
von eule20
Kapitel 18 Harry
Harry Potter hatte nie darum gebeten berühmt zu sein aber es war doch geschehen, gegen seinen Willen. Er hatte nie darum gebeten ´der Erlöser der Zaubererwelt´ zu sein und konnte regelrecht froh sein, wenn er den Rest seines Lebens nicht mehr diesen nervenden Beinamen ´Der-Junge-der-lebt´ zu hören bekam.
Er hasste es `Der-Junge-der-lebte´ zu sein, denn das bedeutete, dass er ´Der-Junge-der-lebte-um-seine-Freunde-leiden-und-sterben-zu-sehen´ war. Der Krieg hatte ihn verändert - er war härter geworden, wurde schneller wütend und vergab wesentlich langsamer. Weniger optimistisch, weniger vertrauensselig - eben weniger von allem. Er wusste ehrlich nicht wer Harry Potter war, wenn er es denn jemals gewusst hätte. Alles was er wusste - alles was er glaubte - war, dass die Dinge besser werden würden, wenn Hermine zurück wäre. Sie war immer die Vernünftige gewesen. Er hatte ihr über ihre Freundschaft hinaus vertraut - er hatte ihr als Stimme der Vernunft vertraut, diejenige die ihn darauf aufmerksam machte, wenn er sich wie ein Trottel aufführte, die ihm sagte, wenn er mehr oder weniger lernen sollte. Während der letzten Monate vor dem Kampf war sie sein Ruhepol im Auge des Sturms gewesen, der um ihn herum wütete.
Seit der Finalen Schlacht - seitdem er sie verloren hatte - fühlte er sich nicht mehr ausgeglichen. Seine Gefühle wechselten von einem Moment auf den anderen und hinterließen ihn ängstlich und wütend. Wenn Snape ihm nicht geholfen hätte, wäre Hermine noch bei ihnen. Harry konnte nicht begreifen, dass sie sich bewusst in Malfoys Fluch geworfen haben könnte; er konnte sich keinen Moment lang vorstellen, dass sich jemand für diesen Mann opfern konnte.
Er hatte Snape nie gemocht und Snape hatte ihn nie gemocht. Jeder wusste das und es machte keinen Sinn vorzugeben, dass es anders wäre. Während der harten Monate von Hermines Gefangenschaft waren es Harrys fest verwurzelte Abneigung und Misstrauen dem älteren Mann gegenüber gewesen, die ihn bei Verstand und konzentriert bleiben ließen. Er wusste, dass es falsch war, aber dennoch erlaubte er es seinen Gefühlen weiter zu bestehen. Es war einfacher Snape zu hassen, als sich selbst.
Und er tat es. Er hasste sich selbst. Wenn er nicht mit ihm befreundet gewesen wäre, wäre Ron in diesem erbitterten Kampf nie zu einer Zielscheibe geworden. Harry hätte nie mit ansehen müssen, wie der Kopf seines besten Freundes mit solcher Wucht von seinem Körper getrennt wurde, dass die Wunde hinterher aussah wie weggeätzt. Er hätte nie Molly und Arthur gegenübertreten müssen – denjenigen, die Eltern am nächsten gekommen waren - und zu wissen, dass es sein Fehler war, dass ihr jüngster Sohn nicht mehr lebte. Er fand es unglaublich schwer den Fuchsbau, mit all seinen Erinnerungen an glücklichere Zeiten, in denen die Familie noch vollständig gewesen war, zu besuchen. Harry war nicht nur Schuld daran, dass sie Ron in diesem Konflikt verloren hatten, sondern auch Percy. Als er Voldemort endlich getötet hatte, war der ältere Junge mit den gezeichneten Todessern geschmolzen.
