
von eule20
Kapitel 12: Nettie
So sehr ich meine Schwester auch liebe, ich hasse es mit ihr in einem Gebäude leben zu müssen, auch wenn dieses Gebäude so groß wie das Hogwartsschloss ist. Wisst ihr, Poppy ist die älteste Schwester und ich das Nesthäkchen der Famile. Wir haben noch zwei Schwestern dazwischen - Marigold und Petunia - aber Poppy behandelt keine von beiden als seien sie nicht ganz bei Verstand. Dieses Vergnügen hebt sie voll und ganz für mich auf.
Ich nehme an, dass es zum Teil auch mein Fehler ist. Sie liebt es die Leute herumzukommandieren und ihnen zu sagen was sie machen sollen und ich habe mich im Laufe der Jahre sehr daran gewöhnt, ich denke ich fülle da nur die Rolle der jüngsten Schwester aus. Normalerweise lasse ich mich nicht davon beeindrucken. Ich höre ihr zu und manchmal tue ich das was sie sagt und manchmal eben nicht. Aber ich sage ihr nie, dass sie sich um ihren eigenen Kram kümmern soll, oder nehme ihre Ratschläge an und schiebe sie dorthin wo sie vollkommen unangebracht sind.
Ich wünschte ich hätte es auch dieses Mal getan.
Sicherlich habe ich jahrelang nicht mehr in nächster Nähe zu ihr gewohnt, es bestand also kein Grund dazu. Das, und dass ich keine Konfrontationen mag, ist der Haken. Es begann am selben Tag an dem ich mit Miss Granger in Hogwarts eintraf. Nachdem ich sie in unseren neuen Räumen untergebracht hatte, tauchte Poppy auf, um zu sehen, wie ich mit dem Umzug zurechtkam. In Wirklichkeit war sie aber zum Herumschnüffeln gekommen und hatte auch gleich ein paar ihrer Freundinnen mitgebracht.
Sie hatte mir schon früher Geschichten von ihren Kolleginnen erzählt, doch ich hatte noch nie wirklich eine von ihnen getroffen, mit Ausnahme von Professor Snape, Schulleiter Dumbledore und Minerva McGonagall. Ich hatte Professor McGonagall bisher zwei Mal getroffen, als sie Miss Granger im St. Mungos besucht hatte.
Da war ich also mit Miss Granger. Professor Snape war kurz vorher gegangen, er hatte erklärt, dass er zurückkommen würde, wenn er mit Albus und Potter ausdiskutiert hatte, was er bei Hermine erreichen kann. Sein Tonfall war dabei so trocken gewesen, dass ich wusste, dass es nicht seine Idee gewesen war - ich hatte angenommen das Mister Potter einfach noch mehr Beschwichtigung brauchte was Professor Snapes Absichten bezüglich meines jungen Schützlings betraf. Ich wünschte ihm in Gedanken viel Glück.
Auf die Art und Weise wie Mister Potter ihn den ganzen Tag angesehen hatte, war ich der Meinung, dass er dieses Treffen brauchte um sein Temperament zu zĂĽgeln.
Das letzte was ich an meinem ersten Tag in Hogwarts wollte, war eine Rotte aus schnatternden Hühnern die von Poppy angeführt wurden und ohne Vorwarnung auf mich losgingen. Die Tür zu den Gemächern war offen und ich hörte sie schon ehe ich sie sah, ihre Stimmen und langsamen Schritte hallten durch den Steinkorridor.
„Es war entsetzlich“, sagte Poppy. „Da war ich und war am aufräumen, als Professor Snape durch mein Flohnetzwerk gestürmt kam wie ein Geist. Ihr hättet ihn sehen sollen, weißes Hemd, Blut auf dem Kinn und trug Miss Granger auf den Armen! Ich bin fast ohnmächtig geworden.“
„Blut auf seinem Kinn? Von was denn?“, fragte eine mir unbekannte weibliche Stimme.
„Harry hat ihm eins auf die Nase gehauen“, antwortete Poppy mit Bestürzung.
