Was im Verborgenen liegt - Bleib...
von Alex2303
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„. . . Möchtest du etwas trinken?“, hauchte er ihr sanft ins Ohr, worauf sie verträumt aufblickte und so wieder in seine blauen Augen schaute. Sie lächelten, genauso wie seine Lippen, sodass sie nickte und sich ein wenig wehmütig von Ben löste.
Sie merkte jetzt erst, dass die Band gar keine so ruhigen Songs mehr spielte, sondern vermehrt zu poppigeren Sachen übergegangen war. Noch ein Grund mehr die Tanzfläche vorübergehend zu räumen. Nur ließ sie Ben nicht ans Buffet treten, sondern zog ihn stattdessen zu ihrem Tisch. Als sie sich diesem näherten, glaubte sie einen leichten Widerwillen in seinem Griff zu spüren. Scheinbar wollte er nicht mit anderen in Kontakt kommen, doch wollte sie ihn wenigstens mit Ginny bekanntmachen.
„Ich würde dir gerne meine beste Freundin vorstellen, auch wenn du sie vielleicht schon kennst“, schmunzelte sie, worauf er knapp nickte, sodass Hermione weiter meinte: „Sie hat mich erst dazu ermutigt, dir zurückzuschreiben und. . . Na ja, sie würde dich auch gerne persönlich kennenlernen“, lächelte sie ihn aufmunternd an, worauf er jedoch leicht seufzte.
Er wollte wirklich nicht, stellte sie so nochmal deutlich fest, allerdings meinte er dann: „Na dann sollte ich mich bei ihr für ihre Hilfe bedanken.“ „Wenn du das willst?“, schmunzelte Hermione, wo er kurz überlegte dann aber nickte. Keine Minute später waren sie an ihrem Tisch, an dem der Rest der Vier auch gerade anwesend war. Und die spitzten alle ungemein auf Hermiones Begleiter. Ginny grinste freudig, je näher sie ihnen kamen.
„Na, hallo“, begrüßte sie die Beiden, kaum dass sie an ihrem Tisch waren, und musterte Ben interessiert von oben bis unten. Ihr Grinsen wurde so immer breiter, während Hermione alle vorstellte, wenngleich sie sich ziemlich sicher war, dass Ben bereits alle kannte, so wie er ja auch sie kannte.
Als sie ihm auf Harry wies, meinte sie etwas in Bens Augen aufblitzen zu sehen, was sie nicht wirklich einordnen konnte. Nicht zuletzt auch, da dieser Ausdruck so schnell wieder verschwand, wie er gekommen war. Ginny richtete sich dann auch gleich an ihre Freundin.
„Doch kein Eisprinz“, schmunzelte sie, in was Hermione einstimmte. „Merlin sei Dank.“ Ben kam jedoch nicht ganz mit und sah die beiden Mädchen stutzig an. „Eisprinz?“ „Hm? Ach nichts weiter. Hermione und ich haben die letzten Wochen nur gerätselt, wer du sein könntest. Wir haben uns dann wirklich jeden aus der Schule vorgestellt, auch wenn die Kombi nicht einmal dann passen würde, wenn die Hölle zufriert“, lachte der Rotschopf. Ben war auf die Erklärung hingegen neugierig geworden.
„Was war denn das Verrückteste?“ „Der Eisprinz persönlich“, griente Ginny, was ihn allerdings mit der Stirn runzeln ließ. Es war deutlich zu erkennen, dass er mit der Bezeichnung nicht unbedingt etwas anzufangen wusste, sodass Ginny ihm die entsprechende Person zeigte.
„Siehst du dort drüben bei den Slytherins den Blonden?“ „Malfoy?“, stutzte Ben, was Ginny abnickte und weiter meinte: „Der Eisprinz. Das war das Verrückteste. Aber wie gesagt, vorher friert die Hölle zu“, lachte Ginny, während es Hermione, auf den Gedanken, eiskalt den Rücken runter lief. Ihr Blick huschte dann auch mal kurz zu besagtem Slytherin, an dem Parkinson mal wieder wie eine Klette hing, was Malfoy, dem Blick nach, ziemlich zu nerven schien.