Ginny - sie redete immer noch nicht viel, obwohl sie, das letzte Mal als er sie gesehen hatte, versucht hatte zu scherzen, dass ihre gezackte Narbe, die sich mitten durch ihr Gesicht zog, viel beeindruckender war, als sein kleiner Blitz, ehe sie in Tränen ausgebrochen und aus dem Zimmer gerannt war. Arthur hatte ihn seit über einem Jahr nicht mehr über Muggeldinge befragt und jedes Mal wenn Molly ihn ansah, war sich Harry sicher, dass sie sich wünschte er wäre Ron.
Er hatte jemanden gebraucht dem er die Schuld an alle dem geben konnte und Snape war genau der Richtige gewesen. Harry verließ sich auf den älteren Mann, der ihm die Möglichkeit bot, seine Vorwürfe und seine Schuld, seine Wut und Verzweiflung an ihm auszulassen.
Er hatte natürlich seit Monaten gewusst, dass Snape Hermine in keinster Weise verletzte. Es war unmöglich die Tatsache zu übersehen, dass der Mann sich in dem Versuch eine Heilung zu finden, quasi umbrachte und es sah so aus, als ob er es vielleicht - nur vielleicht - geschafft hatte.
Und Harry hatte nichts getan um zu helfen. Der junge Mann seufzte angewidert als er seine Brille zurechtrückte und die Kerker ansteuerte. Heute war der Tag, an dem sie Snapes Hypothese testen würden; der Tag, an dem sie den Trank einnahmen und versuchten Hermine zu befreien.
Harry fragte sich, ob sie ihm jemals verzeihen würde.
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Snape wartete vor Hermines Räumen auf ihn, den Korridor entlangschreitend. Harry hatte die hallenden Schritte schon früh gehört und erkannt. Sieben Jahre darauf zu lauschen, wenn er mit Ron und Hermine umher geschlichen war, hatten ihn sehr vertraut damit werden lassen zu wissen, welche Geräusche Snape machte wenn er lief, von dem fast lautlosen Rascheln, wenn der ältere Mann entlang der Korridore durch die Schatten schlich, in der Hoffnung, umherziehende Schüler aufzuschnappen bis zu dem schweren Hacken-Zehen-Klackern, wenn er wütend oder ungeduldig war. Er hoffte, dass das was er jetzt hörte Ungeduld war.
Snape starrte ihn an, als er um die Ecke kam. „Potter.“
„Professor Snape.“
Die zwei Männer standen für einige Augenblicke im Korridor, ehe Harry zu der geschlossenen Tür nickte. „Sollen wir rein gehen?“
„Gleich“, brummte der ältere Mann. „Wir müssen reden und ich möchte nicht, dass Hermine es hört und beginnt sich Sorgen zu machen.“
Harry trat näher, seine Brauen waren plötzlich besorgt zusammengezogen. „Gibt es ein Problem? Glauben Sie, dass es nicht funktionieren wird?“
Snape wedelte abweisend mit seiner Hand, „Es wird funktionieren. Aber es ist – gefährlicher - als ich es Hermine Glauben machte. Sie ist überzeugt davon, dass ich sie heute befreien werde und ich werde es. Sie ist ebenso davon überzeugt, dass ich mit ihr zurückkehren werde. Dessen bin ich mir aber weniger sicher.“
Harry gaffte den älteren Mann an. „Wie bitte?“
„Der Fluch ist lebendig, Potter. Er sucht mich. Ich bin mir sicher, dass ich Hermine davon befreien kann, aber wenn er zu stark ist - wenn es so aussieht, als wäre der einzige Weg, sie da herauszubekommen, der , dass er mich bekommen kann, dann werde ich es so machen.“
„Das können Sie nicht tun!“, protestierte Harry, „Sie würde niemals damit einverstanden sein, wenn Sie sich selbst opfern um sie zu befreien!“