Ein einstimmiges Kichern erklang und eine Stimme murmelte etwas wie ´Es macht sowieso keinen Unterschied.´
Das Geräusch wie Poppy sich räusperte, gab ihr die volle Aufmerksamkeit aller zurück. “Offensichtlich hat er Snape in einer anscheinend intimen Situation mit Hermine vorgefunden und musste sie auseinander bringen.“
Es war eine Menge übertriebenen Keuchens zu hören und ein klares Kichern zwischen den Stimmen. Poppys anzüglicher Ton und die willigen Ohren ihrer Anhängerinnen, die sich bereitwillig solch einen Schwachsinn anhörten, brachten mein Blut zum Kochen. Intime Situation, also wirklich.
„Keine Bange, meine Lieben, Nettie wird uns berichten was hier vor sich geht“, schloss Poppy wissend. „Wir werden es von ihr aus erster Hand erfahren - sie ist ebenfalls hierher gebracht worden um dafür zu sorgen, dass aus Hermine nicht irgendwelche Vorteile gezogen werden.“
Was für eine Frechheit! Ich sah zu Miss Granger, biss mir in die Wange und versuchte ein Willkommenslächeln aufzusetzen, auch wenn ich innerlich rauchte. „Da kommt die Horde meine Liebe, ich hoffe du bist bereit... Ich weiß, das ich es nicht bin.“
Professor Snape hatte Hermine im Wohnzimmer zurückgelassen, sie war so in einen wuchtigen Sessel gesetzt worden, dass es den Anschein machte als warte sie auf eine Tasse Tee. Ich hatte eigentlich angenommen, dass er sie gleich in ihr Zimmer und ihr Bett bringen würde und war dementsprechend überrascht, als er das nicht getan hatte. Als ich ihn gefragt hatte was er da tat, sagte er rundheraus, ´Hermine war nicht bettlägerig und deshalb wünscht sie sich nicht für die Dauer ihres Aufenthaltes in ihrem Schlafzimmer eingesperrt zu sein.´
Ich konnte ihr keinen Vorwurf deswegen machen. Die Wände in ihrem Zimmer waren wirklich langweilig.
Als Poppy und ihre Herde eintraten, war es wirklich ein amĂĽsanter Anblick, ihre ĂĽberraschten Gesichter zu sehen, als sie bemerkten, dass Miss Granger sie erwartete.
„Nettie, was macht Hermine ausserhalb ihres Bettes?“, krähte Poppy und sah mich kurz an ehe sie den Blick wieder auf Miss Granger richtete.
„Hallo Poppy. Die Damen“, ich nickte ihnen zu, meine Stimme war professionell und höflich. “Miss Granger wollte eine Weile hier sitzen.“
„Hat sie ihnen das erzählt?“, eine der Hexen schielte zu mir herüber.
„Nein, sie sagte es zu Professor Snape“, erwiderte ich kalt.
„Richtig“, antwortete dieselbe Hexe und ließ ihre scharfen, gelben Augen rollen. „Ich wette, dass sie das getan hat.“
Die anderen Hexen begannen gleichzeitig durcheinander zu reden, „Poppy, glaubst du wirklich...“, „Ich kann nicht glauben, dass Dumbledore...“, „Der arme Junge, kein Wunder dass er Snape geschlagen hat...“, „Ist sie wirklich, du weißt schon...“, „Ich habe schon immer gewusst, dass er irgendwann die Grenzen überschreiten würde...“.
Ich war verblüfft über all den Lärm. Poppy trat näher an mich heran und schalt mich flüsternd: „Der Mann hat nicht mehr Gefühl als eine Ziege. Hermine ist nicht in dem geeigneten Zustand um hier herumzusitzen, als würde sie Besuch empfangen. Nettie, Liebes, hilf mir sie in ihren Raum zurückzubringen.“
„Nein“, erwiderte ich, fast freundlich. „Miss Granger geht es gut dort wo sie ist, oder meine Liebe?“ Ich tätschelte die Hand der jungen Frau während ich sprach, um ihr zu zeigen, dass ich keinen Grund dafür sah sie irgendwo hinzubringen.
