragen bezüglich meiner Besuche bei Hermine haben, denke ich, Sie sollten Nettie Pomfrey dazu befragen und mich in Ruhe lassen.“
Der jüngere Mann antwortete nicht, sein Mund war störrisch zusammengepresst, als er sich zu Dumbledore wandte. „Sie denken über das nach was wir besprochen haben?“
„Dazu gibt es keinen Grund, Harry“, antwortete der alte Mann freundlich, „Überhaupt keinen Grund.“
„Gut dann. Ich denke ich werde gehen und Nettie suchen.“
„Versuchen Sie einen Augenblick mit Hermine zu sprechen, wenn sie dort sind, Potter.“ Snape war überlegt sarkastisch, als Harry aufstand und zur Tür ging. „Sie sagt, Sie würden nicht mehr mit ihr reden und Ihr Dackelblick sowie Ihre jammernden Seufzer würden sie deprimieren.“
Er grinste als die Tür zuknallte, ehe er sich dem älteren Zauberer zuwandte. „Nun, Albus anstatt mir eine Tasse Tee anzubieten, wie wäre es stattdessen mit einem Glas Old Odgens? Es war ein wirklich anstrengender Tag heute.“
Wenn Du Lob, Anmerkungen, Kritik etc. über dieses Kapitel loswerden möchtest, kannst Du einen Kommentar verfassen.
Zurück zur Übersicht - Weiter zum nächsten Kapitel