„Genau deswegen habe ich es ihr nicht erzählt“, erklärte Snape gelassen. „Potter, Sie müssen mir versprechen, dass Sie genau das tun werden, was ich Ihnen sage. Ich werde erst in Hermines Geist eindringen und dann ihre Hand nehmen. Der Trank wird uns drei verbinden und durch meine Berührung gestatten, dass Sie ebenfalls eindringen. Sie werden sich in einem großem Foyer wieder finden, dass der Eingangshalle von Hogwarts ähnelt. Bleiben Sie dort - ich brauche Sie am Rand ihres Geistes, um uns zu verankern, sollte der Fluch versuchen uns beide zu nehmen. Wenn ich es richtig einkalkuliert habe, dann sehen Sie eine Art Seil, welches Sie an mich bindet und mich an sie. Sobald ich sie habe, werde ich sie zwischen uns stellen - Sie werden der Erste sein, der ihren Geist verlässt und dabei uns mit herausziehen. Wenn ich, aus irgendeinem Grund, das Band zwischen uns trennen muss, haben sie nur einen kleinen Augenblick um sie dort herauszubekommen, bevor Sie aus ihrem Geist geschleudert werden. Wenn ich Ihnen sage, Sie sollen raus gehen, dann gehen Sie raus - diskutieren Sie nicht, nehmen Sie sie und rennen los. Lassen Sie sie nicht gehen, blicken Sie nicht zurück. Haben Sie verstanden?“
„Aber - „
„Kein `Aber´, Potter“, knurrte Snape, „Haben Sie verstanden? Ja oder nein? Ich kann es auch ohne Sie tun, wenn ich muss.“
„Ich habe es verstanden, Snape“, antwortete Harry. „Ich mache es so, wie Sie gesagt haben.“
Die zwei Männer starrten sich für einen Moment lang an, ehe Snape seinen Kopf neigte. „Ich möchte Sie um noch einen Gefallen bitten, Potter. Sollte ich nicht zurückkommen, gehen Sie sicher, dass Hermine meine Bücher bekommt. Ich möchte, dass sie sie hat. Albus weiß Bescheid über alles, was getan werden muss.“
„Sie werden nicht versagen, Snape. Hermine würde es Ihnen niemals verzeihen, wenn Sie es täten.“
„Seien Sie sich sicher, dass ich mir dessen sehr bewusst bin. Sie ist in dieser Hinsicht sehr stur“, erwiderte Snape sarkastisch, doch Harry konnte die ehrliche Zuneigung zu seiner Freundin in Snapes Stimme hören.
„Ich wünschte wir könnten Freunde sein, Snape“, bot Harry plötzlich an, streckte eine Hand aus und griff den Arm des älteren Mannes, als dieser sich der Tür zuwenden wollte.
Snape grinste ihn an, „Ich wünschte ich könnte dasselbe von mir behaupten, Potter, aber um ehrlich zu sein, ich kann es nicht. Vielleicht ändere ich meine Meinung, wenn wir Hermine befreit haben.“
Harry ertappte sich dabei, wie er absurderweise grinste, als er Snape in Hermines Räume folgte.
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Der Trank war grobkörnig und stank. Harry war sich nicht sicher was Snape da alles rein getan hatte, aber er hatte definitiv nicht versucht ein wohlschmeckendes Gebräu herzustellen. Harry hatte sich die Nase zuhalten müssen, als er ihn trank und kämpfte dagegen an, nicht gleichzeitig zu würgen. Snape hatte ihn natürlich höhnisch angegrinst und kippte den Inhalt seines Kelches mit zwei großen Schlucken hinunter. Nettie massierte Hermines Kehle, um sie zum Schlucken zu bewegen und passte genau auf, das ihr kein Tropfen aus dem Mundwinkel herauslief.
An beiden Seiten von Hermines Bett standen Albus und Trelawney. Harry wusste weshalb Albus hier war - er war schließlich der Schulleiter - und der Mann schien den dunklen Zaubertränkemeister wirklich zu mögen. Er nahm an, dass Trelawney da war, um Snape wissen zu lassen, wie ihre Auren aussahen.