„Wirklich, Nettie. Als die Obermedihexe hier in Hogwarts, muss ich darauf bestehen...“
„Du wirst nichts davon tun“, antwortete ich. „Ich bin hier um mich um Miss Granger zu kümmern und nicht um für dich zu arbeiten. Sie steht unter meiner Obhut und sie hat zu verstehen gegeben, dass sie nicht in ihre Räume möchte. Bis Professor Snape zurückkehrt und in der Lage ist mir etwas anderes zu erzählen, wird sie hier bleiben.“
Die anderen Hexen im Zimmer hatten ihr Geglucke beendet und beobachteten mich interessiert.
„Glauben sie wirklich, dass sie in ihrem Geist gefangen ist?“, fragte eine winzigkleine Hexe, ihr runzliges Gesicht erinnerte mich an die Apfelpuppen die meine Mutter machte.
„Ich bin mir dessen sicher“, antwortete ich entschieden. „Professor Snape erscheint mir nicht so, als wäre er der Typ Mann der sich einfach irgendetwas ausdenkt. Und seit er sie heute Morgen gefunden hat, verbessert sich ihr Gesundheitszustand zusehends.“
„Es sieht für mich trotzdem so aus, als läge sie in einem Koma“, sagte die Hexe mit den seltsamen Augen sarkastisch.
„Eben weil sie in einem Koma ist“, erwiderte Poppy herrisch. „Wirklich Nettie - wie kannst du behaupten das sie sich verbessert hat.“
Ich sträubte mich angesichts ihres dominanten Auftretens und ihres Große-Schwester-Tonfalls.
„Weil es so ist“, schnappte ich. „Heute Morgen lag sie im Sterben, was ihr gewusst hättet, wenn eine von euch sie auch mal besucht hätte.“ Ich schaute entschuldigend zu Professor McGonagall herüber, als ich das sagte, fuhr aber nichts desto trotz fort. „Ihr Haar war brüchig und fiel aus, ihre Arme und Beine waren um sich selbst geschlungen - selbst ihre Haut war unübersehbar grau. Aber sieh sie dir jetzt an! Seit Professor Snape sie gefunden und mit ihr gesprochen hat, hat sie einen bemerkenswerten Wandel durchgemacht. Deshalb weiß ich, dass sie da ist.“
„Sie kann gar nicht so schlecht ausgesehen haben“, begann Poppy doch ich unterbrach sie.
„Stellst du meine Fähigkeiten als Medihexe in Frage?“, fragte ich. „Du denkst, dass ich nicht weiß wie eine sterbende Person aussieht?“
„Nun Nettie, das habe ich nicht gesagt...“, begann Poppy. „Ich frage mich nur ob du nicht eine zu enge Beziehung zu Miss Granger und ihrer Situation aufgebaut hast. Vielleicht dachtest du, dass sie schlechter dran war, als es wirklich der Fall gewesen ist.“
„Ich bilde mir nichts ein“, antwortete ich flach. „Ich weiß was ich gesehen habe. Professor Snape ist zurückgekommen und hat sie gerettet.“
„Was meinen Sie damit, er kam zurück?“, fragte eine runde erdverschmierte Hexe plötzlich. „Er hat seine Besuche gestoppt?“
„Er erholte sich von seinem Unfall“, meine Stimme war inzwischen hart wie Stein. Ich war nicht darauf aus mit einer von diesen Frauen Geschichten auszutauschen, besonders weil ich nicht wusste, weshalb seine Besuche wirklich geendet hatten und ich wollte nicht damit beginnen irgendwelche Hypothesen aufzustellen.
„Wollen Sie uns damit sagen, dass er sie drei Wochen lang nicht besucht hat?“, Professor McGonagalls Stimme war unumwunden schockiert.