Schließlich sah er auf und schaute direkt in ihre Richtung, sodass sie ganz schnell den Blick abwandte und sich leicht zittrig über den Oberarm rieb. Allein die Vorstellung, sich länger als nötig in seiner Nähe aufhalten zu müssen, ließ sie erschaudern, was man auch sah. Sie bekam Gänsehaut.
„Alles okay?“, fragte Harry. Hermione nickte und meinte: „Ja. Es war bloß der Gedanke das. . .“, schüttelte sie sich, wo Ginny sie gleich zu beruhigen wusste. „Hey, ist doch alles super! Kein Eisprinz und auch so kein Dunkler. Oder?“, sah sie lauernd zu Ben, der Hermione, aufgrund ihrer Gänsehaut, mehr zu sich genommen hatte.
„Sollte ich?“ „Ich weiß es nicht. Aber ein bisschen mysteriös bist du schon. Du scheinst wirklich alles von und über unsere Mione zu wissen und trotzdem kennt sie dich nicht.“ Es war recht deutlich zu erkennen, dass Ginny ihn mit dieser Frage ein wenig aus der Reserve locken wollte, um zu sehen, ob er sich nicht vielleicht verriet. Doch er schwieg beharrlich. Ja er lächelte sogar etwas geheimnisumwoben.
„Vielleicht. Es kommt ja auch ganz darauf an, was genau du darunter verstehst?“, gab er Ginny schließlich überlegt zurück, die zustimmend nickte. „Gut gekontert.“ „Nicht wahr?“
Die Sechs unterhielten sich letztlich noch ein wenig, wo Harry dennoch misstrauisch blieb, und versuchte, irgendetwas aus Ben herauszuholen. Am Ende fing er sich, für sein Gefrage, einen warnenden Blick von Ginny ein, die ihn kurzerhand mit sich nahm, damit er Hermione den Abend nicht ruinierte. Immerhin hatte ihre Freundin ein bisschen Spaß und Glück verdient, nach dem ganzen Zirkus der letzten Wochen.
Ben seinerseits war nicht weniger froh darüber, als Ginny mit Harry verschwand und er sich so wieder ungestört der Löwin widmen konnte, die er bei nächster Gelegenheit nochmal zum Tanzen aufforderte.
Hermione glaubte kaum genug von dem jungen Mann bekommen zu können, der etwas ungemein Anziehendes auf sie hatte. Auch schlug ihr das Herz merklich aufgeregt, als die Musik noch etwas leiser, wie auch ruhiger wurde und sie ihm damit noch näher kam. So nah, dass kein Blatt Pergament mehr zwischen sie gepasst hätte. Sie spürte dadurch überdeutlich die muskulöse Brust unter dem Smoking, an die sie ihre Hände kurz legte, bevor diese in seinen Nacken wanderten und sie unwissentlich ein wenig mit seinen Haaren spielte.
Bens Hände lagen eine Zeit lang auf ihren Hüften, bevor sie nach hinten auf ihren Rücken glitten und er sie über diesen noch mehr zu sich zog, sodass sie gänzlich diesen verführerischen Duft in sich aufnehmen konnte. Sie wünschte sich mit jeder Minute mehr, diese Nacht möge nie enden. Irgendwann richtete sich Ben dann aber leise an sie. Die Lippen an ihrem Ohr, flüsterte er sanft hinein.
„Lass uns ein bisschen spazieren gehen.“ Daraufhin nickte sie wie in Trance, bevor sie relativ ungesehen die Große Halle verließen und ein wenig durch die Gänge des Schlosses liefen. In der Nähe des Hofes hielt Ben sie sanft fest, sodass sie sich zu ihm drehte.
„Was ist?“, lächelte sie, doch ihr Gegenüber wirkte leicht schwermütig, was sie zu irritieren begann. „Was ist denn los?“, fragte sie nochmal. Nun ein wenig verwirrt aber auch unsicher. „Es tut mir leid, aber ich muss langsam gehen“, gestand er ihr, worauf sie große Augen bekam.