„Severus, mein lieber Junge.“, Albus war vorgetreten, als Snape seinen Kelch sinken ließ. Seine Finger spielten nervös mit dem üblichen Beutel Süßigkeiten und seine Stimme zitterte leicht, als er sprach, „Versprich mir, dass du keine Dummheiten machen wirst.“
„Ich verspreche es.“ Snapes Stimme war kräftig und voller Zuneigung für den älteren Mann.
„Diesmal keine deiner Heldentaten“, fuhr Albus fort, als ob er Snapes Antwort nicht gehört hatte, „Wir haben zusammen zuviel durchgemacht, als dass es jetzt auf diesem Weg enden sollte.“
Snape streckte seine Hände aus und ergriff die Hände des älteren Mannes mit festem Griff, „Albus.“
Harry war überrascht, als er sah, dass Dumbledore Tränen in den Augen hatte. „Ich glaube, ich habe dir nie gesagt, wie stolz ich auf dich bin...“
„Albus...“
„Wie ich bewundere, was du alles getan hast, um die helle Seite zu unterstützen... uns alle in Sicherheit zu bringen.“
„Albus...“
„Du bist der mutigste Mann den ich kenne, Severus. Du bist wie ein Sohn für mich geworden. Bitte...“
„Albus...“ Snape befreite eine Hand und griff in seine Tasche, zog ein Taschentuch heraus und presste es in die faltigen Finger des älteren Mannes. „Das ist nicht nötig. Ich habe das nicht verdient.“
„Du hast das verdient und noch viel mehr“, antwortete Albus. „Und wenn du Miss Granger erstmal zurückgebracht hast, möchte ich nie wieder hören wie du dich auf eine solche Art und Weise herabsetzt. Hast du mich verstanden?“
„Ja, Albus. Ich habe es genau verstanden.“
Dumbledore sah daraufhin zu Harry, seine blauen Augen glitzerten wie Saphire hinter seinen Tränen, „Pass für mich auf ihn auf, Harry. Bring sie beide zurück.“
Harry nickte stumm.
Snape drehte sich zu ihm um, „Bereit, Potter?“
„Wie ich es nur sein kann“, erwiderte er.
Snape drehte sich zu Nettie, die an seiner linken Seite stand und nervös ihre Hände knetete. Harry beobachtete überrascht, wie er sich vorlehnte und sie sachte auf die Wange küsste. „Sehen Sie nicht so nervös aus, Nettie. Ich kann Ihnen versichern, der Gedanke daran, dass Sie mir auf Dauer diese viktorianischen Romanzen vorlesen werden, übt keinen Reiz auf mich aus. Ich werde zurückkommen.“
Netttie schnaubte, „Vorlauter Kerl.“ Aber sie lächelte, als sie ihm liebevoll den Arm tätschelte. „Ich kann es kaum erwarten mit Miss Granger zu reden.“
„Sie könnten ihre Meinung ändern, wenn sie bemerken, dass sie nie den Mund hält“, antwortete Snape freundlich, ehe er sich Trelawney zuwandte.
„Ich werde Ihnen zuhören, Sybil. Ich bezweifle, dass es mir möglich sein wird zu antworten, aber lassen Sie uns wissen was Sie sehen. Ich muss wissen, wenn das Grau stärker zu werden scheint, oder uns alle einzunehmen scheint.“
Trelawney nickte ihm zu und antwortete in einem ernsthaften Tonfall, den Harry noch nie gehört hatte. „Ich werde Sie nicht enttäuschen, Severus.“
Snape sah Albus noch einmal an. „Zitronendrop?“, bot der ältere Mann, ihm den Beutel hinhaltend, an.
„Ich denke, ich sollte einen nehmen“, sagte Snape, fischte sich einen heraus warf ihn mutig in den Mund und versuchte nicht daran zu ersticken, als Albus ihn plötzlich in eine enge Umarmung zog, die der jüngere Mann vorsichtig erwiderte.