„Es geht ihm so gut, dass er seit ein paar Wochen schon wieder apparieren kann“, fügte Poppy an. „Was verschweigst du uns Nettie?“
Ich zuckte mit den Schultern. „Nichts was euch interessieren würde, glaubt mir.“
Poppy rümpfte die Nase. „Du scheinst heute etwas kurz angebunden zu sein, Nettie. Ich vertraue darauf, dass es einfach an dem ganzen Stress lag hierher nach Hogwarts zu kommen und nichts wirklich Ernsthaftes ist. Ich sollte jetzt besser zurück in den Krankenflügel gehen. Sehe ich dich morgen?“
Ich nickte zustimmend. „Du weißt ja wo ich bin.“ Ich lächelte höflich den anderen Hexen zu. „Die Damen.“
Sie brauchten nicht lange um zu gehen, wofĂĽr ich dankbar war. Doch ihre Stimmen waberten noch immer umher, als sie den Weg einschlugen den sie hierher genommen hatten. Ich konnte mir nicht helfen und unterdrĂĽckte ein Schaudern, angesichts ihres Tonfalls, der himmelschreienden Skepsis und dem Misstrauen gegenĂĽber Miss Grangers Retter, das war das letzte was ich von ihrem Getratsche verstehen konnte.
Ich lächelte grimmig, als ich mich zu meinem Schützling umdrehte. „Haben sie bemerkt, Miss Granger, dass keine dieser Frauen auch nur ein Wort an dich gerichtet hat, während sie da waren? Und keine von ihnen hat sich mir vorgestellt. Ungehobelte Kühe!“
Im Laufe der nächsten Tage, fand ich zu einer netten Routine mit Miss Granger. Professor Snape wurde zu einem regelmäßigen Morgenbesucher, der vorbeikam um Miss Granger vor dem Frühstück zu besuchen. Sehr oft blieb er auch gleich zum Essen und mied die Große Halle wo es nur ging, nicht dass ich ihm einen Vorwurf daraus machen könnte. Von den wenigen Fetzen die ich von Poppy erfuhr, wenn sie mich besuchen kam, wusste ich, dass die Gerüchteküche immer noch fleißig brodelte und er im Fokus stand.
Seit er immer um sieben Uhr erschien, sorgte ich dafür, dass Miss Granger angezogen und auf war, ehe er eintraf. Er hatte auf Miss Grangers Anregung darum gebeten, dass sie während des Tages normale Kleidung trug und ich erfüllte diesen Wunsch nur zu gerne. Ich machte dem Mädchen keinen Vorwurf, dass sie zu seinen Besuchen so normal wie möglich aussehen wollte. Und ich war selbst viel zu erpicht darauf dieser entstehenden Romanze weiter zu helfen und ging sicher, dass sie gut aussah. Sie war ein wirklich hübsches Mädchen, wenn ihr Haar gegen das Kräuseln verzaubert war.
War es ein schöner Tag, tauchte er zur Mittagszeit manchmal mit einem alten, muggelartigen Rollstuhl auf, den er irgendwo gefunden hatte, wickelte ihre Beine in eine warme Decke und nahm sie mit auf einen Spaziergang entlang der Gärten und des Sees, abseits von neugierigen Schüler- und Lehreraugen.
Wenn die Räder im Matsch stecken blieben, nahm er sie einfach hoch als wäre sie aus Glas und setzte seinen Spaziergang zu Fuß fort. Ich weiß das, weil ich die Gelegenheit dann auch zu gerne nutzte, um mal vor die Tür zu kommen und dann oft ein Buch mitnahm, um es in der Sonne zu lesen, während Professor Snape über meinen Schützling wachte. Ich gebe ohne Reue zu, dass es meistens interessanter war die beiden zu beobachten, als das Buch zu lesen, welches ich mir mitgenommen hatte.
Am Ende eines jeden Tages kam er zurück in unsere Räume und besuchte Miss Granger für eineinhalb Stunden und verfolgte dieselbe Routine wie in der Vergangenheit. Auch wenn ich in ihre Gespräche nicht eingeweiht war, so konnte ich doch seine Bewegungen sehen, wenn er mit ihr sprach. Er behandelte sie immer mit einer solchen Rücksicht, dass es wirklich zum Dahinschmelzen war.