„Wie, gehen? Ich mein. . . Es ist doch noch gar nicht so spät.“ „Sie werden die Feier aber sicherlich bald beenden und ich . . . ich kann dann leider nicht mehr länger hier bleiben.“ „Was? Warum nicht? Ich. . . Du bist doch auch hier Schüler“, versuchte sie ihn irgendwie zum Verweilen zu bewegen, doch er lächelte gedrückt.
„Ich kann wirklich nicht, Hermione. Es tut mir leid.“ „Aber. . .“ Zu mehr kam sie nicht, da er sie wieder zu sich zog und ihr Gesicht in die Hände nahm, was ihr das Herz mit einem Mal bis sonst wohin schlagen ließ. Kurz darauf beugte er sich zu ihr und gab ihr einen sanften Kuss auf die Stirn, bevor er flüsterte: „Danke für den wunderschönen Abend.“ Damit wollte er gehen, doch sie ließ ihn nicht los.
„Ben, warte!“, rief sie, zog ihn zurück und sah ihm fest in die Augen. „Wenn du gehen musst, dann. . . Bitte sag mir doch, wer du bist? Wo ich dich finde?“ „Du kannst mich nicht finden.“ „Warum nicht?“, flüsterte sie. Sie verstand es nicht. Wollte es ja nicht einmal verstehen, sodass er kurz überlegte, bevor er versuchte, ihr zu erklären.
„Du kannst mich nicht finden, weil ich für dich nicht existiere.“ „Was? Aber . . . aber du bist doch hier“, probierte sie es mit Logik, denn sie hielt ihn noch immer bei der Hand, die weich, warm und allen voran lebendig war.
„Ich bin hier, ja. Aber leider nicht so, wie ich es mir wünsche.“ „Was?“ „Hermione, ich. . . Ich bin ein Schatten. Ein Schatten Hogwarts’.“ „Was?“, verstand sie auch weiter nicht, sodass er erneut nach den richtigen Worten und damit einer Erklärung für alles suchte.
„So wie ich heute bei dir bin, existiere ich nicht. Nicht für dich, noch für irgendjemand anderen. Ich sehe und höre alles, besonders dich, werde aber von niemandem wirklich bemerkt als das was ich bin. Auch nicht von dir. Du kannst mich nicht sehen, weil du es nicht darfst!“ „Was?“, flüsterte sie zittrig, da es sie immer mehr verwirrte. Zeitgleich machten sich ihre Finger ein wenig selbstständig und drohten letztlich seine Maske zu berühren, um sie ihm abzunehmen. Doch bevor sie dazu kam, hielt er ihre Hand fest auf die er ihr, wie schon zu Beginn des Abends, einen Handkuss hauchte.
„Ich weiß, es ist für dich im Moment nicht zu verstehen. Aber so wie es im Augenblick ist, ist es für alle das Beste. Allen voran für dich. Ich verspreche dir, dass ich dir alles erklären werde, wenn wir uns das nächste Mal sehen.“ „Wann?“, zitterte ihre Stimme auf seine Worte, womit in seine Augen etwas bitterlich Trauriges trat.
„Ich weiß es nicht. Ich wünschte mir ja auch lieber heute als morgen, nur sieht die Realität leider anders aus. Zu Dunkel. Wenn das alles vorbei ist. . . Wenn sich mir die Möglichkeit bietet, dich in einer friedlichen Zeit wiederzusehen, dann werde ich dir alles erklären. Alles was du wissen willst. Ich verspreche es. Und bis dahin. . . Sei vorsichtig und pass gut auf dich auf. Lass dich von . . . Harry beschützen. Ich will hoffen, dass er das hinbekommt“, lächelte er matt und drehte sich schließlich zum Gehen um. Hermione spürte ihr Herz auf diese Regung jedoch sehr eigenwillig schlagen, fast so, als protestierte es vehement dagegen, ihn so ohne weiteres ziehen zu lassen.
„Ben!“, rief sie. Er zögerte kurz, ging dann aber weiter. Allerdings hatte Hermione inzwischen die Kraft gefunden, einen Fuß vor den anderen zu setzen und war damit erneut bei ihm. Sie hielt ihn bei der Hand fest, sodass er den Blick auf sie legte, wo sie ihn mit leicht feuchten Augen ansah, was ihn zu quälen begann. Doch noch bevor er ihr etwas sagen, geschweige denn reagieren konnte, hatte sie sein Gesicht in die Hände genommen, sich auf die Zehenspitzen gestellt und ihre Lippen in einem Kuss auf seine gelegt.