Harry sah heftig blinzelnd weg und versuchte sich an das Versprechen zu erinnern, welches er Snape gegeben hatte. Er würde loslassen, wenn er es musste. Hermine zu befreien hatte oberste Priorität.
Snape sah ihn an und hob eine Augenbraue, sein Mund war typisch verzogen. „Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit, Potter.“
Harry nickte ihm zustimmend zu. „Richtig, beginnen wir.“
Snape ergriff Hermines Hand, sein Gesicht entspannte sich etwas, als er in ihren Geist eintauchte. Seine Stimme klang merkwürdig körperlos, als er sprach, „Nimm meine Hand, Harry.“
Harry ergriff seine freie Hand und versuchte sein Gleichgewicht nicht zu verlieren, als er plötzlich durch einen Tunnel aus Matsch und Dunkelheit gezogen wurde, hinein in ein leicht erhelltes, kaltes und leeres Foyer. Jeder Atemzug fühlte sich an, als atmete er durch ein Baumwolltuch. Er spürte, wie seine Lungen brannten, als sie um Sauerstoff kämpften, taumelte vorwärts und versuchte nicht zu stürzen. Sein Körper fühlte sich schwer an, als ob er in dem Matsch eingehüllt wäre durch den er gefallen war und er sah auf seine Hände herab um zu sehen, ob das tatsächlich der Fall war.
Da war nichts. Er konnte ein Band aus weißem Licht in der Dunkelheit sehen und bemerkte, dass es wie ein Seil um seine Taille geschlungen war. Das andere Ende zog sich durch das Foyer - er konnte Snape am anderen Ende kaum ausmachen, seine schwarzen Roben passten sich zu gut den Schatten an.
´Hermine!´, rief der ältere Mann, seine Stimme hallte seltsam von den geschwungenen Decken wider. ´Ich sagte dir, dass du hier auf uns warten solltest. Wo bist du?´
Es kam keine Antwort. Snape rief sie noch einmal, seine Stimmer lauter und drängender. Harry zuckte zusammen, als der strenge Ton auf seine Trommelfelle hieb. ´Hermine!´
In der Ferne, als käme es von unter Wasser, konnte er Professors Trelawneys Stimme hören. „Severus, Ihre Aura vermischt sich mit Hermines, so wie das letzte Mal. Die Farben bleiben irgendwie kräftig. Harry ist nicht betroffen.“
´Snape´, rief er, ´Was geht hier vor?´ Er schob sich weiter hinein, bewegte sich mit großer Mühe.
Snape drehte sich um und schnappte, ´Bleib wo du bist! Hast du schon vergessen, was ich dir gesagt habe?´
´Wo ist Hermine!´, brüllte Harry zurück. ´Wieso ist sie nicht hier?´
´Ich beabsichtige das herauszufinden´, antwortete der ältere Mann angespannt. ´Bleib dort - und beweg dich nicht.´ Selbst als er sprach, konnte Harry sehen, wie er sich tiefer in den dunklen Korridor begab. Snape schien keine Probleme damit zu haben sich zu bewegen, was Harry dazu brachte sich zu fragen, ob der Mann sich der dicken, schlammartigen Atmosphäre bewusst war, die sich von allen Seiten auf Harry herab zu pressen schien, oder ob er nach der langen Zeit einfach daran gewöhnt war.
Er konnte das Echo der Schritte hören, die sich immer weiter entfernten, je weiter Snape ging. Das Quietschen von Türangeln wurde unheilvoll durch den Korridor zurückgeworfen, während die Räume dahinter überprüft wurden, wurden Snapes Rufe nach Hermine immer gehetzter. Harry war zum Heulen zumute.