In der Minute, in der Professor Snape ihr in die Augen sah, war es unmöglich die Verbindung zwischen den beiden zu übersehen. Er sah wirklich nicht danach aus, als würde er einen Hechtsprung machen, wenn ihr wisst was ich meine. Selbst wenn er eine höfliche und oberflächliche Konversation mit mir führte, strich sein Blick ständig über ihr Gesicht, als ob er immer noch nicht glauben konnte, dass sie da war. Wenn sie in ihrem Sessel saß, setzte er sich einfach vor sie und fiel in ihr Bewusstsein. Ihre Farbe sah immer besonders gut aus, wenn er bei ihr war, fast so, als wäre sie mit Gold bestäubt worden. Selbst seine ernsten Züge veränderten sich, seine blasse Haut leuchtete wie der Mond, der den Glanz der Sonne reflektierte.
Er hatte nie damit begonnen sie zu berühren während seiner Besuche, aber zum Ende hin hielt er oft ihre Hände. Manchmal strich er ihr still eine Strähne ihres Haares hinter ihr Ohr oder strich mit seinem Finger sanft über ihre Wange. Oft sah ich ihn lächeln und dieser Anblick war befremdlich aber gleichzeitig sah es auf seinen strengen Gesichtszügen so perfekt aus, dass ich mich fragte, warum er es nicht öfter tat. Vielleicht hatte er in seiner täglichen Existenz ohne sie einfach keinen Grund dazu.
Er schien nie wirklich zu realisieren, dass ich auch noch da war, wenn er bei ihr war und ich war immer etwas zögerlich ihn daran zu erinnern. Normalerweise wuselte ich im Raum herum oder saß still in dem kleinen Alkoven, der aussah wie eine Miniaturbibliothek, und las. Manchmal, wenn die Stunden schon weit vorgerückt waren, näherte ich mich ihnen und tippte ihm vorsichtig auf die Schulter.
„Ich entschuldige mich für die Störung, Professor Snape, Miss Granger“, würde ich dann sagen, „Aber es ist nach Mitternacht und ich weiß, dass sie morgen wieder Unterricht haben Sir.“
Er löste sich von ihr immer nur sehr zögerlich und ich kann sagen, dass er es immer hasste sie allein zu lassen.
An einem Abend als er da war, kam Poppy zu Besuch. Sie sagte sie käme ´um etwas Tee mit ihrer kleinsten Schwester zu trinken´, aber ich wusste, dass sie in Wirklichkeit da war um zu sehen, was vor sich ging. Ich schaffte es, sie schnell in den Alkoven zu bugsieren und positionierte sie so, dass sie weder Miss Granger noch Professor Snape in ihrem direkten Blickfeld hatte.
„So Nettie“, begann sie, nachdem sie ein paar Minuten damit verbracht hatte sich nach allen Seiten zu drehen, ohne es allzu auffällig werden zu lassen, ehe sie aufgab. „Ich hatte angenommen, mehr von dir zu sehen, während du hier bist.“
Ich lächelte. „Poppy, du weißt das ich Miss Granger nicht alleine lassen kann.“
„Es wäre aber schön wenn du ein bisschen rumkommen würdest und die Mädels kennen lernst.“
Wie sollte ich ihr erklären, dass ich nicht wirklich erpicht darauf war ´die Mädels´ kennen zu lernen - sie wirkten auf mich wie ein Bündel irritierender, lauter Tratschtanten. Stattdessen blieb ich einfach nur höflich still. Poppy starrte mich an.