Sie zog sich zu ihm, wo er sie, nach kurzer Überraschung, seinerseits fest umschlang und ganz nah bei sich hielt. Er vertiefte ihren Kuss, während Hermiones Hand wanderte und sich schließlich in seinen Haaren verlor, durch die sie ungestüm wühlte. Mit ihrer anderen strich sie ihm sanft mit den Fingerspitzen über die Wange, als sich in ihrem Innern ein unbeschreibliches Kribbeln ausbreitete. Es war ein heißes Feuer, was ihren Körper und Geist in Brand setzte, sodass sie das Gefühl hatte zu schweben.
Ihr war es, als würde sie mit ihm allein auf dieser großen, weiten Welt existieren. Nur sie beide, wie sie dieses unvergleichliche Gefühl miteinander teilten. Eines, was sich viel zu schnell im Nichts verlor, als ihr zunehmend der Sauerstoff ausging und sich ihre Lippen in einem leicht zittrigen Seufzen von seinen lösten. Es war ein Seufzen, was auch ihm entwich, bevor sein Blick in dem ihren versank.
Er hielt sie noch immer fest und sah ihr tief in die braunen Augen, genauso wie sie ihm in die Blauen sah. Hermiones Hand glitt dabei aus seinen Haaren, wo sie mit den Fingerspitzen über sein Gesicht und die Wange strich. Sie verweilte nur kurz dort, bevor sie ihren Weg weiter über seinen Hals bis zu der kräftigen Brust ging, wo sie über seinem Herzen liegen blieb, welches wahnsinnig aufgeregt schlug. Genauso wie das ihre. Nebenher hatte sie auch die kleine Rose an seinem Kragen gestreift, die plötzlich nicht mehr in ihrer Knospe verschlossen war, sondern gänzlich aufgegangen nun in voller Blüte stand.
„Ich. . .“, brachte sie zitternd hervor. Sie wollte ihm etwas sagen. Sagen, er solle bei ihr bleiben. Dass es doch egal war, was kam oder war. Ihr war es egal. Alles. Nur er nicht. Sie wollte ihn bei sich haben. Sie wollte nicht, dass dieser Abend ein Ende nahm und er, wie er sagte, damit wohl wieder im Nichts verschwinden würde, bis die Zeiten sicher schienen. Nur würden sie das je?
Sie standen kurz vor einer Katastrophe, wie Hermione wusste. Die Meldungen um die Death Eater nahmen von Tag zu Tag schlimmere Ausmaße an, sodass inzwischen niemand mehr verleugnen konnte, dass ER tatsächlich zurückgekehrt war. Genauso wie Harry es Ende des Vierten so bitter gesagt hatte. Die Zeiten waren Dunkel. Zu Dunkel, weswegen sie gerade deshalb jetzt an diesem Lichtblick festhalten wollte, der er ihr in den vergangenen beiden Wochen geworden war. Sie wollte ihn halten. Er sollte bleiben.
„Bitte. . . Geh nicht“, flüsterte sie beinahe so leise, dass man es kaum hörte. Ben hatte es aber vernommen und sah sie wieder tieftraurig an. Doch anstatt ihr eine Antwort auf ihre Bitte zu geben, beugte er sich mehr zu ihr und legte stattdessen seine Lippen auf ihre.
Sein Kuss war weniger stürmisch wie der ihre, dennoch war es Hermione so, als drohte sie an den weichen Lippen, die ihre so verführerisch und sanft umschmeichelten, wie Schokolade in der Mittagshitze wegzuschmelzen.
Sie schmeckte ihn, seine Lippen und sein Aroma, was sich unvorstellbar in ihren Geist einbrannte. Es war ein Gefühl, was sie noch nie zuvor gefühlt hatte und so schnell wohl auch nicht mehr fühlen würde. Das Gefühl einer so tiefen Zuneigung und Verbundenheit, dass es doch nur Liebe sein konnte.