Er konnte Snape noch nicht einmal mehr hören. Das Band um seine Hüfte war dünn, kurz vor dem Zerreißen und pulsierte schwach mit seinem Licht. Harry trat noch einen Schritt vor, ´Snape! Snape!´
„Keine Veränderung ihrer Farben“, sagte Trelawney weiter, „Keine Veränderung.“
´Snape!´
Dann hörte er es - hektische Schritte rannten den Korridor entlang auf ihn zu. Hinter den hastigen Schritten war etwas vollkommen anderes - Harry lauschte angestrengt um es auszumachen. Es klang wie das Flattern eines Kolibris, oder dem wütenden Brummen einer Horde Bienen, oder die schnelle Bewegung von Tausendfüßlerbeinen. Harrys Nackenhaare stellten sich alarmiert auf und ihm brach der kalte Schweiß aus. Da kam etwas.
Es war eine Erleichterung, zu sehen wie Snape aus dem fernen Ende des Korridors kam, Hermine hinter sich herziehend, wie wahnsinnig etwas, das wie Seile aus grauem Nebel aussah, von ihr reißend, während sie rannten.
´Sieh nicht zurück´, schrie er sie an, ´Bleib in Bewegung! Ich hab dich, du bist sicher. Du bist sicher!´
Harry trat noch zwei Schritte vorwärts. ´Hermine!´, brüllte er.
´Bleib verdammt noch mal wo du bist, Potter!´, erwiderte Snape böse, `Ich sagte dir, dich verflucht noch mal nicht zu bewegen!´
´Harry!´, schrie Hermine zurück.
„Das Grau.... es kommt. Ihr müsst euch beeilen!“ Trelawneys Stimme veränderte sich, wurde lauter. Snape hatte Hermine nun vor sich, griff sich das Seil was ihn an Harry band und welches lockerer geworden war, je näher sie ihm kamen. Er wickelte es um sie und verknotete es hinter ihr.
Sich umsehend bemerkte er, dass er fast die Mitte des modernden Foyers erreicht hatte und nicht mehr am Rand stand, an dem er angekommen war. Hermine war gute zweihundert Meter von ihm entfernt, Snape noch mal hundert dahinter. Sich das Seil schnappend, welches um seine Hüfte gebunden war, begann er hektisch daran zu ziehen und versuchte nebenbei wieder zurück zu seinem Ausgangspunkt zu gelangen. Es war, als würde er durch einen Albtraum marschieren.
Was immer sie durch den Korridor gejagt hatte war näher gekommen, zischte wie verrückt, ganz so wie der Dampf, den eine Lokomotive ausstieß. Harry spürte wie sich die Luft um sie herum bewegte, als ob sie aus dem Korridor geschoben wurde - ein übler Geruch aus Fäulnis und Tod schwappte feucht und kalt über ihn hinweg. Er fühlte sich plötzlich wie zu Eis erstarrt und er bemerkte, dass Snape und Hermine sich immer langsamer bewegten. Die Luft schien sich zu verdicken und die Wände um ihn herum schienen vor seinen Augen zu schmelzen und etwas Dunkles und Unaussprechliches schien daraus hervorzusickern. Der durchdringende Geruch von Kupfer schlug ihm auf den Magen wie ein Bleigewicht.
Der Korridor, aus dem Snape und Hermine kurz zuvor aufgetaucht waren, klaffte mit einem unmenschlichen Heulen weit auf, dehnte sich aus, als wolle er das Paar einholen. Ein seltsam abschreckendes, silbriges Licht schien aus seinem Mund zu leuchten, glitt wie scharfe Finger aus Eis über den Boden und die Wände, ließ alles unter seiner Berührung grau werden. Tausende Stimmen redeten wild durcheinander, ´er hat uns ausgetrickst, er hat uns ausgetrickst, er hat uns ausgetrickst... müssen ihn fangen, müssen ihn fangen, müssen ihn fangen, müssen ihn fangen...´
Harry zog jetzt noch kräftiger, als ob durch reine Willenskraft Hermine direkt in seine Arme apparieren würde. Er konnte sehen, dass sie weinte, ihre Tränen gefroren auf ihrem Gesicht, während ihr Haar wild hinter ihr her flatterte. Der Fluch - wie Harry jetzt erkannt hatte - gewann an Boden.