„Würde es dich umbringen, dir etwas Mühe zu geben um sie besser kennen zu lernen? Sie sind wirklich besorgt um Hermine.“
„Ich bin mir sicher, dass sie das sind“, antwortete ich, „Doch sie haben keinen Grund dafür. Professor McGonagall war ein paar Mal hier - sie kann dir dasselbe berichten.“
„Da sind... Gerüchte... dass Severus sie mit nach draußen nimmt und mit ihr durch die Gärten spaziert. Professor Sprout hat es mir erzählt, sie hat ihn gesehen wie er sie zum See getragen hat.“
„Sie mag es nach draußen zu kommen“, stimmte ich zu. „Ich bezweifle das du den ganzen Tag drinnen verbringen möchtest, wenn du es nicht musst. Frische Luft tut ihr gut.“
Poppy hob zweifelnd eine Augenbraue. „Du gehst nie mit ihnen. Bist du nicht auch ihre Anstandsdame, oder doch nur ihre Krankenschwester? Wir alle haben davon gehört wie Harry sie getrennt hat, an dem Tag als ihr hierher gekommen seid.“
Ich versuchte ruhig zu bleiben, ich versuchte es wirklich, aber das war ein bisschen zuviel des Guten. „Der junge Mister Potter hat also seine Märchen außerhalb der Schule verstreut?“, fragte ich giftig. „Ich schwöre dir, der Junge braucht mal einen ordentlichen Schlag auf den Hinterkopf. Glaubt du, dass Professor Snape dem Mädchen schaden würde?“
Poppy antwortete nicht und ich rollte meine Augen in ihre Richtung. „Also wirklich, Poppy. Manchmal gehst du echt zu weit. Nach all dem was er während des Krieges getan hat, nachdem er fast dabei gestorben wäre um Potter zu helfen, was glaubst du, was er plant? Sie belästigen? Ihr den Hof machen, wenn keiner hinsieht? Was?“
Poppy hatte den Anstand zu erröten. „Nein, ich denke nicht, dass er sie verletzt. Wir haben Severus sich nur noch nie so benehmen sehen und wir machen uns Sorgen.“
„So Benehmen sehen?“, schnappte ich zurück. „Ein Mensch zu sein? Weshalb sollte er ihr nicht helfen wollen? Ich denke, er ist möglicherweise der Einzige der weiß, was es wirklich heißt einsam zu sein. Dieser Mann trägt seine Isolation wie ein Schild vor sich und niemand scheint es durchbrechen zu wollen. Weshalb sollte er nicht mit Hermine reden wollen? Sie kennt ihn in dieser Hinsicht wahrscheinlich besser, als jeder andere hier.“
„Was willst du damit sagen?“, schnappte Poppy zurück, ihr Gesicht nahm die Linien der Verärgerung an, die ich schon aus unserer Kindheit kannte.
„Was ich damit sagen will ist“, ich betonte jedes einzelne Wort „dass ihr alle mehr daran interessiert seid diesen Mann zu quälen und hinter seinem Rücken über ihn zu lachen. Ich sage, dass du eher auf schmutzigen Tratsch hören würdest und irgendwelche Anspielungen, als das du dich wirklich mal um die Fakten bemühst. Ich bin mir sicher, dass du dich auf deine Art und Weise um ihn sorgst, Poppy, aber ich glaube auch, dass ihm hier noch niemand wirklich seine Rolle im Krieg verziehen hat. Ihr seid alle so daran gewöhnt ihn als entbehrlich zu sehen, dass ihr euch nicht die Mühe macht hinter seine Taten zu sehen. Wieso könnt ihr ihn nicht einfach in Ruhe lassen und euren Tratsch auf andere, wichtige Dinge verlegen?“
„Warum eigentlich nicht, Madam Pomfrey. Das ist eine Frage die ich mir täglich selbst stelle.“ Professor Snapes trockene Stimme ließen Poppy und mich auffahren und wir beide erröteten betreten. Ich fragte mich, wie lange er dort gestanden und unserem Gespräch gelauscht hatte und hoffte, dass es noch nicht lange war. Ich war mir sicher, dass einige Dinge die Poppy gesagt hatte, schmerzhaft für ihn waren.
