
von Hoppenstedt
Seit mehreren Stunden saß Amber jetzt hier im Wohnzimmer. Sie hatte sich an seinem Bücherschrank bedient und einige interessante Titel herausgesucht. Während sie in den alten Schmökern blätterte, sah sie immer wieder besorgt zu Severus hinüber. Der Professor schlief unruhig, aber wenigstens schlief er.
Er hatte nur leichtes Fieber, wahrscheinlich vor Erschöpfung. Aber das konnte nicht der Grund für seinen unerholsamen Schlaf sein. Wahrscheinlich träumte er schlecht.
Aber dagegen konnte Amber im Moment nichts tun. Sie hatte ihn schon mit diversen Tinkturen und Kräutern behandelt. Dadurch wäre ein Traumlos-Schlaftrunk mit der Intensität, wie der Slytherin sie besaß, erstens zuviel. Zweitens vermutete sie bei seinen Vorräten an eben jenem Trank, dass er davon sowieso zu häufig nahm. Und drittens konnte sie einem Schlafendem schwerlich etwas einflößen.
In diesem Moment hörte sie ein leises Rauschen aus dem Kamin. Nur Sekunden später stand ein besorgter Albus Dumbledore, sich den Staub von der Robe klopfend, im Raum. Amber hatte ihn gebeten, noch vor Unterrichtsbeginn in den Kerkern zu erscheinen.
"Was ist mit ihm?" begrüßte dieser nun die Hexe.
"Er schläft. Die Verletzungen waren schlimm." erklärte sie bedrückt.
"Darf ich sehen?" fragte der Schulleiter.
Amber nickte und setzte sich auf den Rand des Sofas. Vorsichtig zog sie dem Tränkemeister die Decke vom Oberkörper und lüftete den Verband etwas, damit Dumbledore sich ein Bild machen konnte. Kritisch prüfte der alte Zauberer mit der Hakennase die Verletzungen und sah Amber dann ernst an:
"Was schlägst du vor?"
"Er muss sich ausruhen und sollte auf jeden Fall liegen bleiben."
"Das wird nicht einfach werden. Um Severus davon abzuhalten seinen Unterricht durchzuziehen, müssten wir ihn ans Bett fesseln." blitzten blaue Augen.
"Klingt gut," grinste Amber, wurde dann aber wieder ernst. Sie hatte eine noch bessere Idee: "Ich habe da einen hervorragenden Trank, völlig geschmacks- und geruchslos. Aber mit großer Wirkung. Er wird schlafen bis - wann ist der Unterricht zu Ende?"
"Halb vier."
"Dann bis um drei." lächelte sie. In Sachen Heilkunde und Heiltränke machte ihr niemand etwas vor. Auch kein Severus Snape.
Genau dieser regte sich nun und schien aufzuwachen. Amber suchte rasch die passende Phiole und goss sie in ein Glas, während Dumbledore sich für seinen Spion unsichtbar im Hintergrund verbarg.
Müde blinzelte Severus schließlich. Eine Person saß vor ihm. Nur verschwommen nahm er ihre Konturen wahr. "Wie spät ist es, Albus?" flüsterte er kraftlos.
"Albus ist nicht hier. Er schläft. Es ist drei Uhr Nachts." log Amber. In Wirklichkeit war es kurz vor sieben. Bald würde die erste Stunde beginnen. Zum Glück waren die meisten Schüler jetzt bereits in der großen Halle zum Frühstück, sodass der Hauslehrer der Slytherins nicht durch hunderte trappende Schülerschritte irritiert werden konnte. "Trink etwas. Davon wird es besser." sagte sie leise und hielt ihm ein Glas hin.
Trotz seiner Mattigkeit roch der Tränkemeister kurz an dem Getränk, bevor er es an seine Lippen ließ. Das war seine Gewohnheit. Welch schlechten Eindruck würde man schließlich von ihm und seiner Arbeit (oder vielmehr Passion!) bekommen, wenn er sich als Meister der Zaubertränke vergiften ließe! Allerdings befand sich nichts Tödliches in dem Glas. Es war nur Wasser.
Dennoch schien es zu wirken. Für einen Moment wurde sein Blick klarer bis - er das Bewusstsein verlor.
"Mission erfüllt!" triumphierte Amber und deckte den Schlafenden sorgfältig zu. Albus kam unterdessen aus seiner Ecke und setzte sich zu ihr. Einige Minuten schwiegen beide.
Schließlich brach der Schulleiter die Stille: "Habt ihr euch ausgesprochen?"
"Nein. Aber... ich weiß jetzt, dass Severus kein Verräter ist." gab Amber geknickt zu. "Ich werde mich bei ihm entschuldigen, wenn es ihm besser geht."
"Das ist gut. Damit nimmst du ihm eine große Last. Auch wenn Severus es nicht zugeben würde, aber er leidet darunter." erklärte der Schulleiter der jungen Hexe, in deren Augen sich mittlerweile Tränen gesammelt hatten.
"Ich wollte das nicht, Albus... ich wusste doch nicht..." begann sie mit Blick auf den Schlafenden zu schluchzen, bis sie sich wieder gefangen hatte: "Warum vermutet Voldemort, dass Severus ihm nicht treu ergeben ist?" brachte sie schließlich gefasster hervor.
"Ich kann nur spekulieren. Severus hat in letzter Zeit einige... Probleme," gab Albus nach einigem Nachdenken zu. "Ich befürchte, er ist nicht hundertprozentig konzentriert. Das kann ihm schnell zum Verhängnis werden. Tom Riddle nutzt jede Schwäche und es macht ihm Spaß. Deswegen sollst du auf Severus aufpassen. Ich würde ihn sonst nicht mehr zu den Treffen lassen. Das ist es nicht wert."
Amber nickte und wischte sich dann mit einem Taschentuch, welches ihr Dumbledore gegeben hatte, über die Augen. "Wenn ich dich jetzt fragen würde: ´Was für Probleme?` würdest du mir nicht antworten, richtig Albus?" Ein Nicken des Schulleiters folgte. "Und meine andere Aufgabe? Sollte ich Severus nicht einweihen?"
"Nein. Ich möchte nicht, dass zuviel Wissen in einer Person zusammenläuft. Das heißt nicht, dass ich euch nicht vertrauen würde-" warf der Schulleiter ein, als er Ambers erbosten Blick sah. "Wenn du etwas Neues weißt, melde dich bei mir." schloss Dumbledore dann seinen Monolog.
Erneutes Schweigen entstand, bevor Albus fragte: "Möchtest du gehen?"
"Nein. Ich warte, bis er aufwacht. Ich möchte mich entschuldigen." flüsterte Amber nur.
"Das ist gut. Für die Sache mit dem Schlaftrunk machst du aber bitte mich verantwortlich. Ich weiß, wie böse Severus werden kann." lächelte Dumbledore verschmitzt.
"Kommt nicht in Frage. Ich hab den Trank entwickelt und gebraut. Die Lorbeeren-" und dabei musste sie lachen, "werde auch ich ernten."
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