War das möglich? Hatte sie sich, in den letzten Wochen, seit sie ihm schrieb, angefangen in diesen rätselhaften, ihr unbekannten jungen Mann zu verlieben? Es musste, denn anders konnte sie sich nicht mehr erklären, was gerade in ihrem Innern vor sich ging. Genauso in ihrem Kopf, in dem ein heilloses Chaos herrschte. Sie konnte nicht mehr klar denken, da nur dieser eine Gedanke da war. Nämlich ihn festzuhalten. Nicht nur jetzt, sondern generell.
Jedoch löste er nach einer kleinen, gefühlten Ewigkeit seine Lippen von den ihren, die sich erneut an ihr Ohr legten, in welches er ihr überglücklich aber auch irgendwie traurig hinein flüsterte.
„Ich danke dir. Für alles. Wir werden uns wiedersehen. Ich verspreche es. Ich werde alles dafür tun, dich wiederzusehen. Auch wenn es 100 Jahre dauert. Und bis dahin. . . Pass auf dich und dein Herz auf.“ Damit wanderten seine Lippen nochmal kurz an ihre Stirn, bevor er sich nun wirklich von ihr löste, umdrehte und um die nächste Ecke huschte.
Hermione war noch für einen Augenblick wie erstarrt, bevor sie aus allem aufwachte „BEN!“ und ihm erneut hinterher eilte. Sie trat keine fünf Sekunden nach ihm um die Ecke, um ihn aufzuhalten. Doch der Gang, in den sie nun blickte, war leer. Nicht einfach nur leer, nein. Er schien ihr völlig verwaist.
„Ben?“, rief sie nochmal. Diesmal jedoch leise, wie auch immer trauriger werdend. „Komm zurück“, flüsterte sie am Ende nur noch, doch nichts passierte. Sie blieb allein in dem dunklen, kalten Gang, wo ihr irgendwann zwei einzelne Tränen über die Wangen kullerten.
Er war wieder weg. Verschwunden im Nichts wie ein Schatten. Genauso, wie er gesagt hatte. Dass er nur ein Schatten wäre. Aber sie hatte das doch alles von ihm gespürt. Diese warmen Hände, mit denen er sie gehalten hatte. Seinen warmen Körper, an den sie sich während des Tanzens geschmiegt hatte. Seine sanfte Stimme, die zu ihr gesprochen hatte. Am stärksten war das Gefühl dieser sanften, weichen Lippen, mit denen er sie gleichermaßen sinnlich, wie auch zärtlich geküsst hatte.
Verdammt, das alles konnte doch nicht nur Einbildung gewesen sein? Er musste als Mensch existieren, nur tappte sie, was seine wahre Gestalt anging, genauso im Dunkeln wie zuvor.
Erst als es sie irgendwann verstärkt zu frösteln begann, an diesem düsteren ersten Novembermorgen, begab sie sich geschlagen und frustriert zurück in die Große Halle. Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie alleine in dem dunklen Gang gestanden hatte. Hoffend darauf, dass er vielleicht wieder auftauchte und sie erneut in die Arme nahm. Doch er war verschwunden geblieben und damit vermutlich auch schon meilenweit weg.
Als sie die Halle betrat, hatte sich diese inzwischen stark gelichtet, was eigentlich kein Wunder war, denn es war fast 4:00 Uhr morgens. Die meisten Schüler waren mittlerweile im Bett. Nicht so ihre vier Freunde, die auf sie warteten und doch recht verwirrt auf sie sahen, als sie alleine und zudem extrem niedergeschlagen zurückkam.
„Wo ist Ben?“, fragte Ginny, worauf Hermione sehr leise und unendlich traurig „Weg“ murmelte. „Wie . . . wie jetzt?“, stammelte Neville, als Hermione sich auf einen der Stühle plumpsen ließ und auf ihre Hände sah, die in ihrem Schoß lagen, und anfingen an ihrem Kleid zu nesteln. „Was war denn?“, setzte sich Ginny zu ihr und hielt letztlich ihre Hände fest. Ihre Freundin sah aber nicht auf, als sie ihr erklärte.