„Professor Snape, Sir“, schaffte ich zu sagen, „Ich hatte nicht bemerkt das Sie ihren Besuch bei Hermine beendet haben. Es ist wesentlich früher als üblich.“
„Ja, das ist es“, stimmte er freundlich zu, auch wenn seine Stimme kühl blieb. „Hermine wollte, dass ich etwas mit ihnen bespreche, allerdings hatte ich nicht bemerkt, dass ihre – Schwester - hier ist.“
Die Art wie er Schwester sagte, war blanker Hohn, seine Lippen schlangen sich widerwillig um das Wort, während seine schwarzen Augen Poppy in ihren Sitz pinnten. „Gibt es etwas, was Du mir sagen möchtest, Poppy?“
Auch wenn ich momentan sehr irritiert von ihr war, fĂĽhlte ich dennoch einen Stich von MitgefĂĽhl, als sie unter Snapes Blick immer kleiner wurde.
„Ni... Nichts, Severus. Wirklich nichts. Nettie hier...nun, Nettie...“
„Hat meine Ehre sehr gut verteidigt. Ich habe es gehört. Hast Du nichts Besseres zu tun, als hier herumzusitzen und Ärger zu machen? Vielleicht braucht ja ein nervtötendes, kleines Etwas medizinische Hilfe, die nur du ihm geben kannst.“
Poppy schaute verärgert. „Severus du weißt, dass ich nicht glaube...“ Sie ließ den Satz miserabel in der Luft hängen, warf mir einen kurzen Blick zu, ehe sie aufstand. „Es war nur eine Unterhaltung Severus. Niemand hat das, was gesagt wurde wirklich ernst gemeint.“
Professor Snape nickte leicht mit dem Kopf. „Gute Nacht Poppy.“
Als sie an ihm vorbei ging, tätschelte sie ihm zerknirscht die Schulter, immer noch unfähig seinem Blick zu begegnen. „Ich rede später mit dir, Nettie“, murmelte sie, als sie die Tür hinter sich schloss.
Nachdem sie gegangen war, drehte ich mich langsam um, um Professor Snape anzusehen. Der Mann hatte noch nichts zu mir gesagt, doch ich wartete mit größter Sicherheit auf eine ordentliche Standpauke. Ich war wirklich überrascht, als er nur fragte, ob er sich in den Stuhl setzen dürfte, den Poppy vorher belegt hatte.
„Machen Sie das oft?“, fragte er leise, nachdem er sich gesetzt hatte und minutenlang die Ärmel seiner Robe mit seinen eleganten Fingern gerichtet hatte.
„Was machen?“, antwortete ich unsicher. Ich bemerkte wie fasziniert ich von seinen Händen war. „Mit meiner Schwester reden?“
Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich gesagt, dass sein Schnauben wie ein unterdrücktes Lachen klang. „Sich in der Position wieder zu finden mich zu verteidigen“, verdeutlichte er.
Ich erlaubte mir ihn anzusehen und bemerkte, dass er nicht böse aussah. Tatsächlich schien er neugierig zu sein. Ich schüttelte den Kopf, „Nicht so oft. Aber ich habe bisher auch noch nicht viel mit jemand anderem außer Miss Granger gesprochen, seit wir hier angekommen sind.“
Daraufhin lächelte er leicht. „Ja, Hermine sagte mir, dass sie ihr gute Gesellschaft leisten, wenn ich im Unterricht bin. Sie hatte das tägliche Vorlesen aus Sturmhöhe sehr genossen. Sie findet, dass ich ein gutes reales Bild von Heathcliff abgebe.“
Ich lächelte darüber. „Die Ähnlichkeiten sind verblüffend, Sir.“
„Vielleicht“, stimmte er zu. Alles in allem schien sich das zu einem netten - wenn auch surrealen - Gespräch zu entwickeln. Es entstand ein kurzes, angenehmes Schweigen, ehe er sich vorlehnte und seine Ellenbogen auf den Knien absetzte.
„Madam Pomfrey“, begann er, doch ich unterbrach ihn schnell.