Hermine kämpfte sich weiter vorwärts, als es passierte. Snape hatte aufgehört sich zu bewegen, stattdessen drehte er sich zu dem gesichtslosen Ding, welches sie so unerbittlich jagte. Harry beobachtete schockiert, wie der ältere Mann in seinen Gehrock griff und einen Dolch herauszog, der golden in der Dunkelheit glänzte und zerschnitt das Seil an seiner Taille.
Das Ergebnis kam prompt - der Fluch begann wie triumphierend zu zischen und zu gackern und Hermine stürzte so plötzlich nach vorne, dass sie Harry fast zu Boden warf, als sie auf ihn traf.
Der Schlamm um sie herum verschwand doch das Foyer blieb kalt und verrottet, als ob es seinen Atem anhalten würde. Harry ignorierte es und zog Hermine in seine Arme, lachte und umarmte sie fest, ´Hermine, oh Hermine!´
´Verschwindet, verflucht noch mal!´, schrie Snape sie an, während er über den Boden rannte, seine Glieder plötzlich genauso frei wie ihre.
´Nicht ohne dich!´, brüllte Hermine zurück, ´Beeil dich, Severus, beeil dich!´
Hinter ihm war das Grau seltsamerweise plötzlich verschwunden.
Harry konnte Trelawney jetzt schreien hören, „Komm da raus Severus! Ich kann nicht sehen... Ich verliere deine Farben, komme jetzt raus!“
Snape brüllte so gut er konnte, ´Renn Potter! Schnapp sie dir und verschwinde von hier!´
Harry tat genau das - er warf sich Hermine praktisch über seine Schulter und bewegte sich so schnell er konnte auf die Eingangstür des Foyers zu. Hermine trat und kratzte und wand sich wie eine wilde Katze und er ließ sie unter der Kraft ihres Protest fast fallen.
´Severus!´, schrie sie, ´Severus!´
Harry hatte Angst davor sich umzudrehen und hinzusehen. Die Stimmen waren wieder da, schienen aus jeder Ecke zu flüstern, lachten über ihren Triumph, ´wir haben ihn, wir haben ihn, wir haben ihn...´
´Geh raus, Potter! Bring sie hier raus!´
´Harry lass mich runter! Severus! Severus!´, Hermine weinte jetzt. ´Lass mich runter Harry. Ich kann ihn retten - ich kann ihn retten!´
´Ich kann nicht´, keuchte Harry, ´Ich habe ihm versprochen, dich hier raus zu bringen.´
´Harry Potter, wenn ich deine Freundin bin - wenn du mich liebst - lässt du mich runter.´ Ihre Stimme war rau und atemlos vom schreien, ´Ich kann ohne ihn nicht leben. Ich werde es dir nie verzeihen, wenn du mich nicht gehen lässt.´
´Du kannst mich haben, du blutrünstiges Biest!´, hörte er Snape brüllen, ´Nur lass sie in Ruhe und lasse sie gehen! Potter! Geh raus- bring sie hier raus!´
´Hermine -´ Harry weinte jetzt selbst. Er hatte es zu seinem ursprünglichen Eintrittsort geschafft. Er konnte die anderen in Hermines Räumen warten sehen, als er hinaussah.