„Er sagte, er müsste wieder gehen. Er . . . er könnte nicht bleiben“, schniefte sie leise, wo ihr nun auch etwas die Tränen in die Augen traten. „Aber warum?“, fragte Ginny, da sie es genauso wenig verstand wie Hermione.
„Ich weiß es nicht. Er meinte, es geht wohl nicht wegen . . . wegen der Dinge, die sind.“ „Was meinst du?“, stutzte Neville.
„Wegen der ganzen Scheiße, die gerade passiert“, schniefte sie abermals und sah bitter zu ihm auf. „Wegen den Death Eatern und . . . und IHM. Ich weiß nicht, aber ich glaube, er weiß sehr genau, was da noch kommt. Ich hab ja auch etwas mehr wegen dieser Dinge mit ihm geschrieben. Immerhin. . . Im Daily Prophet stehen ja auch ständig neue Meldungen.“ „Leider“, knurrte Harry, während Luna ein etwas ungewöhnlicher Gedanke kam.
„Vielleicht ist er ja Mitglied eines Geheimbundes und versucht die Death Eater auszuspionieren?“ „Oder er steckt mit denen unter einer Decke“, mutmaßte Harry, worauf Hermione ihn ein entsetzt ansah.
„Das meinst du nicht ernst?“ „Möglich ist alles und wenn er. . .“ „Das ist bescheuert, Harry“, fiel Ginny ihm sofort ins Wort, zu der Hermione erleichtert sah, da sie sehr fest von ihrer eben gemachten Aussage überzeugt schien, die sie auch noch zu bekräftigen wusste.
„Er gehört ganz sicher nicht zu denen. Wenn doch, warum sollte er sich dann so sehr um Hermione kümmern?“ „Vielleicht, um uns auszuspionieren? Damit du ihm vertraust“, meinte Harry und sah zurück zu Hermione, der es wie ein Schlag ins Gesicht war.
„Ich hab ihm nie etwas über unsere Geheimnisse geschrieben, oder auch nur entfernt angedeutet. Es ging immer nur um mich und mein Leben, oder um seines, je nachdem was er mir hat sagen wollen. Wir haben uns nur am Anfang kurz darüber unterhalten, dass das mit den Death Eatern so schlimm geworden ist, weswegen er mir ja die Kette geschickt hat“, brauste sie leicht auf und legte die Hand auf den Engelsflügel, den sie seither unentwegt trug.
„Er ist kein schlechter Mensch.“ „Er zeigt sich dir aber nicht!“, argumentierte Harry. „Und was war das heute?“, hielt Ginny ihn, langsam böse werdend, an. „Genau das mein ich! Du weißt doch nach wie vor nicht, wer er tatsächlich ist. Wer hinter der Maske gesteckt hat. Oder hat er sie draußen abgenommen?“ „Nein“, gestand Hermione ihm etwas bitter, sodass er weiter sprach.
„Siehst du. Er scheint wirklich irgendwas zu verbergen. Und wenn er so ein Geheimnis daraus macht, entschuldige, aber das kann dann doch nur was Schlechtes sein.“ „Du bist gemein!“, warf Hermione ihm auf seine Worte verletzt zu, stand auf und ging. Sie hörte nur noch kurz, wie Ginny mit ihm schimpfte, bevor die Stimmen alle verhallten und sie nur noch ihren eigenen Atem gewahrte, der aufgeregt ging, als sie durch das dunkle Schloss eilte.
Verdammt, warum musste Harry ihr jetzt auch noch ihre Traumvorstellung kaputt machen? Es war doch nicht so, dass sie selbst nicht auch schon derartige Gedanken gehabt hatte. Nur machte es für sie am Ende dennoch nie Sinn. Wenn er mit denen zusammenarbeiten sollte, würde er sich doch nie mit so einer wie ihr abgeben. Einem Schlammblut. Das wär völlig verschroben und unmöglich und. . .