„Bitte Sir, nennen sie mich Nettie. Madam Pomfrey ist meine Mutter oder meine Schwester. Nicht ich.“
Er nickte zustimmend. „Nettie dann... Ich möchte Sie... um einen... Gefallen bitten.“
Ich wartete und versuchte nicht allzu neugierig auszusehen. „Ja, Sir?“
„Sie wissen, dass ich versuche einen Weg zu finden, Miss Granger von ihrem Fluch zu befreien“, begann er, offensichtlich fühlte er sich etwas unbehaglich bezüglich dem, was er mit mir besprechen wollte. Ich nickte einfach noch einmal und wartete darauf, dass er fortfuhr.
„Miss Granger glaubt, dass wenn ich sie... küsse... sie möglicherweise aufwachen würde.“
Ich konnte nicht anders als zu lächeln. „Wie Dornröschen, Sir?“
„Genau“, antwortete er und rutsche unbehaglich in seinem Sitz umher. „Ich denke nicht, dass es funktionieren würde. Tatsache ist, dass ich mir sehr sicher dessen bin, aber sie beharrt darauf, dass wir jeden Stein umdrehen sollten.“
„Sicherlich“, sagte ich. „Wenn es im Märchen funktioniert, wer sagt, dass es nicht auch im realen Leben geht? Also, was wollen sie mit mir besprechen?“
Professor Snape räusperte sich. „Ich bin mir – bewusst - das Sie nicht nur hier sind um Miss Grangers Versorgung zu gewährleisten, sondern auch dafür zu sorgen, dass nichts Unanständiges zwischen uns passiert und...“
„Papperlapapp, Sir!“, unterbrach ich. „Als ob sie jemals etwas Unangemessenes mit ihr machen würden. Glauben sie ja nicht, dass ich das für eine Minute geglaubt habe. Sie könnten ihr noch nicht mal ein Haar krümmen.“
Nach meiner deutlichen Erklärung sah er mich für einen Moment eindeutig verblüfft an. “Ich bin kein netter Mann, Nettie. Ich habe jede Menge... weitaus schlimmere Dinge in meinem Leben getan.“ Den letzten Teil hatte er leise ausgesprochen, ganz so, als schäme er sich deswegen.
„Wir alle haben schon Dinge getan, von denen wir uns wünschen sie nicht getan zu haben“, antwortete ich. „Sie sind nicht mehr der Mann der sie waren, als sie zu Voldemort gegangen sind. Ich wage sogar zu sagen, dass sie nicht mehr derselbe Mann sind, der sie vor acht Tagen noch gewesen sind, als sie Miss Granger gefunden haben. Sie müssen mir nicht ihre Sünden beichten.“
Professor Snape sagte für eine Weile gar nichts, ehe er den Kopf senkte. „Wie können sie sich so sicher sein, dass ich ihr nicht wehtun werde?“ Seine Stimme war leise, fast so als würde er um etwas bitten. Ich nehme an, er tat es auf seine Weise. Wenn jemals ein Mann jemanden brauchte der ihm bedingungslos glaubte, dann war das Professor Snape.
Ich seufzte. „Ich habe Augen im Kopf. Es ist offensichtlich für jeden der mal über seine eigenen kurzsichtigen Vorurteile hinwegsieht, dass sie sich um Miss Granger sorgen. Ich glaube fest daran, dass sie eher sterben würden als dass sie erlaubten dass ihr etwas zustößt.“
Er nickte daraufhin. „Ich würde nichts und niemandem erlauben sie zu verletzen.“
„Ich weiß das, Sir. Also - Miss Granger möchte, dass sie sie küssen, ja? Ich habe oft gehört, dass sie sehr intelligent ist.“ Ich grinste angesichts der plötzlichen Röte die seinen Hals heraufkroch.
„Es ist nur um auszuschließen, dass es funktioniert“, begann er, aber ich lachte.
„Sicherlich“, ich grinste ihn frech an. „Ich denke, dass sie sie möglicherweise liebt, Professor Snape.“
„Dieses verrückte Mädchen“, murmelte er leise, doch seine Wangen waren rosa. „Und bitte, nennen sie mich Severus.“
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