Albus und Nettie standen nebeneinander und hielten sich an den Händen, während sie auf Snapes Gestalt starrten, der Hermine noch immer fest an den Händen hielt und über ihrem Schoß zusammen gesackt war. Er konnte sein eigenes Gesicht sehen, Tränen rannen aus seinen Augen, die vor Angst weit offen waren. Hinter ihm murmelte Trelawney laut, „Ich kann nur zwei von ihnen sehen; die dritte wurde überlagert...“
´Er möchte das tun, Hermine´, sagte Harry, ´Er möchte dich retten.´
´Und ich möchte ihn retten´, antwortete sie gebrochen. ´Bitte, Harry. Ich weiß, dass ich ihn hinaus bringen kann. Ich WEIß es. Doch wenn ich das hier einmal verlassen habe, werde ich nicht zurück kommen können - ist die Verbindung einmal unterbrochen, ist er verloren.´
Harry sah noch einmal in den Raum hinaus, ehe er Hermine herunterließ und ihre Schultern fest umfasste, sich sehr bewusst, dass die Zeit davonlief und dass er jeden Moment herausgeschleudert werden würde. Wenn er sie dann noch immer festhalten würde, würde sie frei sein.
Die grauen Seile waren wieder aufgetaucht, während sie ihnen den Rücken zugewandt hatten und hatten Snape fast vollständig in ihrer Gewalt, sie wickelten seinen Körper in einen dicken Kokon und schienen das Leben aus dem Inneren des Raumes herauszusaugen. Hin und wieder konnte Harry ein goldenes Messer aufblitzen sehen, doch er wusste, dass Snape einen aussichtslosen Kampf führte.
´Hermine ich kann dich nicht verlieren - ich kann es nicht!´
´Doch du wirst es sowieso, wenn du mich nicht gehen lässt. Ich schwöre dir, ich werde nie wieder mit dir reden, Harry.´
Harrys Augen weiteten sich und glänzten von Tränen. ´Kannst du... Glaubst du wirklich das du ihn retten kannst?´
´Ich weiß, das ich es kann´, antwortete sie, ´Genauso wie er mich gerettet hat. Habe ich dich jemals angelogen, Harry? Vertraue mir... Ich muss ihn zurückholen...Bitte, bitte... Ich kann ihn nicht verlassen...Ich liebe ihn, Harry!´
Als er sie ansah, ihr in ihr tränenverschmiertes Gesicht sah, die Panik in ihren Augen sah, da wusste Harry, dass er sie gehen lassen musste. Er liebte sie und sie zu lieben bedeutete zu wollen was sie wollte - und sie wollte Snape. Er war sich nicht sicher, ob sie zu ihm gelangen und ihn zurück bringen konnte, doch er wusste, dass er nicht das Recht hatte sie aufzuhalten. Hier ging es nicht um ihn oder seine Bedürfnisse - hier ging es um Hermine. Und sie liebte Snape. Den fetthaarigen Bastard. Severus.
Snape wurde jetzt, sich immer noch schwach wehrend, zurück in den Korridor gezerrt, aus dem er Hermine geholt hatte, was Stunden her zu sein schien.
´Versprich mir, dass du wieder kommst, Hermine. Versprich es mir!´
´Ich verspreche es, Harry´, erwiderte sie. Ihre Stimme war genauso lieblich wie in seinen Erinnerungen, ´Wir beide werden es.´
Harry zog sie in eine feste Umarmung und küsste sie auf ihren Kopf. Er konnte die Tränen nicht aufhalten die aus seinen Augen strömten und er versuchte nicht sie zu verstecken.
Hermine umarmte ihn schnell und küsste seine Wange, ehe sie sich von ihm abwendete und hinter Snape herrannte. ´Ich sehe dich bald wieder, Harry. Ich verspreche es!´
´Ich liebe dich, Hermine. Ich habe immer nur gewollt, dass du glücklich bist´, sagte Harry, als er sie gehen ließ. Tief im Inneren seines Herzens wusste er, dass er wirklich Lebewohl sagte.
Harry blieb dort stehen solange er konnte, sah zu, wie sie im Korridor verschwand und sein Herz zerbrach genauso, wie an dem Tag auf dem Schlachtfeld.
´Hermine´, flüsterte er. Die Welt um ihn herum flackerte und er wurde zurückgeschleudert, rauschte kopfüber den schwarzen Tunnel entlang, den er genommen hatte, um sie wieder zu finden.
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