Damit stockte sie, als ihr ein bitterböser Gedanke kam. Nämlich der, dass es wegen der Verrücktheit doch eigentlich schon wieder logisch war. Die Vorstellung allein schien unmöglich, weswegen es dann ja doch möglich war, da niemand diese Möglichkeit als solche in Betracht ziehen würde. Sie hatte es ja auch als Unding angesehen. Bis jetzt. Was aber, wenn es wirklich so war? Wenn er nur zu ihr Kontakt aufgenommen hatte, um ihre Pläne ausspionieren zu können? Wenn er nur so nett tat, damit sie sich in Sicherheit wiegte und nicht über andere Eventualitäten nachdachte? Wenn das alles nur Mittel zum Zweck war? Sie nur Mittel zum Zweck war? Wenn er sie wie eine Marionette benutzte?
Ach verdammt, fluchte sie innerlich. Sie konnte darüber nachdenken, so viel sie wollte, sie kam ja doch zu keinem richtigen Schluss. Es könnte so sein, wie sie gerade so bitter gedacht hatte. Dann konnte es aber auch anders sein, nämlich so, wie sie es sich bisher vorgestellt hatte. Wie sie es sich wünschte.
Er könnte genau das sein, was er ihr heute Abend gezeigt hatte. Er könnte wirklich das empfinden, was er ihr gezeigt und gemeint hatte. Er könnte ein mysteriöser Prinz mit einem vielleicht dunklen Geheimnis sein, so wie Ginny gesagt hatte. Eines, vor dem er sie dann aber schützen wollte.
Vielleicht steckte er ja selbst bis zum Hals in Schwierigkeiten und Gefahr, aus der er versuchte sie rauszuhalten, indem er ihr fern blieb? Sowas in der Richtung hatte er ja angedeutet. Er hatte versprochen, ihr alles zu erklären. Sie wiederzusehen wenn die dunklen Zeiten, die die Death Eater um IHN heraufbeschworen hatten, vorbei waren.
Wenn er sagte, er wollte sie dann wiedersehen und ihr alles sagen, dann konnte er unmöglich denen angehören, womit sie ungewollt auch nochmal Lunas Gedanken durch ging. Nämlich den, ob er vielleicht ein Spion in geheimer Mission war? Dass er nicht sie, den Orden des Phönix, sondern stattdessen die Death Eater versuchte auszuspionieren, um ihre Pläne zu durchkreuzen?
Wenn das auch nur annähernd der Fall war, erschien es ihr nun im Umkehrschluss mehr als logisch, dass er sich nicht in ihrer Nähe aufhalten konnte. Er würde dann ja Gefahr laufen, entdeckt und am Ende vielleicht enttarnt zu werden. Er hatte ihr ja auch geschrieben, dass es furchtbar egoistisch und wohl auch sehr, sehr dumm war, sie zu der Feier einzuladen und zu treffen. Er musste damit scheinbar ein großes Risiko eingegangen sein, immerhin hätte man ihn mit ihr sehen können.
Ja, das erschien ihr durchaus logisch. Es war die logischste Wahrscheinlichkeit aller Wahrscheinlichkeiten die sie durchgegangen war. Mit diesem Gedanken blieb sie irgendwo in einem Gang im Schloss stehen und sah durch eines der Fenster hinaus in den Morgen, der noch weit weg schien. Am Himmel sah sie die Sterne funkeln, wie auch einen großen vollen Mond, der unbedeckt in seinem Weiß auf die Schlossgründe Hogwarts’ herab strahlte.
„Was verbirgst du tatsächlich?“, flüsterte sie schließlich leise. Sie fragte den Mond und die Unendlichkeit der Nacht, die ihr jedoch keine Antwort geben würden. Erst recht nicht auf diese so verwirrende Frage. Auf dieses so stark verwobene Geheimnis.
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„Hermione? Hey, wach auf“, rüttelte Parvati die Brünette bei den Schultern. Hermione wollte aber nicht wach werden, sondern lieber weiter von Ben träumen. Davon, wie sie mit ihm tanzte und ihn letztlich küsste, bevor er ihr entweichen und im Nichts verschwinden konnte.
„Lass mich“, murmelte sie völlig verschlafen, wie auch leicht frustriert und steckte den Kopf unters Kissen. Parvati besah es sich ein wenig spitz, bevor sie recht hinterhältig meinte: „Dann schick ich Hyperion eben wieder weg.“ Damit war Hermione wach, schrak hoch und sah ihre Mitschülerin aus großen Augen an.
„Hyperion?“ „Ja. Er will sich das Päckchen von mir nicht abnehmen lassen. Scheint wohl was Wichtiges drin zu sein“, griente sie, sodass Hermione schnell aus ihrem Bett stolperte und nur einen Moment später den kleinen Kauz auf dem Fenster entdeckte, der von Sophie und Sally neugierig gemustert wurde. Als die Eule Hermione sah, flatterte sie sofort zu ihr hinüber ans Bett und hielt ihr das Bein mit einem, wie Parvati sagte, kleinem Päckchen hin. Dieses nahm sie ihm ab und streichelte den Kauz kurz dankend, wie auch lächelnd, bevor er davon flog. Im Anschluss sah sie auf das Päckchen, Parvati noch immer direkt neben sich, die merklich darauf spitzte, dass Hermione es öffnete. Genauso Sophie und Sally. Lavender guckte als Einzige genervt und verschwand, durch den Krach der Eule geweckt, erstmal im Bad.
Hermione ließ sich davon aber nicht stören. Sollte sie machen was sie wollte. Stattdessen band sie die braune Schnur auf und entfernte behutsam das Papier, wodurch sich das Päckchen plötzlich magisch vergrößerte und knapp 30cm lang wurde, was sie stutzen ließ.
„Komm, mach auf!“, drängte Parvati neugierig, sodass sich Hermione nicht weiter betteln ließ. Nicht zuletzt wollte sie ja auch wissen, was er ihr geschickt hatte. Sie hob den Deckel hoch, unter dem noch etwas weißes Papier zum Vorschein kam, um das eigentliche Geschenk zu schützen. Dieses entpuppte sich als eine einzelne, weiße, dornenlose Rose, die in voller Blüte stand. Unter dieser versteckt, entdeckte sie noch ein blaues Satinschächtelchen, in dem sich, passend zu ihrer Kette, noch ein paar Ohrringe verbargen. Des Weiteren lag dem kleinen Paket noch ein kurzen Brief bei, den sie sich als Erstes vornahm.
Meine liebe Hermione,
ich hoffe, du kannst mir meinen plötzlichen Aufbruch heute Morgen verzeihen, doch ich konnte nicht länger bleiben, so sehr ich es mir auch gewünscht habe.
Du sollst wissen, dass du mir mit diesem Abend, den ich mit dir verbringen durfte, ein unvergessliches Geschenk gemacht hast, weswegen ich dir etwas überlassen möchte, was dich immer daran erinnert.
So habe ich mir als Erkennungszeichen bewusst eine weiße Rose gewählt, da sie dich, in meinen Augen, perfekt widerspiegelt. Schön wie auch zart. In ihrem Weiß rein und unschuldig, aber dennoch mächtig in ihrer Erscheinung. Eine Königin unter den Blumen. Einzigartig wie du für mich.
Ich schicke dir diese Rose, die noch etwas Besonderes in sich birgt. Ich habe sie mit einem Zauber belegt, der dir verrät, wann immer du meine Gedanken in Anspruch nimmst, denn dann wird sie blühen. Sie wird blühen und leben, solange wie mein Herz für dich schlägt.
Ich weiß, das klingt furchtbar kitschig, entspricht aber dennoch der Wahrheit. Der Gedanke an dich, wie auch das, was du mir am vergangenen Abend, mehr noch heute Morgen, geschenkt hast, gibt mir Kraft für die Dinge, die kommen. Es gibt mir die Hoffnung, dich irgendwann wiederzusehen und in den Armen halten zu können, um dich nie mehr loslassen zu müssen.
Ich sehne diesen Tag seit heute Morgen mehr denn je herbei, der hoffentlich nicht so lange auf sich warten lässt, denn ich will dich nicht warten lassen.
In Liebe, Ben
P.S. Bitte pass auf dich und dein Herz auf, denn damit schlägt auch meins.
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Mittwoch, 24.05.
Hau mich ruhig.
Tom Felton zu Emma Watson bei den Dreharbeiten zur Schlagszene im dritten Harry-Potter-Film